Sonntag, 11. Dezember 2011
auf du und du
es ist ein merkwürdiges gefühl, mehrere tage mit der ehemaligen ersten großen liebe in einer wohnung zu verbringen. die ambivalenz der emotionen im vorfeld war beträchtlich. mein ex ist mir relativ fremd, aber nicht fremd als mann, sondern als mensch. zum einen weil er eine sehr statische person ist und ich mich selbst in den letzten 13 jahren immens verändert habe. zum anderen dadurch, dass die rollen andere geworden sind.

doch es lief besser als gedacht. am freitag nach seiner ankunft gingen wir erstmal essen. da petrus sich von seiner ungnädigen seite zeigte, ich von der arbeit und mein besuch von seiner langen und aufgrund der unwetterlage eher beschwerlichen anreise erschöpft waren, verzichteten wir auf ausgehen und gingen relativ früh schlafen. ich konnte zunächst schwer einschlafen, da es zu seltsam war, diesen fremden und ausgesprochen vertrauten menschen auf der anderen seite der wand liegen zu wissen. ich versuchte mich mit dem gedanken zu entspannen, dass ich ja auch schon das objekt beherbergt hatte, dem ich aufgrund seiner unschönen gewohnheiten wesentlich mehr misstrauen entgegenbrachte. aber so war es wohl doch etwas anderes, als pheromontrunken und nackt aneinandergeschmiegt einzuschlummern.

am samstag verschlief ich gnadenlos. mein ex, der auch am wochenende spätestens um acht aufsteht, war längst unterwegs und trotzte bei einem innenstadt-bummel schnee und regen. ich fand es höchst rücksichtsvoll, dass er mich nicht geweckt hatte. also brachte ich meine wäsche weg und kaufte ein, bis wir dann ziemlich gleichzeitig vor der tür standen.

wir gingen wieder essen. ich stellte fest, dass mein ex noch immer geistreich und witzig war. anders als sonst ließ er sich zu keinen miesen bemerkungen über andere (= meist mich ) hinreißen. trotz statik im leben also eine weiterentwicklung.
mein ex erzählte auch von seiner tochter, die inzwischen eine junge dame war und ausziehen wollte. trotzdem verstünden sie sich gut, meinte mein ex, und sie würde ihm alles erzählen, von abenteuern mit jungs mal abgesehen.

als wir fertig waren, zahlte mein ex die gemeinsame rechnung. das war ebenfalls ein novum. sogar als ich noch schülerin war, hatten wir rechnungen immer ganz peinlich genau geteilt. mein ex ist kein krösus, aber immer noch in sicherer position im selben unternehmen wie vor 13 jahren.
"ist dir das nicht langweilig", fragte ich.
"naja, die aufgaben sind immer dieselben, von daher ist das nicht so spannend... aber die atmosphäre da stimmt einfach und die kollegen sind so unglaublich nett."
"das zählt natürlich viel", erwiderte ich. "das ist bei mir ja ähnlich."
"mal abgesehen davon, dass das, was da bei dir passiert, die totale ausbeutung ist."
"tja, der eine ist die taube, der andere das denkmal."
"wie meinste denn das jetzt?"
"naja, die einen scheißen, die anderen werden beschissen."
"du redest immer noch genau so daher wie früher."
"der unterschied ist, dass meine aussagen jetzt mit einem geballten haufen mieser lebenserfahrung gespickt sind."
"du bist für dein alter ein total desillusionierter mensch", fand mein ex.
"na herzlichen dank auch", meinte ich.
"ich meine das jetzt gar nicht mal so negativ", schob mein ex hinterher. "du hast ja auch eine energie, bei der man sich fragt, wo du die herholst. jemand anderes hätte sich in deiner lage vielleicht längst gegen nen baum gefahren."
"ich hab kein auto, das ist der unterschied", lachte ich.
"solange du noch lachen kannst..."
"ja, mein humor hat mir schon oft den arsch vom grundeis gezogen."

nachdem wir uns die bäuche vollgeschlagen hatten, stand das highlight des wochenendes an: das covenant-konzert. es war zwei jahre her, dass ich covenant das letzte mal live gesehen hatte, aber ich hatte die show in mehr als guter erinnerung.
am ort des geschehens trafen wir mr. shyguy, k., die k.-exfreundin und eine weitere bekannte. wir hatten uns zwar zuvor verabredet, doch der ungeheure ansturm der besucher erschwerte das sich-finden. nachdem erst mr. shyguy vorübergehend verschollen war, ging kurz vor konzertbeginn mein ex verloren.

schließlich stand ich mit k., der k-ex und der bekannten auf einer seitentreppe, wo man vor remplern und angeschossenen unkoordinierten getränke-jonglierern einigermaßen geschützt war. mein ex hatte sich bis fast ganz nach vorne gekämpft, um zu tanzen.

auf der treppe kuschelten wir fünf uns aneinander und grinsten vor vorfreude wie die osterhasen. k. hatte zudem stimmungsaufhellende substanzen konsumiert, wie man ihm an der nase noch deutlich ablesen konnte. mr. shyguy machte ihn darauf aufmerksam.
"oh", sagte k. und wischte sich über die nasenflügel.
"jetzt weiß ich auch, was du vorhin so lange auf toilette getrieben hast", kicherte mr. shyguy.
k. lächelte nur und wieder einmal stellte ich fest, wie sehr ich ihn für seine sanfte und zugleich feste art schätzte und mochte.

dann begann das konzert und wir wurden allesamt weggerissen von einem unglaublichen bass und eskils energetischer bühnenpräsenz (wie kann ein mensch nur singen und zugleich so viel hüpfen?). ich bereute es mal wieder, kein anständiges handy (heutzutage nennt das man das vermutlich smartphone) zu besitzen und livetickerartig bilder und mitschnitte auf fratzenbuch einstellen zu können. (wollt ihr die totale kommunikation?!)

eine anderthalbstündige darbietung später schien das koks nicht mehr so gut zu wirken, eskil hüpfte weniger hoch und schien phasenweise ein klein wenig außer atem. mit der phänomenalen und leidenschaftlichen darbietung des uralthits "leiermann" und einigen weiteren zugaben verabschiedeten sich die skandinavier schließlich von uns.

bei konzertende wurden wir von den hinausströmenden massen erneut auseinandergerissen. 50 sms und mehrere halbe nervenzusammenbrüche später hatten wir sechs uns dann im foyer versammelt, rauchten eine und beschlossen einstimmig, nicht länger zu bleiben, sondern nach altona zu wechseln. mein ex wollte nach hause, meinte aber, ich solle ruhig feiern gehen. ich freute mich über so viel unkompliziertheit. anstandshalber brachte ich ihn noch zu u-bahn, während die anderen schon mal weiterzogen. dann begab auch ich mich zur s-bahn.

in der s-bahn stellte ich fest, dass ich in der falschen linie fuhr. ich stieg holstenstraße aus, um den rest zu fuß zu gehen. ein fehler, denn an der holstenstraße standen kontrolleure und sperrten den bahnsteig ab. ich hatte keinen fahrschein, konnte mich aber dank nachtschwarzer gewandung und einer gruppe randalierender, besoffener jugendlicher unauffällig an der kontrolle vorbeischleichen.

im club feierte jemand vom personal geburtstag und gab uns mehrere runden aus. gegen fünf uhr morgens lehnte ich hackedicht an k.s schulter. k. war ebenfalls stark betrunken, aber dank der vorherigen drogenzufuhr klarer als ich.
"du schaffst das nicht mehr bis zum bus", lallte k..
"ich muss!" versuchte ich mich aufzurappeln.
"schlaf doch bei mir", bot k. an.
"nee", schwankte ich.
"du kannst auch auf der couch", verschluckte k. nuschelnd das verb.
"das geht nich, meinex is doch da."
"dasis deim ex doch wurscht wo du schläfz", stammelte k.

eine halbe stunde später wankte ich mit k. in den morgen hinaus. an der unterführung löste ich mich und verabschiedete mich.
"is besser so", nuschelte ich.
"wiedumeinz", sagte k.

der busfahrer grinste unverschämt, als ich lallend mein ticket kaufte. auf der fahrt nickte ich dann mehrfach ein, war aber an der richtigen haltestelle wieder wach. den folgenden 20-minütigen fußmarsch erlebte ich höchst verschwommen, nur der schmerz in füßen, beinen und rücken vom 10-stündigen tanzen und herumstehen auf hohen hacken war omnipräsent und äußerst deutlich.

zuhause fiel ich in mein bett und ratzte, bis mich gegen elf mein ex weckte. wir gingen noch kurz frühstücken. während mein ex einen riesigen teller rührei wegschaufelte, nippte ich an einem kaffee.
"na, kater?" fragte mein ex.
"nee, restalkohol", nuschelte ich.
"du siehst jedenfalls aus, als hättet ihr es gestern noch richtig krachen lassen."
"du nicht", sagte ich lächelnd.

als wir uns verabschiedeten, umarmten wir uns fest und herzlich.
"melde dich mal bei mir, wenn du im süden bist", bat mein ex.
"mach ich", versprach ich.
"na dann..."
"bis bald!"

als ich dem davonbrausenden kleinwagen nachsah, fühlte ich mich ebenso merkwürdig wie vor dem wochenende - irgendwo zwischen bedauern und erleichterung. aber vielleicht sollte ich einfach nur noch eine runde pennen, um meine hirnchemie zu aktualisieren.

... link


Dienstag, 22. November 2011
sisterhood
jemand läuft dem objekt gerade ein wenig den rang ab. nicht in sachen spezifisch-objekt-sein. aber so in sachen ich-denk-an-dich.

es ist nicht die lederjacke. sondern der verheiratete. ich kann nicht anders, endvierziger sind manchmal einfach die besseren.

er ist so offen. er ist so dominant. er sagt sätze wie: "eines tages hol ich dich hier raus." und das prinzessinnen-gefühl steigt ins exorbitante, auch wenn ich zu viel weiß, um noch an die erfüllung eines märchens zu glauben.

er ist keiner, der meine schulter braucht. er hat selber zwei davon, die er mir gefahrlos bietet, weil er weiß, ich benutze ohnehin lieber meine eigenen. aber ich wiederum weiß, seine wären da, wenn ich sie wollte. oder um es mit objekt-worten zu sagen: manchmal zählt einfach die geste.

ich bin ein wenig ratlos, weil etwas in mir begonnen hat, entgegen der reißenden strömung auf diesen menschen zuzuschwimmen. auf diesen menschen, der mich zur schwester möchte, der mir aber zwei minuten später wilde sauereien ins ohr flüstert.

und das alles, ohne mich besitzen zu wollen. er weiß vom objekt und sagt, "nimm es mit, habt spaß, aber benutzt ein kondom." er erzählt von seiner frau, spricht aber bei sätzen mit liebe in der vergangenheit - was ihm übrigens nicht bewusst war, bis ich es ansprach.

wenn ich nach stundenlangen gesprächen den hörer auf station lege, fühle ich mich einsam und geborgen zugleich und frage mich, ob es ihm ähnlich geht.

nächte woche habe ich übrigens ein date mit der lederjacke. der unvernunft zum trotz.

... link


Donnerstag, 17. November 2011
dinner for kloppis oder essen mit überzeugung
nachtessen@altona.
es gibt spaghetti mit tomatensauce. in der sauce schwimmen paprika und etwas weißes, das wie angebratener tofu aussieht.
das objekt schwärmt, wie gut die sauce gelungen sei und haut die teller voll. der sohnemann beginnt sofort zu löffeln. nur paprika mag er nicht, die schiebt er unauffällig an den rand.

ich probiere erst die spaghetti, dann spieße ich was von dem weißen zeug auf und kaue es vorsichtig.
"na?" fragt das objekt. "wie findest dus?"
"soweit ganz lecker. aber was ist das denn, ist das tofu?"
"nee", sagt das objekt und kichert: "tofu, also das wirste bei mir nicht erleben, miss bio."
"was ist das denn dann?"
"wurst", sagt das objekt.

mir fällt die gabel aus der hand.
"das ist ja widerlich, du weißt doch, dass ich kein fleisch esse!" rufe ich entsetzt.
das objekt bleibt ganz ruhig.
"das weiß ich. aber das ist kein fleisch."
"das ist wurst!"
"ja, eben!"
das objekt schaut mich an wie eine kuh wenns donnert.
"heißt das, du magst keine wurst?"
der groschen ist gefallen.
"exakt."
das objekt verdreht die augen und zieht meinen teller zu sich heran.

der lütte hat das gespräch mit großen augen verfolgt.
"warum isst die kein fleisch?" fragt er den papa.
"sag bitte nicht 'die', sondern sag den namen", ist der papa streng. "und wenn du das wissen willst, musst du sie selber fragen."
der kleine wendet sich an mich und fragt schüchtern:
"duhu, warum magst du denn kein fleisch?"
schwierige frage. wie erklärt man das kindgerecht? ich überlege, dann setze ich an:
"naja, zunächst mal schmeckt es mir nicht. und dann, weil... fleisch, also das sind ja tote tiere. tiere, die von menschen umgebracht wurden. ich ess das nicht, weil ich auch nicht wollen würde, dass mich jemand aufschlitzt und umbringt und aufisst, wenn es genug gibt, was man auch so essen kann. das ist meine überzeugung."
der lütte nickt eifrig und fragt dann weiter:
"was ist überzeugung?"
"das sagt man, wenn man fest an was glaubt, es aber nur eine meinung ist."
der lütte ist verwirrt. ich muss ein beispiel bringen.
"also eine überzeugung ist zum beispiel, wenn du sagst, st. pauli ist toll. es gibt sicher ganz viel, was an st. pauli tatsächlich unheimlich toll ist, aber jemand anderes findet vielleicht trotzdem den hsv besser."
das war kein heldenhaftes beispiel, aber nunja, der kleine scheint zu begreifen und nickt.

dann essen wir zu ende. das objekt erbarmt sich meiner portion, ich esse nur spaghetti auf einem sauberen, neuen teller.
der lütte mampft nudeln, sauce und wurst weg, hat aber am ende alle paprika an den rand aussortiert.
der papa runzelt die stirn und blafft:
"was soll das denn jetzt?"
der kleine guckt betreten und verzieht in erwartung eines anschisses weinerlich das gesicht. sofort schlägt das objekt eine andere tonlage an und fragt ganz sanft:
"warum willst du denn die paprikastückchen nicht essen?"
der kleine legt die gabel zur seite und sagt dann ganz leise:
"weil, das ist ja totes gemüse dann. und das ist nicht toll, das ist meine überzeugung."

das objekt sieht mich an und sagt erstmal nichts. ich versuche das lachen zu unterdrücken, doch es gelingt mir nicht. dann steht das objekt auf und schlägt die stirn gegen die schlafzimmertür.
"hilfe! ich bin der einzige mensch ohne essstörung in diesem haushalt!" ruft es laut.
dann grinst es und nimmt erst den kleinen, dann mich in den arm:
"ihr macht das schon richtig. ihr seid eben freigeister."
"was ist freigeister?" fragt der kleine.
"menschen mit eigenen überzeugungen", sagen das objekt und ich wie aus einem mund.

... link


Dienstag, 15. November 2011
dem kind einen namen geben
der treffende ausdruck für mein liebesleben fiel eben im gespräch: psycho-tourismus.

muss ich bestimmt noch bis morgen früh drüber grinsen.

... link


Sonntag, 13. November 2011
is this your girl-friend?
die gestrige party war die after-show-party von kmfdm. ein konzert, das ich für die lesung freiwillig verpasst hatte, weil ich kmfdm zwar mag, aber eher als hintergrund- denn aktiv-zuhör-musik.

als ich ankam, war die tanzfläche relativ leer, da sich die bandmitglieder im raucherraum befanden, wo sie inmitten einer gruppe von groupies gewissermaßen unsichtbar waren. einer meiner bekannten war ebenfalls da und saß ein stück weit entfernt vom großen haufen an der bar. da ich ungern loveparade-artig niedergetrampelt werde, wählte ich den freien hocker neben meinem bekannten und bestellte erstmal ein getränk. mein bekannter begann, mir ein ohr abzuschwallern, da er seit einigen wochen der ansicht ist, dass ich die frau seines lebens bin und wir aufgrund unserer drei gemeinsamkeiten - die vorliebe für den club, brutale horrorfilme und abartige sexuelle fantasien - dringend heiraten sollten.

plötzlich lichtete sich der groupie-haufen und die bandmitglieder strebten richtung bar. mein bekannter, der eine alte labertasche und selbst musiker ist, verwickelte sofort zwei der jungs in ein fachliches gespräch. ich schwieg, da ich mich für mein schlechtes schulenglisch schämte und guckte in mein glas.

plötzlich bemerkte ich, dass ich gesprächsthema war.
"is she your girl-friend?", fragte der eine typ mit dem iro und den vielen tätowierungen.
"no", sagte mein bekannter. "this is my wife."
"hey!"
ich schubste meinen bekannten und er kippte lachend vom hocker.
"he´s kidding", sagte der tattoo-mann und guckte mich an.
"yes", stotterte ich.
"nice to meet you", sagte der tattoomann dann. "you´re very beautiful."
"äh, thank you."
er küsste meine hand und sah mich lange, lange an. dann berührte er mit zwei finger meinen hals, meine schultern und meine wangen.
"oh my god, you´re such a beautiful thing. your eyes, your lips, you hair!"
ich schwieg verlegen und freute mich, dass ich zu viel make-up im gesicht hatte, um sichtbar rot zu werden.
inzwischen hatte sich auch der rest der band der band um mich gedrängt und beäugte mich wie ein zootier.
"oh yeah, she´s beautiful", begannen nun auch zwei andere.
ich sagte nichts und trank lieber schnell mein glas leer.

die situation war unglaublich peinlich und schmeichelhaft zugleich. im hintergrund standen die groupies und glotzten böse.
der tattoo-mann nahm mir das leere glas weg und ließ es neu befüllen. dann bestellte er eine runde für sich, seine jungs und meinen bekannten.
"and she really isn´t your girl-friend?", sicherte sich der tattoo-mann noch mal bei meinem bekannten ab.
"unfortunately not", sagte der. ich stieß ihm den ellenbogen in die rippen.
wir tranken zusammen, dann fragte der tattoo-mann nach meinem namen. zwei augenblicke später küsste er mich. und mein lieber scholli, der kuss war nicht von schlechten eltern.

im hintergrund stand einer der clubgäste, glotzte und machte beifall-geräusche.
der tattoo-mann ließ mich los und sagte grimmig:
"is she your girl-friend?"
der gast schüttelte irritiert den kopf.
"then fuck off", sagte der tattoo-mann.
der gast hob beschwichtigend die hände und verkrümelte sich.
ich war für einen augenblick froh, dass das objekt nicht da war. das hätte sonst am ende wieder die fäuste ausgepackt. und ich dankte gott auf knien, dass der architekt ebenfalls nicht da war. denn dann hätte ich meine beziehungspläne in die tonne treten können.

wir verloren ein wenig das gefühl für zeit und raum. als wir das nächste mal aufsahen, waren die anderen bandmitglieder und auch die groupies verschwunden.
"oh fuck", sagte der tattoo-mann.
dann stürmte eine frau mit blauen haaren den raum und kreischte:
"come on, come on, you´re missing the bus!"
"oh fuck", sagte der tattoo-mann noch mal. "i have to leave!"
dann sah er mich an: "don´t you wannna come with us?"
ich lachte: "no. i have to go to work on monday."
der tattoo-mann nahm mich an der hand zog mich dennoch mit nach draußen, um sich zu verabschieden.

um den tour bus herum standen die groupies bei den anderen bandmitgliedern.
einer der jungs kam zum tattoo-mann und knuffte ihn in die seite.
"tell me, is she your girl-friend now?"
der tattoo-mann schubste seinen kollegen und lachte:
"no, she is my wife!"
dann küsste er mich zum abschied.
"i will never forget you", sagte er.
"you will, i´m sure", sagte ich.
"no", sagte er. "maybe you will, but i won´t."
hach, wie romantisch. wüsste ich es nicht besser, ich wäre beeindruckt gewesen.

der rest der band verabschiedete sich per handschlag und umarmung, dann bestiegen sie den bus und fuhren in die nacht.

ich stürmte die tanzfläche und blieb dort, bis der morgen dämmerte.

... link


wider dem alltag
schöne lesung. ja doch. überrascht gewesen, wie unglaublich lustig isabo schreiben kann. meine (hack)fresse. der rest war auch nicht schlecht. nur am white russian müssen die dringend noch arbeiten. the big lebowsky wäre not amused gewesen.

später auf party vom schlagzeuger von kmfdm geknutscht worden. promi-knutschen. dass man dafür 30 werden muss! und einen heiratsantrag hab ich auch noch bekommen. na gut, das hatten wir schon ein paar mal.

fazit des abends: frau sollte viel öfter unter menschen gehen. solange man ihnen nicht vertraut, können die ganz amüsant sein.

... link


Freitag, 11. November 2011
somebody´s calling
gestern rief ein exfreund von mir an. die erste große liebe. und fragte nach vielen vielen monaten der funkstille, ob er mal vorbeikommen und bei mir übernachten dürfe. und sagte dann, dass ich ja in sachen liebe immer noch seine rekordhalterin sei.
ich wollte ja nicht erwidern: damals war ich halt noch jung und dumm. (denn zumindest an einer der beiden tatsachen hat sich ja nicht so schrecklich viel geändert.) also blieb ich stumm und weidete mich an meiner verblüffung.
die übernachtungsanfrage fand ich allerdings so kurios witzig, dass ich zum ende des gesprächs meinte, na dann von mir aus, komm vorbei.

zwischendrin klingelte das handy. das objekt. ich rief zurück.
"ich will meine sachen holen", sagte ich kurz.
"warum das denn", fragte das objekt.
"weil ich dringend meine schnittpunkte mit dir reduzieren muss."
"muss ich das verstehen", fragte das objekt.
"das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal."
"ich hab aber jetzt keine zeit", meinte das objekt.
"schon klar. geht ja auch nur um meine bedürfnisse."
"morphine, ich hab das gefühl, du weißt gerade nicht, was du willst."
"ich weiß gerade sehr gut, was ich nicht will."
"sag mal, was soll das denn?"
"kein thema fürs telefon. wenn dus wissen willst, nimm dir eine halbe stunde zeit. sonst nicht."

als das objekt auflegte, merkte ich, dass mir nach ewigkeiten endlich mal wieder die tränen kamen.

just als ich schön am schniefen war, rief ein anderer mann an. kollege eines anderen exfreundes, verheiratet, zwei kinder. und gerade dabei, mich in zweideutigkeiten zu verwickeln.
"süße, bist du erkältet", fragte er.
"nein, ich heule", sagte ich gerade heraus, weil mir im grunde danach war, mich an seiner breiten väterlichen brust anzulehnen und ein paar streicheleinheiten abzugreifen.
der mann war bestürzt und wollte wissen, was los sei.
für einen moment war ich drauf und dran, mit der ganzen unsäglichen geschichte herauszuplatzen. aber erstens war die zu verwirrend für außenstehende. zweitens war ich noch nicht fertig mit der angelegenheit. und drittens war der mann selbst gerade eher in kummervoller stimmung, weil er probleme mit seiner frau hatte und ausgezogen war. und viertens war das sowieso das letzte, was ihn interessiere musste.
ich suchte nach einer ausrede.
"mein ex hat gerade angerufen."
"und deshalb weinst du?"
"das war meine erste große liebe, weißt du. und eigentlich hab ich mich auch gefreut."
das klang zwar nicht plausibel, aber vielleicht konnte ich hinzufügen, dass das ich gerade meine tage bekam und an pms litt? allerdings hatte ich meine tage schon eine weile nicht mehr gehabt und musste dringend einen schwangerschaftstest machen. aber, ach, das war ja noch viel besser!

"und außerdem hab ich meine tage nicht gekriegt", fügte ich zusammenhanglos hinzu.
stille in der leitung.
dann sagte der mann:
"weißt du was ich glaube? du bist doch nicht normal. du bist doch vollkommen durchgeknallt."
ich sagte nichts.
"aber weißt du was", meinte der mann dann noch mal. "das finde ich total sexy."
ich musste kichern. und spürte eine zarte wärme zur herzarktis hinkriechen.
"schön, wenn du lachst. kriegt man dich so leicht zum lachen?" fragte der mann.
"ich bin ein konglomerat ineinander stürzender emotionen. meine stimmung kann sich im sekundentakt um 180 grad verändern."
der mann lachte wieder.
"herrlich", fand er.
"das ist total anstrengend", gab ich zurück. "für mich und für andere auch."
"glaub ich nicht!" lachte der mann wieder.

was für ein warmes, tiefes lachen. der hatte keine herzarktis. der hatte einen brunnen dort, wie es klang. einen mit ganz klarem wasser darin, das gluckste, wenn man ein steinchen warf.
"ich muss jetzt schlafen", sagte ich der verwirrung wegen.
"ich muss schon gleich wieder aufstehen", sagte der mann.
"ich ja auch."
"wann denn?"
"um sieben."
"ich ums sechs."
"na dann. träum schön."
"du auch, süße."

und als nur noch stille aus dem hörer drang, rollte ich mich ein und träumte einen traum, in dem ich nicht alleine war.

... link


Mittwoch, 9. November 2011
und sonst so?
[ ] <- aktuelles seelenleben


menschen sind so leicht zu durchschauen. das ist so langweilig.

alles lässt sich auf eigeninteresse reduzieren. auf nützlichkeiten. kleine widerliche opportunistenschweine. überall. im job und privat genauso.

ich bin raus. lass mich durch die schallmauer fallen und bin weg.

... link


Sonntag, 6. November 2011
fightclub
ich hatte seit über einer woche nichts mehr vom architekten gehört und innerlich schon einen halben haken an die sache gesetzt. man will sich ja nicht zu lange mit unnützer hoffnung aufhalten. hope kills. ich hasse hoffnung. ich habe der hoffnung abgeschworen. klappt hervorragend, sofern sich die sehnsucht nicht dazwischen schiebt.

nach dem desaströsen freitag verbrachte ich den samstag in seelischer katatonie, sprich vor mich hinstarrend im bett. passiert mir ab und an. einmal stand ich auf und brachte wäsche zum waschsalon. ich saß 43 minuten lang neben einem papa mit kind auf der weißen bank und guckte in die routierende trommel. das kind hatte sich bei seinem papa im schoß zusammengerollt und guckte mich fragend an. kinder spüren, wenn man traurig ist. und ich war traurig und mental so schlaff und widerstandslos wie das bündel warmer feuchter wäsche, das ich irgendwann aus der maschine zog.

gegen abend versuchte ich meine stimmung noch einmal richtung vorfreude zu lenken. ich nahm mir zeit und wählte für den club eines meiner lieblingsoutfits, in dem ich, wie meine mama immer sagt, wie eine domina aussehe. streng, findet sie, elegant, sage ich.

im club war zunächst niemand meiner freunde. es war schon gleich zwei, die wahrscheinlichkeit, dass noch jemand nettes kommen würde, war gering.
ich traf einen meiner lästigsten verehrer, den ich schon grob unfreundlich behandle, der aber immer noch nicht locker lässt. im grunde tut er mir immer ein bisschen leid, aber die restliche zeit stehe ich immer kurz davor, meine zigarette in seinem gesicht auszudrücken.
auch diesmal pflanzte er sich ungefragt neben mich, stellte maximale körpernähe her und begann dann die musik zu kommentieren:
"oh, hör mal, geiles lied... was denkst du, wenn du so ne musik hörst? aaaaah, ich weiß schon, bestimmt hast du dabei wilde sexuelle fantasien... da wär ich ja gerne mal gast in deinem kopf!"
ich machte, dass ich wegkam.

auf der flucht nach vorne rannte ich dann auf einmal dem objekt in die arme. es war offenbar gerade angekommen und trug noch den dicken schwarzen mantel. es fing mich ab, zog mich an sich, hob mich hoch und bedeckte mein gesicht mit kleinen küssen.
"du bist aber gut drauf", wunderte ich mich.
das objekt strahlte mich an.
"komm", sagte es und dirigierte mich richtung sofa.
"du trägst ja die haare offen", bemerkte ich, als wir saßen.
"riech mal", sagte das objekt und hielt seine kupferrote mähne in mein gesicht.
es duftete nicht nach dem süßen apfelshampoo seines lütten wie sonst immer. vielmehr nach friseur.
"was ist das?"
ds objekt grinste:
"haarkur."
"du mädchen. warum nimmst du denn haarkur?"
"ich finde, das duftet enorm gut."
"du spinnst ja."
"findest du, dass das nicht gut riecht?"
das objekt schaute enttäuscht.
"jetzt sei nicht gleich muggsch. klar riecht das gut, aber halt anders als sonst. es unterdrückt so ein bisschen deine testosteronwolke, die dich sonst umgibt."
"heißt das, ich bin weniger männlich? weniger attraktiv für frauen?"
"ein bisschen."
das objekt puffte mich und sah mich aus zusammengekniffenen funkelnd grünen augen an. dann kuschelte es sich an meine schulter.

so saßen wir, bis ich auf einmal von weitem den architekten entdeckte.
"ich geh mal tanzen", floh ich vor dem objekt, bevor dieses die zusammenhänge begriff.
ich stolperte dem architekten hinterher, der mich nicht bemerkte, sondern eben freunde begrüßte. ich drehte zwei runden, dann positionierte ich mich in architektennähe, um in seinen aufmerksamkeitsradius zu geraten, ohne ihm auf die schulter tippen zu müssen.
irgendwann registierte er mich dann, freute sich offensichtlich und nahm mich in die arme.
"und?" fragte ich, wobei mit der frage alles gemeint war zwischen wie-geht-es-dir und was-macht-der-entscheidungsprozess-für-oder-wider-mich.
"darf ich offen sein?" fragte der architekt.
ich nickte und mir schwante übles.
der architekt hatte angst, stellte sich heraus, dass sich sein autismus nicht einer beziehung verträgt.
"ich mache komische dinge, ich ziehe mich immer mal wieder mehrere tage lang zurück, ich bin manchmal nicht gesellschaftsfähig, weil ich dann menschen nicht ertrage und wenn, dann nur mit viel alkohol... obwohl ich alkohol nicht mag..."
"ist mir schon klar", sagte ich. "ich bin auch sicherlich komisch, und leute sagen mir ständig eine borderline-störung nach, obwohl ich diese aus medizinischer sicht gesehen nicht habe... aber die frage lautet ja, bringen wir den mut auf, auf all das zu scheißen?"
"ich weiß nicht, was meinst du?"
himmel, schon wieder jemand, der einen piloten braucht, dachte ich.
"ich mag dich, ich will dich kennenlernen", versuchte ich stellung zu beziehen. "ich kann das aber nicht, indem wir uns zufällig hier über den weg laufen. ich will zeit mir dir verbringen, um zu sehen, ob es funktionieren könnte. und dann, denke ich, wird sich das alles finden. ich bin sprungbereit, aber ich springe nur, wenn du mitspringst."
so, klarer geht nicht, klopfte ich mir auf die schulter.
"wenn du noch mehr zeit brauchst zum nachdenken, dann nimm sie dir", schob ich hinterher. "ich bin selber total langsam mit meinen gefühlen, also don´t be shy."
der architekt fand das angebot großartig. er kam näher und lehnte seine wange an meine schulter - die schulter, auf der vorher das objekt seinen schweren kopf abgelegt hatte. kein wunder, dass ich verspannungen hatte.

die situation war nun nicht gerade geklärt, aber das eisen noch im feuer. gut so. doch während wir uns weiter über dies und jenes unterhielten, beschlich mich ein komisches gefühl. als ich kurz aufstand und zur bar ging, um ein neues bier zu holen, verstand ich warum: in der ecke saß das objekt und sah mir nach. als ich wieder saß, spürte ich seine blicke in meinem rücken. der architekt merkte nichts und redete weiter. ich beobachtete das objekt über die spiegelnde verkleidung an der bar. nach und nach schien mir immer deutlicher, dass das objekt stinkeeifersüchtig war.

schließlich kam es zu uns herüber und platzierte sich neben mich. da ich gerade dabei war, eine kleine runde zu schmeißen für den architekten und meinen bekannten, der geburtstag gehabt hatte, fragte ich das objekt, ob es einen tequila mittrinken wollte.
"nein", sagte es grimmig.
der architekt horchte auf, sagte hallo und streckte dem objekt die hand hin. das objekt ließ die rechte in der hosentasche zur faust geballt und sagte nur:
"wir kennen uns schon."
dann legte es seinen arm um mich.
"na, haste heute deine sensible phase", kommentierte ich die pose, bevor ich seine hand nahm und den arm von meinen schultern zerrte.
da verschwand das objekt auf die tanzfläche.

der architekt guckte irritiert.
"der findet dich gut, was."
der architekt war leider nicht blöde. ich rang um worte und gab dann ein entschiedenes "hm" zum besten.
"und findest du ihn auch gut?"
"naja, das ist so mein allerbester freund oder auch allerbeste freundin", versuchte ich die situation zu erklären. "deshalb ist das schon in ordnung, wenn er auch mal körperkontakt auf diese weise sucht."
"das ist der ex von meiner ex l., also seiner kindsmutter", sagte der architekt überflüssigerweise.
"ich weiß", erwiderte ich.
"die hat er ja damals grandios im stich gelassen."
ich sagte nichts.
"interessiert dich das nicht? wenn er dein bester freund ist?" hakte der architekt nach.
ich rückte ein stück ab.
"wenn es da was dazu sagen gibt, würde ich das wenn schon ganz gerne von ihm direkt erfahren und nicht über dritte."
autsch. jetzt guckte der architekt betroffen.
"also was ich meine, ist, dass dreckwäsche von jedem der beteiligten immer anders gewaschen wird und dass ich auf gerüchteküche keinen bock habe", setzte ich nach.
der architekt lächelte.
"du hast prinzipien, oder?"
"manchmal. ich will nicht behaupten, dass ich vor lästereien und anderen niederen instinkten gefeit wäre."
"find ich gut, deine weltanschauung."
"ich auch."

als ich aufstand und auf toilette ging, stand das objekt am ausgang und zog gerade den mantel an. ich haute ihm auf den arsch, und es fuhr herum.
"du wolltest gehen, ohne dich zu verabschieden."
"nein, niemals."
es nahm mich in die arme und drückte mich herzlich nach objektmanier.
"was quatscht du denn die ganze zeit mit dem architekten?"
"dies und jenes."
"auch über mich? gib zu, er hat das vorhin kommentiert."
"er hat nur kurz erwähnt, dass er mit deiner ex zusammen war."
das objekt schnaubte verächtlich.
"ha, zusammen, in seiner beschränkten weltsicht wahrscheinlich. l. hatte doch damals schon längst einen anderen stecher."
"das interessiert mich nicht. sowas kannst du dir bei mir echt sparen."
"tut mir leid."
"tut dir gar nicht leid."
"doch, wirklich, nun sei nicht sauer. ich sag nichts mehr."
es umarmte mich noch mal, dann ging ich zum architekten zurück.

es dauerte jedoch nicht lange, da stand das objekt wieder im raum und schaute sich suchend um.
"ich hab meinen geldbeutel verloren."
allzu viel wird da ja wohl nicht drin gewesen sein, wollte ich schon sagen, riss mich aber zusammen.
als dann die lichter angingen, saß das objekt in der ecke des raumes (wo es uns bestens im blick hatte) und rauchte.
"na, geldbeutel schon gefunden?" fragte ich.
"ja."
"mensch, und das ganz im dunklen", sagte ich. "hast du dein nachtsichtgerät dabei?"
"nein, aber mein handy." das objekt schaute säuerlich, da es meine ironie nicht überhört hatte.

da kam der barkeeper und kehrte uns aus dem club.
"ich bring dich nach hause", sagte der architekt.
"oh, du bist lieb", erwiderte ich.
da nahm der architekt meine hand und führte mich nach draußen. gefühlte zwei zentimeter hinter uns ging das objekt.
kurz bevor ich zum archtekten in den wagen steigen wollte, rief mich das objekt zurück.
"sehen wir uns nächste woche mal?"
nichts anderes hatte ich erwartet.
"du hast meine nummer, ruf mich einfach an", sagte ich.
dann ließ ich mich auf den beifahrersitz sinken und zog die tür zu.
der architekt guckte verwirrt, aber ich mochte nichts mehr erläutern und war froh, als wir endlich in meiner straße ankamen.

wenn das so weiter geht, kann ich nicht mehr in den club gehen.

... link


Samstag, 5. November 2011
wenn es bei vorfreude bleibt
alles wies zunächst darauf hin, dass der gestrige tag ein superangenehmer freitag werden würde.

auf arbeit gab es leichte freitgskost. einen flyer auf fehler überprüfen und mit einer gehässigen germanisten-klugscheißer-mail zurück an den absender schicken. ein interview mit einem geschäftsführer-typi führen, der mich scherzhaft mit einem mir bereits bekannten kosenamen betitulierte. last but not least die ehrenvolle aufgabe übertragen bekommen, ein neues tv-format für das unterschichtenfernsehen zu entwerfen. das freute mich, denn man wächst schließlich nur mit seinen herausforderungen (auch wenn das gehalt nicht mitwächst), und vielleicht konnte ich ja beiläufig ein wenig intellekt in die sendung einstreuen und so deutschland vor dem geistigen kollaps retten.

mittags machte ich meinen schreibtisch ordentlich, wischte den bildschirm meines macs sauber und stieg in den mantel. den unerledigten nervigen kleinscheiß delegierte ich fix an meine untergebenen (ich bin visionärin, ich kann nichts anders), dann winkte ich der chefin, die ich die nächsten wochen vertreten musste und wollte hinaushuschen. doch die chefin rief mich zurück. ich möge einen augenblick warten. gut, ich bin ja nicht so.

der augenblick begann sich hefekuchenartig auf eine halbe stunde aufzublähen. ich ärgerte mich. dann klopfte ich am zimmer meiner chefin, um darauf aufmerksam zu machen, dass ich noch da war. die chefin führte gerade unüberhörbar ein privatgespräch und verfluchte ihren gesprächparter mit deftigen kraftausdrücken. endlich wurde ich hereingerufen und hörte mir ein chaotisches briefing für eine angeblich superdringliche sache an, die ich am besten jetzt sofort beginnen sollte, obwohl ich nun eigentlich frei hatte.

"aber der ansprechpartner ist doch ohnehin erst am mittwoch da, wieso sollten wir jetzt so übereilt starten?" fragte ich zurück.
meine chefin sah mich perplex an:
"ja, da haste eigentlich recht. gut, dann gehste jetzt nach hause und hast ein schönes wochenende."
fast eine stunde lebenszeit verschwendet, toll.

die stimmung hatte leichte schieflage bekommen, aber zuhause kündigte ein paketschein an, dass mein neuer wollmantel angekommen war. ich hatte glück, die nachbarin, die das päckchen angenommen hatte, war zuhause. in der wohnung fetzte ich das paket auf und freute mich riesig: der mantel war wunderschön und passte von vorne betrachtet perfekt. bis ich mich dann seitlich drehte und feststellte, dass das gute stück so betrachtet absolut fürchterlich geschnitten war. ich sah aus wie im neunten monat schwanger.

es war inzwischen 17 uhr. also den mantel wieder fix eingepackt und ab zur post. je früher das ding zurück war, desto eher bekam ich mein geld wieder.

vor meiner postfiliale war gähnende leere. ich jubelte innerlich, denn normalerweise reichte die schlange um die uhrzeit bis zur tür. als sich die schiebetüren nicht öffnen wollte, schwante mir allerdings übles. ein schild bestätigte meine befürchtung: die filiale war wegen einer betriebsversammlung schon seit 13 uhr geschlossen. das schild wies mich freundlich darauf hin, dass ich eine andere filiale aufsuchen möge, gab allerdings nicht preis, wo sich die nächstgelegene befinden könnte.

ich fuhr nach hause, guckte im internet auf der seite der post nach einer filiale in der nähe und fuhr wieder los. als ich dann mein rad vor der alternativ-filiale parkte, sah ich, wie eine angestellte eben dabei war, die tür zu schließen.
ich sah auf die uhr. es war drei minuten vor 18 uhr. also fasste ich mir ein herz und klopfte. die angestellte machte eine handbewegung, als wolle sie eine lästige schmeißfliege vertreiben.
"hören sie, es ist noch nicht 18 uhr!" rief ich durch die scheibe. die angestellte hatte mich sicherlich gehört, zog aber nur rigide den vorhang vor. ich kochte vor wut und musste mich davon abhalten, nicht gegen die scheibe zu treten. doch es half alles nichts. ich musste unverrichteter dinge wieder nach hause fahren.

zuhause schrubbte ich miesgelaunt die wohnung. dann klingelte das telefon. ich hoffte, es möge eine freundin sein, die mich heute abend beim ausgehen begleiten wollte. doch es war ein kunde, der anmerkungen zu meiner arbeit hatte. fast eine stunde lang erklärte ich ihm mit einer affengeduld, warum dies und das so und nicht anders ginge. er war einsichtig, bat mich dann aber, ein "kleines unternehmensprofil" durchzusehen, das er eigentlich jetzt gleich verschicken wollte. so, wie es klang, rechnete ich mit einem zeitaufwand von zehn minuten und beschloss, dass ich die leistung nicht berechnen würde, da der klient ein recht guter und regelmäßiger kunde war. der kunde freute sich sehr über mein entgegenkommen und schrieb mir gleich eine e-mail.

fünf minuten später war das dokument in meinem postfach gelandet. als ich es öffnete, erwartete mich eine 36-seitige powerpoint-präsentation, in der es, wie ich sofort sah, vor fehlern nur so wimmelte. gut, vertrauen kann nicht hart genug bestraft werden. ich kalkulierte hart zwei minuten pro seite und schaffte es dann tatsächlich, die präsenation in einer guten stunde durchzukorrigieren.

inzwischen war es halb zehn. ich war hundemüde, hatte aber noch nicht eingekauft und nicht gegessen. also schnell noch zum supermarkt hetzen, convenience food ist so dankbar, dann wieder zurück, essen, abspülen aufräumen. anschließend war ich gefühlt tot.

also beschloss ich, mich für eine stunde aufs ohr zu hauen, bevor ich ins nachtleben startete. 'ich muss den wecker stellen', dachte ich noch, als mein kopf das kissen berührte, dann war ich bereits im land der träume. ich träumte wild von der objektgespielin, die mir böses wollte und wachte dann erschreckt auf. jetzt aber aufgestanden, dachte ich. schön duschen, anziehen, aufbrezeln und los.

ein blick auf die uhr belehrte mich jedoch eines besseren: es war bereits kurz nach drei. ich hatte schon fast vier stunden geschlafen. bis ich ausgehfertig sein konnte, würde es sicherlich vier sein. bis auf zwei, drei technoclus, die auf den drogenkonsum ihrer klientel zählten, machten die läden hier jedoch alle so gegen sechs dicht.

ich starrte angestrengt ins dunkel, spürte aufsteigende nackenschmerzen und beschloss dann, einfach weiterzuschlafen. wenigstens der nacken würde es mir danken.

... link