Dienstag, 10. Juli 2012
valsches leben
vor meinem fenster spielt ein vati mit seinem lütten fußball. vati ist um die 40, sportlich, schlank, graumeliert, trägt eine der üblichen medienfuzzibrillen und ist immer gut gekleidet. er geht morgens mit mir mit arbeitstasche unter dem arm aus dem haus und kehrt auch ungefähr um dieselbe zeit (also späääääääääääääät) zurück.

zu vati gehört neben dem offensichtlich sehr mittelmäßig intelligentem kind (schnallt nicht, wohin der fußball fliegt bzw. dass man diesem unwissen mit einer kopfbewegung abhelfen kann) eine unglaublich dicke blonde mutti, die den ganzen tag damit zubringt, telefonierend, essend und rauchend am fenster zu stehen oder, bei gutem wetter, den ganzen tag auf der wiese vor dem haus zu liegen (essend, rauchend, telefonierend). mutti trägt gerne knallige farben und alles, was ihrem volumen noch mehr volumen verleiht (querstreifen, gelb, weiß, gepunktet oder blumentapetenmuster).

im grunde genommen eine sehr beruhigende situation, die mir sagt: wenn ich es schaffe, noch etwa 30 kilo zuzunehmen, meine schwarze garderobe durch neonfarben und muster zu ersetzen, meinen job zu verlieren und den ganzen tag auf der wiese zu lümmeln, bekomme ich eines tages auch einen dieser stilsicheren, beruflich offenbar erfolgreichen, graumelierten männer mit medienfuzzibrille.
und, fuck, dafür würde ich sogar ein balg werfen. kümmert sich ja dann sowieso der vaddi drum.

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Sonntag, 8. Juli 2012
broken soul can smile a little
die psychokacke bzw. die krankschreibungen an vereinzelten tagen haben nun auch berufliche konsequenzen. die bedeuten, dass sich mein nagelneuer festvertrag wieder in luft auflöst und ich nun vorerst von der hälfte meines gehalts lebe.
der sinneswandel der geschäftsführung trifft mich hart. als das objekt anruft, bin ich längst in todesstimmung. ohne dass ich mehr als "hallo" sagen muss, merkt das objekt sofort, dass ich aus dem rahmen zu kippen drohe.

"bei dir stimmt doch was nicht. wo bist du gerade?" fragt es mich streng.
"zuhause", wispere ich.
"ich wollte dir eigentlich was sagen, was ich schon die ganze zeit in eine sms zu bekommen versuche. bist du gerade aufnahmebereit?"
weltuntergang, denke ich sofort, bestimmt kommt jetzt sowas wie "wir sehen uns nie wieder, weil die objektgespielin schwanger ist und ich sie heirate und wir ins ausland ziehen".
während ich diese potenziellen neuen schrecklichkeiten auf meinen ohnehin schon gewachsenen berg persönlicher misere projiziere, spüre ich plötzlich, wie mir tränen in die augen steigen - tränen, auf die ich monate-, ja jahrelang gewartet hatte, die immer nur als schwerer stein auf der brust lagen.

"du darfst mir nur was sagen, wenn es nichts schlimmes ist", schluchze ich los.
das objekt, das mich so noch nie erlebt hat, ist erschrocken und besorgt.
"weinst du etwa?"
und schwupp, bin ich vollkommen hysterisch am heulen. wahre sturzbäche strömen aus mir aus den augen.
"soll ich vorbeikommen?" fragt das objekt.
auf gar keinen fall! das wäre ja ultrapeinlich!
"nein", flüstere ich.
das objekt zögert.
"morphine, was ich dir sagen will, ist nichts schlimmes, im gegenteil. es soll dir guttun. aber vielleicht willst du erst einmal erzählen, was passiert ist?"

dann lade ich die ganze jobkacke beim objekt ab.
ich merke, wie der kopf des objekts im hintergrund rattert und nach auswegen sucht.
"sag mal, ist das überhaupt rechtlich?" fragt es.
"keine ahnung", sage ich, "ich denke nicht, aber was solls, ich will den job nicht ganz verlieren."
"ruf doch mal beim arbeitsamt an, vielleicht können die dich unterstützen."
den ratschlag finde ich gar nicht mal dumm.

nachdem ich mich wieder ein wenig beruhigt habe, frage ich:
"was wolltest du mir nun eigentlich sagen?"
"also", das objekt holt tief luft, um zu einer längeren rede anzusetzen.
"ich habe so über uns nachgedacht. auch über deine angst, dass deine momentane bedürftigkeit unsere freundschaft zerstört. aber das ist nicht so. es tut mir selber eher gut... und ich hab mir gesagt, ja, ich möchte für dich da sein. ich denke, ich kann dich verstehen und das ist es, was du jetzt brauchst."
"danke", sage ich.
"dafür nicht. überhaupt nicht."

das objekt legt eine künstlerpause ein, dann fährt es fort:
"morphine, du bist ein guter mensch. du bist so unglaublich offen, du hast mir deine freiheit geschenkt, die es mir ermöglicht hat, dir seiten an mir zu zeigen, die kaum einer kennt. und weißt du, ich hab mir so vorgestellt, wenn ich von uns beiden mal als erster den löffel abgebe, dann würde ich mir wünschen, dass du meinem sohn an meinem grab von mir erzählst, so, wie du mich kennst."
ich halte die luft an.
das objekt schweigt ebenfalls, fügt aber dann noch hinzu:
"ich hab dich sehr lieb, und ich möchte, dass du das weißt."

damit ist das objekt am ende seiner kleinen rede angelangt, und ich bin so gerührt, dass ich schon wieder weinen muss.
"ich glaube, sowas nettes hat so noch nie jemand zu mir gesagt."
"das ist traurig", findet das objekt. "dann haben dich die falschen menschen gekannt - und verkannt. deine offenheit macht dich leider auch verletzbar, weil du nichts ausschließt, was dir vielleicht nicht gut tut. und ich kann mir vorstellen, dass viele menschen das ausnutzen und dich so für ihre zwecke missbrauchen. ich habe dich auch oft verletzt, das weiß ich."

langsam, ganz langsam beruhige ich mich.
"sing mal was", fordert mich das objekt auf.
"nee", sage ich, "ich kann nicht."
"darum gehts auch gar nicht", erwidert das objekt.
"nein, da komme ich mir total albern vor."
"ach maus. dann sing ich dir jetzt was."
und das objekt beginnt, mit seiner ultra-bass-stimme atonale melodien zu summen, bis ich kichern muss.
"was war das denn?"
"sag bloß, du hast das nicht erkannt?!"
"nein."
"jetzt bin ich aber getroffen. gleich muss ICH heulen und du darfst mich trösten", scherzt das objekt.

irgendwann beginnt mein akku zu piepen.
"mein akku ist alle", sage ich erschrocken.
"sag mal, wie lange telefonieren wir eigentlich schon wieder?"
"oh mein gott, es ist schon nach zwei."
"wann habe ich dich denn angerufen? kurz vor mitternacht?"
"so in etwa."
"du, ich muss dann mal ins bett und du solltest das auch tun."
"ja", antworte ich und spüre mit einem mal, wie erschöpft ich bin.

als ich unter die bettdecke schlüpfe, fühle ich mich für einen moment geborgen. mir ist warm. bis zum herzen.

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Mittwoch, 4. Juli 2012
psycho-männer
ein nicht unbeträchtlicher anteil der psychiatrieinsassen ist männlich. das hat mich zunächst positiv überrascht. da ich sowieso offenbar nicht auf normalos kann, könnte ja ein psycho eventuell der vater meiner unerwünschten kinder werden. leider sind bereits alle kandidaten schon im theorie-check durchgefallen.

problem nummer eins: das angebot ist sehr einseitig. die meisten männlichen insassen sind alkis. und zwar nicht so der typ smarter businesstrinker, der sich regelmäßig abends mit kollegen wegkippt, sonst aber ein geiler hecht wäre. auch keine großen starken peter pans, die interessant und sexy dreinschauen und zusammenhangslos mit der wodka-flasche in der hand falsch weltliteratur zitieren. noch nicht mal nette stammtisch-onkels, zu denen man sich gerne setzt, weil die immer so herrlich platte witze machen. nein, es ist der typ penner. altersdurchschnitt um die 50, schlabberhose-badelatschen-träger mit hoher geruchsintensität und schmalzigen haaren.
pfui deibel.

problem nummer zwei: medikamente machen nicht gerade sexy, wie ich auch im selbsttest deutlich feststellen kann. bevor man auch nur die leiseste chance hat, das lächeln zurückzugewinnen, verliert der körper seine gesamte muskelspannung: die schultern hängen, der kopf ebenso, die füße schlurfen. das ist nicht lasziv. auch nicht auf den zweiten blick. das schlimmste jedoch: das wasser. gesichtsmerkmale wie grübchen, markantes kinn, hohe wangenknochen oder große augen werden von einem mondgesicht verschluckt. der bauch quillt über den hosenbund, die füße sind geschwollen wie im neunten monat einer schwangerschaft. vermutlich könnte man verdurstende retten, indem man uns einfach mit einem strohhalm anpiekt.

problem nummer drei, das aufgrund problem nummer eins und zwei weniger dramatisch ist: die meisten dieser männer haben frauen. die passen zu ihnen wie arsch auf eimer. diese frauen riechen meist nach schnaps und tabak, sodass man eine vorstellung davon bekommt, wie der dazugehörige mann duftete, bevor sich nach dem entzug der körpereigene geruch wieder durchsetzen konnte. die frauen haben übrigens auch gerne mal ein veilchen vom aktuellen onkelmann, der den alki-vater vorübergehend ersetzt. führen sie ein kind mit sich, hat dieses dann meist zwei veilchen, eins vom onkelmann, weil er sauer auf mutti war, und eins von mutti, weil der onkelmann so ein arschloch ist.

der einzig kurzfristig faszinierende mensch war ein noch recht junger gothic-typ mit ausrasierten seiten. leider ist er nicht nur borderliner, sondern auch noch schizophren. die gespräche waren bislang ähnlich wie sein gang: schleppend und unsexy. außerdem teile ich jemanden nicht gerne mit 45 stimmen. da komme ich mir dann irgenwann unwichtig vor.

kurzum: die psychiatrie ist nunmal keine herzblatt-show.
fuck it.

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Sonntag, 1. Juli 2012
realitätstest mit alkohol
da die letzten wochen sehr gefühlsintensiv (im negativen sinne) waren, habe ich menschenansammlungen gemieden. sogar meine freunde - das objekt mal ausgenommen - sind mir neuerdings suspekt.

gestern war nach tagelanger heftiger gewitterstimmung mal wieder licht am horizont. ich machte nach der arbeit gleich einen kundentermin, den ich schon lange hatte haben wollen und lernte einen mann kennen, mit dem ich mich sehr gut auch über außerberufliches unterhalten konnte. am ende hatte ich nicht nur einen herausfordernden kleinen auftrag in der tasche (wissenschaftliche arbeit auf englisch korrigieren), sondern auch eine einladung auf ein gemeinsames abendessen demnächst.

"das klingt doch gut", fand das objekt, das mich schon am morgen per anruf aus dem bett geholt hatte, nachdem es diese woche dauernotfallbedingt eigenmächtig an meiner medikation gedreht hatte und fürchtete, dies könne meine neu erworbene tendenz zum verschlafen / prokrastinieren verstärken.
"dann belohne dich doch mal", schlug das objekt vor. "geh doch mal wieder aus."
wir verabredeten uns, dann meinte ich:
"ich muss aber vorschlafen."
"tu das, schlafen ist total wichtig für dich. wir warten nicht auf dich, du kommst einfach in den club, wenn dir danach ist, okay?"
"gut. bis später."

ich ging frühzeitig zu bett und stellte mir den wecker auf mitternacht. dann warf ich mich in schale und machte mich auf den weg. gottseidank war es trocken und warm, sodass ich mit dem rad fahren und die menschen in der bahn umgehen konnte.

im club war erst niemand. ich wähnte mich versetzt und stürzte stimmungstechnisch im handumdrehen ab. zehn minuten später erschien dann das objekt auf der bildfläche und nahm mich in die arme.
"ich dachte schon, du hast mich vergessen", beschwerte ich mich.
"ich hatte spätschicht, ich musste erst noch was essen... und baden... und dann das auto von n. holen", entschuldigte sich das objekt.

wir standen ein bisschen dumm herum. ich fühlte mich fehl am platze. das objekt versuchte sich in wahrnehmungssteuerung. nach der zehnten verlegenheitszigarette begab ich mich dann doch an die bar und orderte ein mädchenbier.
"prost", sagte ich zum objekt und ließ die flaschen klirren. das objekt guckte sehr skeptisch auf mein bier, hielt aber einen kommentar zurück.

dann standen wir an unserem stammplatz und das objekt machte scherze über das weiberangebot.
"guck mal, dort drüben tanzt die delphinschule", sagte es und zeigte auf ein paar junge blondinen, typ azubinen zur bürokauffrau, die in glitzer-pumps und gefälschtem d&g-täschchen unter der achsel gegen den takt wippten.
"die gehören bestimmt zur pinneberger turnschuhfraktion da drüben", sagte ich. "die haben die mädels heute mitgenommen und ihnen versprochen, dass sie hier mal was gaaaaanz wildes erleben werden."

dann erschien k. und gab eine runde aus. das objekt nahm k. auf die seite und erklärte ihm, warum ich besser nicht weitertrinken sollte. ich zog k. weg und beteuerte, dass es mir super gehe und ich das kleine bier überhaupt nicht spürte. tatsächlich hatte das bier meine stimmung auf angenehme weise gehoben und ich war sicher, dass das zweite dieselbe wirkung haben würde.

nach dem zweiten bier ergriff mich dann der übermut und ich bestellte noch einen wein. und der knallte ordentlich. innerhalb weniger schlucke war ich rotzbesoffen, todmüde und extrem mies gelaunt. ich verkroch mich in einer ecke. eine halbe stunde später fand mich dort k. er sah das weinglas und holte sofort das objekt als profi zwecks krisenintervention.

das objekt fühlte meinen puls, begutachtete die situation kritisch und legte den arm um mich.
"hast gedacht, fühlt sich gut an, alles normal, kannst mal loslassen, hm?"
ich nickte.
das objekt drückte mich kurz, bevor es wieder professionelle haltung annahm.
"okay, madame, es gibt zwei möglichkeiten. entweder sofort nach hause oder mindestens eine stunde warten und derweil viel wasser trinken."
"ich bin mit dem rad da", gestand ich.
"egal, entscheide dich", drängte das objekt.
"ich glaube, ich sollte gleich ins bett", sagte ich.
"dann komm, ich bring dich."
"aber ich bin doch..."
"dein fahrrad klaut jetzt keiner. also mach schon, bevor ich es mir anders überlege."

das objekt zog mir energisch meine jacke über und packte mich dann, um mich nach draußen zu bringen.
"bist du mir böse", fragte ich, die missstimmung des objekts spürend.
"nee", sagte das objekt. "aber ich hab drei bier und ein paar kurze intus und muss dich jetzt mit einem auto, das mir nicht gehört, einmal durch halb hamburg bringen, ohne von den bullen angehalten zu werden."
ich zog schuldbewusst den kopf zwischen die schultern, aber das objekt lachte schon wieder:
"hey, madame, sei unbesorgt... es ist mir eine freude, wenn ich heute noch jemandem eins in die fresse hauen kann." das objekt deutete einen zweikampf mit einem bullen und anschließender verhaftung an.
ich musste trotz aller qualen kichern.
"siehst du, so gefällst du mir am besten", scherzte das objekt.

auf der fahrt döste ich ein und wachte nur immer wieder kurz mit schlingerndem magen auf. dann waren wir da und das objekt verabschiedete mich nun wieder streng und zurückhaltend. ich stieg aus und strebte auf die haustür zu. als ich den schlüssel suchte, hörte ich eine autotür schlagen.
"morphine!"
das objekt kam mir nach und stupste mich an.
"tut mir leid."
"was denn?"
das objekt umarmte mich.
"dass es dir so mies geht... dass ich nicht so für dich da bin wie ich sollte..."
"aber das bist du doch."
"ja?"
"ja, mann. du bist total super. zum beispiel vorgestern.... du hast zweieinhalb stunden mit mir am telefon verbracht, bis ich eingeschlafen war."
"war das soooo lang??"
"ja. war mir im nachhinein total peinlich. war ja dein handyguthaben."
"scheiße, gut, dass du es erwähnst, ich sollte vielleicht mal meine karte aufladen."
ich musste schon wieder kichern.
"wenigstens bringe ich dich zum lachen", meinte das objekt.
"auch."
wir sahen uns an, dann raffte ich mich auf und sagte:
"ich hab dich sehr lieb."
"ich dich doch auch."
ich gab dem objekt einen kuss auf die wange und drehte mich dann um, um die treppen hinaufzuschwanken und mich in mein viel zu warmes bett zu kuscheln.

am samstag blieb ich lieber zuhause, um keine weiteren katastrophen zu produzieren und das objekt in seiner betreuerrolle mal zu entlasten. außerdem macht party ohne alkohol einfach keinen spaß - und mit derzeit noch weniger.

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Mittwoch, 13. Juni 2012
seelendefekt
melancholie ist schwelgen, schöpfen, sturm nach zu langer ruhe. ein bisschen theatralisch blinzelt sie mir mit einem lachenden und weinenden auge zu.

melancholie ist eine kraft, schön und schrecklich zugleich.

diese kraft hat mich nun verlassen.

"du bist krank", sagte das objekt am vorletzten wochenende.

wenn man den müll nicht mehr rausbringt, ist das vermutlich so.
wenn alles außerhalb des bettes einer lebensbedrohlichen expedition gleicht, ist das wohl so.
wenn man alles und jeden aus seinem leben aussperrt, ist das wohl so.

das objekt hat die letzten wochen versucht aufzufangen, was da zu krachen und zu brechen begann. aber es war zu viel für einen menschen oder zwei.
"ich fühle mich dieser situation nicht mehr gewachsen", sagte das objekt. "ich kann das nicht verantworten."

also packte es mich unter den armen und schleifte mich in die psychiatrische notaufnahme. dort kam die angst. ich zitterte. ich wollte nicht verrückt sein. das objekt hielt mich mit seinem eisengriff fest, aber ich konnte seine anspannung spüren.

das objekt versuchte zu lächeln und mir gut zuzureden. ich hörte nichts. ich klammerte mich an diesen muskulösen oberarm und versuchte, irgendwie noch sauerstoff in meine lungen zu pumpen.

"pass mal auf, morphine", schaute mich das objekt eindringlich an. "die werden dich vielleicht fragen, ob sie dich hier aufnehmen sollen. ich würde mir das an deiner stelle überlegen, ob du nicht ja sagst."
ich nickte besinnungslos.
"und wenn die dich nach drogen fragen, dann sei bitte ehrlich. die können dir nichts. die machen auch keine tests, aber es ist wichtig, dass die dich medikamentös richtig einstufen, okay?!"
ich nickte wieder.

nach zwei stunden waren wir an der reihe. das objekt kam mit, weil es sich nicht sicher war, ob ich in der lage war, alles richtig darzustellen.
viel gefragt wurde nicht. ich bekam immerhin sofort medikamente, die mich schachmatt setzten.

auf dem weg nach draußen war ich schon ausgeknockt, schwankte und hatte das bedürfnis, mich zu übergeben. ich kotzte in die büsche und dem objekt ein bisschen auf die füße. wir mussten beide kichern.

danach nahm mich das objekt erstmal mit zu sich nach hause und versuchte, mir essen einzuflösen. es gab kartoffelauflauf und ich quälte mir zwei, drei gabeln voll rein. danach fiel ich in tiefschlaf, seit vielen tagen endlich mal wieder.

seither leben wir im taumel der medikamente, die die depression bekämpfen sollen. es dauert und dauert.

morgens holt mich das objekt telefonisch aus dem bett und versucht mich zu überreden, in den tag zu starten. arbeiten muss ich, sonst droht mir als selbstständige das existenzielle aus. davon abgesehen bedeutet arbeit struktur, zwischenmenschlichen kontakt und die chance auf ein lachen.

ich ziehe meine chefin ins vertrauen und stoße überraschenderweise auf verständnis, wenn auch sorge. als ich am freitag zu spät komme, ruft sie auf meinem handy an und ist außer sich: "du bringst dich aber nicht um, oder???" die frage rührt mich. die arbeit hält mich hoch und ich werde wieder sicherer, dass ich auf keinen fall eine stationäre therapie will.

der azubi, der mehr ahnt als er weiß, zeigt sich von seiner sonnenseite. morgens schickt er mir lustige videos und mittags bringt er mein fahrrad zur reparatur.

ich liebe mein büro, das ist schon mal klar.

mein leben liebe ich auch, theoretisch. eines tages, hoffe ich, werde ich das auch wieder spüren. bis dahin bleibe ich bei meinen zwei netten ärzten aus der psychiatrie und meinem neuen psychologen. auch das objekt bleibt weiterhin präsent und eine konstante, immer dann, wenn ich schwankend werde und an der effizienz und richtigkeit des ganzen zweifle.

und unter der asche zeichnen sich langsam, noch kaum sichtbar, neue strukturen ab.

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Mittwoch, 6. Juni 2012
objektiv verhüten
das objekt ruft an.
"ähm, du, ich wollte dir nur sagen... wenn wir uns mal wieder begegnen... als... als frau und mann..."
(pause, zweideutiges laszives objektives schnurren!)
ich, butterweich: "jaaaaaaaaa??"
spannungsgeladene stille auf der anderen seite. ich halte den atem an.
was kommt jetzt? will es was? mich fesseln, knebeln und nackig aus dem fenster hängen? dass ich ihn mit fußtritten zum nacktputzen zwinge? dass ich der objektgespielin die muschi lecke? dass ich ihm ins gesicht pinkle? oder alles zusammen?

das objekt holt luft und sagt:
"dann gib mir doch bitte einen hinweis, ob wir verhüten sollen!"
ich, völlig perplex: "bitte was?!"
objekt, ruhig und neutral: "verhüten. sag mir bitte, wenn wir verhüten sollen!"
ich, immer noch sprachlos: "warum fragst du das jetzt... nachdem wir seit zwei jahren...?!"

objekt: "na es könnte ja sein..."
ich: "was? dass du dir aids bei mir holst?"
objekt: "nein, aber dass du kinder willst!"
ich: "und du denkst, ich würde dir sagen, bitte nimm ein kondom, wenn ich mir heimlich ein kind von dir wünschen würde?"
objekt: "naja!"
ich: "naja was?"

schweigen auf beiden seiten.
objekt: "ich wollte es ja nur mal erwähnt haben."
ich: "super. nach über zwei jahren! wir vögeln im dritten jahr! ist dir das eigentlich klar!"
objekt: "es ist aber auch immer noch sehr schön."
ich: !!!

objekt: "ich muss schluss machen, ich hab frühschicht, ich muss schlafen."
ich: "du meinst masturbieren und auf deinen neuen teppich abspritzen."
objekt: "du sau. dir kann man auch nichts vormachen."
ich: "dann leg wenigstens ein handtuch drunter, so im kontext verhütung und so. tschüß."
objekt: "ähm..."
ich: "und tschüß!!!"

diesen mann möchte ich mindestens so oft schlagen wie ficken.

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Freitag, 1. Juni 2012
froschkönigin
mein neuer liebster platz ist das moor. alles ist so verdammt lebendig dort. der boden ist mal fest, mal weich, es ist ein senken und heben, und falls man zu faul war, die gummistiefel mitzunehmen, heißt es hinterher erstmal schuhe schrubben.

nach 22 uhr geht das allabendliche froschkonzert los. manchmal kommt das objekt, das in der nähe arbeitet, mit. dann sitzen wir auf der bank wie omma und oppa, rauchen einen joint und schweigen, stupsen uns nur hin und wieder an, um auf schlafende gänseküken, kämpfende amseln oder die wasserlilien zu zeigen, die sich in der dämmerung im wind wiegen.

"froschkönigin", sagt das objekt, als ich auf mein nagelneues uraltes grünes fahrrad steige und wir noch ein paar meter zusammen die laute straße entlangfahren.
"froschkönige sind friedensherrscher", gebe ich zurück.
"dann regiere deine kleine welt auch so", findet das objekt, nimmt meinen kopf in seine hände und küsst mich. "lass den kriegsfuß mal aus der tür."
"ich bin die marc aurel unter den froschköniginnen."
"marc aurel hat auch kriege geführt", verbessert mich das objekt.
"schnauze", erwidere ich, "ich bin die religionslehrerin von uns beiden!"

das objekt knufft mich, umarmt mich noch einmal und entschwindet dann in die nacht. ich sehe dem wehenden roten haarschopf hinterher und mache mich dann meinerseits auf den weg.

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Mittwoch, 30. Mai 2012
ssah und ebeil, ud und hci
seitdem das objekt wieder auf dem plan ist und oberwasser im leben gewonnen hat, konfrontieren wir einander hart mit den marotten des jeweils anderen.

wenn das objekt sich mal wieder daneben benimmt und sich dann mit den worten "sorry, ich weiß, ich bin ein arschloch" entschuldigt, sage ich "du bist ein möchtegern-arschloch, du poser, und du brauchst tussen, die feige und geheimnisvoll verwechseln, um deine fassade aufrechtzuerhalten." woraufhin das objekt noch nicht einmal beleidigt auflegt, sondern tatsächlich nachdenkt, zwei stunden später zurückruft und nachfragt, ob es eigentlich manchmal lächerlich wirke und dann zugibt, dass es für ihn schwierig sei, authentisch zu sein, weil er hier den vater und ein männliches vorbild vermisse.
"was ist dein vater für dich?" frage ich nach und plötzlich spricht das objekt über seine kindheit. dass der vater nicht nur alkoholiker, sondern dorfbekannter schläger war, dem man nicht krumm kommen durfte.
"du hasst deinen vater nicht nur", analysiere ich die antworten, "wenn du so von ihm redest, bist du eigentlich stolz auf ihn. in wirklichkeit kannst du nicht verstehen, wie du ihn so bewundern kannst, während du ihm so gleichgültig warst und versuchst es ihm nachträglich heimzuzahlen, indem du ihn als vater verleugnest."
nach solchen sätzen ist das objekt stolz, allerdings auf mich:
"dass ich so eine kluge frau kenne... und dass die mich kennen mag, das ist toll."

im gegenzug lauscht es auf meine worte und weist mich gnadenlos zurecht, wo ich mich zu klein mache:
"so charmant dein zynismus ist, in wirklichkeit hasst du dich so sehr, dass du gefahr läufst, dich irgendwann aufzugeben."
im büro erreichen mich kleine botschaften per sms:
"auftrag für heute: dir eine blume kaufen."
oder:
"koch dir was tolles zu essen und verbringe mindestens eine halbe stunde allein damit, die mahlzeit zu genießen."
oder:
"was ist dein highlight für den heutigen tag? überlege es dir bis heute nachmittag, 15 uhr und schreib es mir."
zur schlafenszeit plingt dann mein handy noch einmal und das objekt fragt ab, ob ich meine aufträge auch erledigt habe. dann gibt es feedback:
"gut gemacht. und morgen noch mal."
oder:
"das ist schon wieder so tiefsinnig, du musst auch mal oberflächlich und albern sein!"
oder:
"zu wenig kohlenhydrate. das nächste mal nimm ein brötchen dazu."

"wie fühlt sich das für dich an?" fragt das objekt.
"gut. geborgen. in sicherheit", sage ich nach kurzem überlegen.
"nicht kontrolliert?" hakt das objekt nach.
"nein", sage ich ehrlich. "du legitimierst mir mich und meine bedürfnisse."
"und du? was empfindest du dabei?
das objekt denkt nach:
"aufmerksamkeit. du gibst mir so viel aufmerksamkeit. und dann erkenne ich in meinem vagen und manchmal auch hässlichem spiegelbild das schöne. oder auch mal das krumme, das ich mir gerade male in gedanken. du bist mein bewusstsein, ein bewusstsein mit einem schönen, liebenden und zugleich kritischen blick, der mir selber abgeht."
"schade, dass du kein arschloch bist, sonst könnte ich dich leichter hassen", sage ich.
"schade, dass ich dich nicht mehr dich selbst entdecken machen kann, sonst könnte man dich leichter lieben."
"wir sind eben zwei hoffnungslose fälle", sage ich leichthin, woraufhin das objekt aufstampft und mault:
"siehst du, du machst es schon wieder!"

wir sind vermutlich und offenbar tatsächlich hoffnungslos. hoffnungslos liebend-verbunden und getrennt zur gleichen zeit.

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Sonntag, 13. Mai 2012
the heat is on
die letzten wochen die luft angehalten. war ja viel zu tun. an lebensberührungspunkten, die ganz woanders lagen als im club oder im freundes- und affairenkreis. die ernte einfahren, da, wo es überhaupt noch lohnt, und berufliche sackgassen und einbahnstraßen abbrechen. zukunftsplanung betrieben, sehnsüchte eingestanden, distanz geübt und eine freundschaft aufgekündigt.
ich bin so frei. der herr, die dame, sie mögen es mir verzeihen, dass ich derzeit im inneren exil lebe.

ins größte selbstregulierungschaos funkte mir das objekt, das die ankunft der küchenaccessoire-lieferung verkündete. gestern, nach einem langen und anstrengenden tag, rang ich mich dann durch, sie abzuholen. ich radelte kurz nach beinahe-nebenan in die romantische sozial-siedlung und erwischte das objekt, das gerade von der spätschicht kam, noch am aufzug. eine ganze überstunde hatte es gemacht, erzählte es mit leuchtenden augen, und dass es ihm nichts ausmachte, es sei ja so ein schöner job. ich staunte. noch bevor ich fragen konnte, ob es sich was eingeschmissen hatte, klingelte das objekt-handy. die objekt-mama rief aus ossiland an. das objekt schäkerte und lachte mit ihr, dass mir zwischenzeitlich zweifel kamen, ob es sich tatsächlich um seine mutter handelte, doch dann fiel zweimal das wort "mama" im eindeutig nichtironischen kontext.

oben, als es den zweiten flur aufschließen musste, sah mir das objekt erstmals in die augen und nahm mich begrüßend in die arme. es wirkte vollkommen klar, selbstsicher wie selten und überhaupt irgendwie sehr gesund, sofern man dieses wort mit dem objekt in zusammenhang bringen darf. ich fühlte mich plötzlich ziemlich klein und doof daneben.
"du bist ganz anders", rutschte es mir heraus.
das objekt lächelte wissend und bat mich dann förmlich herein in sein winziges reich.

wir regelten zunächst das geschäftliche, dann holte ich zwei bier, die ich mitgebracht hatte, aus der tasche.
"ein kleines dankeschön für die kriminellen freundschaftsdienste."
das objekt strahlte, als hätte ich ihm den lotto-jackpot ausgehändigt.
"das ist ja cool, ich hab überhaupt keinen alkohol mehr im haus. wenn du noch ein bisschen zeit hast, dann lass uns das doch gleich zum anlass nehmen. trinken wir zusammen eins!"

das objekt verrückte sessel und tisch so, dass wir zu zweit sitzen konnten und machte kerzen an. dann drehte es einen joint.
"das ist die kostprobe, sozusagen", meinte es und holte dann zu einem längeren exkurs über anbauort und ernteverfahren aus. ich fühlte mich fremd und verlegen, unfrewillig gast, fragte mich heimlich, was das objekt so empfand und wie viel dieser offensichtlichen souveränität show war.

dann nippte das objekt an seinem bier und sagte:
"ich bin ja so stolz... das ist mein erstes alkoholisches getränk für diese woche. das zeigt mir: hey, ich kann auch ohne!"
"und dass, wo du immer so viel getrunken hast."
"seitdem ich hier wohne, irgendwie kaum mehr. höchstens zum feiern. ich kiffe, aber alkohol... das war so ein punkt, an dem ich neulich ankam, als ich im supermarkt an der kasse stand: ich will so nicht enden."
"enden wie wer?"
"wie mein vater."
mir blieb der mund offen stehen. das objekt redete sonst nie von seinem vater. "ich habe keinen vater", sagte es sonst höchstens, oder "mein vater ist für mich gestorben."
in mir fielen mehrere groschen.
"dein vater ist..."
"alkoholiker", beendete das objekt meinen satz.

wir starrten gemeinsam aus dem fenster in die birke, die in der nacht raschelte und ab und an das glas berührte. dann erzählte das objekt die kurzfassung seiner kindheit. vom immer abwesenden da besoffenen vater, der den jüngeren bruder ganz eindeutig vorzog und der mutter, der es immer nur um die objektive sportlerkarriere ging.
"ich war der letzte arsch, zuhause und auch in der schule. und das schlimmste war, als sie mich dann in dieses internat gesteckt haben. zum glück hatte ich meine oma... mit meiner oma bin ich neulich die grenze abgefahren, die dörfer ihrer kindheit... und dann haben wir das haus gefunden, in dem sie als kind gelebt hat..."
das objekt sprang auf und begann zu kramen. dann holte es eine große schieferschindel hervor.
"das ist von ihrem haus... das habe ich mitgenommen als andenken."
die objekt-augen leuchteten, während ich aus dem staunen nicht herauskam.

"du bist ein ganz anderer mensch geworden", blinzelte ich schließlich. "wie du redest... dein auftreten, deine haltung... dein blick..."
"naja... meine komplexe hab ich alle noch", lachte das objekt. "du ja auch, da kommt man nicht so fix raus."
"meine komplexe, soso."
"du magst dich nicht."
"das stimmt so nicht ganz."
"aber teilweise."
"na und?"
"so kann man dich ganz schwer lieben, morphine", sagte das objekt da. "zumindest muss man so stark sein und es schaffen, deine zweifel an dir nicht zum zweifel an deiner liebe zu machen. du gehst immer, wenn dir jemand nahe kommt... zumindest innerlich. vor allem, wenn jemand selbst sehr unsicher ist, wird er sich bei dir vielleicht... alleingelassen fühlen."
ich schwieg.
"ich wollte dir jetzt nicht zu nahe treten", sagte das objekt und lockerte seine therapeuten-haltung.
"nein, schon okay, ist ja nichts, was ich nicht weiß."
"aber du kannst es nicht umsetzen, was?"
"irgendwie nicht", sagte ich matt. da rutschte das objekt ganz nah an mich heran, bis seine knie die meinen berührten, zog mich ein stück zu sich und legte seine wange an meine.

"was sagt deine zeit?" fragte das objekt dann.
"soll ich gehen", fragte ich peinlich berührt.
"neinnein", wehrte das objekt ab. "ich dachte vielmehr gerade, dass du doch vielleicht bleiben könntest. wenn es geht und wenn du dir das vorstellen kannst."
"warum?"
"nicht, dass ich notgeil wäre, aber... weil du es eben bist. weil ich es mir wünsche und es mir gerade schön vorstelle, neben dir einzuschlafen."
hm! soweit hatte ich in meinen kühnsten träumen nicht gedacht.
"wir können ja mal sehen", sagte ich diplomatisch. "wenn ich gleich zu bekifft bin, um noch radzufahren, überlege ich es mir."

das objekt kramte alte brettspiele aus einer kiste, dann saßen wir auf dem bett zwischen karten und würfeln und einem schachbrett. wir spielten alles mögliche, und ich gewann beinahe jedes mal.
"revanche", rief das objekt ein ums andere mal. "du kränkst meinen männlichen stolz!"

sehr spät und vom vielen lachen ganz erschöpft räumten wir dann alles wieder in die kiste. am boden der kiste fand ich einen papierhaufen.
"was ist das denn", fragte ich das objekt. "ein ratespiel?"
"nee, das ist ein iq-test", sagte das objekt.
"so einer aus dem internet oder ein richtiger?"
"ein wissenschaftlicher", sagte das objekt.
ich blätterte und blätterte. da hatte jemand notizen gemacht. am ende stand die auswertung: 142.
"uiuiui", sagte ich. "da haste aber kluge patienten. wer hat den denn machen müssen?"
"ich", sagte das objekt da.
ich war sprachlos.
"naja, ich konnte das auch erst nicht glauben", meinte das objekt. "ich hab dann noch mal einen anderen gemacht, der noch umfassender ist und zwischen den unterschiedlichen intelligenzen, die man so haben kann, differenziert. da hatte ich dann 138."
ich konnte es noch immer nicht fassen.
"mein einziger großer schwachpunkt ist die handlungsintelligenz", berichtete das objekt. "heißt also, ich denke klug, handle aber nicht so. deshalb bin ich wahrscheinlich der, der ich eben bin."

gegen halb drei uhr nachts warf das objekt einen film in den dvd-player. wir saßen auf dem bett, rauchten und mümmelten vollkornbrote mit tomate-mozzarella, die das objekt in mundgerechte häppchen geschnitten hatte. irgendwann rollte sich das objekt zur wand und bewegte sich nicht mehr. es war eingeschlafen. ich machte den fernseher aus und die übliche gutenacht-kerze an, holte mir eine zweitdecke und nutzte die freie hälfte des bettes. ich schlief tief und fest, komplett angezogen genau wie das objekt und wurde erst am frühen nachmittag wach, weil es warm und stickig war und das objekt sich über mich gerollt hatte.
"wie spät isses denn", murmelte das objekt im halbschlaf.
mein handy zeigte mir 13:27 uhr.
"halb fünf", sagte ich todernst.
"oh mein gott", fuhr das objekt auf.
leider muss ich bei meinen eigenen scherzen immer zu früh kichern.
"das stimmt gar nicht, oder", durchschaute mich das objekt rasch. ich lachte, und das objekte boxte mich. dann kniete es über mir und ich registrierte den ersten gefährlichen moment.
"hunger", sagte ich schnell.
"ich mach frühstück", sprang das objekt eilfertig auf.

während das objekt den tisch deckte, tauchte ich, klebrig und verschwitzt wie ich war, erst einmal in der badewanne unter. dann plötzlich kam das objekt mit dem guten-morgen-joint herein und ließ sich auf dem pott nieder, um mir aus seinem neuen buch vorzulesen. ich zog flux die knie ans kinn und bewegte mich nicht mehr, damit keine löcher im schaum entstanden. obwohl es im wasser mollig warm war, begann ich vor anspannung innerlich zu schlottern.
"also entspannt baden sieht irgendwie anders aus", kritisierte das objekt bald darauf meine körperhaltung.
"das wasser ist schon ein bisschen kalt", schwindelte ich.
schwupps, beugte sich das objekt über die wanne und ließ heißes wasser nach.
"besser?"
"jaja."
"du hast wimperntusche im gesicht", stellte das objekt richtig fest.
"ich hab mich gestern nicht abgeschminkt."
das objekt verließ das bad und kam mit einem waschlappen und watte wieder.
"augen zu", befahl es mir und krempelte die hemdsärmel hoch. dann entfernte es mit der watte mein rest-make-up und wusch mir anschließend das gesicht, hals und schultern. ich kam mir vor wie in der badewannenszene bei "secretary".
"du hast so ein schönes gesicht", fand das objekt. "ich glaube, du wirst auch mit 80 noch gut aussehen."
dann verließ es ziemlich abrupt das badezimmer. brandgefährliche szene nummer zwei gebannt.

nach dem frühstück und dem dritten joint, als die welt wieder angenehm in die ferne rückte, räumten wir auf und lüfteten.
"ich würde dann mal gehen", sagte ich.
"hast du noch was vor?" fragte das objekt.
"naja... ich kann ja nicht noch ewig hierbleiben."
"nicht ewig... aber so bis kurz vor neun? dann hab ich nachtschicht und wir könnten zusammen mit den rädern los", schlug das objekt vor.

also kuschelten wir uns wieder ins bett und machten musik an. nach einer weile zog mich das objekt an sich. ich suchte vergeblich nach einem feuerlöscher für den brandgefährlichen moment nummer drei. doch wenn ich ehrlich war, hatte ich nach fast 24 stunden in der objektiven pheromonwolke gar keine lust mehr auf feuerlöschen.

als wir vor der objekt-arbeitsstätte standen und uns verabschiedeten, meinte das objekt:
"was für ein teufelsritt, du weib. und ich muss jetzt arbeiten!"
ich grinste.
"ich hab ja urlaub."
"stimmt, du bist ja auch gleich nicht mehr da."
"jupp."
"dann wünsch ich dir was.
"ich dir auch."
"das kopfkino jetzt gleich auf arbeit nimmt mir ja keiner."
"dann behälst du mich ja in guter erinnerung."
"das war doch hoffentlich nicht das letzte mal!"
"you never know."
ich schwang mich in den sattel und machte, dass ich weg kam.

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Freitag, 4. Mai 2012
der rote reiter
im büro klingelt mein handy. ich denke, das ist bestimmt das objekt - und es ist das objekt.

"ich arbeite", sage ich mittelschwer genervt. im gegensatz zum objekt habe ich keinen schichtdienst. mann kann sich meine arbeitszeiten theoretisch leicht merken. das objekt nicht. es ruft an, wann es ihm passt.
"ich wollte dir was wichtiges sagen", beschwichtigt mich das objekt.
"was denn", sage ich und mache mich auf den weg ins zimmer meiner chefin, wo heute niemand ist und ich ungestört rauchen darf.
"du bist die quelle meiner inspiration und ich möchte dich nie missen", lässt das objekt seinen honig durch den hörer tropfen.
"aha", sage ich nüchtern und ziehe an meiner zigarette. "und sonst so? irgendwelche wichtigen anliegen?"
das objekt holte tief luft.
"ähm, also pass auf... ich hab das auto von meinem freund, und der fährt im juni für vier wochen in urlaub. und dann steht das haus leer, weißt du, an dem see, wo wir mal waren..."
"und?"
"wollen wir hinfahren?"
ich bin überrascht.
"ich weiß nicht, muss ich mir mal überlegen."
"für ein wochenende oder so... oder ich werde auch einfach mal nur für eine nacht runterfahren... also wenn du möchtest... wenn dir mal nach einer badewanne ist oder ruhe oder kaminfeuer..."
"oder nach dir", sage ich leichthin, und das objekt schweigt.

dann, endlich, kommt es zum punkt.
"ich statte meine küche neu aus", sagt es. "und ich wollte wissen, ob du irgendwas brauchst."
"ich dachte, du hast noch was geparkt", erinnere ich das objekt an sein depot.
das objekt lacht nur.
ich verstehe.
"sag mal ne summe, baby", bittet mich das objekt.
"weiß nicht, ich müsste mal rumfragen", sage ich. "was haste denn so im auge? außer kräutern? kaffee?"
"alles, was dein herz begehrt", sagt das objekt.
"mein herz begehrt ja gar nicht so schrecklich viel."
"du kannst auch gegen naturalien tauschen", säuselt das objekt, eingedenk meiner rezeptpflichtigen burner.
"meine apotheke ist kein bonbon-laden."
"du bist süß", lacht das objekt. "also, was ist?"
"ich bin dabei."
"super. kommste mit zum großmarkt?"
"kein bock."
"okay, dann..." seufzt das objekt.

ich warte noch zwei sekunden.
"ich komme dann vorbei und hol das zeug ab."
"ja gerne!" ruft das objekt. "oder ich bringe es mit."
"kommst du am wochenende in den club?"
"denk schon, ich muss mal wieder unter menschen", sagt das objekt und beginnt dann zu summen: "hey, hey, hey... ich bin der goldene reiter... ich bin der gott dieser stadt..."
"alles klar", sage ich. "dann pass bloß auf, weißt ja, was mit dem typen passiert ist. nicht, dass du mit einem halben kilo küchenkräutern und mohn einfährst und ich bin auch noch mitschuldig."
das objekt ist sich seiner sache sehr sicher.
"ich weiß, wie die dinge laufen."
"gut. dann allez-hopp."
"zu befehl, madame. und, was hast du heute noch schönes vor?"
"ich lasse meine wirbel von meiner lesbischen therapeutin neu ordnen."
"heiß. was kann die sonst noch so, außer wirbel ordnen?"
"hm, auf meine brüste starren?"
"das ist ja nicht schwer bei dir..."
"tja, wer hat, der hat."

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