Donnerstag, 4. Juni 2015
spritzen oder bohren oder beides
heute wieder zahndoc.

ich komme aus der arbeit gehetzt, gönne mir aber zehn minuten, um die frise zu bändigen, einen anderen / kürzeren rock anzuziehen und parfum aufzulegen. dann noch schnell die hackis schrubben und los.

ich muss keine 30 sekunden warten, dann werde ich schon ins behandlungszimmer gerufen.
"hi!" sagt mein zahndoc und strahlt mich an, als wäre ich eine millionenschwere privatpatientin.
"tag", sage ich und schüttle ihm schüchtern die hand.
wir grinsen uns an, dann setzt mein zahnarzt zu einer patienten-story an.
"ich sag ihnen, der kam frisch aus dem krankenhaus und dann zeigt er mir eine liste mit so ungelogen 80 medikamenten drauf und ich sag, zwei drittel davon könnense getrost in die tonne schmeißen... da hat nur einer was von, und das ist die pharmaindustrie...."
laberrhabarber.
entweder ist der zahndoc aufgeregt und quatscht deshalb so viel, oder er ist nutznieser der bekrittelten pharmaindustrie und auf amphetaminen, oder aber es ist einfach seine art. da ich ihn noch nicht lange genug kenne, verbiete ich mir voreilige rückschlüsse, sondern höre einfach zu, denn er kann witzig erzählen. anschließend gebe ich ein paar anekdötchen aus der pharma-pr zum besten, dann erst werden wir uns bewusst, dass die helferin ja auch noch im raum ist.

"ja, äh, dann nehmen sie doch platz", sagt der zahndoc ein bisschen verlegen.
die helferin grinst hinter ihrem mundschutz und holt den sauger raus.
"wir wollten ja heute eine füllung machen", setzt der zahndoc an, "weil sie da so ein bisschen oberflächlichen karies haben."
ich nicke mit dem sauger im mund, sieht sicherlich obersexy aus.
"wollen sie mit oder ohne betäubung?"
gute frage.
"wie tief wollen sie denn bohren", frage ich freudsch verblödet und will mir gleich darauf auf die zunge beißen, weil mir ein großes, unbändiges lachen in der kehle sitzt.
zum glück checkt der zahndoc das nicht oder er ist einfach diskret.
"nicht so tief", sagt er, "das müsste so an der grenze sein zwischen gut auszuhalten und nicht mehr so gut auszuhalten. kommt vermutlich auf ihre tagesform an."
"wir können es ja mal versuchen, und wenn ich die praxis zusammenschreie, kriege ich eine betäubung, okay", schlage ich vor.
"machen sie doch mal bitte die türen zu und verteilen sie oropax an die leute im wartezimmer", witzelt mein zahndoc zu der helferin gewandt.
die helferin und ich kichern.
die helferin hat glück. ich beneide sie. den ganzen tag lang um diesen zahndoc rumzuhüpfen muss echt anregend sein.

dann holt der zahndoc den bohrer raus.
"ich mach ganz vorsichtig, und wenn was ist, sagen sie bescheid", verspricht er.
dann geht es los. erst merke ich gar nichts, dann beginnt ein unangenehmes ziehen. die zähne zusammenbeißen kann ich ja nicht, wegen dem bohrer und dem sauger und dem spiegel, die gerade in meinem mund stecken, also kralle ich die finger ineinander und konzentriere mich auf das konzentrierte gesicht meines zahndocs.

gerade mal fünf minuten später ist es schon geschafft.
"es kommt nur noch die füllung, okay", sagt der zahndoc.
ich bin erstaunt, wie weh es doch tut, eine füllung ohne betäubung in den aufgebohrten zahn zu bekommen, aber ich habe keine lust auf eine spritze, also halte ich durch.
"gleich geschafft", sagt mein zahndoc mit blick auf mein angespanntes gesicht.

dann sind wir fertig. alles fühlt sich gut an und die kamera zeigt mir einen schönen weißen zahn mit glatt schimmernder oberfläche.
"herrlich", sage ich, "der sieht ja jetzt richtig gut aus.
"finde ich auch", sagt mein zahndoc und lächelt sein jungs-lächeln.
wie alt er wohl sein mag, frage ich mich, wenn ich pech habe, ist er jünger als ich.
"darf ich mal spülen", frage ich, denn meine zunge und meine lippen sind staubtrocken.
"klar. trinken und essen dürfen sie übrigens auch gleich, sie hatten ja keine betäubung."
"weiß ich doch."
"achja, sie sind ja auch profi, sozusagen."

"soll ich noch mal die anderen zähne nachgucken?" fragt mein zahndoc dann.
hat er doch schon letzte woche, denke ich mir, sage dann aber nichts, weil es bedeutet, dass ich noch ein bisschen sitzen bleiben darf.
der zahndoc geht alle meine zähne durch.
"alles wunderbar. sie haben eine tolle zahnsubstanz", sagt er zum abschluss.
dann gucken wir einander an.
"was ist mit den zahnschmerzen", fällt dem zahndoc dann noch ein.
"sind besser. waren wohl doch nur die überreizten nerven."
der zahndoc nickt.
"dann machen wir da erstmal nix."
"ich hab mir so eine sensitive-zahnpasta gekauft", sage ich.
"elmex?" will der zahndoc wissen.
"nee, so ne billomat-marke aus dem penny, hilft aber auch."
"klar hilft das auch, das ist im grunde wirklich egal, was sie da nehmen", sagt der zahndoc. "elmex und sensodyne waren halt die ersten mit sowas im programm."
"ja, ich erinnere mich, sensodyne hatte schon meine mutter, ich glaube, sie nimmt das zeug bis heute."
wir lachen und gucken uns wieder an.

da meldet sich plötzlich und unangenehm mein komplexbeladenes alter ego aus dem hintergrund: los, alte, schwing deinen arsch jetzt hier raus. erstens hat der bestimmt sowieso ne tusse, so wie der aussieht, und zweitens klaust du dem seine kostbare zeit, die er dringend für andere patienten braucht, die ihm wenigstens kohle bringen.
also erhebe ich mich aus dem stuhl. als ich stehe, zittern mir ein bisschen die beine. ich gucke meinen zahndoc schüchtern an. ultrapeinlich ist mir das auf einmal alles. der merkt doch, dass du ihn anhimmelst, sagt mein alter ego, und den himmeln bestimmt viele an.

mein zahndoc begleitet mich zur garderobe.
"wann sehen wir uns denn wieder?" sagt er und guckt in den kalender, als wolle er mich nächste woche gleich noch mal reinbestellen.
"nächstes jahr?" sage ich. "also ich komme halt immer einmal im jahr wegen zahnreinigung und so."
"kommen sie besser ende des jahres noch mal", schlägt der zahndoc vor, "dann schauen wir noch mal rein."
"das ist bei mir auch so ein bisschen eine finanzielle frage", sage ich. "aber ich weiß schon, besser vorbeugen als nachsorgen."
"ach, apropos vorbeugen... ich zeige ihnen mal was! vorher lass ich sie nicht gehen!"

was kommt jetzt, frage ich mich und folge dem zahndoc durch die räume bis ganz nach hinten. wilder sex im labor?
doch nein, wir entern das hinterste behandlungszimmer in dem langen flur und der zahndoc zieht eine elektrische zahnbürste aus einer schublade.
"fühlen sie mal", sagt er, schaltet die zahnbürste an und hält sie an meinen nackten unterarm.
"das kitzelt", kichere ich.
der zahndoc erklärt mir ein paar besonderheiten dieser zahnbürste und drückt mir einen prospekt in die hand.
"nur noch so... zum thema vorsorgen. falls sie mal geburtstag haben, das ding ist eine gute investition. hier, sehen sie, die simpelste variante reicht, das ganze teuere zeug da drüben ist alles schnickschnack. sieht schön aus, taugt aber nicht."
"ich überlegs mir", sage ich. mehr wohlwollen kann ich beim willen nicht aufbringen, denn jetzt werde ich traurig. das alter ego hat mich ganz aus der flirtlaune gebracht.

der zahndoc guckt mich lieb an und lässt noch mal die elektrische zahnbürste auf meinem arm kribbeln, bis ich schmunzeln muss.
dann geben wir uns die hand und schauen uns an. der zahndoc zögert.
"ich melde mich", sage ich artig, aber unverbindlich.
"ciao", sagt der zahndoc langsam und blinzelt, wie er es oft tut.
dann hüpfe ich betont lässig die treppe hinunter.

draußen auf der straße sonnenschein. aber in mir ist es ganz kalt. kalt und unsicher. bilde ich mir das ein oder ist da auch von seiner seite große sympathie?
und warum, verdammt, hab ich nicht einfach gefragt: hey, willst du nicht ein bier mit mir trinken gehen?

und überhaupt, was mach ich jetzt? ein halbes jahr warten? einen notfall simulieren? oder einfach die tage nach praxisschluss noch mal vorbeigehen und sagen, hey, wie wärs, haste zeit für ein getränk? mit dem risiko, dass ich mir danach einen neuen zahnarzt suchen muss?

mut haben bedeutet so viel kraft und angst und scham. aber mutig sein ist immer noch der einzige weg, die realität zu verändern.

... link