Sonntag, 23. Dezember 2012
love, love, love
mit diesem beatles-hit im kopf aufgewacht. draußen schnee. schon wieder. ohgottohgott, denk ich mir und verbessere mich dann sogleich in gedanken: ohpetrusohpetrus.

dann fällt mir ein, dass das objekt ja später vorbeikommen wollte. schlagartig bessert sich die laune und ich beschließe, mal was schönes zu machen. schwimmen gehen.

um 14 uhr, einer zeit, um die ich mich sonst oftmals erst aus dem bett schäle, radle ich im eisregen in die schwimmhalle. zwischendurch wird es mir ein bisschen zu viel eisregen, die bremsen setzen aus, also nehme ich den bus.

im schwimmbad dann das große glück, dass bis auf ein paar dicke türkische männer und ein paar tätowierte russen niemand anwesend ist. ich ziehe eine weile meine bahnen, dann gibt es dampfbad und whirlpool. dort sitzt ein blonder junger mann, der mir bekannt vorkommt. er guckt, ich gucke, ich schwimme ans andere ende des beckens, er folgt mir.

"sorry, dass ich so starre", wage ich dann den ersten schritt. "aber ich kenn dich doch."
"wir haben uns anfang des jahres kennen gelernt, hier, im whirlpool."
"stimmt!" fällt es mir wie schuppen von den augen.
der junge typ lächelt.
"ich weiß aber nicht mehr, wie du heißt", sagt er dann.
"ich doch auch nicht", erwidere ich lachend.
wir gucken uns an und grinsen wie die osterhasen, dann nimmt der typ meine hand und zieht mich nach draußen.
"lust auf eine runde aufwärmen?"

wir gehen noch mal ins dampfbad, und da sind wir alleine. der typ küsst mich wie aus dem nichts. dann kommen drei alte tanten rein und starren uns an. also flüchten wir wieder in den whirlpool, den wir ganz für uns alleine haben. der typ rutscht nah an mich heran, und mein hirn beginnt zu rattern: gut? schlecht? wohin führt das und will ich das?

die küsse leisten überzeugungsarbeit, also vögeln wir in der umkleidekabine. der typ ist ziemlich laut und ich rechne jeden moment damit, dass jemand klopft und uns auffordert, subito das schwimmbad zu verlassen und nie wieder zu kommen. doch als wir fertig sind und vorsichtig aus der tür linsen, stehen da nur die drei dicken türken und grinsen sehr breit.

der typ will mich wiedersehen, oder vermutlich eher wieder ficken. also verabreden wir uns für nächste woche, same time, same place.

inzwischen ist es halb sieben uhr abends. meine hände sind vor lauter schwimmbad schon ganz schrumpelig und ich mache mich auf den nachhauseweg. im bus funke ich das objekt an und will wissen, wann es kommt. es ruft zurück und klingt komisch.
"was ist denn los mit dir?"
"ich hab geheult", sagt das objekt frank und frei.
"aber warum denn?"
"erzähl ich dir später. ich habe gerade den kleinen zu mama gebracht, ich komme gleich direkt zu dir."
"alles klar. dann so bis in einer stunde?"
"ja gut, ich freu mich."
"ich mich auch. und kopf hoch, wir reden gleich mal, ja?"

als das objekt dann bei mir im wohnzimmer sitzt, hat es rotgeweinte augen und sieht fix und alle aus. es ist mit dem rad von altona durch den eisregen gefahren und bibbert. ich packe es in eine decke und mache eine suppe.
dann setze ich mich dazu und wärme die kalten objektfüße.
"was ist los? warum hast du geweint?" hake ich nach.
ich erfahre, dass das objekt seit einer woche schuldenfrei ist. in der erwartung des 13. gehalts hat es anfang des monats den rest seiner schulden getilgt. doch dann hatte das schicksal wieder mal erbarmungslos zugeschlagen und das weihnachtsgeld war in diesem jahr bis auf einen winzigen bruchteil gestrichen worden.
"am montag hatte ich noch 16 euro auf dem konto, und ich hab ja keinen dispo mehr."

um dem kleinen was zu essen bieten zu können, hat das objekt geklaut. eine ganze woche lang.
"ich hab mich so scheiße gefühlt, aber weißt du, der kleine war immer so, oh papi, es ist doch weihnachten, kann ich das und das und oh guck mal, können wir nicht das kaufen? ich habs einfach nicht übers herz gebracht, ihm das zu verwehren."
"bist du erwischt worden."
"neeeeeeeeeein. aber trotzdem, weißt du, ich verlasse mich auf etwas, es trifft nicht ein, und dann all diese erwartungen. ich habe wieder nicht geschlafen. ich liege seit einer woche bis vier oder fünf wach und stehe ein, zwei stunden später wieder auf. arbeiten, und dann natürlich der kleine, und ständig diese ganze misere... ohne aussicht, dass es mal besser wird. ich kann einfach nicht mehr."
bei diesem worten hat das objekt schon wieder tränen in den augen.

"aber jetzt bist du erstmal hier", sage ich dann.
"ja. gottseidank."
"du bist hier immer willkommen und zuhause. ich will, dass du das weißt. auch, wenn du manchmal ein arschloch bist und ich dich hasse."
das objekt lächelt.
"ich hatte in dieser woche einen schönen tag. einen wirklich schönen tag. und das war dieser abend mit dir."
und ich spüre ein kribbeln wie schmelzwasser knapp unter dem herzen, kann nichts sagen, nur das lächeln halten und halten und halten, weil ich nicht sagen will, dito, bis das objekt irgendwann verlegen zur seite sieht.

dann essen wir und hören musik, gucken ein halbes interview und machen dies und das, bis das objekthandy klingelt und die objektgespielin dran ist.
"ich bin verabredet", sagt das objekt danach ganz offen.
"dann geh. jetzt."
das objekt starrt mich an.
"ich überlege derzeit, ob ich diese liaison nicht lösen sollte."
mein herzschlag setzt aus.
"was meinst du?"
"du fragst die falsche, ich bin absolut nicht unparteiisch", sage ich ebenso offen.
"ich will trotzdem wissen, was du denkst", bittet mich das objekt.
"ich denke, dass du so voll bist mit verpflichtungen, dass du inzwischen gar nicht mehr weißt, was du willst. und dieses wissen um den willen spielt durchaus eine rolle, man sollte immer in etwa wissen, was man will und in welche richtung es gehen soll, zumindest grob, und nur wenn der andere diese richtung mitgehen will, also nicht zu 100 prozent, aber zu sagen wir mal wenigstens 60 prozent, habt ihr eine chance."
"du siehst das genau richtig, ich weiß nicht, was ich will. ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. ich brauche echt hilfe."
"dann hol dir hilfe."
"das will ich auch. ich denke, ich brauche auch eine therapie."
"nutzt nüscht viel. die erzählen dir bloß, was du schon weißt, und das bringt dich nicht weiter. deine idee mit der umschulung fand ich besser."
"meinst du?"
"ehrlich gesagt: therapeuten bringen dir nur bei, wie du es irgendwie gerade noch mal eben so mit dem status quo aushälst. der punkt ist aber doch, den status quo zu verändern."
"ja!"
"also lass uns das machen. wir hatten doch einen plan für januar."

das objekt löffelt still seine suppe und sagt dann:
"danke."
"dafür nicht. du hast mir 100 mal den verstand gerettet und vielleicht auch das leben. und dafür hab ich dich so lieb wie noch nie einen menschen."
wir nehmen uns sehr fest in die arme und das objekt drückt mich, bis mir die luft wegbleibt.

"hast du an heilig abend schon was vor", fragt das objekt, als es sich die frischen tränen aus den augen geblinzelt hat.
"nein. außer dumm gucken und überlegen, wie ich die zeit rumbringe."
"ich hab bis 13 uhr schicht und danach zeit..."
"das heißt, du würdest gern vorbeikommen?"
das objekt lächelt.
"wir könnten was kochen", sagt es.
"okay", erwidere ich.
"ich könnte ganz viel zeit mitbringen. wir könnten filme gucken. oder raus gehen."
mir wird warm ums herz.
"das wäre ja mal famos."

wir laufen zusammen zur u-bahn, weil wir keine kippen mehr haben, dann schwingt sich das objekt in den sattel, weil sich die gespielin zwischenzeitlich schon verwundert hat, wo es denn bleibt.
ich sehe der sich entfernenden rückansicht des objekts hinterher und kann nicht fassen, dass mein weihnachten vielleicht doch noch stattfinden soll.

... link


Dienstag, 18. Dezember 2012
prä-weihnachten
mein weihnachten soll ausfallen, habe ich beschlossen. heilig abend werde ich allein bleiben, tief durchatmen und dabei einen rauchen. mein weihnachten soll so werden, wie ich mich fühle: leer und ohne stern am himmel. hier im blog gibt ohnehin schon zu viele davon.

ein wenig prä-weihnachten hatte ich dann gestern doch. das objekt schneite vorbei, weil es mein internet brauchte. da der objektsohnemann immer noch nicht wirklich lesen kann, das objekt jedoch der meinung ist, dass er nächstes jahr aufs gymnasium gehen soll, versuchen wir es eben mal mit hörbüchern. ziel des abends sollte sein, das angebot zu recherchieren und zugleich meine fähigkeiten als internetkriminelle zu nutzen, weil hörbücher teuer sind und das objekt schon viel geld für einen ordentlichen mp3-player ausgegeben hat.

das objekt kommt nach der spätschicht, als ich gerade einkaufen bin. es steht schon vor der tür und hibbelt hin und her, weil es dringend aufs klo muss.
"wo warst du denn?"
"bei re*we".
"und was hast du gekauft?"
ich halte ihm eine pizza vor die nase.
"deine lieblingspizza."
"och..." das objekt ist gerührt und drückt mich.
"ich wollte ja eigentlich kochen", merke ich an.
"oooohhh! und warum hast du das nicht gemacht, das hätte ich ja mal spannend gefunden!"
"ich wollte deiner gesundheit nicht schaden. ich hatte schon mal einen mann, der hat von meinem essen magen-darm bekommen."
das objekt kichert.
"ist das essen zu scharf, bist du zu schwach. komm, lass uns reingehen."

während das objekt pullern geht und sich dabei durch die tür mit mir unterhält, schmeiße ich den ofen an, öffne ein bier und suche meine bösen kräuter für später.
dann lümmelt sich das objekt in meinen sessel, raucht eine kippe und zieht mich zu sich heran.
"was für ein feierabend!"
ich bekommen zwei nasse küsse, die nach tabak schmecken, dann wandern die objekthände tittenwärts.
"sind die eigentlich echt?"
"bitte?!"
ich winde mich aus dem objektgriff, gehe ins schlafzimmer und komme mit einer silikontitte wieder, die ich mal auf arbeit geklaut habe, weil die dinger super als punchingbälle sind.
"da!"
ich werfe dem objekt die titte zu.
"jetzt fühl mal den unterschied!"

das objekt steckt sich kichernd wie ein schulmädchen die titte unter den pulli und beschwert sich dann:
"das ist aber nicht meine größe!"
"naja, bei deinem brustkorb brauchst du ein bisschen mehr, das ist schon klar. aber du sollst ja nur mal checken, was kunst und was natur ist."
das objekt legt eine hand auf seine neue titte und die andere auf meine brust.
"und?"
das objekt grinst:
"du hast auf jeden fall die besseren nippel."
ich grinse zurück:
"alles, was ich hören wollte."

dann gibt es pizza und mehrere joints, zwischendurch geht der rauchmelder an und ich muss ihn mit dem besen von den zimmerdecke schlagen. wir wechseln von der frustrierenden hörbuchsuche zu musik über und der objekt spielt mir seine ddr-best-of-hits vor.
schwuppsdiwupp ist es fünf uhr nachts.
"ich muss in zwei stunden aufstehen", sage ich.
"oh! das tut mir leid."
"ich geh mal ins bett."
das objekt betrachtet mich nachdenklich.
"wenn du dich jetzt hinlegst, stehst du nicht mehr auf."
"meinst du?"
"leg dich in einer stunde kurz hin, nur für den kreislauf und schlaf nicht ein."
"und du? bist du gar nicht müde?"
"nö, ich hab heute bis 12 uhr geschlafen, ich hatte ja spätschicht und morgen hab ich frei."
"schwein", sage ich und das objekt grinst.

"willst du vielleicht hier bleiben?" frage ich vorsichtig.
das objekt schweigt und überlegt.
dann gesteht es mir, dass die objektgespielin nachtschicht hatte und wahrscheinlich in kürze beim objekt zuhause auftauchen wird.
"die stellt bestimmt unangenehme fragen, wenn ich nicht da bin..."
"musst du wissen", sage ich etwas angefressen.
"anderseits würde ich gern noch ein bisschen bei dir bleiben. wenn ich das darf. ich fühle mich gerade wohl hier und es macht so viel spaß."
"du kannst hier bleiben, solange du willst, ich geb dir einen schlüssel, dann kannst du auch ausschlafen und gehen, wann du willst."
"ich mach nachher auch wieder alles ordentlich."
"machst du doch immer."
ich gebe dem objekt einen kuss, mache ihm ein schlaflager zurecht und überreiche ihm feierlich zahnbürste und handtuch.
"das ist ja wie im hotel", findet das objekt.
"betrachte es als dein zuhause", sage ich großmütig, und das objekt strahlt.

gegen halb sechs bin ich am wegdösen. das objekt hebt mich aus dem sessel und trägt mich ins bett wie ein kind, breitet die decke über mich und knipst das licht aus.
"nur schlummern, nicht einschlafen", schärft es mir ein.
"okay", sage ich noch, dann bin ich schon weg und im tiefschlaf.

eine stunde später weckt mich das objekt.
"scheiße, ich hab voll fest geschlafen... gott, ist mir schwindelig!"
"langsam", warnt das objekt, "warte mal auf den kreislauf."
es lässt mich eine weile auf der bettkante sitzen, holt mir ein großes glas wasser und einen energydrink und schiebt mich dann ins bad.
"du hast gar nicht geschlafen", bemerke ich.
"nee, ich fahr doch lieber zu mir."
"du stehst ganz schön unter dem pantoffel."
"das ist nicht wahr."
"doch ist das wahr."
das objekt guckt genervt und ich weiß, dass ich einen wunden punkt berührt habe. die objektgespielin ist ein heißes eisen zwischen uns geworden.

dann packt das objekt seine sachen, küsst mich ein letztes mal und schiebt sich aus der tür.
ich putze wie belämmert zähne und radle dann restbekifft in die arbeit.

kann man ja mal machen, würde ein anderer blogger dazu sagen.

... link


Sonntag, 9. Dezember 2012
[aufruf]
ich weiß, sie sind gerade alle sehr damit beschäftigt, weihnachtsplätzchen zu backen, besinnlich in den adventskranz zu glotzen, sich angestrengt zu überlegen, ob der weihnachtsbaum dieses jahr lieber nur 1,50m oder doch 1,70m hoch sein soll und ob sie ommas christbaumspitze aus dem keller hervorkramen sollen oder nicht.

trotzdem bitte ich darum, einen blick auf das untere ende diese seite zu werfen und eine petition zu unterzeichnen, die mir persönlich sehr am herzen liegt.

ich weiß, petitionen sind meist fürn arsch, aber der (teil)erfolg, den der druck der öffentlichkeit in sachen acta und kürzlich auch in sachen gema hatte, war nicht von schlechten eltern. also schauen wir einfach mal, denn was besseres als eine petition fällt mir gerade auch nicht ein.

... link


Samstag, 8. Dezember 2012
wichtigwichser vs. morphine
wenn man die komplette verantwortung für die mehrheit der kunden trägt, hat man zwar immer zu tun, aber es gibt einen vorteil, insbesondere, wenn die gf nicht die besten führungsqualitäten hat: man kann einfach machen. man kann vor allem auch mal fehler machen, ohne dass es auffliegt und man deshalb abgemahnt oder gefeuert wird. ich muss dazu sagen, ich habe sehr loyale untergebene. das findet man nicht alle tage, liegt aber auch sicherlich an meinem demokratischen teamleitungsstil. denunziationen gibt es bei uns daher nicht. nach oben sind wir wie pech und schwefel.

kürzlich beauftragte uns ein kunde, eine presseaussendung zu einem personalwechsel im vertrieb zu machen. dazu sollte ich mich direkt mit dem neuen typ in verbindung setzen.
gesagt, getan, ich rufe ihn an.

im ersten moment ist der typ nicht mal unnett. er hat eine angenehme stimme. allerdings kommt er sofort vom thema ab und beginnt, mir seine glorreiche autobiografie zu schildern. er war im vertrieb bei diversen kleinen und mittelständischen unternehmen tätig, die ich allesamt nicht kenne, obwohl ich mich auf branchentypischen messen rumtreibe. ich sage also in regelmäßigen abständen "aha" und "soso" und zwischendurch auch mal "das ist ja beeindruckend", während ich zwei e-mails tippe, den report der volontärin checke und eine liste schreibe, welche redaktionen und sender ich heute noch anrufen muss.

"was war das", fragt der azubi mit hochgezogenen augenbrauen, als ich den hörer aus der hand lege.
"ach, nur so ein wichtigwichser, arbeitet jetzt bei *** und meint, ohne ihn würde sich die welt aufhören zu drehen."
"was ist der denn?"
"vertriebsheini."
"was macht der dann da konkret?"
"naja, was vertriebler so machen: kunden bequatschen, schick essen gehen und nachher mit firmenkreditkarte in den puff und jammern, wie stressig und unterbezahlt das alles ist."
"wie viel verdient man denn da so?"
"kann ich nur schätzen. *** ist ja ein ziemlich großes, international agierendes unternehmen, also sechs bis acht mille, denk ich mal."
"boah! was muss man studieren, um das zu werden?"
"bwl oder so."
"wär das was für mich?"
ich betrachte den azubi liebevoll:
"wär schade um dich."
der azubi ist geschmeichelt:
"weil ich was anderes viel besser kann?"
ich grinse fies:
"nee, weil wir uns dann einen neuen suchen müssten, der für einen ungesetzlichen minilohn deinen job macht."

ich verfasse die meldung und schicke sie zur freigabe an den wichtigwichser.
die erste rückmeldung ist nicht ungewöhnlich, ein paar kleine anmerkungen, weil sich mr. wichtig stellenweise nicht genug beweihräuchert fühlt - und ein ergänzungswunsch, weil der wichtigwichser auch papa ist und unbedingt in der meldung stehen haben möchte, dass er eine zehnjährige tochter hat. potenznachweis.
ich mache die änderungen, schreibe dem kunden zurück und merke an, dass sich für seinen familienscheiß kein aas interessiert, weil er nicht für den bundestag kandidiert. natürlich politisch korrekt formuliert.

zwei stunden später erhalte ich einen empörten anruf. der wichtigwichser referiert ein zweites mal seine glorreiche laufbahn und weist mich darauf hin, dass er sehr viel erfahrung in pressearbeit habe und sehr viele unglaublich wichtige meinungsmacher persönlich kenne, weshalb er auf meine hinweise nicht angewiesen sei.

der azubi schaut wieder fragend, ich halte den finger auf den mund und stelle auf lautsprecher um. azubi, volontärin und die beiden praktikanten hören mit und kichern stumm.
ich hole mir das gespräch zurück, dann sage ich sehr freundlich, dass ich es total super finde, dass er so viele so wahnsinnig nützliche pressekontakte habe, er soll die gleich mal rüberschicken, denn selbstverständlich erhalten die dann die meldung exklusiv vorab.

der wichtigwichser ist für einen moment still, meint dann aber, er mache das. ich warte gespannt. es erreicht mich eine e-mail mit einer kontaktliste. an den e-mail-adressen sehe ich sofort, dass der wichtigwichser keinen einzigen persönlichen kontakt da hat. aber gut, es handelt sich um ein paar fachblätter, branchenspezifisch vielleicht nicht unbedeutend, warum sollte ich die nicht berücksichtigen. natürlich würde ich nichts vorab und exklusiv starten.

als ich die aussendung schon zur bearbeitung freigeben will, erhalte ich noch eine weitere e-mail von mr. wichtig. ob ich es denn gut fände, dass wir das datum so schreiben, man sollte das in einer RICHTIGEN pressemeldung doch so und so machen.

langsam beginne ich zu sieden. der typ fängt an, fehler zu suchen, die gar keine sind. typisch für menschen mit schweren minderwertigkeitskomplexen. ich denke an seine tochter, sie tut mir leid. bestimmt ist der wichtigwichser so ein sonntagnachmittagsvaddi, der seiner frau ständig in die erziehung reinquatscht und die kleine zu lauter scheiß zwingt, auf den sie gar keinen bock hat. sowas wie geige spielen oder im elite-turnverein rumeiern.

nachdem ich das datum geändert habe, fällt dem wichtigwichser dann noch ein, dass wir eine andere schrift nehmen sollten, nämlich seine hausschrift statt unserer, und als ich das geändert habe, möchte er eine andere schriftgröße und ein anderes foto. als ich das foto in unser formular eingefügt habe, beschwert er sich, dass ich das bild (ganzkörperfoto) zugeschnitten habe, weil es sonst nicht in den vorgesehenen rahmen passt. zuletzt echauffiert er sich noch einen doppelpunkt, statt dem er einen punkt wünscht.

ich schimpfe inzwischen zum amüsement meiner kollegen laut in bösester fäkalsprache vor mich hin, weil mich die aussendung den halben tag gekostet hat und sich die arbeit auf meinem tisch schon stapelt.

aber rache ist blutwurst. ich beauftrage die volontärin, sich einmal durch unseren presseverteiler und die kontaktliste von mr. wichtig zu arbeiten und sich die medien genau anzusehen. sie soll mir die auflagenzahlen recherchieren und sagen, welche medien personalmeldungen drucken und welche nicht, welche das groß mit bild machen und welche ohne.

dann sortiere ich die medien aus, die quasi jede meldung mit bild drucken, die wichtigen sowieso und lasse nur unbedeutende, auflagenschwache magazine sowie solche, die meldungen grundsätzlich ohne bild als notiz am rande drucken, im verteiler. das ist noch immer eine ganze menge, sodass ich keine angst haben muss, nicht ausreichend im sinne des kunden gehandelt zu haben.

eine woche später ernte ich die früchte der racheaktion: die meldung wurde mehrfach gedruckt, allerdings ohne bild und so unauffällig und in so unbedeutenden medien, dass sich mr. wichtig keinen drauf runterholen kann. der geschäftsführer des kundenunternehmens ist dennoch hochzufrieden, als ich ihm vermelde, dass wir fast 20 nennungen erzielt haben.

tja. kleine archlöcher bestrafe ich sofort. die großen müssen eine woche warten.

... link


Dienstag, 4. Dezember 2012
business as usual
montag, kurz vor 11 uhr, psychiatrie. mein ambulanter therapeut hat in meinen augen auf ganzer linie versagt, als er meinen zustand (dauerflennend) einfach auf angeblichen schlafmangel schob.
"aber ich hatte gottverdammte acht stunden schlaf!" heule ich.
"sie brauchen aber eher neun bis zehn" hält der therapeut dagegen.
"DAS NÜTZT MIR JETZT AUCH NICHTS", kreische ich zurück. "machen sie, dass das aufhört."
"dann gehen sie in die klinik. jetzt gleich."
na toll.

nach einer kleinen, selbstverabreichten extradosis notfallmittelchen, die mich artig in die psychiatrische notaufnahme spazieren lassen, stehe ich vor dem kleinen glaskabuff der anmeldung. dahinter sitzt eine blonde ältere frau, die mich schon kennt. sie lächelt freundlich und sagt dann mit ihrer beruhigenden singsangstimme, dass leider noch drei psychos vor mir dran sind.

das klingt für den ottonormalpatienten nicht weiter schlimm, aber psychiatrieerfahrene wissen sofort: rund drei stunden wartezeit. weil psycho-patienten nunmal mehr zeit brauchen. bis der arzt genau raushat, was ihnen fehlt. und bis die psychos die rasierklingen oder die 100 schlaftabletten oder drogen oder weißdergeierwas rausrücken.
ich hasse psychopatienten, das muss ich nicht sagen. aber ich bin ja selber eine, chemisch ruhiggestellt zudem, also bin ich höflich und artig, sage danke und bitte und setze mich dann erstmal auf meinen platz. ich erinnere mich, dass ich beim zweiten mal auch fünfeinhalb stunden wartezeit prima mit angsthaben und versuchen, nicht in tränen auszubrechen weil peinlich rumbekommen hab, und beschließe, mich zusammenzureißen.

ich höre leise musik. ab und an gehe ich nach draußen, um eine zu rauchen oder einmal in slowmotion um den block zu watscheln. arschkalt ist es, oder vielleicht ist mir auch nur so kalt, weil mich das weinen müde gemacht hat. dank slomotion-medis kann ich jetzt nur noch dröge starren, und das ist vielleicht ganz gut so.

gleich nebenan ist der komplex, in dem das objekt arbeitet. sein fahrrad steht davor, mit ikea-tüte auf dem gepäckträger, also weiß ich, das objekt war mal wieder heimlich in der klinik waschen, mangels eigener waschmaschine und weil es gottverdammmich zu stolz ist, mal den mund aufzumachen und zu fragen, ob es wäsche vorbeibringen darf.

13:30 uhr. es sind immer noch zwei patienten vor mir. ich stehe draußen mit den rauchern und zähle von 100 bis null meinen persönlichen countdown zum lungenkrebs. der vorteil an krebs ist, dass man weiß, das kriegt man in den griff oder eben nicht. es gibt eine begrenzte anzahl an möglichkeiten, und nach der letzten ist sense. bei psychogeschichten bleibt das offen, ein leben lang. es wird fein herumgedoktert, und eigentlich weiß keiner so recht, was er mit dir anstellen soll. der eine arzt gibt das zu und lässt dich irgendwann machen. der andere hat seinen fünf-punkte-plan und droht danach mit einweisung.

14:00 uhr. das objekt stürmt aus dem gebäude, holt schnell seine ikeatüte und kommt minuten später wieder schwer bepackt heraus. ich gehe ihm ein stückchen entgegen.
"morphine, was machst du denn hier?!" das objekt ist so verblüfft wie beunruhigt.
"wochenende war mies."
"du, ich muss schnell nach hause..."
"die wäsche."
"ja, und mein lütter hat schule aus, den muss ich gleich holen."
"dann mach."
"ich ruf dich nachher an, ja? ich wollte dich heute sowieso anrufen."
"jaja." ich winke ab und das objekt hetzt weiter. ich weiß, es ist seit fünf uhr morgens auf den beinen und saumüde, aber es hat noch viele stunden vor sich. als es mit dem rad an mir vorbeifährt, reckt es den daumen nach oben. hoffnung, heißt das. ich soll die hoffnung nicht verlieren.

14:30 uhr. ich frage höflich, wie lange es noch dauert.
die blonde frau von der anmeldung geht fragen, kommt dann wieder und guckt mitleidig.
"schwer zu sagen... die ärztin ist gerade weg, jetzt kommt noch ein durchgangsarzt..."
"komme ich dann heute noch dran?"
"jaja, das kriegen wir schon hin", ist die dame zuversichtlich. dann meint sie: "fahren sie doch noch nach hause, sie haben doch nicht weit. dann rufe ich sie nachher an und dann kommen sie wieder her, okay?"

ich bin dankbar, dass ich kurz nach hause darf und dann auch gleich wieder nicht mehr, denn zuhause lassen sich die ultraschwarzen gedanken gar nicht mehr abblocken. nach kurzer zeit bin ich wieder am heulen. dann bekomme ich den anruf, dass ich heute nur noch über die zentrale notaufnahme behandelt werden kann oder bis morgen warten soll. was die dame nicht weiß, ist, dass ich morgen wieder eine freundliche, kompetente und rundherum aufmerksame humane ressource sein muss, die nur deshalb am leben ist, um ihren job auszuführen. für mich gibt es kein morgen.

ich rufe beim objekt an, weil ich nicht weiß, was ich tun soll. andererseits weiß ich ziemlich genau: ich will nicht noch stunden in der zentralen rumsitzen und warten, ob mir noch jemand schnell fünf minuten schenkt, bis er zum nächsten unfallopfer gerufen wird. zentrale bringt nur etwas, wenn eine aufnahme stattfinden soll, und das kommt mir irgendwie nicht in den sinn.

das objekt ist offenbar beschäftigt, ruft erst um neun uhr abends zurück, während ich noch immer hemmungslos am heulen bin. als ich rangehe, habe ich schluckauf und kopfweh und kriege keinen vollständigen satz heraus, und ich spüre sofort, dass das objekt sich riesige sorgen macht, obwohl es sich um ruhe bemüht.
"lass dir zeit", sagt es ungefähr fünfmal, aber ich weiß, dass es die zeit gerade selber braucht, um nachzudenken, was es jetzt sagt und weil es weiß, dass mich der falsche satz zum fäkalsprachlichen ausrasten oder zur totalen selbstaufgabe bringen kann. also versucht es, mich erstmal erzählen zu lassen, sagt dann, dass es für mich da ist und mich lieb hat und dass ich ihm alles sagen kann und keine angst haben brauche.

ich habe das gefühl, nur unzusammenhängenden hochdramatischen scheiß zu blubbern, aber das objekt bekommt schnell ein gefühl für meine gesamtverfassung. dann ist ganz geradeheraus und meint, es gäbe zwei möglichkeiten. entweder es würde jetzt den notruf wählen und mich wegen suizidgefahr einweisen lassen oder ich könne hier und jetzt vor ihm eine art antiselbstmordabkommen für die nacht schließen und dann sehen, wie es mir bis zum nächsten morgen geht. ich bekomme eine halbe stunde bedenkzeit, dann muss ich mich zurückmelden.

"ich will nicht in die klinik", bin ich mir kurz darauf ganz sicher.
da plant das objekt mit mir minütiös die zeit, bis ich schlafen gehe und was ich machen soll, falls ich nicht schlafen kann oder schlecht träume. ich entschuldige mich währenddessen ungefähr 500 mal dafür, dass ich so schrecklich bin, aber das objekt sagt noch mal, dass es mich lieb hat und ich mir keine gedanken machen soll. es verspricht, das handy anzulassen und dass ich anrufen darf, wenn es nicht mehr geht, dann würde es mich holen.

als ich den hörer aus der hand lege, fühle ich mich gefasst. ich erledige brav die objektaufgaben - essen, duschen, zähneputzen, eine viertelstunde etwas lesen bei kerzenschein und musik - und falle schließlich ins bett. ich schlafe sofort ein und träume etwas wunderbares, sodass ich ganz verzaubert aufwache und denke, wow. dann fällt mir das objekt ein und ich denke noch mal: wow.

draußen regnet es wie schon sechs wochen zuvor. aber es ist ein neuer tag, immerhin. deutlich spürbar. ich tippe dem objekt eine sehr liebe sms und bedanke mich für den notfalleinsatz. ich weiß, dass es in dieser nacht sicherlich sehr viel weniger geschlafen hat als ich.

... link


Sonntag, 25. November 2012
nacht(h)eulen
im job ist es derzeit emotional anstrengend. nachdem ich die geschäftsleitung dabei ertappt habe, wie sie ihr team vor einem kunden schlecht redete, habe ich das zitat zusammen mit ein paar deutlichen worten in eine e-mail gepackt, den rest des teams in cc gesetzt und das dann abgeschickt. konfrontationskurs, das kann ich dank psychopharamaka und dem neuen lebensgefühl "ist sowieso alles egal, wertlos und vergänglich, vielleicht bist du morgen schon tot, also hau immer voll in die kacke" inzwischen sehr gut. ähnlich wie nach dem chefseitig befohlenen, vorzeitigen abbruch meines letzten mikrourlaubs spammt die gf jetzt sorry-blabla, das ich nicht mehr für glaubwürdig halte. es bleibt ein bitterer nachgeschmack, inklusive der gewissheit, dass meine tage in diesem büro mehr als gezählt sind.

freitag bin ich so erschöpft, dass ich schon gegen mitternacht im bett liege und erstmal 13 stunden schlafe. am samstag bin ich arsch, muss mich schon wieder über andere leute (= den asozialen mülltonnenwächter) echauffieren und schaffe es dann wieder nicht, in den club zu gehen, ohne vorher noch mal die heizdecke aufzusuchen. nach einer doppelten dosis psychopillen, einer kalten dusche und einem energy-drink habe ich dann endlich ausreichend herzflattern, um zur u-bahn zu kriechen.

im club ist niemand außer w., einem bekannten der k.-ex. also unterhalte ich mich die halbe nacht mit ihm. w. ist 45, hat schon in halb europa gewohnt, die westcoast der usa abgegrast und lebt nun wieder in hh, wo er geboren ist.
außer uns sitzt noch eine rock-band am tresen, die keiner kennt. wir trinken ein paar mexikaner zusammen, bis ich sodbrennen habe und auf wasser umsteige.

"weißt du, was das schöne ist, wenn man samstag bis in die puppen rumsitzt und feiert?" fragt mich w.
"wasn", frage ich zurück.
"dass morgen der wecker nicht klingelt... und man nicht arbeiten muss... sondern einfach liegenbleiben kann, bis es schon wieder dunkel wird. niemand stört einen, keiner quatscht einen voll. irgendwann steht man dann auf, trinkt einen kaffee und raucht eine zigarette. das ist wahre freiheit."
"ich finde es immer traurig, wenn ein tag vergeht und ich kein sonnenlicht hatte. deshalb stelle ich mir auch den wecker."
"krass", findet w.
"ich brauch das", erkläre ich. "ich hab depressionen."
"ach nein!" ruft w., "das hätte ich nicht gedacht. du hast doch so viel humor."
"trotzdem bin ich eigentlich ein ziemlich verzweifelter und kaputter mensch."
"wie kommt das denn? wann hat das angefangen?"
"ich glaube, ich war schon als kind so. ich war ganz oft traurig und viel allein. nicht, weil mich jemand abgelehnt hätte oder so. aber meine mutter war immer krank, mein vater hat gearbeitet und freunde hatte ich irgendwie keine, weil ich mich für die spiele der anderen kinder nicht interessiert habe."
"und was hast du so gemacht als kind?"
"ich hab eher so erwachsenenkram gemacht. hab mir lesen und schreiben beigebracht. hab meine kranke mutter versorgt und den haushalt gemacht."
"krass", sagt w. wieder.
"ich fand das nicht schlimm, ich war kein ausgebeutetes kind oder so. es hat mir spaß gemacht und ich wurde geliebt, wenn ich gut war."
"aber ein bisschen krank ist das trotzdem, oder?" findet w. "warst du denn glücklich?"
"manchmal schon. ich weiß natürlich nicht, ob andere kinder mehr oder öfter glücklich sind oder was kinder konkret glücklich macht."
"ich habe einen großen bruder und eine große schwester", erzählt w. "mein großer bruder jammert immer, weil er der älteste war, um alles kämpfen musste und weil von ihm am meisten erwartet wurde. meine schwester jammert immer, weil sie das einzige mädchen unter brüdern war. und ich, ich fand es immer doof, dass auch dann zwei auf mich aufpassten, wenn unsere eltern schon mal nicht da waren."

ich lache laut.
"ich habe aber trotzdem keine depressionen bekommen", sagt w. ernst.
ich zucke die achseln.
"wie ist das denn so?", fragt w. vorsichtig. "also falls es dir nichts ausmacht, darüber zu reden."
"nein, gar nicht, es ist ja eine anerkannte stoffwechselerkrankung."
"das stimmt, aber viele schämen sich trotzdem. ich stell mir das schlimm vor, wenn man so krank ist und dann auch nicht darüber reden kann."
"das habe ich auch in den ersten monaten nicht gemacht, einfach weil ich nicht wusste, dass ich richtig krank bin und weil ich hoffte, das würde wieder werden, wenn ich die drogen weglasse. ist aber immer schlimmer geworden, so über vier, fünf monate hinweg, bis zum totalen zusammenbruch."
"und wie ist das so, was denkst du dann so?"
"man wacht morgens auf und ist so müde wie wenn man den ganzen tag gearbeitet hat. man ist so kraftlos, dass einen der gedanke daran, dass man zähneputzen muss, zur verzweiflung treibt. ich hatte keine energie mehr, wäsche zu waschen, zu putzen und den müll rauszubringen. ich bin nur in die arbeit gefahren und hab mich dananch ins bett gelegt und an die wand gestarrt. ich war am ende zu fertig, um zu duschen oder zu essen oder einen film zu sehen."
"hast du dann viel geweint?"
"komischerweise gar nicht. alle emotionen waren tot. ich war völlig gleichgültig. ich hatte nicht mal die motivation, mich umzubringen, weil mich das zu viel kraft gekostet hätte. ich bin bei rot über die ampel gelaufen und hab gehofft, dass mich ein auto erwischt. hatte aber glück. oder keins, wie man es nimmt", kichere ich.

"was hast du dann gemacht? ich meine, du hast dir hilfe geholt, oder?" fragt w. weiter.
"ich hab das objekt angerufen und gesagt, dass es mir nicht so gut geht und ob es mir tavor aus der klinik mitbringen kann, damit ich schlafen kann. da hat es nachgefragt und mich zum quatschen gebracht."
"achja, der arbeitet ja da..."
"genau. jedenfalls hat er dann versucht rauszufinden, was mit mir genau los ist. er hat mich jeden tag angerufen und versucht, mich mit so ein paar tricks und tipps da rauszuholen. den tag strukturieren und sowas."
"hat das geholfen?"
"ich denke, sowas hilft schon, nur war es bei mir zu spät."
"und dann?"
"nach ein, zwei wochen gingen dem objekt dann die guten ratschläge aus und es bekam angst, dass ich mich irgendwann umbringe, weil es immer schlimmer wurde und ich irgendwann völlig irrational dachte und handelte. außerdem war ich nicht mehr imstande, mich zu versorgen. ich war auf dem besten wege, richtiggehend zu verwahrlosen, und ich bin eigentlich ein ziemlich reinlicher mensch. dann hat mich das objekt in die klinik gebracht."

"dann hast du ja einiges hinter dir", bilanziert w.
"kann man so sagen."
"ich bin ganz sprachlos, ehrlich", gesteht mir w. "und ich finde es toll, dass du rausgefunden hast, das war bestimmt nicht einfach."
"es ist immer noch nicht einfach. aber wenigstens will ich jetzt nicht mehr sterben. ich weiß nur noch nicht so ganz genau, wie ich leben soll, auch wenn inzwischen vieles klarer ist. und ich bin dem objekt sehr dankbar. ohne seine hilfe wäre ich vielleicht irgendwann tatsächlich tot gewesen. irgendwann hätte das mit dem überfahren-lassen vermutlich geklappt."

w. schaut mich an und schweigt, aber ich sehe, dass er berührt ist von der geschichte. einer geschichte, die viele lieber nicht hören wollen, weil sie angst haben, dass ihnen daraus verpflichtungen erwachsen könnten, die sie nicht halten wollen.

"komm, wir trinken noch einen", sage ich versöhnlich und ordere tequila.
"tequila haut aber echt rein", findet w.
"na und? man stirbt nur einmal", lache ich.

später wanken wir durch ottensen, einen stadtteil, der auch nur bei dunkelheit wirklich hübsch ist. w. wohnt in der nähe, und weil ich noch wach bin und w. betrunken, bringe ich ihn. vor der haustür nehmen wir uns in die arme.
"wir können uns ja mal auf einen kaffee treffen", schlägt w. vor.
"oh ja", freue ich mich. "bitte kill meine schrecklichen sonntage! ich kann auch abartige horrorfilme mitbringen, passend zu meiner wenigkeit."
w. lacht.
"was denn zum beispiel?"
"ich habe die alien-trilogie auf dvd. noch nicht geschaut."
"oha, naja, wir sehen mal, ob wir uns da auf was einigen können."
w. schließt die haustür auf, ich mache kehrt und winke nonchalant. dann laufe ich zur bahn.

in winterhude angekommen kaufe ich mir noch bei meinem neu entdeckten biobäcker zwei biobrötchen. sie sind noch heiß, innen fluffig und außen knackig und insgesamt so zart, dass der deckel bricht, wenn man sie mit dem messer teilt. die kleinen freuden des lebens, und ich bin glücklich, sie wieder empfinden zu können.

dann ich laufe nach hause. im osten schimmert ein heller streifen am horizont. ich gehe ins licht und hoffe, dass ich etwas licht mitnehmen kann für die dunklen stunden, vor denen ich noch längst nicht gefeit bin.

... link


Donnerstag, 22. November 2012
am baum des bösen
ich liege eingerollt im objektbett, das objekt sitzt neben mir an die wand gelehnt. ich bin ziemlich breit, das objekt ebenfalls. ich sehe dem objekt beim rauchen und monologisieren zu, ohne auch nur ein wort zu begreifen.

das objekt hält plötzlich mitten im satz inne, blickt mich scharf an und sagt: "du machst mir angst."
ich gucke nur.
objekt: "wie du mich anschaust! so ein krasser blick... so beobachtend."
ich lächle.
das objekt starrt mich weiterhin an: "wie eine mischung aus kaninchen und python!"

ich schüttle den nebel in meinem kopf und frage dann:
"warum wie eine python? ich könnte doch auch eine ganz normale giftschlange sein."
objekt: "nee, du bist keine giftschlange. du würdest nicht einfach schnell zuschlagen und dich damit zufrieden geben, dass du deine beute erlegt hast."
ich: "sondern?"
objekt: "ich kenne dich, verdammt noch mal. du würdest es zelebrieren, jemanden zu töten!"

öhm. nunja...

... link


Dienstag, 20. November 2012
pipitasking
warnung: sollten sie es nicht so mit körperflüssigkeiten haben, lesen sie nun bitte weg.

kurz nach 18 uhr. ich bin die letzte im büro und nehme noch änderungswünsche der chefin für eine präsentation entgegen. wie immer ist es eine präsi auf den letzten drücker, daher muss jemand noch alles auf topniveau bringen. ich verspüre latentes stresspipi in der blase, doch der azubi hat schon alles abgeschlossen (klo ist übern flur, weil alte villa). ich habe keine lust mehr, den schlüssel zu suchen, sondern schwinge mich nach beendigung meiner pflichten auf mein rad.

auf dem rad kommt mein stoffwechsel ordentlich in schwung. die kälte entschlackt jede körperzelle. doch ich habe noch einen auftrag: ich muss kurz zur klinik fahren, dem objekt den objektsohnemann abnehmen und ihn in das objektzimmerlein bringen, weil das objekt spätschicht hat, der sohnemann aber noch hausaufgaben machen muss. umweg für mich: ca. 15 minuten. mach ich doch gern. außerdem könnte ich ja rasch in die abteilung zum objekt hochflitzen, mir eine umarmung abholen und auf klo gehen.

als ich gerade an einer ampel stehe, ruft das objekt an.
"kannst du bitte bitte noch brot und eine milch kaufen?"
ich nehme also den nächstbesten penny, stürme durch die regalzeilen, hole einmal milch und ein paar brötchen - und eile dann richtung kasse, weil das pipi nun doch schon ziemlich drückt.

an der kasse trifft mich fast der schlag, weil 15 leute mit fetter beute im wagen vor mir warten. ich überlege, ob ich abhauen soll, doch da klingelt die kassiererin nach verstärkung. ok, gut, das hälst du jetzt durch, sage ich mir.

doch die verstärkung lässt sich zeit. als nur noch zwei leute vor mir stehen und mir vor lauter pipimüssen schon schlecht und schwindelig wird, kommt endlich der zweitkassierer und bitte mich gleich vor, weil ich ja nur zwei sachen habe. beim zahlen muss ich mich schon leicht zusammenkrümmen, doch dann geht es wieder für ein paar minuten.
ich radle weiter richtung klinik und freue mich auf das objekt, den sohnemann und insbesondere auf das klinikklo.

doch diesmal ist alles ein wenig anders als sonst. der objektsohnemann steht schon drunten vor der tür und wartet. der papi hatte einen notfall und muss ganz viel blut wegmachen, erfahre ich, das war nichts für die sohnemann-augen, also wurde sohnemann mit schlüssel um den hals nach draußen geschickt.

ich überlege, ob ich den sohnemann noch weiter warten lassen, schnell nach nebenan ins hauptgebäude rennen und ein klo suchen soll. doch der lütte ist ganz durcheinander vom blutigen vorfall in der klinik, plappert unzusammenhängendes zeug und zieht mich auf die straße. ich will ihn nicht alleine lassen, obwohl ich inzwischen bereits schmerzen vor lauter pipimüssen-stress habe.

zum glück ist es von der klinik zum wohnheim nur ein katzensprung.
"ich muss ganz dringend auf toilette, wenn wir gleich da sind", sage ich zum sohnemann.
"ich auch", piepst der lütte.
na toll, denke ich mir.
an der tür fummelt der kleine eine ewigkeit mit dem schlüssel, doch dann ist die tür endlich auf. wir fahren mit dem aufzug in den fünften stock. danach geht es einmal über den kompletten flur, weil das objekt ganz hinten wohnt. noch mal schlüsselfummelei, und endlich sind wir drin. ich zerre den lütten aus seiner jacke und schubse ihn ins mini-badezimmer des objekts. dann warte ich auf das rauschen der klospülung, während ich auf und ab laufe, um den schließmuskel noch irgendwie unter kontrolle zu halten.

es vergehen drei minuten, dann fünf, dann zehn. schließlich wird es mir zu bunt und ich klopfe an der badezimmertür.
"bist du bald mal fertig, ich muss auch!"
"glaaaahaich", trompetet der kleine.
es dauert ein paar weitere minuten, dann höre ich die klospülung. doch der objektsohnemann kommt noch immer nicht raus.
ich klopfe noch einmal unwirsch an die tür. als ich nichts höre, öffne ich sie einfach - und traue meinen augen nicht: da sitzt der sohnemann auf dem pott und blättert in aller seelenruhe in einem comic-heft.
"ich hab die geschichte doch gleich fertig", mault der lütte.
"raus da jetzt", sage ich nur, schmeiße den sohnemann mitsamt comic aus dem bad und ziehe die tür hinter mir zu.

als ich auf dem pott sitze, kann ich mich nicht erinnern, jemals so erleichtert gewesen zu sein.

... link


Sonntag, 18. November 2012
absturz
verabredung mit der lederjacke.
die lederjacke war nun fünf tage abstinent und ist heiß drauf, sich ordentlich einen zu brennen.

wir treffen uns im club und trinken zusammen zwei whiskey cola, dann schwenke ich um auf caipi und die lederjacke auf bier. noch ist alles gut.

dann kommt ein bekannter von mir, der geburtstag hat und zwingt uns, zwei kurze mit ihm zu trinken. mir wird schummrig, die lederjacke kommt jetzt richtig in fahrt und ordert noch mehr bier.

das objekt ist ebenfalls anwesend und beobachtet mich kritisch.
"na, plus oder minus", fragt es, als es mich kurz in den arm nehmen kann, weil die objektgepielin gerade nicht guckt und die lederjacke kurz auf klo ist.
"eindeutiges plus."
"ich meinte nicht den pegel."
"nee, nee, alles super, echt."
"ist das der typ, der mit dir zusammenziehen wollte und nebenbei noch die andere fickt?"
"äh, ja. aber ich zieh nicht mit dem zusammen. ich zieh nie wieder mit nem typ zusammen."
das objekt lächelt, gibt mir einen zerstreuten kuss auf die stirn und schlendert richtung tanzfläche.

gegen sechs uhr morgens, als der club schließt, sind die lederjacke und ich unheimlich gut drauf und hellwach.
"lass uns doch noch in diese türkische bar gehen wie damals", schlägt die lederjacke vor.
doch wir haben pech, denn die türken feiern irgendwas und haben geschlossene gesellschaft.
"na, vielleicht ohnehin besser", sagt die lederjacke, "am ende erinnern die sich noch an mich."
ich kichere.
"war ich damals schlimm peinlich?"
"nee, aber du hast den besitzer ziemlich genervt, weil du dauernd mit deinem iphone musik auflegen wolltest."
"jaja, ich erinnere mich dunkel."

"dann lass uns doch einfach zu dir gehen", schlage ich vor.
"ich hab auch noch nen whiskey da", merkt die lederjacke an.
"hast du auch was alkoholfreies?"
die lederjacke überlegt.
"ich könnte dir da einen ganz edlen tropfen... leitungswasser anbieten."
ich puffe die lederjacke in die seite und sie krümmt sich theatralisch.

bei der lederjacke gibt es tatsächlich nur whiskey. irgendwann ist es mir egal und ich trinke mit. zu zweit leeren wir die komplette flasche, wobei die lederjacke natürlich den löwenanteil vernichtet. wieder fällt mir auf, dass alle meine männer einen gewaltigen hang zum exzess haben: das objekt vorwiegend mit dem kiffen, k. mit speed und die lederjacke eben mit alkohol.

irgendwann gegen zehn uhr morgens krieche ich ins lederjacken-bett und träume dort wirr vor mich hin. unter anderem, dass ein hund im bett der lederjacke liegt und mich bewacht. als die lederjacke, die noch ein wenig länger auf war als ich, endlich zu mir unter die decke krabbelt, murmle ich:
"der hund muss raus."
"wiebitte?!" lallt die lederjacke.
"der hund muss... raus."
"hä?!" erwidert die lederjacke nur, dann lässt sie nach hinten sinken und fängt fast unmittelbar an zu schnarchen.

als ich aufwache, fängt es schon wieder an zu dämmern. ich weiß im ersten moment nicht, wo ich bin, dann entdecke ich die lederjacke neben mir. als ich sie anstupse, wacht sie auf.
"n morgen", murmelt sie. "hast du gut geschlafen?
"nee, du hast geschnarcht."
"und du hast dauernd was von nem hund gelabert!"
"ich hab geträumt, du hast einen. der lag da im bett." ich deute richtung fußleiste.
"der hatte sogar einen namen. du hast ihn kira genannt."
die lederjacke betrachtet mich kopfschüttelnd.
"hast du deine psychopharmaka nicht genommen?"
"sei mal nicht so unfreundlich!"

wir lachen und beginnen zu rangeln, dann klingelt das lederjacken-handy. die lederjacke geht ran.
"ich kann jetzt nicht", sagt sie nur und legt dann wieder auf.
bei mir fällt ein groschen.
"eine frau? diese m.?"
die lederjacke schaut stur geradeaus.
"wir wären heute zum essen verabredet gewesen, aber ich hab das verpeilt. die ist jetzt sauer."
"mir kommen die tränen", sage ich sarkastisch.
die lederjacke schaut mich immer noch nicht an.
"seid ihr zusammen?" frage ich.
"nein. ich bin mit niemandem zusammen und daran soll sich auch erstmal nichts ändern. ich mag die, das ist alles."
eine robuste einstellung.

ich steige aus dem bett.
"bleib doch noch", meint die lederjacke. "ich brauche was im arm, und du riechst so gut."
ich hingegen habe nur eine sehnsucht: nach hause und einen kaffee trinken. ich schlüpfe in meine sachen und putze schnell zähne.

in der u-bahn gerät das seelische gleichgewicht aus dem lot. ich funke das objekt an:
"ist das jetzt kleinlich gedacht, dass mir das was ausmacht? ich meine, ich habe erst letztes wochenende mit dir beziehungsweise mit k. verbracht und gevögelt, von daher sollte ich vermutlich erstmal vor der eigenen tür kehren, oder nicht?"
"vermutlich liegt dir was an dem, hm?" konstatiert das objekt.
ach du kacke.
"der will aber nix festes."
"dann arrangiere dich damit. hab spaß oder treff dich nicht mehr mit dem."
"ich hab keine lust mehr, mich zu arrangieren."
"dann versuch doch mal, allein zu sein und das auszuhalten."

ich finde das alles doof. das objekt merkt, dass es mich nicht erreicht und gibt irgendwann auf, die situation lösen zu wollen.
ich habe beschlossen, jetzt erstmal traurig zu sein.

... link


Samstag, 17. November 2012
stop talking about sex
"du, ich wollte noch mal mit dir über neulich sprechen", sagt das objekt, als es mich gestern telefonisch ins bett bringt.
"das war einfach unglaublich. ich bin so wundervoll gestorben in dir."
das klingt warm und herzlich, aber ich hatte einen scheißtag und bin in selbstdestruktiver abschmetterlaune.
"hm", sage ich nur, anstatt: na und ich erst, ich muss dauernd dran denken.
"ich will auch gar nicht so ewig auf dem thema vertrauen und so rumreiten", fährt das objekt fort. "auf jeden fall war das unheimlich... geil."
"tja, set und setting", erwidere ich.
"wie meinstn das nun?"
"sagst du doch immer beim kiffen. das drumherum muss gut sein und man muss vor allem innerlich gut drauf sein, dann haut es richtig rein."
"was hat das jetzt mit unserem abend zu tun?"
"na, du warst spitz, und das drumherum - kiffen, trinken, essen - hat gepasst... und ich war eben auch noch zufällig da."

das objekt ist überrascht, hält den atem an, denkt nach und fragt dann ziemlich clever:
"warum willst du jetzt, dass ich mich schlecht fühle und so, als wäre ich ein hurenbock, der dich einfach nur benutzt hat?"
die frage trifft mich, also schieße ich zurück:
"ist das jetzt die übersetzung für: hey, baby, gibs zu, du wolltest es doch auch?"
das objekt schweigt wieder für einen moment, um dann amüsiert und kein bisschen beleidigt zu antworten:
"nee, das muss ich dich nicht fragen, du warst nämlich klatschnass und wunderschön geschwollen."
und dann fügt es ein wenig ernster hinzu:
"ich frage mich aber gerade, wie es dir im moment geht, morphine. kannst du deine stimmung irgendwie in worte fassen?"

schwuppdiwupp schießen mir die tränen in die augen. ich muss noch nicht einmal laut schnüffen oder schluchzen, da fragt das objekt schon:
"hat dich heute jemand ablehnend behandelt?"
ich will mich zusammenreißen, also sage ich:
"ach, nur viel stress im büro und einer meiner freien kunden hat zum wiederholten male nicht bezahlt, und ein dritter meinte, er müsse mich belehren, da sind wir aneinandergerauscht, weil er nämlich keine ahnung hat und meint, er muss mir in meine arbeit reinquatschen, stell dir das vor, in meine arbeit, die ich gelernt habe und die ich verdammt gut kann."
"lass dich davon nicht runterziehen", sagt das objekt. "das ist jetzt nicht mehr so wichtig. du hast doch eine entscheidung getroffen?"
"ja, dass ich da weg will."
"na also. geh kurze wege, verausgabe dich nicht, du brauchst deine energie gerade anderweitig."

ich schweige ein wenig in den hörer und spüre, wie sich ruhe und frieden in mir breitmachen. das objekt trifft irgendwie immer den richtigen ton.
"das machst du echt gut", rutscht es mir dann heraus.
"das war auch eine besonders wertvolle therapiestunde", frotzelt das objekt. "wenn du eine schnöselige eppendorfer mutti wärst, müsstest du jetzt richtig kohle dafür abdrücken."
"pah", erwidere ich. "das müsste ich dann aber mit den sexuellen dienstleistungen von neulich gegenrechnen, inklusive fremdkosten wie eigens mitgebrachtes klopapier und bier. und da zahlst du noch drauf, mein schatz."
"na gottseidank hast du deinen humor jetzt wieder gefunden", findet das objekt.

und da ich nicht nur meinen humor wiedergefunden habe, sondern auch einen besonderen grad von offenheit, sage ich zusammenhanglos:
"ich hab dich lieb."
"das ist doch mal ein schönes wort zum donnerstagabend", konstatiert das objekt. "danke dafür."

und dann schickt es mich sehr schnell ins bett, weil es mit ernst gemeinten komplimenten mindestens genauso schlecht kann wie ich.

... link