Donnerstag, 6. Oktober 2011
about mice and men
im supermarkt. ich bin sehr müde und überarbeitet. ich stehe bei den brötchen und gucke paralysiert, weil ich mich nicht entscheiden kann, welches ich will. da schweift mein blick ab und ich sehe eine kleine maus unters kühlregal huschen.

vermutlich gucke ich noch mal verwirrter, denn direkt nebenan an der fleischertheke beugt sich der verkäufer über die auslage und fragt:
"kann ich ihnen helfen? in zwei minuten kann ich ihnen ganz frische brötchen anbieten."
ich schüttle noch immer irritiert den kopf und sage dann mit einem möglichst freundlichen lächeln:
"entschuldigung, ich war gerade etwas erstaunt... kann es sein, dass sie eine kleine maus hier haben?"

der fleischerthekenmann starrt mich entgeistert an und ich kann die gedanken sehen, die sich durch seine stirn pressen: achtung, irren-alarm. die alte da hat nicht alle tassen im schrank. die sieht weiße mäuse im supermarkt.

ich ahne nicht, was ich mit meiner äußerung angerichtet habe. denn schon mischt sich eine frau ein, die neben mir steht:
"hier gibt es MÄUSE?"
sämtliche kunden in hörweite stellen sichtbar die lauscher auf.
der fleischerthekenmann beschwichtigt: "ich glaube nicht, dass es hier mäuse gibt, mit sowas hatten wir hier noch nie probleme!"
hinter mir sagt eine alte schabracke laut zu ihrem general-ähnlichem begleiter: "hörst du, die frau hat eine maus hier gesehen! das ist doch widerlich!"
alle kunden in der näheren umgebung glotzen. zwei von ihnen packen ihre sachen aus dem korb in die regale zurück und verlassen eilig den laden. die anderen tuscheln und hasten richtung kasse.

der fleischerthekenmann schaut mich an, als sähe er mich gern in dünnen scheibchen neben seiner anderen wurst in der auslage liegen.
mir ist die ganze geschichte inzwischen mordspeinlich und ich bekomme zweifel an meinem eigenen verstand.
"hören sie, vielleicht bin ich nur gerade etwas gestresst... ich komme eben aus dem büro und bin sehr müde... da bekomme ich schon manchmal so ein komisches flackern vor den augen!"
meine gehaspelte entschuldigung scheint beim fleischerthekenmann die irrenhaus-these eher noch zu erhärten. bevor er den sicherheitsdienst rufen kann, sehe ich zu, dass ich ebenfalls richtung kasse komme.

ich fürchte, ich kann die nächsten wochen da keinesfalls mehr einkaufen. es interessiert mich allerdings immer noch, ob ich recht hatte oder ob ich inzwischen stressbedingt halluziniere.

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Montag, 3. Oktober 2011
auszeit
"komm, wir machen was schönes!"
"was denn?"
"egal. komm da raus aus deiner feiertagsmelancholie. ich hab das auto von meinem freund. wir fahren ein bisschen rum und machen was nettes."

das objekt ist immer für eine überraschung gut. also streife ich meine feiertags-pisslaune ab und begebe mich vorsichtig nach draußen. ich bekomme einen lux-schock von der unerwarteten sonne und dem unerwarteten anblick eines schwarzen zweisitzers vor der tür.

das objekt lehnt lässt an der seite des wagens, sonnenbebrillt, zippe, und klimpert mit den schlüsseln.
"was ist los, ist der wohlstand ausgebrochen?"
"hab mein gehalt überwiesen bekommen!"
"dann schmeiß es bitte nicht gleich aus dem fenster."
das objekt packt mich bei den schultern und meint: "ich schmeiß es nicht aus dem fenster, ich möchte einen schönen tag mit dir. keine probleme. einfach nur den letzten spätsommertag mitnehmen und das, was eben gerade geht. du musst auch mal raus deinem menschenlosen rapunzelturm."

als ich meinen arsch auf den beifahrerseit gewuchtet habe, klappt das objekt das verdeck herunter. anschließend geht es mit überhöhter geschwindigkeit ab durch die city.
"und, wohin willst du?"
"egal, nur raus hier. ins grüne, wo es keine schnöselmenschen gibt!"
eine halbe stunde später stehen wir irgendwo im nordwesten hamburgs im grünen.
"ich hab keine ahnung, wo wir sind, aber es ist alles da, soweit ich sehe: bäume, büsche... wiese... und stechmücken", grinst das objekt.
dann gehen wir spazieren, arm in arm wie ein altes ehepaar. ich fühle mich wohl, nicht mehr. wie eine schwester. es fliegen keine funken. es ist einfach nur gut, wie es ist.

dann sitzen wir auf einer bank. das objekt hat mir eine flasche sekt gekauft, obwohl ich so eine tussen-plörre normalerweise nicht mag. für sich selbst hat das objekt nur eine apfelsaftschorle mitgebracht.
"wenn ich jetzt was trinken würde, so in der situation... da würde ich mich wahrscheinlich totsaufen. also trink und lass bitte nichts übrig."
natürlich schaffe ich keine flasche sekt, also schütten wir den rest in die hecke.
"davon werden jetzt die ameisen und so besoffen", meint das objekt. "anarchie im ameisenstaat. rien ne va plus! das ende eines totalitären regimes!"
"und das am tag der deutschen einheit!"
"na und, passt doch - du wessi, ich ossi."

irgendwann schaut das objekt auf die uhr.
"was sagt dein hunger? wollen wir was essen?"
"oh gerne. was kochst du?"
"gar nichts."
"wie, nichts? also das, was ich koche, willst du bestimmt nicht essen."
das objekt macht eine ausladende geste: "wir gehen essen, ausnahmsweise. und du bist eingeladen, als kleines dankeschön für deine hilfe in der letzten zeit."
wir gehen zu einem kleinen, feinen franzosen in die schanze und essen galettes mit ziegenkäse, scampi und lachs.

"und nun?" fragt das objekt, als es tatsächlich ganz alleine gezahlt hat.
"wollen wir noch was machen? ich hab das auto noch bis mitternacht, dann verwandelt es sich zurück in einen kürbis."
"und du dich in einen frosch, haha."
"wir könnten schwimmen gehen", schlug das objekt vor.
"die schwimmbäder machen gleich zu."
"schwimmbad ist ja auch langweilig."
"im see isses zu kalt, da erkälten wir uns", setze ich mein veto.
"du bist immer soooo vernünftig", seufzt das objekt, "du wärst ne super mutti."
"solange du nicht das kind bist, auf das ich dann aufpassen muss."

am ende fahren wir wie in guten alten zeiten zur videothek und holen einen film und lümmeln dann in der noch-wohnung des objekts herum, bis das objekt den kürbis zurückgeben und ich nach hause muss.
"war ein schöner tag", finde ich, als ich in jacke und schuhe schlüpfe.
"es hätte keine bessere möglichkeit gegeben, so einen scheißfeiertag zu verbringen", erwidert das objekt ud drückt mich zum abschied. dann stimmt es falsch und schief die nationahymne an und schubst mich aus der wohnung, bevor es die tür nochmal aufreißt, mich packt und auf den mund küsst.
"sorry, das hatte ich vergessen."
um schlimmeres zu verhindern, drehe ich mich um, eile die treppe hinunter und bin schwuppdiwupps draußen, bevor das objekt weitere verführungsmanöver landen kann. schließlich bin ich eine frau mit prinzipien.
neuerdings.
bis auf weiteres.

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Samstag, 1. Oktober 2011
stromausfall
energielevel bei null. das betrifft den körper, die seele, den geist, aber nicht nur. das "nicht nur" liegt an vattenfall (jawohl, ich beziehe atom-strom, denn ich glaube auch nicht an glückliche kühe), die online-rechnungen ausstellen, die ich nie angucke. jetzt kam die (postalische) mahnung mit allerletzter zahlungsaufforderung und stromabdreh-drohung. doof, dass am montag feiertag ist und die agentur ohnehin immer gern vergisst, meinen mikro-lohn zu überweisen.

auch sonst fühle ich mich ein wenig ausgelutscht. daran ist neben beruflichem stress das objekt schuld. es hat in mir seine lieblings-kaffeekränzchen-tante gefunden. als hätte wer den hahn aufgedreht, labert es, während es sonst gern den großen geheimnisvollen spielte. wir fangen beim thema obdachlosigkeit in spe an und hören bei als-ich-unfreiwillig-vater wurde auf. das objekt ist dabei weiterhin clean, was mich stark überrascht. dafür ist es erstaunlich gut drauf. ähnlich wie beim letzten entzug beginnt es, in allem einen wink des schicksals zu sehen.

so sitzen wir beispielsweise am mittwoch abend am tisch und essen kartoffeln und rest-nudeln, die das objekt auf arbeit geklaut hat. plötzlich geht das licht aus: lampe im arsch.
objekt: "siehst du, auch die lampe!! auch die lampe!! das sind alles zeichen, dass ich hier ausziehen soll."
ich rolle die augen.
objekt: "doch, doch, das macht alles zusammengenommen sinn!"
ich: "vielleicht ist das licht ausgegangen, weil wir jetzt armen klinik-insassen das abendessen wegfressen. wir sind deshalb geswitchbumst worden und stehen gleich hypnotisiert auf, um nasse finger in steckdosen zu halten."
das objekt lässt sich nicht von seiner theorie abbringen. es berichtet von der ausgefallenen warmwassertherme.
"das ist auch ein zeichen. hier ist alles kaputt, ich bin kaputt, ich muss zurück zu den wurzeln! ich dusche jetzt immer eiskalt, so wie zu großvaters zeiten."
ich verkneife mir einen bösen spruch über die ddr-vergangenheit des objekts und esse weiter nudeln mit einer sauce, die aussieht wie nasser rindenmulch, aber wahnsinnig köstlich und extravagant schmeckt. was das betrifft, ist das objekt noch immer das alte.
"was ist in der sauce drin?" frage ich.
"ente."
"haben wir weihnachten?"
"ist nur die basis."
"ja und sonst so?"
das objekt grinst.
"das willst du eh nicht wissen."
ich vermute das schlimmste - hasenherzen, gänsestopfleber oder kutteln - und halte die klappe.

als wir fertig sind, sind noch kartoffeln übrig. das objekt hat eine idee. es zerdrückt die exakt quadratisch geschnitzten kartoffelstückchen zu brei und füllt damit ein tuch. daraus wird ein wickel gegen meine nackenschmerzen.
die wärme ist köstlich, ich fühle mich umsorgt und geborgen wie früher, was bewirkt, dass ich mir weitere objekt-ergüsse anhöre.
als wir auf die uhr sehen, ist es zwei uhr nachts.
"ich muss nach hause, in fünf stunden muss ich wieder aufstehen und zur arbeit", sage ich.
"bleib doch", bietet mir das objekt an.
"vergiss es, wir ficken nicht", platze ich heraus.
"du kannst auch im kinderzimmer schlafen", sagte das objekt, "so, wie du dich wohlfühlst. aber es wäre doch blödsinn, jetzt noch eine dreiviertelstunde durch die nacht zu fahren."
"okay, dann schlafe ich im kinderzimmer."

das objekt holt bereitwillig decken und kissen und bezieht das bett frisch.
"ist dir ka-halt", ruft es ins bad.
"jetzt schon", sage ich und meine damit das fehlende warmwasser.
zwei minuten später, als ich meine kontaktlinsen aus den augen friemele, stürmt das objekt ins bad.
"ich hab dir eine wärmflasche gemacht!"
ich hole luft.
"sag mal, kannst du mir einen gefallen tun?"
"was denn", eifert das objekt.
"kiff doch bitte noch einen fetten joint. oder nimm ein paar schlaftabletten. aber tu irgendwas, was dich von einem kind mit zappelphillip-syndrom wieder in den faulen, zerstreuten und semiautistischen menschen zurückverwandelt, als den ich dich kennengelernt habe."
das objekt grinst friedlich und küsst meine wange.

eine halbe stunde später liege ich eingemummelt in zwei decken mit wärmflasche an den füßen ud kuschelkissen auf dem bauch im kinderbett.
"gute nacht", sagt das objekt liebevoll und knipst das licht aus.
ich schließe die augen.
dann nähern sich die objektschritte wieder der tür.
"duuhuu, morphine..."
"nein", sage ich.
"ich möchte aber noch was fragen!"
"WAS", blaffe ich.
das objekt setzt sich an die bettkante. es folgt der nächste monolog, der in der frage gipfelt, ob ich glaube, dass das objekt auch die arbeit verlieren wird.
"was weiß ich", sage ich.
"soll ich mal mit meiner chefin reden, was meinst du?"
"würde ich nicht machen. wie sieht das denn aus, wenn ein 36-jähriger vater nicht klarkommt. am ende schicken dir die das jugendamt vorbei, die machen vielleicht noch einen drogentest bei dir und das wars dann."
"du hast recht."
"ich weiß", sage ich. "gute nacht."
das objekt zögert.
"gehts dir gut?"
"mir ging es nie besser, vor allem, weil du nun diesen raum verlassen und ich gleich schlafen werde."
"ich finde das ja strange. wir sind noch nie getrennt eingeschlafen."
da ich keine pistole bei mir trage, die ich zücken könnte, drängt sich das objekt mit in das bettchen.
"nur, bis du eingeschlafen bist", bettelt es. "ich möchte dich so gern festhalten und wissen, dass du gut schläfst und nicht schlecht träumst..."
"jaja. halt die klappe und komm."

zwei sekunden später bin ich eingeschlafen. gefühlte drei minuten später werde ich wieder wach, weil sich das objekt umdreht und im schlaf redet. ich schüttle es durch, bis es aufwacht.
"oh, tut mir leid", sagt es, "ich habe was geträumt."
als ich nichts sage, bestürmt mich das objekt:
"willst du gar nicht wissen, was?! du kannst doch so gut träume deuten."
"nein."
"aber es ist wirklich spannend! und du kommst auch drin vor!"
"morgen."
"okay. ich erzähle es dir beim frühstück."
"meinetwegen."
dann endlich ist ruhe.

als ich das nächste mal aufwache, ist es hell. im flur pfeift das objekt fröhlich vor sich hin. bevor ich richtig wach bin, bekomme ich cappucchino und toast ans bett.
"warum bist du denn schon wach, du hast doch erst spätdienst, denk ich."
"ich bin schon seit sechs wach und da dachte ich, ich mach dir frühstück."
ich will "nett" sagen und "danke", komme aber nicht wirklich dazu, weil das objekt beginnt, mir seinen strangen traum zu erzählen.
"kann ich nix zu sagen", erwidere ich kauend.
"echt nicht?"
"nein."
"wirklich??"
"so", sage ich, schiebe den teller und das objekt gleich mit weg, "ich muss mich fertig machen fürs büro."

als ich mich endlich auf den weg zur s-bahn mache, merke ich, dass ich zum ersten mal erleichtert bin, dem objekt zu entkommen. und das nach einer nacht ohne sex. und ich frage mich: bin ich nun geheilt?

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Dienstag, 27. September 2011
die welle rollt
das objekt und ich sitzen am tisch.
"eigentlich wollte ich nicht, dass du kommst und mich so siehst. aber irgendwie ist es auch schön, dass du da bist."

das objekt hat waschbärringe unter den augen und bart im gesicht. es hat nicht geduscht und sieht aus, als hätte es drei nächte unter der brücke geschlafen. aber es ist nüchtern, wie ich überrascht feststelle.

dann packt das objekt den hammer des abends aus.
"es läuft eine räumungsklage gegen mich."
den hintergrund sowie zwei, drei weitere familienkatastrophen erfahre ich in einem zweistündigen monolog, während dem ich eine halbe schachtel zigaretten qualme, stellvertretend den wodka leere und sprachlos bin, derweil sich das objektverhalten der letzten wochen und monate so langsam erklärt.

das objekt blinzelt immer wieder angestrengt, um nicht weinen. es lässt sich nicht anfassen oder umarmen. nur die hand darf ich ihm halten, die hält es ganz fest.

das wohnungsproblem scheint beinahe unlösbar. in zwei wochen etwa wird man dem objekt die wohnung leeren. und mit so vielen schufaeinträgen und schulden bekommt man in einer so unsozialen reiche-wichser-metropole sicherlich nicht so schnell was neues. ich denke angestrengt nach, gehe in gedanken alle meine potenziell nützlichen kontakte durch, weiß allerdings genau, dass von denen auch nie einer für mich da war, als ich jemanden brauchte. die mehrzahl der menschen sind eben arschlöcher, da hat der architekt sicherlich recht.

hinter uns öffnet sich die tür und der objektsohnemann tappst schlaftrunken auf toilette. als er wieder in seinem zimmer im bett liegt, brechen alle dämme.
"wie soll ich das nur meinem kleinen erklären? soll ich etwa sagen, wir sind jetzt obdachlos?" fragt das objekt, während ihm die tränen über die wangen schießen.

ich beschränke mich auf zuhören, schweigen und hand-halten an diesem abend. und als ich gehe, weiß ich, dass ich wieder eine nacht nicht schlafen werde.

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Sonntag, 25. September 2011
schöner schein(en)
gestern den architekten getroffen. er hat sich vergangene woche ein zweites grundstück gekauft.
"ich bin ein gemachter mann", seufzt er.
"das ist doch toll!" finde ich. "davon träume ich: mir keine sorgen mehr machen zu müssen, was nächsten monat passiert."
der architekt guckt nachdenklich.
"ich glaube, das ist das ende."
"was?"
"dass ich mir jetzt keine sorgen mehr machen muss."
"du meinst, weil das vermögen leere evoziert? weil die suche woanders weitergeht?"
"so ähnlich."

der architekt starrt ins leere.
"stell dir mal vor, da sitze ich dann auf meinem grundstück in meinem haus, vielleicht mit einer familie, hab einen hund und noch zwei, drei andere tiere... so, wie ich mir das immer vorgestellt habe... ja, und dann? was hab ich denn davon?"
"die meisten menschen wären glücklich."
"weil sie nicht verstanden haben, dass sich dadurch nichts ändert. in wirklich bleiben alle immer dieselben arschlöcher."
"die meisten menschen entwickeln sich nicht, das stimmt. weil sich keiner hinterfragt. mag sein, dass besitz die notwendigkeit, sich zu hinterfragen, noch weiter einschläfert."
"genau das ist das problem."
ich überlege.
"aber wenn man auf der materiellen seite ausgesorgt hat, wenn man sicherheit hat, bietet das ja vielleicht neues entwicklunspotenzial. weil dann woanders sehnsüchte aufpoppen und man sich mit ihnen beschäftigen muss."
der architekt schüttelt den kopf.
"guck dir doch die leute an, die werden immer langsamer. die leben wie im elfenbeinturm und hören auf, sich miteinander zu beschäftigen. sich mit sich zu beschäftigen. klar, meinungen haben sie alle. und die werden auch ständig rausposaunt. zeitunglesen wird damit verwechselt, weltpolitik zu machen. aber was machen sie denn? nichts. sonntags wird das auto poliert und der rasen getrimmt, das machen sie."
"ich habe die welt auch noch nicht verändert."
"aber du hast die voraussetzung dafür. weil du dich mit seelen beschäftigt. auch mit deiner. das können die meisten nicht."

wir schweigen. dann setzt sich ein bekannter des architekten, seines zeichens psychiater, zu uns.
"ich kenne dich", sagt er zur begrüßung zu mir.
ich gucke dumm.
"du wohnst doch in winterhude."
"nicht ganz."
"egal, jedenfalls hab ich da neulich gesehen."
"echt? kann schon sein, ich bin da öfter."
"du hast ein riesiges bündel wäsche mit dir rumgeschleppt."
"ja, ich gehe da immer in den waschsalon waschen, weil meine waschmaschine neulich kaputt gegangen ist."
"siehst du, lag ich doch richtig."
"dass du mich wiedererkannt hast! da war ich doch bestimmt noch halb in schlafklamotten, oder?"
"weiß nicht. du sahst verdammt verloren aus, da mit deinem wäschebündel."
"ich bin eben lieber für mich", sage ich eine spur zu aggressiv.
"enttäuscht?" fragt der psychiater nach.
haarscharfe analyse.

der architekt erspart mir weitere antworten, indem er von seiner familie zu erzählen beginnt.
"früher hatte ich einen unglaublich starken wunsch, meinen bruder umzubringen", berichtet er. "ich glaube, ich stand auch mehrmals kurz davor. das hat der auch mitbekommen. neulich haben wir uns darüber unterhalten."
"und?"
"er meinte, er habe mir verziehen", sagte der architekt und lacht.
"hast du auch geschwister", fragt mich der psychiater.
"nein", sage ich.
"familie?"
"nein", sage ich, "also nicht hier, ich komme ja nicht von hier. 600 km weiter im süden. aber wir sehen uns alle paar monate."
"und eigene familie?"
"nein", sage ich wieder. "ich will erst kinder, wenn ich die auch selber versorgen kann. ich will mich da auf keinen mann verlassen, heutzutage ist das ja immer nicht weit her mit dem großen versprechen."
"doch enttäuscht", stellt der psychiater fest. "das ist aber schwierig, wenn man offenbar so allein auf der welt ist wie du."
"tja, exilantenproblem."
"nicht unbedingt. hast du wenigstens ein paar gute freunde hier?"
"ich denke schon."
"das klingt nicht besonders überzeugt."
"naja, freundschaften entstehen und vergehen. die meisten leute kenne ich noch nicht länger als ein oder zwei jahre, da weiß man doch nicht, wohin das gehen wird, auch wenn es sich für den moment vielleicht ganz gut anfühlt. und ich habe vor ein paar wochen meinen besten freund verloren, kann sein, dass ich deshalb ein wenig desillusioniert klinge."
der psychiater schaut mich aufmerksam an.
"pass bloß auf, sonst sehen wir uns eines tages in meiner praxis wieder."
"sie sucht eben seelen", mischt sich der architekt ein. "das kann man doch verstehen, das ist doch was ganz wunderbares."
der psychiater guckt skeptisch:
"das ist aber ein schwieriges unterfangen."
"aber kein hoffnungsloses."
"nein, sicher nicht. aber menschen, die so ticken wie ihr, die sind nicht unbedingt in der überzahl. die wahrscheinlichkeit, dass ihr irgendwann ziemlich verzweifelt sein werdet, ist durchaus recht hoch."
"das sind wir schon", lacht der architekt.
"aber ihr sagt bescheid, bevor ihr auf dumme gedanken kommt?" schmunzelt der psychiater.

später, als der psychiater gegangen ist, sage ich zum architekten:
"was, wenn wir irgendwann den glauben daran verlieren?"
"woran denn?"
"dass es noch menschen gibt, die auch so sind."
"dann muss man sich in die reine geistigkeit flüchten."
"ih, nein", rufe ich. "dazu bin ich viel zu gerne weltlich. mit allem, was dazu gehört."
der architekt denkt nach und lächelt:
"wir können ja schafe züchten."
"nette idee. aber die sagen halt dann nicht viel."
"eben drum."

in der morgendämmerung bringt mich der architekt nach hause. wir umarmen uns sehr lange. wieder denke ich darüber nach, ihn einfach zu küssen. ich lausche nach innen, aber in mir schweigt es. leere.
dann lasse ich den architekten los.
"gute nacht", sage ich.
"gute nacht", sagt der architekt und winkt, als er die straße zurück zu seinem wagen geht.

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Samstag, 24. September 2011
der mir das joch tragen hilft
mein physiotherapeut, der fatalerweise genauso heißt wie das objekt, ist ein ausgesprochen guter mann. nach einer halbstündigen liebevollen anamnese und nur einer behandlung war ich erstmals seit monaten schmerzfrei. ich saß im büro und konnte es gar nicht fassen, keine dröhnenden kopfschmerzen zu haben. heiß und kalt trinken zu können. die schulter bewegen zu dürfen, ohne glühende nadeln im arm zu spüren.

das beste: der effekt hielt an. bis heute, als ich meine zweite behandlung hatte. wieder bekam ich überminuten, weil der physioterapeut es eine schande findet, dass ein schwerer fall wie ich keine entsprechende behandlung bekommt. mir ist das peinlich. ihm nicht. er meint, ich sei eine interessante patientin, weil meine symptome so uneindeutig seien. na dann, sagte ich, haben wir wenigstens beide was davon.

heute wurden mir dann zum ersten mal in meinem leben schröpfköpfe gesetzt. sie wissen schon, dieses kleinen glashauben, die unterdruck erzeugen und dann einen blauen fleck hinterlassen. der physiomensch hat mir am ganzen rücken welche gesetzt. ganz große. jetzt sehe ich aus, als wäre ich ganz furchtbar verprügelt worden. die schulter tut so weh, dass ich nicht sagen kann, ob es der alte oder ein neuer schmerz ist. jedenfalls kann ich morgen dann schon mal nichts tief dekolltiertes tragen. trotzdem freue ich mich wie ne schneekönigin.

zur feier des tages habe ich mich heute endlich meines uralt-bücherregels angenommen. das war mal weiß, hat aber inzwischen einen unschönen gelbstich. raucherhaushalt eben. nachdem ich ja neuerdings zu den heimwerker-queens zähle und dank sorgfältigen anlernens durch das objekt sogar mein fahrrad erfolgreich repariere, dachte ich, wir machen zumindest die eine regalseite hübsch weiß. das ganze regal hätte bedeutet, alles ausräumen zu müssen, ich aber wollte einfach nur das streichen, was störte, weil sichtbar.

da ich so ein ungeduldiger mensch bin, habe ich keinen normalen lack gekauft, sondern lackspray. kein langes gepinsel, sondern einfach schwuppdiwupp hingesprayt und weiß isset.

dachte ich. weit gefehlt. zunächst sah ja noch alles ganz gut aus, zumindest, sobald ich raushatte, dass man die dose nicht zwei zentimeter vor das brett halten darf, weil sonst alles ins schwimmen gerät und das spray dicke flecken statt eines zarten hauchs erzeugt. ich sprühte im abstand von etwa einer elle mehrere schichten sehr schön gleichmäßig. es stank bestialisch, aber ich hatte ja schon vorschriftsmäßig das fenster geöffnet und war mir sicher, die aktion irgendwie zu überleben.

das regal wurde wunderschön weiß. alles andere in der näheren umgebung allerdings auch, wie ich kurz darauf erschreckt feststellte: die bücher im regal. das parkett. der blumentopf mit meiner mickrigen palme. und last but not least: mein kronleuchter. hätte ich mal besser alles abdecken sollen. war ich aber zu faul für. tja.

wasser und putzmittel waren relativ erfolgsarm. alles verschmierte nur und sah noch schlimmer aus. zum glück kam ich dann auf die idee mit dem nagellackentferner. das klappte ganz gut. trotzdem war´s dann im nachhinein nichts mit der großen zeitersparnis. ganz im gegenteil.

jetzt bin ich fix und alle. keine wunder. der physiomensch sagte, ich solle mich nach der behandlung schonen und am besten hinlegen. ging ja aber nicht, aufgrund des selbstinduzierten weißen infernos in meiner butze. die sache mit dem schlaf werden wir aber nun gleich nachholen.

gute nacht, klein-bloggersdorf.

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Montag, 19. September 2011
fails and falls
es herbstet. zwischen frisch gefallenen blättern gehe ich und versuche mich in fröhlichkeit, während mir die vergangene nacht noch in den knochen sitzt.

zunächst der übliche clubbesuch. das objekt ist auch anwesend und scheint sich in stabiler stimmungslage zu befinden. als ich das nebenzimmer betrete, sitzt es mit mr. shyguy zusammen. als es mich wahrnimmt, springt es eilfertig auf und offeriert mir seinen sitzplatz. ich nehme dankend an. der objektsitzplatz hat arschwärme und objektgeruch. ich beginne eine unterhaltung mit mr. shyguy, der liebeskummer hat, während das objekt vor mir steht. ich bin mit seinem schritt auf augenhöhe. das objekt grinst breit und glotzt in mein dekolleté. wir wissen beide sehr genau, was der andere jeweils denkt.

nachdem ich mr. shyguy ein wenig aufgebaut habe, begibt er sich auf die tanzfläche, den frust rausschwitzen. das objekt nutzt die chance, pflanzt sich neben mich und nimmt mich in die arme.
"ich habe neulich deine alten nachrichten noch mal gelesen..."
"welche alten nachrichten?"
"so von den letzten monaten. bis zum letzten jahr oktober! und mann, hatten wir spannende konversationen!"
"die hast du alle noch?"
"klar, ich lösche die doch nicht. es bedeutet mir was."
"schon klar."
"hey, madame, das ist ehrlich gemeint. und du kannst so herrlich versaut sein."
ich sage nichts.
"ich hab dir übrigens auch ne nachricht geschrieben!"
ich gucke zweifelnd.
"du glaubst mir nicht, oder?"
"hier ist nichts angekommen."
"schon klar, ich hab die nicht abgeschickt, weil sie noch nicht fertig ist."
"ich glaub dir nicht", nehme ich dem objekt den wind aus den segeln.
"das ist traurig", sagt das objekt. "aber ich kann dich verstehen. ich kann es allerdings beweisen."
und es kramt sein uralt-handy hervor.
"die ist ganz lang, das sind vier oder fünf smsen am stück! und sie ist noch nicht fertig, also nicht wundern, wenn der text irgendwann abbricht."
dann lese ich und staune ein wenig. das objekt, das unter schwerer legasthenie leidet, hatte sich ordentlich ins zeug gelegt. der text besitzt lyrische dimensionen, die in zweideutigkeiten übergehen und in der anspielung auf masturbation enden.
"hast du dir einen runtergeholt, während du das getippt hast?"
das objekt grinst frech und nickt.
"wie findest du es?"
"da sind ja gar keine rechtschreibfehler drin", sage ich böse lächelnd.
"du bist fies", findet das objekt. "ne ganz fiese deutschlehrerin wirst du mal sein!"
"keep calm. die schule hat mich eh abgelehnt."
"da passt du auch nicht rein. das bist du nicht."
das objekt sieht mich offen an ud strahlt. seine augen glänzen stark und ich weiß, was sache ist.

wie im flug vergehen die stunden. dann ist es fünf. ich unterhalte mich gerade mit einem fremden mann, der mich zum trinken überredet hat, als ich aus den augenwinkeln heraus einen streit zwischen dem objekt und der objektgespielin beobachte. schließlich verlässt die objektgespielin den club. das objekt hängt alleine am tresen und wirkt zerstört. ich frage, was los ist.
das objekt schüttelt nur den kopf:
"zu kompliziert."
dann stützt es den kopf in die hände:
"ich muss in einer stunde auf arbeit sein, ich hab frühschicht."
ich stutze.
"aber du hast doch gar nicht geschlafen?"
das objekt schüttelt den kopf.
"ich bin seit fast 48 stunden wach. ich hatte eben noch spätschicht."
sein blick wandert unruhig durch den raum.
"kannst du mir einen riesigen gefallen tun?"
"kommt drauf an, ich wollte dann gehen."
"ich geh kurz zu mir, mich umziehen. würdest du mich ein stück begleiten? ich muss innerlich einen gang runterschalten. und du kannst mich so gut beruhigen."
"du liegst doch eh auf meinem weg."
"oh, das wäre gut."

als wir beide in den mänteln stecken, holen wir unsere räder und schieben dann schweigend nebeneinander her. ich kenne das objekt gut genug um zu wissen, dass ich nichts zu sagen brauche, denn wenn, dann redet es von alleine. doch es schweigt eisern, bis wir vor dem haus stehen.
"kommst du noch kurz mit rein? ich mach dir auch kakao und ein brot, wenn du möchtest."

in der wohnung zieht das objekt schuhe und hose aus und schlüpft in eine jeans. dann setzt es sich an den küchentisch, dreht eine zigarette und legt eine line. ich weiß, dass protest keinen sinn macht, aber mein blick muss wohl bände sprechen, denn mit einem mal hält das objekt inne und sieht mich an. dann verbirgt es das gesicht in den händen. und als ich ihm die linke wegziehe, sehe ich die tränen.
"ich weiß nichts mehr", flüstert das objekt. "ich weiß gar nichts mehr."
"komm", sage ich und ziehe es in meine arme.

das objekt verkriecht sich an meiner brust wie ein kind und klammert sich fest. es schnieft eine weile, wird dann aber ruhiger.
"ich kann dir das jetzt nicht erklären", sagt es schließlich.
"musst du doch nicht", erwidere ich. "aber meinst du, es ist eine gute idee, jetzt arbeiten zu gehen?"
"ich muss, da ist sonst keiner."
das objekt putzt sich die nase, atmet tief durch und zieht sich dann den stoff rein. zittrig bindet es sich die haare zusammen und schlüpft wieder in seine jacke.

anschließend stehen wir auf der straße in der morgendämmerung. es nieselt.
"bis dann", sagt das objekt und drückt mich.
"bis nächstes jahr", sage ich. das objekt schenkt mir ein schiefes lächeln, dann schwingt es sich auf das fahrrad und fährt gen osten. ich sehe der sich entfernenden rückansicht zu, wie sie kleiner und kleiner wird und schließlich im regengrau verschwindet. dann schlägt die uhr halb sieben und ich mache, dass ich nach hause ins bett komme.

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Samstag, 17. September 2011
mein wunderbarer waschsalon
seitdem sich meine waschmaschine vor kurzem endgültig fukushimaierte, führen mich meine samstäglichen wege bis auf weiteres in den winterhuder waschsalon. obwohl ich eine bedingte abneigung gegen waschsalons habe - habe in meiner alten heimat ein jahr lang in einem gewaschen und so manches mal kam die wäsche dreckiger raus als rein - bin ich vom winterhuder waschsalon ganz begeistert. er ist sehr gepflegt und es herrscht nie gedrängel, da es ausreichend maschinen gibt und die preise so hoch sind, dass die penner alle wegbleiben (zum vergleich: winterhude: 4 € + 50 cent für weichspüler, fürth-süd: 3 € + 50 cent für weichspüler oder zur happy hour 2,60 € all inclusive).

in film und fernsehen sind waschsalons immer eine hervorragende kontaktbörse. was ich aus erfahrung bisher nicht bestätigen kann. das klientel erstreckt sich in meinem fall von russischen hausfrauen über mürrische alte männer in braunen westen bis hin zu schlumpfigen studenten, deren dreckwäschebündel häufig einen leichten gras-geruch verströmen und mich damit wieder unselig an das objekt erinnern. dieses menschliche angebot führt bei mir eher zu fluchtreflexen denn zum erwachen meiner komatösen bauch-schmetterlinge.

heute jedoch war alles ein wenig anders. als ich die gute stube betrat, befand sich da einer der üblichen mürrischen alten herrn in kackbrauner weste. doch nebenan in einer ecke stand ein mitteljunger mann mit intellektuellen-brille und gut sitzendem rotem pullover. er studierte gerade die waschanweisungen. als ich mit klack-klack-absätzen über die fließen stolzierte, drehte er sich um und guckte. ich wählte meine maschine, warf das geld ein, zog mein waschpulver und begab mich dann vor meiner maschine in die hocke, um die wäsche einzufüllen. über den metallenen rand am glasauge registrierte ich, dass sich der rote pulllover noch zweimal nach mir umdrehte und meine wäsche-einfüll-aktion beobachtete. ach wie schmeichelhaft, dachte ich bei mir und freute mich, weil der rote pullover beinahe meinem beuteschema entsprach und sich so angenehm von meinen sonstigen verehrern (50 plus, einen kopf kleiner, südländischer abstammung und eher devot) unterschied.


doch es sollte ganz anders kommen. als der rote pullover die waschanweisung schließlich zu ende studiert hatte, pflanzte er sich auf die holzbank, um den waschgang abzuwarten. neben ihm lag eine vergessene süddeutsche zeitung, die er sich schnappte und zu lesen begann. doof kann er also auch nicht sein, freute ich mich, die ich das süddeutsche-abo meines arbeitgebers ebenfalls sehr geschätzt hatte, bevor es den allgemeinen einsparungsmaßnahmen zum opfer fiel. aus lauter leselust und ansprechfrust und weil er ja schon so interessiert geguckt hatte, fasste ich mir schließlich ein herz und fragte:
"darf ich mitlesen?"
das war kein schnorren, fand ich, schließlich war das nicht seine zeitung, sondern nur ein vergessenes exemplar vom vortag.
die reaktion war dann allerdings überraschend:
"kaufen sie sich doch selber eine", sagte der rote pullover unfreundlich.

ups. das war wohl nix. aber davon abgesehen: wie unsympathisch. ein unsozialer zeitungsdieb, der seine beute nicht teilen wollte. später sah ich dann, wie der rote pullover seine saubere wäsche in einen kleinen sportflitzer verlud. schickes auto, kleiner schwanz, dachte ich. das kostet nicht mehr vorhandene sympathiepunkte. und mal ehrlich: eigentlich sehen rote pullover an männern sowieso total schwul aus.

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Sonntag, 11. September 2011
9/11: vom abkapseln und andocken
"ich gehe dir aus dem weg, weil ich mich dir nicht erklären kann und will."
das objekt starrt auf die zigarette, die es sich gerade dreht.
der tabak sträubt sich gegen das papier und will sich nicht einrollen lassen. das objekt rutscht unbehaglich auf dem sofa hin und her und erwartet gespannt meine reaktion.
ich sage nichts. ich finde das frech.
"ich finde das frech", sage ich dann doch geradeheraus.
das objekt starrt in den raum.
"es ist mir klar, dass das unmut provozieren muss."
solche sätze kenne ich nicht aus dem objektmund.

als die zigarette brennt, wendet sich das objekt mir plötzlich doch zu und schaut mir ins gesicht.
"weißt du, ich sauf gerade mit mir selbst total ab. und es ist mir egal. es ist mal wieder so eine phase, die sich anfühlt wie eine metamorphose." dann lacht es hart. "aber ohne wirklich eine metamorphose zu sein. kennst du das, wenn du meinst, dich zu häuten, und hinterher ist alles genauso beschissen wie vorher? ich habe gerade so ein eindruck, ich muss das alles sein lassen: die unehrlichkeit. die exzesse. die unvernunft. aber ich weiß, wenn die phase vorbei ist, stehe ich wieder da und denke: okay, wo haben wir aufgehört?! und gebe wieder vollgas."
das objekt pfafft ein paar züge und die hand, die die zigarette hält, zittert.
"es kommt nichts von mir, von innen. ich warte auf etwas, das von außen kommt."
"das kannst du nicht erwarten", erwiderte ich. "was soll denn da bitte kommen?! alles, was passieren kann, musst du selber bewirken. zumindest indirekt, den ein oder anderen netten zufall gibt es dann schon, so alle fünf jahre."
"ich weiß."
"du hast dich ja auch von ALLEN leuten distanziert, die dich mögen oder mochten", werfe ich ihm vor.
"du weißt, dass ich dich enorm schätze, aber so die anderen... ich habe dieses kindische getue satt. die objektgespielin, die objektexfreundin, die drittefreundin... die gehen mir alle so auf die nerven. stell mir eine abschussrampe auf, ich schieße die alle zum mond."
"das ist respektlos", finde ich.
"ich weiß. ich sage ja auch nicht, dass ich die nicht mag, es sind liebe menschen, aber sie gehen mir total auf den geist. es ist ein gefühl, gegen das ich machtlos bin."
das objekt schaut ernst, lächelt dann aber zaghaft entschuldigend.
"aber genug. erzähl doch lieber von dir. wie geht es dir denn so?"
ich zucke die achseln.
"die frage kommt jetzt ein bisschen spät."
"ach komm. was macht der rücken? was macht der job? was macht die männerwelt?"
"ganz okay soweit", gebe ich die kurzzusammenfassung.
"und warum bist du heute abend hier? ich meine, du warst doch vorher woanders und bist so spät noch hierher gekommen?"
ich überlege, ob ich lügen soll, aber ich entscheide mich dann für die wahrheit.
"ich wollte mit dir reden."
"alles, nur keine gespräche, bitte", schießt das objekt unwirsch hervor.
ich muss widerwillig lachen.
"aber wir reden doch schon."
"stimmt."
"und, ist es so schlimm? ist es so schlimm, jetzt neben mir zu sitzen? nicht die sichere distanz zu haben?"
da rutscht das objekt ganz nahe an mich heran und lächelte mit einem male ganz entspannt.
"nein. gar nicht. du beraubst mich sämtlicher argumente."
"es war mir schon klar, dass ich wieder den ersten schritt machen muss. du kriegst ja den arsch nie hoch. von dir kann man echt nichts erwarten."
jetzt wird es gleich aufstehen und weggehen, denke ich, aber das objekt bleibt, hält die nähe und schweigt einfach nur.

später dann schmeißt k. eine runde tequila und lädt mich und das objekt ein. als k. auf toilette geht, starrt das objekt glasigen blickes auf mein dekolleté und fragt leicht lallend:
"sag mal, sind deine brüste gewachsen?"
"nein, das ist ein push-up."
"bei dir kann man nichts mehr pushen. das sind die schönsten sekundären geschlechtsmerkmale, die ich je gesehen habe."
"und ich habe schon viele gesehen, hättest du jetzt noch sagen müssen!" lache ich. "dann wäre das kompliment perfekt gewesen."
"och mensch", nuschelt das objekt und legt den kopf auf den tresen.
k. kommt zurück. ich unterhalte mich mit k. währenddessen fixiert mich das objekt ununterbrochen und grinst anzüglich. verschleierten blickes lässt es mich an seinem kopfkino teilhaben. ich finde das dreist im anbetracht unserer situation, bin aber ebenfalls angefixt. ich schiebe es auf den ojektentzug und den allgemeinen sexentzug in der letzten zeit. bloß nicht weichkochen lassen, denke ich mir. sag nein, falls es dich fragt, ob du mitkommst.

am ende des abends nimmt mir die objektgespielin die entscheidung ab. sie macht dem objekt eine szene, wie ich der körpersprache von weitem entnehmen kann. das objekt rudert mit den armen und zuckt mehrfach mit den schultern. dann holt es mürrisch seine jacke und verschwindet mit der objektgespielin, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden.

ich gehe wenig später. draußen blitzt und donnert es. an der ersten abzweigung beginnt es in strömen zu regnen. das wetter passt zur stimmung. ich bin geladen. 9/11 eben. die objektmetamorphose gefällt mir nicht. es mutiert immer stärker in richtung arschloch. trotzdem wirken die pheromone. ich beschließe, nicht auf den bus zu warten, sondern durch den regen zu laufen, bis ich ruhiger werde. vor einem club an der stresemannstraße steht ein junger typ und starrt mich drogenschwangeren blickes an. er ist sehr süß und schmeckt auch so, als wir uns zwischen zwei blitzen küssen. aber er ist es nicht und ich möchte keine zeit verschwenden. in meinem alter zieht man den nachtschlaf dem potenziell enttäuschenden beischlaf vor.


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Montag, 5. September 2011
es wal einmal
wenn eine eine reise tut, dann kann sie was erleben. is ja klar.

um dem objekt zu entfliehen und um mir überhaupt mal wieder was gutes zu tun und weil mir ein bestimmter blogger mal wieder was gutes tun und dabei unter anderem unbedingt beweisen wollte, was für ein genialer koch (=lover) er ist, war ich dieses wochenende in einem kleinen ort bei einem etwas größeren ort am meer. das war nun eigentlich schon das zweite mal. denn: was wahr ist, muss gesagt werden, was gut ist, muss getan werden - und was gut war, muss wiederholt werden!

da der besagte blogger es unbedingt einmal schriftlich will: ja, das essen war grandios lecker! ich mag es ja gerne scharf und fleischlos (fleisch, das ich in den mund nehme, sollte menschlicher natur sein und noch leben). d.h. meinen nahrungssonderwünschen wurde zu 100 % folge geleistet, auch wenn der blogger sonst eher seine dominante seite betont. sicherlich brennt das essen zweimal, aber gut, wie gesagt, nur analverkehr mag ich dann nicht, vor allem nicht am ende des verdauungsvorgangs, denn ich mag auch keine züchtigungsgeilen männer mit schild mit der aufschrift "damentoilette" ummen hals, wie sie sonst des öfteren in den von mir frequentierten lokalitäten auftauchen.

soweit, so prima. dann allerdings fielen mir einige merkwürdigkeiten auf, die nicht ganz in das von besagtem blogger gezeichnete selbstbild - tougher, cooler ladykiller mit vorliebe für harte elektronische musik - passten.

1. die weihnachtstasse mit dem rentier
ich fragte mich: ist mein gastgeber etwa ein freund von kirchlichen feiertagen und neigt dazu, zur weihnachtzeit heimlich plätzchen und stollen zu backen und abends besinnlich in den selbstgeschmückten adventskranz/weihnachtsbaum zu glubschen? er versuchte mich von dieser these abzubringen, indem er als abendgestaltung das gemeinsame gucken von horrorfilmen vorschlug, aber so leicht kann man(n) mich nicht täuschen!

2. das rosa duschgel und die damendeos im bad
der blogger behauptete, die gehörten seiner freundin. zur tarnung lud er eine gemeinsame gute bekannte von uns ein und spielte mir ein pärchenleben vor - aber so leicht kann man(n) mich nicht täuschen!

3. die ringelstrümpfe, die damenunterwäsche und das schwarze kleid in der wäsche
weil ich ja so ein sozialer mensch bin, helfe ich auch mal beim wäscheaufhängen, wenn ich den gastgeber schon alleine den frühstückstisch wieder abräumen lasse. der blogger behauptete zunächst wieder, die damenbekleidung gehöre allesamt der bekannten, mit der er einen auf pärchen machte - doch so leicht kann man(n) mich nicht täuschen!

endlich sah mein gastgeber ein, dass die beweislast zu drückend wurde und gestand mir schließlich seine geheime feminine seite. er zeigte mir sogar seine lackstiefel, die er offenbar trägt, wenn er auf männerfang geht.

ich muss ja sagen: ich habe das alles bereits bei meinem ersten besuch geahnt. und zwar, als mir die kleinen blauen wale auf dem klopapier auffielen. passend dazu wollte ich dem blogger heute eine rosa plüsch-krake schenken, doch er lehnte dankend ab. ich versuchte es dann mit einem tiger-täschchen, aber das hatte er schon in seinem besitz.
auf diese weise konnte ich mich gar nicht richtig für die gastfreundschaft bedanken. trotzdem hoffe ich, dass besagter blogger nächsten samstag zum konzert nach hh kommt und auch seine nette imaginäre freundin mitbringt. ich muss allerdings darauf hinweisen, dass mein klopapier keinerlei tiermotive aufweist. vielleicht möchte er sich ja eine rolle von zuhause einpacken. mein klopapier ist außerdem nicht so kuschelweich und daher auch nicht so gut für brennt-zweimal-gerichte geeignet.
nunja, das alles kann er sich ja mal durch den kopf gehen lassen!

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