Dienstag, 1. Mai 2012
odyssee in den mai
gestern bekam ich besuch von mr. shyguy. der hatte eine überraschung für mich:
"das objekt will, das wir vorm partymachen noch bei ihm vorbeikommen, einen rauchen und ein bisschen vorglühen."
ich war erstaunt.
"ich war noch nie da bei ihm in seiner merkwürdigen unterkunft."
"ja, ich doch auch nicht. deshalb müssen wir es jetzt auch anrufen, damit er uns sagt, wo wir gleich hinmüssen."

ich war noch immer überrascht und überlegte, ob ich das wollte. doch mr. shyguy nahm das ruder in die hand. er schnappte sich mein kreischviolettes wählscheiben-telefon und wählte eine nummer, die ich nicht kannte.

mr. shyguy ließ es dreimal durchklingeln. niemand ging ran.
"okay", sagte ich, "das wars. wir fahren alleine in den club."
"wart doch mal", sagte mr. shyguy.
und plötzlich klingelte das telefon.
ich sprang auf und riss den hörer von der gabel:
"ja?!"
"morphine", sagte das objekt warm. "du bist das."
"mr. shyguy ist hier und wir würden gerne wissen, wo du wohnst", sagte ich gereizt.
das objekt begann lang und umständlich den weg zu beschreiben, bis ich es unterbrach:
"die adresse. mir reicht die adresse. den rest sagt mir g. maps."
das objekt sagte straße und hausnummer.
"steht dein name irgendwo am klingelschild?" fragte ich, weil ich die objekt-schlampigkeit kannte.
"äh, nein", stammelte das objekt. "aber ich komme runter und warte auf der straße auf euch. ich bin in 20 minuten da."
"15", widersprach ich. "so weit ist das nicht."
als ich auflegte, sagte mr. shyguy, der das objekt sonst hemmungslos bewunderte:
"der typ ist manchmal nicht so intelligent, oder?"
ich prustete los.

dann schlüpften wir in schuhe und mantel und wollten los. da klingelte das telefon abermals. es war noch mal das objekt.
"du, morphine, ich hab wein für dich gekauft... und ich hab bier... und wodka. willst du noch irgendwas?"
"nein", sagte ich. "das sollte für das stündchen, das wir vorhaben zu bleiben, reichen."
ich legte auf. mr shyguy war verwundert und fragte:
"was ist denn?"
"er wollte mir nur noch mal aufzählen, was an getränken da ist."
"hä?"
"naja, du hast ja vorhin schon festgestellt: manchmal ist das objekt nicht so intelligent."

dann saßen wir im auto. mr. shyguy hatte hunger.
"lass uns mal noch wo an die tanke fahren", sagte er.
"dann kommen wir aber zu spät. wir sind sowieso knapp. das objekt steht bestimmt schon auf der straße. und wie du vielleicht bemerkt hast, regnet es. also lass uns da schnell hin und dann frag das objekt doch, ob es was kocht."

kurze zeit später standen wir vor einem hochhauskomplex.
"das ist es?", sagte mr. shyguy ungläubig. "das sieht aus wie ein krankenhaus."
"doch, das ist es", sagte ich und zeigte richtung eingang: "da steht das objekt."
das objekt winkte uns, dann nahm es erst mr. shyguy und danach mich in die arme. es war ganz nass.
"willkommen", sagte es.
"du tropfst", begrüßte ich es.
"kommt schnell rein", ärmelte das objekt uns beide unter und zog uns zum aufzug.

als wir in der oberen etage ankamen, war der flur kreischblau gestrichen.
"oh mein gott", sagte ich.
"sag nichts", grinste das objekt. "es hätte schlimer kommen können. es gibt auch rosa flure!"
das zimmerlein selbst war ganz annehmbar. das objekt mit seinen innenarchiktonischen fähigkeiten hatte das beste daraus gemacht. bis auf den teppich und den hässlichen schrank im mikro-flur sah es aus wie in der objektwohnung. es gab sogar eine badewanne.

"cool", sagte ich halb überzeugt.
"hast du was zu essen", haute mr. shyguy das objekt an.
das objekt begann im schrank zu wühlen und holte schoki und kekse hervor.
"keine schoki", sagte ich, "mr. shyguy ist auf diät."
"wenn ich was kochen soll, müssen wir rüber in die gemeinschaftsküche", sagte das objekt.
wir folgten dem objekt über den flur in die hässliche küche, die aussah wie eine mischung aus jugendherberge und knastkombüse.

eine halbe stunde später saßen wir über einem thai-eintopf, tranken wein und bier und ließen es uns gut gehen.
das objekt schaute mich über einen löffel dampfender auberginen in chilisud an und sagte dann:
"ich hab dich vermisst, madame. ich hab dich wirklich vermisst. die goldenen momente, die inseln mit dir..."
mr. shyguy schaute gespannt zwischen dem objekt und mir hin und her.
ich schluckte die aufgehende sonne in mir mit scharfem hühnchen hinunter und zuckte dann lapidar die achseln.
"du hast nicht mich vermisst, du vermisst den zustand, den du mit mir hattest. sorglosigkeit. freiheit. exzess."
das objekt sagte nichts mehr, holte dann umständlich den tabak aus der tasche und begann, einen joint zu drehen.

"wohin wollen wir denn nun heute?" fragte mr. shyguy.
"keine ahnung", sagte ich.
das objekt wollte auf eine fetisch-party.
"boah. ich glaub, da hab ich keine böcke drauf", sagte ich.
"ist aber sehr schön da", sagte das objekt.
"allerdings hätte ich auch viel mehr lust auf was anderes", sagte mr. shyguy. "ist da nicht irgendwo eine 80er-party?"
"ja, komm, lass uns da hinfahren", sagte ich. "ich muss mal andere leute sehen. nicht immer nur so ne freaks."
"gut", sagte mr. shyguy. "dann setzen wir das objekt bei seiner party ab und fahren dann weiter."
"langweilig!" zog uns das objekt auf, "dabei ist da so gute musik!"

und los ging es. das objekt und ich waren zu diesem zeitpunkt schon reichlich angeschossen und hatten die wodkaflasche halb geleert. ich schwankte.
"das ist der zustand, den ich normalerweise erst am ENDE eines abends erreicht haben möchte", säuselte ich.
während mr. shyguy fuhr, saßen das objekt und ich auf der rückbank des wagens. das objekt schaffte auch die zweite hälfte der flasche noch bevor wir überhaupt in clubnähe kamen. es kuschelte sich an. mir war schwindelig und leicht übel.
"wenn ich kotze, kotze ich dich an", sagte ich zum objekt.
"du kotzt nie", sagte das objekt mit selbstverständlichkeit.
das hatte es sich also gemerkt.

wir kamen bei der objekt-wunschlocation an.
"viel spaß beim spielen", sagte ich, und das objekt griff sich grinsend in den schritt.
dann stiegen mr. shyguy und ich wieder ins auto und fuhren weiter.

als wir bei unserem club ankamen, stand eine endlose schlange an der tür.
"nein!" rief mr. shyguy.
"da stellen wir uns nicht an", sagte ich, "da sind wir ja übermorgen noch nicht drin."
"und nun?"
"da gibts noch woanders sowas ähnliches. ist allerdings am anderen ende der stadt."
"ist das gut?"
"och, du, so oft war ich da noch nicht, aber als ich da war, wars immer okay. es ist halt ein bisschen teurer."
"wie teuer?"
"so sieben, acht euro denk ich. auf jeden fall aber billiger als eine fetisch-party!" meinte ich.
"egal, da fahren wir jetzt hin."

gesagt, gefahren, eine halbe stunde später waren wir am ziel. vor dem club gab es keine schlange. warum das so war, erklärte sich am eingang: der spaß sollte 15 euro kosten.
"hattest du nicht gesagt, es sei deutlich billiger als eine fetisch-party?!" entsetzte sich mr. shyguy.
"sollen wir wieder fahren? wir können auch immer noch auf den kiez."
"nein", entschied mr. shyguy, "jetzt sind wir schon mal da! außerdem wollte ich schon immer mal wieder auf eine 80er-party."

nachdem ich den eintritt gelöhnt hatte, hatte ich genau noch zwei euro in der tasche.
"ey, ich kann mir hier nicht mal was zu trinken kaufen", sagte ich, "nicht, wenn ich nachher noch mit der bahn nach hause will."
"ist auch besser so", fand mr. shyguy im anbetracht meines zustands.
ich schubste ihn und lachte.

mein angeheiterter zustand sollte sich innerhalb kurzer zeit ins gegenteil verkehren. die party zu besuchen entpuppte sich als fehlentscheidung des jahrhunderts. die musik war halbwegs okay, aber die anlage schepperte blechern. ich fühlte mich nach zwei liedern kurz vorm tinnitus.

davon abgesehen waren wir deutlich die jüngsten. die partybesucher waren schätzungsweise zwischen 35 und 55, meist unterwegs als paar. männer vom typ "bärchen", die sich in karohemden, jeans und turnschuhen ultimativ hip fühlten und sich aufgeregt die grauen bärte schubberten, wenn eine guterhaltene vierzigerin im leo-look an ihnen vorbeiwackelte.
"ich fühle mich optisch vergewaltigt", sagte mr. shyguy.
"die leute sehen aus wie meine eltern", fand ich.
"und guck mal wie die tanzen", zeigte mr. shyguy auf einen pulk von tanten, die unkoordiniert gegen den rhythmus hoppelten.
"sieht aus wie schüttellähmung", sagte ich.

eine halbe stunde später saßen wir geknickt an der bar. dann kam eine sms vom objekt an. das feierte offenbar vollgekokst bis in die haarspitzen gerade eine art orgie mit irgendwelchen weibern.
"boah", sagte ich, "also dass wir da nicht mit sind, das war die schlimmste fehlentscheidung meines lebens."
"und das viele geld, das wir jetzt ausgegeben haben!", jammerte mr. shyguy.
"und der schreckliche anblick all dieser tanten und onkels..." jaulte ich weiter.
"und diese billige anlage..."

es musste etwas passieren. nüchtern sowie ernüchtert stand ich auf, packte mr. shyguy an den schultern und sagte:
"wir gehen. wir nehmen eine sparkasse mit, ich hole geld und wir gehen jetzt auch auf diese party."
"das geht nicht", sagte mr. shyguy zerknirscht.
ich seufzte gereizt:
"stell dich mal nicht so an!"
"das hat damit nichts zu tun", beharrte mr. shyguy. "ich habe das falsche outfit an."
ich sah an mr. shyguy herab. hemd, jeans, sneakers - gut, das ging nun wirklich nicht.
"dann lass uns wenigstens noch auf den kiez!"

wir verließen den ort des grauens, holten geld und frischen alkohol und stürzten dann auf einer walpurgisnacht-party im metal-keller ab. dort waren junge leute, es ging lustig zu und als gegen ende des abends immer mehr elektromusik lief, fand auch ich den weg auf die tanzfläche. zwei stunden später spürte ich sämtliche knochen und bandscheiben, war schweißgebadet - und schon wieder nüchtern. doch ein blick auf die uhr zeigte mir: es war ohnehin bereits nach sechs uhr morgens. mr. shyguy hatte sich schon vor einiger zeit verabschiedet.

ich wankte mit einem heavymetal-freak zur bushaltestelle, kaufte vom letzten geld einen kaffee und eine fahrkarte und war eine gute halbe stunde später zuhause - tödlich erschöpft, aber mit dem gefühl, das beste verpasst zu haben.

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Montag, 23. April 2012
a love like kraut und rüben
am sonntagmorgen nach dem üblichen clubbesuch ging ich zusammen mit meinem neuen bekannten t. durch die straßen von bahrenfeld. bis auf das gepiepse der vögel und das entfernte brummen der autos war es totenstill.

die sonne schien, doch es war arschkalt. wir waren fast alleine unterwegs. hin und wieder begegneten uns menschen vom typ muddi und vaddi, die ihre wauzis und fiffis zum kacken ausführten. muddi und vaddi starrten uns durchgefeierte gestalten an und zerrten fiffi und wauzi energisch an der leine weiter. t. und ich starrten zurück und beneideten muddi und vaddi klammheimlich um ihre polartauglichen nanotech-funktionsjacken, denn wir waren beide durchgetanzt, erschöpft und schlotterten in den frischen morgendlichen temperaturen.

"scheiße, ist das kalt", wiederholte ich mehrfach und schlang meinen maximal atmungsaktiven da vollkommen ungefütterten stoffmantel enger um mich.
"wenigstens hast du stiefel an", erwiderte t., der mit den zähnen klapperte.
"lack hält echt null warm", versicherte ich t. "aber im gegensatz zu dir hab ich wenigstens noch ein bisschen unterhautfettgewebe!"

seit der trennung von seiner durchgeknallten freundin war t. nur noch ein schatten seiner selbst, psychisch wie physisch. selbst auf meiner geburtstagsparty hatten wir ihn nur mühsam zur nahrungsaufnahme überreden können. vor ein paar stunden im club gelang mir ein kleines wunder und ich konnte t. eine handvoll erdnüsse einflösen, nachdem ich sein zerebrales kummer-zentrum zuvor mit sechs oder sieben tequilas und zahlreichen bieren narkotisiert hatte. infolge der alkoholisierung wurde t. ein wenig zutraulicher und gab ein paar intime details über sein aktuelles leben preis. dieses gestaltete sich insofern schwierig, da t. vom schrecklichen liebeskummer einmal abgesehen dringend aus der ehemals gemeinsamen wohnung ausziehen musste, weil er sich die miete alleine nicht leisten konnte. t. war ein kollege des objekts und somit finanziell ähnlich schlecht aufgestellt, obwohl er fachkrankenpfleger und kinderlos war, in vollzeit arbeitete und kein kostspieliges drogenproblem finanzieren musste. das sowie die tatsache, dass er noch nie per haftbefehl gesucht worden war oder wochen hinter schwedischen gardinen verbracht hatte, machte t. in meinen augen vertrauenswürdig.
"also notfalls kannst du übergangsweise auch zu mir ziehen", schlug ich t. vor.
"danke", sagte t. "ich überlegs mir."

da t. nicht nur ein kollege des objekts, sondern wie dieser aus der nähe der polnischen grenze stammte und um drei ecken mit ihm verwandt war, nutzte ich die gelegenheit zur informationsbeschaffung.
"haste was gehört?"
"der hat wohl neulich mit den azubinen in der klinik wilde parties gefeiert. dieses wochenende hat er aber den sohnemann bei sich, deshalb war er auch nicht im club."
"und das mit dem lütten geht so, in diesem winzigen zimmer, in dem er jetzt haust?"
"naja, so klein ist das nicht. 20 quadrat oder so."
"aber er hat keine küche und kein bad."
"doch, bad hat er. da ist so eine kleine dusche drin - wie in einem etap-hotel. nur die küche ist eben eine gemeinschaftsküche."
ich dachte an die zahlreichen vergeblichen wohnungsbesichtigungen und daran, dass dem objekt die küche bei einer wohnung immer das wichtigste gewesen war, denn "da lebt die familie", so objekt-o-ton.

"ich hab ja auch mal so klein gewohnt, aber das war echt nicht schön", erinnerte ich mich.
"war das da, wo dieser typ bei dir durchs fenster eingestiegen ist? der mit den drei verschwundenen borderliner-exfrauen?"
"jaja, genau das."
t. kicherte.
"abgefahren."
"das war krank. insofern: wenn du zu mir ziehst, hab ich dann wenigstens einen psychopathen-rausschmeißer im haus."
t. lächelte und meinte:
"mal sehen."

am kaltenkirchener platz verabschiedete ich t.
"ich muss da lang."
"aha, zu deinem geheimnisvollen liebhaber", sagte t. und meinte damit den menschen.
"dann... wünsch ich dir viel spaß. und vielen dank noch mal für das angebot, du bist echt ne liebe."
ich umarmte t. und hielt ihn ein weilchen fest, bevor ich mir dann auf den weg zum menschen machte.

weil es so schrecklich kalt war, joggte ich das letzte stück und klingelte beim menschen sturm. zu meiner großen überraschung öffnete mir ein unbekannter junger mann, der mich verschlafen wie eine schleiereule anblinzelte. dann stellte er sich vor:
"hi, ich bin b., ich wohne jetzt im hinteren zimmer."
ich starrte b. perplex an, erinnerte mich, dass der mensch einmal etwas von einem zukünftigen mitbewohner erwähnt hatte und fragte b. dann nach dem menschen.
"der ist vorhin in die klinik gefahren, der hatte so arge kopfschmerzen."

im zuge des erblindens leidet der mensch hin und wieder unter extrem starken kopfschmerzen, gegen die es keine legalen gegengifte gibt. die ärzte sind in der regel ratlos. seit der mensch mich kennt, experimentiert er mit dem, was ich beschaffen kann. und siehe da, wir verzeichnen erfolge: so hatte sich thc als so ziemlich einziger zuverlässiger painkiller erwiesen. aber natürlich bekam der mensch das nicht auf rezept.

ich rief den menschen auf dem handy an. zum glück ging er gleich ran.
"wo bist du?"
"ich war eben beim augenarzt, jetzt warte ich noch auf den neurologen."
"wann kommst du raus?"
"keine ahnung, die nehmen erst die schweren fälle dran. außerdem werden die mir sowieso wieder nicht helfen können."
ich überlegte.
"dann geh doch nach hause und leg dich ins bett."
"süße, ich muss heute eigentlich arbeiten. ich muss bis morgen ein projekt fertig haben. ich muss den kopf klarkriegen."
das schicksal der selbstständigen. krank geht einfach nicht.
"und wenn ich dir was zu kiffen besorge?"
"ich kann doch nicht immer kiffen, um meine kopfschmerzen loszuwerden. du hast manchmal echt vorstellungen!"
"na dann eben nicht."
ich legte auf und war ein bisschen verletzt, aber insgeheim auch dankbar, weil ich ja nichts bei mir hatte.

zehn minuten später rief der mensch wieder an.
"sorry, ich war eben doof zu dir."
"naja...", versuchte ich mich in souveränität und hoffte, dass es nicht gequält klang.
doch der mensch besitzt ein gespür für meine untertöne:
"doch. war ich. und es tut mir leid."
"schon okay. und nun?"
"ich war eben beim neurologen und wie erwartet hatte der keine ahnung, was er mit mir machen soll. ich hab ihm den ganzen fall quasi von kindheit an geschildert, und er faselte was von migräne und ich solle ibuprofen nehmen."
"ibu hab ich in der tasche."
"ibuprofen wirkt bei mir so wie aspirin, also gar nicht."
"achso. naja, und was nun?"
der mensch atmete tief ein:
"ich würde auf dein angebot zurückkommen. schließlich muss ich bis morgen was abgeliefert haben."

ich hielt inne. es war halb acht uhr morgens. ich stand sehr erschöpft in der eiseskälte mitten auf der straße und hatte nichts. außer das warme gefühl für den menschen in der brust.
"okay", sagte ich. "ich muss aber erst fragen, ob ich wo was bekomme."
"wenn nicht dann nicht", sagte der mensch. "bring dich nicht in gefahr."
"neinnein", sagte ich sarkastisch. "glaub bloß nicht, dass du mir wichtig bist."
der mensch lachte ein bisschen.
"dann bis nachher. achja, und alles, was du ausgibst, bekommst du natürlich wieder. und es ist mir relativ egal, wie viel das ist."
"du bist gerade für alles zu haben, was?"
"du weißt doch, wie das bei starken schmerzen ist."
"klar. ist ja gut, ich mach mich auf den weg. kann aber dauern."
"tausend dank!"

ich rief bei quelle nummer eins an. die schlummerte wie erwartet leider tief und fest. also wählte ich quelle nummer zwei, die, wie ich zunächst dachte, mit recht hoher wahrscheinlichkeit entweder noch wach sein oder durch das klingeln aufwachen würde. doch ich hatte pech.

ich überlegte. das objekt fiel mir ein. das sicherlich ohnehin gegen acht oder halb neun aufstehen würde, weil der lütte spätestens dann bespaßt werden wollte. ich zögerte, doch irgendwie war es mir egal und ich wählte die ach so vertraute nummer. es klingelte sechs- oder siebenmal an, danach ging die mailbox ran.

verdammt. wen könnte ich noch fragen? k. vielleicht. der hatte einen kollegen, der regelmäßig rauchte. vielleicht k. fragen, ob er eben mal beim kollegen anklingeln konnte? hm. das war peinlich.
just als ich das handy wieder in die hand nahm, rief jemand an. das objekt.
"hey!"
"morphine..." nuschelte das objekt verschlafen in den hörer. "was denn los? depressionen? überdosis geballert? todesfall irgendwo?"
"ääähhh... nö. ich hab ein ganz freches anliegen."
"wasn?"
"kann ich mir was von deinen küchenkräutern schnorren? jetzt sofort?"
das objekt musste lachen:
"das ist nicht dein ernst, oder?"
"mein voller", sagte ich streng.

"ich hab nichts hier", sagte das objekt dann, was ich sofort anzweifelte.
"du schwindelst doch?"
"nein, echt nicht. ich hab nur noch was im depot."
das objektive depot war ein drogen-grab im park.
"wenn du mir sagst, wo das ist, hole ich das da raus."
das objekt war inzwischen hellwach und analysierte:
"sag mal, morphine... irgendwas stimmt doch nicht bei dir. warum hat du so nen geier auf rauchen? hast du was geschnupft und kannst nicht schlafen?"
"nein, es ist alles okay. ich brauche das als schmerzmittel für jemanden."
das objekt seufzte.
"okay, du chaos-prinzessin... ich hab noch eine gute halbe stunde, dann wacht der kleine auf. wenn du mir sagst, wo du bist, komm ich rum."

eine viertelstunde später tauchte das objekt tatsächlich auf. es hatte waschbärringe unter den augen und die langen roten haare flatterten ungekämmt im wind. es kaute hubbabubba-kaugummi mit kirschgeschmack und küsste mich, indem es eine kaugummiblase an meiner wange platzen ließ.
"komm, ich hab nicht viel zeit."
es bedeutete mir, auf die fahrradstange aufzusteigen.
"geht das auf der stange mit dem mantel?"
"zieh ihn besser aus, der hängt sich sonst in die speichen."
"oooh neee, weißt du, wie kalt mir ist?!"
da streifte mir das objekt den mantel einfach ab und klemmte ihn auf den gepäckträger. es packte mich auf die stange, öffnete seine motorradjacke und zog mich an sich.

eingehüllt in objektduft und -wärme fuhren wir eine kleine strecke zum park. das objekt stiefelte zielsicher durch tulpen und narzissen und begann dann in wurzelnähe eines baumes zu scharren.
ich kam mir vor wie im falschen film und musste ununterbrochen grinsen. doch das objekt war flink wie ein eichhörnchen und zog kurze zeit später ein päckchen aus dem boden. es öffnete die tüte und reichte mir ein beachtliches häufchen böse kräuter.
"nicht so viel", wehrte ich ab.
"also wenn, dann muss sich das jetzt lohnen", fand das objekt.
"danke", sagte ich und gab ihm einen kuss auf den mund. "was schulde ich dir?"
"das kannst du halten wie du magst", erwiderte das objekt, großzügig wie eh und je.
"danke", sagte ich noch mal.

"wo musst du denn jetzt hin?", fragte das objekt, als wir wieder auf der straße standen.
"so richtung kieler straße."
"dann bring ich dich."
das objekt schlang mir seinen schal um den hals, dann fuhren wir wieder in seine jacke gepackt den weg zurück.
als wir in der straße standen, in der der mensch wohnte, kämpfte ich alle gefühle in mir nieder, während das objekt meinen mantel um meine schultern drapierte, verspielt imaginären staub abklopfte und fragte:
"willst du den schal behalten?"
"nein", sagte ich und befreite mich von dem weichen ding, das intensiv nach objekt roch. im eisigen luftzug begann ich sofort zu schlottern.
"ja dann... ich muss zu meinem sohn", sagte das objekt.
"tschüß", sagte ich kühl und peilte die haustür an.
als ich schon geläutet hatte, drehte ich mich noch einmal um. das objekt stand noch immer auf der straße und starrte mich an. dann ging der summer und ich rannte die treppen hinauf.

oben stand der mensch in der tür. er strahlte und zog mich an sich.
drinnen war es warm und sicher. es roch nach zuhause. während ich gegen neun uhr morgens in die hellblauen kissen kroch, setzte sich der mensch an den schreibtisch und begann zu arbeiten. der würzige geruch von brennenden kräutern zog durch die wohnung und killte endlich den letzten objektgeruch an mir.

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Freitag, 13. April 2012
was sie schon immer über sex wissen wollten
was macht guten sex aus? was ist die formel von geilheit? zwei (und vielleicht auch noch mehr) leser wollen es wissen. et voilà.

1. partnerwahl

was macht den richtigen partner beim sex aus? die schwanzgröße? die beschaffenheit der vagina? die gleichen vorlieben? die nette persönlichkeit beckenaufwärts?

erfahrensgemäß entscheidet für mich a) der erste optische eindruck und b) der geruch.
was den optischen eindruck betrifft, gibt es mehrere muster, die sämtliche meiner sexualpartner bedienen. ich vermute, dass diese optischen muster mit uralten emotionalen und trieblichen aspekten in mir korrellieren und bewirken, dass ich mich von einem mann weder bedroht noch gelangweilt fühle, sondern dass er interessant, attraktiv und sexy auf mich wirkt. die wirkung des ersten optischen eindrucks ist sehr individuell und hat nur bedingt etwas mit objektiver schönheit, style oder sozialem status zu tun.

entgegen der meinung vieler anderer frauen ist intellekt oder unterhaltungswert für mich zweitrangig. zu dem zeitpunkt, als ich beispielsweise mit objekt und dritten im bett landete, fand ich das objekt weder besonders clever noch unterhaltsam. im gegenteil, wir verstanden uns überhaupt nicht. mag sein, dass auch dies einen reiz ausmachte. dazu aber mehr in einem anderen punkt.

der geruch, eine rein biologisch-immunologische komponente, legt dann zuletzt den entscheidenden hebel um. dabei kann ein mann beim sex anders riechen als zuvor. könnte mit der schweißproduktion zusammenhängen, aber auch mit der veränderten aussendung von lockstoffen. behaupte ich mal so.

2. vertraute fremde

ich brauche keine gefühle für den partner, um guten sex zu haben. ich muss nicht verliebt sein. was ich aber für vorteilhaft erachte, ist ein stück vertrauen. deshalb bin ich wiederholungstäterin. je besser ich mein gegenüber kenne, desto mehr kann ich mich gehen lassen. der output vergrößert sich.

es gibt menschen - insbesondere männer, die ich hatte - die mir das gegenteil bestätigen. sie können sich besser fallen lassen, wenn sie die frau überhaupt nicht kennen. das unbekannte eröffnet ihnen möglichkeiten, vorübergehend jemand zu werden, der sie sich sonst nicht zu sein trauen. dieser faktor spielt besonders bei fremdfickern eine rolle.

3. a reason to fuck

die innere motivation sozusagen.
an manchen tagen denke ich an absolut nichts anderes als sex. liegt wohl an den hormonen / der zyklusphase. angeblich sind frauen im eisprung besonders sexuell aktiv und für männer am attraktivsten. so genau konnte ich das allerdings noch nicht bei mir beobachten. vermutlich, weil ich nie weiß, wann genau mein eisprung ist. sollte man mal messen, vielleicht ist das ja ein schlüssel zur sexuellen glückseligkeit.

das ist ein möglicher, aber nicht der einzige grund, sex haben zu wollen. besonders frauen haben häufig sex, weil die begegnung zweier körper zärtlichkeit und zwischenmenschliche nähe bedeutet. ich halte diesen grund für das hauptmotiv bei frauen. deshalb verlieben sich viele auch beim sex. ging mir früher auch so, heute weniger. vielleicht hat sich auch meine körpereigene oxytocin- und prolaktinausschüttung verringert. who knows.

die männlichen gründe können ähnlich gelagert, aber auch vollkommen andere sein. einer meiner engsten freunde gestand mir, dass er manchmal sex habe, um wut und aggression abzureagieren. hier wird sex zum sport, zum zweikampf, und zugleich möglichkeit, sich zu verausgaben, leer zu werden, entspannung zu finden.

ein weiterer, enorm wichtiger grund ist die kommunikation der körper. begehren lässt sich in worten nur unzureichend ausdrücken. die natur zwingt die geschlechter nach dem schlüssel-schloss-prinzip zusammen. das kann vor allem dann, wenn die verbale kommunikation eher unbefriedigend ausfällt, ein wahrer segen sein. solange sex nicht zum streit-katalysator wird, ist alles gut.

während man über die ersten drei gründe die überschrift "ficken um des fickens willen" setzen könnte, ist beim letzteren grund der partner im fokus.

4. das setting

viele menschen stürzen besoffen zusammen ab, weil sie zu diesem zeitpunkt enthemmt sind. ein gutes setting würde demnach bedeuten, dass möglichst wenige hemmungen im spiel sind.

alkohol kann anregend sein, aber auch die potenz (zer)stören. sehr offenherziges flirten kann hemmungen wesentlich nebenwirkungsfreier unterbinden. geringe mengen anregender drogen wie mdma, koks oder speed sind ebenfalls ausgesprochen empfehlenswert. aber auch hier gilt: der grat zwischen obelisque und müder wurstpelle ist ein schmaler.

manchmal ist es auch anregend, anderen beim knutschen, fummeln oder vögeln zuzusehen. dabei sind live-erlebnisse selbstverständlich eine ganz andere hausnummer als pornos. die atmosphäre ist bei allem entscheidend.

5. zur sache, schätzchen

zögern ist der killer jeglicher erotik. offen gezeigte unsicherheit führt zum rapiden absinken der lustkurve. wenn ich mich frage, ob ich jetzt anweisungen geben muss, ist schon alles zu spät.

auch fragen wie "und was magst du so?" finde ich ganz fürchterlich. ich mag keine männer, die es mir recht machen wollen. ich mag männer, die ihren trieben folgen. das heißt nicht, dass man(n) beim sex die klappe halten und drauflosrammeln muss. freizügig geäußerte gedanken können bisweilen sehr aufregend sein.

6. das liebe-lieber-ungewöhnlich-prinzip

ich bin kein monogamer mensch. ich habe gerne sex mit mehr als einem partner. der muss nicht zwingend männlich sein. ich mag spielarten, die nicht jedem liegen. und ich mag sex auch woanders als im eigenen bett. das ist purer hedonismus, weniger philosophie.

das objekt beispielsweise ist besessen vom gedanken, dass männer dazu geschaffen sind, den eigenen samen möglichst weit zu verbreiten. aus dieser evolutionären pflicht heraus können sie auch nicht bei einer frau bleiben. ob es sich hierbei um philosophie handelt, sei dahingestellt. dem objekt traue ich auch zu, dass es eigennutz in edelmut verpackt.

erfahrungsgemäß gehen die meinungen in diesem punkt stark auseinander. es handelt sich also um eine weltanschauliche frage.

7. vorspiel

dass frauen ein stundenlanges vorspiel erwarten oder es benötigen, um zum höhepunkt zu gelangen, ist ein weit verbreiteter irrtum. manchmal ist vorspiel nett. spontan einen wegstecken geht aber genauso gut und ist nicht weniger anturnend - insbesondere an spannenden orten. denn vorspiel findet auch im eigenen kopf statt. kopfkino kann mich auf 180 bringen, den richtigen partner vorausgesetzt. dazu muss nicht jemand stundenlang an mir rumrubbeln.

was ich hingegen sehr schätze, ist küssen. im speichel des mannes befinden sich sexuallockstoffe, die die frau paarungsbereit machen sollen. das ist der biologische sinn eines kusses. ein kuss kann, insbesondere bei einem optimalen partner, wie wellen elektrischen stroms am ganzen körper spürbar werden und die erregung enorm steigern.

8. die performance

abwechslung beim vögeln finde ich toll. aus dem zeitalter, in denen die missionarsstellung vorschrift war, sind wir ja auch längst raus.

trotzdem sollte die performance nicht zum hochleistungssport avancieren. ich bin rückenpatientin und stehe auch nicht auf überdehnungen und muskelfaserrisse. wenn ich gymnastik machen will, melde ich mich im turnverein an. von sex hingegen erwarte ich mindestens so viel entspannung wie excitement.

any further questions?

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Freitag, 6. April 2012
nase voran, der rest wird schon
keine neuigkeiten aus dem roten land, aber auch noch keine großartigen schwangerschaftsanzeichen. neulich war mir schlecht. aber das lag daran, dass ich mit meiner kollegin ein neuartiges diätpulver eines unserer kunden testete. ich hätte gewarnt sein müssen, denn auf der verpackung stand: enthält eine phenylalaninquelle.
"was heißtn das", fragte die kollegin.
"das heißt, dass wir unter umständen gleich richtig gut scheißen können", erwiderte ich.
"morphine, deine offenherzigen äußerungen sind immer wieder unschlagbar", fand die kollegin.

doch meine äußerungen sind in der regel (und außerhalb) nicht nur offenherzig, sondern auch weise, wie sich knapp eine stunde später an zwei lebenden beispielen zeigte.
"KLOPAPIER!" brüllte meine kollegin aus dem über den flur auf dem treppenabsatz gelegenen kabuff und ich reichte ihr die nächste rolle, während ich selbst angespannt auf und ab tippelte.

tja, bei organischen vorgängen ist der wille machtlos. sträuben macht es meist nicht besser. ist bei schwangerschaften wohl ähnlich. immerhin bieten sich gewisse bloggerkollegen, die mich intimer kennen, inzwischen bereitwillig prophylaktisch als böse onkels an.

der mensch hingegen ist sehr still und nachdenklich geworden. er fragt nicht nach, was jetzt ist. aber die art und weise, wie er seine arme um mich legt, hat sich verändert. sie ist tastend, prüfend und nicht mehr vorbehaltlos fest.
wir machen kommunikationsspielchen und reden um den heißen brei herum.
"wovor hast du im leben am meisten angst", frage ich den menschen. "also das erblinden jetzt mal ausgenommen."
"da fällt mir nichts ein", meinte der mensch nach einigem grübeln.
"sicher?" hakte ich nach.
"ja doch", sagte der mensch.
doch der mensch ist wie ich: er hat die erfahrung gemacht, dass die dinge funktionieren, wenn man sie nur wohlüberlegt und vor allem selber anpackt. nase voran eben. mutig sein, manchmal auch todesmutig. anders lässt es sich auch nicht erklären, dass der mensch bisweilen fahrrad fährt.

ostern jetzt noch mal feiern. mit all denen, die nicht da sein konnten: dritter und drittefreundin, objektexfreundin und zwei, drei anderen.
das objekt seineszeichens weilt zusammen mit dem objektsohnemann über ostern bei seinen eltern und ließ sich feige über die objektexfreundin entschuldigen, was mich schon wieder furchtbar ärgerte. zumal ich von der k.-ex wusste, dass es wohl schon wieder erste post vom gericht gab.
"ich warte auf den nächsten haftbefehl", hatte die k.-ex am telefon gesagt. "und dann werde ich ihm nicht mehr helfen."

baustellen, wohin das auge blickt. aber wäre satte zufriedenheit schöner? ich finde nein. sonst würde ich am ende eines tages die nase einziehen, mich in meiner jägerzaun-idyllischen komfortzone verschanzen und alles darauf beschränken, samstag nachmittag den porsche zu wienern. man darf nicht satt werden, wenn man die köstlichkeit des lebens noch mit allen sinnen empfinden können will. es ist anstrengend, ja. aber die horizonte weiten sich so schön ins unendliche.

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Dienstag, 3. April 2012
31
ich habe tolle freunde. wirklich.
allein, dass sie heute bis eben ungeachtet beruflicher verpflichtungen mit mir meinen geburtstag feierten, macht sie zu etwas sehr besonderem.

ich bin angekommen. es passt noch längst nicht alles. aber die menschen um mich herum stimmen. ich liebe sie von ganzem herzen.

das prinzip lautet nach wie vor: let me never be content.
sehnsucht ist (m)ein motor.
doch es gibt einen puffer zwischen verzehrendem traum und harter realität. es sind diese menschen.

ich bin dunkelblau. ich falle jetzt in mein bett. und bin sehr, sehr satt.

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Mittwoch, 28. März 2012
well(en)stress im whirlpool
im büro herrscht urlaubssperre. nächster möglicher zeitpunkt für freimachen ist ende mai. da wir maximal unter stress stehen, sind wir alle kurz vorm durchdrehen. für meine eine heißt das mal wieder: gnadenlose schmerzen. da ich aber nicht komplett krank werden kann, da mich der verdienstausfall ruinieren könnte, muss ich künstlich fit halten. heißt zu deutsch: wir machen wellness!

wellness ist eine neuzeitliche erfindung, um menschen davon abzuhalten, burnout zu entwickeln. das funktioniert bedingt, da man a) genug geld und b) genug zeit für den wellness-quatsch haben muss. hat man a) und b) ist man wiederum theoretisch nicht allzu burnoutgefährdet. womit sich die maus in den schwanz beißt.

mangels a) und b) machte ich heute also c), das heißt eine ausnahme und begab mich in die geheiligten schwimmhallen, die sich da therme nennen. dort war ich früher des öfteren, als ich mich noch nicht mit sozialversagern rumtrieb und mich von behinderten schwängern ließ.

ich schwamm erst 1000 meter, um mich ein bisschen zu entspannen, dann legte ich mich in den beleuchteten blubber in der seitenbucht des beckens, auch genannt whirlpool. dort lehnte ein junger typ und glotzte mich erschreckt an. als ich auf klo ging, verstand ich auch warum: meine wimperntusche - ich kam direkt aus dem büro - war sehr offensichtlich nicht wasserfest. ich sah aus wie ein böser clown. also ordentlich geschrubbt, dann ging es einigermaßen.

weil mir ständig kalt ist, seitdem ich den potenziellen mikro-morphine-mensch in mir trage, begab ich mich sodann ins römische dampfbad. in der therme gibt es zwei davon. in einem riecht es nach minze, in dem anderen nach kamille und anderen beruhigenden heilpflanzen. ich nahm zuerst kamille für die entzündeten nerven, dann minze für die verstopfte nase. ich war die ganze zeit alleine, bis wieder der junge typ aus dem whirlpool aufkreuzte. er setzte sich neben mich und guckte wieder. dann nahm er ein schälchen mit salz und begann, sich damit abzuschrubben. jetzt war ich es, die glotzte. frau sieht ja nicht alle tage einen muskulösen, gebräunten, fettfreien jungs-körper, auf dem weißes salz glitzert. entgegen sonstiger präferenzen für graue schläfen und graue eminenzen war der optische reiz in diesem fall vermutlich ein unbedingter.

"willst du?" fragte der junge schließlich und streckte mir das salz entgegen.
tapfer nahm ich zwei fingerspitzen davon - salz auf unserer haut, was können da bekanntlich nicht für wilde romanzen daraus erwachsen - und verteilte das zeug auf armen, beinen und dekolleté. ich wartete artig. es brannte wie hulle und ich musste an die schlachtung von aalen denken, die ja bekanntlich solange gesalzen werden, bis sie sterben, nämlich mehrere tage lang. (sie dachten vermutlich, das zu-tode-kochen von hummern sei inhuman, aber die sache mit den aalen toppt das um ein vielfaches, glauben sie mir. sehen sie einmal zu, sie essen nie wieder aal.) durch die vorstellung sterbender aale wurde mir etwas schlecht und ich floh würgend auf die toilette.

als es wieder ging, zog ich noch ein paar runden durchs wasser und nahm dann wieder meinen posten im whirlpool ein. schwupps, saß der typ erneut neben mir. ich fasste mir ein herz und lächelte ihn an. er lächelte zurück und stellte sich dann vor. 26, bwl-student, aus einem fischerdorf in swh. niedlich und sehr wohlerzogen.

es wurde ein nettes gespräch. irgendwann schnappten wir uns die umhertreibenden schaumstoffwürste und bauten daraus eine art boot, mit dem wir durch das thermenbecken schipperten. der bademeister beobachtete uns grinsend. möglicherweise hielt er uns für ein frischverliebtes paar, schlimmstenfalls für mutter und sohn.

als wir um kurz nach 22 uhr aus dem becken krochen, erschöpft vom vielen lachen und blödsinn machen, spürte ich eine warme hand am unteren teil meines rückens.
"ich hab schon wen", platzte ich heraus.
"oh", sagte der typ.
"tut mir leid", erwiderte ich.
"macht nichts", sagte der junge.
"ich geh mich jetzt umziehen", meinte ich dann verlegen.
"treffen wir uns am ausgang?" fragte der junge typ.
"okay."

als ich trocken und warm nach unten schlenderte, stand noch niemand am ausgang. da gedachte ich des menschen und des potenziellen mikro-morphine-menschen und flüchtete schnell in die späte nacht.
schließlich musste ich morgen wieder tausend prozent leistung erbringen. und überhaupt, das geht ja nicht so. das alles.

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Donnerstag, 22. März 2012
mittendrin
verpeilte vorgesetzte und faule untergebene sind die effektivste kombination zum burnout. habe heute an einem tag ein halbfertiges projekt zu ende gebracht, an dem die anderen seit dreieinhalb wochen basteln. war anstrengend. aber das ergebnis stimmt. das wird zwar keiner bemerken oder honorieren. aber ich weiß: ich bin gut. ich kann sogar struktur (woher die plötzlich kommt, dürfen sie mich nicht fragen). und es kommt am ende genau das heraus, was herauskommen soll.

ich bin stolz auf mich.

wie zur bestätigung habe ich heute auf die 57. bewerbung dieses jahres eine rückmeldung bekommen. was denn meine gehaltsvorstellung sei. seither versuche ich verzweifelt den etat des unternehmens abzuschätzen und ab welchem betrag man als günstig, aber nicht als billig durchgeht.

nicht, dass ich noch an irgendetwas oder irgendjemanden glauben würde. aber ich versuche es immer wieder. vielleicht bricht ja mal eine speiche aus diesem total maroden hamsterrad.

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Sonntag, 18. März 2012
wunder-bar
"zwischen uns ist alles gesagt. ich denke nicht, dass worte uns betreffend noch irgendeine bedeutung haben", hatte ich dem objekt neulich am telefon gesagt. das objekt, ohnehin wortkarg, war daraufhin betreten verstummt.

gestern nacht war das objekt wider erwarten im club. das beseitigte zum einen die sorge um eventuelle suizidale absichten, zum anderen war es die gelegenheit, die tragfähigkeit des status quo zu testen. dabei sollte mir ein echtes kleines wunder widerfahren.

alles begann damit, dass die k.-ex, die zusammen mit dem objekt gekommen war, mich bei der hand nahm.
"morphine, du setzt dich besser", sagte sie und eskortierte mich zur couch. dann wuselte sie durch die menschenmassen und kam wieder mit dem objekt im schlepptau. sie gab ihm einen kleinen schubs, dann stand es vor mir und sah mich unsicher an.

und nun erlebte ich die überraschung des abends.
das objekt kniete sich vor mich hin, nahm meine hand und sagte:
"du hast neulich gesagt, dass du mir nichts mehr glauben kannst... dass alle worte zwischen uns die bedeutung verloren haben..."
es holte tief luft, um nicht zu stottern, weil es aufgeregt war.
"ich habe die ganze woche überlegt, wie ich das, was ich gemacht habe, wieder gutmachen kann. aber ich weiß, dass das nicht geht. und erzählen kann ich dir nichts mehr..."
dann zog es einen kleinen gelben zettel aus der tasche.
"also habe ich mir überlegt, wie ich dir das sagen kann, was ich sagen will, allerdings ohne worte."
es reichte mir den gelben zettel. es war eine garderobenmarke.
"geh zur garderobe, da ist etwas für dich hinterlegt.

ziemlich sprachlos und mit zittrigen knien begab ich mich zum garderobenmann, der mich vielsagend angrinste und dann eine papiertüte zum vorschein brachte.

in der tüte steckten blumen. sie waren zu einer art engelsflügel gebunden. darunter befand sich eine kleine handbemalte kiste. ich erkannte das schwarz-rote objektdesign. an den ecken der kiste waren papierne engelsflügel angebracht.
als ich die kiste öffnete, waren darin teelichter, streichhölzer, sicherheitsnadeln, ein leeres schneckenhaus, ein zu einer schnecke gefalteter joint und schokolade. im schneckenhaus steckte ein kleiner brief, in dem nichts weiter stand außer "ohne worte, aber mit liebe".

es war defintiv eines der intimsten geschenke, die ich je erhalten hatte. jeder einzelne gegenstand spielte auf etwas an, was einst thema eines gesprächs oder inhalt einer sms, die ich dem objekt geschickt hatte, gewesen war.

entgegen aller guten vorsätze war ich dermaßen gerührt, dass ich hätte heulen können.
"heiratsantrag?" fragte der garderobenmann, der sich zu mir, die ich am boden kniete und die liebevollen details des geschenks betrachtete, herabgebeugt hatte.
"nee", sagte ich, "viel besser."
dann packte ich alles wieder in die tüte und wankte nach drinnen.

das objekt saß auf meinem platz und spielte nervös an den fingern. als ich den raum betrat, sah es auf und lächelte mich unsicher an.
ich überlegte angestrengt, bevor ich mir dann spontan die überlegung verbot und stattdessen auf das objekt zuging, sein gesicht mit beiden händen umfasste und es auf den mund küsste.
"es gefällt dir! es gefällt dir!" jubelte das objekt befreit, sprang auf und umschlang mich.
"du hast etwas verstanden, scheint mir", sagte ich, als es mich wieder losließ.
"ich hoffe... und ich hoffe, dass ich es durchhalte", stammelte das objekt.
"tja, action speaks louder than words", erwiderte ich.
das objekt strahlte mich an und küsste mich zurück:
"ach morphine... ich bin so froh..."

den rest des abends verbrachte ich in nachdenklicher glücksseligkeit. ich betrachtete jeden meiner freunde mit liebe und schätzte mich sehr, sehr reich.

als es zeit wurde zu gehen, holte ich meinen mantel und suchte das objekt.
"tschüß", sagte ich, "und vielen vielen dank noch mal für das liebe geschenk. ich habe die botschaft verstanden und es bedeutet mir was."
das objekt bekam genauso feuchte augen wie ich zuvor, dann umarmte es mich lange und innig.
"schlaf schön", sagte es.
"werd ich", erwiderte ich.
"du hast es ja nicht weit?"
"nein."
das objekt grinste verständnisvoll und gab mir noch einen verrutschten nassen kuss an den hals. dann drehte ich mich um und ging zur tür.

draußen war es längst hell, die vögel zwitscherten lauthals. als ich dem sonnenaufgang entgegenlief, befiel mich eine merkwürdige sehnsucht. ich holte mein handy aus der tasche. die uhr zeigte elf minuten nach sechs. und während die objektbegegnung noch in mir nachhallte, wählte ich instinktiv die inzwischen recht vertraute nummer.

"hallo?" nach zweimaligem klingeln war der mensch schon am hörer. er klang sehr verschlafen.
"hey... ich hab dich geweckt, stimmts", sagte ich.
"ich hab mir schon gedacht, dass du vielleicht anrufst und habe hier mit dem handy neben dem kopfkissen geschlafen, damit ich dich nicht verpasse."
mir wurde warm ums herz.
"das heißt, ich soll vorbeikommen?"
der mensch lachte.
"du sollst gar nichts. aber wenn du es als wunsch formulierst, sag ich vielleicht ja."
"gut, ich will dich sehen, was dagegen?!"
"das war ja mal eine entwaffnende ansage", fand der mensch.
"dann bin ich in 20 minuten bei dir."
"pass auf dich auf."
"mach ich."

und während ich weiter durch den herrlichen morgen lief, bemerkte ich, dass ich immerfort lächelte.

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Freitag, 16. März 2012
and nothing else matters
obwohl derzeit alles wenig rosig aussieht und ich mich auf schritt und tritt gegen mr. murphy wappnen muss, war heute endlich mal wieder ein ganz guter tag.

zunächst das angenehme erwachen zu unangenehmem taubengurren bei dem menschen, für den mir immer noch ein passender blognick fehlt. er schläft weiter, während ich leise aufstehe und mich in bürokleidung werfe. dann sitze ich angezogen auf dem bett. der mensch blinzelt und umschlingt mich.
"ich will nicht, dass du gehst."

der satz trifft mich unerwartet und mit der wucht der glückseligkeit, denn das letzte mal wurde ich sonntags irgendwann ziemlich spontan mit den worten "ich schmeiß dich jetzt raus" vor die tür gesetzt. aber seit dienstag nacht, als der mensch betrunken anrief, weil er beim poker einen vierstelligen betrag gewonnen hatte und mich dann fragte, wie es mir gehe, woraufhin ich wie ein kleinkind meinen weltschmerz in den hörer schluchzte, hat sich noch einmal was verändert.

"wie kommt es eigentlich, dass du mir so viel erzählst?" fragt der mensch, als ich schon unter der tür stehe.
"weiß nicht", sage ich, und es ist mir peinlich, "du hast einfach einmal im entscheidenden moment das richtige getan. scheint sowas wie blindes vertrauen in mir ausgelöst zu haben. aber bitte fühl dich trotzdem frei, mir jederzeit zu sagen, halt einfach die klappe."
"warum sollte ich?!"
"weil es egozentrisch ist und dich möglicherweise langweilt?"
"quatsch."
der mensch sieht mich aufmerksam an und meint dann langsam:
"du hast... eine ungewöhnliche art zu beeindrucken."
in der s-bahn sitze ich dann am fenster, denke noch lange über den satz nach und komme zum schluss, dass er eines der schönsten komplimente meines lebens ist.

am nachmittag gibt es eine art zufälliges kleines hamburger bloggertreffen mit picknick ohne picknick auf der bank. die drei damen und der hahn im korb weilen bei turtelnden tauben und emsigen amseln und sinnieren über sinn und unsinn des lebens, hochpotente superdronen, japanische killerhornissen sowie sterbehilfe mittels selbstinduziert herabfallendem betonklotz. meine eine stellt mal wieder fest, dass sich hinter den bloggern ganz fabelhafte menschen verbergen und dass bloggen nur halb so schön wäre, wenn diese menschen nicht hin und wieder unter mehr oder minder fröhlichen anlässen zusammenträfen.

ich komme spät nach hause, weil ich über die holstenstraße fahre und mein rad abholen muss. kaum, dass ich die haustür aufschließe, klingelt auch schon das telefon. ein wenig atmelos stürze ich mich auf den hörer:
"hallo?"
es ist die k.-ex.
"sag mal... hast du in den letzten zehn tagen was vom objekt gehört?"
es stellte sich heraus, dass die k.-ex, die die objekt-post per nachsendeauftrag erhält, inzwischen einen stapel briefe beherbergt und das objekt sie nicht mehr abholt. auch das handy ist abgeschaltet.
"war er arbeiten?" frage ich.
die k.-ex weiß nicht so recht.
"manchmal bleibt er einfach eine woche oder so zuhause und starrt an die wände", berichte ich. "das hat mir der dritte mal erzählt."
da das objekt inzwischen schon wieder x-te mahnungen erhält und mit einem inkasso-unternehmen im clinch liegt, befürchtet die k.-ex, es könne sich etwas antun:
"der sitzt jetzt wieder ganz tief in seinen depressionen und ist überhaupt nicht ansprechbar."
ich berichte vom letzten telefonat mit dem objekt. da hatte es nicht viel gesagt, nur, dass es mich innerlich nie losgelassen habe. ich wiederum hatte beteuert, dass es sich gar nicht einbilden brauche, dass nach der annäherung sowas wie freundschaft zwischen uns sei oder ich ihm helfen würde.
"oh morphine", seufzt die k.-ex. "du weißt ja nicht... all die abende, die er hier bei mir saß und über dich sprach... und die situation zwischen euch... und immer wieder sagte, dass er dich sehr vermisst."
hm. information overload.
"was ist, wenn wir in seiner arbeit anrufen und fragen, ob er heute da war?"
"gute idee", findet die k.-ex. "ich hab nur keine nummer."
glücklicherweise hatte ich mir diese einst notiert, da mich das objekt eine zeitlang von der nachtschicht aus anzurufen pflegte, um die langeweile mit frivolen gesprächen zu killen.
"da geht keiner ran", sage ich der k.-ex, als ich niemanden erreichte.
"egal, ich fahr jetzt hin", ist die k.-ex wild entschlossen.
"sag mir bescheid, ja?" bitte ich die k.-ex.

während die k.-ex in ihr auto springt, um nach a. zu düsen, rufe ich zwei, drei objekt-freunde an. diese haben jedoch alle nichts vom objekt gehört oder gesehen.
dann meldet sich die k.-ex.
"ich bin jetzt da... ich dachte eben, da sei licht in der küche gewesen... aber fehlanzeige. der ist nicht zuhause, glaube ich."
"steht das rad vor der tür?"
die k.-ex geht ums haus.
"ja. ich glaub, das da drüben ist seines."
"das heißt, er ist schon mal nicht arbeiten. er fährt nämlich immer mit dem rad zur arbeit. und heute war zudem schönes wetter."
"er hat mal was gesagt, dass er zu seiner mutter fahren wollte."
"vielleicht ist er da. oder er ist an den see gefahren."
"hm."
"hm."
"ich weiß nicht, ich hab ein schlechtes gefühl", jammert die k.-ex.
"wenn er morgen nicht im club ist, fahren wir in die klinik und fragen nach ihm", finde ich.
"und wenn er bis dahin tot ist?"
"soweit denken wir jetzt mal nicht."
dann halte ich inne:
"du magst ihn verdammt gerne, hm?"
die k.ex ziert sich ein wenig, weiß sie doch, dass auch ich mal ziemlich verrückt nach dem objekt war.
"ja, gut, ja, ich mag ihn. und was sagst du jetzt?"
ich muss schmunzeln.
"gar nichts. ist doch alles okay. vielleicht werdet ihr mal ein paar."
"und du bist mir nicht böse?"
"vor einem jahr hätte ich das mit sicherheit ein bisschen enger gesehen."
"da sehen wir uns morgen?"
"ja. und dann sehen wir mal, ob das objekt auch da ist und wenn nicht, überlegen wir weiter. okay?"
die k.-ex legt beruhigt auf, während ich weiß, dass ich noch einmal einen längeren spaziergang zum gedankensortieren brauchen werde.

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Montag, 12. März 2012
subversives element
freitag nachmittag, flughafen hamburg. versuch nummer eins, die sicherheitskontrolle zu passieren. wie immer piept es, klar, jeder mensch hat ein recht auf seinen eigenen vogel. warum es bei mir immer piept und bei anderen nicht, hab ich noch nie ganz geschnallt. ist aber nunmal so.

die freundliche sicherheitskraft winkt mich zu seite und scannt mich.
"würden sie bitte die schuhe ausziehen."
ich hab es auch noch nicht ohne schuheausziehen geschafft. gut, in diesen stiefeln könnte man locker je ein paket sprengstoff deponieren. trotzdem, es ist freitagnachmittag, man ist müde von der harten woche und ich bin sicher, dass terroristen an freitagnachmittagen gemeinhin keine böcke auf attentate haben. sollte man mal nachrecherchieren. ob attentäter freitags attentate verüben oder lieber montags, wenn die woche noch frisch ist. ich jedenfalls bin sicher, auch terroristen haben wochenendfeeling und sind dann friedlich.

egal. ich muss auf strümpfen hinüberlaufen und meine stiefel in eine wanne legen. dann werden sie gescannt. ein kind guckt mir zu und lacht. ich gucke das kind böse an und es verstummt.

es folgt passierversuch nummer zwei. meine stiefel durchlaufen den scanner ohne beanstandung. die nette sicherheitskraft bringt sie mir gleich, damit ich nicht noch länger schuhlos herumhüpfen muss und entschuldigt sich für die unannehmlichkeiten. ich ziehe die schuhe an und suche die wanne mit meiner tasche. doch vergeblich: meine tasche hat der dicke sicherheitsbeamte auf der anderen seite in den griffeln.

"kommen sie bitte sofort her und nehmen sie das messer aus der tasche!"
alle köpfe drehen sich abermals zu mir. hat das mädchen mit dem sprengstoff in den kampfstiefeln jetzt auch noch andere waffen bei sich?
ich stapfe inzwischen wieder voll bestiefelt hinüber und lasse mich von dem beamten anweisen:
"leeren sie bitte einmal die tasche!"
der beamte hat mundgeruch und haarbüschel, die ihm aus den ohren wuchern. ich hätte gern einmal in die runde gefragt, ob jemand einen nasenhaarschneider bei sich trägt, dem er dem beamten einmal leihen würde. aber der beamte guckt so sauer wie er aus dem mund riecht, da will ich mich nicht weiter sträuben.

überhaupt wundere ich mich, welches messer er meint. ich kann mich spontan an keines erinnern. bis mir beim ausräumen dann mein winziges taschenmesser in die hände fällt.
ich denke: ups.
ich denke weiter: anderseits hat das messer schon zwei flüge nach london und zurück überstanden, und damals lag der elfte september noch nicht so weit zurück.
"das hab ich auch schon bei internationalen flügen bei mir getragen", sage ich offenherzig.
"ja sind sie denn von allen guten geistern verlassen! lesen sie die sicherheitsbestimmungen!"
"es wurde nie beanstandet", beharre ich.
"na dann wollen wir doch mal sehen."
der sicherheitsbeamte klappt alle klingen aus und beginnt, sie abzumessen.

ich warte. die anderen leute warten auch und glotzen, während der beamte eine klinge nach der anderen wieder einklappt.
schließlich seufzt er:
"haarscharf! das war haarscharf an der grenze, mein liebes frollein!"
die leute seufzen auch und sind sichtbar enttäuscht, dass mich kein sicherheitscorps in handschellen gefesselt abführt.
"kann man denn nicht auch mit einer kurzen klinge jemanden...? frage ich den sicherheitsbeamten.
"wir haben eben unsere vorschriften!"
aha.
"aber feuerzeug darf ich?" frage ich weiter und halte provokant das kleine grüne ding in die höhe, bevor ich es wieder in die tasche räume.
"feuerzeug ist erlaubt", versichert mir der beamte.

das sind ja lustige vorschriften, denke ich mir. mit kurzer klinge dem vordermann in die halsschlagader stechen ist erlaubt, nur nicht mit der großen klinge die ganze kehle durchschneiden. vielleicht, weil langsames verbluten weniger sauerei macht. ebenso erlaubt ist es offenbar, im flugzeug irgendwas anzuzünden (den vordermann, die stewardess, das handgepäck in den oberen fächern), solange man dabei keinen sprengstoff in den stiefeln hat.

passierversuch nummer drei. das kind, das gelacht hatte, als ich meinte schuhe ausziehen musste, guckt jetzt ehrfürchtig, als ich an ihm vorbeigehe. es flüstert seiner mama etwas zu, die daraufhin sagt:
"nein, niklas, das ist überhaupt nicht "cool", sowas macht man nämlich nicht."
hast du gehört, niklas, sowas macht man nicht: aus versehen gegen unlogische vorschriften verstoßen. in der schule werden sie dir mal noch mehr davon beibringen. der einzige trost, mein kleiner: wenn du dumm bleibst, fällt es dir weniger auf.

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