Mittwoch, 6. Oktober 2010
luft und emotion anhalten
eigentlich bin ich in ufernähe gebaut. ich weine nicht bei jeder gelegenheit, aber wenn mich etwas trifft, dann kann ich das gut rauslassen. wenn keiner guckt, versteht sich.

in den letzten tagen rechnete ich nach, wann ich das letzte mal richtig geweint habe. es muss irgendwann im letzten winter gewesen sein! seither kommen tränen nicht mehr. die traurigkeit ist ein dumpfer kloß, der nicht augenwärts wanderts, sondern ein stockwerk tiefer da in die region über den magen plumpst. dann werde ich ganz stumpf und müde, schleppe mich durch den tag/die tage/die wochen und irgendwann ist wieder gut. gesund kann das nicht sein.

also hab ich gestern mal mit aller gewalt versucht zu heulen. ging nicht. dafür hätte ich gerade so viele schöne gründe.

vielleicht brauche ich mal urlaub. ich hatte neun tage im juli und zwei an ostern. that´s all.

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Samstag, 2. Oktober 2010
haarspalterei oder ein bisschen schizo
dauerstress verändert die neurogenese im hippocampus, haben wir gelernt. gut. ich merk´s langsam. heute stellte ich fest: ich bin schizophren.

mein alter ego ist eine affektierte, oberflächliche luxuskuh, die zu frustshoppen neigt und dabei KEIN BISSCHEN an meinen knappen geldbeutel denkt. heute hat sie für 21 euro ein gottverfluchtes haarspray gekauft. sie nutzte eiskalt den moment, in dem ich beschäftigt war, neuste burn-out-statistiken für meine kleinen patientenverwirrenden content-beiträge zu recherchieren, und legte klammheimlich das produkt in den virtuellen einkaufswagen. dann schmuggelte sie meine kreditkarte an meinem alarm- und aufmerksamkeitszentrum vorbei und schwupps, war es schon zu spät. bestellung getätigt.

das schlimmste ist, dass das kleine flittchen noch nicht mal auf derbes ausschimpfen reagiert. es hat gestern unter abwesenheit des objekts die bekanntschaft mit der blonden objekt-schönheit gemacht, die auch von nahem verdammt jung, körper- und stilbewusst ist und elfenartigkeit und verruchtheit perfekt kombiniert. jetzt ist das alter ego in maximalem aufruhr: "wie willst DU dagegen anstinken?!"

ich habe der tusse jetzt erstmal stubenarrest erteilt. am ende bucht sie sonst noch eine schönheitsoperation.

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Donnerstag, 30. September 2010
schulterklopfer for myself
heute ein projekt abgelehnt, bei dem mich der kunde dahingehend verarschen wollte, dass ich dieselbe arbeit doppelt/einmal umsonst leiste, nur, weil er sein chaos nicht unter kontrolle hat und mir das falsche dokument zum lektorat geschickt hat. vermutlich habe ich jetzt einen klienten weniger, dafür aber meinen stolz und meine würde nicht ganz abgelegt.

es gibt ja nicht viel, was ich damals während meines ausbeuter-volontariats gelernt habe. außer demut habe ich mir aber den folgenden satz gemerkt: "ich mache nur arbeit für geld!"

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Sonntag, 26. September 2010
löchern
clubbing. es ist 5.20 Uhr morgens. ich befinde mich in mittelmäßiger laune, nuckle den letzten rest des letzten caipis aus dem glas, habe schon meinen mantel an und überlege, ob ich nach hause gehen soll. da fällt er mir auf. er ist ein freak, das sehe ich auf den ersten blick. volle gothic-montur und alberne dreadlocks, obwohl bestimmt schon mitte 30. vom typ her so eine ich-bin-junggeblieben-weil-ich-nie-verantwortung-tragen-musste-gestalt. spontaner eindruck: schrecklich. noch schrecklicher jedoch: er glotzt mich an, unverhohlen und wortlos, schon mehrere minuten lang.

manch einer fühlt sich in solch einer situation peinlich berührt, ein anderer, bei gefallen, übermäßig geschmeichelt. meine eine allerdings - mittelmäßig gelaunt, müde und irgendwie unangenehm angetrunken - wird jetzt richtig pissig und bekommt große lust, die verbale hand zur faust zu ballen und sie in richtung der vorderen zahnreihe des freakigen gegenübers zu schicken.

also stelle ich mich aufrecht hin, sodass ich den freak um eine halbe haupteslänge überrage, schiele über den rand meiner imaginären lehrerinnen-brille und sage mit größtmöglicher arroganz: "ja, bitte?", so, als würde ich einen unerwünschten anrufer am telefon abwimmeln wollen.
das unverhohlene glubschen verwandelt sich in ein leicht verschrecktes, der freak scheint verstört. also lege ich nach, in der hoffnung, noch mehr verlegenheit zu erzeugen und ihn so zum gehen zu bewegen: "kann ich dir helfen? suchst du was?"

mist. das war schon wieder zu nett. der freak sammelt sich. ich schließe eine kleine wette mit mir selbst ab: gleich kommt bestimmt ein "bist du öfter hier?". doch ich verliere die wette gegen mein alter ego, denn der freak fragt:
"willst du etwa schon gehen?"
aber hallo, das hat ja schon fast romeo-und-julia-format! ich überlege kurz, ob ich sagen soll: "es war die nachtigall und nicht die lerche", aber da ich besagte nachtigall bereits trappsen höre und ich dem freak zutraue, dass er mein sarkastisches zitat romantisch fehlinterpretieren könnte, beschließe ich, weiter die panzerglasharte arrogant-und-herzlos-taktik zu fahren. also sage ich einfach:
"ja."
klar und unmissverständlich, und wer in der lage ist, zwischen den nicht vorhandenen zeilen zu luschern, versteht: verpiss dich. der freak ist aber offenbar leider kein leser, sondern stellt mir schon die nächste frage:
"warum?"
"weil mir danach ist."
der freak miemt den erstaunten:
"aber warum denn?"
"ich habe den ganzen tag gearbeitet", seufze ich entnervt.
der freak verfällt kurzzeitig wieder in erstauntes starren, schiebt aber dann gleich nach:
"aber warum denn? warum arbeitest du an einem samstag?"
"weil ich selbstständig bin."
der freak runzelt die brauen:
"warum hast du dir das denn ausgesucht?"
ich rolle demonstrativ die augen, zucke mit den achseln und sage dann vornehm genäselt:
"ist so passiert."
dann schaue ich in eine andere richtung. ich halte das für ein deutliches signal "gespräch beendet". doch der freak schiebt sich vor mich, bringt sein gesicht ganz nah an das meine und versucht, mir in die augen zu starren.
das wird mir zu viel.
"ich geh tanzen", sage ich und bin weg.
leider nicht weit weg genug. ein lied später rollt auch der freak auf die tanzfläche und nähert sich mir. er versucht, meine hand zu greifen. ich ziehe sie weg. das zweite mal bin ich nicht schnell genug. er bekommt sie zu fassen und ich muss sie ihm gewaltsam entwinden.

dann gehe ich von der tanzfläche in den nebenraum. dort, weiß ich, sitzt das objekt. manchmal, wenn das objekt gute laune hat und merkt, dass ich doof angemacht werde, funkt es dazwischen, indem es mich an sich zieht und mich demonstrativ leidenschaftlich knutscht. diesmal allerdings habe ich schlechte karten. das objekt ist nämlich krank, hat sich heute nur mühsam mit legalen und illegalen substanzen gedopt in den club geschleppt und sitzt nun nach einigen bieren, schnäpsen und heimlichen joints schlafend am tresen, den kopf in die arme gebettet. ich lege ihm meine kalte hand in den nacken und streichle ihn ein wenig, doch alles, was ich bewirke, ist ein wohliges grunzen. der beschützerinstinkt ist offenbar bereits totgesoffen.

zu dumm. denn da steht schon wieder der freak vor mir und knüpft an unser berauschendes gespräch von vorhin an:
"was arbeitest du denn dann so samstags?"
"ich bin texterin."
der freak ist sichtlich beeindruckt:
"du hast vorhin aber auch eine coole performance hingelegt!"
jetzt muss ich irritiert glotzen:
"bitte was?!"
"naja, das merkt man, du kannst gut tanzen, du hast ein gutes körpergefühl..."
"was hat das denn bitte mit schreiben zu tun?!"
nun ist der freak wiederum verwirrt:
"ich denke, du bist tänzerin?"
"TEXTERIN!! ich bin TEXTERIN!"
hielt er mich etwa kurzfristig für ein leichtes luder, das sich nachts in zwielichtigen spelunken um die stange räkelt? das wird ja immer schöner.

mein krakelen hat jetzt auch das ohr des objekts erreicht. es hat den kopf in den armen in unsere richtung gedreht und blinzelt träge wie eine wildkatze auf barbituraten. einsatzfähig wird es heute ohnehin nicht mehr sein, also entscheide ich mich dafür, jetzt tatsächlich zu gehen.
"wie heißt..." setzt der freak gerade zur nächsten frage an, als ich seine hand nehme, sie förmlich schüttle und überschwänglich sage:
"nett, dich kennen gelernt zu haben, aber ich muss jetzt wirklich nach hause!"
"aber warum denn?"
"warumwarumwarum", stöhne ich jetzt ganz offen entnervt und will mich wegdrehen, als der freak schon wieder nach meiner hand greift. ich entreiße sie ihm heftig und schreie:
"es ist gut jetzt, kapiert!!"

und endlich, endlich habe ich erfolg. der freak verzieht sich. wutschnaubend knöpfe ich meinen mantel zu. dann gehe ich zum objekt, um mich zu verabschieden. das objekt hat die szene grinsend mitverfolgt hat und meint schläfrig zu mir:
"du ziehst immer die gleichen seltsamen typen an. magisch."
"aber echt. dich hab ich ja auch angezogen."
"ich bin nicht seltsam."
"du bist ein außerirdischer", sage ich liebevoll.
"ich bin kein marsmännchen, ich bin einfach nur peter pan", wehrt sich das objekt und vergräbt den kopf wieder in den armen.
ich knuffe seine blasse wange. sie fühlt sich heiß an.
"nich wachmachen, büddeee..." nuschelt peter pan.
"willst du nicht nach hause?"
das objekt schüttelt den kopf.
"aber du musst ins bett. du hast fieber."
"ich bleib für immer hier", beharrt das objekt.
"gut", erwidere ich, "ich jedenfalls gehe jetzt."

ich drehe mich um und will hinaus in den regen stiefeln, endlich nach hause nach diesem merkwürdigen abend. an tür legt sich mir plötzlich eine hand auf die schulter. ich wirble erschreckt herum, bereit, dem freak gepflegt die stirn zu bieten und ihm dabei die nase zu zertrümmern. doch dann halte ich inne, denn es ist bloß das objekt, das zerzaust vor mir steht:
"ich hab dich ja noch gar nicht richtig verabschiedet!"

zwei bärenhafte umarmungen später sitze ich eingemummelt auf dem fahrrad und radle durch den wolkenbruch. als ich im dämmerlicht zuhause ankomme, friere ich und muss niesen. die objekt-viren scheinen eine ähnliche anziehungskraft zu besitzen wie die objekt-pheromone: sofortige infizierung mit unmittelbar eintretendem sexualtrieb- respektive erkrankungsausbruch. was soll´s. ich putze zähne, anschließend zünde meine vanille-kerze an, kuschle mich ins bett auf meine nagelneue super-heizdecke und mache mir ein paar warme gedanken...

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Mittwoch, 22. September 2010
objektstolz
nach dem akt.
"was ist mir dir, du zitterst ja, ist dir kalt?"
das objekt, das sonst zwei minuten nach der ejaklation in katatonische starre verfällt und höchstens noch für nackenkraulen zu haben ist, befindet sich in liebevoll-besorgter aufregung und breitet unkoordiniert-hektisch alle vorhandenen decken über mich.
"mir ist nicht kalt, ganz im gegenteil", wehre ich mich gegen die schwarze, immer frisch gewaschen duftende flanell-flut, die das objekt über mich sinken lässt.
"was dann? bist du müde?"
die grünen objekt-augen fixieren mich prüfend. (sie sind ganz pupille, ganz glas, wunderschön jenseitige junkie-augen eben, bei denen ich mich oft frage, wie man so fern aller wirklichkeit noch so viel aufmerksamkeit für eine andere person aufbringen kann.)
"ich bin nicht müde", sage ich.
das objekt fasst mein handgelenk und fühlt mit routiniertem griff meinen technoid wummernden puls. es grinst:
"nein, müde bist du bestimmt nicht. sag mir, was ist los mit dir? wonach ist dir?"
ich muss lachen:
"hey, alles ist gut. das ist nur postkoitales beben."
"postkoitales beben", das objekt wiederholt bedächtig meine worte und grinst stolz wie ein löwe. "das hast du gut gesagt."
dann rollt sich der löwe in meinen armen zusammen wie ein kätzchen. fünf minuten später schläft er tief und fest. im schein der niederbrennenden kerzen spiegeln sich silbergraue fäden in der kupferroten mähne, die immer nach kindershampoo riecht und irgendwann auch mich süß in den schlaf duftet.

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Freitag, 10. September 2010
die hosen runterlassen
wir sind kränklich, aber nicht mehr krank genug, um nicht misslaunig zu werden ob der unfreiwilligen ruhe. 48 stunden, nachdem man/n mich als zusammengesunkenes, wirr fieberndes und völlig dehydriertes häuflein elend in die notaufnahme brachte, bin ich auf dem steilen weg der besserung. das merkte ich unter anderem daran, dass die 1/4 scheibe brot, die ich zuvor nur unter würgen und alleinig wegen der antibiotikum-bombe hinunterbrachte, heute in zwei happs gegessen war und ich anschließend dachte: jetzt wäre ein schöner großer latte mit karamell genau das richtige!

eigentlich spräche nichts dagegen, einmal nach nebenan zum liebenwerten portugiesen zu gehen und sich ein yummie-kaffegetränk hinter die binde zu gießen (schnauze, geldbeutel, du musst nicht immer das letzte wort haben!). doch der bauch wagt plötzlich einspruch. er gluckert kurz bedrohlich, dann muss ich rennen. damit nicht genug. kaum stehe ich auf nun doch wieder zittrigen beinen, muss ich nochmal rennen, diesmal mich übergeben. lovely.

ich fühlte mich an meine kindheit erinnert, als ich mindestens einmal jährlich mit antibiotikum-bedingt schlingerndem magen mit brecheimerchen vor den füßen auf der bettkante saß und zwei stunden lang vergeblich versuchte, mich selbst vom würgereiz abzulenken. später, so ab meinem 14. lebensjahr oder so hatte ich gottseidank kein antibiotikum mehr gebraucht. entweder war ich kerngesund oder tat so, weil ich es auf jeden fall vermeiden wollte, meine antibiotikum-überempfindlichkeit erneut auf den prüfstand zu setzen. aber ich sehe es ja kein, am mittwoch war rien-ne-va-plus oder wie die ärztin richtig anmerkte, das bakterium hätte ja auch meinen herzmuskel schädigen können.

das gute daran ist, jetzt muss ich aus dem haus und darf ganz legitim zur apotheke watscheln, um wieder neue medikamente zu kaufen, diesmal eben gegen die nebenwirkungen. aber es bedeutet, wenigstens eine halbe stunde eine sinnvolle beschäftigung zu haben. vorhin habe ich sogar schon im büro angerufen. nur, um zu hören, wie es ohne mich miss-unentbehrlich so läuft. wenn es mir heute abend gut geht, werde ich mir erlauben, einen teil der wohnung zu putzen. und morgen den anderen - damit ich auch ordentlich was davon habe. sowas muss man schließlich zelebrieren: das warme, duftende putzwasser, das satte platschen des bodenwischtuchs auf dem pseudoparkett, die hinterher blank spiegelnden flächen. ich gerate ins schwärmen.

wenn noch irgendjemand ein kleines projekt - die welt retten oder so - für mich hat, kann er sich gern an mich wenden. ich hab langeweile.

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Dienstag, 7. September 2010
hals haben
hab nen echten hals wegen dieser halsschmerzen.

gleich geh ich sogar zum doc deswegen. wegen so einer pillepalle-scheiße. aber es wird seit freitag immer schlimmer.

sonst neige ich ja nicht gerade zu sowas. das verfallsdatum meiner zuletzt gekauften packung halspastillen spricht bände: 10/2004.

seit mai geht es mir körperlich nicht gerade gut. was ist seit mai anders? am 1. mai habe ich das objekt kennengelernt. vielleicht schlägt sich dieser nackte, geile wahnsinn ja irgendwie immunologisch nieder.

gedrückte daumen und genesungstipps werden gern übrigens entgegengenommen. also nur, falls hier noch irgendwie hin und wieder liest.

***

brandheißes update vom 09.09.:

nach komplettzusammenbruch, kliniktag und antibiotikazufuhr nähert sich das fieberthermometer wieder normalnull. zustand noch schwach, aber optimistisch.

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Dienstag, 24. August 2010
prädikat, subjekt, objekt: story of a weekend
manchmal sind meine wochenenden nicht nur erschöpfend und schlaflos, sondern ein regelrechter emotionaler wahnsinn.

durch meine objektfixierung leide ich hin und wieder an geradezu bewusstseinseintrübenden depressionen. ich kann dann schlecht ab, wenn sich das objekt nach einer intensiven freitagnacht keine 12 stunden später auf der hafen-party vollkommen vollgedröhnt in die arme einer blondine wirft - insbesondere einer bestimmten blondine, von der ich weiß, dass sie das objekt ebenso abgöttisch-affenliebeartig verehrt wie ich. nunja. aber wir wollten es ja so.

das liebe-lieber-ungewöhnlich-konzept hat allerdings auch vorteile. man kann an solchen abenden völlig ungeniert in eigener sache flirten, ohne dass jemand kleinkariertes theater macht.

der betreffende, im folgenden subjekt genannt, war mir schon bei meiner ankunft aufgefallen. so verstrahlt, wie er guckte und so katzenhaft, wie er sich bewegte, musste er sich was eingeschmissen haben. ich vermutete spontan mdma, entschied mich dann für koks, denn für mdma tanzte er einfach zu stilsicher. ich selbst befand mich zu diesem zeitpunkt in aufgewühlt-zerbrechlicher laune, da meine eigenen stimmungsaufhellenden drogen noch nicht voll wirkten. also lächelte ich ihn an. er antwortete mit einem völlig ungenierten und sehr selbstbewussten grinsen. dann drehte ich mich um und ging nach oben an die bar, um die folgereaktion zu testen.
es funktionierte. kurze zeit später stand das subjekt neben mir. der small talk begann. hübsch den trampelpfad der konversation mit gegenseitigen komplimenten anlegen, dann die sache mit dem abfragen von eckdaten pflastern.

zuerst war ich dran. um meine sagenhafte karriere zu umreißen, erzählte ich eine gekürzte zusammenfassung der vergangenen zwei bis zweieinhalb jahre.
"du hast aber ein bewegtes leben", fand das subjekt.
"deshalb sehe ich ja auch so alt aus", gab ich zurück. das subjekt schüttelte den kopf.
"du bist wunderschön."
genau DAS will frau hören, wenn es schon anderen herzensmännern beim fremdknutschen zugucken muss.

dann schaute ich mir das subjekt genauer an. es hatte mir auf den ersten blick gut gefallen, aber auf den zweiten musste ich gestehen, dass es sich um einen sagenhaft hübschen menschen handelte. ich versuchte, ihn beruflich einzuordnen. ich vermutete entweder etwas kreatives, wobei es unter anderem sein klassisch-schönes äußerliches verwerten konnte (schauspieler, model, modedesigner) oder etwas eher gesetzteres in dieser art, für das man ebenfalls aber charisma braucht (architekt, regisseur, pressesprecher).
ich lag so falsch wie nie in meinem leben.
"ich habe fast dasselbe gemacht wie du", sagte das subjekt. "ich bin geisteswissenschaftler."
kurzum, ich hatte einen dozenten angemacht, ihm in schnoddriger, fäkalausdruckreicher sprache aus meinem verpfuschten leben erzählt und dabei pseudolasziv an meinem billigen outfit gezuppelt. ich musste mich erstmal peinlich berührt setzen und tief durchatmen. ich musterte das subjekt und sein puristisch-elegantes erscheinungsbild noch einmal von unter nach oben und von oben nach unten.
"bei uns sahen die professoren der geisteswissenschaften allesamt aus wie schrot-und-korn-fetischisten", blubberte ich dann.
das subjekt musste lachen.
"ich bin doch noch gar kein prof", sagte es.
"aber bald!" sagte ich.

als eine bank frei wurde, setzten wir uns. kaum, dass wir saßen, küsste mich das subjekt. ganz sachte, ohne über mich herzufallen, dann immer bestimmter. in diesem augenblick kam, wie soll es anders sein, das objekt vorbei. obwohl es selbst gerade den armen einer anderen frau entschlüpft war, überkam mich eine sekunde lang ein komisches gefühl. denn hin und wieder war das objekt verstimmt, wenn ich mich mit typen abgab, die in seinen augen arschlöcher waren. das konnte mir theoretisch zwar egal sein, aber praktisch hatte das objekt oftmals einfach recht. doch diesmal reagierte das objekt sehr souverän. über die schulter des subjekts hinweg grinste es mich amüsiert an und nickte wohlwollend.

in der morgendämmerung schießlich machten das subjekt und ich uns auf den weg nach hause. wir verliefen uns in hamburgs schnösel-seniorengetto hafencity und erregeten ein bisschen öffentliches ärgernis. ich stellte fest, dass das subjekt es faustdick hinter den ohren hatte. das hatte ich nicht gedacht, da es rein äußerlich zunächst sehr erwachsen, sehr elegant und ziemlich zurückhaltend wirkte.

als wir an der u-bahn standen, die mich nachhause bringen sollte, wurde mir schwindelig. kein schlaf, viel zu wenig getrunken und dann diese reizüberflutung. ich war verunsichert. wars das jetzt? oder wohin sollte das führen? was wollte dieser mensch von mir? er war mir so wahnsinnig fremd, obwohl wir uns den ganzen abend unterhalten hatten.

als ich zu taumeln begann, fing mich das subjekt auf. und kurz, bevor die u-bahn aus dem schachte rauschte, fragte es mich die entscheidende frage, die mir den boden unter die füße zurückbrachte: "wann sehen wir uns wieder?"

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Sonntag, 15. August 2010
zwei mal zwei
I

weinende männer schockieren mich. also im positiven sinne. trotzdem ist frau, als icke-frau, dann im ersten moment immer ein bisschen hilflos. denn meistens werden die großen heuler aggressiv, weil frau sie in so einem intimen moment ertappt, so einem augenblick, in dem der schwanz ganz klein in seiner hülle hängt.
also erstmal diskreter rückzug in eine umarmung, fragen auf später verschieben, dann frage an die option des nicht-antworten-müssens knüpfen. mann aus der reserve locken. problem analysieren. problem nicht lösen können, aber trotzdem trost spenden. gestern hat das erstaunlich prima funktioniert. ich glaube, ich habe mir wieder einen kleinen orden verdient. eigentlich bist du die perfekte kombination aus kumpel, hure und mutti. schon wieder ein bisschen schmunzelnd dahingesagt.

II

das objekt besucht seine familie für ein paar tage. die objekt-heimat ist ein beliebtes urlaubsziel, für das die bürgerliche mitte und oberschicht ein horrentes geld auszugeben bereit sind. ich war selbst schon da und habe neben schnöseln in pseudolässigen designer-badelatschen, sansibar- und hilfiger-gekleideten kiddies und langen reihen von mercedes-eierschaukeln vor allem die natur und die wunderbare landschaft bestaunt.
das objekt teilt meine begeisterung so gar nicht. düsterer blick on: das ist auch nur so eine reise in die vergangenheit, nach der ich dann wieder froh bin, hier zu sein. düsterer blick off. zwischen den zeilen und in den unwahrscheinlich grünen augen, die seit gestern wieder fahrig und verzweifelt dreinblicken, schreit mir schon wieder ein vater-problem entgegen. prompt liege ich richtig. wieder haben wir eine baustelle. prima. baustellen mit vater-problemen haben erfahrungsgemäß die beschaffenheit von erdöl-bohrlöchern: man muss sehr tief buddeln, bis überhaupt mal was sprudelt. und sprudelt es dann, ist die quelle in nullkommanix wieder versiegt, während am ende dann nichtsdestoweniger ein hässlicher krater bleibt, der sich nicht schließen lässt. viel spaß, frau morphine, wünsche ich mir selbst.

III

die ersten mutti-vaddi-zwistigkeiten. während das objekt eilig und schlampig sachen in eine reisetasche haut, um gleich darauf wieder alles auszuräumen, weil es vergessen hat, was es schon eingepackt hat, mache ich mich nützlich und das schlachtfeld von küche klar schiff. schließlich haben wir nicht mehr lange, bis das objekt zum zug muss. doch das objekt nimmt mir den spüllappen aus der hand und sagt streng: "du setzt dich da hin, dir war vorhin schwindelig!" ich bekomme energy-plörre als kaffee-ersatz und beobachte zwei minuten das verpeilte kofferpacken. dann mache ich mit der küche weiter, während das objekt kritisch schaut, ob ich nicht doch ohnmächtig über die herdplatten sinke. ich habe gerade den immensen geschirrhaufen aus der spülmittellauge gezogen und zum klarspülen bereitgestellt, als das objekt nach einem glas voller schaum greift und sich ein wasser eingießen will. ich reiße es ihm aus der hand: "spinnst du?" das objekt schenkt sich unbeirrt wasser ein und trinkt dann tatsächlich die spülmittel-homöopathie. dann sagt es bestimmt: "wir machen jetzt mal im männer-modus weiter!" es packt das nicht klargespülte geschirr und stellt es zum trocknen auf. "igitt", sage ich und das objekt grinst wie ein frecher kleiner junge und gibt mir einen feuchten kuss in den nacken. und alles, was ich denken kann, ist: eines tages wirst du mir das herz brechen. und zwar nicht nur so ein bisschen.

IV

zwei mal zwei machen noch keinen flotten vierer, nein, sondern summasumarum vier stunden schlaf an diesem wochenende. bravo. ich übertreffe mich immer wieder selbst. bestimmt werde ich bald krank. mir ist so.


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Montag, 9. August 2010
freier fall
gegen alle warnungen und wider dem gesunden menschenverstand gehen das objekt und ich in die dritte runde.

es ist aufreibend. drei minischritte vorwärts und einen großen zurück. es ist aussichtslos: don´t hunt what you can´t kill.

wie kann man einem menschen glauben, der sich selbst so wenig glaubt? der, wie er sagt, unter tausend einschießenden gedanken steht und nicht mehr erkennt, welcher davon für die realität tragfähig ist? welcher für den anderen noch ertragbar ist?

er weiß, dass er mir auf dauer nicht genügen wird. doch er hat einen hunger in mir geweckt, der sich sucht, was ihn stillt. und immer noch ist er der einzige, den ich will. i can´t help.

ich verschwende meine energie, um zu beobachten, um situationen einzuschätzen. um nicht sagen zu müssen: du sollst dich ändern. und: werd erwachsen! denn: ich will auch nicht, dass das jemand von mir verlangt. denn wer das fordert, risikiert, dass der andere sich selbst verliert. es muss doch sein können, dass zwei menschen einander genügen, wie sie eben sind.

die kleinen erfolge entschädigen für vieles. ich weiß, was ich an ihm mag und das ist leidergottes nicht wenig.

bizarr: ich habe immer mir einen mann gewünscht, bei dem ich nicht bleiben muss. dies ist einer der wenigen, der genau das zulässt und sogar wünscht. und plötzlich will ich bleiben. zumindest so ein bisschen. und er ahnt es, ein bisschen. du hast so viel liebe in dir. und auch er läuft nicht weg. nicht für immer. noch nicht. wir stehen auf einer dünnen eisscholle im klimawandel der emotionen. es knackt bedrohlich und es bricht immer wieder. wie lange wird es gutgehen?

das wochenende war jedenfalls wild. eine summe der exzesse: alkohol, drogen, sex. ich habe zwei leben, die sind unvereinbar. so wie er und ich. aber im moment liegt genau darin der reiz.

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