Samstag, 8. September 2012
pogo
"ich weiß nicht, was ich später will. reich werden."
der typ, der sich ungefragt neben mich gepflanzt hat, ist auf dieser üblen punk-party ziemlich verloren. er lebt erst seit drei monaten in der stadt, um sein abi nachzuholen.

"wie alt bist du denn?" frage ich.
"21."
21 und als lebensziel reich werden, das finde ich ziemlich autsch. dieses lebensziel haben andere etliche jahre früher, in seinem alter aber bereits wieder verworfen und durch einen echten sinn ersetzt.
"wie willst du denn reich werden?"
"weiß nicht. ich wollte mal pilot werden. oder fremdenlegionär. oder börsenmanager."
als ich lächle, sind ihm seine zukunftspläne offenbar peinlich.
"du denkst, das ist dumm, oder?"
"nö. dir fehlt aber vielleicht... ein bisschen lebenserfahrung."
"ja, toll, du hast halt ein paar bücher mehr gelesen als ich, sonst ist da doch kein unterschied."
"naja, ich würde mal sagen, in zehn jahren passiert mehr als ein bisschen zuwachs in deiner bibliothek."
"du meinst also, du bist nicht die richtige für mich?"
der gedankensprung ist gewagt, noch gewagter als die theorie, dass man innerhalb einer viertelstunde wissen kann, ob jemand eine traumfrau ist oder nicht. da aber ungeachtet der denkrichtung die schlussfolgerung stimmt, nicke ich eifrig.

"wie alt bist du denn?"
"na wenn ich zehn jahre älter bin als du...?"
"31!" der typ ist entsetzt.
"ja, sorry, bin halt schon ne omma."
"nee, gar nicht. du siehst total jung aus."
entweder hat der gute tomaten auf den augen, oder das schwarzlicht und der drei-tage-urlaub zeigen bereits wirkung. ich bin geschmeichelt.
"du hast auch ein total cooles outfit."
"ich bin halt nicht so ein h-und-m-opfer."
"wo kaufst du deine klamotten?"
"auf flohmärkten, oder im internet... in erotik-shops... oder einiges mache ich auch selbst."
der junge ist schwer beeindruckt:
"das heißt, du kannst nähen?"
"naja! ein bisschen. für kleinkram reicht es."
"kannst du mir dann auch mal was nähen? ich hätte auch gern so was im punk-style."
"tja, ich wohne aber nicht hier. sondern in hamburg."

der typ starrt mich an.
"dann bist du echt nicht die richtige."
ich muss lachen.
"hatten wir ja bereits festgestellt."
"aber es ist trotzdem cool, sich mit dir zu unterhalten. du bist anders als die mädchen, die ich so kenne."
"wo lernst du die denn kennen?"
er nennt mir zwei, drei locations, in denen, wie ich weiß, nur spackos und tussen abhängen.
"dann liegt das vielleicht daran, dass deren iq die 60 nicht besonders weit überschreitet."
"wie viel ist 60?"
"60 ist die grenze zum schwachsinn. damit kommt man maximal auf die sonderschule."
der typ ist amüsiert und kichert.

als der dj das nächste üble lied spielt, merke ich, dass ich müde bin. meine freunde stehen am tresen und sind betrunken. ich habe mir medikamentenbedingt irgendwann ein trinkstopp erteilt und erlebe die tristesse in ihrer ungefilterten version.
"ich gehe", sage ich zu dem typen.
"wohin", macht er große augen.
"ins bett."
der typ starrt mich an.
"och nö!"
"oh doch. ich bin zu alt für schlechte parties."
"och nööö... lass uns doch noch wo was trinken."
er nennt den namen einer bar, in der, wie ich weiß, auch lauter tussen und spackos rumhängen.
"was willst du da, den durchschnitts-iq heben?" erwidere ich lachend.

doch der typ gibt nicht auf. irgendwann, als er mir dann verspricht, dass er taxi und besäufnis finanzieren und mich später sicher zum bus bringen wird, lasse ich mich breitschlagen. wer so unbedingt will, hat einfach eine chance verdient, finde ich.

ich rufe ein taxi und wir fahren in die schreckliche bar mit den tussen und den spackos. doch vor der tür drängen sich bereits hunderte von gretels in goldglitzernden highheels, den immer gleichen hotpants und so viel make-up, dass daniela katzenberger daneben wie ein model für den öko-look wirkt. sie sind umringt von unzähligen vollidioten in hawaihemden und bermudas, denen nicht nur alkoholbedingt grammatik und satzbau vollständig abgehen. der türsteher winkt uns bereits von weiten mit einer abwehrenden geste entgegen. kurzum, ich habe glück und die bar ist so überfüllt, dass ich nicht mal als daniela-katzenberger-verschnitt reingekommen wäre.

"was nun?"
der typ ist enttäuscht.
"gehen wir einfach weiter in die innenstadt und nehmen die nächste kneipe."
leider habe ich vergessen, dass nürnberg nicht nur keinen kiez hat, sondern dass die wenigen, verstreut gelegenen kneipen auch am wochenende alle gegen eins oder zwei oder allerspätestens drei zumachen.
nach einer längeren odyssee landen wir schließlich an der tankstelle, kaufen uns whiskey cola und bier und setzen uns auf den grünstreifen.
"ich würde jetzt gern was verrücktes machen", sagt der typ.
"was denn?"
"keine ahnung... in eine kirche einbrechen oder so. oder ein auto klauen."
"spitze", finde ich.
"du hälst mich für doof", beschwert sich der typ.
"wenn du sowas von dir gibst, schon", muss ich kichern.
aber humor hat er, denn er lacht mit mir, und das finde ich sympathisch.
also lege ich ihm die hand auf die schulter und sage sehr ernst:
"ich glaube, du bist ein prima mensch. daran musst du immer festhalten, egal was dir irgendwelche penner einreden. das sage ich dir jetzt so als... große schwester, okay?"
der typ guckt ein bisschen verwirrt, bedankt sich dann verlegen und nimmt schnell einen schluck aus seiner dose.

gegen fünf uhr morgens, als wir schon die letzten auf der straße sind, bringt er mich zur bahn.
"sehen wir uns mal wieder?" fragt er.
wir tauschen mailadressen und ich verspreche ihm, dass er mich mal in hamburg besuchen kommen darf.
"da kann man dann auch bis sieben uhr morgens und noch länger feiern", sage ich.
"cool", findet der typ. "dann bis ganz bald!"
bis nicht ganz so bald, hoffe ich, und mache mich auf meinen heimweg.

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Donnerstag, 30. August 2012
kitten content
der gestrige empfang war wie gedacht: die mieze flüchtet aus der box direkt unters bett und versteckt sich hinter einer am bettpfosten herabhängenden jacke. nur die äußerste schwanzspitze guckt noch hervor, wird dann aber eingezogen, als ich mich auf den bauch lege und unter mein bett linse. die lederjacke, selbst katzenerfahren, steht daneben und meint: "die siehst du vor dem wochenende nicht mehr."

wir gehen ins wohnzimmer und die lederjacke pflanzt sich in meinen sessel. ich hibble verlegen im drehstuhl, kann mich nicht entspannen. das vieh unter meinem bett und die sexy lederjacke, die heute ein muscleshirt trägt und durchtrainierte oberarme offenbart, machen mich ganz kirre. die lederjacke fragt vorsichtig:
"willst du mal erzählen, was in den letzten monaten so passiert ist?"

ich beginne, von meiner frisch erworbenen psychischen zerbrechlichkeit zu berichten. die lederjacke hört sehr aufmerksam zu und für einen moment fühle ich beinahe objekt-geborgenheit. männer, die zuhören, die ruhe und geduld ausstrahlen, die ihre langen beine ausstrecken und damit meinen stuhl zu sich heranziehen, die sind mir sympathisch.

die lederjacke hat mir auch ein geschenk mitgebracht: ein kleines gebiss, das mit den zähnen klappern kann. ich bin ganz gerührt.
"da hat die katze auch was von", findet die lederjacke.
"der macht das bestimmt angst", mutmaße ich.
"dann verbringt sie auch das wochenende unter deinem bett, haha."

plötzlich und unbemerkt steht der kleine tiger unter der tür. ich entdecke ihn zuerst und flüstere "guck mal" und langsam drehen wir unsere köpfe. das genügt, um bei madame sämtliche fluchtreflexe zu aktivieren. doch die neugier ist stärker als die furcht, und zwei minuten später steht sie wieder unter der tür und guckt.
"boah, was für ein schönes tier", flüstert die lederjacke.
"wildkatze", flüstere ich.
"und guck mal die augen... riesige blaue, nein rote, oder nein... rotblaue augen!"

wildcat pirscht im tiger-style um uns herum und schnuppert misstrauisch. dann streckt die lederjacke die hand aus. wildcats näschen kommt näher und näher. schwupps, angedockt. danach kommt sie zu mir und wir sagen uns hallo.
wir halten ganz still, während wildcat umherwandert und meine wohnung pfote für pfote erobert. dann klackert das trockenfutter im napf und wir wissen, dass auch in sachen appetit alles okay ist.
"die ist schneller als wir dachten", sagt die lederjacke und ich bin ganz erleichtert.

als die lederjacke auf klo muss, folgt ihm wildcat bis vor die tür.
"pass auf, wenn du die tür aufmachst", rufe ich.
als die lederjacke wieder im wohnzimmer sitzt, sage ich:
"also wenn die dich nachher vermisst, muss ich dich leider zwingen, hier einzuziehen."
die lederjacke lacht.
"da kann ich mir was schlimmeres vorstellen."
"danke für das kompliment."
"bittebitte."

als die lederjacke entschwindet, weil depri-morphine serotoninmangelbedingt frühzeitig ins bett muss, bin ich im gegensatz zu sonst hellwach. wildcat sitzt gelangweilt auf meinem bett und erhebt sich dann, um ins wohnzimmer abzuwandern. dort streckt sie sich auf dem teppich im mondschein aus und macht katzenwäsche.

ich lege mich ins bett und fühle mich angespannt. ich bin tiere nicht gewohnt. wildcat ist so leise, dass ich mich zu tode erschrecke, sobald auch nur der vorhang im dunkeln raschelt. es wird eins, dann zwei, dann drei. als ich kurz eindöse, werde ich schnell wieder wach, weil etwas warmes, schweres zwischen meinem po und meine kniekehlen liegt. die besitzer hatten behauptet, wildcat würde nie ins bett kommen, aber vielleicht haben sie einfach nur einen festen schlaf.

am morgen bin ich total gerädert und spät dran. zähneputzen, anziehen, haare kämmen und los. ach halt. die katze.
luft anhalten und klo sauber machen, dann noch mal luft anhalten und die dose ragout öffnen. nassfutter ist ja wichtig. als ich den napf in sicherer entfernung weiß und einatme, muss ich würgen. das zeug stinkt zum himmel, und es ist noch nicht mal thunfisch. zumindest für die nüchterne nase eine vegetarierin ist katzenfutter eine echte zumutung.

wildcat ist unsichtbar. ich rufe sie, aber sie kommt nicht. erst, als ich den vorhang im schlafzimmer zurückschieben will, entdecke ich das fell-vorhang-knäul am boden. da hat es sich aber jemand gemütlich gemacht. wildcat starrt mich erschrocken an, bewegt sich jedoch nicht. ich strecke den finger aus. sie schnuppert und lässt sich ganz zart unter dem kinn kraulen.

dann kann es losgehen. als ich die tür abschließe, überlege ich, ob ich an alles gedacht habe (kippfenster schließen, herd ausmachen, klodeckel schließen, yucca-palme in sicherer entfernung platzieren), dann ziehe ich los ins büro - nicht, ohne vorher noch ein stoßgebet zum himmel zu schicken, dass wildcat in meiner abwesenheit keine bambule veranstaltet und vor allem nicht beginnt, reviere in meiner wohnung zu markieren.

wider erwarten finde ich bei meiner rückkehr eine saubere und unberührte wohnung vor. aber alle näpfe sind leergefuttert und das klo benutzt. wildcat hingegen ist wieder unsichtbar. ich finde sie nach längerem suchen hinter dem kleiderschrank. da sitzt sie bis jetzt und bewegt sich nicht. vermutlich muss die lederjacke nun doch bei mir einziehen.

t.b.c.

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Samstag, 25. August 2012
nachtschicht
als ich gestern sehr spät aus dem büro komme, so spät, dass der feierabendverkehr schon durch ist und die leute wieder in die stadt drängen, um zu feiern, erreicht mich eine sms der krankenschwester. die krankenschwester ist eine neue freundin von mir, eine frau, die ich ursprünglich mal für mr. shyguy hatte abschleppen wollen, was aber irgendwie schiefging und achichweißauchnichtmehr.

die krankenschwester hat heute und morgen frei, ihren sohn ausquartiert und will mich zum saufen überreden. da ich sowieso in freizeitkluft auf arbeit war - schwarzer rock, schwarzes kitty-thinks-you-are-an-asshole-punker-t-shirt - mache ich stante pede kehrt und fahre richtung schanze. in der bahn überlege ich, ob das mit dem saufen sinn macht, aber ich habe noch nicht so viele psychopillen intus, dass alkohol zwangläufig zum totalen knockout führen würde.

in meiner stammkneipe freut sich der barkeeper, mich endlich mal wieder zu sehen und gibt uns gleich zwei caipis aus. die krankenschwester sieht scharf aus wie immer und nuckelt, ich glaube, sie kann sie anders, aufreizend an ihrem strohhalm. dann erzählt sie mir von ihrem horror-unfall vor zwei wochen, als sie besoffen vom fahrrad gefallen war.
"schleudertrauma, gehirnerschütterung und kapselriss in der schulter", berichtet sie ein bisschen stolz und ein bisschen zerknirscht.
"autsch", sage ich. "ich bin auch letzten winter mit dem rad auf dem eis gestürzt und hatte ne gehirnerschütterung. die hab ich aber zu spät bemerkt. das hat vier wochen oder so gedauert, bis die kopfschmerzen und diese merkwürdige müdigkeit mal weg waren."
"ja, scheiße", sagt die krankenschwester.

wir trinken noch einen caipi, dann fragt mich die krankenschwester, ob ich was zum ziehen hab. da ich das zeug noch immer gewohnheitsmäßig-blauäugig in der arbeitstasche mit mir rumtrage, kann ich ihr aushelfen.
als sie vom klo wiederkommt, hat sie einen kleinen laberflash und lästert erst über ihren paranoiden freund, dann über die neue stationsleitung.
"wie lange machst du das eigentlich schon?" frage ich und meine ihren job.
"16 jahre", sagt die krankenschwester.
"boah", sage ich, "ich hätte ja ständig angst, dass ich jemanden aus versehen umbringe."
"naja, auf der intensivstation ist das recht einfach", kichert die krankenschwester.
"eine bekannte von mir, die auch wegen depressionen in behandlung ist, war kinderkrankenschwester auf der krebsstation", erzähle ich. "die hat echt die macke gekriegt, weil immer die lütten gestorben sind."
"bei mir sterben meistens nur alte leute", zuckt die krankenschwester lapidar die achseln. "und ich mein, die sterben ja sowieso. ob jetzt bei mir im krankenhaus oder zuhause in der wohnung. ob jetzt fünf jahre früher wegen krebs oder fünf jahre später zuhause beim kacken an einer hirnblutung."
"skol", sage ich und proste ihr zu mit dem neuen caipi, den mein barkeeper, der unser gespräch grinsend verfolgt hat, uns über den tresen schiebt.

gegen eins kriege ich das große gähnen und die krankenschwester den zappeldrang.
"da ist noch eine party auf dem kiez", sage ich, während der alkohol schwer in meinem kopf kreist.
die krankenschwester reißt mich vom barhocker und schleppt mich dann über den pferdemarkt durch halb st. pauli bis zum club.
"ich glaube, ich werde nicht alt", sage ich und meine den abend.
"sagte die frau mit dem pep in der tasche", lacht die krankenschwester.
"ich weiß nicht, ob das so gut wäre", wende ich ein. "ich habe neulich erst den totalen systemabsturz produziert."
"heute bist du ja unter ärztlicher aufsicht, sozusagen", beruhigt mich die krankenschwester.

ziehen will ich nicht, also lege ich mir eine homöopathische dosis auf die zunge, oral kommt softer und langsamer, das gilt für drogen wie für einen guten blowjob. zehn minuten später ist mir ordentlich schwummrig, dann bekommt das herz die überhand über den absaufen wollenden kreislauf und es geht mir wieder gut.
wir entern den club und gehen tanzen und schwitzen. ich lande jetzt bei cola und wasser und irgendwann schnell in den sesseln.

plötzlich steht der paranoide freund der krankenschwester vor mir und beschuldigt uns, wir seien gar nicht zusammen trinken gewesen. der paranoide freund ist schwer gestört, also ich mache ich das, was ich auch mit durchdrehenden patienten in der notaufnahme der psychiatrie schon fabriziert habe: themawechsel.
fünf minuten später sind wir beim thema beruf, der paranoide freund entpuppt sich als designer für computerspiele und spricht mit großer leidenschaft von seiner kreativarbeit und dem neuen genialen illustrator, den er gerade eingestellt hat. als ich berichte, dass ich schreibe, ist er ganz angetan. kreative unter sich.

so findet uns die krankenschwester. als sie zu uns stößt, ist die situation wieder entschärft und der paranoide freund nicht mehr so paranoid. stattdessen beichtet er mir, dass er der krankenschwester manchmal einfach nicht glaube und angst habe, dass sie fremdgeht. wie ich die krankenschwester kenne, ist die sorge nicht ganz unberechtigt, allerdings weiß ich von ihr, dass auch der paranoide spieledesigner kein kind von traurigkeit ist.

da psychopharmaka und alkohol die halbwertszeit von pep offenbar drastisch verkürzen, bin ich gegen viertel nach drei tatsächlich am ende meiner kräfte und kann kaum mehr sprechen vor erschöpfung. ich will zum bus, während sich die krankenschwester sorgen macht und möchte, dass ich ein taxi nehme.
"bist du auf, ich hatte gerade meine steuernachzahlung", wehre ich mich.
die krankenschwester will mir geld leihen, aber ich sehne mich nach frischer luft und bin überzeugt, dass mir der spaziergang zur haltestelle nur gut tun würde.

ich setze mich durch und wanke zum bus. ich spüre meine füße. ich spüre hunger. an einem kiosk kaufe ich mir noch ein wasser, schokolade, gummibärchen und zigaretten. dann sehe ich schon den bus herannahen und spute mich.

im bus lasse ich mich neben einen jungen asiaten fallen, der geschlafen hatte, aufwacht und mich erschreckt anschaut. dann lächelt er über mein t-shirt und macht eine geste, dass es ihm gefalle. zwei minuten später nickt er wieder ein und rutscht gegen mich. ich tippe ihn an, er macht die augen wieder auf und sagt sorry. dann funkt mir der sandmann dazwischen und der junge asiate muss mich in einer kurve von seinem schoß pflücken. wir müssen lachen. ich schaue ihn an, er sieht wirklich gut aus, obwohl ich nicht auf asiaten stehe. er ist groß und kräftig gebaut, hat ein unglaublich gleichmäßiges, glattes gesicht und trägt eine riesige brille, die ihn sehr intellektuell wirken lässt. ich schätze sein alter auf mitte 20.
als ich in winterhude aussteige, sagt er etwas freundliches in einer fremden sprache. ich lege ihm kurz die hand auf die wange, dann springe ich die kühle nacht und ziehe meiner wege.

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Mittwoch, 22. August 2012
b + b
ankommende objekt-sms: "lust auf b + b?"
ich: "bed + breakfast???"
objekt: "beer + blowjob!!!"
ich: "fick dich selber! :)"
objekt: "okay, mach ich. kannst trotzdem vorbeikommen, ein bier mitbringen und zuschauen."

da fehlen einem doch die worte.

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Donnerstag, 9. August 2012
totally bright
"das ist selbstverletzendes verhalten. das ist... das ist schon sowas wie von der brücke springen", sagt die objektstimme vorwurfsvoll-besorgt in mein ohr.
"es tut mir leid", sage ich.
doch die anspannung, die sich über den tag in eine art unerträgliche unruhe gesteigert hatte, hatte sich mit meinen daily psychopharmaka diesmal einfach nicht recht lindern lassen. also schluckte ich hübsch meine notfallration benzodiazepine und gegen abend schließlich, als ich schon ahnte, dass ich aller chemie zum trotz nicht schlafen können würde, kam unvernünftigerweise der wodka dazu. das passierte ganz automatisch, irgendwie halbbewusst, so, als wäre ich nicht ganz ich selbst gewesen.

in hinblick auf den ersten effekt kann man die kombi durchaus als empfehlenswert beschreiben. sie killt alle ängste und gefühle. der kopf schwebt knapp unter der zimmerdecke und der körper ist angenehm schwer. in hinblick auf nebenwirkungen, die dann beispielsweise beim sprechen, denken oder bei bewegungsabläufen noch bis 24 stunden später auftreten, muss allerdings vor einer solchen mische dringend gewarnt werden.

der objekt-anruf jedenfalls kam genau zum falschen zeitpunkt. und dennoch auch zum genau richtigen.

am telefon lalle ich. ich denke zunächst, das kommt vom liegen, weil ich alkoholschwanger im bett lümmle. doch im sitzen ist es auch nicht besser. das objekt, selbst erfahren genug, checkt sofort, was los ist.

"steh auf", befiehlt es mir, als ich gebeichtet habe.
"müde!" wehre ich mich.
"steh sofort auf und geh duschen!"
ich sage nichts. denke, das ist ja voll bescheuert. jetzt, wo endlich alle schrecklichen gefühle mal tot sind.
"du darfst jetzt nicht einschlafen", redet das objekt auf mich ein.
"wasn dann", entgegne ich. "sterbe ich dann?"
"nee. aber dann wirst du morgen nicht arbeiten können, weil du das down deines lebens hast", erklärt das objekt.

ich überlege. sterben wäre für diesen moment theoretisch okay gewesen, aber nicht arbeiten, das geht natürlich nicht.
"hmhmnn" murmle ich und drehe mich schon mal auf die andere seite. so ein kissenrascheln klingt doch hoffentlich kooperativ. nicht, dass mich das objekt jetzt einweisen will.

"steh auf", wiederholt das objekt, das mich zu durchschauen scheint. "und wehe, du drückst mich jetzt weg. ich ruf in der klinik an."
"hör auf", bettle ich, "ich bin doch froh, wenn ich endlich mal pennen kann!"
"sich wegmachen hat mit schlafen nichts zu tun", kritisiert das objekt.
ich, schlaflos und mit irrer angst vor der angst, sehe das natürlich anders.

"okay, ich sitze", berichte ich, als meine beine über die bettkante baumeln.
sitzen fühlt sich dann aber an, als würde mein kreislauf gleich kollabieren. nicht gut.
"es tut mir so leid, du hasst mich jetzt bestimmt", sage ich zusammenhanglos.
"oh mann", sagt das objekt und es klingt noch genervter als ich befürchtet hatte.

ich halte die klappe und wünsche mir tränen. weinen bewirkt häufig, dass mitmenschen nicht so sauer sind wie sie eigentlich sein wollen.
doch da sagt das objekt noch mal "oh mann", aber jetzt klingt es gottseidank schon sanfter und eher verzweifelt und ein bisschen hilflos. dann sagt es:
"ich weiß auch nicht mehr, wie ich dir helfen soll. du psychiatrisierst. deine seele löst sich auf, wenn du sowas machst, kapierst du?"

das tut mir so leid, dass ich dann doch kurz den tränen nahe bin. für wen, frage ich mich, tut mir das eigentlich leid, für mich oder für das objekt, doch dann ist der gedanke schon wieder weg. ich schnüffe ein bisschen, aber die augen sind schon wieder so trocken wie altes feuerholz.

"okay, wir machen jetzt einen plan", fasst sich das objekt. "du stehst auf und gehst duschen. und dann isst du was. auch wenn es nur was kleines ist."
beim gedanken ans essen dreht sich mir der magen um, aber ich sage erstmal "hm", nicht dass das objekt denkt, ich rolle mich gleich wieder ein und penne.
"und dann?" frage ich, weil ich mir gerade nicht vorstellen kann, wozu wach sein gut sein könnte.
"dann gehst du kurz raus. einmal frische luft. du wirst es nicht weit schaffen, aber vielleicht einmal bis zu den mülltonnen in der grünanlage vor deinem haus. das reicht auch, denn auf der straße ist es für dich so eigentlich zu gefährlich."
"hm", sage ich, total begeistert.
"und dann rufst du mich noch mal an", ergänzt das objekt.
"okay."
"versuch einfach, runterzukommen und ein bisschen nüchtern zu werden."
"ja doch", sage ich etwas gereizt.
"sorry", schiebe ich nach.
"oh mann", sagt das objekt zum dritten mal während des telefonats. die tonlage ist diesmal unspezifisch. therapeutenneutral. das finde ich arschig. das objekt soll herkommen und mich in die arme nehmen. anderseits bin ich todfroh, dass es professionell genug ist, um sich nicht von meinen eskapaden erpressen zu lassen. das sichert uns die oberhand über das, was gerade mit mir geschieht. seiner inneren distanz werde ich es verdanken, wenn ich es am nächsten tag irgendwann ins büro schaffe.

zwei stunden später bin ich geduscht, angezogen, habe was im magen und mich einmal kurz nach draußen gewagt. ich mache gehorsam meldung.
"du klingst schon besser", lobt mich das objekt.
"aber ich bin wach", beschwere ich mich.
"das macht nichts. dann verstoffwechselst du noch ein bisschen was."
"aber wenn ich wieder nicht schlafen kann?"
"bleibst du eben wach. lies was."
"inzwischen verbinde ich ein buch mit schlaflosigkeit", jammere ich. "ich will lesen nicht irgendwann doof finden müssen."

das objekt seufzt mühsam beherrscht und ich merke, sein geduldsfaden ist zum zerreißen gespannt.
"eigentlich sollte ich vorbeikommen und dir mal richtig den arsch versohlen", sagt es grimmig, muss dann aber lachen. und auch ich muss ein bisschen kichern.
"mach doch", erwidere ich.
"das könnte dir so passen. solange du scheiß baust, mach ich keine rendezvous mit dir. ich bin ja nicht lebensmüde."
"danke dafür", sage ich, "danke, dass du so vernünftig bist und so ein arschloch."
"hör auf mich zu provozieren."
"gar nicht."
"tust du doch. du brauchst echt mal eine geschallert. und jetzt geh schlafen oder wachbleiben oder masturbieren oder was auch immer."
"tschüß du lieber, lieber arsch", beende ich das gespräch.
"machs gut, my suicide-girl."

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Montag, 6. August 2012
k.ürzeste nacht des jahres
im club k. aufgegabelt, der betreten in einer ecke steht, sich dann aber sichtlich freut, dass ich doch da bin.
"komischer abend", findet er.
ich sehe mich um und weiß sofort, was er meint: seine ex ist mit ihrem neuen stecher da und knutscht vor k.s augen rum. nicht die feine englische, aber so what. wurde sowieso zeit, dass dieses merkwürdige verhältnis der beiden ein ende fand. es war ein mieses spiel, dass die k.-ex betrieben hatte: sie ließ k. nicht vom haken, bewegte sich in der öffentlichkeit stets auf tuchfühlung und markierte so ein revier, das sie gar nicht mehr besetzte - um ihn dann am ende des abends stehen zu lassen und mit dem objekt oder einem der fünf anderen lover vögeln zu gehen.

trotzdem wirkt k. irgendwie befreit - und auch ich fühle mich entspannter als sonst. als wir zusammensitzen, berühren sich unsere hände. anstatt sie wegzuziehen, umschließen k.s finger irgendwann meine hand. ich fange seinen blick und sein lächeln auf und fühle schon wieder zarte nachtfalter in der magengrube, die richtung herz-licht flattern.

als der abend zu ende ist, gesellen sich unsere bekannte h. und der architekt zu uns. h. und der architekt tauschen blicke und ich spüre, da geht was. h. ist verlegen, weiß sie doch, dass ich den architekten auch gern habe. aber ich freue mich für h. und den architekten. als der club seine pforten schließt, beschließen wir in ausgelassener laune, zum hafen runterzufahren und uns ans wasser zu setzen.

der architekt verfrachtet uns schon reichlich angeschickert in sein auto und dann geht es los. eine viertelstunde später stehen wir an der elbe, blinzeln in die sonne und grinsen wie bekloppt. es ist ein schöner moment. es ist ein schöner moment mit genau den richtigen leuten.
"das nächste mal muss mr. shyguy auch mit", findet k.
ich nicke. heute wäre mr. shyguy allerdings zum fünften rad am wagen mutiert. wir vier hier, das ist perfekt.
"kannst du ein foto machen", bettelt h., die dasselbe empfindet wie ich.
ich habe eine bessere idee und halte den augenblick mit einem handyvideo fest.

der architekt zieht los und besorgt bier und zigaretten. wir sitzen am hafenrand und lassen die beine baumeln. vor uns landen möven im wasser und balgen sich um ein brötchen.
"scheißviecher", sagt k., der generell keine tiere mag.
"als kind hatte ich angst vor möven", fällt mir ein. "weil die so groß sind. nachts hab ich oft geträumt, dass sie sich in eine art geier verwandeln und mich zerfleischen."
"du bist auch nicht ganz dicht", lächelt k. und gibt mir einen kuss auf den hals.

der architekt kommt zurück und verteilt bier und zippen.
als er mir feuer gibt, gucke ich k. in die augen. er hält meinem blick stand.
"ist mir noch nie aufgefallen, dass du grüne augen hast", sage ich.
"ich dachte, die sind blau", entgegnet mir k.
"nee", widerspreche ich, "die sind grün. die haben eine blauen ring, aber in der mitte ist die iris grün."
"gott, ich habe türkise augen", seufzt k. mit gespieltem entsetzen. "das sieht doch bestimmt total schwul aus."
"hast du vorhin mitbekommen, wie mr. shyguy von einem schwulen typen angequatscht wurde?" fällt ihm h. ins wort.
"nee."
"er war total entsetzt und überlegt jetzt, ob er sich die haare anders frisieren soll."
"aber der iro sieht doch nicht weibisch aus."
"ja, weiß auch nicht..."
"vielleicht sollte er lieber nicht den tanzstil des objekts kopieren", kichere ich.
"diesen pseudo-elvis-hüftschwung?"
"elvis-hüftschwung... das ist doch kein elvis-hüftschwung, das ist eher ein hüftwackeln!"
"elvis mit hüftprothese!"
wir biegen uns vor lachen.

"wir könnten noch ein bisschen da runter gehen", zeigt der architekt irgendwann richtung westen.
"oh nee", sagt k., "nicht mehr laufen. ich bin langsam echt müde."
"wie spät?" frage ich.
"gleich halb acht."
"ich will auch lieber ins bett", jammere ich.
"dann geht ihr beide mal schön schlafen, jaja!" zwinkert h. wissend.

k. nimmt mich an der hand und zieht mich auf die straße. wir halten ein taxi an und fahren zu k.
"scheiße", sagt k., als der fahrer vor seiner haustür hält. "mein geld ist weg."
"wie, weg?"
"der geldbeutel... da waren 50 euro drin."
"scheiße", sage ich. "aber warte mal, ich hab noch nen zwanni, ich kann das bezahlen."
"das ist mir aber total unangenehm", erwidert k.
"keine sorge, du hast mir doch mal taxigeld geliehen und wolltest es dann nicht zurückgezahlt haben. also lade ich dich heute ein, und dann sind wir quitt."
k. lässt sich breitschlagen, der taxifahrer seufzt erleichtert, dass er auf seinen 10 euro fahrtkosten nicht sitzenbleibt, und ich freue mich, als ich mich endlich in k.s himmelbett sinken lassen kann.

als k. mich auszuziehen beginnt, setze ich mich wieder auf, nehme meinen mut zusammen und bitte ihn:
"können wir bitte einfach nur schlafen und ein bisschen kuscheln?"
k. stutzt kurz, grinst dann aber und sagt:
"ich habe mich sowieso gerade gefragt, ob ich nach so viel bier und tequila noch einen hochkriegen werde."
"na dann", atme ich auf.

als wir nebeneinander liegen und k. mich in den arm nimmt, sind wir noch eine weile wach.
"du machst mir angst", sagt k. dann plötzlich.
"warum?"
"deine krankheit. deine depressionen..."
ich muss lachen.
"ich bin immer noch dieselbe. es gibt jetzt nur einen namen für meine verfassung."
"das tut mir leid."
"was? dass ich depressionen habe?"
"dass du so ein trauriger mensch bist."
ich begreife, dass k. mehr meint und sieht als das akute stoffwechselchaos in meinem gehirn.
"tja, das musst du entschuldigen", sage ich.
"quatsch. das ist nichts zum entschuldigen. ich hätte mir nur für dich gewünscht, dass du ein bisschen mehr glück und spaß im leben hast."
"den seinen gibts der herr im schlaf. andere müssen sich hingegen den arsch aufreißen, um über die runden zu kommen."
"aber das ist unfair. ich meine, ich hab auch 35 jahre echt pech gehabt... mit meinen bescheuerten eltern, mit meiner scheidung... mit meinen jobs... aber die letzten jahren waren super. mir geht es gut. das würde ich dir auch wünschen."

da krieche ich ganz nah an k. heran und lasse mich von seinem festen griff umschließen, bis ich mich nicht mehr bewegen kann und ich mich geborgen fühle wie ein ungeborenes kind im engen, warmen mutterleib.
"und bitte weck mich, wenn ich schnarche", murmelt k. noch, dann beginnt er auch schon, leise zu schnorcheln und im halbschlaf zu zucken, und ich entspanne meine glieder und überlasse meinen erschöpften körper einem äschernen schlaf.

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Sonntag, 29. Juli 2012
gek.üsst
und während wir so sitzen, knie an knie, schulter an schulter, und während sich unsere körper immer stärker zueinander neigen, bis mein haar seinen hals berührt und sich ein kleines, liebenswertes lächeln auf seine lippen stielt, da merke ich, dass auch k. noch nicht geschichte ist.

später vor seiner haustür schmiegen wir uns aneinander wie junge katzen und dann küsst mich k.

erst ganz sachte, hin, weg, dann intensiver, ich bin hin und weg, und aus seiner armeejacke steigt der duft, den ich aus k.s wohnung kenne, sauber, unendlich sauber und nur ganz leicht nach einem eau de toilette.

dieses lächeln-müssen. das ist kein lächeln, das bei uns ist ein lächeln-müssen. der nackte wahnsinn. die mundwinkel zucken im puls der verlegenheit, während die freude in kleinen wellen durch unsere körper flutet. das ist kein halten, keine konstanz, kein fester boden. der wunsch zu versinken hat etwas unwilliges, paddelt sich immer wieder zurück an die oberfläche der unverbindlichkeit, will sich nicht festlegen.

ich habe als erste von uns beiden den gedanken, dass ich bei k. bleiben könnte. k. würde mich fest umschlingen und so mit mir einschlafen. normalerweise kann ich in den armen eines mannes nicht schlafen, nicht mal wenn das objekt mein bettgenosse ist. bei k. ist es eine absolute ausnahme. k. bewegt sich kaum und lässt nicht los. das fühlt sich beruhigend an. einzigartig beruhigend. es zieht eine grenze zwischen mir und der welt, in der ich nicht sein möchte.

k. ist dennoch schneller und spricht den gedanken aus.
"willst du wirklich noch nach hause?"
"ja", sage ich, weil ich muss, weil ich keinen sex haben kann und weil ich allein sein muss, ohne grund, aber sehr dringend, auch wenn ich zu gerne bei k. bleiben würde, mit dem teil in mir, der wünscht und sehnt und wünscht und sehnt und damit irgendwie nicht aufhören kann.
k. bohrt nicht nach.
"schade."

als ich auf mein fahrrad steige und losfahre, bin ich merkwürdig satt und hungrig zugleich. der morgen ist schön wie immer, aber die lichter zerfließen weicher als sonst auf meiner netzhaut, die haut kribbelt im fahrtwind und an der ecke duftet es unbeschreiblich zart nach zimt und hefe.

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Donnerstag, 26. Juli 2012
nächtlicher besuch
(nein, nein, nicht was sie schon wieder denken. das objekt ist derzeit beruflich unterwegs, und auch die meisten anderen lover habe ich mit meiner psychomacke längst erfolgreich vergrault.)

das erste mal, dass ich besuch bekam, war in der nacht von dienstag auf mittwoch. ich wurde gegen halb drei uhr wach, weil etwas laut rumpelte. einbrecher, dachte ich sofort und sprang aus dem bett. ich ging vom schlafzimmer in die küche und lauschte. eine zeitlang hörte ich nichts mehr, dann klirrte es wieder, als wenn fliesen zu bruch gingen. der lärm kam nicht aus meiner wohnung, sondern aus dem bereich direkt unter dem dach des hauses.

ich war alarmiert. ich ging wieder ins schlafzimmer. dort hörte ich schritte und eine art scharren über mir. das gebälk knarrte. ich bekam gänsehaut. das war gruselig. überhaupt, wie kam ein mensch da hinauf? es gab keine dachluke, über die man vom treppenhaus bis unter den first des hauses gelangen konnte.

der wäscheboden fiel mir ein. der wäscheboden, der sich direkt neben meiner wohnung befand, hatte einen spalt in der decke. wenn man sehr dünn war, konnte man sich da bestimmt hindurch zwängen. die frage war nur, was jemand dort wollte. vielleicht sich verstecken, um das haus auszuspionieren? schließlich war urlaubszeit und mindestens zwei nachbarn nicht da. vielleicht wollte der einbrecher checken, wann die anderen bewohner schlafen gingen und wann demnach ein guter zeitpunkt für einen einbruch war. indem er schon mal im haus lauerte, konnte er dann ohne durch die tür zu müssen und damit die gefahr, beobachtet zu werden, einzugehen, im treppenhaus sein unwesen treiben.

ich schloss alle fenster und checkte, ob ich die tür verriegelt hatte. dann legte ich sicherheitshalber die kette vor. ich horchte noch eine weile an der tür, ob jemand durch den spalt im wäscheboden krabbelte und ins treppenhaus kam. doch der lärm war vorbei. also ging ich wieder zu bett und versuchte zu schlafen. vielleicht ging die miss marple mit mir durch und ich machte mir zu viele gedanken. eventuell war es einfach nur der wind gewesen.

die lösung des rätsels kam in der vergangenen nacht. ich war länger wach und stand spät noch am küchenfenster. auf einmal bewegte sich die tanne neben meinem fenster. ein eichhörnchen, dachte ich, obwohl, nein, ein eichhörnchen war leichter und versetzte die äste nicht derart in schwingung. ein katze vielleicht? aber klettern katzen eine schätzungsweise 20 meter große tanne hoch?

plötzlich plumpste ein dunkles etwas geräuschvoll auf die dachpappe, die zwischen regenrinne und ziegeln eine art kleinen vorsprung bildet. ich streckte mich neugierig aus dem fenster. da wuselte etwas flink an mir vorbei. es hatte die form einer ratte, war aber sehr viel größer, mindestens so lang wie eine katze.

das tier war die dachpappe bis zum ende des hausdaches entlang gerast und kletterte über die ziegel weiter empor, bis ich es nicht mehr sah. aber ich konnte es hören. es machte schnorchelnde schnüffelgeräusche, ähnlich wie ein igel. sehr laut.

plötzlich klirrte es wieder. das sind keine fliesen, sagte ich mir, das sind ziegel, die da klappern. ich ging ins schlafzimmer und lauschte. es dauerte nicht lang, dann konnte ich wieder schritte und scharren über mir hören.

okay, kein einbrecher. das fand ich schon mal super. was mir dennoch sorge bereitete, war die tatsache, dass das tier offenbar ein flinker kletterer war. wenn es über eine tanne auf ein hausdach krabbeln und dreißig zentimeter unter meinem fenster vorbeilaufen konnte, war es ihm sicherlich auch möglich, durch das offene fenster in meine wohnung zu gelangen. es war sogar recht wahrscheinlich, dass es dies irgendwann tun würde, wenn es lebensmittel in meiner küche erschnupperte.

meine gedanken überschlugen sich. okay, mit offenem fenster schlafen war ab sofort unmöglich. ich wollte auf keinen fall ein unbekanntes wildes tier in meiner wohnung, das mit hoher wahrscheinlichkeit dinge anfraß, parasiten verteilte und auf meinen teppich kackte. allerdings war es verdammt heiß. sollte ich die fenster kippen? oder würde das tier auch durch ein kippfenster hereinfinden? was, wenn es wegen meiner anwesenheit in panik geriet und mich biss? konnte es tollwut übertragen? wann war meine meine letzte tetanusimpfung?
ich beschloss auf nummer sicher zu gehen und schlief komplett verbarrikadiert.

heute morgen rief ich bei der hausverwaltung an.
"guten tag, wir haben hier ein tierisches problem", meldete ich meinen nächtlichen besucher.
"lassen sie mich raten", sagte der mann am anderen ende der leitung, "der marder ist wieder da."
"äh, kann sein. jedenfalls wohnt da ein ungefähr katzengroßes, rattenartiges tier im gebälk über meine dachgeschosswohnung. es macht lärm und komische schnüffelgeräusche. für einen waschbär ist es zu wenig pelzig, also könnte das mit dem marder hinkommen."
"das sind in der regel steinmarder", sagte der mann. "wir müssen unserer expertin bescheid geben, die fängt ihn dann ein und wildert ihn wieder aus."
"na gottseidank haben sie jetzt nicht gesagt, dass sie vergiften werden", meinte ich, "sonst wäre es mir lieber, dass er bleibt."
"nein nein", sagte der mann. "die tiere haben es schon schwer genug. es gibt in der großstadt ja kaum ställe und schuppen oder sowas, wo sie sonst zuflucht fänden."
"das finde ich gut, dass sie da drauf achten", erwiderte ich.

ich bin jedenfalls gespannt. ob mein steinmarder auch in dieser nacht wiederkommt. trotzdem bin ich froh, wenn ich bald wieder bei offenem fenster schlafen kann.

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Mittwoch, 25. Juli 2012
a guy called lady
"du kannst gerne reinkommen, ich hab aber besuch", sagt das objekt, als ich unter der tür stehe und die objekt-jacke vorbeibringe, die mir das objekt geliehen hatte, als wir in der aufnahme der psychiatrie saßen und ich ein panisch zitterndes häufchen elend war.
"ich will nicht stören", sage ich und halte dem objekt die frisch gewaschene jacke hin, die es unbedingt braucht, weil es morgen mit seinen patienten in eine art ferienlager fährt.
"du störst nicht. trink einen whiskey mit uns, dann kannst du ja wieder abhauen."

im zimmerchen des objekts sitzt ein typ, den ich vom sehen kenne. er ist schätzungsweise mitte 30, trägt glatze und gerne lack und leder. vom dritten weiß ich, dass er verheiratet ist, ein kind hat und als lehrer arbeitet.

das objekt beugt sich zu dem typ hinunter und küsst ihn leidenschaftlich. dann legt er ihm den arm um die schultern und sagt zu mir: "das ist lady."
lady greift beherzt nach meiner hand und zerquetscht sie.

ich sage nichts, bin ein bisschen perplex, denn dass das objekt etwas von lady will, habe ich nicht geahnt. schließlich steht das objekt laut eigener aussage auf "echte kerle", also keine schwuletten, und lady ist nunmal der inbegriff von tuffigkeit, sorry - ehe und kindern zum trotz.
"ich kenn dich, ich hab dich schon öfter gesehen", sagt lady ganz freundlich zu mir und hat dabei seine hand am objektarsch.
"ähm, ja", sage ich und will nicht unhöflich sein, bin aber immer noch überrascht und ein bisschen sprachlos.
"das ist die morphine", sagt das objekt an meiner stelle, küsst meine wange und herzt mich. "sozusagen mein weibliches spiegelbild."
"klingt nach dem steppenwolf", lacht lady. "du solltest nicht so viel hesse lesen."

das objekt füllt drei gläser mit whiskey und lässt eiswürfel in die bernsteinfarbene flüssigkeit fallen. lady taxiert mich. ich schaue betreten aus dem fenster.

ich muss daran denken, wie das objekt von dem typen erzählte, in dessen arsch er seinen finger hatte, während der typ eine frau vögelte.
"als der typ kam, konnte ich spüren, wie sich seine prostata im takt des orgasmus zusammenzog", hatte das objekt nicht ohne faszination berichtet. ich frage mich, ob lady vielleicht der typ war und die frau ladys frau, aber das objekt nennt ungern die namen seiner liebschaften und flüchtigen begegnungen, und manchmal bezweifle ich, dass es überhaupt danach fragt. wichtiger als namen sind ihm chemie, haut, körpersäfte und die energie, die jemand zu geben bereit ist.

wir stoßen an.
"bah", sage ich, "das ist aber höchstens ne aldi-eigenmarke!"
"ich finde, der geht", erwidert das objekt und schaut in sein glas.
lady sagt gar nichts, guckt nur wissend zwischen mir und dem objekt hin und her und lächelt. dann steht er auf und küsst das objekt tief, und es liegt so viel sex in diesem kuss, dass mir ganz schwindelig vom zugucken wird. wieder stelle ich fest, dass ich küssende männer hocherotisch finden kann, und es tut mir ein bisschen leid, dass es lady und nicht der dritte ist, denn den dritten hätte ich jetzt auch niedergeknutscht, auf der stelle, während ich merke, dass lady ganz objektfixiert ist und mich allenfalls als nette zuschauerin duldet.

ich sehe, wie ladys hand nun schon in die hose des objekts wandert und räuspere mich.
"ich geh dann mal", sage ich schnell, und das objekt bringt mich nach draußen über den hässlich blauen flur bis zum aufzug.
"dann habt mal noch viel spaß", sage ich augenzwinkernd.
das objekt lächelt, hält aber dann inne und fragt:
"sag mal... glaubst du, der ist verliebt in mich?"
"keine ahnung. aber er küsst ja recht leidenschaftlich."
das objekt fühlt sich sichtlich unwohl.
"seine ehe ist kürzlich in die brüche gegangen."
"ups", sage ich.
"seine frau hat ihn betrogen", sagt das objekt sehr ernst.
"also soweit ich beurteilen kann, hat er seine frau aber schon seit ewigkeiten mit männern betrogen", wage ich einzuwenden.
"das ist doch was anderes", findet das objekt.
"so ein blödsinn", halte ich dagegen. "das heißt, es kommt natürlich drauf an, wie seine frau das so sieht. ich denke aber, für die meisten frauen sind männliche geliebte genauso schlimm wie weibliche geliebte oder sogar noch schrecklicher, weil sie einem mann ja nichts entgegenhalten können."
das objekt betrachtet mich erstaunt:
"findet du?"
"ja klar. uns wächst nicht mal eben so ein schwanz."
"du meinst, frauen können auch penisneid entwickeln?"
"sicher, warum denn nicht?"
das objekt schüttelt den kopf:
"aber würdest du denn penisneid entwickeln?"
ich lache:
"nein, aber ich kann nicht zugucken, ohne dass mich das anmacht. also nicht bei zwei schönen männern, von denen ich mindestens einen selbst begehre."

das objekt macht ein nachdenkliches gesicht, aber ich unterbreche es sofort:
"nein! nein, wirklich nicht. du fragst lady nicht."
das objekt grinst breit.
"nein, wirklich nicht, das wäre mir echt unangenehm", versichere ich.
"na gut", sagt das objekt und steckt mir ein bisschen die zunge in den hals. es schmeckt nach lady und vorfreude auf mehr.
"aber du könntest es mir sagen, ja?"
ich winke ab.
"tschüß. und fick schön."
das objekt küsst mich noch einmal und schubst mich dann in den aufzug.

als ich endlich draußen vor dem gebäude stehe, muss ich erst einmal ein bisschen hyperventilieren.

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Sonntag, 22. Juli 2012
würdest du dich für mich prügeln?
party, nach sehr sehr langer zeit mal wieder, im liebeswertesten kreis: das objekt, mr. shyguy, eine bekannte und ich.

als ich ankomme, rennt mir das objekt entgegen und knutscht mich vor versammelter mannschaft nieder:
"my suicide girl! wie geht es dir?"
auch die anderen erkundigen sich brav nach der werten befindlichkeit. von so viel aufmerksamkeit geht es mir gleich besser. ich kann sogar tanzen und mich ein bisschen freuen.

dann sitze ich mit der bekannten rum und rauche. die bekannte hat seit monaten schlimme schlafstörungen. ich gebe ich ihr ein paar medikamente ab und sie freut sich.
"guck mal, da drüben, kennst du den typ", fragt sie dann.
"ja, der ist voll eklig, der hat mich schon zweimal angequatscht und kapiert nicht, dass ich ihn hässlich finde."
"ja, der ist echt hartnäckig und unangenehm. und immer total betrunken."
"bäh. komm, lass uns wieder raus zu den anderen gehen."

wir stehen neben der tanzfläche. mr. shyguy, objekt und die bekannte rocken ab, ich setze mich irgendwann an den rand und gucke.
und plötzlich ist da der ekeltyp, über den wir uns vorhin unterhalten hatten. er glubscht und grinst fies. ich versuche, mich irgendwie unsichtbar zu machen, doch dann kommt er angewackelt und sagt irgendwas, was ich nicht verstehe, weil die musik zu laut ist. ich antworte nicht und gucke weg. und schwupps, habe ich seine hände an meinen brüsten.

ich bin so perplex, dass ich nicht sofort zuschlage, sondern mit offenem mund dem fix davonwuselnden arschloch nachstarre.
die bekannte kommt und fragt: "was ist denn los, was schaust du so?"
ich: "der hat mir gerade an die titten gefasst."
"nein, ist nicht wahr, oder?!"
"doch."
"mir hat der auch mal die hand auf den schenkel gelegt. aber an die brust fassen, das ist ja wirklich die härte."
"ich hätte ihm gleich eine reinhauen sollen."
"ja, hättest du."
"aber ich war so... sprachlos."
"sollen wir es dem türsteher sagen?"
"nee", schüttle ich den kopf, "ich hab ne bessere idee."
"was denn?"
ich grinse: "pass mal auf."

ich schnappe mir das objekt, entführe es in den raucherraum, schenke ihm eine zigarette und frage dann frank und frei: "sag mal, würdest du jemandem für mich eine reinhauen?"
das objekt schaut mich an und fängt dann an zu lachen.
"das ist nicht dein ernst."
"mein voller."
ich gucke streng und beim objekt fällt der groschen, dass ich nicht ohne grund frage.
"ja klar würde ich das machen, nur wem soll ich eine reinhauen und warum?"

ich wusste es. auf das objekt war verlass.
"hast du vorhin den typen gesehen? nicht besonders groß, ziemlich fett und hässlich, mit so ner komischen brille?" hake ich nach.
das objekt überlegt kurz:
"ich glaub, ich weiß, wen du meinst."
"fabelhaft. der hat mir an die titten gefasst."
das objekt macht augen so groß wie untertassen und fragt dann ganz langsam:
"der hat bitte WAS?!"
"der hat mir an die titten gefasst."
das objekt schluckt und meint dann:
"okay, das können wir so nicht auf sich beruhen lassen."

da betritt der ekeltyp zufällig den raum.
"der da?" fragt das objekt und macht eine kopfbewegung in seine richtung.
ich nicke.
schwupps, ist das objekt aufgesprungen und geht in großen schritten auf den grabscher zu. der weicht sofort zurück, wohl ahnend, was ihm gleich blüht, doch das objekt hat ihn schon am hemdkragen gepackt und schleift ihn in den raum nebenan, wo keine leute mehr sind. durch die glasfront kann ich sehen, wie das objekt mit dem verhör beginnt.

während ich darauf warte, dass die auseinandersetzung eskaliert, kommt die bekannte wieder und setzt sich zu mir.
"der ekeltyp kriegt gerade richtig ärger", sagt sie und deutet nach drüben.
"ja, den ärger hab ich ihm auf den hals gehetzt."
"nicht wahr, oder?" die bekannte kichert.
"ich freu mich schon, wenn der da mit veilchen wieder rauskommt."

wir spähen angestrengt nach nebenan, sehen aber nicht viel. das objekt redet sich in rage, gestikuliert wild und schubst den typ ein bisschen, der sich aber nicht großartig wehrt.
"ich hoffe, es passiert ihm nichts", sage ich und meine das objekt.
"glaub ich nicht, der ist doch mindestens einen kopf größer als der ekeltyp... und muckis hat der, der klatscht den doch an die wand."

inzwischen steht der ekeltyp tatsächlich mit dem rücken zur wand. das objekt hat sich bedrohlich vor ihm aufgebaut und den arm zwei zentimeter neben dem ohr des typen an die kacheln gestützt. die stirn des objekts kommt dem gesicht des ekeltypen immer näher.
"oh gott, er bricht ihm aber nicht die nase, oder?" fragt die bekannte.
"von mir aus darf er."

dann stürmt das objekt aus dem raum und kommt zu uns herüber. es ist vor wut ganz rot im gesicht.
"so ein arschloch! so ein widerliches arschloch!"
"was ist denn los?" frage ich.
"er leugnet und versucht sich rauszureden, er könne sich nicht mehr erinnern, weil er zu betrunken sei."
"und jetzt?"
"er hat jetzt fünf minuten zeit, sich zu erinnern und sich bei dir zu entschuldigen, sonst brech ich ihm den kiefer, hab ich gesagt."
das objekt lässt sich neben mich fallen und bittet um eine weitere zigarette.
"du bist ja richtig aufgebracht", stelle ich fest.
"das ist widerlich. genauso ein feiges und versoffenes arschloch wie mein vater. ich will, dass der sich jetzt bei dir entschuldigt. ich geh da sonst echt noch mal rein."

doch das ist nicht nötig. denn vor ablauf der fünf minuten geht die tür auf und der ekeltyp steht vor mir und stottert eine entschuldigung, macht eine kurze versöhnliche geste und verkrümelt sich dann sehr rasch.
das objekt beobachtet die szene kritisch und fragt mich dann:
"willst du das gelten lassen?"
ich überlege nicht lang:
"doch. will ich. deeskalation, sagst du doch sonst auch immer."
das objekt muss lächeln.
"die madame hat sich was gemerkt. schön." und es küsst meine stirn.

dann erhebt es sich.
"ich muss los, ich muss in einer dreiviertelstunde auf arbeit sein."
"machst du mal wieder durch?"
"ja."
"na gottseidank hast du ihm jetzt nicht den kiefer gebrochen, sonst müsstest du noch mal nach hause und dich umziehen und kämst zu spät zur schicht."
das objekt kichert kurz, wird dann aber wieder ernst:
"und wenn das in so ein stalking übergehen sollte... sagst du mir bescheid, ja?"
"glaub ich nicht."
"trotzdem."
"aye-aye."
ich bekomme noch eine bärenumarmung, dann verschwindet das objekt in den morgen.

ich tanze noch ein letztes lied, nehme meine freunde in die arme und mache mich dann ebenfalls auf den heimweg. die sonne scheint mir entgegen, die vögel zwitschern. für den moment ist alles gut. das objekt hat mich beschützt.

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