Samstag, 24. August 2013
gefickt
dafür, dass der neue mann in etwa die gleiche funktion bekleidet wie ich, kann er sich nicht nur eine knapp 80qm-wohnung in einem illustren viertel leisten, sondern auch ein auto. was für ein unterschied zu meinem bescheidenen leben. keine designermöbel, aber auch kein ikea-kram befinden sich in der wohnung. vieles ist baustelle. anderes second hand. wieder anderes selfmade. es hat stil. ich bin angetan. der mann hat geschmack.

wir sitzen auf dem balkon, essen falafel und unterhalten uns. ich lache viel, fällt mir auf. die anfängliche unerklärliche grundverachtung dem neuen mann gegenüber ist einer merkwürdigen ruhe gewichen. ich fühle mich wohl, muss ich widerstrebend zugeben. warum widerstrebend? ich frage mich und kann mir mich nicht erklären.

er ist hübscher als mein inneres bild von ihm. vermutlich hat auch das mit der grundverachtung zu tun, der unerklärlichen. aber es ist so. die positive überraschung ist jedesmal von neuem entwaffnend. ich kann nicht vor hass und wut sprühen. stattdessen muss ich grinsen und fühle mein aufgewühltes herz ruhiger schlagen.

ich bin fremd, noch immer. vor allem mit mir selbst. als mich der neue mann sanft, aber zielstrebig auszieht, kämpfe ich gegen eine enorme scham an. dann, wie aus einem impuls heraus, entfacht etwas eine zarte lust in mir. vielleicht ist es der schwanz. der passt wie schloss und schlüssel und erreicht meine erogenen zonen überdurchschnittlich gut.

der neue mann fickt zärtlich und langsam. das ist okay, aber nicht das, worauf ich eigentlich stehe. ich will das tier. ich will den krieger. ich will es rau, kraftvoll, impulsiv. selbstvergessen, träumend, archaisch.

zu viele unterbrechungen. schneller, langsamer, schneller, wieder langsamer. umständliche stellungswechsel. die zeit arbeitet gegen mich. nach rund zwei stunden fühle ich mich wund, unwohl und breche ab. der neue mann ist verunsichert, will wissen, ob ich enttäuscht sei. das ist eigentlich meine frage, finde ich und gebe sie zurück. er versichert mir, dass alles okay sei. ich hege leises misstrauen. spiele den erklärbär und versuche, meine gefühle in worte zu fassen. ich merke, dass ich latentes verwirren stifte, erkläre weiter und stelle fest, dass alles in noch mehr verwirrnis endet.

gegen drei uhr nachts ziehe ich mich hastig an und verdünnisiere mich. der neue mann äußert den wunsch, dass ich bleibe und wir zusammen einschlafen. ich bringe es nicht übers herz. zusammen schlafen ist eine heikle angelegenheit, außerdem muss ich in vier stunden wieder aufstehen, denn anders als der neue mann habe ich keine gleitzeit.

als ich endlich zuhause im bett liege, fühle ich mich keineswegs schlecht. ich schnuppere meinen eigenen duft und schlafe irgendwann ein. träume, dass ich zusammen mit lady m. in berlin ein klo suche. wie fast immer gibt es eine sequenz, in der ich das objekt suche. aber sie verläuft friedlich, ich treffe das traumobjekt am traumbahnhof, wo es mir sagt, hey, aber ich war doch die ganze zeit da.

als ich aufsehe und mich beim zähneputzen in den spiegel schaue, muss ich grinsen. immerhin ein erster, ausbaufähiger versuch. nicht schlecht für eine neofrigide zicke.

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Freitag, 16. August 2013
entertain us
in der u-bahn auf dem weg ins büro labert mich ein typ an, ob ich tätowiert sei. ich frage ihn, wie er da drauf kommt. er deutet auf die tribals auf meinem pulli. ich ziehe nur die augenbrauen hoch. intelligent geht anders. überhaupt ist der typ eklig: klein, alt, schlecht gepflegte zähne, komisches altkleider-outfit, komischer geruch.

aber er ist hartnäckig. er will unbedingt mit mir kaffee trinken gehen. als ich aussteige, steigt er mit aus, obwohl er ganz woanders hin wollte.
"ich muss jetzt arbeiten", sage ich, um ihn loszuwerden.
"wir könnten doch einen kaffee trinken gehen!" schlägt der typ vor.
"ich muss JETZT arbeiten!" betone ich.
"dann warte ich einfach."
ich glotze wie eine kuh wenn´s donnert. der typ zeigt, dass er das ganz wörtlich meint. er setzt sich auf den parkplatz vor der agentur. offenbar hat er nix besseres zu tun.
ich schüttle den kopf, gehe rein und sage nur noch kurz "tschüß". hoffentlich sitzt er nachher nicht mehr da.

zwei stunden später klingelt es. ich schicke den azubi vor, nicht, dass da der typ draußen steht. aber ich habe glück, denn es hat inzwischen angefangen zu regnen, was den typ wohl offenbar doch dazu bewegt hat, die belagerung abzubrechen. stattdessen finde ich zwei freundlich lächelnde ältere damen unter der tür, die mich fragen, ob ich hier wohne.
"gott bewahre", sage ich - obwohl es ja agenturen gibt, die ihren mitarbeitern luftmatratzen schenken, damit die arbeit durch schlaf vor ort ökonomischer wird - und gebe damit schon gleich die richtige gesprächsvorlage. denn die beiden mädels sind zeuginnen jehovas und drücken mir ihren wachtturm in die hände.

es geht um die schädlichkeit von pornografie. die tanten labern. ich nicke freundlich, obwohl ich überzeugte pornoguckerin bin, sehr gerne auch in gesellschaft eines erigierten schwanzes, damit frau an den schlüpfrigen stellen was zum festhalten hat. oder zum dran knabbern, wahlweise.

die beiden tanten fragen mich, ob noch jemand anderes im haus wohnt.
"ja, das sind alles schlimme schmuddelfilm-gucker hier", sage ich und zeige auf die nachbarwohnungen, denn da leben nur unfreundliche menschen, die uns ständig anschnauzen, weil wir die papiertonne zu voll machen oder im garten rauchen. diesen miesepeters und miese-uschis wünsche ich den wachtturm an den hals.
"sie sollten da unbedingt mal vorbeischauen... man könnte direkt sagen, hier wohnt die unzucht in person!", hole ich noch etwas weiter aus.
die beiden jehovas bedanken sich ganz herzlich und ziehen vondannen.
wieder wen glücklich gemacht.

zwei smsen. eine von der lederjacke, die unser wochenend-date absagen möchte. als ich ankündige, dass ich schnaps mitbringen könnte, will sie noch mal überlegen. so einfach kann man männer bestechen.

die zweite ist vom neuen mann. er geht heute auf party und fragt nach meiner tanzfreudigkeit. ich bin noch immer sehr glücklich, dass wir nicht den gleichen musikgeschmack haben, denn das erspart es mir, den neuen mann mit auf meine parties nehmen und ihn in mein exliebeskuddelmuddel einweihen zu müssen. anderseits macht mir die musikalische anspruchslosigkeit des neuen mannes schwer zu schaffen. ihm genügt es, wenn es fröhlich zugeht. ich brauche die richtige musik, die richtigen leute und das schwierigste: die richtige stimmung. ich schreibe ihm also zurück, ich müsse das spontan entscheiden. vielleicht gelingt es mir ja, mich zu feierabend mithilfe der letzten kräuterlieferung zu entspannen und auf einen sozialkompatiblen modus herunterzufahren.

der neue mann ist nicht sauer. er lässt mich einfach, obwohl ich den eindruck habe, dass er das meiste nicht versteht. aber er schnallt, dass er dann besser die klappe hält. das finde ich im prinzip positiv.

updates folgen.

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Montag, 12. August 2013
vertraut
mit dem neuen mann durch die schanze gezogen. kaffee getrunken, gegessen, geknutscht. arm in arm spazieren gegangen. stino-glückseligkeit.

und ja, es war schön. mein innerer widerstand schrumpfte mit jeder geste ein wenig. einfach, weil der mann sich inzwischen weniger... fremd anfühlt. keine wilden schmetterlinge, noch immer nicht. aber ein zartes gefühl von dankbarkeit. heute hat der mann gepunktet. mehrfach.

und das nach der letzten nacht. schwofen gegangen, objekt getroffen. ich hatte es zuvor angefunkt, ob es zufällig ein paar küchenkräuter übrig habe, um meiner schlaflosigkeit abzuhelfen. kaum hatte ich den arsch in der tür zum club, kam das objekt schon von der tanzfläche gestürmt und verkündete:
"papa hat medizin dabei!"
es schleifte mich zur garderobe, ließ sich seine jacke geben und kramte in den taschen. dann zog es ein kleines tütchen hervor. es fühlte sich warm und ganz weich an.
"riech mal dran! ganz frische ernte. da ist noch seeluft drin! das solltest du am besten noch ein wenig trocknen lassen."
aus dem päckchen strömte der bekannte duft.
"danke", strahlte ich. damit hätte ich ja im traum nicht gerechnet.
"wie viel schulde ich dir?"
"zwofünfundneunzig."
"hä?!"
"mann! lass die kohle stecken und komm!"

das objekt schob mich richtung bar und bestellte ein paar kurze.
wir stießen an.
"du bist doch schon besoffen", analysierte ich misstrauisch.
"genau der richtige pegel!"
der alkohol verursachte mir schon wieder sodbrennen.
"na komm, einer noch. was magst du haben?"
"hör mal, ich soll doch nicht so viel saufen mit den medikamenten!"
"warte mal!"

das objekt kam mit zwei schnapsgläsern mit brauner flüssigkeit wieder. ich ahnte fürchterliches, jägermeister oder so einen kram.
"hier!"
"ich trinke keinen jägermeister, das ist abartig."
"sollst du doch auch gar nicht. und jetzt runter damit!"
"nee du, echt nich, ich mag nicht mehr."
das objekt legte den kopf in den nacken und kippte sich den schnaps in den hals.
"jetzt riech doch wenigstens mal dran!"
ich schnupperte vorsichtig an der dunklen flüssigkeit, die kein bisschen nach jägermeister roch.
"das ist cola!" rief ich.
das objekt lachte sich halb tot, um dann wieder ernst zu werden und festzustellen:
"du hast kein bisschen vertrauen. du denkst, ich, der ich dich so gut kenne, würde dich zu etwas zwingen oder dir schaden wollen."
"du hast dir ja auch einiges verspielt", sage ich anklagend.
das objekt schlang den arm um meine taille, legte seine wange auf meine und lallte:
"na und? hab ich etwa angst vor dem schlägertrupp, den du mir auf den hals hetzen könntest, um deine sachen wiederzubekommen?"
"du hast sehr wohl die hosen voll, viel öfter als du zugibst. obwohl ich dir keinen schlägertrupp auf den hals hetzen würde, weil ich nicht sicher wäre, wie das für den schlägertrupp ausgeht."

das objekt lachte geschmeichelt, um dann zu säuseln:
"hey. denk nicht immer so schlecht von mir. ich bin auf deiner seite. du darfst auch papa zu mir sagen, wenn dir danach ist."
ich boxte das objekt in die seite.
"hör auf, dich darüber lustig zu machen. das war ein verdammt intimes geständnis."
"hey. ich weiß. und ich fand das mutig und schön. weil es ja auch bedeutet, dass du denkst, dass ich ein halbwegs guter vater bin."
ich musste lächeln.
"ja, bist du. du bist chaotisch, aber ich kenne niemanden, der seinem kind so viel vertrauen schenkt, es überall teilhaben lässt und es die welt so ohne angst entdecken lässt. und der kleine liebt dich nicht umsonst dafür."
das objekt umschlang mich und drückte mich wortlos.

als ich nach hause radelte, war es nach sechs uhr morgens, ich war happy, müde, hatte objektduft an mir und konnte mir nicht vorstellen, in einigen stunden mit einem anderen mann zu knutschen.

und tat es dann trotzdem.

manchmal lohnt sich das vertrauen in den kopf, dass er innerhalb von sechs stunden das herzgezeter wieder zu relativieren vermag.

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Samstag, 10. August 2013
wir sind ja nich so
beim klavierspiel gehört es zu den grundvoraussetzungen, linke und rechte hand möglichst unabhängig voneinander bewegen zu können. allerdings kenne ich niemanden, der dies derart perfektioniert hat wie behörden. das führte unter anderem dazu, dass mir jetzt knapp 600 euro fehlen, was bedeutet, dass mir für den rest des monats 21 tacken bleiben. wer mag, kann mir was spenden. ich sitz dann mal vorm rewe. sie erkennen mich am totenkopf-shirt, meinem grauen second-hand-mini und dem schild "hilfe, vom finanzamt abgezockt!".

aber eigentlich wollte ich ja ganz was anderes erzählen.

gestern ereilt mich nämlich die nachricht meines derzeitigen, ja, nennen wirs mal freund. sein vater liegt mit krebs im krankenhaus. mir rutscht das herz in die hose, ich denke, wie furchtbar für den armen vater, wie furchtbar für meinen freund. also rufe ich angesichts dieses notfalls stante pede an, maximal bewegt, maximal besorgt, und höre ein relativ cooles "is nicht so schlimm, kann man ja gut operieren" durch den hörer. und mir klappt die kinnlade runter.
medizinische möglichkeiten gut und schön. aber schnallt der eigentlich, dass sowas ein potenzielles todesurteil ist? dass der vater hier knallhart mit der endlichkeit menschlichen seins konfrontiert ist?
mein puls ist bei 180, vor mitleid und kurz darauf wegen so viel ignoranz.

eigentlich hatte ich ja beschlossen, mich einfach mal einzulassen. ist ja auch in ordnung, dass da jemand ist, der bei minimalreizen nicht gleich so an die decke geht wie ich. aber krebs ist krebs und vater ist vater, und selbst wenn ich meinen vater hassen würde, würde mich so etwas doch IRGENDWO betroffen machen.

bei unserem letzten date habe ich meinem freund auch endlich gestanden, dass ich nicht ganz so normal ticke. dass ich mit medikamenten lebe, die mich über den tag und vor selbstmord retten. für den kommentar "naja, so ein gehirn ist ja auch in der lage, sich selbst zu regenerieren" hätte ich ihn an die wand klatschen können. er hält meine depression für eine art kleinen, vorübergehenden seelenschnupfen. dass ich mich nicht ficken lassen wollte, hat ihn dann wesentlich härter getroffen. tja, mein freund. sex mit depressiven ist eine traurige angelegenheit, beziehungen aber auch.

um seine belastungsfähigkeit zu testen, war ich die letzte woche einfach mal ich selbst. eines miesen morgens, als ich im größten serotoninloch der letzten wochen erwachte, schrieb ich eine dramatische, suizidale sms, die ich normalerweise dem objekt geschickt hätte, das mir daraufhin umgehend den kopf zurecht gerückt hätte, notfalls mit gewalt. der neue mann ließ sich 12 stunden zeit, bis eine sms ankam mit den worten: "klingt ja nicht so schön, dann schlaf mal gut."

nunja. der mann ist normal. ein stino, der sich für das gegenteil hält. ein romantiker, der glaubt, romantik sei sexy. it´s killing me. ich bin auf 180. und gleichzeitig so angetan. dass er so verliebt in mich ist. dass er in einer so runden, komplikationsfreien welt lebt. dass er sich um morgen, ja noch nicht mal um heute gedanken macht. während ich mich jede minute frage, ob es sich eigentlich noch lohnt, den löffel in der hand zu halten und ihn nicht an der pforte zur hölle abzugeben.

ich möchte treten und um mich schlagen. ich möchte zärtlich sein. aber alles, was ich schaffe, ist den kopf an die wand zu knallen, bis ein teufelhorn durch die stirn wächst.

zumindest in sachen job scheint sich was zu tun. mein potenzieller neuer chef wird mich an diesem wochenende noch anrufen. wow.

ich halte sie auf dem laufenden.
thanks for listening.

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Montag, 5. August 2013
come closer, and let me go
das objekt hält sein versprechen und wir sehen uns vor dem club in der bar. das objekt gibt mir einen aus und setzt sich mir gegenüber.
ich habe ein bisschen angst, weil ich nicht weiß, wie ich anfangen soll. das objekt ist sehr ruhig, ernst und gefasst und meint dann:
"du, wenn ich was auf dem herzen habe, dann kann ich auch nicht gleich so frei raus damit. also lass dir zeit und wenn du rumstottern willst, tu es einfach, ich bin auch kein großer redner."
das klingt so lieb, dass ich noch verlegener werde, doch ich raffe mich auf:
"das lässt sich alles in drei bis fünf sätzen sagen, so schwierig ist das nicht."
"dann mal los", lächelt mir das objekt zu.
"naja, du erinnerst dich an unser treffen im märz, das war ja sehr schön, also zumindest für mich..."
"nicht nur für dich", wirft das objekt ein.
"da habe ich gemerkt, dass mir das zu viel emotion wird, von meiner seite."
"du meinst..."
"ich liebe dich und du liebst mich nicht, und das musste ein ende haben."
"aber..."
"sag einfach nichts."
"ich finde das sehr schön!"
"aber es führt doch zu nichts."
da blickt das objekt auf den tisch und meint:
"nein, da hast du wohl recht. weil in ein paar monaten ziehe ich mit der gespielin zusammen."

mich trifft die nachricht wie ein faustschlag, aber ich versuche, mich zu fassen und mein anliegen zum ende zu bringen.
"ich wollte dann mit dir abschließen und meine sachen zurück. du weißt, es geht mir nicht um dinge und ihren materiellen wert oder ums prinzip, aber es hätte mir geholfen, die dinge geordnet zu wissen. ich habe ja dein zeug auch nicht einbehalten. einfach, weil ich es nicht mehr in meiner wohnung haben wollte."
"ich hatte mich schon sehr gewundert", erwidert das objekt, "du warst sehr emotional, das kenne ich gar nicht von dir. und dass du so hartnäckig geblieben bist... du hast mich tierisch genervt, aber ich war auch fasziniert davon."
"und was hat dich gehindert, einfach mal drauf einzugehen?"
"ehrlich gesagt, hatte ich keine ahnung, was ich zu deinen nachrichten sagen sollte und es war mir auch nicht klar, was das mit dem sachen-zurückgeben genau bezwecken sollte. ich dachte, es geht dir vielleicht um den kontakt. und als du dann was von anwalt schriebst, ist mir auch die hutschnur hochgegangen. wo ist denn da bitte die verhältnismäßigkeit?"
"es gibt keine. ich hab dich gehasst. sehr sogar."
die objektaugen werden groß.
"so kenne ich dich gar nicht", sagt es zum zweiten mal an diesem abend.

wir reden uns unsere wut und ressentiments von der seele. das objekt legt auch ein paar gründe für sein verhalten auf den tisch: die fieberhafte wohnungssuche, weil ihm das wohnheim den vertrag gekündigt hatte, renovierung der jetzigen bruchbude zum neuen liebesnest, immer wieder zweifel an den zusammenzieh-plänen, ein urlaub mit dem sohnemann sowie die tatsache, dass er dem sohnemann sein handy geschenkt hatte.
"hätte mich der lütte nicht angerufen und gesagt, mensch papa, was hast du denn gemacht, die morphine schreibt was von anwalt, dann säßen wir hier gar nicht."
"kluges kind."
"naja, dann hab ich mein handy zurückgefordert und dachte mir so, hey, du denkst am ende, ich bin ein arsch, mir geht einer bei ab, deine situation auszunutzen..."
"genau das habe ich gedacht."
"dass du so von mir denkst!"
"es lag nahe. wenn man fünf monate lang nichts von jemandem hört, mit dem man nicht im guten auseinandergegangen ist, dann denkt man das."
"bei dir piept´s ja."
"weißte doch."
da muss das objekt lächeln.
"nein, du bist mir nicht egal, die situation war mir nicht egal, aber ich hatte keinen kopf dafür, mich damit auseinanderzusetzen. und ich wollte mich richtig auseinandersetzen, so wie heute, nicht dir einfach dein zeug irgendwo hin werfen und es damit gut sein lassen."

das objekt war ein freundlicher mensch, das musste ich ihm lassen.
"manchmal denk ich ja, ich bin zu nett", sagt das objekt aus dem zusammenhang gerissen. "aber ich finde, du hast es verdient, dass ich dich nicht ankacke. du hast es schwer genug."
"das hab ich ja schon ein paar mal gesagt, das ist deine gabe. du schenkst einem, wenn du mal da bist, so viel warmherziges interesse... so viel geborgenheit... und dann bist du wieder weg. das verletzt ungemein. auch der dritte sagte mir gestern, dass ihm das immer wieder wehtäte und er sich da nie dran gewöhne."
das objekt schweigt, denkt nach und fragt dann:
"was bin ich denn für dich?"
"hab ich lange drüber nachgedacht. wir hatten fantastischen sex, aber das ist es nicht. du warst mir in schwierigen situationen ein echter freund, aber das ist es auch nicht. nun bin ich drauf gekommen, dass du der vater bist, den ich mir gewünscht hätte. du kennst mich, ohne dass ich was sagen muss, du warst in entscheidenden situationen für mich da und ich hatte vielleicht zum ersten mal in meinem leben einen menschen an meiner seite, dem ich alles zumuten durfte und konnte und der mein totales vertrauen genoss."
ich warte darauf, dass das objekt mich auslacht, aber das tut es nicht.
"du hast dir jemanden gewünscht, der einfach nur für dich da ist."
"exakt. keiner, der mich fickt. du wärst der erste mensch gewesen, mit dem ich vielleicht gerne alt geworden wäre."
da nimmt das objekt meine hand und sagt gerührt:
"danke. das hat mir noch nie jemand gesagt. danke für deinen mut, das war gerade wahrscheinlich nicht leicht für dich."

wir schweigen, rauchen, leeren den zweiten drink. dann fragt das objekt:
"und was wünschst du dir jetzt?"
ich überlege:
"das kann ich dir schwer sagen. dieses gespräch hatte nicht das ziel, irgendwas zu definieren. ich weiß nicht, ob wir noch befreundet sein sollten. ich hatte ja geschrieben, dass, wenn ich dich loslasse, uns nichts mehr hält. ich meine, ich merke, dass ich dich immer noch unheimlich mag, aber, ob du willst oder nicht, du bist ein teil meiner depression. du hast versucht, mir zu helfen und ich habe dich als fluchtpunkt missbraucht. du hast mir nährboden für illusionen gegeben, die unhaltbar waren. und ich kann dir nicht vorhersagen, wie ich mich künftig auf dich beziehen werde."
das objekt schaut betroffen in die unbestimmte ferne und schweigt.

gegen zwei ziehen wir weiter richtung club. vor der tür nimmt mich das objekt bei beiden schultern und sagt eindringlich:
"morphine! egal, wie du dich entscheidest: du bist mir nicht egal. und ich will, dass du weißt, dass du mich immer ansprechen kannst, egal, was du auf dem herzen hast. ich weiß, ich habe mich nicht immer richtig verhalten und es tut mir leid."
"mir tut´s auch leid."
da zieht mich das objekt in seine arme und hält mich für einen moment sehr fest.
"komm, lass uns reingehen", sagt es dann.

drinnen sind alle meine freunde anwesend, es ist überhaupt brechend voll und eine tolle stimmung. aber ich stehe außerhalb, hab das objektgespräch im kopf und gehe kurze zeit später nach hause, ohne mich zu verabschieden.

zuhause wartet die püppirella auf mich. während ich sie streichle, fallen meine tränen auf ihr fell und sie springt entsetzt zur seite. ich muss ein wenig lachen und dann doch wieder weinen, also nehme ich die katze mit ins bett, bis ich mich beruhigt habe und dem plüschmonster langweilig wird.

die letzten tränen versickern im kopfkissen. dann schlafe ich ein und träume, dass ein zug auf mich zurast und ich mich in eine mulde neben den gleisen kauere, während die waggons bedrohlich nah und laut an mir vorbeirauschen.
aber ich überlebe, irgendwie. auch als ich später erwache, bin ich noch immer ein atmendes, lebendiges wesen auf dem weg nach irgendwo.

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Samstag, 3. August 2013
come closer, i´m a friendly person.
gestern rückten der dritte und die drittefreundin an und besuchten mich. wir mixten ein paar drinks und unterhielten uns prächtig. die drittefreundin versuchte, sich mit meiner püppi zu befreunden, während dem dritten von einer 1,5-liter flasche wodka energy schlecht wurde und ich noch mal eben nachts um eins essen auffahren lassen musste, um seinen kreislauf zu retten. gegen halb zwei beschlossen wir dann, zu einer party aufzubrechen.

"ich muss dich noch warnen", sagte der dritte. "heute wird jemand ganz bestimmtes da sein."
mir fiel das gesicht runter.
"das objekt etwa?!!"
"ja", sagte der dritte kleinlaut, "wir sind verabredet. ich hoffe, du bist jetzt nicht sauer? ich weiß ja, was zwischen euch in letzter zeit so abgegangen ist..."
"nee, das ist ja in einem großen club, ich geh euch einfach aus dem weg", sagte ich mit vorgetäuschter coolness.

dann zogen wir los. der dritte verkündete in der bahn freudig, dass das essen seine wirkung getan hatte und er sich wieder fit fühlte, während mir zunehmend übel wurde. als wir den eingang des clubs passierten, klammerte ich mich an den arn der drittefreundin und zerrte sie erstmal zur bar. einen ermutigungdrink bitte. bei 35 grad im schatten war das ja wohl auch legitim!

kurze zeit später begegnete ich dem objekt, das den dritten gesichtet hatte und gerade auf ihn zustrebte. es starrte mich an, schlich dann aber mit eingezogenem kopf weiter. aha, also wieder ignore-modus. ich leerte meinen drink und zog mich schwindelig in den raucherbereich zurück, wo ich einen bekannten traf, mit dem ich mich unterhalten konnte und der mich überredete, ihn ende august auf ein festival zu begleiten.

irgendwann, als ich wieder alleine dasaß, bemerkte ich, dass das objekt den raucherbereich betrat. ich spürte ohne hinzusehen, dass es mich ansah und überlegte. bitte bitte, geh, flehte ich still, kein smalltalk. doch da kam das objekt schon auf mich zu. klar, dachte ich bitter, heute ist es ja auch ohne bewachung.
als es vor mir stand, sah ich vorsichtig hoch.
"guten abend, morphine", sagte das objekt förmlich, aber freundlich.
ich glotzte, dann flüsterte ich:
"hi."
das objekt sah mich herzzerfetzend offen an.
"du, morphine, ich hab heute so deine sachen zusammengepackt... der dritte hatte mir gesagt, dass er und die drittefreundin dich heute besuchen und dass ihr hierherkommen würdet. ich bin also losgefahren und da hab ich dann gemerkt, scheiße, ich hab den beutel mit deinem zeug vergessen."
ich starrte das objekt wortlos an, überrascht und irgendwie schockiert. das hatte ich ja nun gar nicht erwartet. hatte ihn der dritte etwa zusammengefaltet?
"jedenfalls, es tut mir leid", sagte das objekt und ich spürte, dass es damit sowohl die vergessenen sachen als auch das ganze chaos dahinter meinte.

ich wartete auf einstürmendes gefühl, das mir zurufen würde, los, wirf dich dem objekt in die arme! sei ihm gut, er hat sich doch entschuldigt! doch es passierte nichts. vielmehr war mir das objekt fremd und ich merkte, dass ich ihm keine zwei zentimeter über den weg traute.

das objekt guckte lächelnd, erwartungs- und hoffnungsvoll. ich glotzte zurück, müde, leer und wortlos.
nach einer weile wurde es dem objekt unangenehm:
"ähm, ich wollte eigentlich auch nur eine rauchen", haspelte es, "also ich mach das jetzt mal und lass dich in ruhe, ja?"
ich nickte stumm und das objekt verzog sich.

ich ging richtung tanzfläche und sah dem dritten beim abhotten zu. dann bemerkte mich der dritte und kam zu mir.
"hast du dem objekt gesagt, es soll mit mir reden?" fragte ich ihn.
"nee", antwortete der dritte und lächelte entschuldigend, "hätte ich aber sicher noch gemacht!"
"naja, es kam vorhin zu mir und meinte, es hätte meine sachen mitbringen wollen. hattet ihr da vorher drüber geredet?"
"nein, das kam wohl von ihm aus."
ich staunte bauklötze.
"du", sagte der dritte, "das kannst du dem auch zutrauen. der war nur die letzten wochen und monate total durch wegen seinem umzug."
ich riss die augen auf.
"umzug?"
"ja, der hat ne wohnung. wieder mehr richtung altona."
ich starrte den dritten an:
"das heißt, er lebt jetzt mit der gespielin zusammen?"
"nee", sagte der dritte, "der wohnt da allein. das zusammenziehen hat er schon längst wieder verworfen."
ich konnte nicht umhin, mich erleichtert zu fühlen.
"das ist übrigens ne ganz billige bruchbude", informierte mich der dritte. "ganz schrecklich sieht das da aus."
"hm", sagte ich, dachte aber, find ich gut. bruchbudiges wohnen passte zum objekt.

gegen vier wurde ich müde. das tat mir leid, da ich eigentlich bis sechs uhr bleiben und den dritten und die drittefreundin noch zum bahhof bringen wollte. aber mir war schwindelig von der hitze, außerdem war ich unangenehm verschwitzt und sehnte mich nach einer dusche.
ich fand meine beiden gäste beim objekt stehend. drehen wir noch eine runde, vielleicht geht es ja weg, dachte ich, aber der dritte hatte mich schon entdeckt und winkte mich fröhlich heran. so standen wir erstmal wieder zu viert da. die drei strahlten mich an und ich fühlte mich sehr mies.
"ich geh nach hause, ich bin müde und fühl mich nicht so gut", sagte ich beschämt.
die drittefreundin zog mich zu sich heran.
"besuchst du uns mal?"
"klar, darüber habe ich ja auch erst kürzlich mit der objektexfreundin diskutiert. sie würde mich mitnehmen und dann fahren wir runter nach hannover."
"oh fein, das wäre ja toll!" jubelte die drittefreundin. "ihr könnte dann natürlich bei uns schlafen."
"ein hotelzimmer hätten wir uns auch nicht genommen", grinste ich.
das mit der objektexfreundin hatte ich ganz bewusst in objekthörweite gesagt. ein bisschen rachsuppig war ich ja auch.
anschliend nahm ich den dritten in die arme und ließ mich fest knuddeln.

dann stand mir das objekt gegenüber und ich grübelte, wie ich mich verabschieden sollte. wir starrten uns an, und ich merkte, das objekt hätte sich gewünscht, mich in den arm zu nehmen.
ich wollte nicht. ich konnte nicht.
ich wollte auf der stelle nachhause.
also drehte ich mich um und ging einfach, ohne tschüß zu sagen. das objekt blieb böse getroffen dreinschauend zurück. aus den augenwinkeln sah ich, dass der dritte ihn in den arm nahm.

an der tür kam die reue. ein tschüß hätte selbst er verdient, das war so verdammt unhöflich, meckerte mein besseres ich mit mir. du willst doch keine feindschaft mit ihm. sondern einfach nur frieden und ruhe!
ich radelte nach hause und war unzufrieden mit der situation. ich duschte und legte mich ins bett und konnte nicht einschlafen. irgendwann stand ich wieder auf und tippte eine sms, in der ich mich entschuldigte und dem objekt erklärte, dass ich mit smalltalk in der augenblicklichen situation nicht klarkäme. hoffentlich liest er die nachricht überhaupt und ist nicht total sauer, dachte ich, bevor ich endlich wegdöste.

heute mittag erwachte ich, weil mein handy klingelte. es war das objekt. der erste anruf seit unserem wunderbaren date märz. ich war mit einem schlag hellwach und das herz schlug mir bis zum hals.
"morgen morphine", nuschelte das objekt. "ich hoffe, ich hab dich jetzt nicht geweckt, aber ich hab über so viel nachgedacht und konnte nicht mehr schlafen und dachte, ich muss jetzt mal mit dir reden."
"hast du meine sms gelesen", bibberte ich.
"klar", sagte das objekt, "und das ist ja auch in ordnung."
ich atmete erleichtert aus.
"hör zu, ich muss heute nachmittag was mit meinem sohn machen, aber wenn ich abends wieder zuhause bin, würde ich gerne was mit dir unternehmen."
mir rutschte das herz in die hose.
"hier bei mir um die ecke gibt es eine kleine bar, und wenn du magst, können wir uns da treffen und was trinken und reden."
das herz zuckte in meiner hosentasche und signalisierte mir, dass es gleich zu schlagen aufhören würde.
"okay", wisperte ich.
"schön", sagte das objekt und klang sehr erleichtert und erfreut. "ich ruf dich noch mal an, wenn ich wieder zuhause bin und dann machen wir eine uhrzeit aus, ja?"
"okay", sagte ich abermals.
"dann bis später."

fortsetzung folgt.

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Montag, 29. Juli 2013
urlaub vorbei
viel in die heiße luft geguckt.

geknutscht. mit hafenblick. ohne verliebt zu sein. aber das haben wir ja erwartet.

zweimal das objekt getroffen. sehr freundlich empfangen worden mit dem angebot einer aussprache. sogar umarmt worden. keine emotionen meinerseits.

pläne für august:

1. die gf überzeugen, mich zu kündigen.

2. den neuen mann ein bisschen lieben lernen.

3. schreiben, schreiben, schreiben.

vielleicht besucht mich die werte lady m. dann wird der august sowieso fantastisch.

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Dienstag, 23. Juli 2013
surreales pärchendasein im anfangsstadium
er ist der einzige wirklich attraktive und interessante mann, denke ich mir, als ich (mich) mal wieder auf einer party (lang)weile. groß, gepierct, tatöwiert. ein böser junge mit einem warmherzigen lächeln, irgendwo zwischen punk und raver. nur erwachsener, drüber hinaus.

er hat eine blonde frau an seiner seite, die ihm das ohr abquatscht. ich gucke hin und gucke weg und WEIß plötzlich, da wird was passieren. 10 minuten später steht er an meiner seite, gibt vor, mich zu kennen, um dann scheinbar überrascht festzustellen, dass ich ihm gänzlich fremd bin - ui, eine verwechslung, wie blöde, wie überraschend.

ich grinse in mich hinein, erkenne den versuch der anmache und bin gespannt, wie er sich weiter macht. doch er macht sich gut, meine langweile ist angenehm spannungsreich durchbrochen.
"hat deine frau nichts dagegen, wenn du dich solange mit mir unterhälst?" frage ich zwischendurch und piekse auf den vermeintlich wunden punkt.
"das ist nicht meine frau", sagt der fremde mann mit blick zur seite auf die blonde. "die hängt mir schon den ganzen abend am rockzipfel."

ich bekomme nicht mehr viel mit, weil ich irgendwo auf einem pillen-alk-high dahinfliege, schaffe es aber noch, ihm die telefonnummer abzuquatschen.
"ich steh auf verbindlichkeit", säusle ich, "wenn du nur so ein ficker bist, kannste dir das meinetwegen auch gleich sparen, dass du jetzt nach deinem handy suchst."
ich bin arrogant für zehn mann, denke ich dann, aber das ist okay. ich will das premium-filetsteak, darunter habe ich es viel zu lange gemacht.

zuhause stelle ich fest, dass ich mich weder an seinen namen noch an seinen beruf erinnern kann noch daran, woher er kommt. doch schon am nächsten tag meldet er sich. es folgen smsen, die schon fast als briefe durchgehen. er mag meinen humor. das ist schon mal etwas, finde ich.

wir wollen uns wiedersehen und verabreden uns für ein nächtliches strandpicknick. zwischen cocktails und leckereien kommen wir irgendwann auf das thema liebe zu sprechen. der mann hat eine 10-jährige beziehung hinter sich: "wir hatten ein haus zusammen vor den toren hamburgs... ein großes grundstück mit viel garten...", erzählt er, und ich denke schon, spießer, kannst gleich gehen, das passt nicht, bis er plötzlich lacht und sagt: "der nackte alptraum. ich habe gelebt als wäre ich 50, bin fett und faul geworden, habe meine freizeit vor dem fernseher verbracht und nicht gemerkt, wie kreuzunglücklich ich eigentlich war."

"kenn ich, das gefühl", kann ich einsteigen und berichte aus meinen letzten beziehungsversuchen zwischen kifferhöhle und bürgerlicher pseudoidylle. dabei beobachte ich, wie sein arm unauffällig näherrückt, checkt, wie viel geht, dann lasse ich mich unvermittelt hineinsinken und küsse drauf los.

er findet mich strange und schön und mag es, wie ich küsse. ich fühle mich derweil unwirklich und absurd. wann habe ich das letzte mal mit einem mann so kennenlerngeknutscht? das musste vor zwei jahren mit k. so gewesen sein. aber es ist gut, irgendwie, auch wenn ich neben mir stehe und die situation ungläubig bis misstrauisch beobachte.

gegen halb sechs uhr morgens stehen wir in eppendorf herum und wollen uns noch immer nicht recht trennen.
"oh mann, in zwei stunden muss ich wieder aufstehen und in die agentur", seufzt der mann.
"du arbeitest in einer agentur?"
holla die waldfee. da habe ich mir einen quasikollegen geangelt.
"ich muss jetzt auch nach hause, die dicke katze wartet auf mich", sage ich pflichtbewusst.
"cool, ich hatte auch mal eine katze. war ne tolle zeit", erinnert sich der mann.
"ja dann", sage ich und winde mich aus der umarmung.
"ja dann", sagt der mann, und: "ich frage dich jetzt mal lieber nicht, ob du mit zu mir kommst."
"das wäre eine schlechte idee", sage ich. "ficker hatte ich genug."

zuhause liegt die pupsi vor dem ventilator, alle viere von sich gestreckt. ich gebe ein bisschen geknutschtwordensein weiter und die pupsi klettert mit mir ins bett. ich schlafe ein, zu positive vibrations mit lautem hintergrundschnurren. noch einmal plingt das handy. der mann schreibt: "scheiße, ich fühle mich total surreal, das war so alles überhaupt nicht geplant", und ich grinse mich in den schlaf.

mal sehen, was da noch kommt.

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Mittwoch, 17. Juli 2013
spaß mit airberlin
flughafen hamburg. ein spätabendsflug. ich sitze mit businessonkels und shortstragenden urlaubern mit semilustigen strohhüten an meinem gate und will bloß schnell weg. mit airberlin.

wir sind 15 minuten zu spät dran. dann endlich boarding, ab in den bus und hinaus aufs rollfeld. als wir aussteigen, traue ich meinen augen kaum: da steht eine winzige altweiße propellermaschine, scheinbar direkt aus den 70er jahren, ohne erkennbares fluggesellschaften-logo. ein erster möglicher eindruck: hierbei handelt es sich um eine inoffizielle maschine, die, sobald wir in der luft sind, vom flugradar verschwindet, um uns nach afghanistan zu verschleppen, bevor unsere familien eine woche später fiese erpresserschreiben erhalten.

an der tür stehen allerdings zwei süße blonde, große jungs, nicht älter als 20. es sind dänen. zum ersten mal in meinem leben fliege ich mit stewards und nicht mit stewardessen. sie sagen höflich "good evening", was mich irritiert. bin ich hier überhaupt richtig? ist dies wirklich ein innerdeutscher flug?

wir kriechen in den flugzeugkörper, denn aufrechtes gehen ist nur denjenigen möglich, die kleiner als 1,65m sind. drinnen gibt es noch mehr schäbiges weißes plastik, vergilbte sitzbezüge und einen konsequenten mangel an jeglichem komfort. ich bete, dass ich nicht auf klo muss.

die sitzreihen sind so eng, dass ich meinem vordermann theoretisch die knie über die ohren hängen müsste. ich brauche eine weile, meine beine maximal kompakt zu verknoten, ohne dass der blutfluss dabei unterbrochen wird. mein sitznachbar lächelt mich schmierig an. schmierig ist übrigens auch genau das attibut, das auf die fenster zutrifft: die scheiben wirken, als hätte jemand mit einem mayonnaise-sandwich drauf rumgerubbelt. obwohl ich gerne beim fliegen aus dem fenster schaue, werde ich diesmal jegliche berührung mit der scheibe peinlichst vermeiden.

dann höre ich das vertraute "boarding completed" und die tür wird geschlossen. steward nummer eins hängt sich an einen altweißen, schäbigen hörer. die lautsprecher beginnen bedrohlich zu rauschen. zwischen lautem rascheln und knacken verstehe ich einige englische wortfetzen. vorne stülpt sich steward nummer zwei die schwimmweste über. ich höre "pull" und noch ein paar verben. aha, die sicherheitsinstruktionen. ich sehe mich kurz vor meinem geistigen auge, wie ich durch eine afghanische felsenformationen krabbele und mit "wolle schwimmweste" versuche, den einheimischen ein wenig nahrung abzuverhandeln. der schwimmwesten-steward grinst derweil belustigt. er weiß vermutlich, dass uns die schwimmwesten in afghanistan auch nichts helfen werden.

die propellermaschine gewinnt mühsam an höhe. der ganze flugzeugkörper vibriert und wackelt, es ist ein höllenlärm. alles, was man hin und wieder noch hört, ist das überlaute "pling", mit dem die raucher-blinksymbole über uns scheinbar unkontrolliert an- und ausgehen. ich kriege ohrendruck und augenflimmern, und auch mein schmieriger sitznachbar krallt sich angespannt in seine oberschenkel.

die getränke werden aufgefahren. weil ein herkömmlicher servierwagen nicht durch den gang passen würde, muss steward nummer eins vorweggehen und die snacks verteilen. er hält mir "sweet or salty" vor die nase und ich muss kichern, weil ich einen moment an "süßes oder saures" denken muss, dann entscheide ich mich für die chips - hab ich wenigstens gleich ein geiles souvenier für die püppirella. steward nummer zwei eiert mit den getränken hinterher. um die wünsche der fluggäste verstehen zu könne, muss er sich tief in die sitzenreihen hineinbeugen und den gästen das ohr vor den mund halten. dann kommt er zu mir. ich schreie, so laut ich kann, "tomatoe juice" in das mir dargebotete ohr. oh wunder, der steward versteht sofort und reicht mir einen becher mit lauwarmem tomatensaft, dazu salz und pfeffer.

obwohl mein schmieriger sitznachbar ein eher kleinwüchsiges männlein ist, hat er beim herunterklappen des tischchens dasselbe problem wie ich: der 90-grad-winkel ist nahezu unerreichbar. immerzu sind die knie im weg. schließlich speizt er die beine um das tischchen herum und erreicht so eine halbwegs gerade fläche, während ich entnervt aufgebe, den becher zwischen meine knie klemme und meinen saft mit salz und pfeffer vermische. mein sitznachbar grinst ein wenig, aber das grinsen vergeht ihm mit dem nächsten luftloch, als das tischchen sich selbst kurz einklappt und meinen sitznachbar in bier badet. weil ich aber so ein nettes wesen bin, reiche ich dem schmierigen typ ein taschentuch, schließlich kann man nie wissen, ob solidarität gemäß dem do-ut-des-prinzip später im entführercamp nicht doch eine lebensrettende rolle spielen wird.

nach gut einer stunde stelle ich fest, dass wir über einer stadt kreisen. ich vermute, dass es sich um mein reiseziel handelt, kann es jedoch nicht mit sicherheit sagen. ich halte nach den bekannten hohen punkten wie businesstower und fernsehturm ausschau, kann aber durch die mayonnaise-fenster nichts erkennen. dennoch komme ich zu dem schluss, dass wir uns definitiv in der zivilisierten welt aufhalten, da es da unten autobahnen und lichter gibt.

alles wird gut. wir landen unerwartet sanft. ich entknote meine beine und schlängle mich mit den anderen passagieren aus dem flugzeug. aufatmen. wir werden dann subito mit dem bus richtung flughafen geshuttelt und eilen lemmingherdenartig in richtung baggage claim.

am gepäckband stehe ich mit einer immensen horde kurzhosiger, sonnenbebrillter schlappenträger und kreischenden kindern. die waren mir im flieger irgendwie gar nicht aufgefallen. auf dem gepäckband türmen sich hartschalenkoffer und surfbretter. interessant, denke ich, wusste ich doch nicht, dass man in hamburg surfen gehen kann.

mein koffer kommt nicht. auch nach 20 minuten, als die meisten schlappenträger schon durch den ausgang gewatschelt sind, warte ich noch. kurz bevor ich mich beschweren gehen will, klärt ein blick nach oben das missverständnis auf: ich warte am gepäckband "korfu". ein blick weiter nach hinten in die halle offenbart ein vollkommen verlassenes gepäckband mit der aufschrift "hamburg", auf dem einsam mein koffer seine runden dreht. offenbar haben das geschüttel und der krach im flieger irgendwelche hirnfunktionen bei mir durcheinandergerüttelt und meine aufmerksamkeit zerstört. danke, airberlin.

dann stehe ich endlich draußen. ruhe. kühle, frische nachtluft. und meine lieben, die mir vom parkplatz zuwinken.

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Samstag, 13. Juli 2013
kettensägenmassaker im schrebergarten
ich wohne relativ idyllisch. im "park", wie der objektsohnemann das immer gerne nannte. nunja, also es gibt wiese und bäume und blumen und daneben jede menge schrebergärten. wenn meine türkischen nachbarn nicht gerade ihre traditionellen gesänge anstimmen, herrscht hier ruhe (und ZUCHT und ORRRRDNUNG!).

ich habe urlaub. meine erste nacht sollte besonders schön und lang werden. also am vorabend die katze ins koma füttern, tür zu, licht aus, fenster auf, schlafbrille auf und eingeschlummert.

doch ich träume wirr, schlafe unruhig und wache, als es hell ist, immer wieder auf. da ist nämlich ein störendes geräusch. ziemlich laut sogar. fliegen die flugzeuge schon wieder ihre schlechtwetterroute über mein haus? aber halt, nein, das kann nicht sein. landet ein flugzeug, klingt das in etwa so, wie wenn eine fliegerbombe in zeitlupe vom himmel fällt. es kommt näher, es wird lauter, es pfeift und brummt und gibt einen gewissen druck, der die fenster kurzzeitig zum vibrieren bringt, bis das geräusch dann ziemlich plötzlich verebbt. wenn es dann nicht kracht, ist das flugzeug gut gelandet und nicht am boden zerschellt und explodiert.

doch der lärm, den ich dauernd höre, kommt nicht aus dem himmel. sondern von nebenan aus dem schrebergarten. es ist eine kettensäge. ich gucke auf den wecker. es ist 8.28 uhr und ich denke: alter! wer werkelt denn bitte samstags um 8.28 uhr mit der kettensäge im schrebergarten?! a) was für eine grenzenlose unverschämtheit der werktätigen bevölkerung gegenüber, die wochenends ihr burnout wegschlafen muss, und b) rechnen sie mal nach! wer um 8.28 uhr mit der kettensäge im schrebergarten steht, der muss ja spätestens um 7 uhr aufgestanden sein (so mit anziehen, gebiss ins maul, mit tante trude ein 4-minuten-ei frühstücken, cholesterintablette hinterher, zeitung und eingetuppertes lunchpaket einpacken, kettensäge unter den arm nehmen und dann im opel oder im mercedes oder in der familienpapi-eierschaukel losfahren).

innerhalb weniger sekunden koche ich hoch. ich fummle die kontaktlinsen rein und gehe tantetrudemäßig um 8.29 uhr gaffen, um den kettensägenmassakreur visuell ausfindig zu machen, damit ich ein realistisches feindbild bekomme, um mich genüsslicher echauffieren und mir vorstellen zu können, wie ich den typ erst mit seiner kettensäge massakriere und ihn dann durch den häcksler jage. und tatsächlich, da steht das arschloch, luftlinie 30 meter, mittelalt, dynamisch, aufstrebend, in bermudas und sneakers und frisiert seine büsche (also die pflanzen) und bäume. und ich denke: alter! hast du nix zu ficken?

mein gedanke wird aber sofort lügen gestraft, denn nun kommt eine blonde ische aus dem haus, dynamisch, aufstrebend, in bermudas und sneakers und hat eine gartenschere in der hand. aha, sie macht also die feinarbeit, er ist eher so für das grobe zuständig. ich muss also vermuten, da wird tatsächlich gefickt, wahrscheinlich immer mittwochs nach der tagesschau, wenn sie ihm das erste bierchen gebracht hat.

ich mache das fenster zu, was nur wenig hilft, und versuche, wieder zu ruhe zu kommen und hoffe, dass die bald fertig sind, denn solche paare müssen doch eigentlich spätestens um half elf im tchibo-prozente-shop sein, um schnäppchen wie tupperware oder schlafanzüge im unisex-look zu jagen. danach wird noch einmal wurst und käse eingekauft, bevor es pünktlich um halb eins zu schwiegermama geht, die mit einem zünftigen sauerbraten aufwartet.

offenbar liege ich damit richtig, denn gegen 10 verebbt der kreischende lärm. ich drehe mich erleichert um. endlich ruhe! ich schließe die augen und stelle mir noch mal die beruhigende blutlache von zwei bermudas-und-sneakers-tragenden personen vor, die durch den tchibo-prozente-shop schwappt. ich werde dabei ganz dösig und habe schon traumbilder vor augen, bis dann allerdings die katze an der tür zu kratzen und laut zu mauzen beginnt. hunger oder langeweile oder wasweißich. jedenfalls ein bedürfnis, das sofort gestillt werden möchte.

jetzt gebe ich das projekt ausschlafen doch lieber auf, denn ich weiß: die katze ist hartnäckiger als jeder kettensägenmassakreur. besonders, wenn sie weiß, es ist noch thunfisch im kühlschrank. essen ist der sex des alters, und meine olle mieze hat ja ohnehin nix zu ficken.

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