Freitag, 20. Januar 2012
it´s k. sin
durch den regen, durch die nacht.

ich treffe k. an der unterführung, wo wir uns schon im sommer begegnet waren. ich bin nervös, doch als k. ankommt, sehe ich auch auf seinem gesicht eine gewisse anspannung. keiner lächelt, keiner will der erste sein, der küsst. ein profanes hallo, das schnell in die verlegene frage mündet, wohin jetzt, wonach ist dir, worauf hast du bock. die antwortmöglichkeiten werden eingeschränkt durch die allgemeine überfüllung, die donnerstags in den kneipen herrscht, da die temperaturen nun doch gesunken sind und tische und stühle draußen fehlen.

dann sitzen wir in einer lokalität dritter wahl und gucken verlegen, bis uns der kellner zwei wodka red bull bringt. es ist sehr viel eis in den gläsern, aber der alkohol entfacht ein feuer und taut uns auf und k. erzählt von seiner kindheit auf dem dorf vor den toren hamburgs, seiner arbeit und seiner liebe zu london.
irgendwann hält k. inne und guckt wieder und beginnt so schön zu lächeln, bis sein sonst so ernstes gesicht strahlt, und da greife ich seine hand, die auf dem tisch neben dem glas mit den geschmolzenen eiswürfeln liegt, beuge mich über den tisch und küsse ihn.
wir sehen einander wieder lange an, grinsen wie die osterhasen, bis k. mein gesicht mit beiden händen zu sich zieht und mich zurückküsst.

"versprichst du mir was", sagt k.
"was denn", frage ich zurück.
k. sieht sich vorsichtig um.
"dass du in diesem laden nie was isst."
ich stutze.
"wieso das denn?"
"der kellner hat eben in den salat geniest."
ich muss lachen.
"dann lass uns doch noch woanders hingehen."

wir wechseln die lokation und tanken caipirinhas. dann sind wir blau und knutschen hemmungslos. wir haben den letzten platz auf der fensterbank, zwischen kissen, decken und jacken. es ist laut und warm. alles verschwimmt zu einer süßen wolke aus atemluft, rohrzuckerresten im glas und nebel im kopf. als k. das nächste mal dazu kommt, luft zu holen, sagt er:
"ich rufe uns ein taxi, kommst du mit zu mir?"
das lasse ich mich nicht zweimal fragen.

auf der rückbank des taxis steckt mir k. die hand in den schlüpfer. ähnlich wie das objekt mit seinen spontanen kurzübergriffen bringt er mich innerhalb von sekunden zum orgasmus. der taxifahrer grinst in den rückspiegel. ich bin voll, ich bin geil, es ist mir egal, ob sich der taxifahrer gleich einen auf uns runterholen geht.

wir stolpern in k.s wohnung und zerren uns die kleider vom leib. dann vögeln wir uns im schein von drei kerzen auf dem schwarzen teppich im wohnzimmer die seelen aus den leibern.
wieder bin ich überrascht, dass sich unsere neigungen und anwandlungen so gut ergänzen. das war mir im objektverblendeten sommer gar nicht richtig aufgefallen. ich fühle mich ganz da, ganz nah dran. k.s blick ist schattig, durchdringend und zugleich gefangen in erregung, seine berührungen mal rau und heftig, dann wieder zart. wir sind beide switcher, genießen hingebungsvolle liebkosungen ebenso wie den aggressiven rausch.

erst gegen drei liegen wir in k.s kaltem bett.
"wann musst du morgen aufstehen?" will k. wissen.
"so gegen sieben, und du?"
"neun."
fast alle meine liebhaber liegen morgens, wenn ich ins büro renne, noch im bett und können weiterschlafen, weil sie spät zu arbeiten anfangen, schichtdienst haben oder die vorlesung schwänzen können. ich finde das ausgesprochen gemein.

ich schlafe sofort ein. k. schnarcht leise, doch es weckt mich nicht. hin und wieder wacht einer auf, weil der andere sich dreht. wie schon die nächte zuvor schlafen wir eng umschlungen, was mich wider erwarten kein bisschen nervt.

k. bemerkt nicht, dass mein wecker klingelt, ich in rock und bluse schlüpfe und mich für die arbeit fertig mache. erst als ich auf dem bett sitze, um mich zu verabschieden, wird er wach. er zieht mich an sich und sagt dann unvermittelt:
"ich will aber keine feste beziehung."
ich muss lachen.
"hab ich irgendwas dahingehend gesagt?"
"nein, aber du weißt ja... ich hab erst neun jahre hinter mir."
"keine sorge. ich bin kein mensch, der fünf tage die woche mit dir zusammenglucken will."
außerdem ginge das auch nicht, weil da noch ein anderer mann ist, ergänze ich im geiste.
"ich mag dich trotzdem unheimlich gerne", fährt k. fort, "ich genieße deine nähe wahnsinnig. und du weißt auch, dass ich sonst nicht der typ bin, der rumfickt."
genau dafür liebe ich dich.

ich erhebe mich mit schweren knochen und leichtem herzen:
"ich muss los."
"ja. ich stehe jetzt auch auf."
k. bringt mich noch zur tür, ein letzter kuss, dann renne ich zur s-bahn. der alltag kriegt mich jedoch noch lange nicht wieder.


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Sonntag, 15. Januar 2012
special k., klappe II
man trifft sich bekanntlich immer mehrmals im leben. k. ist dabei stets für eine überraschung gut.

nachdem der freitag recht unspektakulär verlief und ich frühzeitig im bett war, um 12 stunden am stück zu schlafen, war der samstag deutlich aufregender.

alles fing damit an, dass ich spontan eine jacke für 70 euro kaufte. 70-euro-klamotten kaufe ich sonst nur, wenn ich a) nicht auf haushaltsgeräte oder zahnkronen spare, b) vier wochen um das objekt der begierde herumschleiche und es mir dabei jedesmal begehrenswerter erscheint und c) es definitiv in den nächsten wochen nicht reduziert zu haben sein wird. kurzum, die zeichen standen auf großzügigkeit.

am abend dann rief mr. shyguy an, ob ich in den club gehen wolle und ob wir uns vorher träfen. ich sagte zu. mr. shyguy meinte daraufhin, er sei so gegen mitternacht bei mir.

mitternacht, kein mr. shyguy in sicht. ich schickte eine sms: wo bleibst du? kurze zeit später bekam ich eine rückmeldung. es stellte sich heraus, dass mr. shyguy gerade ein date gehabt und die zeit vergessen hatte. das date war am anderen ende von hamburg, aber mr. shyguy meinte, er würde mich trotzdem abholen. um eins sei er spätestens da.

ein uhr, kein mr. shyguy. acht minuten nach eins klingelte das telefon. mr. shyguy war dran.
"ey, du musst mir mal helfen. ich bin hier irgendwo, wo ich noch nie war und hab keine ahnung, wie ich zu dir komme."
mithilfe von g.oogle maps lotste ich mr. shyguy vom bakenhafen bis zu mir.

um viertel vor zwei saß ich endlich im auto. dann klingelte mein handy. k. war dran.
"hey, ich bin breit, kommt ihr vor dem club noch vorbei und nehmt mich mit?"
man muss dazu wissen, dass k. ungefähr 200 meter vom club entfernt wohnt und diese ansage daher deutlich den pegel widerspiegelte.
"oh gott, jetzt wird das noch später", murmelte mr. shyguy.
"selber schuld, hätteste eben schneller vögeln müssen."
"mann, ich hab die nicht gevögelt, die ist erst 20."
"um so schlimmer! das hast du dir entgehen lassen?!"
"ey, wenn die sich in mich verliebt, hab ich die an der backe!"
"unternehmerrisiko."
mr. shyguy grinste:
"freches stück, du."

um kurz nach zwei schlugen wir endlich bei k. auf. dann wankten wir zu dritt zum club.
am eingang bezahlte k. für mich mit. das war mir peinlich und unangemessen, aber sehr lieb, wie ich fand.

obwohl wir uns vorgefreut hatten, war drinnen leidergottes tote hose. die gegenveranstaltung hatte diesmal deutlich die mehrheit der leute abgezogen. dafür war endlich mal platz zum tanzen.
gegen fünf wurde die musik immer schlechter. ich war zwischenzeitlich nach drei drinks ziemlich blau, k. wieder nüchterner.
"sag mal, willst du jetzt wirklich noch mit dem bus fahren?" fragte er.
"hmmmmmm", sagte ich nuschelig.
mr. shyguy feixte:
"du lallst auch schon richtig."
ich schwieg beschämt.
k. erbot sich:
"du kannst auch bei mir schlafen."
mr. shyguy lachte:
"du kannst auch bei MIR schlafen."
"nä, du wohnnsuu weit wech", antwortete ich mr. shyguy.

ergebnis der diskussion war, dass ich gegen halb sechs von k. fest untergeärmelt aus dem club gezerrt wurde.
dann saß ich bei k. auf der couch und bekam eine cola.
"spinnsu, da kannch doch nich schlafn, da is doch kofffffin drin."
"dann hast du morgen aber einen kater."
"ja, vati."
k. lächelte und setzte sich neben mich.
und dann kam es: k. küsste mich.
danach er sah mich an und sagte:
"weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dass ich dich kenne?"
ich verweilte unterdessen in schockstarre.
und weil ich nichts sagte, küsste mich k. noch einmal.

in diesem moment explodierte die lust in mir. das hirn setzte aus und die instinkte übernahmen die regie. sekunden später waren wir nackt und wälzten uns auf dem boden.
k. sah mich an. den löwe-frisst-antilope-blick kannte ich sonst nur vom objekt. dieser blick war mir wohlvertraut. und überrascht stellte ich fest, dass mein vertrauen diesen moment wie eine bassline trug und ich anders als bei so manchen o.n.s. nicht in einem konglomerat von unbehagen versank.

nach dem akt legte k. die eine hand um meinen hals und zeichnete mit dem zeigefinger der anderen meine aorta nach. das tier in seinen augen war verschwunden. sein blick war wach und sanft, die geste zärtlich.
ich genoss den augenblick und verbot mir das nachdenken.

wir gingen zu bett. ich schlief ein und träumte, dass ich an k.s seite ging. weitere freunde von k. waren um uns herum. ich kannte sie nicht, aber sie waren freundlich zu mir. k. begann, geschenke für die freunde zu kaufen. jeder bekam ungefragt das, was er sich irgendwann mal gewünscht hatte. ich merkte, dass ich genau das träumte, was ich an k. auch in der realität schätzte: dass er zuhörte, sich an viele scheinbar unwichtige details erinnerte und immer großzügig war.

es gibt vermutlich nichts, was das glück toppen könnte, wenn man aus solch einem traum erwacht und den geträumten menschen direkt neben sich findet. oder vielleicht doch? nüchtern begann sich die gedankenspirale wieder zu drehen: was war nun eigentlich mit der k.-ex? und was war mit der lederjacke? heilloses gefühlschaos breitete sich aus.

ich tippte k. an.
"duhu?"
"hm."
"was ist jetzt eigentlich mit deiner ex?"
"wie kommst du denn nun da drauf?"
"ihr hattet doch noch was miteiander."
"das ist vorbei."
"und sonst so?"
"was sonst? nichts sonst. wir sind befreundet, das ist alles."
zumindest eine sache war schon mal geklärt.

jetzt war es an mir.
zunächst musste ich herausfinden, was die lederjacke konkret von mir oder anderen wollte.
dann musste ich herausfinden, wohin das mit k. gehen könnte.
und zuletzt würde ich mich entscheiden müssen.
gott verdamm mich.

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Donnerstag, 12. Januar 2012
die dialektik von rosenkohl
gestern ein date mit der lederjacke. nett. sehr nett. und seltsam. wenn typen am wochenende keine zeit haben, haben sie eine freundin. das sagt mir die erfahrung. gewissheiten habe ich keine. solange ich nichts weiß, muss ich meine illusionen nicht zerstören. solange ich nicht frage, muss ich auch ihm nicht antworten.

trinken am mittwochabend ist eine beschissene idee. bis zwei uhr nachts durchmachen auch. heute verkatert im büro gehockt, wenigstens keine langeweile.

dem objekt per post seine sachen geschickt. jetzt ist die wohnung objektfrei. und ich hab keinen grund mehr anzurufen und zu sagen "los, komm vorbei und hol deinen scheiß hier raus!" die einzige verbleibende frage ist, wann ich meine sachen zurückbekomme. aber ich steh ja nicht so auf antworten derzeit.

herrenbesuch, der sich heute ankündigte, ist die einzig große vorfreude. mit dem herrenbesuch sind fast alle fragen geklärt. und seine antworten können mich nicht mehr schrecken. und überhaupt wird die zeit zu kostbar sein, auch nur eine sekunde mit einem negativen gedanken zu vergeuden.

männer erinnern mich an rosenkohl. rosenkohl ist, wenn man ihn kurz kocht, hart und bitter. kocht man ihn lange, schmeckt er wie feuchtes laub. es ist nie so ganz perfekt.

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Sonntag, 8. Januar 2012
special k.
am freitag versammelte sich die silvesterrunde zuzüglich einiger anderer menschen, die ich teils vom sehen aus dem club kenne, anlässlich des geburtstages der k.-ex. die k.-ex hatte k. beauftragt, für mich heikle esserin extra zu kochen (ohne fleisch, ohne allzu viel laktose und ohne knoblauch), was mich unglaublich rührte. dafür hatte ich mit mr. shyguy für ein größeres geschenk zusammengelegt und hatte s/m-shops abgeklappert, um genau das zu bekommen, von dem ich wusste, dass die k.-ex es sich schon länger wünschte.

gegen neun startete das gelage. nachdem wir uns mit dem dinner eine grundlage geschaffen hatten, floss der alkohol in strömen. k. hatte nicht nur mein spezielles essen gekocht, sondern der k.-ex auch noch mein momentanes recht teures lieblingsgetränk verraten, dass nun im kühlschrank für mich bereit stand. ich umarmte die beiden und dankte ihnen für diese besondere aufmerksamkeit. dann saß ich zwischen mr. shyguy und h., die nette bekannte, die auch an silvester anwesend war, geklemmt und genoss die wärme und die freundlichkeiten.

was mir auffiel, war, dass das objekt fehlte. schließlich gehörte es immer noch zu diesem kreis und hatte ein verhältnis mit der k.-ex.
ich fragte die k.-ex.
"mit dem objekt ist es aus", sagte sie. "meine tür bleibt für diesen menschen zu."
wie sich herausstellte, hatte die k.-ex einen teil des geldes, das sie dem objekt geliehen hatte, noch immer nicht zurückbekommen. sie hatte ihm daraufhin gedroht, die letzten reste seines hab und guts verpfänden zu lassen.
"schlaft ihr nicht mehr miteinander", fragte ich.
"nee. das hat für mich jetzt echt den reiz verloren. er kann sich bei mir nicht mit sex freikaufen. außerdem denk ich, der hat eh schon wieder eine neue."
"und was ist mit der objektgespielin?"
"die fickt er nicht mal mehr. behauptet er zumindest."
"ach, der mann lügt doch, wenn er den mund aufmacht", sagte ich.
"man muss dazu sagen, dass die gespielin auch nicht so blöd ist wie wir. die sucht ihm keine wohnungen und die leiht ihm auch keine kohle."

ich lernte zwei weitere menschen kennen, die der k.-ex sehr am herzen liegen. den mann kannte ich bereits vom vorbeihuschen, weil er auch mit dem objekt befreundet war. seine frau hatte ich noch nie bewusst gesehen, während sie behauptete, mich vom sehen aus dem club zu kennen, aus der zeit, als ich mit k. zusammen war. ich guckte und guckte, denn es war eine der schönsten frauen, die ich je gesehen hatte, die, wie sich herausstellte, die gleichen essgewohnheiten hatte wie ich. wir verbrachten die nächsten stunden zusammen und erzählten uns die absurdesten geschichten zum thema als-ich-einmal-gezwungen-war-fleisch/wurst-zu-essen.

dann fragte mich die schöne, ob ich zufällig lsd dabei hätte. ich erklärte, dass mir halluzinogene drogen todesangst bereiten und ich deshalb noch nie welche genommen hatte. sie erzählte mir, dass sie wohl öfter pilze nähme und gab eine lustige geschichte von ihrem mann zum besten, der sich einmal auf einem trip mitten auf eine tanzfläche gesetzt hatte und nicht mehr wegekommen war, da er glaubte, seine hände beziehungsweise finger seien wie wurzeln mit dem boden verwachsen.
"du verstehst, dass ich niemals irgendwo als menschlicher baum enden möchte", lachte ich.
"naja, ich nehme auch nie so viel, dass ich komplett die kontrolle verliere."
"aber das ist doch eine unheimliche gratwanderung... zwischen gut und nicht mehr gut."
"klar", strahlte die schöne.
ich guckte nur. angstfreie menschen machen mir immer ein bisschen angst, stellte ich fest.

gegen drei, als wir schon reichlich betrunken waren, beschlossen wir, noch aufzubrechen und spontan auf irgendeine party zu gehen. das vergnügen währte allerdings nur kurz, da die k.-ex die mischung von alkohol und drogen liebte und sich zwei fette lines reingedonnert hatte. daraufhin gab es ein kleines techtelmechtel mit der security, mit dem ergebnis, dass wir alle vor die tür gesetzt wurden.
während wir auf taxis warteten, stand ich neben k. k. guckte zu seiner ex, verdrehte genervt die augen und meinte dann zu mir:
"du verstehst, warum wir nicht mehr zusammen sind."
"dir ist das zu überdreht, hm?"
"das heute ist noch harmlos."
"ah", sagte ich und fragte nicht weiter.
k. legte den arm um mich.
"du bist auch komplett wahnsinnig und kompliziert, aber immer vernünftig... da liebe ich so an dir."
"ich mag dich auch immer noch", lächelte ich.
dann schlüpften wir in das ankommende taxi.

k., die k.-ex, mr. shyguy, die schöne und ihr mann und ich fuhren alle wieder zurück in die wohnung der k.-ex. mr. shyguy und der mann der schönen zogen sich auf die couch zurück, um zu schlafen, während ich mit dem rest in der küche saß und noch ein bisschen aufräumte.
als die k.-ex im bad verschwunden war und k. gläser in einen schrank räumte, fand er einen joint.
"genau das richtige zum einschlafen", fand er und zündete das ding an. beim ersten zug hustete er ein wenig, nach dem zweiten flüsterte er:
"teufelszeug. ich muss mich ablegen."
und schwupps war k. im schlafzimmer verschwunden.
die schöne und ich guckten uns verwundert an. dann machte ich den fehler und nahm ebenfalls einen zug.

es kam mir vor, als hätte ich feuer inhaliert. innerhalb von sekunden legte sich mein hirn in dicke watte.
"was ist denn?", fragte die schöne und packte mich am ärmel.
"das ist KEIN gras", flüsterte ich.
jetzt war die schöne neugierig geworden und nahm mir die tüte aus der hand.
"olala", sagte sie nur.
"das ist kein gras, oder?"
"nee. aber was ist das dann?"
"dope", sagte ich. "ganz heftiges dope, denk ich."
"meinsssu", verdreht die schöne die augen.
"komm", sagte ich. arm in arm wankten wir ins schlafzimmer und krochen zu k. unter die decke. k. murmelte im schlaf und zog mich an sich, während sich die schöne in meinen freien arm kuschelte.

als ich am mittag des nächsten tages aufwachte, zog ein duft von gebratenem gemüse und pilzen durch die wohnung. ich wollte aufstehen, was gar nicht so einfach war, da ich in die arme und beine der beiden anderen verschlungen war. beim versuch mich zu befreien weckte ich meine mitschläfer.
k. grinste, gab mir einen guten-morgen-kuss und seufzte:
"das ist ja ein männertraum hier... meine beiden lieblingsfrauen."
die schöne kicherte und fragte dann nach einer zahnbürste.

geduscht und mit geputzten zähnen begaben wir uns schließlich in die küche, wo der mann der schönen und mr. shyguy die reste des vergangenen abends in ein feudales brunch verwandelt hatten. die k.-ex kam von draußen herein und brachte eine tüte mit brötchen.
"ich hab einfach durchgemacht", lachte sie. "war ja eh kein schlafplatz mehr frei."
als sie den aschenbecher vom tisch nehmen wollte, entdecke sie die reste des joints vom vorabend.
"habt ihr DEN etwa geraucht?" fragte sie entsetzt.
k. nickte.
"das war der hammer. ich hatte das gefühl, eine eisenbahn rast durch meinen kopf. danach war alles ganz stumpf. ich hab mich hingelegt und ich war sofort weg."
die schöne und ich bestätigten das.
die k.-ex kicherte.
"den hat mein nachbar gedreht. das war eine spezielle mischung. er hat mir den geschenkt und meinte, ich soll den bloß niemals alleine rauchen."
"die warnung macht sinn", sagte k.
"das war dope, oder", fragte ich.
"ja", sagte die k.-ex.
"boah, ich fühl mich wie fukushima", sagte ich.
"dann esst mal was ordentliches", sagte die k.-ex.

nach dem köstlichen brunch ging es uns besser.
"sehen wir uns später", fragte mich k., als ich in meine jacke schlüpfte und gehen wollte.
"ich weiß nicht, ob ich heute in den club gehe", meinte ich. "ich fühl mich ein bisschen durchgefeiert."
"naja, falls du doch gehst, komm vorher bei mir vorbei."
"okay."
k. guckte mich an und ich spürte die spannung in seinem blick. die sache mit k. blieb ein schmaler grat zwischen freundschaft und attraktion.

zuhause blinkte der anrufbeantworter. die lederjacke hatte mir drei nachrichten hinterlassen. mein herz machte einen warmen hüpfer. ich gab mir noch eine halbe stunde, dann rief ich zurück und sagte der lederjacke, wie gern ich sie hatte.

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Dienstag, 3. Januar 2012
lovely new year
gestern fand endlich, endlich das lang geplante next date mit der lederjacke statt.

wir trafen uns diesmal nicht erst zu nachtschlafender zeit.
"ich will nicht auf party", sagte die lederjacke. "ich hab die letzten tage so viel getrunken, ich würde gern was ruhiges machen."
"was schwebt dir denn vor?"
"ach, wir könnten spazieren gehen... und dann essen... und dann vielleicht ins kino?"
was ich an der lederjacke so schätzte, war diese normalität. wenn ich jemanden kennenlernen möchte, schaffe ich mir eine basis, indem ich was mit dem anderen unternehme. zwar ist party immer noch ein wichtiges element meines exzessiven lebens, aber zum beschnuppern finde ich andere gelegenheiten schöner. das hatte ich beispielsweise am objekt oder auch bei k. immer ein wenig vermisst: diese menschen gingen hauptsächlich feiern. k. hatte ich beinahe ausschließlich auf parties getroffen, das objekt von parties abgesehen fast immer zuhause, wo wir uns die köpfe wegfickten.

aus dem spaziergang wurde dann leider doch nichts, weil sich die lederjacke verspätete und es wieder zu regnen begonnen hatte. die lederjacke ist leidergottes noch verpeilter als ich und benötigt für mini-entscheidungen wie "fahre ich mit dem bus oder mit dem rad?" eine halbe stunde.
wir trafen uns also direkt zum essen. wir gingen zum thai, um uns einen glutamatschock zu holen. am tisch saßen wir uns gegenüber und wussten zunächst vor lauter verlegenheit kaum, wohin gucken. die lederjacke gab sich distanziert. ich war verwirrt, hoffte aber, dass sich das im laufe des abends geben würde.

beim essen disutierten wir über die weltwirtschaftskrise, die verwaltung von armut in deutschland und den sinn und zweck eines studiums, das zu nichts führt. das war ein wenig anstrengend, da unsere meinungen in weltanschaulichen fragen auseinander gehen. die lederjacke ist ein eingefleischter idealist, der seine position bis zum letzten blutstropfen verteidigen würde, während ich dazu neige, dialektisch vorzugehen und mir dabei auch lösungen vorstellen kann, die meinen idealen teilweise widersprechen, sofern sie pragmatisch sind.

nachdem der blutzuckerspiegel wieder auf normalnull war, taute die lederjacke schließlich ein wenig auf.
"wollen wir nicht doch noch ausgehen?" fragte sie.
"können wir gerne."
eine knappe stunde später saßen wir in der bahn richtung altona, wo wir auf eine 80er-party gehen wollten.
"wie ist das so, da ist doch montags bestimmt nix los", fragte die lederjacke.
"naja, viel ist nicht los, aber ich war da auch nur einmal letzten sommer... es war nett. nette musik und nette leute", erwiderte ich.

am ort des geschehens angekommen, meinte die lederjacke:
"mist, ich hab schon wieder lust, mir die kante zu geben."
das war nicht unbedingt ein kompliment, fand ich, aber ich wollte nicht so streng sein. außerdem würde sich der alkohol positiv auf die immer noch etwas verkrampfte stimmung auswirken, war ich mir sicher.
und siehe da: nach zwei bier wurde die lederjacke dann endlich munterer, lachte mehr und legte irgendwann den arm um mich. noch immer etwas zaghaft, wenn man bedenkt, dass wir schon geknutscht hatten, aber okay.
ich meinerseits bewies unabhängigkeit und ging immer mal wieder länger tanzen. ich wollte der lederjacke freiraum geben und zugleich zeigen, dass ich nicht drauf stand, den ganzen abend händchenhaltend in einer ecke zu verbringen. das funktionierte - entgegen anderer erfahrungen - mit der lederjacke prima.

mit steigendem alkoholpegel wurden wir immer ausgelassener. wir blieben bis zum ende der party.
dann wollte ich mich verabschieden.
und endlich, endlich fragte die lederjacke:
"möchtest du wirklich nach hause? willst du nicht bei mir übernachten?"

eine halbe stunde später saß ich bei der lederjacke auf dem bett. die lederjacke bewohnte ein winziges zimmer in einer chaotischen wg. meine karge wohnung erschien mir im vergleich wie eine nobel-butze. aber dafür lebte die lederjacke natürlich in der schickeren gegend.
"die anderen sind nicht da, wir haben also sturmfrei", grinste die lederjacke und ließ sich mit zwei gläsern rum neben mich sinken.
und endlich, endlich kam der kuss, auf den ich schon den ganzen abend gewartet hatte.

die lederjacke roch gut und fühlte sich ebenso gut an, jung und fest und warm. und das beste: es befanden sich kondome im haushalt. auch das objekt hatte stets gewisse vorräte beherbegt, aber zwischen haben und nutzen befand sich langer und holpriger weg zahlreicher disputationen. zudem schienen sich gummis, intimpiercings und animalisches hardcore-ficken irgendwie schlecht zu vertragen. die lederjacke hingegen blieb in jeder lage gentleman, und ich musste ein wenig an den dritten mann denken, der beim sex gerne innehielt, sich zurückzog und sagte: "ich will nicht, dass es geil ist, ich will, dass es schön ist."
nach dem akt schliefen wir aneinandergeschmiegt ein. ich hatte entgegen sonstiger gewohnheiten keine fluchttendenzen und wünschte mich nicht nachhause.

wir erwachten erst irgendwann am späten mittag. es regnete. das machte uns nichts, wir gingen trotzdem raus und schlenderten mit wirren köpfen durch die gegend, setzten uns in cafés und inspizierten die auslage in den schaufenstern der läden. ab und an blieben wir stehen, um uns anzusehen und zu lächeln. die stunden verstrichen unbemerkt und als ich endlich in der u-bahn nachhause saß, stellte ich fest, dass wir 24 stunden am stück zusammen gewesen waren.

alles in allem also nicht schlecht für ein drittes date. die ersten drei tage 2012 fallen demnach schon mal in die kategorie "vielversprechend".

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Montag, 26. Dezember 2011
alles anders
heilig abend.

obwohl die wiedersehensfreude groß ist, bemerke ich, dass die stimmung gedrückt ist. meine mama geht es nicht gut. schlafstörungen hatte sie schon immer, aber jetzt hört sie komische geräusche. der kreislauf spackt rum. das essen mit der verwandtschaft ist abgesagt.

ich telefoniere mit dem wahnsinnigen doc, einer meiner derzeit engsten freunde in der heimat. wir treffen uns und gehen auf die einzige party in der stadt, obwohl ich todmüde bin. der doc sagt dies und jenes und gibt ein paar ratschläge, die so vernünftig sind, dass es mir wieder mal das herz zerreißt, was für tolle und kluge menschen ich kenne. als ich wieder in der küche meiner eltern stehe, ist es spät, aber ich bin um drei wichtige tipps und eine adresse reicher.

1. feiertag

als ich aufwache, ist das haus leer. ich denke zunächst, die sind bestimmt essen gegangen, weil es bereits mittag ist. dann finde ich den zettel, der mir das blut in den adern gefrieren lässt: meine mutter wurde mit verdacht auf schlaganfall in die klinik eingeliefert. ich rufe auf dem handy an. mein papa hat es ausgeschaltet. im wartebereich der notaufnahme herrscht handy-verbot, das weiß ich dank zahlreicher aufenthalte in eigener sache. mein papa würde sich solchen vorschriften niemals widersetzen. also rufe ich die zentrale an und lasse mich bis in die notaufnahme durchstellen, wo ich dann erfahre, dass meine mutter noch untersucht wird. in einer stunde soll sie den befund erhalten.

ich fackle nicht lange, werfe meinen mantel über und renne zur u-bahn. die fährt hier feiertags nur in großen intervallen, also brauche ich ziemlich lange. als ich dann vor der klinik stehe, klingelt mein handy. jemand ruft von zuhause an.
"wir sind wieder da, alles in ordnung", sagt mein papa. "wo bist du denn?"
ich stehe vor der klinik.
im ersten moment habe ich eine sauwut.
"kannst du nicht mal auf das scheiß-handy schauen?! ich hab dreimal angerufen!"
wie erwartet erläutert mein vater das handyverbot, und ich weiß, dass ich von ihm niemals eine ausnahme verlangen könnte.
aber dann ist das auch unwichtig. meiner mama geht es gut. alles nur kreislauf und allgemeine anspannung, und ich weiß mal wieder, woher meine schwache stressresistenz und mein hang zur verzweiflung kommen.

als wir kaffee trinken und plätzchen mümmeln, klingt das telefon. es ist die lederjacke, der ich gesmst hatte, dass ich wegen meiner mutter in die klinik fahre. ich finde es enorm, dass die lederjacke darauf reagiert und sich nun ausführlich nach meiner mama erkundigt. ist ja nicht seine. könnte ihm ja egal sein. ist es ihm aber nicht, und mein herz beginnt knapp unter dem siedepunkt heftig zu klopfen.

meine mutter will wissen, wer der neue mann in meinem leben ist. ich berichte vom kennenlernen der lederjacke und zeige auch ein (unverfängliches) foto. meine mutter ist beeindruckt.
"das ist aber ein schöner mann! und die schönen blonden haare... und so jung sieht der aus!"
dann erkundigt sie sich nach dem objekt, das ihr ja sehr am herzen liegt:
"ist es noch obdachlos? nimmt es immer noch heroin?"
"es wohnt bei freunden. mehr weiß ich nicht, wir haben keinen kontakt mehr."
meine mutter wird ganz aufgeregt:
"ich hab immer angst, dass du mal zu ihm kommst und der liegt tot auf dem boden... was man bei rechtzeitigem eingreifen sicherlich verhindern könnte."
ich versuche ihr zu erklären, warum ich mich endgültig vom objekt verabschiedet habe. sie findet das nicht gut:
"ich kann mir vorstellen, dass du sein einziger halt warst und er sich jetzt vielleicht das leben nimmt. und der kleine hat dich doch auch so geliebt!"
dass der objektsohnemann auch meine sorge ist, kann sie sich denken. vor allem während unseres gemeinsamen urlaubswochenendes hatte ich die große zuneigung des lütten deutlich gespürt. seine kleine hand in meiner - fast die gesamte zeit über.
"es ist nicht mein kind", sage ich. meine mutter findet das kalt.
wir kommen nicht weiter. es kratzt und schabt an einem wunden punkt in mir. die ambivalenz der gefühle zerreißt mich. war ich doch zu harsch? was wäre gewonnen, hätte ich mich nicht getrennt oder nicht auf diese unbarmherzige weise?

dann erfahre ich, dass mein onkel meine eltern angerufen und sie unter anderem auf mein verhältnis zum objekt angesprochen hatte. dabei hatte er die frage gestellt, die ich, wäre ich mutter, mein kind längst gefragt hätte: wenn du mit einem junkie zusammen bist, hast du denn dann gar keine angst, dass du auch auf den geschmack kommst?
"zum glück bist du ja so vernünftig", lacht meine mutter.
ich schweige, will sie nicht beunruhigen. aber ich bin mir bewusst, dass das objekt alle meine dunklen seiten in mir zutage befördert hat. was einerseits sehr heilsam, anderseits fatal war.

doch zum glück wird künftig alles anders. ich bin auf einem guten weg. schließlich brauche ich noch ein paar gute vorsätze zum neuen jahr. und für notfälle habe ich ja immer noch die telefonnummer des drogenberater-bullen.

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Samstag, 24. Dezember 2011
weihnachtsexzess
gestern abend, nachdem alle geschenke besorgt und der koffer gepackt war, drängte es mich noch einmal auf die piste: buntes volk, 80er-jahre-hits und das angenehme wissen, sicherlich kein geld für drinks ausgeben zu müssen. außerdem hatte mir der drogenbulle per sms gestanden, dass er verheiratet war - eine schmach, die es zu kompensieren galt.

vor ort war es relativ leer. die menschen schienen offenbar an heilig abend was vor zu haben und schonten sich deshalb. gans und so sind ja allesamt fette abenteuer und setzen beste gesundheit und ausgeruhte mägen voraus. auch meine eine hatte ein ziel: ich musste um acht wieder hoch und zur bahn joggen, aber ähnlich wie tyler durton gebe ich es mir gern mal volles rohr in die eigene fresse.

dieser plan sollte durchaus aufgehen.
zunächst traf ich den architekten an der bar. der war von meiner e-mail noch nachträglich schockiert, wie er mir gestand, holte aber dann zu einem längeren vortrag über seine komplexe persönlichkeit aus und betonte seine grundsätzliche mich betreffende zuneigung. ich stellte wieder einmal fest, dass der architekt okay war. er log mich nicht an. er war live konfliktfähig. er lebte halt nur in seiner welt, und zwar an 29 von 30 tagen im monat. konnte ich dies ertragen? wie groß war der output im verhältnis zum input/den qualen der ungewissheit, die ich dafür auf mich nehmen musste?
hm.

während ich dem architekten über die schulter linste, schwang die tür auf und das objekt betrat in seinem wildcat-auf-raubzug-gang lässig und elegant den raum. dann entdeckte es mich und erstarrte. nach einer schrecksekunde ungläubigen glotzens drehte es sich auf dem absatz um und ging wieder hinaus.
auweia. da hatte ich ganze arbeit geleistet.

obwohl mein herz wild schlug, wandte ich mich wieder dem architekten zu, der gerade darüber philosophierte, wie wichtig ihm zuhören sei. immer schön rein ins fettnäpfchen, dachte ich mir. dem architekten, der einen sehr wachen blick für die an mir interessierte männliche umwelt hatte, war das schrecksekunden-intermezzo sicherlich nicht entgangen. er sagte jedoch nichts.

zehn minuten später hielt ich ein zweites mal den atem an, als das objekt noch einmal in den raum stürmte, seine jacke aus der ecke hinter dem sofa zog, hineinschlüpfte, eilig den schal um sich schlang und nach draußen rannte.
es war kurz nach drei. noch nie war das objekt so früh gegangen. ich konnte es ja verstehen, dass es mich nicht mehr kennen oder in einem raum mit mir sein wollte. aber gleich die party zu verlassen fand ich übertrieben. doch ich kannte das objekt gut genug und wusste, dass es damit auch markierungen setzte und reaktionen einforderte.
ich beschloss, mich unbeeindruckt zu zeigen und mich weiterhin um den architekten zu kümmern.

nach dem zweiten gratis-drink bekam ich geborgenheitssehnsüchte und rutschte näher an den architekten heran. der fand meine initiative schön und kuschelte sich seinerseits an. ich dachte an die lederjacke und verdrängte sie aus meinem kopf. ich dachte an das objekt und nahm noch einen schluck, um auch diesen gedanken aus meinem hirn zu ätzen.

erst als die lichter angingen und die barfrau mich fragte, ob ich denn mal auszutrinken gedächte, damit sie mein glas abspülen könne, wurde mir bewusst, wie spät es sein musste. der architekt erschrak nicht minder und kramte seine uhr hervor.
"halb sechs", sagte er. "oh mein gott, ich muss morgen früh noch geschenke kaufen!"
"oh mein gott", rief ich, "ich muss in vier stunden im zug sitzen!"

doch es wurde nichts mit gehen. erst kam uns der lieblingstürsteher, der mich immer mal wieder umsonst reinschmuggelt, dazwischen, indem er ein paar mexikaner auf den tresen schob. auch die barfrau trank einen mit und wurde plötzlich ganz umgänglich. wir bekamen schokolade und nüsschen geschenkt. schließlich kam die zweite tresenkraft und erzählte ein paar anekdoten aus der bewegten vergangenheit des clubs.

erst als der garderobenmann mit meiner jacke den raum betrat und meinte, ich sei nun die letzte, die ihre marke noch nicht abgegeben hatte, rafften wir uns auf und gingen nach draußen.
"ich bring dich", sagte der gentleman-architekt.
ich liebe männer mit autos.
im wagen sah ich noch einmal auf die uhr. es war zehn nach sechs. ich beschloss, nun nicht mehr auf die uhr zu sehen, sondern mir stattdessen zu überlegen, ob ich noch anderthalb stunden schlafen wollte oder lieber gar nicht.

als wir die straße zu meiner wohnung hochfuhren, meldete sich beim architekten der hunger.
ich warf meine schlafen-pläne über bord.
"dann lass uns jetzt frühstücken gehen."
ich schleifte den architekten zu meinem griechischen bäcker.
"na, noch gefeiert wie immer", begrüßte er mich.
"klar. für dich beginnt der tag, für mich endet er."
"aber is doch weihnachten", warf der bäcker ein.
"drauf geschissen", sagte ich.
"ich scheiß auch", meinte der bäcker.
dann bestellte ich ein feudales frühstück und lud den architekten ein, als dankeschön für die taxidienste.

später, ganz spät, standen wir einander vor meiner haustür gegenüber. es regnete in strömen. doch eine warme macht zog und zerrte an unseren herzmuskelfasern, bis wir uns endlich küssten.

es war schon eine verrückte sache mit dem architekten. aber eben nur eine halbe. trotzdem nahm ich das weihnachtsglockenläuten mit, ebenso wie die triefende nässe und die leichten halsschmerzen.
zuhause schlüpfte ich in trockene sachen, fönte meine haare und nahm den koffer. dann lief ich mit brennenden augen und kaputten füßen zur u-bahn, um zum bahnhof zu gelangen.

frohe weihnachten ihnen allen.
und nicht vergessen:

gegen den strom
schwimm gegen den strom
der strom schwimmt gegen den himmel
seine verschlossenen türen sind offen.

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Mittwoch, 21. Dezember 2011
ohne lederjacke
die lederjacke, ähnlich wie ich ein pflänzchen aus südlicheren gefilden, ist heute nach hause gefahren. denn heute abend steht familienessen mit omma an. ich wünschte viel spaß.

in der arbeit dann fragten die kolleginnen neugierig, wie die lederjacke denn so aussähe. schließlich ist es das erste mal, dass ich explizit was von einem typen erzähle. also schickte ich der lederjacke eine sms: haste mal ein foto? es will dich jemand mal sehen.

ich hätte gewettet, der gute würde sich zieren. aber die lederjacke schickte kurz darauf ein bild. und zwar: nackt vom scheitel bis zum nabel.

im büro gab es daraufhin großes hallo und glückwünsche. nunja, der mann ist boxer. der body: eine einladung, ein abenteuer.

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Sonntag, 18. Dezember 2011
der drogenberater, das objekt-ende, eine lustige nacht in einer kneipe irgendwo und warum ich nicht mehr weiß, wie ich nachhause gekommen bin
eigentlich wollte ich mich gestern mit der lederjacke verabreden, doch die war unerreichbar. und irgendwie kam mir der drogenberater zuvor. obwohl er im gesetzten alter von 42 nicht mehr großartig durch discotheken zieht, wollte er mich in meinen stammclub begleiten.

als ich ankam, war er noch nicht da. wohl aber das objekt, welches ich wochenlang weder gehört noch gesehen hatte, was mir aber weniger ausgemacht hatte als sonst. es registrierte mich, war aber mit einer tussi im gespräch und sagte nichts.

kurz darauf traf ich die k.-ex, die ja eine affaire mit dem objekt hat und, wie mir immer mehr scheint, ein wenig in es verliebt war.
"eigentlich wollten wir ja dieses wochenende wegfahren", sagte sie.
"wie, das objekt und du?"
"ja."
ich stutzte.
"das ist ja interessant. das wollte es mit mir vor ein paar wochen auch. nach berlin etwa?"
"ja genau!"
"das macht es eh nicht."
"naja, leider. wie immmer viel blabla um nichts, wir kennen das ja. allerdings war ich doch ein bisschen enttäuscht, dass es nicht geklappt hat, weil es hatte sogar schon hotels rausgesucht."
ich stutzte zum zweiten mal.
"das ist aber strange. es hat doch kein internet."
"keine ahnung. es hat mir drei oder vier sehr nette vorschläge gemacht, wo es gerne hinwill."
langsam dämmerte mir etwas:
"moment mal! nachdem es damals meinte, es wolle mit mir wegfahren, habe ich nach hotels gesucht und ihm dann drei oder vier adressen gegeben."
"das waren dann wohl deine", sagte die k.-ex. "oh, das tut mir leid, aber das ist ja ganz mies."

ich war kurzzeitig auf 180 und versuchte, das objekt abzupassen, um ihm die fresse einzuschlagen, doch es entzog sich mir konsequent. blind vor wut bewegte ich mich durch den club, bis ich dem drogenberater vor die füße lief.
"na, was ist mit dir, du bist ja ganz außer dir?" sagte er zur begrüßung.
da der drogenberater so ein gesetzter mensch ist, der an diesem abend im 90er-jahre-style in jacket und jeans erschienen war, wollte ich ihm nicht sagen, dass ich gerade dem verlogenen objekt hinterherrannte, das meine freundin vögelte und ihr den urlaub versprochen (und gebrochen) hatte, den es ursprünglich angeblich mit mir hatte machen wollen.
stattdessen sagte ich:
"entschuldigung, ich bin ein bisschen aggressiv heute. ich bin irgendwie sehr angespannt gerade, weißt du... der job und die ganze weihnachtsscheiße, die mir jetzt bevor steht... ätzkram eben..."
der drogenberater nahm das ganz locker und kaufte mir erstmal einen drink. dann setzen wir uns und unterhielten uns über gott und die welt.
"wie kamst du eigentlich auf drogenberater?" fragte ich irgendwann.
"weil ich menschen wie dich so anziehend finde", grinste er.
"na hör mal, ich bin stocknüchtern!" empörte ich mich.
"bald nicht mehr", erwiderte er und deutete auf mein glas.
"naja", fand ich. "ist das so schlimm?"
"das ist egal, ob alkohol oder drogen, das zerstört alles dein gehirn."
"du hast meine frage nicht beantwortet."
"welche frage?"
"also wer von uns leidet jetzt unter neurotoxischen schädigungen?" lachte ich.
der drogenberater schmunzelte.
"ich bin eigentlich hauptberuflich ganz was anderes."
ich staunte.
"was denn?"
"das willst du gar nicht wissen."
"nee, sag mal."
"das ist aber nicht so sexy."
"warum? bist du bei ner rohrreinigungsfirma angestellt? oder müllsortierer beim gelben sack?"
der drogenberater zierte sich noch ein wenig, bis er mir dann ins ohr flüsterte, dass er bulle sei.
ich guckte entsetzt.
"und ich muss jetzt keine angst haben, dass du mich verhaftest?"
"ich lass das mal als eigenbedarf gelten. aber wenn ich dich beim dealen erwische, ist es natürlich aus mit der freundschaft."
"oder wenn ich bei rot über die ampel fahre."
"genau."

drei drinks später hatte ich die zunge des drogenberaterbullen in meinem mund und seine hände auf meinen brüsten. mich erinnerte die szene spontan an das kennenlernen mit k., doch ich vermied es, damit rauszuplatzen. ich beschränkte mich stattdessen darauf, mich irgendwann aufrecht hinzusetzen, mein t-shirt wieder nach unten zu ziehen und zu sagen:
"na hören sie mal, ich kenn sie doch gar nicht."
der drogenberater war amüsiert.
dann sagte er, schon etwas angetüddert:
"du bist so witzig und so klug und so schön und so warm... lass uns gehen. lass uns woanders noch was trinken."
meine warnblinkanlage schaltete sich ein.
"glaub bloß nicht, dass du mich so billig abschleppen kannst."
der drogenberater schreckte auf.
"ich wollte nicht respektlos sein. tut mir leid, wenn das so rüberkam."
"schon gut."
"schlechte erfahrungen?"
"das würde jetzt zu weit führen."
der drogenberater sah mich an:
"du wirkst auf mich wie jemand, der ganz schön viele leichen im keller hat."
"mag sein. aber heute ist nicht entrümplungstag."

nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, schlug der drogenberater abermals vor, weiterzuziehen. vermutlich hatte er genug von harter, düsterer elektro-mukke. also erklärte ich mich einverstanden.

wir nahmen ein taxi richtung ottensen und landeten in einer türkischen kneipe mit einem sehr strangen, sehr bunten publikum. die meisten waren allerdings offenbar orientalischer abstammung. doch die atmosphäre war relaxt, die musik nett und die drinks unheimlich lecker. also entspannte ich mich und schlüpfte irgendwann aus der winterjacke. mein zum vorschein kommendes discotheken-outfit war dann allerdings nicht so kneipentauglich, wie sich herausstellte.
"die typen gucken dir alle auf die titten", sagte der drogenberater.
"du doch auch", kicherte ich. "meine augen sind jedenfalls woanders."
ich schlang meinen schal um mich und bedeckte ausschnitt und schultern, wie ich das mal im interreligiösen dialog gelernt hatte.

um sieben uhr morgens guckte ich das letzte mal auf die uhr, weil mein handy klingelte. die lederjacke rief an. aber ich konnte ja schlecht rangehen und sagen, dass ich mit einem bullen betrunken in einer kneipe saß und mir von fremden typen ins dekolleté glotzen lassen musste.

irgendwann rief mein begleiter dann ein taxi, damit ich nach hause kam. auf der heimfahrt wurde ich plötzlich kurzzeitig wieder klar und auch der ärger über das objekt kehrte zurück. ich tippte eine sehr, sehr bösartige sms und klickte auf senden, bevor ich nachdenken konnte.
damit hatte sich die objektgeschichte erledigt. eine antwort würde ich nie bekommen, das wusste ich ja. und es tat gut, es zu wissen und nicht zu warten.

danach dämmerte ich weg. wie ich in mein bett kam, weiß ich nicht mehr.

and now for something completely different: ein spätnachmittagsspaziergang mit der lederjacke.

fortsetzung vielleicht später.

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Montag, 12. Dezember 2011
with teeth
11 uhr vormittags, zuhause.

die lederjacke schreibt und will mich am abend daten.

ich so: "ich weiß nicht, ob ich kann, ich muss heute zum zahnarzt! das wird was längeres... mit betäubung und so. und du hast ja nix davon, wenn ich danach nichts mehr trinken und nicht mehr reden kann."

er so: "wär nur schlimm, wenn du nicht mehr küssen könntest. aber ich kann mich auch zurückhalten und dann streichel ich dir halt die wangen."

ich so: "na gut, ich schreib dir später noch mal. aber ruf bloß nicht ab, die betäubung wirkt dann bestimmt noch!"

16 uhr. im zahnarztstuhl.

ich: "können sie mir heute vielleicht etwas weniger betäubung spritzen wie beim letzten mal? das hat drei stunden angehalten und ich konnte im bus nicht mal eine fahrkarte kaufen, weil der fahrer mein genuschel nicht verstanden hat."

zahnärztin: "okay..."

die behandlung beginnt, ich schreie.

zahnärztin: "tut mir leid, ihre wurzelkanäle sind sehr lang und sehr gebogen... sehr kompliziert da zu arbeiten. aber ich spritze ihnen noch ein bisschen betäubungsmittel."

ich verkneife mir den spruch, dass ich den satz schon ein paar mal gehört habe, denn ich habe nadeln im kiefer stecken und ein halbes röntgengerät im mund, das den fortschritt der behandlung mit liveaufnahmen überprüft.

kurzes pause, die röntgenbilder werden ausgewertet. die lederjacke schickt mir eine beruhigungs-sms: "ist bestimmt gleich vorbei... bleib cool, ich denk an dich!"

zahnärztin zur mta: "gehen sie doch mal eben ins wartezimmer und sagen die der frau soundso, dass das hier leider noch länger dauert und sich die termine heute eine halbe stunde nach hinten verschieben. die röntgenbilder sehen nicht gut aus."

ich stöhne, soweit man mit soviel zeug im mund noch stöhnen kann.

ich schreibe der lederjacke zurück: "hör auf zu smsen! du bringst mir kein glück! jetzt dauert alles NOCH länger!"

zahnärztin, mich ermuntern wollend: "ich habe doch schon einen kanal sauber! nur noch zwei... das schaffen wir doch."

das finde ich ja ganz super. das heißt, zwei drittel des leidens stehen mir noch bevor. irgendwann beginne ich zu zittern, weil man eine stunde lang nur schwer den mund "gaaaanz weit" offenhalten kann. die zahnärztin merkt das, macht wieder eine pause. das ist lieb, aber sinnlos, weil es die behandlung noch weiter verzögert.

17.30 uhr, endlich auf der straße.

ich bin fertig im doppelten sinne. mein rechtes ohr dröhnt, ich bin schweißgebadet, aber der zahn ist bis nächste woche saniert. zwischen rechter augenbraue und schulter ist fast alles taub. mein gesicht fühlt sich an wie ein heißluftballon. ich mach den check in einem autospiegel, doch ich sehe ganz normal aus. ein bisschen gestresst vielleicht, aber makellos und ohne dicke backe.

18:15 uhr, zuhause.

ich fühle mich besser. die betäubung lässt nach, ich schmeiße ein paar opiate aufs sich entflammende schmerzfeuer und schicke der lederjacke eine zuversichtliche sms.

19 uhr.

ich kann wieder trinken und spüre auch langsam mein gesicht wieder. die unterlippe prickelt komisch, das irritiert mich.

19:30 uhr.

die lederjacke schreibt zurück, ob ich um 21 uhr in der schanze sein kann. ich sage zu.

die unterlippe kribbelt immer noch komisch, ich denke mir nix, ist sicher die betäubung, die nachlässt. dafür schwebe ich dank opiaten und bevorstehendem date auf wolke sieben und trällere unter der dusche.

20 uhr.

ich bin fertig mich duschen und werfe einen blick in den spiegel. in diesem moment offenbart sich der grund des merkwürdigen kribbeln: ich habe ein herpesbläschen auf der unterlippe. muss vom stress und der anspannung im zahnarztstuhl gekommen sein.

hilft ja nichts, mit herpes kann man noch weniger küssen als nach einer zahnbehandlung mit taubem gesicht. da ekelt mich ja vor mir selbst. also sage ich der lederjacke ab.

"tut mir leid, ich hab herpes. mega-grusel und schüttel."

die lederjacke: "du hast mir jetzt aber nicht erzählt, dass du zum zahnarzt musst, weil in wirklichkeit du herpes hast? soooo eklig ist das nun auch mal wieder nicht... jedenfalls nicht schlimmer als ne schnoddernase!"

ich: "nein, ich ekle mich nur so vor herpes. das mit dem zahn kann ich beweisen, das ist kein zahn mehr, nur noch trümmerreste."

lederjacke: "schon gut. dann schlaf mal gut mit deinen trümmerresten. sehen wir uns dann freitag?"

ich will ja schon "ja" eintippen, als mir einfällt, dass ja bis dahin wieder ein herpes oder zahn dazwischen kommen kann. also entscheide ich mich für ein: "vielleicht, so gott will."

die lederjacke darauf: "ich werd dem bastard das wollen beibringen!"

man kann nicht sagen, die lederjacke habe keinen humor. und man kann ebenso wenig behaupten, dass sie schnell abzuschrecken wäre. beides finde ich gut.
jetzt nur bitte schnell wieder gesund werden.

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