Mittwoch, 22. April 2009
mengenverhältnisse
heute gelesen, dass es inzwischen genauso viele übergewichtige menschen auf der welt gibt wie unterernährte. schuld am übergewicht sei laut neuer forschungsergebnisse der urinstinkt aus der frühgeschichte des menschen "friss, was du kannst, weil du nicht weißt, wann es wieder was gibt". komischweise hört dieser trieb nie auf, auch nicht, wenn man 200 kilo wiegt.
das interessante ist - ganz ohne jetzt diskrimieren zu wollen, denn es stand im focus - dass das übergewicht vieler menschen der umwelt schadet. denn diese menschen belasten durch vermehrte treibhausgasproduktion das klima! klingt wie ein absurder witz, ist es aber nicht.
ich erinnere mich, als kühe wegen ihrer methangasproduktion in der kritik standen. sie würden den treibhauseeffekt ankurbeln. verrückt.

... link


Montag, 20. April 2009
pharmamusikalisches
(achtung, eklig!)

als ich heute meine schlaftabletten bestellte - die guten rezeptfreien, die immer so reinhauen, weil sie unlogischerweise die doppelte dosis enthalten wie die rezeptpflichtigen - stöberte ich noch ein wenig in den damenhygieneartikeln. da nicht nur mann, sondern auch frau heutzutage allzeit bereit sein muss, und das auch noch, ohne spuren zu hinterlassen, überlegte ich angesichts der bloody roots, die ich so hinter mir herziehe, ob ich nicht besser mal wieder softtampons kaufen sollte. also die dinger, die beim sex drin bleiben und das laken sauber halten und die auch immer die damen aus dem horizontalen gewerbe benutzen, um nicht eine ganze woche pro monat einnahmeausfall zu haben. der hase, der kein fremdes blut an ureigenen körperteilen mag, würde es mir danken, dachte ich, und die umwelt auch, wenn wir nicht immer soviel vanish-ochsen-action verbrauchten.

wer den spaß haben will, muss allerdings auch tief in die tasche greifen. der stückpreis der schaumstoffbällchen liegt bei über einem euro. nicht unbedingt für den täglichen gebrauch geeignet. einmal menstruieren würde da etwa 15 bis 20 euro kosten, je nach überschwemmungsintensität. aber es sollte doch unlängst mal günstige alternativen geben, dachte ich entnervt. das ist ja schon diskriminierend, diese tampon-preise. sollte man mal versuchen, für eine packung schlabbriger spüllappen mit vier stück inhalt fünf euro zu verlangen! aber tampon-preise haben sicherlich männer gemacht. solche männer, die auch die schwarzafrikanischen baumwollpflücker und freundschaftsbändchenknüpfer schikanieren. trickreich sind die obendrein: dort, wo die tampons erfreulicherweise nur die hälfte kosteten, zahlt frau auch gleich mal 5,90 euro versandkosten. das haben doch die typen erfunden, die diese "warum haben frauen ein gen mehr als ein pferd - damit sie nicht aus dem putzeimer trinken, hahaha"-witze reißen.

ich war erzürnt. ich schäumte vor galle und wollte mich auf der stelle einer terrorzelle verhutzelter feministinnen anschließen. doch plötzlich musste ich meinen zorn zügeln: denn da waren sie endlich - neben gleitmitteln, analduschen und anderen frivolitäten von derselben marke. ein paar cent preiswerter als vom gängigen hersteller und mit einem namen, der himmlische musik in vieler menschen ohren sein muss: j*y d*vision.
ich überlegte reiflich, doch dann begann ich, mich komisch zu fühlen. das produkt vor augen und die musik im ohr wollten nicht recht passen. schließlich verwarf ich den kauf. die band und diese tampons, das ging einfach überhaupt nicht zusammen. ich fand das ganze irgendwie ein wenig geschmacklos. und selbst wenn es sehr nahe läge - man nennt ja auch kein hörgerät "beethoven" oder ein abführmittel "dieter bohlen". wo kämen wir denn da hin.

... link


Freitag, 17. April 2009
indifferent
zwei seelen wohnen, ach, in meiner brust. teufelchen und gretchen, das bin ich wohl. zwischen der, die ich war und der, die ich bin, liegen welten. aber wie tag und nacht mischen sich diese welten neuerdings wie in einem traum. beide sind inzwischen präsent. und die, die jeweils gerade nicht präsent sein darf, macht in form dieses brennenden gefühls in der brust, das man sehnsucht nennt, auf sich aufmerksam. ich bin zerrissen, wunden küsst mir allerdings keiner. wer sollte das auch können.
ähnlich fühlte sich der anfang meiner pubertät an. zum einen wollte ich gerne das liebe kleine mädchen sein und mich abends auf der couch bei meiner mutter ankuscheln. zum anderen wollte ich von zuhause weglaufen, drogen nehmen und mit damals nicht vorhandenen freunden wilde parties feiern. beides war nicht drin, nicht einmal eins von beiden. ich stand draußen, schaute mir beim leben zu und konnte nur den kopf über mich schütteln. hesses "demian" wurde damals zu einem sehr wichtigen buch für mich. bei allem, was ich tat, um halbwegs ich zu sein, das ich, von dem ich meinte, dass ich es sein müsste - bei all dem blieb stets ein gefühl: das gefühl des selbst verursachten unglücks. vielleicht tat ich nicht einmal das falsche, aber mein handeln und mein umfeld passten nicht zusammen.
bitter, dass man fast doppelt so alt wieder einmal an dieser weggabelung steht. und das schlimmste: man steht. weil man ja im alltag inzwischen nicht mehr zum nachdenken kommt. alles konzentriert sich darauf, dass man am ende des tages das nachdenken abschaltet, um schlafen zu können, um den nächsten tag, an dem man wieder und wieder seine rolle spielt, ertragen zu können.
einen unterschied zu meinem 13jährigen ich gibt es allerdings: damals war ich noch davon überzeugt, dass mein leben noch anfangen und dass dann alles gut werden würde. diese hoffnung habe ich heute nicht mehr.

... link


Montag, 13. April 2009
drei tage lang karfreitag
das wetter brilliert, die vögel zwitschern. und nichts tut etwas zur sache.

es sind die situationen, in denen man sich einen bruder oder eine schwester wünscht. jemanden, der mit einem zusammen übrig bleibt. jemanden, der nicht nur sagt, alles wird gut, sondern die oder der dasselbe fühlt.
meine eltern haben sich gedanken um sterben und tod gemacht. für mich bedeutet das nun, mich über patientenverfügungen, vormundschaftsregelungen und vollmachten zu informieren und die dinge in die wege zu leiten. "du bist ja alles, was wir haben", sagt mein vater immer wieder. ich soll für den eintretenden fall zum vormund meiner eltern bestimmt werden. das haus erhalten oder verkaufen. familienangelegenheiten nicht in in fremde hände geben. vermögensverwaltung im schnellkurs. morgen dann bank- und arzttermine.
später streiten sich meine eltern. meine mutter würde am liebsten sofort ins betreute wohnen wechseln. raus aus dem haus. mein vater droht, dass er sterben wird, wenn er ausziehen soll. das haus ist sein ein und alles, er hat selber soviel dran gebaut. ich sitze zwischen den stühlen, kann beide verstehen.
wir setzten schriften auf, in welchen medizinischen fällen wie verfahren werden soll. zum glück habe ich ein semester lang ein seminar der palliativmedizin belegt. meine mutter ist beleidigt, weil ich meinen vater darin unterstütze, alles notariell festtackern zu lassen.
dann der punkt beerdigung. mein vater will ins familiengrab. meine mutter will sich verbrennen lassen und am liebsten in alle vier windrichtungen zerstreut werden. sie hadert mit dem tod, glaubt an nichts, glaubt auch an keine seele. an dem punkt bin ich erstaunt, wie ähnlich mein explizit areligiöser vater mir ist. er hat sehr plastische, wenn auch ungewisse vorstellungen vom sterben, mischt moderne hirnforschung mit ein wenig naturromantik und dem typischen philosophischen zurückdenken auf die letzte ursache der weltentstehung. als ich aristoteles´ unbewegten beweger ins spiel bringe, verlässt meine mutter das zimmer.
die tatsache, dass sich meine mutter nicht mit dem tod auseinander setzen kann, zeigt mir, wieviele ängste sie versteckt, was sie nicht wahrhaben will. tagelang versuche ich ihr zu verdeutlichen, dass sterben zum leben gehört und der letzte abschied die bilanz des daseins schlechthin ist. wie wichtig es ist, alles frei, friedvoll und versöhnt loszulassen: besitz, beziehungen und zuletzt auch sich selbst. dass meine mutter, die mich einst in erster linie religiös geprägt hat, jetzt so verbittert nihilistisch reagiert, macht mir schwer zu schaffen.

zu ostern kommt die verwandschaft. mein onkel, auch schon über 70, ist nur noch halb so breit wie vor zwei oder drei jahren. meine oma, 90jährig, will meine hand nicht mehr loslassen. und obwohl alle diesmal explizit nach mir und meinem leben fragen, habe ich das gefühl, die verantwortung für die ganze familie und ihre gräber zu tragen.

wie wenig zeit uns vielleicht bleibt, wird mir zum ersten mal bewusst. die ungutes verheißenden arztbefunde. das hohe alter. ich bin die jüngste in der verwandtschaft, ich werde übrigbleiben. und weiß gott, auch ich habe ängste, klammere mich an alles, was ich lernen durfte und sehe, dass es eigentlich nicht ausreicht, um das thema zu bewältigen. aber ich habe meine familie abgelöst. ich bin heute diejenige, die erklärt, tröstet, hände streichelt. es ist meine aufgabe, die familie zu versorgen, weniger materiell als vielmehr emotional und geistig. denn da sieht es spärlich aus. es spielt kaum eine rolle mehr, was sie mir einst gaben oder nicht geben wollten und konnten. es ist eine liebe in mir, die es trotz aller widrigkeiten gelernt, sich über all das geschehene zu stellen. und wieder erinnere mich an das, was ich vor etwas mehr als 12 jahren als selbstdefiniertes ziel und sinn des lebens in mein tagebuch notierte: universelle liebe. die körperlose liebe, die alles verzeihen kann. teilziel erreicht? vielleicht. ich werde weiterlernen müssen. meine liebe muss noch stärker werden. vielleicht kann man ja erreichen, dass man eines tages nicht mehr verzweifelt. denn der verzweiflung nahe bin ich, wo meine kraft nicht ausreicht, wo ich mich leer und müde fühle. abends im bad klappt mein kreislauf zusammen, anschließend herzrasen, ungesund. fast eine stunde bleibe ich auf dem weichen badezimmervorleger liegen, plötzlich angst vor dem eigenen tod.

draußen blüht das leben.

... link


Samstag, 11. April 2009
eine zugfahrt, drei alte tanten und ich
gründonnerstag, 20:30 uhr: ich bestieg den en hans albers richtung wien westbahnhof. eine knapp siebenstündige reise lag nun vor mir.
da es schon so spät war, rechnete ich mit wenig andrang. welche irren reisen schon mitten in der nacht auf karfreitag nach wien? eine sitzplatzreservierung war per internet nicht mehr möglich - aber auch sicherlich nicht nötig, dachte ich.
weit gefehlt. besagte irre gibt es zuhauf, musste ich im abteil feststellen. ich wartete, bis sich der wilde platzfindungsprozess beruhigt hatte, dann suchte ich nach einem freien sitz. neben einem jungen mädchen - so breit wie hoch aber mit verdammt hübschem gesicht - fand ich ihn dann. doch dann kam eine durchsage vom schaffner: alle reisenden ohne reservierung hätten sich sofort in wagen nummer fünf zu begeben. eine erneute völkerwanderung setzte ein. schließlich kam ich in wagen nummer fünf an und schnappte mir den letzten sitz. meine sitznachbarinnen, drei alte tanten, stellten ihr massives gepäck zwischen meine füße und die eines kleinen mädchen, das auf dem klappsitz im gang hing und bleich und übernächigt aussah. "das stört sie doch sicherlich nicht", stellte die eine alte schachtel mit blick auf meine nunmehr verkrampft angezogenen beine und die eingeklemmten knie des kleinen mädchens fest. ich blickte nach oben in die gepäckfächer, wo alles leer war und fragte dann höflich, warum sie ihre koffer nicht im gepäckfach deponieren würden. "die koffer sind zu schwer", behauptete die eine alte schachtel mit vornehm gerümpfter nase. ich stand kurz auf, soweit ich mich denn erheben konnte und griff nach den koffern. okay, das gewicht entsprach in etwa dem eines kleines wohnwagens. "hier gibt es sicherlich einen starken mann, der ihnen zur hand gehen kann", sagte ich laut in die runde. die starken männer guckten allesamt schnell aus dem fenster oder schalteten die mp3-player laut. die alten pissnelken hatten sich inzwischen ebenfalls gepflanzt, sich hinter den hochglanzseiten eines spießermodemagazins verschanzt und ließen mich mit dem kofferproblem alleine. ich versuchte es nochmal auf die moralische: "sehen sie mal, das kleine mädchen hier, wenn der zug mal bremst, rutschen ihr all die schweren koffer auf die beine." die hässlichen alten schnallen ignorierten mich geflissentlich. wutschäumend setzte ich mich schließlich und hoffte, der schaffner würde kommen und die piefigen weibern mal ordentlich mit einem einlauf versehen.
der schaffner kam nach etwa einer dreiviertel stunde, als meine beine bereits eingeschlafen waren und mein rücken sich zu einem schwer zu entknotenden verspannungsteppich flocht. ich sandte dem blauuniformierten mann einen flehentlichen blick, doch der reagierte nach typischer bahnangestellten-manier: einen erschreckten blick auf die menschen- und gepäckmassen werfen und die tür schnell wieder zumachen. nicht einmal meine fahrkarte wurde kontrolliert.
im abteil stank es erbärmlich. das lag zu einen an den alten tanten, die viel zu viel maiglöckchenparfum aufgetragen hatten. zum anderen, wie ich ich nach einer kraxltour über die gepäckhaufen feststellte, war das klo defekt und eine bräunliche suppe trieb durch die kleine kabine. lecker.
meine tötungshemmung sank minütlich. kurz hinter hannover und nach mehrfachen anfragen wurde das problem dann gelöst, indem jemand die tür verriegelte und "defekt" notierte. für pipimacher bedeutete dies, durch das ganze überfüllte anteil in das nächste robben zu müssen und sich in die schlange vor dem dortigen klo einzureihen.

erst gegen viertel vor zwölf und nach dem halt in göttingen endlich entspannte sich die die situation, weil plötzlich ganze massen ausstiegen. darunter auch die drei alten pissnelken mit ihrem monstergepäck. keine ahnung, was man um mitternacht in göttingen wollte, aber es schien wohl der papst vor ort zu sein oder ein sonstiger wichtigtuer. sobald der schaffner wieder in richtung schlafabteile verschwunden war, floh ich aus den nichtreservierer-getto ins das abteil nebenan. dort, oh wunder, fand ich drei leere sessel in reihe. ich klappte die armlehnen nach oben und haute mich aufs ohr. ich hoffte, rechtzeitig wieder aufzuwachen, denn in diesem zug wurden die haltestellen nicht angekündigt, aus gründen der nachtruhe, die laut durchsage ab 22 uhr herrschte. an nachtruhe war dennoch nur schwer zu denken, da lebhafte gespräche geführt wurden und die beleuchtung die ganze zeit über gleisend hell blieb, trotz des vorhandenen nachtlichts. so müssen sich hühner in einer legebatterie fühlen. adrenalin pur. dennoch gelang es mir, ein wenig schlaf zu finden. "die ist mutig", hörte ich jemanden hinter mir sagen, "die verpasst bestimmt ihren bahnhof."
dem konnte ich jedoch getrost lügen strafen. ziemlich pünktlich um halb drei erwachte ich wieder und musste also doch nicht bis nach wien mitfahren. zehn minuten nach drei trudelten wir in nürnberg ein. wie ein kleines kind hing ich mit der nase am fenster, fuhr ich doch an ehemaligen wohnorten und anderen für mich bedeutsamen plätzen vorbei. sentimentalitäten quollen in mir hoch, die ich seit zehn monaten erfolgreich unterdrückte. schließlich stand ich allein im nürnberger bahnhof. und vielleicht kennen sie es, dieses gefühl zwischen zuhause sein und völliger fremdheit und einsamkeit, das das herz wild schlagen macht und ein brennen in der brust erzeugt. mit diesem bestieg ich ein taxi, betrat das haus meiner eltern, mein zimmer und legte mich schließlich in mein bett. einschlafen konnte ich jedoch lange nicht.

... link