Samstag, 2. Februar 2013
immer auf die fresse
anruf von der lederjacke.
"gehst du heute weg?"
"hmhmhm. mal gucken, ich bin eigentlich krank."
"ach komm, nur ein stündchen."
"na gut. aber keine besäufnisse, ja?"
"klar. ich war sowieso gestern schon saufen. ich war in vier kneipen und wollte eigentlich nur ein bisschen in ruhe musik hören. aber die leute waren so aggro!"
"haste dich wieder geprügelt? muss ich dir wieder mit nem strafbefehl helfen?"
"nee, nee. aber weißt du, war so ein typ... ich sitz da ganz friedlich mit meinem bier, er rempelt mich an und meint dann zu mir, ey, wenn ich gleich von der toilette wieder komme, bist du aber weg."
"hä?! spinnt der?"
"die waren da alle total auf krawall gebürstet! langsam hab ich echt keinen bock mehr auf kiez."
"war dann noch was mit dem typ?"
"ich hab dann gesagt, ob er ein problem hat und ob wir das draußen klären sollen. da hat er den schwanz eingezogen."

ich stelle mir die lederjacke vor, wie sie tief einatmet und die brust und schultern breit macht, wie immer, wenn ihr jemand dumm kommt. obwohl sie eher die kategorie leichtgewichtboxer ist, kann sie ziemlich fest zuschlagen und ist zugleich sehr wendig und schnell.
"na gut, dann trage ich heute dafür sorge, dass dir nix passiert. also dass dir keiner krumm kommt und du niemanden die fresse einschlagen wirst."
"ich will mich einfach mit freundlichen menschen umgeben, dann passiert das ja auch nicht."
"ich bin ein super katalysator."
"prima. ich empfehle dich dann bei der un, als friedensbotschafterin."
"dazu ist mein englisch zu schlecht. aber sonst kannste mir gern nen job besorgen."
"ich guck mal. ich bin ja jetzt erstmal in trockenen tüchern. behörden sind schon sehr okay."
"ja, bitte, ich will auch gleitzeit und 13. monatsgehalt!"
die lederjacke lacht.
"holst du mich ab? und bringst du was zu trinken mit?"
"ich hab keinen hard stuff mehr hier."
"bier ist okay."
"ich schau mal, was ich machen kann.
"dann bis nachher!"

gegen mitternacht trudle ich bei der lederjacke in der neuen altonaer wg ein. ich habe zwei bier im gepäck und werde freudig begrüßt. dann inspiziere ich die wohnung.
"sag mal... was ist das denn für ein fußboden?"
"ja, eigentlich gar keiner. wir haben den einfach mit farbe lackiert."
"das sieht gewöhnungsbedürftig aus."
"ist es auch. um ehrlich zu sein, will ich hier wieder ausziehen. deshalb fragte ich ja wegen dem zusammenziehen."
"du wohnst gerade mal vier wochen hier, willst du der sache nicht noch eine chance geben? wenn man da ein bisschen was macht... boden, türen... dann wird das doch ganz gemütlich."
"nee, ich glaube, das ist bei mir was grundsätzliches... ich komme auch mit dem schnitt der wohnung und der enge nicht klar. außerdem hätte ich gerne eine badewanne."
"der herr hat aber ansprüche. jetzt brauchst du erstmal ein paar tausend euro für deinen studienkredit, mein freund, bevor du von badewannen träumen kannst. wenn du erstmal aufgestiegen bist in deiner behörde da, lass ich dir gerne auch ein jacuzzi in unseren zukünftigen palast einbauen!"

die lederjacke lacht, guckt aber dann zerknirscht.
"ich weiß auch gar nicht, ob ich den job so ewig machen will."
"mensch, jetzt freu dich doch mal! du hast ein ordentliches gehalt und super perspektiven da!"
"es ist aber anstrengend."
dann erzählt die lederjacke von den sozialfällen. von hartz-IV-empfängern mit schicken wohnungen, benz vor der tür und iphone 5 auf dem tisch. und von vielen misshandelten und missbrauchten kindern.
"bei denen geht es echt ums nackte überleben, teilweise. und du kannst so wenig machen mit der ganzen scheißbürokratie. und wenn ein kind stirbt, ist wieder die behörde schuld."
"dir geht das nah, hm?"
"klar! ich bin ja nicht aus stein."
"ich fürchte, das musst du dir abgewöhnen. ich darf auch nicht drüber nachdenken, was wir mit unseren pr-aktionen so auslösen."
"da stirbt aber keiner."
"sag das nicht. neulich sollte ich eine übergewichtige frau mit blutdruckproblemen für eine schönheitsop im fernsehen verwursten. die leute machen ja fast alles, wenn sie irgendwie kohle sparen können und die tante wäre auch echt ideal gewesen. ich hab sie aber dann sehr deutlich auf die risiken hingewiesen, so deutlich, bis sie einen rückzieher gemacht hat. andere hätten die in den op geschickt und, wenn sie abgenippelt wäre, noch ordentlich mit der kamera draufgehalten."
"siehst du, du hast auch ein gewissen!"
"na klar."
die lederjacke grinst schadenfroh:
"das musst du dir dringend abgewöhnen!"
"jawoll, herr behördenaufseher, das nächste mal drehen wir sexy cora reloaded!"

die haustür geht auf und herein kommt die mitbewohnerin, eine hübsche blonde frau.
"na, arbeit aus?" fragt die lederjacke.
die junge frau nickt erschöpft.
"war aber gut heute."
sie lächelt mir freundlich zu und verschwindet dann im schlafzimmer.
"was arbeitet sie denn so spät?"
"die ist schauspielerin. die macht theater."
"oh, cool. und davon kann sie leben?"
"die ist ganz gut."
"das heißt ja nix."

wir trinken das bier aus, und die lederjacke schlüpft in ein schickes schwarzes jacket und stoffhosen.
"du bist aber elegant."
"du vergisst, ich repräsentiere die gewalt der stempel!"
"ich erinnere dich daran, wenn wir später den weg zurücktorkeln."
die lederjacke grinst, ärmelt mich unter und schubst mich in den hausflur.

vorm club entdecke ich als erstes das objekt-fahrrad. gut, dass ich heute die hübsche lederjacke an meiner seite habe, denke ich.
drinnen stoße ich auch gleich mit dem objekt zusammen. es umarmt mich, benebelt mich mit seinem frisch-gebadet-kindershampoo-duft und sagt dann nur:
"komm erst mal an."
das klingt nach gesprächsbereitschaft, finde ich, beschließe dann jedoch, heute mal das objekt mit objektwaffen zu schlagen und meine priorität ausnahmslos auf die lederjacke zu richten.

ich war seit wochen nicht mehr im club und fühle mich fremd und depressionsunsicher. tanzen klappt nicht. ich klebe an der seite der lederjacke und lasse mich sanft alkoholisieren. gegen sechs uhr morgens sind wir hell- und mittelblau und beschließen aufzubrechen.
ich sehe mich nach dem objekt um, wenigstens tschüß sagen will ich ihm, aber es ist bereits nach hause gefahren.

die lederjacke zieht mich ganz selbstverständlich zu sich mit nach hause.
"ich bin aber erkältet", wage ich einzuwenden.
"na und?" lallt die lederjacke. "wennich krank werde, kann ich zuhause bleibn."
"na dann sollten wir knutschen", schlage ich vor.
da küsst mich die lederjacke sehr sanft.

als wir vor der haustür der lederjacke stehen, sind wir dort nicht alleine. ein langhaariger metalfreak versucht sich bereits schwankend und fluchend am haustürschloss.
"sollch dir ma helfn", bietet die lederjacke bereitwillig an und winkt mit dem schlüssel.
"oooooooch... daswä sssssso nett voneuch!" der typ sinkt gegen die wand und geht in die knie.
die lederjacke versucht sich derweil als türöffner, scheitert aber ebenso.
"scheißßßßßßße, dasis voll finsta hier!"
irgendwann, kurz bevor uns allen der kältetod droht, schnappe ich der lederjacke den schlüssel aus der hand, manöriere ihn sicher ins schloss und schließe auf.
"oooooccch... danke! dassssis toll!" beim klacken der tür ist auch der metalfreak wieder zum leben erwacht.

gemeinsam stolpern wir die treppen hinauf.
"ichab euch noch nie... geseenn", sagt der metalfreak und hält sich am treppengeländer fest. "wohhtihr auch hier?"
"ja", sagt die lederjacke und vergisst, dass ich aber nicht hier wohne.
"ich nicht", wende ich ein.
"ichwohnnnn... im vieatn stock", lallt der metaltyp.
"wirau", nickt die lederjacke.
"echtez? krass..."
dann stehen wir im dritten stock und ich kann das lederjacken-mitbewohnerinnen-klingelschild lesen.
"achneee... wirwohn jadoch im drittn", erinnert sich die lederjacke.
"jaaaaa... dannn...", der metalfreak will die hand zum gruß erheben, lässt sie dann aber doch lieber am geländer.
"dnnn... schlaf ma gut, ihr süßn."
"ciaociao", winkt die lederjacke nonchalant.

als wir in der lederjacken-wg stehen, hören wir den typ über uns poltern.
"achdu scheißßßße", nuschelt die lederjacke und grinst.
"mann, war der voll", stimme ich zu.
"warer gestern auch schon. und vorgestern. der sagt auimmer, ichab dich noch nnie... hier gesehn, wenn wir zusamm heimkommn", kichert die lederjacke.
"ist nicht wahr!"
"dohoch."
"krass. wie alt der wohl ist?"
"studnnt."
"was?"
"student! deris... student!"
"na, das hab ich mir gedacht. das kann er ja nicht bringen, würde er arbeiten."

dann liegen wir aneinandergekuschelt im bett der lederjacke. die lederjacke streichelt meinen rücken und schiebt dann eine warme hand unter mein t-shirt.
zwei minuten später sind allerdings schon die ersten alkoholisierten schnarcher zu vernehmen. das war ja klar. also rolle ich mich ein, küsse die schlummernde lederjacke sachte auf die stirn und schließe selbst die augen. ich atme den lieblichen lederjacken-duft und bin in nullkommanix im land der träume.

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Samstag, 19. Januar 2013
reich und unsexy
die auftragslage explodiert. gleichzeitig zum stress im büro häufen sich plötzlich die anfragen. hier eine filmkritik, dort ein sponsoring-kampagne und ganz nebenbei bringt der architekt eine möbellinie heraus und hat mich als marketingbeauftragte erwählt.

arbeiten am wochenende finde ich immer ein bisschen traurig. aber es muss ja. und die möbelgeschichte ist mit jeder menge angenehmer meetings in teueren restaurants verbunden. da sitze ich dann mit anzugträgern im meinem kapuzenpulli und den kampfstiefeln und scheiße klug. meine authentizität kommt gut an. es stimmt nicht, was man(n) mir einst prophezeite: dass alles vom richtigen outfit abhängt. hier zählen inhalte, und inhalte kann ich. ich muss mich nicht verkleiden und verleugnen.

ganz nebenbei habe ich tatsächlich mal ein bisschen geld beisammen und kaufe ein paar einrichtungsgegenstände für meine karge wohnung.
"na du geschäftsfrau", begrüßt mich das objekt, das verdammt stolz und natürlich auch ein bisschen neidisch ist, weil ich wegen der möbelkampagne viel mit seinem erzfeind zusammenhänge.
dafür habe ich an den herzenswunsch des objekts gedacht und ihm einen mp3-player gekauft. beim überreichen verstummt das objekt, wird blass und rot und kriegt zunächst kein danke heraus. doch dann umarmt es mich ganz fest und stottert:
"du... du bist so ein toller mensch. sowas hab ich mir schon so lange gewünscht. aber es ist mir peinlich, dass du dich wegen mir in unkosten stürzst."
"du bist es mir wert. du weißt, du bist der mensch, der mir hier am nächsten steht und obwohl wir in keiner klassischen beziehung sind, hast du all meinen exlovern längst den rang abgelaufen."
das objekt ist noch immer verlegen.
"ich weiß gar nicht, was ich sagen soll... ich habe das gefühl, das ich das gar nicht verdient habe... und es tut mir so leid, dass ich so ein schlechter danke-sager bin."
"aber du freust dich doch, das sehe ich."
"ja, und wie!" die augen des objekts leuchten wie die seines lütten, wenn er mit mir am computer spielen darf oder wir etwas aufregendes unternehmen.

das einzige, was mich tierisch nervt, ist die ständige immense müdigkeit. sie schlägt auch auf die libido. anfassen verboten. alle prozesse sind derzeit geistiger natur und manchmal seelischer. kreischgeburten, nennt das objekt das, und mahnt mich, meine kinder lieb zu haben, damit sie sich nicht eines tages wieder gegen mich wenden.

die psychopharmaka helfen dabei, mich zu strukturieren und den herausforderungen einigermaßen angstfrei zu begegnen. mein psychologe ist mir hingegen immer weniger eine unterstützung. ich will die handlungsebene erreichen, konkrete hilfestellungen für den alltag, aber mehr als ein "da müssen sie schauen, wie sie das machen" kommt bei den antworten auf meine fragen nicht heraus. ich bin schlecht darin, mir zauberformeln zu basteln, die mich vor dem großen absturz bewahren, die verhindern könnten, mich in drogen und alkohol zu ertränken. und ich finde nicht, dass das objekt das immer alles übernehmen muss, während ein anderer dafür bezahlt wird, der aber nur stories über meine familie und meine kindheit hören will.

dennoch, ich bin gespannt. es liegt ein elektrisches summen in der luft, wie man es in der nähe von strommasten manchmal hören kann. es könnte tatsächlich etwas passieren...

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Mittwoch, 16. Januar 2013
es bewegt sich
ich bin eine hoffnungsvolle romantikerin und illusionistin, hab ich neulich auch dem ziwo geschrieben. illusionisten kriechen ziemlich langsam durchs leben und ähneln überhaupt nacktschnecken, denen ab und an einer auf den schwanz tritt. wir leben eher so zusammengekrümmt und mit fühlern eingezogen und erwarten von oben dunkle, dreckige schuhsohlen, aber nichts gutes. einfach, weil man als nacktschnecke ziemlich oft unangenehme begegnungen mit schuhsohlen hat. das liegt in der natur der sache.

just als ich neulich so nacktschneckig vor meinem pc saß und hoffnungslos bring-eh-nüscht-bewerbungen tippte, klingelte mein handy. am anderen ende der leitung war eine große agentur, die mich nun kennen lernen will.

na bitte. geht doch. ab und an funzelt auch mal einer einer nacktschnecke mit dem hoffnungsflutlicht vor die fühler.

natürlich hab ich mir sofort jegliche freude verboten. weil es wieder eine kack-agentur ist. und weil freude zum träumen anregt und träumen zum illusionieren und illusionen letzten endes bewirken, dass nichts so sein wird wie ich es mir wünsche und ich dann wieder wo rumsitze und an selbstmord denke.

aber eine flasche sekt gekauft hab ich trotzdem. und spontan jemanden eingeladen, der mir nette, unverbindliche und unromantische gesellschaft leistete. denn freude muss man rasch teilen und kleinsaufen. wegen der illusionsgefahr.

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Sonntag, 13. Januar 2013
rückwärtsrolle
nach einer beschissenen woche plingen samstags smsen auf meinem handy und kündigen mir partylaunige freunde an. nach sehr zurückhaltendem ausgehverhalten in den letzten wochen komme ich endlich wieder in feier-stimmung, schwinge mich in meine guten klamotten, schnüre die kampfstiefel und mache mich auf.

der türsteher winkt mich durch, an der bar bekomme ich einen kurzen spendiert und bestelle gleich noch einen cocktail hinterher. dann fallen mir meine freundin h. und meine neue bekannte j. um den hals. danach kommt k. auf mich zu und drückt mir einen kuss auf die wange. wir strahlen uns an und ich weiß: heute wird ein guter abend. ein k.-abend.

in der ecke im raucherraum sitzt das objekt, mit nassen haaren und sehr glasigem blick. es ist alleine und vollgedröhnt bis obenhin. es schlingt die arme um mich und presst seinen unterleib an meinen.
"du hast ganz nasse haare", sage ich.
"ich bin gerade durch den schnee geradelt, das war sooooo schön", nuschelt das objekt benommen und hält sich dabei an mir fest, weil es kaum mehr aufrecht stehen kann.
"was hast du denn gemacht", frage ich beunruhigt.
"ich hatte heute frei."
"das heißt, du hast den ganzen tag damit verbracht, dich wegzumachen."
das objekt spürt den vorwurf, zieht eine babyschnute und lallt:
"frau lehrerin, entschuldigung. aber ist mir gerade scheißegal."
ich hole aus und scheuere dem objekt eine, dass es klatscht.
es lächelt selig und sagt dann:
"du sieht so hübsch aus heute abend."

ich bin besorgt. so stoned habe ich das objekt seit monaten nicht mehr erlebt. ich bin mir sicher, dass es nicht nur gekifft und getrunken, sondern auch irgendwelche anderen downer eingeworfen hat.
auch k. hält deshalb abstand zum objekt.
"der rallt doch heute gar nix mehr", sagt k. kurz, als ich ihn darauf anspreche.

ich verbringe die nächste zeit mit h., j. und k.
h. lernt an der bar einen typen kennen. er hat sehr lange, fettige haare und ist extrem übergewichtig. es stellt sich raus, dass er ein blind date hat und auf irgendeine tusse wartet, die offenbar nicht kommt. h., die freundlich zu jedermann ist, fragt dies und jenes, bis der typ wissen will, wie alt sie ist.
"29", sagt h.
"aber du siehst aus wie mitte 30", haut der typ da raus. "das kommt bestimmt vom rauchen bei dir."
h., die mäßig raucht und keinen tag älter als 29 aussieht, guckt mich entsetzt an.
"na hör mal, das kannst du aber nicht einfach zu einer fremden frau sagen", sage ich zu dem typen.
"warum nicht", fragt der.
arschlochalarm, verstehe ich. trotzdem bleibe ich noch halbwegs didaktisch, als ich ihm erkläre:
"weil du doch auch nicht möchtest, dass jemand zu dir sagt, du siehst aus als wenn du zu oft bei burger king isst."
damit habe ich einen volltreffer gelandet. der typ ist tödlich beleidigt, vor allem, weil h. neben mir vor lachen zusammenbricht.

wir machen, dass wir wegkommen.
"wo ist eigentlich j. abgeblieben", wundert sich h.
"weiß nicht, hab die schon lange nicht mehr gesehen."
"hoffentlich ist nichts passiert, die hat heute ganz schön viel getrunken."
"was soll der denn passieren?"
"wenn sie getrunken hat, wirft sie sich immer irgendeinem typen an den hals", erläutert h.
"oha."
"ich geh sie mal suchen."
"denn bis nachher!"

als ich richtung couch steuere, begegne ich einem quietschfidelen objekt. offenbar hat die dröhnung nachgelassen, sodass es nun sehr ausgeglichen und wieder ansprechbar ist.
es strahlt mich an und küsst mich.
"du pheromonschleuder", sage ich mit weichen knien und wehre mich ein bisschen, während mich das objekt fester an sich zieht.
dann setzt es sich mit mir in die ecke, lümmelt sich lässig in den kissen und verschränkt die beine zum schneidersitz. die gesamte objektkörpersprache formiert sich zu einer einzigen einladung: fick mich. das objekt ahnt, was ich denke und grinst sich einen.
"hast du feuer", schnurrt es und streckt sich mit zippe zwischen den lippen zu mir herüber. als ich über die flamme meines feuerzeuges schiele, sehe ich zum glück k. auf uns zukommen. er setzt sich zwischen uns und entschärft die situation.

und plötzlich entdecke ich j. sie sitzt zusammengesunken auf einem barhocker, hat den kopf auf den tresen gelegt und schläft. ich gehe zu ihr, streiche ihr die haare aus dem gesicht und rüttle sie sanft. mehr als ein schnorcheln bewirke ich damit allerdings nicht.
ich hole h., die ebenfalls ratlos ist.
"was machen wir jetzt mit j.?"
"ich rufe ein taxi", entscheidet h. "die wohnt ja nicht so weit. aber ich muss sie bringen, die schafft es so nicht bis in die wohnung."
"warum hat sie sich denn so weggeschossen?"
"keine ahnung. das kenne ich gar nicht von ihr, sowas macht sie eigentlich nicht."
"schaffst du das oder soll ich mitkommen?"
"ach, das geht schon. bleib du nur."

ich gehe zurück zu k., der mir noch einen tequila spendiert. der knallt ordentlich rein und mir wird schummrig.
den rest des abends verbringe ich neben k. auf der couch, sage keinen ton mehr und kämpfe gegen die aufsteigende übelkeit.
"willst du nachher bei mir bleiben", fragt k.
"wenn du nichts dagegen hast, dass wir nicht ficken."
"ach quatsch. wir schlafen einfach. ich hab sowieso nen ganz schlimmen schädel."
"na dann ist ja alles super. das ist ja fast wie: schatz, ich hab migräne."
k. grinst und legt den arm um mich.
"na ihr turteltäubchen", sagt das objekt, das uns beobachtet. "schleppt ihr euch heute noch gegenseitig ab?"
"nee, ich schlüpf nur unter", sage ich. "mir ist schlecht."
"lass uns doch rausgehen", schlägt k. vor, "der abend ist sowieso gleich zu ende."

während k. meine jacke holt, stehe ich in der eccke und versuche, mich nicht zu übergeben. das objekt steht bei mir und guckt besorgt.
dann geht es raus in die kälte. die eisige luft wirkt wie ein faustschlag, ich fühle mich plötzlich maximal betrunken und merke, wie die knie nachgeben. objekt und k. fangen mich auf.
als ich wieder stehe, wird mir noch übler. ich klammere mich an die absperrung, und während k. aus der potenziellen kotz-zone geht, hält mich das objekt und sagt:
"tief durchatmen, morphine, ganz ruhig und tief. gleich wirds besser."
nach ein paar minuten habe ich mich wieder gefangen, nicht gekotzt und gehe ich kleinen trippelschritten zwischen k. und dem objekt untergeärmelt die straße entlang, bis wir bei k. sind. dort falle ich angezogen aufs bett und bin fast augenblicklich weg. im halbschlaf merke ich noch, wie mich k. in die arme nimmt. es stellt sich das tiefe gefühl von zufriedenheit und geborgenheit ein, und ich sinke tiefer in den schlund meiner träume.

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Dienstag, 8. Januar 2013
zusammen ist man weniger alleine
objektanruf.
"warum gings dir am samstag so mies?" will das objekt wissen.
"ich suche immer noch erfolgslos neue jobs."
"absage gekriegt?"
"nee, die blöden wichser machen sich nicht mal die mühe, auf meine nachfragen zu antworten. wahrscheinlich müsste ich mich da mit pumpgun vor deren schreibtischen positionieren und brüllen: UND? WAS IS NU? MACHS MAUL AUF ODER ICH PUSTE DEINEN SCHEIßMAC VOM TISCH, DU ARROGANTER MEDIENWICHSER!"
das objekt kichert.
"gleichzeitig hab ich versucht, mit meiner chefin zu reden und ihr zu sagen, dass ich so unstrukturiert nicht mehr arbeiten kann. es werden ja ständig mehr aufgaben. sie hat überhaupt nicht zugehört und wollte nur wissen, ob ich alle projekte erfolgreich am laufen habe."
das objekt kichert nicht mehr.
"scheiße."
"ja, voll scheiße!"

dann schweigen wir beide eine weile, bis ich frage, wie es dem objekt eigentlich gerade geht.
"nunja, ich arbeite viel und habe oft den kleinen. und suche immer noch eine wohnung."
"das wird in dem leben nix mehr", sage ich schroff, realistin, die ich bin.
"danke für die motivation", ist das objekt ein wenig angefressen. "ich weiß schon, dass ich höchstens in einer wg noch eine chance habe."
"dann zieh doch mit deiner sogenannten freundin zusammen. oder willste nicht, weil du dann noch unfreier bist?"
"nee, aber... ich weiß nicht. eher nicht."
"aber dein zimmerlein ist doch nicht so übel."
"nein, nein, das ist es auch nicht. aber dann bin ich bei dir und du wohnst hier so schön und friedlich... so nah am stadtpark... und im sommer, sagst du immer, gehst du in der alster nebenan schwimmen... das finde ich toll."
"kannst ja hier einziehen", sage ich spöttisch. "kurzer arbeitsweg, kinderfreundliche umgebung, gute verkehrsanbindung und internet ist auch schon da."

das objekt druckst ein wenig herum und meint dann:
"ich könnte mir das mit dir sogar vorstellen."
mir klappt der mund auf und wieder zu. als ich mich ein wenig gesammelt habe, frage ich:
"wie meinst du das denn nun?"
"naja, ich hab da halt mal drüber nachgedacht. so übergangsweise könnte man hier doch gut zusammenwohnen. du hast mich außerdem mal gefragt, wenn du die stadt verlassen würdest, ob ich dann deine wohnung will. und das angebot würde ich nicht ausschlagen."
"ich werde die stadt voraussichtlich nicht so schnell verlassen, da musst du dich schon noch ein wenig gedulden", blaffe ich.
"na los, zieh aus", neckt mich das objekt.
"opportunistenschwein", erwidere ich.

erneutes schweigen, dann setzt das objekt wieder an:
"mal ehrlich, morphine. eigentlich täte dir das doch auch gut, wenn du nicht immer so allein wärst."
"dir ist das tatsächlich ernst", frage ich.
"ja klar, warum denn nicht? wenn ich so drüber nachdenke, fällt mir nicht wirklich was ein, was ernsthaft dagegen spricht."
"für drei leute ist die wohnung zu klein", denke ich an den objektsohnemann.
"das könnte man schon irgendwie regeln. dann ist er halt mal eine zeitlang nur zwei tage die woche bei mir."
"du bist unordentlich und unzuverlässig."
"ich würde mir aber ganz viel mühe geben!"

bevor das objekt anbieten kann, dass es mir jeden abend die muschi lecken würde, sage ich schnell:
"naja, also probeweise könnte man das mal versuchen. für zwei wochen oder so. aber dann müssten wir uns eine größere wohnung zusammen nehmen. ich hab schon mal auf zwei zimmern gewohnt mit jemanden, das war schrecklich. obwohl du mir wahrscheinlich nicht so auf die nerven fällst."
"ja, drei zimmer müssten das auf jeden fall sein. oder vier, dann hätte der kleine sein reich und du dein büro."
"ist halt eine kostenfrage. also die einlage bei meiner genossenschaft würde ich natürlich übernehmen, ist ja auch eine super kapitalanlage. aber deinen mietanteil müsstest du voll bestreiten, da bin ich echt keine mutter theresa."
"ich kann so viel zahlen wie du", rechnet das objekt. "das wären also so 650 euro kalt, vielleicht 700."
"drei zimmer", sage ich, "mehr werden das nicht. warm würde ich gerne unter 850 bleiben."
"du, für mich wäre das ein lichtblick, so wie jetzt oder in einer größeren wohnung. und wir mögen uns doch!"
"vor allem, wenn du dann deinen weiberbesuch anschleppst."
"ach morphine, jetzt tu mal nicht so, als würdest du wie eine nonne leben!"
"na gut. lass uns das mal besprechen, wenn es akut wird."
"ja. aber nicht unter den teppich kehren!"
"dafür sorgst du schon, ich kenn dich."
"dann hab einen wundervollen, friedlichen abend, liebste morphine."
"tschüß du schleimer."

was sagt man dazu? ich finde die idee ganz fürchterlich. mein alter ego ist allerdings gerade dabei, sich ein wenig darin zu verlieben. das leben, ein traum.

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Samstag, 5. Januar 2013
antibiotikum
der objektsohnemann stromert durch meine wohnung, während ich mit seinem papi auf der homepage des arbeitsamts stöbere. ab und an scheppert was, da der sohnemann ähnlich wie der papa zum unabsichtlichen zerstören neigt. dann kommt er wieder ins wohnzimmer, schmiegt sich an mich und fragt ganz schüchtern:
"duhuuu... warum hast du antibiotikum in der küche liegen?"
ich stutze, da bei mir kein antibiotikum in der küche herumfliegt, weil ich keines nehme und ich medikamente normalerweise vor kinderhänden gut verstecke, um den lütten davor zu bewahren, sich meine psycho-smarties reinzuziehen. weiterhin bin ich ganz perplex, dass der kleine weiß, was ein antibiotikum ist.

"das kann nicht sein", erwidere ich erstmal.
"dohoch! ein halbes!"
der objektsohnemann flitzt in die küche und bringt dann tatsächlich eine halbe weiße tablette herein.
das objekt schaut mich fragend an und ich vermute, dass es auf irgendwelche drogen tippt und im sichergestellten material den beweis sieht, dass ich - wie es ab und an mutmaßt - doch nicht auf die kleinen chemischen freuden verzichte.

ich glotze auf die tablette und gerate selbst erstmal in erklärungsnot, zumal das ding tatsächlich aussieht wie ein halbes antibiotikum.
"wo hast du das denn gefunden?" frage ich den lütten.
"hinter der kaffeemaschine."
ich wundere mich noch einmal, denke scharf nach, dann endlich fällt es mir wie schuppen von den augen:
"das ist eine halbe mineralstofftablette! das ist kein antibiotikum, sondern ein ganz normales nahrungsergänzungsmittel!"

das objekt sieht eindeutig erleichtert aus, während der objektsohnemann von neuem fasziniert ist:
"und was kann man damit machen? wofür ist das gut?"
"da sind kalium und magnesium drin. das sind zwei ganz wichtige mineralstoffe, die gut sind für herz, nerven und muskeln."
"und warum brauchst du das?"
"brauchen kann man nicht sagen. es ist ein zusatz. beispielsweise wenn man einen wadenkrampf hat - das kennst du vielleicht auch..."
und der sohnemann nickt:
"das tut fies weh!"
"also sowas kann mit magnesiummangel zusammenhängen. wenn man dann so eine tablette nimmt, kommt der krampf so schnell nicht wieder."

der objektsohnemann guckt interessiert und fragt dann:
"kann ich die haben?"
"die lag offen rum, dann würde ich sie lieber wegschmeißen. außerdem brauchst du das nicht, du hast ja keine krämpfe. und wenn du vorbeugen willst, dann mach ich dir jetzt lieber eine apfelsaftschorle, da sind auch viele mineralstoffe drin."
"auja!"

der objektsohnemann springt begeistert auf, begleitet mich in die küche und das antibiotikum ist vergessen.
dann schnappt er sich mein handy und spielt friedlich ein spiel, während das objekt und ich den objektlebenslauf tunen und die unterlagen fürs arbeitsamt fertigmachen.

das objekt lächelt mich mehrmals von der seite an, drückt meine hand unter dem tisch und ich fühle mich für einen moment ganz zauberhaft familiär. dann fängt der objektsohnemann an, uns unter lautstarken "guck mal, guck mal"-rufen seine neuen hiphop-moves vorzuführen und bringt meine zimmerpflanze dabei zu fall. während der papa schimpft und den kleinen losschickt, um schaufel und besen zu holen, bin ich dann doch wieder sehr glücklich, dass der familienmoment kein lebenslänglicher ist.

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Dienstag, 1. Januar 2013
hallo 2013!
der erste eindruck war ja schon mal positiv. du hast gut angefangen. so viele umarmungen wie gestern habe ich gefühlt in ganz 2012 nicht bekommen - und in den vier jahren zuvor erst recht nicht. damit hast du hohe erwartungen gesteckt, aber auch dankbarkeit spürbar gemacht.

schön, dass ich so viele nette menschen kenne und dass diese mich kennen mögen. und es waren noch längst nicht alle dabei, die ich gerne in meinen armen gehalten hätte. und dabei verwechsle ich nicht qualität und quantität. denn ich bin nicht everybody´s darling. ich suche mir meine darlings verdammt noch mal ganz genau aus.

"das wird dein jahr", haben gestern vier leute gesagt, leute, die meinen psychischen absturz zumindest in auszügen miterlebt haben und mir trotzdem die stange halten. "du bist im besten alter, du bist intelligent, und du hast einiges an erfahrung, dass muss doch mal irgendeiner anerkennen." ich hoffe noch immer das beste und versuche den problemberg weiterhin als spielerische herausforderung zu sehen.

um mitternacht hab ich ein tränchen verdrückt und mich reich geschätzt. ich befand mich auf einer tollen party und stand mit k., t. und h. auf dem balkon der wahnsinnigen eigentumswohnung des gastgebers. der gastgeber war, obwohl schwerreich, irgendwie ganz normal geblieben und hatte für jeden ein freundliches wort, obwohl er die meisten gar nicht kannte - die eigendynamik, wenn ein ganzes haus zusammen feiert.

gegen halb zwei war ich mit dem gastgeber in der küche und futterte mich durch die verbliebenen köstlichkeiten, während k. und t. schon im flur standen, da wir noch weiterziehen wollten. der gastgeber erzählte gerade, dass er ein kind habe und sehr glücklich geschieden sei, als k. hereindrängte und verkündete, dass taxi sei da.
"jetzt haben wir uns gar nicht richtig kennengelernt", sagte der gastgeber bedauernd zu mir. also nahm ich meinen ganzen mut zusammen und fragte ihn nach seiner telefonnummer. "ja, aber nur, wenn du sie auch benutzt!" lautete die antwort. das fand ich fein. hübsche, glücklich geschiedene männer mit eigentumswohnungen sollte man sich nämlich warmhalten.

warmhalten und wertschätzen ist überhaupt das stichwort. die meisten geschenke, die das leben macht, sind nämlich einmalig. so etwas ähnliches sagt mir auch der glückskeks, den ich heute beim japaner bekommen habe:



insofern: danke auch an alle leser! ihnen ein fantastisches 2013!

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Freitag, 28. Dezember 2012
vaters tochter
als ich gestern mittag ins wohnzimmer tappe, schlaftrunken, kreislaufschwach und blass, sitzt da nur mein vater.
"du schläfst aber lang", sagt er. "du warst doch gar nicht aus. sonst bist du doch immer aktiv und unterwegs."
"ich kriege eine erkältung, glaub ich", erläutere ich meine psychopharmakabedingte schläfrigkeit.

ich hole mir eine decke, kuschle mich ein und vergesse für einen moment, dass ich erwachsen bin und für meinen vater die schreckliche sozialversagerin.
"ich hab dir was aufgenommen", sagt mein vater dann und meint ein video.
ich tippe auf eine dokumentation über irgendwelche kirchenhistorischen angelegenheiten, weil wir beide sowas ganz gerne gucken, werde dann aber vollkommen überrascht, als es ein konzertmitschnitt eines auftritts von depeche mode ist.
"woher weißt du, dass ich sowas mag?" frage ich ganz perplex.
"du hast mir mal so ein lied aufgenommen von denen."
aufgenommen heißt, ich habe es auf eine cd gebrannt. mein vater spricht immer noch von "aufnehmen", weil er aus der generation des tonbands stammt. mit dem tonbandgerät verbrachte er in meiner kindheit ganze wochenenden am radio, um die aktuelle hitparade mitzuschneiden.

als ich mich daran erinnere, ist mir klar, warum ich wochenenden mit youtube verbringe und alleine oder gemeinsam mit dem objekt oder anderen musikversessenen konzertmitschnitte oder bestimmte songs suche. ich bin die tochter meines vaters und ihm ähnlich.

"oh, guck mal, das ist von anton corbijn!" rufe ich entzückt, als das konzert beginnt.
"wer ist das denn?"
"der regisseur von control!" sage ich und vergesse dabei, dass mein vater joy division vermutlich nicht kennt.
er sagt nichts und guckt nur.

ich kann nach wenigen takten die titel der meisten songs vorhersagen, und mein vater ist beeindruckt.
"woher weißt du das alles?"
"ich hab ganz viel von denen!"
"wieder aus dem internet? irgendwann erwischen die dich mal mit deinen illegalen aktivitäten!"
"nein, nein, ich habe cds von denen. vier oder fünf. die hab ich schon, seit ich 15 oder 16 bin."
"da hast du ja noch hier gewohnt."
"ja."
"das hab ich gar nicht mitgekriegt."
ich danke still der erfindung der kopfhörer, die unter anderem verhindert haben, dass meine eltern mit meiner vorliebe für punkmusik belästigt wurden. nur die äußerlichen veränderungen - bunte haare, nasenstecker, abgeranzte klamotten - ließen damals darauf schließen, dass ich mich irgendwie in der pubertät befand.

"was ist das für eine musikrichtung?" will mein vater wissen.
"synthiepop."
"hm."
wir lauschen noch ein lied.
"das klingt alles gleich", findet mein vater.
"das ist ja auch dieselbe band. die haben natürlich ihren style. das macht einen künstler unverwechselbar."
"das macht immer so dumdumdum im hintergrund", merkt mein vater an.
"das ist der bass."
"hm", hmt meint vater abermals. "ich hab es ja lieber rockiger."
"ich höre inzwischen sogar ganz viel elektro."
"da bei denen ist auch einer mit einem keyboard dabei, das ist ja dann auch elektrisch."
"ja, aber das ist synthiepop, das kommt vom einsatz der synthesizer, mit elektro meine ich eher sowas wie... techno."
"gehst du etwa auch auf solche technoparties, wo sie alle ecstasy nehmen?!"
"ständig. deswegen bin ich auch dauernd pleite."
mein vater glaubt mir das ganz offensichtlich, bis ich laut lache. in den augen meiner eltern ist hamburg eine art sündenpfuhl, den der teufel persönlich angelegt hat.

obwohl sich mein vater sichtbar langweilt, guckt er das ganze konzert mit mir, wahrscheinlich, weil ich ihm dabei die halbe depeche mode-biografie erzähle. erst nach dem letzten song geht er in die küche, weil es drei uhr nachmittags ist und er gucken will, ob meine mutter schon in die gänge kommt, um die kaffeetrinkzeit um halb vier einhalten zu können.

ich sitze noch eine weile still im zimmer und fühle mich seltsam berührt.

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Mittwoch, 26. Dezember 2012
ticktack
die familie sitzt im wohnzimmer. meine mutter fragt in die runde:
"hat jemand ne uhr?"
ich zeige nach links: "da an eurer wand hängt eine."
meine mum: "ach!"
ich: "jaja, das alter ist aufregend. jeden tag neue entdeckungen, und das auch noch alles gratis.."

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Montag, 24. Dezember 2012
und dann kam mutti
als ich dem objekt die türe öffne, strahlt es mich an, obwohl alles wieder mal länger gedauert hat als gedacht, weil die schichtablösung 20 minuten zu spät dran war und überhaupt weihnachten in der klinik die hölle los ist.

das objekt pfeffert die motorradjacke in die ecke, steckt sich erstmal eine kippe an und wechselt dann die hosen. unter der arbeitsbekleidung hat es sich für objektverhältnisse richtig fein gemacht: schwarze stoffhose, weißes shirt, schwarzes hemd.
"wow", sage ich und das objekt kommt näher:
"ich hab mich sogar rasiert, fühl mal!"
ich kraule die objektwange, in die sich trotz des noch nicht dramatischen objektalters bitterkeit und frohsinn zu gleichen teilen in form von erschreckend tiefen falten verewigt haben.
"und du hast geduscht", stelle ich angenehm überrascht fest.
"naja, ich wollte nichts riskieren, falls du zum blowjob übergehen möchtest", grinst das objekt frech und zieht mein becken zu sich heran. dann schiebt es die hände in meinen hosenbund und stellt fest, dass ich dünner geworden bin.
"du musst echt dringend was essen", findet es.
"ich hab auch ganz feudal eingekauft", antworte ich.

das objekt steht am offenen kühlschrank und ist begeistert angesichts frischer teigwaren, landkäse, fisch und thailändischer mangos.
"sag mal, das hat doch ein vermögen gekostet!"
ich grinse nur und nicke.
das objekt küsst mich.
"du bist ein herz."
"nein, du. du weißt doch ganz genau, dass ich heute alleine gewesen wäre, und bist jetzt hier, obwohl du eine andere frau wo sitzen hast, die ständig auf deine anwesenheit verzichten muss."
"ich will ja bloß dein internet benutzen und musik recherchieren. naja, und natürlich den blowjob."
ich puffe das objekt in die seite und klammere mich dann an, bis mich das objekt wegschiebt:
"sorry, ich hab weihnachten echt immer eine ganz komische stimmung, ich kann da nur begrenzt zärtlichkeit annehmen. hat vermutlich was mit meiner kindheit zu tun."
ich lächle.
"siehst du, und ich kompensiere heute meine sehnsüchte. mit dir, mit essen und alkohol."
"also zum essen würde ich dringend raten."
"dann mach ich mal wasser heiß."
"jawohl, frau, ab in die küche. und vati dreht derweil einen schönen dicken, langen joint."

es gibt tortelloni und fisch mit einer experimentellen soße, die ich selbst gezaubert habe. das objekt ist ganz angetan.
"was ist denn das grüne da?" will es wissen.
"basilikum."
"ah. na ich bin jedenfalls beeindruckt. und du sagst immer, du kannst nicht kochen!"
"kann ich ja auch nicht. reiner zufall, dass das essbar ist."
"quatsch, du bist ein sinnlicher mensch, du zelebrierst dinge und schaffst dir rituale, warum solltest du beim kochen keinen geschmack an den tag legen?"
"wenn du meinst."
"ich meine nicht nur, sondern das hier ist ganz eindeutig einfach köstlich."

später sitzen wir bei musik rum und unterhalten uns.
"du siehst echt ein bisschen besser aus als am samstag", finde ich.
"ich hab leider wieder nicht mehr geschlafen als drei, vier stunden."
"hm."
"ich habe gestern sogar zwei stunden mit meiner mutter telefoniert und ihr gestanden, dass ich über eine therapie nachdenke."
"ach du grüne neune. und was hat sie gesagt?"
"sie hat sich sorgen gemacht, war aber eigentlich ganz cool."
"für mütter ist sowas immer ein harter brocken. da kommt bestimmt noch was nach."
"glaub ich nicht. die sitzen da in ihrem dorf und können sich das hier sowieso alles nicht vorstellen."
"hast du manchmal sehnsucht?"
"nach zuhause? nie. ich hab sehnsucht nach den guten zeiten, wenn dann. kennst du das?"
ich nicke.
"so mit 23 war ich echt glücklich. mein studium war toll, meine freunde waren toll, ich bin noch mal in eine neue wohnung gezogen, so mit badewanne und allem drum und dran... ich konnte mir die leisten, weil ich ne gute arbeitsstelle hatte und es gab irgendwie recht wenig probleme. gar keine, um genau zu sein. ich war sogar so happy, dass ich hoffte, dass ich mich nicht verliebe, weil ich dann weniger zeit für meine freunde hätte. wir waren die ganze zeit am feiern, und wenn wir nicht gefeiert haben, konnten wir super miteinander reden... so richtig, über gott und die welt."
"dann hast du heute natürlich auch entsprechend hohe erwartungen an dein soziales umfeld, hm?"
"naja, ich weiß, wie sich glück anfühlt. und glücklich war ich bis auf wenige sporadische momente nicht mehr, seitdem ich 25 bin."
"hast du das auch, dass dich das glück manchmal anwidert? dass du sagen möchtest, geh doch weg, glück, hau ab, du bist doch sowieso nur eine vorübergehende illusion?"
ich nicke.
das objekt betrachtet mich:
"wir sind uns echt ähnlich."
ich gucke nur, rauche kette und fühle mich vollgefressen.
ich mache ein bäuerchen und das objekt lobt mich:
"du hast richtig gut gegessen."
"wenn ich nicht allein vorm rechner esse, ist das auch was anderes."
"glaub ich dir."

wir reden irgendwann immer weniger, es macht sich ein schweigen breit, dieses berühmte schweigen wohligen einverständnisses, des wortlosen verstehens. wir legen für einander musik auf und weisen auf den text hin. andere sprechen lassen, darin sind wir beide gut. eine reihe kleiner liebeserklärungen und wertschätzungen und kultureller perlen, nur für uns beide.

bis plötzlich das objekthandy klingelt.
ich bin sofort angenervt und denke, es ist die objektgespielin, die mal wieder was will oder kontrolliert oder flunschig ist. doch am objektton merke ich sofort, dass es jemand anders ist.
"ja, ist gut. ich hole dich natürlich ab. ja, es kommt jetzt eben nur ein bisschen überraschend, und ich bin auch derzeit gar nicht zuhause..."
dann lässt das objekt das handy sinken und sagt fassungslos:
"meine mutter ist auf dem weg hierher."
ich bin irgendwie wenig überrascht:
"das hab ich kommen sehen. die macht sich sorgen."
"ich soll in einer stunde am bahnhof sein und die abholen."
"dann machst du das."
"ich will das hier aber nicht so abbrechen! ich will hier gar nicht weg."
"naja, wenn du deiner mutter das herz ausschüttest, ist das recht normal, dass sie irgendwie reagieren wird. unsere eltern sind rentner, die haben zeit. die machen auch mal was damit."

das objekt muss erstmal auf klo, stresspipi loswerden. dann kommt es wieder ins wohnzimmer.
"ich hab SO KEINEN BOCK auf meine ehemalige erziehungsberechtigte."
"ich finde das ja irgendwie süß. da setzt sich deine mutti an heilig abend spontan alleine in den zug und fährt stundenlang, weil sie weiß, ihrem sohn geht es gerade nicht gut."
"ja, sie meint es ja auch gut... nur..."
"wo bringst du sie unter? hat sie denn ein hotel?"
"nee. die will bei mir schlafen.
bei mir fällt der groschen:
"deine mama weiß nicht, dass du aus der wohnung rausgeflogen bist."
das objekt schüttelt den kopf.
"aua, dann wird das heute auch noch der tag der wahrheit."
das objekt guckt sehr verzweifelt. ich nehme es fest in die arme und es kuschelt sich an, und für einen moment fühle ich mich wie die mama.

eine halbe stunde später packt das objekt seine sachen zusammen.
"wie komm ich jetzt zum bahnhof?"
"mit der u-bahn."
"echt, hier ist ne u-bahn?"
"klar doch. es sieht zwar aus wie pampa hier, ist aber keine. du bist in 12 minuten im stadtzentrum."
"krass. ich hab hier immer das gefühl, als wäre ich schon raus aus hamburg."
ich lächle:
"naja, ist schon anders als da bei dir in der romantischen sozialhochhaussiedlung."

arm in arm wackeln wir zur u-bahn.
"was machst du nun mit dem angebrochenen abend?" fragt mich das objekt.
"ich such mir wen anders für den blowjob."
das objekt grinst gequält.
"hauptsache, es geht dir jetzt nicht schlecht."
"glaub bloß nicht, dass du mir irgendwie wichtig bist."

wir stehen an der u-bahn und halten uns fest umschlungen, so fest, dass wir nicht merken, dass schon ein bahn durchgefahren ist. dann muss das objekt eine fahrkarte kaufen, die es nicht bezahlen kann. ich lege die fahrkarte aus und das objekt schämt sich.
"da gibt es nichts zu schämen", finde ich.
"doch, ich bin über sechs jahre älter als du und vater und krieg nichts auf die reihe."
"tröste dich. mein vater hat mich erst gestern am telefon wieder merken lassen, dass er mich für eine totalversagerin hält und mir nicht mehr glaubt, dass ich irgendwann mal die füße auf den boden kriege."
"genau das richtige zu weihnachten", lacht das objekt bitter.
"ja klar. das kind ist dazu da, erfolgreich zu sein, kohle zu machen und den eltern gesprächsstoff zu liefern, damit sie vor bekannten und verwandten angeben können."
das objekt knuddelt mich ein letztes mal und sagt sehr ernsthaft:
"lass dich nicht runterziehen. du bist ein großartiger mensch. wer dich wirklich kennt, wird dich lieben."
ich kriege rührungstränen in den augen und schiebe das objekt unwirsch richtung rolltreppe.
"los, ab zu mutti, und lass dir auch mal die leviten lesen, weil du es in deinem leben zu nix gebracht hast."
das objekt winkt ein letztes mal, dann ist es auf dem bahnsteig, während ich langsam kehrt mache und traurigkeit und glück gleichermaßen in mir aufsteigen fühle.

das war mein weihnachen 2012. jetzt kommt nichts gutes mehr. nur sehr viel whiskey.
prost.

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