Freitag, 23. Juli 2010
alles auf eine karte
nachdem meine pheromonrezeptoren im objekt der begierde ihren überoptimalen reiz gefunden haben, schlägt mein oxytocinspiegel seit einigen wochen wilde wellen. die gefühlslage wechselt zwischen schöner, purer geilheit und schmerzvoll-verwirrendem sehnen, das mir tags die worte hinter die zunge verbannt und nachts die zehen ins laken krampft. die emotionen sind in ihrer intensität drastisch, gemessen daran, dass der überoptimale reiz trotz allem ein recht unverbindlicher ist.

den oxytocinspiegel wieder zu senken ist eine schwierige angelegenheit. letztes wochenende fasste ich mir ein herz und einen mann, der mein parfum mochte und verbrachte die nacht in ottensen. während wir unsere sexuelle geladenheit aneinander abzureagieren versuchten, gingen meine gedanken immer wieder auf wanderschaft. irgendwann in den frühen morgenstunden schließlich begann der mann im fremden bett zu lachen und gestand mir, dass er eigentlich immer noch sehr verliebt in seine ex sei. ich prustete los und erzählte frank und frei, dass meine extase ebenfalls gerade ausgesprochen persongebunden sei und das experiment damit vermutlich gescheitert. auf diese art und weise endete die nacht sehr lustig und nett, aber nichtsdestoweniger blieb unser problem ungelöst.

ich strapazierte meine freundinnen und schilderte ihnen pro und contra am objekt und mögliche optionen für - ja wofür eigentlich? dabei stellte ich fest, dass frauen eben frauen sind. "red doch einfach mal mit ihm", rieten sie mir. "sag ihm doch, was du empfindest."
"ich weiß ja gar nicht, was das eigentlich ist", jammerte ich. "die meiste zeit über fühle ich mich wie eine nymphomanin auf sexentzug. mit der besonderheit, dass dieses verlangen sich diesmal mehr oder minder auf einen einzigen mann zu konzentrieren scheint. das macht mir sorgen. ich möchte eigentlich nicht mal mit dem ins kino gehen oder sonstige unschuldige aktivitäten unternehmen. kann verliebtheit so extrem unromantisch-körperlich verlaufen?"
spätestens an diesem punkt zuckten meine freundinnen die schultern und rollten die augen: herr, wirf ein antiaphrodisiakum vom himmel.

sogar meiner mutter fiel neulich auf, dass bei mir irgendetwas nicht stimmt. sie kannte die geschichte vom objekt in mutterfreundlichen auszügen und hatte sich bisher gefreut, dass ihr traum, endlich oma zu werden, so leicht in erfüllung zu gehen schien: ein mann mit kind ist schließlich schon mal eine halbe familie. wie sie unschwer erahnen mögen, ist meine mutter insgesamt eher eine überzeugte anhängerin der konservativen beziehungsform und hält nichts von blowjobs in dunklen ecken von parkhäusern und ähnlichen aufregenden dingen. ich erzählte vorsichtig von meinen momentanen gefühlen.
"das wird nichts richtiges", sagte sie, "trenn dich von dem depp."
"ich will den doch nicht heiraten", jaulte ich. "ich will doch nur was festes fürs bett."
"kind, mit der einstellung bekommst du keine familie", so meine mutter streng. ich legte auf, die sinnlosigkeit des gesprächs begreifend.

ich verstand, dass ich näher an das andere geschlecht heranrücken musste, um die sache zu durchdringen und herauszufinden, wie ich die angelegenheit in geregelten bahnen lenken konnte: sprich, entweder meinen oxytocinspiegel zu senken oder meiner begierde eine etwas regelmäßigere gelegenheit zum ausleben zu bieten. ich fand den geeigneten gesprächspartner in einem mann, der mit allen wassern gewaschen und hart geprüft ist, nichtsdestoweniger aber absolut glücklich und sexuell befriedigt lebt. "sag bloß nichts", riet er mir. "wenn du ihn jetzt mit gefühlen vollaberst, ergreift er sowieso die flucht."
"genau das war ja auch meine befürchtung", sagte ich.
"außerdem würdest du dir deine illusionen zerstören", fügte er hinzu. "und die machen das leben doch erst aufregend."
"meine illusionen machen mich krank", erwiderte ich. "er ist nicht da und ich kann ihn riechen. sein duft klebt an mir, obwohl ich frisch geduscht bin. und alles, woran ich denken kann, ist, hinzugehen und ihm die kleider vom leib zu fetzen."
"gut", sagte mein berater, "dann übe dich in askese."
"wie bitte?!"
"du darfst dich nicht erniedrigen. du musst die situation kontrollieren. er muss den eindruck haben, er müsse jetzt richtig was geben, um dich zu kriegen."
"das sollte er auch, verdammt."
"dann warte ab."
"und wenn er doch nicht zu potte kommt?"
"dann ist er ein arsch, der dich nicht verdient hat."
"hm. ich will aber nicht, dass er ein arsch ist", flüsterte ich.
"gott, mädchen, der kerl hat dich aber wirklich weichgespült. dich kann man ja so kaum auf die menschheit loslassen."
"ich weiß", heulte ich. "ich hab mich noch nie so schlecht und zugleich so unwiderstehlich gut zur selben zeit gefühlt."
"dann freu dich doch!"
ich freute mich. unerträglich.

jetzt kann ich es mir also aussuchen: reden, dumpen oder pokern. was hat wohl den besten effekt und richtet dabei den geringsten schaden an?

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