Freitag, 15. März 2013
quatschnudeln
"allerhöchstens gemeinsam kommen wir auf die gleiche tägliche wortzahl wie die volontärin", sagt meine neue praktikantin heute, als sie bei mir im chefzimmer vorbeischneit, um mir einen text zur freigabe zu überreichen.
"ich konnte kaum diesen text schreiben, weil sie ununterbrochen gequasselt hat... ich meine, versteh mich nicht falsch, sie ist super, ich mag sie total, aber es ist manchmal einfach..."
"anstrengend", beende ich den satz.
die praktikantin grinst.
"sei froh, dass du hier sitzt und nicht drüben im großraumbüro."
"dafür kriege ich das geballt ab", sage ich. "neulich stand sie hier 40 minuten unter der tür und erzählte von einem streit mit einer freundin... danach hatte ich noch 20 minunten restmittagspause, das reichte nicht mal, um zu aldi zu gehen."
"hast du mal was gesagt?"
"na, ich hab schon öfter gesagt, so, liebe volontärin, jetzt wollen wir aber mal wieder weiterarbeiten!"
"und?"
"das macht sie schon. ich bin ja die chefin. aber es bedarf immer einer aufforderung."

"noch zwei stunden, dann haben wir das geschafft für heute", meint die praktikantin dann.
"hör mir bloß auf. zuhause geht das gequassel ja weiter."
"warum, wohnst du mit wem zusammen?"
"nein, aber ich habe dünne wände und türkische nachbarn."
"oha!" sagt die praktikantin.
"die sind eigentlich gar nicht mal soooo laut", erkläre ich. "die haben keine kinder, also noch nicht, und sie hören jetzt auch nicht viel musik. aber die alte, die labert ohne unterbrechung. ehrlich. dass der nicht mal die zunge vertrocknet oder die stimmbänder versagen, das ist mir ein rätsel!"
die praktikantin lacht:
"und bestimmt hat sie auch so eine typische türkenmutti-stimme."
"ja, so rauh und einfach... naturally born loud. meine altbauwände haben da keine chance."

"dann kann dir ja ihr mann leidtun", sagt die praktikantin.
"ja, aber nur, solange der nicht singt."
"oh, er SINGT?" zieht die praktikantin die augenbrauen hoch.
"ohja! und zwar traditionelles muselmanisches liedgut! nachts um einse! da wache ich immer von auf."
"das ist doch ruhestörung, sag da doch mal was."
"ja, toll, dann bin ich wieder die nazitante. das hab ich schon mal gemacht, mich mit türken anlegen, das war vor zehn jahren, das ging total übel aus."
"singt er denn wenigstens schön?"
"ich glaube, so ne lieder KANN man nicht schön singen."

"apropos nazi, hast du vorhin das telefonat mitbekommen, als unser azubi die neue buchhalterin anrief?"
"nee."
"naja, er rief an und meinte zuerst, äääähhh... also, ähm, ich ruf an, weil ich sie anrufen muss..."
ich kichere.
"... aber das beste kam dann noch, da sollte er nämlich seinen namen buchstabieren und da meinte er eiskalt, mit h wie hitler in der mitte!"
ich kringle mich vor lachen:
"spitze... b wie braun, g wie göbbels... r wie rommel..."
"pschschscht!" sagt da die praktikatin.

denn es kommt der azubi auf dem weg zur küche vorbei, macht lange ohren und meint dann streng:
"das klingt hier aber nicht nach arbeit!"
"doch, doch, das ist eine teambesprechung", sagt die praktikantin augenzwinkernd.
"ihr seid quatschnudeln", mault der azubi. "ihr seid faul und quasselt nur."
"morphine, du musst jetzt sagen, liebe praktikantin, jetzt müssen wir aber mal weiterarbeiten", stupst mich die praktikantin an.
"nee", sage ich, lehne mich zurück und näsle vornehm:
"du bleibst. du sollst mich unterhalten und amüsieren. los. ich bin schließlich deine chefin."

da kommt die volontärin vorbei.
"na, was macht ihr denn alle bei morphine im zimmer?"
"teambesprechung", sagt der azubi trocken und die praktikantin prustet schon wieder los.
"los, raus jetzt alle", rufe ich da. "ihr seid doch alles quatschnudeln."

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Sonntag, 10. März 2013
zwischen arktis und antarktis liegt ein warmer ort
als ich gestern nacht das haus verlasse, empfängt mich draußen die weiße hölle. der schnee fällt zwar weniger dicht als am nachmittag, aber der sturm hat noch mal mächtig zugelegt. nach fünf metern überlege ich, ob ich umkehren und zuhause bleiben soll. doch dann kämpfe ich mich weiter in richtung u-bahn, beide hände vor gesicht und augen haltend.

weil ich nicht viel sehe und der schnee so tief ist, brauche ich deutlich länger als gewöhnlich und die bahn ist schon weg. 20 minuten warten oder weiterlaufen und den bus nehmen? und was, wenn der bus ebenfalls schon weg ist oder gar nicht kommt? fragen, die ich mir in einer großstadt bislang selten stellen musste. doch ich habe glück: der bus hat eine knappe viertelstunde verspätung und biegt genau in dem moment um die ecke, als ich die haltestelle erreiche.

drinnen ist es brechend voll. ich quetsche mich zwischen eine horde laut singender assis und versuche, mich möglichst unsichtbar zu machen. dann muss ich mich gedulden, denn der bus kommt nur schleichend voran und alle assis wollen genau wie ich bis zur endhaltestelle.

nach gut einer stunde on the road komme ich endlich im club an. dort ist es leer. ich überlege, ob mir das gefallen soll oder nicht. ich rauche eine zigarette und finde es dann doch irgendwie angenehm. lauter ältere pärchen und ein paar versprengte exoten. die üblichen verdächtigen sind vermutlich alle auf der konkurrenzveranstaltung.

plötzlich stehen die krankenschwester und mr. shyguy vor mir.
"boah, was für eine fahrt", ruft mr. shyguy, der wie die krankenschwester von außerhalb kommt und immer rund 25 km anfahrt hat. "wir haben fast eine stunde hierher gebraucht!"
"frag mich mal", erwidere ich. "das mit dem bus war die nackte katastrophe."
die krankenschwester lacht und umarmt mich fest. wir freuen uns, da wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben.

während mr. shyguy tanzen geht und ich mit der krankenschwester rumsitze und rede, füllt sich der club langsam. unter anderem hat auch t. den trip durch den schnee gewagt und steht gegen kurz nach drei mit rot gefrorenen wangen und nase vor uns.
"was ist mit dir passiert?!" fragt die krankenschwester entgeistert. "das sind ja schon fast erfrierungen!"
"jo", sagt t. cool, "es kam kein taxi."
"wie, es kam kein taxi", hake ich nach. "und wie bist du jetzt hier?"
"gelaufen", sagt t. und grinst.
"du bist ja irre", finden die krankenschwester und ich.
"hat auch fast anderthalb stunden gedauert. und jetzt bin ich so platt, dass ich eigentlich gar nicht mehr tanzen mag."
t. winkt der barfrau und ordert erstmal einen wodka energy.

die krankenschwester guckt t. an und flüstert mir dann zu:
"das ist ja eigentlich voll der hübsche."
"ja, ne, find ich auch", sage ich.
die attraktion scheint sogar auf gegenseitigkeit zu beruhen, denn t., der das gegenteil vom objekt und ziemlich zurückhaltend ist, beginnt, der krankenschwester auf die brüste zu starren.
ich nicke der krankenschwester kurz zu und entferne mich dann diskret, um nicht zu stören, was da am entstehen war.

als ich eine halbe stunden später wieder vorbeikomme, steht die krankenschwester alleine da.
"na", frage ich. "nettes gespräch gehabt?"
"ja", sagt die krankenschwester.
"und?"
"nix und", zischt die krankenschwester. "ich habe doch nen freund."
"du meinst diesen paranoiden heini? seid ihr immer noch zusammen?"
"wieder", seufzt die krankenschwester.
"und, glücklich?"
"das wird immer schlimmer. nach jeder trennung behandelt der mich mieser. und ich bin ja ein selbstkritischer mensch. ich frag mich die ganze zeit, ob nicht was von dem stimmt, was der mir alles an den kopf wirft."
"kenn ich", sage ich. "hatte ich auch schon mal. und ich hab den gleichen fehler gemacht wie du: ich habe dieses arschlochgehabe ernst genommen und ständig versucht, mich zu ändern. in wirklichkeit aber füttert man damit die egomanie des anderen und dessen komplexe werden noch schlimmer."
"du hast ja irgendwie recht... nur, mit seinen anschuldigungen und drohungen kriegt er mich jedes mal wieder."
"ihr könnt irgendwie nicht mit und nicht ohne einander. er braucht jemanden, den er klein machen kann und du brauchst jemanden, der dich demütigt und dich damit in deinem selbstbild bestätigt."
"aber ich liebe den doch", meint die krankenschwester im brustton der überzeugung.
"tja, komisch, was und wie wir so lieben."

"was macht eigentlich das objekt?" will die krankenschwester wissen.
"keine ahnung. es ist verschwunden", antworte ich.
"wieder mal."
"ja."
"das ist ja auch nervig mit dem. was reitet ihn da bloß?"
"keine ahnung. ich habs aufgegeben, das rausfinden zu wollen."
"und kommst du klar?"
"ach, im moment denke ich ganz wenig an ihn."
"hat er sich bei irgendwem sonst gemeldet?"
"nee. wenn der verschwindet, dann in der regel komplett. der dritte weiß auch nichts und bei dem meldet er sich eigentlich immer am zuverlässigsten."
"vielleicht ist was passiert?"
"glaub ich nicht. der ist so. ich hab die ersten ein, zwei jahre auch immer gedacht, scheiße, was, wenn der mit ner überdosis oder schwer krank in der wohnung liegt? aber er ist jedes mal wieder aufgetaucht. inzwischen mach ich mir keine sorgen mehr. und eigentlich finde ich so ne macke besser als wenn einer ständig aufmerksamkeit braucht."
"trotzdem, das könnte ich nicht aushalten", meint die krankenschwester.
"ist auch nicht einfach. aber man gewöhnt sich dran, irgendwie. und ich hab es aufgegeben, mich dagegen zu wehren, dass ich ihn liebe. das ist nun mal so. irgendwann wird das auch wieder aufhören."
die krankenschwester grinst: "was glaubst du, wie sehr ich hoffe, dass ich meinen freund mal irgendwann nicht mehr liebe und so einfach sage, ciao, du arschwichser."
"vielleicht solltest du dann doch t. abschleppen", empfehle ich.
aber die krankenschwester, die im gegensatz zu ihrer frechen schnauze und ihrem dirty look ein treues wesen ist, schüttelt nur den kopf.

weil es so leer ist, macht der club kurz nach fünf die schotten dicht und kehrt die letzten gäste, zu denen auch my. shyguy, die krankenschwester, t. und ich gehören, in den hof. dort starten wir eine schneeballschlacht, bis wir angemeckert werden wegen der lautstärke und rücksichtnahme auf die anwohner.
"schade, immer wenns lustig wird", mault mr. shyguy.
ich umarme und verabschiede die krankenschwester und mr. shyguy. t. muss in meine richtung und kommt noch ein stück mit.
"ich hoffe, es kommt ein taxi", sagt er und guckt angestrengt links und rechts.
"warum fährst du nicht auch mit dem bus?" frage ich.
"der kommt doch nicht durch."
"pah, der kommt besser durch als ein auto bei dem wetter."

während t. neben mir läuft und bibbert, weil er viel zu dünn angezogen ist, dreht sich die frage in meinem kopf, ob ich mal fragen sollte. t. nackt in den kissen stelle ich mir eine schöne erfahrung vor. er hat eine ähnliche statur wie das objekt, ist aber durch regelmäßiges training noch definierter, wenn auch nicht ganz so muskulös.

doch dann kommt mein bus um die ecke und ich sage schnell tschüß, bevor ich mich aus dem fenster lehnen und eine abfuhr riskieren kann.
t. umarmt mich genauso neutral, wie er zuvor die krankenschwester umarmt hat. schwierig, da zu- oder abneigung herauszuspüren.

trotzdem fühle ich mich durchwärmt und aufgehoben, als ich mit dem bus durch die morgendämmerung schaukle. ich steige eine station zu früh aus, gehe noch bei meinem biobäcker vorbei und hole mir zwei noch heiße brötchen, bevor ich aufbreche und den rest des weges auf mich nehme. ich brauche eine halbe stunde durch den schnee, aber ich genieße es. dann falle ich erschöpft ins bett und bin sofort im land der träume.

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Donnerstag, 7. März 2013
glücklich sterben
schlechte nachrichten für muffelmenschen: pessimisten leben rund 10 prozent länger, heißt es in einer studie aus meiner ehemaligen heimat. vermutet wird, dass negativ eingestellte menschen vorsichtiger sind, allen voran ältere frauen. was lernen wir daraus? gott oder werauchimmer hat humor. und zwar keinen besonders freundlichen.

"pessimisten sind näher an der realität", sagt meine therapeut, als ich ihm erzähle, dass man(n) mir einst vorwarf, mit meiner düsteren einstellung das unglück regelrecht anzuziehen. "sie haben das potenzial, langfristig gesehen wesentlich klüger zu handeln." und so leicht kann man mich mit meinem schicksal wieder versöhnen.

spannend ist die studie vor allem für psychisch kranke menschen wie mich, die laut einer anderen studie eine rund 10 bis 20 jahre geringere lebenserwartung haben (und nein, das liegt nicht daran, dass wir uns gerne gehen lassen, saufen, rauchen oder vor autos laufen, sondern weil wir einfach weniger lebenskraft haben). das fand ich zunächst erschreckend, da ich aufgrund meiner lebensumstände (relativ arm, medikamentenfreak, partygöre, stresshäschen) sowie keine 80 werden werde. inzwischen habe ich mich darauf eingestellt, maximal 50 bis 60 jahre alt zu werden. da ich aber krank UND pessimistisch bin, musste ich nun noch einmal alles neu berechnen - und stellte feste, dass ich mir mit etwas pech doch noch sorgen um meine rente machen muss.

wichtiger als mein alter zum todeszeitpunkt aber ist mir das gefühl dabei. nachdem vor einigen tagen dieter pfaff mit 65 an krebs verstorben ist - was mich sehr bewegte, das ich pfaff wahnsinnig schätzte - frage ich mich wieder, wie man es schafft, glücklich zu sterben, vor allem, wenn man schon nicht so glücklich gelebt hat. manchmal träume ich davon, wie ich todkrank und mutterseelenalleine durch die straßen irre, um einen platz zum sterben zu finden. doch überall ist es zu laut, zu kalt, zu ungemütlich und es sind millionen menschen um mich, die ich schrecklich finde. oft suche ich dann meine eltern, weil ich mir wünsche, dort in ruhe sterben zu dürfen. fehlanzeige. aber auch logisch, denn vermutlich werden die vor mir sterben, wenn mir nicht irgendeine besonders suizidale phase dazwischenfunkt. insofern hat der traum da schon recht, wenn er mir nicht irgendwelche illusionen vor die nase hält.

sterben macht mir angst. trotzdem bin ich bereit, irgendwo. der tod ist in meinem bewusstsein, ohne dass es mich belastet. wir haben eine merkwürdiges verhältnis, der tod und ich. ich, mein leben, mein sterben. man kann es vermutlich nicht trennen.

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Mittwoch, 6. März 2013
hoffnung, schwinde nicht!
ich habe eine woche (EINE GANZE!!! woche) urlaub beantragt und sie genehmigt bekommen.

ich bin verstört.

ich trau mich gar nicht zu buchen. normalerweise wurde stattgegebener urlaub immer noch mal kurzfristig mindestens einmal verschoben, weil die stellvertretende geschäftsleiterin mit dem assistentenpopelgehalt einfach nicht entbehrt werden konnte. da ich aufgrund des assistengehalts immer auf reiserücktrittsversicherungen verzichte, könnte eine buchung unabwägbare risiken mit sich bringen.

es stehen spannende wochen ins haus - nicht nur, was die derzeitigen überstunden betrifft. bleibt es bei zweien pro tag oder werden es noch mehr? der dax würde sich über eine analoge entwicklung zu meinen arbeitszeiten freuen.

der aktuelle plan ist, sich eine gute berufsunfähigkeitsversicherung zuzulegen und dann einen netten arzt zu finden, der mir zu multiplen bandscheibenvorfällen und psychischen erkrankungen noch irgendwas solides wie herzrhythmusstörungen bescheinigt. und dann hasta la vista, agenturen!

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Sonntag, 3. März 2013
prinzessinnen und so
nach dem kiez-freitag mit dem dritten und der drittenfreundin gestern noch mal clubbing. unter anderem hatte sich das objekt angekündigt und ich hatte große lust, noch ein paar turbo-pheromone zu inhalieren.

doch schon am clubeingang hatte ich dieses komisch leere gefühl im bauch, das mir prophezeite, dass das objekt heute nicht da sein würde. wie fast immer hatte das gefühl recht. dafür waren aber k. und meine freundin h. sowie der architekt anwesend. kurze zeit später tauchten auch noch mr. shyguy und t. auf. ich war happy.

ich ging zum dj und gab eine ganze liste an wunschliedern ab, die alle gespielt wurden. zusammen mit t. absolvierte ich einen tanzmarathon. dabei fiel mir auf, dass ich t. eigentlich sehr attraktiv finde. weiterhin fiel mir auf, dass ich t. nun schon ein ganzes jahr kannte, ohne dass wir uns je richtig ausgiebig unterhalten hätten. das musste ich sofort ändern.

ich hatte glück, t. hatte ebenfalls gute laune und ließ sich dazu überreden, ein paar kurze mit mir zu trinken. t. erzählte von seiner neuen wohnung, seiner neuen fickbekanntschaft und seiner arbeit. irgendwann kamen wir auf das objekt zu sprechen und die wg, die t. und das objekt einst zusammen hatten.
"das war schon echt cool, bloß der kleine ist ja so nervig", meinte t.
"aber du arbeitest doch viel mit kindern", erwiderte ich.
"jaaa... das ist aber was anderes. zuhause brauch ich die nicht."
"das objekt sagte mal sowas in die richtung, dass du mit dieser situation nicht happy warst."
"ich war einfach nicht bereit, jedesmal den babysitter zu spielen, wenn das objekt breit wie ein eimer war."
dann erfuhr ich noch zwei, drei unschöne geschichten aus der vergangenheit, in der sich das objekt drogenbedingt vollkommen daneben benommen hatte. unter anderem hatte es sich eines schönen weihnachten unmengen mdma eingeworfen und die ganze nacht lang die bude gerockt. danach war es mit dem motorrad durch die stadt gerast und hatte einen unfall gebaut.
"der kleine hat die halbe nacht geheult und ich durfte am nächsten tag erstmal die wohnung aufräumen und dann für das objekt die scheiße mit dem unfall regeln", berichtete t.
"uiuiui. das ist ja richtig assig."
"kannste laut sagen."

ich fasste mir ein herz:
"wir haben ja nun überlegt, zusammen zu ziehen."
t. glotzte mich groß an:
"wie? das objekt und du?"
ich nickte.
t. zog die augenbrauen hoch:
"also spaß wirst du haben und das objekt ist schon ein toller mensch. aber eben auch echt schwierig, zeitweise. und ich würde mir gut überlegen, ob du das mit dem lütten aushälst. der ist anstrengend."
"ich weiß. aber wir verstehen uns gut, der kleine und ich."
"naja, ich mein ja nur. nicht, dass du sagst, ich hätte dich nicht gewarnt."
t. lächelte.
"ich habe auch schon überlegt, ob ich dann nicht zur mutti mutiere und für das objekt der freifahrschein werde, es so richtig krachen zu lassen", gab ich zu.
"naja, es ist ja nun auch schon vier oder fünf jahre her, dass wir zusammengewohnt haben", beschwichtigte t., "ich geh mal davon aus, dass er heute ne ecke vernünftiger ist."

neben t. und mir stand meine freundin h. und unterhielt sich mit einer blonden frau, die ich immer die prinzessin nenne. die prinzessin und ich sind erzfeindinnen - ähnlich wie das objekt und der architekt. ich hatte der prinzessin einst unwissend das subjekt ausgespannt, und die prinzessin hatte vor langer zeit mal einen one-night-stand mit dem objekt. zwar hatte das objekt behauptet, da sei nichts gelaufen, weil es besoffen gewesen sei und keinen mehr hochgekriegt hatte, aber der gedanke, dass die prinzessin mit dem objekt die roten laken geteilt hatte, gefiel mir nicht.

leider verstand sich die prinzessin nicht nur mit h., sondern auch mit t. und k. ganz ausgezeichnet.
"was findet ihr nur alle an der, das ist voll die schreckliche frau", maulte ich.
t. sah mich erstaunt an:
"die ist total nett! du musst die nur mal kennen lernen. die ist am anfang einfach... total zurückhaltend. deshalb wirkt sie vielleicht arrogant."
"die hasst mich. die hat mir nie verziehen, dass ich mal mit dem subjekt rumgeknutscht habe."
t. guckte amüsiert:
"mit wem hier hattest du eigentlich noch nichts am laufen?"
ich grinste frech zurück:
"mit dir!"
t. lachte.

ich konnte das lachen nicht deuten und wechselte lieber das thema.
"und du meinst also, die prinzessin ist okay?"
"die ist ne ganz liebe und hats eben auch nicht leicht. alleinerziehende mutter, schwieriger fulltimejob, arschloch-kindsvater..."
"hm."
in diesem moment setzte sich die prinzessin in unsere nähe.
"na los", sagte t., "deine chance!"
"was?"
"na, sprich sie doch mal an!"
ich guckte groß:
"wie?"
"sag doch mal was nettes zu ihr!" ermunterte mich t.
ich überlegte.
"mir fällt nichts nettes ein", meinte ich dann.
"zicke", grinste t.
"bin ich gar nicht! ich bin auch nett!"
"weiß ich doch", beruhigte mich t. "trotzdem biste manchmal zickig."
"ich bin ja auch eine frau bis in die fingerspitzen!" erwiderte ich.

die prinzessin hatte sich inzwischen wieder entfernt und einen bekannten um feuer angeschnorrt.
"na gut", sagte ich.
"was?" fragte t. zurück.
"ich sag was zu ihr. was nettes. aber das muss sich ergeben. ich kann ja nicht einfach zu ihr rüberlaufen und sie anschleimen. am ende fühlt sie sich noch angemacht!"
"das klingt doch nach einem plan", fand t. "und wer weiß, vielleicht werdet ihr am ende freundinnen?"
"das glaube ich kaum."
"warum denn nicht?"
"weil wir denselben männergeschmack haben."
"das ist doch schon mal eine tolle gemeinsamkeit", lachte t.

die letzten stunden des abends beschränkten wir uns wieder aufs tanzen. als die lichter angingen, waren k., t., h., der architekt, die prinzessin und ich die letzten im club. wir holten die jacken und gingen nach draußen in den hof. es dämmerte bereits.
"wow", sagte ich, "leute, guckt euch mal den himmel an!"
der horizont war in ein tiefes türkis getaucht, in das sich das orange der aufgehenden sonne mischte. dazwischen zogen überall schwarze wolken.
"geil", fand sogar k.

zum abschied nahmen wir uns alle in die arme und wünschten einander eine gute nacht. als ich der prinzessin gegenüber stand, konnte ich mich noch immer nicht zu einer umarmung überwinden.
"tschüß", sagte ich schüchtern.
die prinzessin sagte gar nichts und guckte weg. ich ärgerte mich einen kurzen moment. schließlich war sie die ältere von uns beiden und könnte mir in sachen menschliche reife auch ein bisschen entgegenkommen. ich vermutete, dass es noch länger dauern könnte, bis wir möglicherweise freundinnen werden würden.

dann schwang ich mich in den sattel und fuhr der morgendämmerung entgegen. zuhause brannten meine muskeln vom laufen, radfahren und dem tanzmarathon, und mit dem köstlichen gefühl totaler körperlicher erschöpfung kroch ich in mein bett und befand mich zwei minuten später im tiefschlaf.

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Samstag, 2. März 2013
politisch einkaufen
einkauf mit dem objektsohnemann in einer bekannten hamburger drogeriekette.

zuerst stehen wir bei der kosmetik. ich lege das waschgel einer naturkosmetikmarke ins körbchen.

der lütte fragt mich:
"warum kaufst du das, das andere da wäre doch viel billiger? oder macht das nicht so gut sauber?"
"ich kaufe das, weil das ohne tierversuche hergestellt wird", antworte ich. "sauber machen die alle."
der kleine denkt nach und fragt dann weiter:
"ist das, weil du auch kein fleisch isst?"
"nee. fleisch mag ich einfach nicht. aber ich bin dagegen, dass tiere gequält werden, nur, weil ich mein gesicht waschen will."
der lütte nickt anerkennend.
"ja, das ist ja auch voll gemein!"

wir ziehen weiter.
"warum kaufen dann die anderen frauen sachen, die von tierquälern hergestellt werden?" sagt der kleine laut und eine alte schabracke dreht sich irritiert nach ihm um.
"die meisten menschen nehmen das leid anderer in kauf, wenn sie dafür ein paar cent sparen können."
"aber vielleicht sind die ja arm", wagt der lütte einzuwenden.
"die meisten sind nicht arm, sondern einfach nur geizig", entgegne ich.

dann stehen wir vor den bio-brotaufstrichen.
"das schmeckt gut", sagt der sohnemann und zeigt auf eins.
"sollen wir das kaufen?"
der objektsohnemann überlegt:
"wird das auch ohne tierversuche hergestellt?"
ich muss mir ein schmunzeln verkneifen.
"ja, denke schon. da gibts ja auch nichts auf unverträglichkeiten zu testen. entweder es schmeckt oder es schmeckt nicht. sowas testen die menschen selber."
der sohnemann nickt und stellt das glas in den korb. ich sehe, dass der speicher in seinem kleinen kopf auf hochtouren läuft und noch immer die sache mit den tierversuchen verarbeitet.

dann stehen wir an der kasse. neben der kasse befindet sich ein behälter mit blauen windrädern. jedes kind bekommt eines davon von der verkäuferin überreicht.
"warum verschenkt die die?" will der sohnemann wissen.
"das ist eine form von werbung", erkläre ich. "der chef der drogerie will damit zeigen, dass das unternehmen familienfreundlich ist. wenn die kinder was geschenkt bekommen, denken die eltern, ach wie nett, hier kaufen wir gerne wieder ein. und kommen wieder und lassen geld da. und darum geht es dem unternehmenschef in wirklichkeit auch: der will nämlich nicht nett sein, der will möglichst kunden im laden haben und dabei viel kohle machen."
der sohnemann verfolgt die lektion mit weit aufgerissenen augen.
"das nennt man übrigens marketing", schließe ich die erläuterung.

ich schiele angestrengt auf den lütten und hoffe, dass das nicht allzu verwirrend war. der steht in sich gekehrt mit dem grübel-gesichtsausdruck seines vaters neben mir und starrt gebannt auf das kleine mädchen vor uns, das sein windrad in empfang nimmt.

dann sind wir an der reihe. als die verkäuferin kassiert und ich ihr das geld hinüberreiche, fragt sie den objektsohnemann:
"na? möchtest du auch ein windrad oder ist das nichts für große jungs?"
der lütte zögert kurz, überlegt und sagt dann mit in der schwarzen st. pauli-lederjacke stolzgeschwellter brust:
"nein danke, das ist marketing, das brauchen wir nicht."

die verkäuferin starrt mich verblüfft an. ich zucke die achseln und lächle freundlich, schließlich war das statement des kleinen nicht persönlich gemeint. aber es ist ein statement, das ich weder relativieren noch erklären möchte.

dann gehen wir durch die tür nach draußen und ich kann die blicke der spießermuttis hinter uns im nacken fühlen, die jetzt sicherlich die köpfe zusammenstecken und über meine potenziellen erziehungsmethoden, unseren bekleidungsstil sowie meine vermeintliche politische einstellung diskutieren.

draußen gibt mir der kleine die hand. wir grinsen uns verschwörerisch an.
"das hast du eben fein gemacht", sage ich lobend und er strahlt.

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kiez und liebe
nach einer nacht auf dem kiez weiß ich mal wieder: sehr viele menschen scheinen einer vollkommen artfremden spezies anzugehören.

sie ist dumm.
sie ist aggressiv.
und sie hat mindestens zwei promille.

mit dem dritten und der drittefreundin an meiner seite geht das aber. vor allem der dritte strahlt eine ruhe aus, dass man sich einrollen und sämtliche selbstverpflichtungen abgeben möchte. dass die beiden wieder ein paar sind, ist auch ein wenig meine schuld. da bin ich stolz drauf. es macht mich glücklich, andere glücklich zu sehen.

die drittefreundin meinte übrigens, ich sei einfach nicht ausreichend "spackenresistent". wohl wahr. ab und an verliebe mich sogar in den ein oder anderen.

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Sonntag, 24. Februar 2013
sucker
"bitte bitte bitte, nur ein stündchen, ich mag dich so doll und zusammen haben wir immer so viel spaß und du musst da auch niemandem in die fresse hauen, weil ich nur lauter nette leute kenne", jaule ich ins telefon, als die lederjacke anruft, um mir mitzuteilen, dass sie eine mittelohrentzündung hat und deshalb nicht mit in den club gehen kann.
"ach du liebes, ich habe fieber und echt schmerzen... sonst... kennst mich ja, ein paar bier gehen immer", erwidert die lederjacke lachend, wenn auch geschmeichelt. "nur eben heute nicht."
"jetzt weiß ich gar nicht, ob ich heute losziehe, wenn du nicht mitkommst", schmolle ich.
"doch! wehe, wenn nicht!" entrüstet sich die lederjacke. "wenn du schon unglücklich bist, dann vergiss die scheiße wenigstens mal für ein paar stunden und geh tanzen."
"hm", sage ich, total begeistert.
"du kannst ja vorher zu mir kommen. dann musst du später nur noch einmal über die straße."
die idee ist clever, da mich in heftigen depriphasen vor allem öffentliche verkehrsmittel, in denen man fremden spacken nicht entkommen kann, schrecken. wenn ich eine verabredung habe, habe ich allerdings ein wesentlich konkreteres freudiges event vor augen als wenn ich nur in den club gehe und nicht weiß, ob es dort nicht vielleicht richtig scheiße wird. das motiviert mich dann, die gut zwanzigminütige bus- und bahnfahrt doch auf mich zu nehmen.
"okay", sage ich. "ich muss mich nur noch hübsch machen. so in einer stunde, ja?"
"alles klar, ich mach dir schon mal einen tee mit", stellt mir die lederjacke, die eine perverse vorliebe für kamillentee hegt, in aussicht.
"ja, aber bitte earl grey", sage ich.
"sollst du haben. bis gleich!"

als ich bei der lederjacke ankomme, öffnet sie mir in trainingsanzug und mit verwuschelten haaren die türe. so kenne ich die lederjacke, die sonst sehr eitel und etepetete ist sowie laut eigener aussage an einem duschzwang leidet, gar nicht.
"du siehst toll aus", sagt sie zu mir, als ich aus meiner jacke schlüpfe, und zupft an meiner weinroten neuen bluse.
"du nicht", sage ich ehrlich und lache.
die lederjacke zeigt mir den stinkefinger und droht mit einer runde kamillentee.

dann sitzen wir bei der lederjacke im bett, kuscheln und zappen durchs fernsehprogramm.
"was ist denn nun eigentlich los bei dir? du sagtest, du warst diese woche krank?" fragt mich die lederjacke.
"hm", sage ich.
"willst du drüber reden?"
"naja, gibt nicht viel zu sagen. das war so wie in der zeit kurz bevor die depression akut war: tagsüber traurig, nachts angst und schlafproleme. nur diesmal ohne echte schlaflosigkeit, weil die medikamente ja so viel energie schlauchen. trotzdem hab ich viel zu wenig schlaf abbekommen und habe entsprechend mein serotonindefizit noch mal verschlimmert. letzte nacht hab ich erstmals wieder gut geschlafen, 13 stunden lang."
"und sonst?"
"naja, zu viel getrunken hab ich und mir spannende tablettencocktails reingezogen."
"mann!" die lederjacke schlägt mit der faust auf die bettdecke und ich zucke zusammen.
"tschuldigung", sagt die lederjacke, "aber das macht mich so wütend... das ist so scheiße... aber ich weiß ja nicht, wie man das abstellt."
"reg dich ab. ich werde nicht alt so, das ist mir schon klar."
die lederjacke guckt betroffen, sagt nichts und nimmt mich in den arm. dann verkündet sie:
"so! nun aber zum hauptteil des abends... vergnügen und zerstreuung!"
die lederjacke lässt zigaretten, kekse, chips und gummibärchen auf mich niederregnen und schmeißt anschließend einen lustigen film in den dvd-player.

als ich gegen eins von der lederjacke in den club wechsle, ist mir durch und durch warm. das ändert sich schlagartig, als ich den eingang passiere und mit den menschenmengen konfrontiert bin. ich drücke mich eine weile an der garderobe herum und versuche mir einzureden, dass ich gut aussehe und niemand bemerken wird, dass ich in wirklichkeit ein alien bin. ich atme tief ein, dann geht es rein und richtung bar. erstmal ein mädchenbier, so anstatt schnuller. und eine zippe zum festhalten in der anderen hand. na bitte. geht doch.

ich drehe zwei runden und mir begegnen einige bekannte gesichter in der menge. ich lasse mich umarmen, merke, wie das gefühl von fremdartigkeit und anspannung etwas nachlässt. ganz hinten in einer ecke dann entdecke ich das objekt, das sehr in sich gekehrt wirkend eine zigarette dreht. es hat nur einen stehplatz, kann den tabak nirgends ablegen und dreht daher mit einer hand. das ergebnis ist entsprechend krüppelig. das objekt zupft eine weile am papier und versucht den filter noch gerade zu richten, entschließt sich dann aber, dass nicht mehr viel zu retten ist und sucht nach feuer in seinen hosentaschen.

ich schleiche mich an und haue ihm auf den hintern:
"die hätte ja sogar ich besser hingekriegt", sage ich.
"morphine", nuschelt das objekt und will mich umarmen, wobei ihm die krüppelkippe aus dem mund fällt und von vorbeilatschenden füßen zertreten wird.
das objekt guckt bedröppelt.
"das war doch eh nichts richtiges", sage ich.
"nee, hast recht, war nichts richtiges... also diese umarmung, mein ich", lächelt das objekt und nimmt mich noch mal in die arme, drückt mich, bis mir die luft wegbleibt und begrabbelt dann meinen po.
dann versucht es, noch mal eine zigarette zu drehen.
"wirds denn gehen", kommentiere ich das gefummel.
das objekt lässt sich nicht ablenken.
"ich helfe ihnen nachher auch gerne über die straße", biete ich an.
das objekt presst den tabak an seine brust, um eine hand frei zu haben für den stinkefinger, den es mir zeigt. das ist schon der zweite des abends, zähle ich mit, entsprechend muss ich heute doch ganz cool rüberkommen.
"ich erinnere dich an neulich, als du den reißverschluss nicht mehr aufbekommen hast und ich dich aus deiner jacke befreien musste", kontert das objekt. "da wollte ich dir schon anbieten, dass du auch mutti zu mir sagen kannst."
"okay, mutti", erwidere ich und gebe dem objekt einen kuss.

das objekt hat die zigarette endlich fertig, legt den arm um mich und fragt:
"und, wie ist der abend heute für dich?"
"hm, weiß noch nicht."
"doch, das weißt du. eigentlich ist es ein guter abend."
"warum?"
"na guck dir mal die leute an..." das objekt schielt in richtung einer aufgeregt umherwatschelnden frau, die kurzhaarschnitt, eine strenge brille und eine komische handtasche trägt.
"allein wegen der handtasche kann ich dir genau sagen: gebärmaschine."
"naja, das ist eben eine, die sonst nie da ist und für die das hier wahrscheinlich sowas wie der tempel der verheißung ist..."
"das ist so der typ frau, die sucht einfach nur einen, der ihr ein kind macht... heute ist sie hier, nippt an ihrem stillen wasser und tanzt in ihren biederen klamotten wie ein pinguin und morgen erzählt sie dann ihren kolleginnen, boah, am samstag, da hab ich so richtig einen drauf gemacht."
wir kichern beide.
"wir sind fies", sage ich.
"na und", grinst das objekt. "macht doch spaß. über uns tratschen die leute sicher auch. die sagen, da stehen der hippie und die psychotante, die haben sich gesucht und gefunden. da ist das nur fair."

wir stehen herum und nuckeln an den bierflaschen. das objekt hat noch immer den arm um mich gelegt.
"achtung, achtung", stupst mich es mich dann an. "samenspender auf halb acht!"
ich gucke in die beschriebene richtung und sehe einen noch recht jungen typ, format bubi in turnschuhen, der sich der handtaschentussi nähert.
"ooooh... komm", wispert das objekt. "nimm ihn, nimm ihn... der arbeitet bestimmt in ner sparkasse und fährt nen vw kombi und zuhause hat er nen bausparvertrag und ne briefmarkensammlung, die er seit seinem zwölften lebensjahr vergrößert."
ich muss kichern und beobachte, wie die handtaschentussi den bauspartyp ziemlich herablassend abblitzen lässt.
"au, junge, das war schlechte recherche", kommentiert das objekt das geschehen. "die frau ist ein haifisch, da musste anders ran. da musste früher mit dem bausparvertrag wedeln, damit die gleich weiß, das kinderzimmer ist sicher."
ich verschlucke mich vor lachen an meinem bier.
"verstehst du, was ich dir sagen will?" fragt das objekt. "im vergleich zu solchen menschen sind wir so unendlich frei."
"das schon", erwidere ich. "hat aber auch nachteile. wir werden nie wertvolle mitglieder dieser gesellschaft."
"wenn du mal ehrlich bist, willst du das doch gar nicht. und irgendwann wird dich das auch überhaupt nicht mehr interessieren", verspricht mir das objekt. "du bist ne coole frau, du hast unheimlich viel auf dem kasten. du wirst sie alle in die tasche stecken, wenn du dir nur treu bleibst."

das klingt so fest und herzlich und überzeugt, dass ich mich für einen moment vollkommen happy und merkwürdig zweisam fühle. ich habe das bedürfnis, mich richtig anzukuscheln, weiß aber nicht, wie ich das kommunizieren soll und ob das dem objekt dann nicht zu viel wird. also fummele ich unsicher an seinen haaren und kommentiere den schiefen pferdeschwanz, bis das objekt mich offen anschaut, lächelt und dann sagt:
"los, komm her, das willst du doch."
es zieht mich zu sich heran, legt meinen kopf an seiner brust ab, hält mich fest und streichelt sachte meine haare, wangen und nacken. der barkeeper kommt vorbei und macht einen spruch, aber das objekt ignoriert das einfach und streichelt mich weiter.
"schmusekatze", sagt es.
"du musst sagen, wenn dir das zu viel wird, ja?"
das objekt lächelt nur, schüttelt den kopf und wiegt mich beruhigend wie ein kind. ich kann sein herz schlagen fühlen und stelle mich vor, wie dieses herz mein eigenes defibrillieren könnte. liebe ist ein energiespender. man könnte umarmungen verkaufen wie isotonische getränke. interessant, dass es dafür noch keinen markt gibt.

nach einer unendlichkeit lockert das objekt den griff ein wenig, streicht mir die haare aus dem gesicht und fragt leise:
"wie fühlst du dich?"
"das war schön", flüstere ich.
"du bist wie ein trockener schwamm, du brauchst so viel liebe", findet das objekt.
"ich will dich nicht nerven", sage ich. "ich weiß, ich bin zu viel, kein mensch kann das aushalten."
"du siehst das falsch", korrigiert mich das objekt. "was meinst du denn, dass mir das gerade nicht auch etwas gegeben hat?"
ich gucke groß.
"das war doch wunderbar symbiotisch", fährt das objekt fort. "ich hab deinen herzschlag gespürt, das war großartig."
ich weiß nicht, wohin ich gucken soll, nehme den letzten schluck bier aus meiner flasche und flüchte erstmal auf die tanzfläche.
nach einer weile tanzt das objekt neben mir, macht faxen und berührt mich dann und wann, um den zauberfaden, den es gesponnen hat, nicht reißen zu lassen. gegen halb fünf beschließt es, dass ich genug vom abend hatte und besser nach hause sollte, um eine ordentliche mütze schlaf zu bekommen.

draußen stürmt und schneit es. ich werde auf der fahrradstange bis zur bushaltestelle gefahren. dort verabschiedet sich das objekt umständlich und radelt durch den schnee davon.

ich stehe an der haltestelle, spüre die schneeflocken auf meinem gesicht schmelzen und merke, dass ich wirklich da bin, dass ich lebe und dass meine seele nicht wie sonst ein expandierendes vakuum ist. ich denke an das objekt und die lederjacke und die wärme steigt wieder in mir auf, weil es schön ist, dass es diese menschen in meinem leben gibt. diese und noch zwei oder drei andere.

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Samstag, 16. Februar 2013
warum ich single bin
clubbing. ich bin mit dem dritten mann verabredet, der zoff mit der drittefreundin hat und seine neue heimat für ein wochenende verlässt, um in hh ordentlich einen draufzumachen. ich habe dem dritten obdach angeboten, und als wir grinsend voreinander stehen, weiß ich, dass es schwer wird, nein zu sagen.
"ich bin heute nicht dein frustfick, damit das klar ist", positioniere ich mich.
"ich freu mich, dich zu sehen", erwidert der dritte indifferent und drückt und küsst mich.

das objekt ist ebenfalls anwesend. es hat ein sehr junges mädchen im schlepptau. ich erfahre, dass es eine praktikantin ist, die das objekt aus der klinik kennt. ich zähle eins und eins zusammen und spätestens, als das objekt der kleinen gegenüber die frauenverstehermasche auspackt, weiß ich, es kann sich nur um stunden handeln, bis das objekt einlocht.

der dritte ist ein wenig enttäuscht und meint, er hätte schon davon geträumt, dass wir beide heute das objekt mit zu mir nehmen könnten. das klingt verlockend, aber ich weiß, dass die chancen gegen null gehen, wenn ein mädchen anwesend ist, das 10 oder 12 jahre jünger ist als ich. mädchen bis ungefähr 20 sind des objekts besondere vorliebe, weil sie so schön einfach zu knacken sind und das objekt ohne zu hinterfragen anhimmeln.

"bist du immer noch single", fragt mich der dritte.
"ja", sage ich, "und das wird sich auch nicht mehr ändern. ihr männer seid doch alle arschlöcher."
"naja", sagt der dritte. "so 30 bis 40 prozent sind arschlöcher... würde ich sagen..."
"und der rest?"
"der rest sind vollidioten."
"nicht zu vergessen der anteil, der beides ist!"
"du bist ganz schön bitter."
"ich bin realistin."
"es gibt auch nette!"
"so ne wie dich, oder was?"
da schmiegt sich der dritte an meine schulter, aber ich kenne ihn zu gut, um nicht zu wissen, warum er heute abend hier ist.

am ende des abends sitze ich betrunken mit k. auf der einen seite des raums, und auf der anderen sitzen objekt, die praktikanten-tusse und der dritte mann. die körpersprache der drei ist überdeutlich, aber nach der grundsatzdiskussion von vorhin will ich sichergehen und frage nach.
"willst du jetzt heute tatsächlich bei mir pennen?", zupfe ich den dritten am ärmel.
"ja klar", sagt der.
"das sieht aber gerade ganz anders aus", entgegne ich.
"nein, nein", beschwichtigt der dritte, "wenn du gehen willst, pack ich meine sachen und wir brechen auf."
"du musst nicht."
"was denkst du denn von mir?"
"dass du die auch gerne ficken würdest."
"neee... du... das mit meiner freundin ist noch ganz frisch... ich liebe die immer noch... das könnte ich nicht."
"na gut", sage ich, nicht ohne misstrauen.

eine viertelstunde später sitzt das objekt halb beim dritten auf dem schoß und hat den arm um ihn gelegt, den anderen um die praktikantin. k. und ich gucken einander mit hochgezogenen augenbrauen an und harren der dinge, die da kommen werden.
"der schleppt die heute beide ab, das ist eindeutig", sage ich zu k.
"aber der dritte meinte doch vorhin, er käme mit dir mit?"
"ich verwette meinen arsch drauf, dass er das nicht tut. eigentlich weiß er das auch schon, nur dachte er vorhin, er ist besser mal rücksichtsvoll. wäre ja doof, wenn der fick doch nicht klargeht und er noch irgendwo einen schlafplatz braucht."
"du bist ungaublich desillusioniert, weißt du das? du denkst so schlecht von anderen menschen."
"okay, pass auf, ich wette 10 euro mit dir, dass er mit dem objekt und der ische mit will."
"einverstanden." k. schlägt ein.

ein paar minuten später gehen die lichter an und ich hole meinen mantel. abmarschbereit positioniere ich mich vor dem dritten.
da endlich erhebt er sich zerknirscht und meint:
"ich schlafe heute doch beim objekt."
"und das fällt dir jetzt erst ein."
"naja...."
"vergiss es. ich hab das kommen sehen. ihr solltet euch mal sitzen sehen."
dem dritten ist die situation mordspeinlich.
ich winke und sage nur:
"dann fickt schön. und nicht vergessen, gummi benutzen. sonst bist du auch bald vater."
der dritte weiß nicht, wohin gucken, und meint dann nur:
"mann. du weißt immer alles. dir kann man echt nichts vormachen."
"verkauf mich nicht für dumm, mein lieber. ich hab es dir vorhin gesagt: die einen sind arschlöcher, die anderen vollidioten. und beide denken mit dem schwanz. da nehme ich dich nicht aus und das objekt schon dreimal nicht."

dann umarme ich das objekt und wünsche auch ihm fröhliches ficken.
"ich bin mir noch gar nicht sicher, ob da überhaupt was geht", sagt es.
"mir kommen die tränen. guck sie dir an, das ist ne reife pflaume. die ist so weichgespült von deinem gelaber, die musst du nicht mal mehr pflücken, die fällt von alleine."
das objekt guckt irritiert:
"wie du redest."
"ich nenne die dinge beim namen. ich mag es nicht, wenn mir jemand theater vorspielt. und du willst mir ja wohl kaum vormachen, dass du dich in die kleine verliebt hast und dass ihr heute ganz romantisch händehalten und euch allenfalls zart küssen werdet."
das objekt ist verstummt und glotzt mich sprachlos an.
ich klopfe ihm auf die schulter.
"guten schuss", sage ich und ziehe k. mit mir aus dem laden.

draußen auf der straße streckt mir k. einen zehner entgegen.
"hätt ich nicht gedacht, dass du recht behälst", sagt er.
"doch, das war glasklar. ich hätte auch um 50 euro gewettet."
"dann hab ich ja mal glück gehabt, hm?"
"ohja!"
k. bleibt stehen und blickt mich an:
"kann das sein, dass du heute extrem auf krawall gebürstet bist?"
ich halte erstaunt inne.
"du wirkst jedenfalls ultra genervt", sagt k., "gehts dir nicht gut?"
und schwuppdiwupp habe ich tränchen in den augen und fühle mich ertappt.
k. nimmt mich in den arm.
"willst du heute bei mir schlafen? einfach nur zusammen einschlafen und ein bisschen runterkommen?"

das angebot rührt mich und ich muss aufpassen, dass ich nicht losheule. ich verstehe plötzlich meine stimmung und dass die aggression eine komische art von sehnsucht ist, die ich argumentativ noch immer nicht ganz totgekloppt habe: der märchenprinz, der niemals kommen wird, weil die realität nunmal kein gottverdammtes märchen ist.

k., der manchmal ungeheuer hellsichtig ist, ärmelt mich unter, zieht mich über die straße und dann die treppe in seine wohnung hinauf. im bett bin ich immer noch entsetzlich traurig, weil meine beweisführung mal wieder so verdammt gut aufgegangen ist.
"ich hätte mir gewünscht, dass du recht behalten hättest", sage ich zu k., der mich fest umschlungen hält und meinen nacken vorsichtig streichelt.
"ich meine, wie soll ich denn jemals jemandem vertrauen?"
k. kennt die antwort auch nicht, vielleicht stellt er sich dann und wann dieselbe frage. er ist nicht der typ mann, der solche gespräche führt, aber er ist da, warm, groß und wohlriechend, und ich schmiege mich in den kräftigen arm mit der stacheldraht-tätowierung, als könne der die schrecklichen gefühle abwehren.

während k. irgendwann schnarcht, liege ich noch lange wach. ich beobachte, wie das fahle morgenlicht durch die vorhänge kriecht und fühle mich wie der erste mensch, der erkennen musste, dass gott tot ist.

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Donnerstag, 7. Februar 2013
prinzipiell
während der papa in der küche steht und nachtessen macht, sitze ich mit dem objektsohnemann auf papas bett und diskutiere über spiele, die wir beide kennen.

"kannst du schach spielen?" fragt mich der lütte.
"prinzipiell schon, aber ich habe es nur sehr selten gespielt und es ist so lange her, dass man wohl sagen kann, ich bin im schach kein ernstzunehmender gegner."
"kannst du´s denn dann oder nicht", mault der kleine und zieht eine flappe.
"ich kenne so die regeln im groben, aber ich habe nie irgendwelche tricks gelernt."
"also kannst du´s NICHT", trompetet der lütte.
"im prinzip schon, wir könnten es durchaus spielen und für jemanden, der es gar nicht kann, sähe es sicherlich so aus, als könnte ich es, während ein schach-profi wie dein papa sich über meine züge garantiert kaputtlachen würde."

der sohnemann guckt, als hätte ich komplexe algebra-formeln von mir gegeben. dann wird es ihm offenbar zu dumm und er holt ein kartenspiel aus dem regal.
"kannst du das?" fragt er mich total genervt wie ein lehrer, der seinem zurückgebliebenen, faulen schüler eine letzte chance gibt.
ich muss schmunzeln und gucke auf die karten, uno, das habe ich auch schon sicherlich 18 jahre nicht mehr gespielt, doch ich glaube mich erinnern zu können, dass es im vergleich zu schach pipieinfach ist. ich nicke also und der sohnemann seufzt erleichtert, weil die abendgestaltung nun gerettet ist.

beim mischen fallen ihm die karten aus der hand und - angespannt vor hunger und müdigkeit nach einem langen tag - flippt er kurz aus und hat auch gleich tränen in den augen. ich ziehe das sich sträubende kind, das vom toben draußen noch nach frischer luft duftet, an mich heran und knuddle es, bis es sich beruhigt und mir die karten zum mischen gibt. ich kenne einen mischtrick, mit dem sich die karten in wenigen sekunden mischen lassen, und der sohnemann guckt fasziniert. dann gebe ich die karten aus.
"wie viele", frage ich.
"10", sagt der kleine, und als wir dann jeder zehn haben, "15!".
ich seufze und gebe noch jeweils fünf karten drauf.
dann geht es los. ich erinnere mich sofort: farbe auf farbe, oder zahl auf zahl und bei der letzten karte muss man "uno" sagen, sonst muss man neue vom stapel aufnehmen.

dann halte ich eine karte mit pfeilen in der hand und bin unsicher, was sie bedeutet.
"was bedeuten die pfeile?" frage ich.
"richtungswechsel", sagt der kleine, schon wieder genervt.
"also bin ich, wenn wir zu zweit spielen, noch mal dran, richtig?"
"jaaaaaaaaaa...."
ich spiele weiter und sage dann:
"ich hatte jetzt gedacht, das wäre die karte, mit der man die farbe ändern kann."
"nein!" der sohnemann lässt die karten sinken und sagt dann enttäuscht:
"du kannst das auch nicht richtig spielen!"
"doch, kann ich."
"nein, kannst du nicht! höchstens so... prinzipiell! aber nicht richtig!"
ich muss grinsen, weil ich es immer extrem süß finde, wenn der kleine meinen wortschatz adaptiert und ihn dann halbrichtig einsetzt.
"lass uns das zu ende machen und dann spielen wir revanche und dann verspreche ich dir, habe ich mich an alles erinnert und mach dich ratzfatz platt", schlage ich vor, aber plattgemacht werden will der objektsohnemann erst recht nicht, also verzieht er sich in die ecke des bettes, zieht die bettdecke bis zu den ohren hinauf und ist gnatschig, bis ich mein iphone aus der tasche ziehe und wir mein handy-spiel spielen, das der kleine so liebt.

als der papa ins zimmer kommt, sitzen wir einträchtig und aneinandergekuschelt im bett. das objekt lächelt und holt uns in die küche. es gibt einmal fleisch und einmal vegetarisch für mich.
"das hättest du nicht extra machen müssen", sage ich zum objekt.
"aber du magst doch kein fleisch, du bist doch vegetarierin."
"aber das ist hühnchen, das ess ich."
das objekt lässt verblüfft die gabel sinken und fragt dann:
"aber hühnchen ist doch fleisch?"
"naja, für mich eher nicht."
da mischt sich der objektsohnemann ein und meint:
"also isst sie kein fleisch, nur prinzipiell!
"hühnchen ess ich", verbessere ich. "ich weiß auch nicht, das ist für mich wie... wie eine pflanze."
"aber nur im prinzip!" schiebt der objektsohnemann noch mal nach. "weil eigentlich ist es keine pflanze."

das objekt guckt groß und verständnislos zwischen mir und dem sohnemann hin und her, bis ich mit den lippen lautlos "neues wort" forme und das objekt damit erleuchte.
dann essen wir zu ende. als ich die teller in die spüle stelle, huscht das objekt zum kühlschrank und verkündet:
"ich hab euch eine überraschung mitgebracht!"
der objektsohnemann kriegt glänzende augen und fragt:
"was denn?"
"ich hab nachtisch gekauft", sagt das objekt geheimnisvoll und hält die kühlschranktür zu.
"was denn, was denn", springt der kleine an seinem papa hoch.
"es gibt pudding mit sahne", verkündet das objekt da.
"oohhhh", sagt der sohnemann und setzt sich gleich wieder an den tisch.

"welche sorte willst du, vanille oder erdbeere?" fragt das objekt den kleinen.
da zieht der kleine wieder flappe und nuschelt enttäuscht:
"schoko, aber im prinzip vanille."
das objekt zieht die augenbrauen hoch. da es keinen schokopudding hat, stellt es den vanillepudding vor dem lütten auf den tisch und erdbeere an meinen platz.
"nein!" ruft der kleine da, "ich will keinen doofen vanillepudding!"
"du kannst auch erdbeere haben", sage ich, "ich brauche keinen pudding, ich bin sowieso satt."
"nein! ich will gar keinen pudding."
das objekt ist genervt, beherrscht sich aber und fragt dann ruhig nach:
"pass mal auf, aber du hast doch vorhin gesagt, du möchtest vanille?"
"ja!" weint der kleine jetzt lauthals, "aber doch nur im prinzip."

das objekt schaut etwas ratlos zu mir. ich versuche zu dolmetschen:
"ich denke, er meint, er mag am liebsten schoko, aber grundsätzlich auch vanille, nur heute nicht. stimmt das so?" stupse ich den kleinen an.
der nickt wild und schnieft.
"meine güte", seufzt das objekt. "und deshalb musst du jetzt heulen."
"jawohl!" braust der kleine wieder auf, "weil du verstehst gar nix!"

ich gucke zum objekt. an seiner stelle wäre ich spätestens jetzt ausgerastet. doch das objekt bleibt noch immer ruhig, denkt nach und fragt dann den kleinen, der noch immer schluchzt:
"kann das sein, dass du einfach nur müde bist?"
"nein!" schreit der sohnemann. "ich bin gar nicht müde!"
"doch", erwidert der papa fest. "im prinzip bist du sogar furchtbar müde und machst hier deswegen so ein theater. das finde ich scheiße, weil ich hab nämlich lieben besuch."
endlich, endlich beruhigt sich der kleine und gibt zu, dass er im prinzip doch ein kleines bisschen sehr müde sei, ganz prinzipiell zwar nur, aber prinzipiell genug, um sich vom papa über dessen breite schulter werfen und hinüber ins bett tragen zu lassen.

kaum, dass der kleine die matratze berührt, schläft er auch schon. das objekt macht ein kleines licht an, das den raum sanft und heimelig erleuchtet, weil der sohnemann nicht im dunkeln schlafen mag. dann schleichen wir zurück in die küche und rauchen und reden, bis ich sage, dass ich im prinzip ebenfalls müde sei und daher nach hause fahren würde. das objekt bietet mir an, dass ich doch im prinzip bleiben könne, aber ich weiß aus erfahrung, dass ein 1,60-m-bett für drei personen prinzipiell verdammt klein ist. außerdem strampelt und redet der kleine - ganz der vater - im schlaf, weshalb ich mich ständig erschrecke und aufwache. daher beschließe ich, nicht nur prinzipiell, sondern ganz praktisch und mit sofortiger wirkung nach hause zu radeln.

an der tür hält mich das objekt noch lange fest und sagt nachdenklich:
"manchmal macht mir der kleine angst, weil er genauso ist, wie ich als kind war: so wahnsinnig schnell verletzt und beleidigt, und immer hat er gleich den eindruck, dass er nicht verstanden wird."
"aber du machst das doch sehr gut", finde ich. "du bist so unheimlich geduldig und liebevoll. ich wäre da längst ausgeflippt."
"naja, ich will ja nicht die mittel meines vaters anwenden."
so viel andeutung liegt in diesem satz, dass ich innehalten und nachdenken muss, ob ich fragen kann oder darf, bis das objekt dann von selber sagt:
"die faust, meine ich, das war das mittel meines vaters."
da nehme ich das objekt noch mal fester in arme und küsse seine wange und schweige, weil es nichts zu sagen gibt.

schließlich fahre ich nach hause, satt, zufrieden, aber innerlich so bewegt, dass ich lange nicht einschlafen kann.

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