Sonntag, 17. August 2014
teletubbies
die beste party des jahres steht an. ich habe mich die ganze woche drauf gefreut. nur noch drei, zwei tage, nur noch den freitag arbeiten, sage ich mir, dann ist es soweit. der dritte und die drittefreundin und auch die objektexfreundin haben sich bereits angekündigt, mich zu begleiten. besser geht nicht, finde ich.

gestern gegen 23 uhr weiß ich, dass meine lieben freunde doch nicht kommen werden. meine vorfreude sinkt von exorbitant auf sehr lau. ich weiß auch nicht, ob das objekt anwesend sein wird. wenn es nicht da ist, habe ich einen entspannten abend und werde viel tanzen, verspreche ich mir, und ein drink ist auch drin, armut hin oder her.

um mitternacht, als ich im bad stehe und meiner fresse den letzten schliff verpasse, plingt das handy. eine sms. kommt die drittefreundin, die eigentlich gerne dabei gewesen wäre, aber pärchensyndrombedingt beim unlustigen dritten auf der coach verweilen muss, nun etwa vielleicht doch noch? nein, es schreibt völlig überraschend das objekt, das schon seit zwei wochen nicht mehr mit mir gesprochen hat. eine "vorwarnung" wolle es mir geben, dass es heute da sein wird.

meine erste reaktion ist keine reaktion. in mir bleibt es kalt. erst, als ich auf dem weg zur bahn bin, macht sich leichte aufregung bemerkbar. wie soll ich dem objekt begegnen? das neue nichtverhältnis erlaubt keine extremreaktionen wie ohrfeigen oder vögelangebote. unschlüssig laufe ich durch die potthässliche hafencity. der wind pfeift, in hamburg ist im august herbst, und es wirft ein paar tropfen vom himmel.

am ort des geschehens bin ich erstmal erleichtert, als ich feststelle, dass es trotz schlechtwetters wie immer vier floors auf dem schiff gibt. man kann sich also verlaufen. ich stelle mich an deck und rauche eine. der architekt grüßt, dann zwei bekannte. ich fühle mich innerlich kalt und konversationsgelähmt. ein gin zum aufwärmen, dann geht es rein.

drinnen sind zu viele leute. angst. mir wird schwindelig, ich habe den eindruck, nicht mehr atmen zu können. ich quetsche mich in eine ecke. vor mich stellt sich eine fette lackuschi mit enormen titten. ich bin gefangen. ich versuche mich zu entspannen, sage mir, komm, einfach ruhig bleiben, keiner tut dir was, es ist genug sauerstoff für alle da und du wirst jetzt auch nicht ohnmächtig. nach einigen minuten lässt die angststarre wieder etwas nach und ich mache drei schritte, quetsche mich an der fetten lackuschi vorbei und will zur treppe. über die gerade das objekt nach unten kommt.

der erste impuls: flucht. ich verstecke mich schnell wieder hinten den titten der lackuschi und gehe auf beobachtungsposten. das objekt hat mich noch nicht entdeckt. verdammt, wie komme ich nun hier raus? ich erinnere mich an die hintertreppe hinter dem dj-pult, taste mich blind durch den nebel und nehme den schmalen gang. endlich kommt die treppe, und über einen weiteren floor, der angenehm leer ist, gelange ich wieder an die frische luft.

als ich wieder an deck bin, zittern mir die beine, mir ist schlecht und ich brauche dringend noch einen drink. aber an der bar ist zu viel los, ich kann mich nicht lösen und entscheide mich, einfach noch eine zu rauchen. als ich über die flamme meines feuerzeugs schaue, sehe ich schemenhaft einen roten schopf, dann umarmt mich ein durchgeschwitztes, nach alkohol riechendes objekt. im nächsten moment lässt es mich los, taumelt seitwärts und sackt gegen die reeling.
"ooooch... das war nix, nochhh... maaaa", lallt es und nimmt anlauf für eine zweite umarmung, der ich dann aber aus dem weg gehe. ich nehme das objekt scharf unter die lupe und komme zum schluss, dass es besoffener tut als es ist, um mir keine angriffsfläche für etwaige diskussionen zu bieten.
"tu mal nicht besoffener als du bist", sage ich kühl.
das objekt berappelt sich, lehnt sich neben mich und meint dann:
"ichhhab dir... vooohin... ne nachrichhh geschick."
"hab ich bekommen."
schweigen.
das objekt fummelt nach einer zigarette.
"unnn... warum bissdu heute hier?" fragt es mich die frage des abends.
"war verabredet."
"mim kerl?"
"nee, mit nem paar", sage ich wahrheitsgemäß und überlasse den rest der objektfantasie.
das objekt schweigt wieder, kaut an den spärlichen informationen, legt dann überschwänglich den arm um mich und schaut mir ins gesicht:
"unnn... wie gehts dir übahaup, sachma."
"willst du doch gar nicht wissen", sage ich bissiger als ich vorhatte.
das objekt zieht den arm wieder zurück. wir stehen schulter an schulter, ich kann die objektwärme weiterhin spüren und die verzweiflung, die in mir aufsteigt.

"weißte, ich bin heute so hierhergekomm... so mit ner ganssss... hohn schutzmaua ummich rumm", sagt das objekt, macht eine pause und fährt dann fort:
"aberssss.. geht so, ich... ich kann hier so eintauchn... mich fallen lassen."
"schön", sage ich indifferent.
"abbach bin auch schon gansss... schön breit."
"haste die schutzmauer weggesoffen also."
das objekt kichert:
"nee, ich sauf... hinter meina schutzmaua. weil... ohne die schutzmaua... würdmwa hi auch nich stehn... sondern so tun wie... teletubbies."
ich schaue das objekt kritisch an. aha, es würde also theoretisch gar nicht mit mir sprechen? kurz flammt wut auf, aber die kommt nicht richtig zur geltung. ich habe das gefühl, ein eisklotz zu werden, mich von innen nach außen hin durchzufreezen, bis ich eine ganz starre, unbewegliche und stumme figur geworden bin.
"ich bin dann mal drinnen", sage ich nach einigen minuten als stumme eisskulptur und lasse das objekt stehen.
ich kann auch desinteressiert tun, ha!

ich postiere mich neben der tanzfläche. zum tanzen fühle ich mich zu befangen. aber zugucken geht inzwischen halbwegs entspannt. ich habe auch einen zweiten drink ergattert und spüre die warme umarmung des alkohols. ich beginne, im takt zu wippen, als mich jemand von hinten fest um die taille fasst und eine harte gürtelschnalle an meinen po presst.
das objekt natürlich.
im ersten moment laufe ich gefahr, mich in die bewegung hineinfallen und mich ansexen zu lassen. doch dann rasten die brandneuen inneren widerstände zuverlässig ein und schließen den bereitwilligen spalt, den das objektive verführungsmanöver geöffnet hat. das objekt merkt das, gibt mir belustigt einen versöhnlichen klaps und lässt dann von mir ab. ich flüchte ein zweites mal.

ich bleibe an deck, rauche meine zippen leer und schaue auf die uhr. vier uhr. normalerweise nehme ich immer den sonnenaufgang mit, mein persönliches hightlight dieser party. denn nichts ist schöner als das zarte orange, das sich zu ambient-klängen langsam in den himmel schiebt, die kran- und containerlandschaft illuminiert und die elbe zum glitzern bringt. diesmal allerdings verspüre ich nicht geringste lust darauf, hier bis um sechs uhr morgens auszuharren. mein körper meldet müdigkeit und eine deutlich verlangsamte serotoninproduktion. hör auf deinen körper, sage ich mir, du hast noch einen ordentlichen fußmarsch vor dir, und wenn du total erschöpft an der bahn ankommst, wird die fahrt mit anderen besoffenen assis der totale horror für dich.

ich entscheide mich für die vernunft, hole meinen mantel und stehe dann unschlüssig auf der treppe. noch mal rein, dem objekt tschüß sagen? es hat dich nett begrüßt, also kannst du auch nett tschüß sagen, rate ich mir, du hast auch keinen grund, jetzt einen lächerlichen kleinkrieg anzufangen. ihr seid jetzt teletubbies, gewissermaßen, also sei artig und mach winke-winke. doch irgendeine trotzige stimme in mir sagt, nö, ich bin jetzt dran mit arschloch-sein. also stapfe ich ohne verabschiedung über die schmale brücke an land.

der nervenzusammenbruch kommt ungefähr fünf minuten später, kurz nachdem ich mir schon für meine coolness gratulieren wollte. an einer brücke bleibe ich stehen, sacke tränenblind zusammen und lehne am geländer. ich kann das kalte eisen an meinem rücken spüren, es bildet einen angenehmen kontrast zu der ungeheueren hitze im kopf und in der brust.

ich verliere jegliches zeitgefühl. ab und an fährt ein auto vorbei, doch sonst bin ich mutterseelenallein auf dieser brücke mitten in einer gigantischen baustelle. irgendwann habe ich mich leer und müde geweint, wische mir die tränen ab, putze mir die nase und rauche eine letzte zigarette. dann gehe ich weiter meinen weg. und kurz bevor ich richtung zentrum abbiege, bemerke ich, dass der erste helle morgenschimmer über der stadt liegt.

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Freitag, 15. August 2014
180-grad-gefühle
gestern der tiefpunkt. existenzangst, kreiseln um das objekt. in einem spontanen impuls stieg ich am abend aufs rad, um rüber zum objekt zu fahren. um ihm zu sagen, dass es vorbei ist. mit allem. für immer. oder mir am besten gleich die gespielin krallen und die bombe platzen lassen.

wie eine irre hingedüst, atemloser tunnelblick, tränen hinter den lidern, hass im hals. dann, ganz plötzlich, kam die vernunft. also drehte ich einen großen kreis bis hinter st. pauli und kehrte dann nach anderthalb stunden nach hause zurück. ruhig. und ein bisschen belustigt über mich selbst.

ins bett gegangen, vom objekt geträumt, dass es am anderen ende der welt weilt und ich es mit gps tracke. dann ein anschluss-alptraum, dass ich wieder in die klapse muss. irgendwie auch logisch nach der gps-nummer.

beim aufwachen war das objekt aus meinem kopf verschwunden. die normalität wartete auf mich. zum ersten mal seit sechs wochen kein serotoninloch. stattdessen lust auf frühstück. auf die radtour ins büro. auf musikhören dabei. auf gespräche mit meinen kollegen. so, wie meine welt früher mal war.

gesteigerte produktivität, die ich wie immer krass ausnutzen muss. wie eine irre gearbeitet. nach hause gedüst, einkaufen, abspülen, waschen, weiterarbeiten. sport machen. leicht überdreht, aber gut drauf.

wie immer frage ich mich, ob die medikamente endlich wirken oder ob die stimmung von selbst so normal ist. ich werde es vermutlich nie erfahren.

but nevermind.

mein mitinsasse schickt gute-nacht-grüße. um 23.16 uhr, weil ich gestern auch um 23.16 uhr welche geschickt habe.
mir ist warm ums herz.
heute nacht vielleicht keine objekt-alpträume.

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Sonntag, 10. August 2014
zärtliche parasiten
der anruf kommt unerwartet gegen mittag. ein ehemaliger mitinsasse, der mich schon während meiner zeit drinnen mit großen augen verfolgt und mir einmal gestanden hatte, dass ich für ihn ein faszinierendes wesen sei.

heute hat er freigang und fragt, was ich so mache. wie immer habe ich keine sonntagspläne, außer dass ich auf mein spar-mittagsmenu vom lieblings-asiamann warte - das kulinarische highlight meiner woche, mangels anderweitiger highlights.

"ich könnte in einer halben stunde bei dir sein", sagt der mitinsasse.
"äh", sage ich und denke: der will bestimmt ficken.
"also nur wenn du willst", beschwichtigt der mitinsasse.
"wir könnten ja spazierengehen", schlage ich leicht hysterisch vor.
"das können wir doch auch nachher noch entscheiden", sagt der mitinsasse sanft.

nachher. nach dem fick?
ich bin skeptisch. anderseits: den ganzen sonntag alleine rumhängen? ich lausche in mich hinein. ein fick ist immer noch eine erträgliche dosis nähe, oder nicht? und wenn es nicht läuft, schicke ich ihn eben weg.
"okay", sage ich.
"schön", freut sich der mitinsasse.
herrimhimmel. ich sollte mal nein sagen lernen.

kurz darauf klingelt es an der tür. ich öffne und bin dann von mir selbst überrascht, denn ich freue mich. der mitinsasse tritt ganz langsam ein und zieht im flur die schuhe aus. wow. gut erzogen. das gefällt mir.
"bei dir siehts ja aus wie bei mir", sagt er, als er sich langsam umsieht.
"echt? lebt du auch im sperrmüll und so spartanisch?" versuche ich witzig zu sein.
"das ist nicht spartanisch, das hat stil", findet er.
aha.

er setzt sich in meinen besuchersessel, während ich tee mache. alkohol darf er nicht, wird ja in der klapse streng kontrolliert.
dann sitzen wir zusammen und reden über dies und jenes. es ist angenehm. ich entspanne mich langsam. vielleicht ist er ja doch nicht nur zum ficken gekommen.

als wir am fenster stehen und ich von meinem horror-volontariat erzähle, nimmt er mich unvermittelt in den arm. ganz ruhig und ganz sacht. ohne die hände wandern zu lassen wie andere es immer tun, um meinen hintern zu befummeln oder meine brüste zu betatschen. ich atme tief ein und aus. und werde ruhig. die anspannung fällt von mir ab. für einen moment brennen tränen der dankbarkeit hinter den augäpfeln, aber sie bleiben unsichtbar, trocknen. ich atme ein und aus im takt mit meinem besucher.

als wir uns lösen, sagt keiner etwas. es ist klar, diese umarmung war ein geschenk, mit dem wir uns gegenseitig beschämt haben.

wir gehen dann doch spazieren. aus einem impuls heraus führe ich den mitinsassen ins moor. wir sitzen am wasser und beobachten die enten, während die enten uns beobachten, ob wir nicht doch gleich etwas essbares aus der tasche ziehen.
"soll ich mal was gemeines machen" frage ich.
der mitinsasse nickt.
ich raschle mit einer packung taschentücher. daraufhin stürzen von überall enten aus den büschen und versammeln sich vor unseren füßen.
"das ist ein agentur-trick", erläutere ich. "man verspricht eine belohnung, woraufhin sich das team beide beine ausreißt, und wenn der erfolg eintritt, nimmt man alles zurück."
der mitinsasse schaut mich lange an.
"dir ist viel scheiße passiert, was?"
"kann man so sagen. obwohl ich nicht behaupten möchte, das meine scheiße so wahnsinnig viel schlimmer ist als die der anderen."
da legt der mitinsasse seinen arm um mich, und ich krieche hinein.

später stehen wir an der u-bahn. ich ertappe mich, dass ich breit grinse.
"das war eine gute idee, dass du vorbeigekommen bist", sage ich.
"finde ich auch", strahlt der mitinsasse. "mir gehts gerade richtig gut."
"mir auch."
"sehen wir uns wieder?"
ich nicke.

dann drehe ich mich um und gehe. der mitinsasse winkt noch einmal vom gleis, ich winke zurück. und kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte mal so wohlgefühlt habe.

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nadelöhr
party-versuch. ich tauche gutgelaut ins nachtleben, aber kaum bin ich unter leuten, schlägt die soziale lähmug zu. ich klebe in der ecke, sauge an einer zigarette und bin nicht in der lage, ein bier zu bestellen. los jetzt, du dumme kuh, sage ich mir, aber die dumme kuh will nicht vom eis.

aus der menge löst sich der architekt und grüßt mich. die soziale lähmung lässt nach einigen sätzen nach.
"wie findest dus heute", will der architekt wissen.
"nicht so pralle", sage ich. die lieder sind alle tausend mal gehört, die leute sind schrecklich besoffen oder schrecklich hässlich oder beides, und ich bereue es, den weg hierher gemacht zu haben.
"du warst aber schon länger nicht mehr hier", stellt der architekt fest.
"ich war sozusagen nicht in freiheit."
der architekt schmunzelt.
"klingt, als wärst du im knast gewesen."
"so ähnlich. psychiatrie. so richtig mit nicht rausdürfen und so."
"warum denn das?"
"ich habe ein bisschen zu überzeugt vorgehabt, mich aus diesem leben davonzumachen."
der architekt guckt und guckt und weiß offenbar nicht, was er sagen soll.
"du musst das jetzt nicht kommentieren", nehme ich ihm die verlegenheit.
"äh ja. menschen sind schon seltsam", sagt er dann.
"definitiv. und man steht als seltsamer auch immer auf verlorenem posten."

der architekt schweigt und nuckelt an seinem bier.
"ich würde ja gern mal wieder knutschen", sagt er dann.
"ich stehe nicht zur verfügung", sage ich lächelnd. "außerdem wär das langwilig, du hattest mich ja schon."
"das wäre jetzt meines erachtens kein hindernis."
"ich weiß. aber für mich schon. ich habs satt. ich will nicht so einen luftikus. ich will einen menschen, der mich für ein bisschen länger erträgt als für eine zufällige begegnung."
der architekt wiegt den kopf.
"verständlich."

wir lehnen an der wand und schauen in die menschenmenge.
"da ist heute aber auch nix, was man knutschen könnte", finde ich.
"mann oder frau, was meinst du?"
"beides. ich bin bi, ich hab immer den blick auf beides."
der architekt lächelt.
"menschen sind schon komisch", sagt er noch einmal, und dann:
"aber ich mag das."
"ich mag das nicht mehr so, obwohl es auch interessant ist."
"was meinst du?!"
"nunja, es zieht mich an. es ist nicht langweilig. aber gleichzeitig... mag ich nicht mehr. ich hab mich so von den menschen verabschiedet, großtenteils. obwohl ich vermutlich süchtig bin nach begegnungen."
der architekt schaut verwirrt.
"das ist ein krasser grenzgang. wenn es die ganze welt gibt voller menschen, für mich gibts nur ein nadelöhr. das ist unheimlich schwierig", sinniere ich.

der architekt gibt das verstehenwollen sichtlich auf und schnorrt ein zigarette.
"ich werde gleich gehen", kündige ich an.
der architekt nickt.
"obwohl du ja gerade erst gekommen bist."
"nicht mein abend", erwidere ich.
"kannst du mir einen gefallen tun", fragt der architekt noch, und ich denke, was für einen gefallen, und träume einen augenblick davon, dass er sagt, bitte bring dich nicht um.
"gibst du mir noch ein zigarette für später?"
ich muss lächeln, weil ich so absurd denke, und gebe dem architekten die ganze schachtel.
"da."
der architekt guckt wieder verwirrt.
"ist okay", sage ich.

dann gehe ich.
ohne mein nadelöhr gefunden zu haben.

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Sonntag, 3. August 2014
baumgarten reloaded
gegen acht klingelt das objekt an.
"ich habe jetzt gleich arbeit aus... und du wolltest doch noch eine aussprache. ich dachte, wir könnten uns doch hier in den park setzen, weißte, wo wir im winter waren?"

20 minuten später treffen wir uns am besagten heiligen ort. das objekt kommt gerade angeradelt, als ich die zelte im übertragenen sinne aufschlage und schon mal den tabak auf dem paper ausbreite. ich bekomme eine bärenumarmung, dann plumpst das objekt auf die bank, schleuert die tasche von sich, trennt das arbeitsschildchen von der kleidung und zieht das hemd über dem t-shirt aus.
"schön, dass das so spontan geklappt hat!" findet es und beugt sich dann herüber, um gras auf den tabak zu krümeln.

ich sitze in der pheromonwolke, die glücklicherweise rasch von einer brise warmem sommerwind davongetragen wird, und fühle mich angespannt. nach einigen zügen und mit zunehmender entspannung sucht das objekt nach worten und macht den anfang unserer unterredung.
"morphine, ich möchte dir sagen, dass ich eigentlich gar nichts zur aussprache beitragen kann, weil von meiner seite aus im grunde alles in ordnung ist. ich mag dich, du bist ein wunderbarer mensch, und ich bin froh, dich zu kennen."

ich merke, wie die wut in mir hochsteigt.
"und zum thema urlaub? hast du dazu auch nichts zu sagen?"
"es tut mir leid, dass es nicht geklappt hat..."
"ach."
"ich wollte nicht mit der gespielin fahren. echt nicht. ich hatte den urlaub sogar noch mal verschoben und es geschafft, dass sie nicht mitkonnte. aber dann hat sie solange ihren dienst getauscht, bis es doch möglich war. ich war total durch den wind wegen diesem ewigen hin und her. ich wusste bis zum tag vor der abfahrt selber nicht, was werden würde. ich war sogar regelrecht traurig und hätte gedacht, dass die gespielin das merkt und mich wenigstens fragt, willst du vielleicht lieber allein fahren, ist das überhaupt okay für dich, dass ich dabei bin?"
"du armes opfer deiner beziehung."
das objekt schaut nervös.
"ich weiß, ich hätte es ihr sagen müssen, dass ich mit dir fahren wollte. ich hab mich nicht getraut und ich habe das den ganzen urlaub lang bereut. es tut mir wirklich leid, ich habs nicht übers herz gebracht und dachte dann, na ist ja sowieso alles zu spät."

ich schaue das objekt an, das vage richtung teich blickt. schöne worte mal wieder.
"du hast mir sehr wehgetan, und ich will, dass du das weißt."
das objekt schaut mich kurz verzweifelt an.
"deshalb bin ich ja so. deshalb will ich dir auch nicht näher kommen. ich tu dir bloß weh. die distanz ist die einzige möglichkeit, dich vor mir zu schützen."
ich bin verwirrt.
das objekt fährt fort:
"ich versuche immer, dass du mich nicht zu fassen bekommst. weil du schaffst das leicht, manchmal selbst wenn ich die distanz halte... du kannst mich erreichen und berührst dann so punkte... du rüttelst an meinem ganzen system. deshalb vermeide ich es, dir nah zu kommen."
das objekt hat angst vor mir. und vor seinen gefühlen in unserem kleinen kosmos. endlich habe ich meine theorie durch das objekt höchstpersönlich bestätigt.
"trotzdem war das echt scheiße von dir", sage ich.
"wirklich, es tut mir so leid", beteuert das objekt und starrt dann wieder zum teich rüber.

dann sagt es zögerlich:
"ich habe in drei wochen noch mal ein paar tage urlaub."
"schön für dich, ich nicht", sage ich barsch.
das objekt kaut auf seiner unterlippe.
"wir könnten doch dann wegfahren. so du und ich. die gespielin muss arbeiten, das steht fest."
"ich muss auch arbeiten. wie stellst du dir das vor?! außerdem, woher weiß ich, dass dus ernst meinst?"
das objekt hibbelt nervös auf der bank. ich fahre fort:
"und wie kommst du überhaupt darauf, dass ich noch mit dir da hinfahren will? mal im ernst, vielleicht bin ich ja froh, dass ich das inzwischen gar nicht mehr möchte."
meine stimme bebt, ich spüre neben der wut auch tränen hinter den augen drücken.

das objekt streckt den arm nach mir aus und zieht mich an seine brust.
"ich hab mich wegen dir so furchtbar gefühlt, dass es mir den halben urlaub versaut hat", fahre ich fort und komme mir dann doch mies vor, da ich ja gar nicht weiß, ob es mir mit dem objekt und dem sohnemann wirklich so gut oder besser gefallen hätte.

das objekt streichelt mich ein wenig hilflos und findet keine worte mehr. dann dreht es einen zweiten joint und danach einen dritten.
"ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen."
"kannst du nicht."
"aber denk doch noch mal drüber nach. vielleicht wäre das eine option. wir könnten alles nachholen."
"und dann sagst du zwei tage vorher ab?"
"nein. echt nicht."
ich hole tief luft:
"dann denk du doch erstmal drüber nach, was du tun kannst, damit ich dir das glauben könnte. wenn du es dir schon so sehr wünschst."

fünf minuten später stehen wir am ausgang des parks, nicht versöhnt, aber um einiges unaugesprochenes erleichtert. nach einer umarmung radelt jeder in seine richtung durch eine sternklare sommernacht. jeder stern eine hoffnung, habe ich früher immer gesagt. heute sage ich, alles nur blendwerk längst verloschener sonnen.

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Sonntag, 27. Juli 2014
papiersoldat
clubbing. als ich zu fortgeschrittener stunde die geheiligten hallen betrete und mich der tanzfläche nähere, stürzt das objekt auf mich zu, fällt mir um den hals und gibt mir einen feuchten kuss auf die wange.
"mensch, vor zehn minuten hab ich auf die uhr geschaut, da war es zwei, und ich dachte, zehn minuten noch, das wäre dann morphine-zeit!"
der überschwang an freundlichkeit überrumpelt mich, nimmt mir aber auch die befangenheit. ich beschließe, das objekt weder zu verhauen noch mit petzen zu drohen noch sonstwie zu verschrecken, sondern es stattdessen als potenziell einzigen künftigen umzugshelfer zu begrüßen. zutreten geht auch später noch. also lächle ich, klopfe ihm souverän auf die schulter und wende mich dann einem vorbeieilenden bekannten zu.

ich gehe erstmal tanzen. am rand stehen das objekt und t. und unterhalten sich. ich bemerke, wie das objekt mich beobachtet. als mir das zu viel wird, gehe ich eine rauchen. im nebenraum treffe ich eine bekannte an der bar und wechsle einige worte mit ihr. unter anderem berichte ich von meinen umzugsplänen.
"aber warum willst du denn weg hier?" fragt sie verwundert.
ich fasse kurz zusammen: job kacke, freundeskreis suboptimal, objektdesaster.
sie nickt:
"dann ist das vielleicht eine gute idee."
wie immer warte ich ein wenig auf einen satz wie "aber schade finde ichs trotzdem", doch darauf kann ich lange warten. die bekannte ist zwar sehr nett, aber auch sie würde mich niemals vermissen.

ich will auf toilette gehen, als das objekt gerade aus selbiger kommt.
"hey morphine, willst du was trinken?"
schlechtes gewissen teil zwei.
"hm, ich weiß nicht."
"dann warte!"
das objekt wuselt zur bar und kommt mit zwei bier und zwei kurzen wieder.
"was das für ein zeug?" sage ich und beäuge die kurzen kritisch.
"orgasmus", grinst das objekt. "baileys und sambuca."
"na dann", sage ich.
wir stoßen an und exen die dinger. ein süßes brennen rinnt durch meinen rachen.
"uarghs", sage ich.
das objekt schaut mich an, erhascht meinen blick, stellt dann aber abrupt sein bier zur seite und sagt:
"ich muss tanzen."
und weg ist es.

die nächsten stunden sehe ich es kaum. es hängt mit t. herum und fast habe ich den eindruck, dass es t. wie einen schutzschild benutzt, weil es weiß, dass ich mich in gespräche selten einmische.
erst gegen fünf treffen wir uns an der bar wieder, wo das objekt von einer unglaublich dicken, aber irgendwie sehr sinnlichen frau belabert wird. als sie mich kommen sieht, steht sie allerdings sofort auf.
"oh", sage ich, "hab ich dir deinen flirt kaputt gemacht?"
"nee", sagt das objekt, "die kenn ich schon länger. die ist masseuse und wollte mich mal massieren."
ich grinse.
"kann ich mir lebhaft vorstellen."
"aber das war mir zu heikel. ich hab ja eine freundin."
"was dich bislang aber wenig gehindert hat."
das objekt schweigt und nuckelt an seinem bier.
"naja", fährt es dann fort, "jedenfalls hat die vorhin voll den terror gemacht, warum ich sie nicht zurückgerufen hab."
"in welchem kontext?"
"na wegen des termins."
"ich dachte, du wolltest keinen termin wegen deiner freundin?" ich male anführungszeichen mit den fingern in die luft, wie es das objekt bislang immer getan hatte, wenn von der gespielin die rede war.
das objekt macht eine unwirsche handbewegung.
"jedenfalls hab ich ihr gesagt, ich hatte keinen termin frei für eine massage. jetzt war sie total pampig."
ich ziehe die augenbrauen hoch.
"du hast eben auch ein sehr liberales verständnis von verbindlichkeit. und wenn du ihr anlass gegeben hast, dass sie mit deinem anruf rechnen darf..."
das objekt schaut sauer.
"aber ich bin ja mit der nicht verheiratet. auf so eine reinwürgenummer lass ich mich nicht ein, schließlich habe ich eine freundin!"
"du sagtest es bereits."

schweigen. ich beobachte das objekt. es wirkt distanziert und klammert sich an seiner flasche fest. ich ahne, dass es sich wieder mal für die kommenden drei bis sechs wochen auf die monogamie-nummer besonnen hat und mir und allen anderen mit vehemenz beweisen will, dass es ihm ernst damit ist.
ich muss in der wunde bohren:
"haste mal wieder nen typ gefickt in letzter zeit?"
das objekt schüttelt den kopf.
"das ist immer so kompliziert. die interessanten muss man immer erst aufklären, und die anderen sind sowieso schwul und verlieben sich dann gleich. das ist mir zu anstrengend geworden. und schließlich..."
"... hast du ja eine freundin", vollende ich den satz, und das objekt schaut dumm.

ich überlege, was ich als nächstes ins gespräch einstreuen soll, als mich das objekt plötzlich antippt und auf ein ausgemergeltes mädchen zeigt, dass in wilden, aber ungelenken verrenkungen vor sich hintanzt.
"guck mal."
"was guck mal? der buimiekranke grashüpfer da?"
"das ist keine bulimie, das ist magersucht."
"das weißt du doch gar nicht, vielleicht ist es auch beides."
das objekt schaut mich belustigt und wissend an, um mir dann zuzuraunen:
"was meinst du, wenn ich jetzt hingehe und sie frage, ob sie für mich im käfig tanzt... macht die das?"
ich zucke die achseln.
"wirf was in den jackpot."
"ein freigetränk?"
"okay. aber das sollte sie selber wählen, wenn du ihr alk aufdrückst, sieht das nach abfüllen aus."
das objekt fixiert das mädchen und fragt mich dann:
"was wetten wir?"
"um gar nichts. du machst ja eh nicht ernst, du bist doch so monogam."
endlich hab ich das objekt bei seinem jägerehrgeiz gepackt.
"okay, wenn es nicht klappt, bekommst du das freigetränk."
"okay."

das objekt nähert sich dem mädchen und sagt etwas zu ihr. sie unterbricht ihre verrenkungen, lächelt sichtlich geschmeichelt und antwortet etwas. nach einigem hin und her bewegt sie sich richtung käfig. das objekt dreht sich zu mir und feixt, während das mädchen zu tanzen beginnt.
nach zwei liedern geht das objekt erneut auf das mädchen zu und fragt es offenbar, was es trinken möchte. dann zieht es brav los, kommt mit einer cola zurück und drückt sie dem mädchen in die hand.

anschließend wuselt es sich durch die menschenmassen zu mir durch, nimmt mich in den arm und beömmelt sich:
"hihihi, ich hab der ne cola gekauft!"
ich zucke die achseln.
"na und, ist doch okay."
"guck doch mal!"
das mädchen steht mit seiner cola herum und trinkt sie nicht.
"das ist ne cola! eine richtige!"
ich schaue immer noch verständnislos.
"MIT ZUCKER! sowas, wovon du immer so herrlich entsetzt sagst, das sei ne hauptmahlzeit!"
ich verstehe:
"sie wollte eine cola light?"
"richtig. und ich dachte, ich tu mal so, als hätte ich keine ahnung."
ich schaue das objekt an:
"du bist ein totales arschloch."
leider klingt das zu freundlich und das objekt fasst es als kompliment auf.

"ich will eine neue wette", sage ich.
"was denn?"
"geh zu ihr hin und frag sie, ob du mal von ihrer cola trinken darfst."
das objekt überlegt.
"nee, das mach ich nicht."
"schisser."
"nee, aber das wäre irgendwie... aufdringlich. erst anfüttern und dann ruhen lassen. wenn ich das jetzt mache, was du vorgeschlagen hast, versau ich mir vielleicht die anknüpfungsmöglichkeit bei der nächsten begegnung."
ich betrachte das objekt und gratuliere mir selbst ganz still und leise: ich habe das objekt genau da, wo ich es haben wollte: in seinem alten element. das freundinnen-gelaber ist ein papiersoldat, hinter dem es sich selbst versteckt. ich beharre also nicht weiter auf der cola-nummer, spotte nur noch ein wenig über mangelnde eier in der hose und ziehe es dann in den nebenraum, der schon ganz leer ist.

"zigarette, bitte", sagt das objekt und schaut mich an. ich gebe ihm eine zigarette und feuer, dann beugt es sich über den tresen und bestellt bionade für mich.
"ich hasse das zeug", sage ich, als das objekt mir die flasche zuschiebt.
"du sollst nicht den ganzen abend alkohol trinken, wenn du was geschnupft hast."
ich bin perplex.
"sieht man das?"
"ein bisschen, wenn man dich gut kennt. deine augen glänzen anders."
ich gebe mich geschlagen und grinse:
"war aber gut."
"ach echt?"
plötzlich beugt sich das objekt zu mir herüber und steckt mir die zunge in die nase.
ich weiche zurück und schubse es weg.
"bah, das ist doch eklig!"
"hmmmmm", macht das objekt genüsslich.

wir schauen uns an. das objekt gönnt mir noch einen moment offenheit, dann sammelt es sich, schlägt die beine übereinander und trinkt weiter an seinem bier.
"wo haste das her?" fragt es, ohne mich anzuschauen.
"sag ich nicht. willste was?"
das objekt zögert.
"nee... nee, lieber nicht. sonst dreh ich total auf, dann... eskaliert der abend am ende noch... irgendwie. außerdem brauch ich das nicht mehr."
ich hab ja nun eine freundin, vollende ich die argumentationsreihe für mich im stillen.

das objekt spielt wieder den coolen, schaut durch den raum und würdigt mich keines blickes.
"ich muss dann auch mal los."
ich sage nichts.
da schenkt mir das objekt wieder seine aufmerksamkeit.
"wollen wir gemeinsam aufbrechen?" fragt es sanft.
vorsicht, sage ich mir. vorsicht. nicht mitschnacken lassen. cool bleiben. tapfer sein.
"okay", sage ich nach einigem zögern.
das objekt holt seine sachen von der garderobe und schließt sein rad auf.
"wohin musst du?"
"zum bus."
"in ordnung, ich bring dich."

schweigend schiebt es neben mir her den ganzen berg hoch. einige male suche ich seinen blick, aber es ist vollkommen zurückgezogen in seinen gedanken. erst am bus macht es den mund wieder auf.
"ja... dann..."
wir schauen uns an.
etwas stört in meinen augen. ich wische.
"nicht, morphine", sagt das objekt ernst und sehr leise. "nicht."
es beugt sich zu mir und nimmt mich in den arm, ganz fest, um mich dann plötzlich loszulassen und beinahe ein wenig von sich zu stoßen. zwei sekunden später sitzt es schon auf dem rad und kehrt mir den rücken zu.

ich wende mich der bushaltestelle zu. alles verschwimmt, die beine zittern und mir wird schlecht. kreislauf, denke ich. aber dann muss ich nur weinen. so sehr, dass mich der busfahrer erschrocken anschaut und mich fahrkartenlos durchwinkt. 20 minuten später steige ich mühsam gefasst an meiner zielhaltestelle aus, um dort festzustellen, dass mal wieder mein rad geklaut wurde. ein letztes zeichen, dass ich in dieser stadt alles und damit nichts mehr verloren habe.

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Samstag, 26. Juli 2014
kuschelnester
nachts kommt sie. die nackte angst. das klammern an dem zuhause, das weniger bedrohlich erscheint als der fremde 3-millionen-einwohner-molch.

die angst hat einen partner. es ist die müdigkeit. die möchte gerne noch den x-ten versuch, dass ich hier einen job finde und freunde und vielleicht mal jemanden, den ich liebe, der nicht das objekt ist. bloß nicht bewegen müssen. komfortzonen-geklammer.

ich versuche mich zu erinnern, wie ich mich fühlte, als ich nach hamburg zog. die angst war etwas weniger stark. es hieß lediglich, ins gemachte nest zu rutschen. dass es dort dann eher ungemütlich werden sollte, konnte damals noch keiner wissen. der horror kam zeitversetzt. ohne diese anfängliche naivität und den glauben, dass schon alles gut werden würde, hätte ich die ersten acht monate hamburg nicht gepackt.

dieser glaube fehlt mir jetzt. stattdessen habe ich mich selber zu tragen, diese seele, die in den letzten jahren so viel trauerspeck angesetzt hat und immer schwerer wiegt. mir fehlt so viel kraft. ohne meine medikamente halte ich nichts aus.

da ist die hoffnung. dass der job ein anständiger sein könnte. dass sich das berliner soziale netz tragfähiger erweist als das hamburger. dass es auch im an sich leider hässlichen berlin eine schöne ecke gibt, in der man sich wohlfühlen kann.

die chancen stehen 50:50, sage ich mir. ich warte auf kein berliner wunder wie mein freun a., der sich im dezember deswegen enttäuscht erhängt hat. ich sage mir, dass es im grunde auch nicht schlimmer werden kann als hier, dass nicht mehr passieren kann, als dass ich physisch und psychisch krank, verarmt und einsam irgendwo ende. und dass es nicht drauf ankommt, ob dies in einer schönen oder hässlichen stadt passiet.

die entscheidung springen oder nicht ist noch nicht gefallen. sie fällt von außerhalb. ich habe mir allerdings versprochen, dass ich mich meinem schicksal beugen werde. es geschehen lasse. weil jeder kampf und jedes kopfzerbrechen bislang umsonst war.

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Montag, 14. Juli 2014
zwischen den stühlen
am samstag kurz nach meiner ankunft melden sich dritter und drittefreundin, dass sie für eine woche in hh sind und am abend auf party gehen wollen. ich bin vollkommen erledigt, aber dass die beiden lieben mal im lande sind, ist inzwischen recht selten. außerdem habe ich urlaub und kann ausschlafen, und überhaupt, schlafen kann man auch noch, wenn man tot ist.

wir kommen alle drei fast gleichzeitig an. während ich der drittenfreundin im foyer in die arme falle, steht der dritte noch an der garderobe mit schwerem gepäck.
"frag nicht", rollt die drittefreundin die augen, "der ist schlimmer als jede tussi."
dann kommt der dritte endlich angeschlichen.
"na, tussi", sage ich, boxe ihn ein bisschen und lasse mich dann fest drücken.

wir gehen zuerst tanzen, dann stehe ich mit der drittenfreundin draußen auf der terrasse und rauche eine. sie erzählt von ihrem studium, das sie jetzt doch endlich angefangen hat, vom kneipenjob und den katzen.
"weißt du eigentlich was vom objekt?" fragt sie dann. "der dritte hat sich schon die ganze zeit gefragt, ob er ihm wohl heute begegnen würde."
"der ist im urlaub", sage ich und erzähle dann der drittenfreundin die ganze traurige geschichte.
"boah, ist das mies", sagt sie. "aber irgendwie auch zu erwarten. der ist halt so. der dritte ist auch total angenervt davon, dass er sich nur so unregelmäßig zurückmeldet... und dann passiert es wieder, dass er drei tage hintereinander anruft, meist mitten in der nacht und den dritten zutextet. das geht halt gar nicht, wenn der am nächsten tag in aller frühe referat oder prüfung hat."
wir stehen rum, schweigen und schauen auf die straße.
"ich glaube, ich werde ihn verpfeifen", sage ich dann.
"wen?"
"na das objekt. bei seiner alten."
die drittefreundin hebt die augenbrauen.
"oh, das ist aber... hart. meinst du, du hast da was von?"
"naja, ich kenne mich und ich kenne ihn. in ein paar wochen sind wir wahrscheinlich wieder fröhlich am vögeln, und ich häng wieder drin in dieser nummer. wenn ich es schaffe, dass er mich hasst, so richtig richtig schlimm, dann habe ich einen bruch, den keiner mehr kitten kann. weißt du? dann habe ich für mich alle brücken abgebrochen."

"das würde ich nicht tun", sagt eine stimme hinter mir. der dritte war unbemerkt zu uns herangetreten.
"ich erwäge es ja nur", sage ich.
der dritte macht ein gesicht, als hätte er starke schmerzen.
"morphine, das ist jetzt ganz schwer für mich. ich bin mit dir befreundet und ich bin mit dem objekt befreundet... das heißt, ich müsste dir versprechen, meine klappe zu halten... und gleichzeitig müsste ich nun dem objekt sagen, was du vorhast."
"von mir aus kannst du es ihm gerne sagen. dann hat er noch eine chance, es seiner ollen selber zu beichten. ist ja nicht so schön, wenn man das von einer anderen erfährt."
der dritte ist nicht glücklich mit meinem vorschlag.
"was hälst du davon, wenn ich noch mal ihm rede?"
"worüber denn?"
"über dich."
"und was willst du ihm sagen? bittebitte sei netter zu morphine?"
der dritte überlegt angestrengt.
"ich könnte ihm sagen, dass er dich in ruhe lassen soll."
"ach, funkstille haben wir schon. das brauch ich nicht."
"na so für immer, weißte?"
"das wäre ein bisschen... merkwürdig. weil ich die affaire ja auch forciert habe. du könntest ihm höchstens sagen, er soll mich mit seiner gefühlebene in ruhe lassen. den schwanz nehme ich gerne, nur den rest soll er bitte an seine alte verschleudern."

der dritte nimmt mich unvermittelt in den arm.
"du bist ganz schön wütend und enttäuscht, hm? kann ich aber verstehen. aber machs nicht, das hat er nicht verdient."
"das hat er sehr wohl verdient."
"dann mach irgendwas anderes. hau ihn eine rein."
ich kichere.
"das würde übel für mich ausgehen."
der dritte schaut ernst.
"ich könnte dir nicht mit gewissheit sagen, was er macht, wenn du ihn verpfeifst."
"unternehmensrisiko."
der dritte packt mich an den schultern und schaut mir in die augen.
"lass mich mit ihm reden. bitte."
"okay, ich überlegs mir. aber dann müssen wir beide vorher noch mal durchsprechen, was eigentlich thema ist. wenn du ihm nämlich einfach erzählst, ooooh, die morphine will die gespielin impfen, dann erzählt er ihr, dass ich verrückt bin und mir eine affaire mit ihm ausgedacht habe, um sie auseinanderzubringen."
der dritte grinst.
"ein bisschen verrückt ist das ja auch."
"siehs mal andersrum. wenn die beziehung das aushält, können sie ihre tolle liebe ganz neu auf die tragfähige säule der wahrhaftigkeit bauen und zusammen steinalt werden."
"das willst du doch gar nicht."
"sagen wir mal so, es wäre eine unerwünschte nebenwirkung, die aber einen schönen legitimierenden beigeschmack hat."
"das ist doch bullshit, du bist doch einfach nur fies und willst ihm so weh tun, wie er dir wehtan hat."
"ich weiß auch noch wirklich nicht, ob ich so fies sein kann."
"das bist du auch gar nicht. du bist doch ein guter mensch. verlier dich nicht im hass."
"weißte, was mir das objekt mal erzählt hat über seine patienten? - gefährlich wirds, wenn aus den opfern täter werden. er weiß ja drum und er spielt damit."
"er manipuliert, ja. aber nicht bewusst."
"er hat aber den fachlichen und persönlichen weitblick, sein handeln zu überschauen. wer, wenn nicht er! bei all dem, was er selbst erlebt hat!"
der dritte zuckt verzweifelt die achseln.
"ja, ich weiß auch nicht... wie er da so blind sein kann. und ich weiß auch, dass du ihm etwas bedeutest, wir haben ja schon oft über dich gesprochen... das ist mir unbegreiflich."

inzwischen hat es angefangen zu regnen. wir werden nass und frieren.
"lass uns ein abkommen schließen", bittet der dritte. "du machst nichts, und ich sag auch nichts, und wir telefonieren die tage noch mal und besprechen, wie es weitergehen kann."
ich schlage ein, dann flüchten wir uns ins trockene.

drinnen wartet die drittefreundin auf uns, die unsere objektdiskussionen zum glück schon kennt. wir trinken noch etwas zusammen und tanzen, dann ist der abend auch schon wieder vorbei. als ich die beiden noch zur bahn bringe, merke ich, wie sehr mir solche freunde hier fehlen. und dass, wenn man darüber redet, auch eine objektmisere nicht mehr ganz so drastisch scheint.

zum abschied drückt mich der dritte und zieht mich dann noch mal kurz zur seite.
"würdest du das auch bei mir machen", sagt er mit blick auf die drittefreundin. "ich meine, wir haben ja auch..."
"warum sollte ich", sage ich. "du warst immer korrekt zu mir. du hast mir nie falsche versprechungen gemacht oder mich zu deiner zweitfrau erhoben."
der dritte wirkt sichtlich erleichert.
"naja, ich dachte nur, vielleicht bist du auch wütend auf mich..."
"hey. sowas mache ich nicht aus einem impuls heraus. da müssen alle begründungen sowie effekte und nebeneffekte durchdacht sein. auch eine kriegserklärung ist letztlich eine ethische entscheidung, die ich mir bestimmt nicht leicht mache. sonst würde ich auch nicht drüber reden, sondern still und heimlich etwas mieses abziehen und mich dann am größtmöglichen schaden erfreuen."
"mir wärs trotzdem lieber, du lässt das."
"es ist noch nichts spruchreif, wirklich nicht."
"gut. du denkst an unsere abmachung?"
"klar. hab ich je unsere absprachen gebrochen?"
"nein."
"na also. und jetzt, allez-hopp. euer zug fährt gleich."

ein letztes winken, dann fahren sie. und ich auch mache mich mit mit bleiernen gliedern auf den weg nach hause ins bett.

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Samstag, 12. Juli 2014
landeiern
nach einer vollen woche in und um berlin bin ich wieder in hh. gleich am bahnhof fällt mir das objekt ein, das jetzt sicherlich schon auf dem weg ins märchenland ist. mit tränen in den augen steige ich in die u-bahn und komme völlig frustriert bei mir an. in meiner wohnung dann fühlt sich aber doch alles ganz okay an, auch ohne katzen ist es definitiv ein zuhause. lüften, duschen, dreckwäsche waschen und dann durchatmen und relaxen.

ich lasse die eindrücke revue passieren und versuche zu filtern, was ich in berlin für mich feststellen konnte. zum einen, dass da wirklich fantastische, offene und aufgeschlossene menschen leben, die man auch gerne öfter mal sehen würde als einmal im jahr. zum zweiten, dass es teilweise schon recht raubeinig und multikulti zugeht - daran müsste ich mich erst gewöhnen. hamburg verwöhnt einen meist mit großer spießigkeit und dieser aus-dem-ei-gepellt-gepflegtheit, die oftmals schon fast ins künstliche geht.

den besten moment allerdings hatte ich vergangenes wochenende auf dem land. auch wenn mich nach zwei stunden schlaf der selbstverliebte hahn impertinent wachkrähte und mein gastgeber die blökenden schafe an meinem schlafgemach vorbei auf die weide trieb, erwachte ich so, wie ich es seit beginn meiner depression nicht mehr kenne: glücklich. der einzige gedanke: vorfreude auf den tag. dieses und-jetzt-und-jetzt-und-jetzt, wie es kinder so wunderbar draufhaben. körper, seele, geist, alles schien in diesem moment seit ewigkeiten wieder einmal zusammenzupassen. unter den füßen das sonnenverbrannte gras, weite äcker, blauer himmel mit schäfchenwolken und neben vereinzelten mäh-rufen der schafe und der lauthalsen wichtigtuerei des hahns nur stille und vogelgezwitscher.

noch vor zwei oder drei jahren hätte ich mich beim gedanken an landleben übertrieben gewunden und ein bisschen gelästert, ich und landeiern, geht ja gar nicht, bin doch großstadtpflanze durch und durch. aber angestoßen durch die objektive träumerei und das quo vadis, sollten meine eltern in den nächsten jahren sterben, hat sich offenbar ein kleines sympathiefeuer für das landleben in mir entzündet. alles noch ohne konkretion, fehlt schließlich noch der passende job, ja und falls es mit dem nix wird, muss ich mich wohl bei bauer sucht frau bewerben.

ich denke erstmal ganz langfristig. auf fünf oder zehn jahre. das ruhige leben läuft nicht weg. doch dahin will ich rüberhüpfen, wenn die parties der großstädte alle gefeiert sind.

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Freitag, 11. Juli 2014
wanna buy h, weed or coca?
0.30 uhr, s-bahn warschauer straße. ich ströme mit hunderten von jungen leuten aus dem bahnhof. eigentlich wollte ich noch mal kurz bei google maps gucken, wo ich eigentlich hin muss, aber es gibt nur eine richtung, und in die wird man vom pulk gedrückt. an der straßenecke biegen alle rechts ab, und ich sehe das schild revaler straße, genau mein ziel. just follow the lemmings.

ich kenne die revaler straße noch ganz gut von vor 12 jahren, als ich eine woche alleine durch berlin trampte und jede nacht irgendwo schlief bei irgendwem, den ich gerade kennen gelernt hatte. damals fand ich die revaler straße recht friedlich und übersichtlich. jetzt sind wir kaum in die straße eingebogen, da rieche ich es auch schon: die ganz luft steht voller kiffe. an der mauer, die ein altes industriegelände - jetzt partymeile - von der straße abschirmt, stehen sie spalier. dealer. klein und dunkelhäutig, keine türken oer araber, alles schwarze. sie stehen da allerdings nicht nur, sondern umwerben ihre klientel aktiv, aus marketingsicht fast löblich. immer wieder pirschen sie an einzelne heran, flüstern "hello" und machen dann ihre angebote: "coca" oder "weed" höre ich am häufigsten, aber ich könnte auch h oder ecstasy kaufen, wenn ich wollte.

zum ersten mal in meinem leben habe ich ein bisschen angst, obwohl mir klar ist, dass mir keiner der dealer etwas antun würde. sie wollen geschäfte machen, nicht mich ausrauben oder vergewaltigen. doch mit beunruhigung sehe ich, dass die geschäfte florieren und sich junge menschen, die ich kaum auf 16 schätze, eifrig zuballern. ich bin höflich, sage unzählige male "no, thank you" und "no, really, i´m fine", bis ich dann ende der straße stehe, wo es nur noch dunkel ist und ich plötzlich ganz alleine bin bis auf einen polizeiwagen, an dem zwei bullen lehnen, die mich anstarren. hoffentlich denken die jetzt nicht, dass ich deale, schießt mir durch den kopf und ich überlege angestrengt, was ich noch in meiner handtasche bei mir trage. dann fällt mir ein, ich könnte die bullen ja fragen, wo ich hier eigentlich bin und ob sie den club kennen, in den möchte, der sich da vermutlich irgendwo in den vielen baracken hinter der mauer befindet. dann bemerke ich, dass mich ein dealer beobachtet und dass bullenkontakt womöglich missverstanden werden könnte, also mache ich auf dem absatz kehrt und wage mich noch mal die straße runter durch die drogenhölle.

die dealer, die mich wiedererkennen, freuen sich, offenbar hat es sich die blöde kuh doch anders überlegt und möchte jetzt kaufen. zwei verkaufsgeile gnome kletten sich an meine fersen und fragen mich aus "where you come from", "where you go", sagen "you´re beautiful" und preisen dazwischen immer wieder ihre reichhaltigen vorräte an. um sie endlich loszuwerden, laufe ich immer weiter in das düstere industriegelände hinein und stehe plötzlich vor dem club, in den ich eigentlich möchte.

geschafft. ich merke, dass ich gestresst bin, aber hey, jetzt sind wir schon mal da, und am eingang stehen zwei gestalten, die ich irgendwo in einem berliner club schon mal gesehen habe. also rein und erstmal ein drink. trinken kann man hier wie auch überall sonst recht günstig.

ich setze mich an den rand und beobachte erstmal alles. die musik ist richtig gut, kein vergleich zum mainstream-programm, wie es in hamburg oft abgespult wird. das publikum ist recht spärlich, wenige tanzen, die meisten sitzen rum wie ich, nippen an drinks und rauchen. überhaupt rauchen alle drinnen wie draußen, auch als sich ein altpunk beschwert, dass rauchen drinnen nicht erlaubt sei, aber vielleicht macht er auch nur einen scherz.

ab halb zwei strömen immer spackelige bleiche jungs mit bart und tunnels herein. sie kommen vermutlich aus den dissen nebenan. viele können sich kaum auf den dürren beinchen halten, aber das verwundert nicht angesichts des reichhaltigen drogenangebots. an ihrer seite tümmeln sich ein paar bulimische mädchen mit fettigen haaren und männerhüten, eine von von ihnen hat ein gipsbein, aber hauptsache tanzen. es müffelt nach amphetaminschweiß, und ich brauche noch einen drink.

dank des ausgezeichneten dj-programms bleibe ich trotz optischen brechdurchfalls mehr als zwei stunden, dann mache ich mich auf den nachhauseweg, noch mal drogen horror picture show, dann eine runde nachtbus mit menschen, die alle nicht mehr wissen, wer sie sind und wohin sie eigentlich wollen, es ist lustig und traurig zugleich und es stinkt schon wieder zum himmel.

als ich am nolle aussteige, weiß ich: berliner partyleben im alleingang ist nur für hartgesottene. und vermutlich bin ich in dieser stadt wirklich zu alt dafür.

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