Samstag, 5. Oktober 2013
a night to remember
seitdem ich meine medikamente abgesetzt habe, hat sich das verhältnis schlaf zu beischlaf deutlich zugunsten des letzteren verschoben.

gestern gehe ich aus und begegne zufällig dem dritten, der den langen weg aus h nach hh genommen hat, um party zu machen und um sich mit dem objekt zu treffen. doch das objekt behandelt uns alle gleich demokratisch schlecht:
"ich hab dem zehn smsen geschickt und mehrmals angerufen", berichtet der dritte. "keine resonanz. und das, wo ich doch sein bester freund bin."
genau wie auch ich kaut der dritte mann immer wieder an diesen zurückweisungen, die eigentlich niemals so gemeint sind, die man aber dennoch so empfinden kann.
"tja", sage ich.
"tja", sagt der dritte.
"wo haste denn heute deine frau gelassen", wechsle ich das thema.
"zuhause", sagt der dritte und in seine augen stiehlt sich ein glitzern, das ich so gut kenne. dann schmiegt der dritte seinen kopf an meine schulter und ich weiß, wie der abend enden wird.

und tatsächlich: unter dem vorwand, dass er schrecklich blau sei und es ihm ganz schlecht gehe, quartiert sich der dritte bei mir ein. bei mir zuhause gesteht er mir dann, dass er eigentlich gar nicht so betrunken sei.
"das wusste ich doch", sage ich.
"oh nein", schämt sich der dritte. "ich kann einfach nicht lügen."
"du kannst doch auch direkt fragen."
"wie jetzt? hallo morphine, nimmst du mich mit?"
"zum beispiel."
"ich weiß nicht, dazu habe ich zu viel respekt vor dir."
"jetzt mach aber mal halblang. wie lange kennen wir uns jetzt? dreieinhalb jahre?"
da lächelt der dritte sein entwaffnendes jungslächeln und zieht mich an sich.

dann schält er sich aus hemd und hose und klettert zu mir unter die decke.
"sag mal, ist das nicht ne jacke vom objekt?" fragt der dritte und zeigt auf eine kapuzenjacke mit tribals, die über meinem bett hängt.
"nee", antworte ich.
"hm", sagt der dritte, schweigt und fragt dann:
"denkst du auch noch manchmal an unsere nächte zu dritt?"
"klar. ziemlich oft sogar. das war doch phänomenal damals."
der dritte küsst mich und schiebt seine hand unter mein t-shirt.
"wollen wir ihn anrufen?"
"wie? jetzt?"
"ja."
ich richte mich auf und überlege.
"also da er nicht auf party war, hatte er bestimmt nachtschicht. aber jetzt ist ja schon nach sechs, der ist bestimmt schon auf dem weg nachhause zu seiner alten. und ich weiß auch nicht, ob er so direkt nach dem job ficken kommen wollen würde."
"das ist doch kein fick, das ist der event des jahrtausends."
"wenn ich ihn anrufe, geht er bestimmt nicht ran."
"ach egal, lassen wir das. wir können ihm ja hinterher eine gemeinsame sms schicken, was er so verpasst hat."
ich kichere.
"du bist ganz schön fies."
"hat er aber verdient. ich verstehe sowieso nicht, warum der mit der gespielin zusammen ist. ich hab mir immer so gewünscht, dass ihr beide richtig fest zusammenkommt."
"mit ihr kann er lachen und es ist alles einfach, sagt er."
"aber er liebt sie doch gar nicht."
"nein, das tut er wohl nicht. aber er brauchte ja eine wohnung, du erinnerst dich?"
"trotzdem, wie kann sich ein so freiheitlicher mensch wie das objekt in so eine zwangssituation begeben?"
"der wird alt. ab ende 30 werden männer beguem. das hatte ich in meiner letzten langen beziehung, das war die reinste komfortzonenpflege."
"trotzdem. was der an der findet, verstehe ich nicht."
"ich auch nicht. ich hab ihm ja ganz klipp und klar mal gesagt, sein frauengeschmack hat wohl ziemlich gelitten."
der dritte kichert.
"und was er drauf gesagt?"
"nüscht. war beleidigt, denke ich."
"höchstens, weil er weiß, dass du recht hast", grinst der dritte und küsst mich erneut.

zum ersten mal seit langem fühle ich mich völlig befreit beim sex mit einem mann, der nicht das objekt ist. das liegt auch am dritten, der nicht nur fantastische anatomische kenntnisse hat, sondern ein absolut leidenschaftlicher liebhaber ist. aber ich selbst bin ebenfalls ganz bei der sache. sämtliche hautsensoren kommunizieren direkt mit meinem unterleib und befeuern die kleinen flammen der lust, die sich zur großen explosion emporlecken.
"wahnsinn", sagt der dritte, als er einmal kurz innehält, "ich kann das gar nicht fassen, dass das mit dir immer so schön ist."

später stehen wir nackt am fenster und rauchen. drunten gehen die ersten menschen mit ihren hunden gassi, gegenüber schüttelt eine frau die betten auf.
"ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mal so lebe", sage ich. "dass ich so eine hausfrau bin, die samstagmorgen um neun betten macht und ihrem mann ein frühstücksei kocht."
der dritte grinst.
"nee, das könntest du nicht. niemals. dafür bist du nicht gemacht."
er streichelt zärtlich meinen po.
"für was bin ich dann gemacht?"
der dritte überlegt.
"du bist die befreierin."
"von was?"
"von allen konventionen."
der dritte grinst.
"das hast du gut gesagt", erwidere ich.

wir kriechen wieder in bett.
"es ist halb zehn und ich bin total wach", sage ich.
"geht mir genauso", meint der dritte.
"trotzdem, lass uns mal versuchen zu schlafen."
aneinandergekuschelt schlafen wir ein, bis um eins die drittefreundin anruft und wissen will, wo der dritte ist.
"tut mir leid", sagt der dritte, als er die situation geklärt hat, indem er behauptete, er sei bei seinen eltern. "ich will nicht, dass du dir gedanken machst."
"ich mache mir nie gedanken."
der dritte schüttelt den kopf und lächelt:
"du bist die einzige frau, die ich kenne, die so tickt."
"tja. du weißt doch, ich bin die befreierin. ich kann doch keine fesseln gebrauchen. auch keine gedanklichen."

der dritte schlüpft hastig in seine klamotten, putzt zähne, raucht noch eine mit mir und macht sich dann auf den weg zu bahnhof.
"wir sehen uns wieder", sagt er an der tür bestimmt. "genau so, nur MIT dem objekt", und ich nicke und lächle, nicht zuletzt, weil ich irgendwie tatsächlich daran glaube.

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Freitag, 4. Oktober 2013
eigenbrötlerinnen unter sich
feiertagsnachmittägliches treffen mit meiner freundin h. in der schanze.
"und, was machen die männer?" fragt mich h. und erwartet turbulente stories wie immer.
ich berichte von meinem letzten langweiligen beziehungsversuch.
"wir hatten schon spaß, irgendwie... wenn wir so zusammensaßen wie wir beide hier. der war theoretisch schon sehr okay. aber so der rest, weißte? dieses akademische geschwaller und dieses permanente rekurrieren auf seinen bildungshintergrund... und dazu dann diese undifferenzierte weltanschauung..."
"das sind schon faktoren, die viel kaputt machen können", findet h.
"ausschlagebend war aber der miese sex."
h. kichert sich einen.
"wie jetzt genau?"
"der war weder pervers noch hatte er potenzprobleme oder so... der hatte einen wunderschönen, großen schwanz. aber damit wusste der nicht viel anzufangen. und auch sonst... sehr romantisch. übertrieben romantisch..."
"kitschig", vollendet h. meine überlegung.
"er stand auf vollmond und liebte spaziergänge in der hafencity!"
"uh, hafencity, dieses tote betonviertel?!"
"ich dachte auch immer, das finden nur schwerreiche senioren mit akuter geschmacksverirrung gut."

wir nuckeln an unseren überteuerten handgepflückten bio-tees.
"und was hast du so gemacht?" frage ich.
"och, nix mit männern", sagt h.
"nicht? aber brauchst du keinen sex?"
"ich hab mich mal bei so einer datingplattform angemeldet. aber da war nix dabei."
"sowas mach ich nur für onenightstands."
"ich mag das nicht."
"mir ist das lieber als so ein sophisticated idiot, der mich durch die hafencity schleift."
h. muss schon wieder kichern.
"deshalb liebe ich die gespräche mit dir so."
"gestern hab ich voll das schöne kompliment von der lederjacke bekommen. dass ich eine der intelligentesten und unterhaltsamsten frauen für ihn bin."
"warum biste denn eigentlich nicht mit dem zusammen?"
"der ist bekennender gefühlslegasteniker."
"wie äußert sich das?"
"perfektionismus, hygienefimmel, allgemeine unterkühltheit und unentspannter sex. also wenn er nüchtern ist. gevögelt haben wir daher immer nur besoffen."
"das klingt ja furchtbar."
"neeeeeiiiin. der ist mir tausendmal lieber als neue mann es war. die lederjacke ist fein. klug. lustig. lieb. subversiv. und loyal. sehr sogar. und sie riecht so gut."
"und sieht gut aus."
ich grinse und nicke.

"hast du noch kontakt zum objekt", fragt h.
"ja."
"ja leider oder ja zum glück?"
"beides. ach naja. eigentlich verstehen wir uns wieder ganz gut."
"aber da ist nichts mehr?"
"doch, samstag vor einer woche haben wir geknutscht."
"warst du da noch mit dem anderen zusammen?"
"nee, ich hab mich, kurz bevor ich zur party gefahren bin, noch schnell getrennt."
h. lacht laut.
"typisch du."
"ich bin eben pragmatisch. so musste ich mir nicht vorwerfen, dass ich ihn betrogen habe."
"ach komm, so oder so, du hättet dir sowieso keine vorwürfe gemacht."
"naja, stimmt. moral ist nur was für die, die sich das leisten können."
und wir lachen.

"ich finde es schade, dass sich unser club-freundeskreis so zerschlagen hat", sagt h. "das war mal so schön."
"ja. aber man kann ja auch nicht immer in club rennen. bald sind wir eh zu alt."
"ja. ich mach jetzt auch viel mehr so für mich", sagt h.
"was denn so?"
"ich geh viel schwimmen..."
"ich auch!"
"schwimmen ist super."
"schwimmen ist oberklasse! und sonst?"
"ich habe mal überlegt, einen spieleabend zu organisieren", sagt h. nachdenklich.
ich verziehe das gesicht:
"vorher veranstalten wir aber eine tupper-party. oder einen kollektiven häkel-abend, bei dem wir uns so alberne toilettenpapiermützchen machen."
"du würdest da echt nicht mitspielen", fragt h. ein bisschen enttäuscht."
"naja, meinetwegen", sage ich, "aber dann bitte strippoker."
"geht klar", sagt h.

als wir ausgetrunken und gezahlt haben, schlendern wir noch ein wenig umher.
"was machen eigentlich deine jungs", frage ich h., die chinchillas hat.
"die werden alt. der eine kommt gar nicht mehr aus dem käfig, wenn ich die rauslassen will. der ist total faul geworden."
"meine katze ist auch faul."
"siehste, wir werden eben alle alt."
"und wählerisch und nörgelig."
"und eigenbrötlerisch."
"ich weiß nicht, ich finde das ja gut, dass man irgendwann keine kompromisse mehr macht."
"macht aber auch einsam", erwidert h.
"bist du einsam?"
"manchmal", gibt h. zu.
"ich bin happy mit mir selbst. also zumindest zur zeit. ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen, mit einem typen zusammen zu sein."
"außer mit dem objekt", stichelt h.
"ausnahmen bestätigen die regel", kontere ich. "und ein bisschen träumen ist ja erlaubt."
"mir wäre der zu chaotisch. und der ist auch echt strange."
"er ist chaotisch und strange. aber genau das finde ich ja so spannend an ihm. vielleicht, weil ich immer so arschlangweilige saubermänner hatte."
"ich hab anfangs immer gedacht, der färbt sich die haare so rot."
ich kichere.
"nee, der ist so wie gott ihn schuf. ab und an mal wimperntusche, das ist alles."
"hässlich ist er ja nicht", sagt h. nachdenklich.
"nein, leider."

an der sternbrücke trennen wir uns. h. wohnt um die ecke, ich will noch in den schanzenmarkt.
"bis bald", sagt h. und drückt mich.
"bleib sauber und streichle deine katze von mir."
"grüß die jungs... und dann bis zu unserer tupper-strip-party", sage ich.
dann ziehen wir unserer wege, eigenbrötlerinnen, die wir sind.

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Sonntag, 29. September 2013
bloggermulticlubbing mit objekt
gestern kam der werte herr gibson zwecks gemeinsamen clubbings zu mir. nach speis und trank beim billigchinesen, dem kein luxusrestaurant das wasser bzw. die ente reichen kann, virtuellen apfelbrust-experimenten mit frau walkingthedeadline (fragen sie lieber nicht!) sowie catfight mit meiner nicht sehr gastfreundlichen püppilotta besuchten wir eine retropunk-veranstaltung. obwohl retro zu unserem gesetzten alter gut gepasst hätte, war uns die nummer doch fad und zu soft und langweilig, sodass man rückblickend sagen kann, die autofahrt über die kölbrandbrücke mit nächtlichem lichterfunkel-hafenblick war der aufregendste teil von allem. herrgott, sagte ich, man sollte riesenhochhäuser da reinbauen, die könnte man doch millionenteuer vermieten oder verkaufen, bei dem panorama. dass da noch keiner von hamburgs kapitalistendrecksäuen drauf gekommen ist. muss ich unbedingt demnächst mal den architekten fragen, der das baurecht samt schlupflöchern besser kennt als seine eigene westentasche.

auf dem rückweg beschlossen wir angesichts der noch jungen nacht in meinem stammclub vorbeizuschauen.
"hey, dann siehst du vielleicht mal das objekt!" rief ich und dem herrn gibson, der die geschichten in sämtlichen unschönen farbschattierungen und nicht nur blogbezogen kennt, wurde, glaub ich, ein bisschen schlecht.

"na, wie findest du´s hier", fragte ich, als wir drinnen standen.
"jedenfalls viel cooler als da vorhin", sagte der herr gibson, den schon kurz zuvor die parkplatzsituation - eigener clubparkplatz - begeistert hatte.
"leider ist es nicht so voll", jammerte ich, aber der herr gibson war zufrieden, nachdem auch die qualität des hausgemachten mexikaners überzeugte.
dann betrat das objekt, das ich bereits kurz zusammen mit seiner vermietergespielin gesichtet hatte, den raum. ich stupste aufgeregt den herrn gibson an:
"das isser!"

das objekt hatte sich genau uns gegenüber platziert, erkannte mich ebenfalls, erhob sich und kam herüber. es setzte sich neben mich und begann sofort, mich volltexten.
"bist du ganz alleine da", fragte es.
"nein", sagte ich und machte eine vorstellende geste zu meiner rechten seite, wo der herr gibson saß, und nannte namen. die beiden herren begrüßten sich kurz, dann wandte sich das objekt wieder mir zu.

"hey, das letztes wochenende, das war echt surreal", sagte es und starrte mir in die augen. "das war wie ein traum."
ich grinste nur.
"was machen die schweinezüchterpläne", wollte ich dann vom objekt wissen.
"ich mach das wirklich. so in zwei oder drei jahren!" strahlte das objekt, das diesmal ziemlich nüchtern war.
"nimm doch lieber hühner", sagte ich. "die sind billiger. eins kostet nur fünf euro, das hab ich extra mal recherchiert. und du hast viel mehr davon, weil so ein huhn gibt eier, fleisch und federn. da kannste dir deine eigenes kleid draus basteln, wenn der bart mal nicht mehr genug wärmt."
das objekt strich über seine gesichtsbehaarung, kniff mich liebevoll und fing dann an zu schwärmen:
"ja... das wäre toll! also als kind, da hatten wir immer so 20 oder 30 hühner... und es war meine aufgabe, jeden morgen in den stall zu gehen und die eier einzusammeln... das war immer total aufregend... wenn man dann unter die glucken ins nest fasste und die warmen eier hervorholte..."
"ich hole auch gerne warme eier hervor", sagte ich versonnen und das objekt blinzelte belustigt und verschwörerisch.

irgendwann, als die vermietergespielin im anmarsch war, grabbelte das objekt kurz mein bein und gab mir ein zeichen, dass es nun verschwinden müsse. es stand auf und trollte sich.
"und?" stupste ich den herr gibson, der sich das ganze schweigend gegeben hatte, nochmals an. schließlich hatte ich mal angedroht, das objekt unbekannterweise beim herrn gibson zuhause anzuschleppen und strandurlaub zu dritt zu machen.
"den kannste mitbringen", lautet die überraschende antwort.
"der ist nett, oder?"
der herr gibson, der zuvor aufgrund meiner berichterstattungen keine sehr schmeichelhaften attribute für das objekt gehabt hatte, nickte, und meine kleine welt war rund und glücklich.

leider hatte der herr gibson sonntäglichen bereitschaftsdienst, sodass der gemeinsame bloggerausflug um vier uhr morgens bereits endete. auch das objekt wurde 20 nach vier widerwillig und vergleichsweise nüchtern von seiner vermieterin nach hause gezerrt. ich grinste mir einen. ich selbst blieb noch eine weile und brach erst gegen halb sechs uhr morgens auf. da mein bus ausfiel, kam ich erst gegen sieben zuhause an, völlig kaputt, aber sehr happy ob des schönen abends.

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Sonntag, 22. September 2013
god is a dj
der gestrige abend verspricht tatsächlich schön zu werden. viele meiner freunde werden anwesend sein, sagt mir mein handy. unter anderem will auch die objektexfreundin mit ihrem neuen freund kommen. albern vor vorfreude schreiben wir schon den gesamten freitag hin und her.

dann ist es soweit. ich schlafe zwei stunden vor und stehe dann vor der schwierigen frage: soll ich oder soll ich nicht? ich hole die alte drogenkiste aus dem schrank und bin mal wieder ganz platt ob der schätze, die sich darin noch immer stapeln. mein speed sieht merkwürdig braun aus, zumindest das, was noch ultrapur in der tüte ist und das ich noch nicht mit stärke vermischt und in den kleinen partybehälter gefüllt hatte. vermutlich ist es feucht geworden. hm. andererseits werden amphetamine ja so schnell nicht schlecht. ich schnuppere dran, stippe den kleinen finger in das päckchen und reibe ein stäubchen ins zahnfleisch. es schmeckt wie immer.

während ich noch überlege, fällt mir auf, dass ich wach bin und dass es mir auszeichnet geht. ich muss über mich selbst lachen und packe die drogen wieder weg, mein gott, wie einfach, wenn keine notwendigkeit besteht. und wer weiß, ob es mir danach wirklich noch besser gegangen wäre als jetzt. zumal mit den medikamenten, mit denen drogen ja zum doppelt gefährlichen abenteuer werden. kurz blitzen erinnerungen durch mein gedächtnis, wie ich nach einer nase zuviel im bad ohnmächtig werde und erst um halb drei uhr nachts wieder zu mir komme, zittrig, mit stolperndem herzschlag und übelkeit, aber natürlich ziehe ich noch los, unvernunft ist mein name, lege vielleicht auf party sogar noch mal nach und kehre nicht vor zehn uhr vormittags zurück ins bett, für zwei stunden dämmerschlaf mit todesangst. der nackte wahnsinn.

das partyschiff hat diesmal woanders angelegt als sonst. ich irre eine weile durch die straßen am hafen, bis mir einige lack-und-leder-menschen auffallen, die eindeutig dasselbe ziel haben müssen wie ich. sie führen mich sicher an den richtigen ort. kaum bin ich an bord, winken mir schon freunde zu. das herz macht einen kleinen freudenhüpfer, dann liege ich meinen lieben in den armen.

die erste stunde bin ich mit reden und begrüßen beschäftigt und komme gar nicht von deck in die unteren räume, wo aufgelegt wird. irgendwann reiße ich mich dann doch los, weil ich ein klo brauche. drinnen ist es warm und stickig, im hinteren teil, wo die große elektro-area ist, drängen sich millionen gäste. durchkommen kaum möglich. schlange auch vor dem klo. ich mach es mir ein bisschen einfach, gehe aufs männerklo und gebe mir dort die schniedelparade an den pissoirs. als ich wieder rauskomme, treffe ich im schmalen gang einen bekannten.
"ach, die morphine! ich hab dich vorhin schon gesehen. du wirst gesucht."
"hi erstmal. wie was? gesucht?"
"ja, ich soll dich schön grüßen vom objekt und dir sagen, er ist im großen raum, also hier hinten, wo diese beeindruckende menschenansammlung ist."
"ach."
"kennst du den näher? was will er denn von dir?"
"wir hatten mal was."
"ich dachte immer, der sei schwul."
"bi."
"ach! echt?"
"jaja. ich kann das amtlich bezeugen, ich war schon aktives teil eines dreiers."
dem bekannten bleibt der mund offen stehen. ich grinse, tätschle seine schulter und schiebe mich weiter durch die menge.

obwohl es dunkel und so voll ist, entdecke ich den roten schopf sofort. das objekt hängt am treppengeländer und stemmt sich gegen die hereinströmenden massen. als es aufblickt, sieht es mich und streckt mir die hand entgegen. es zieht mich in eine kleine nische neben der treppe und umärmelt mich stürmisch.
"ich bin total stolz auf mich", schreit es gegen die musik an. "ich habe deine sachen dabei!"
ich bin beeindruckt.
"wahnsinn! und das nach nur acht monaten! aber glaub bloß nicht, dass ich den ganzen scheiß jetzt hier mit mir rumtrage."
"neinein. ist alles an der garderobe, ich bin ja nicht bescheuert."
"da bin ich mir manchmal nicht so sicher."
ich grinse frech. das objekt grinst zurück. und weil ihm die nische eine handbreit spielraum eröffnet, packt es mich, zieht mir den rock hoch und beginnt, mir den hintern zu versohlen. doch es gelingt mir, mich loszureißen, zurückzuschlagen und exakt das objektive gemächt zu treffen. das objekt geht in die knie und sinkt mit schmerzverzerrtem gesicht ans treppengeländer, während ich mich totlache.
"boah", sagt es, als es wieder sprechen kann, "der war gut."
"sorry", sage ich noch immer lachend.
"schon gut", sagt das objekt, "ein mann muss das abkönnen."
dann kichert es und fängt an zu jaulen:
"aber eigentlich bin ich ja heute ein kleines mädchen", und versucht, aus seinem grasgrünen drogenschleierblick kulleraugen zu machen.
"ach", sage ich versöhnlich, "wenn du schon sonst mein papa bist, dann bin ich eben heute mal die mama."
und breite versöhnlich die arme aus. das objekt kriecht hinein, drückt seinen feuchtheißen körper an meinen, schmiegt das gesicht an meine brüste und schnurrt wie meine katze. es ist breit wie ein eimer und riecht stark nach wodka.

doch das hauptinteresse an diesem abend gilt nicht mir.
"guckmal", nuschelt das objekt, "die da, die kleine, die würde ich heute gern kennenlernen. wenn ich keine freundin... also freundin" - es deutet gänsefüßchen mit den händen an - "hätte."
"dann lern sie doch kennen."
"nee, das geht doch nicht."
solche sätze kenne ich vom objekt gar nicht.
"schmeißt dich deine alte dann aus der wohnung oder wovor hast du schiss?"
das objekt schaut mich verletzt an und ich merke, dass ich einen wunden punkt berührt habe.
"nein! das kann die gar nicht! außerdem hab ich heute die offizielle flirterlaubnis."
ich schnaube verächtlich.
"das nennt man dann wohl die lange hundeleine."
"gar nich! gar keine... leine."
das objekt wendet den blick ab, schaut mich dann aber wieder flehentlich an und bettelt:
"apropos line... frau apotheker, sie haben doch immer was!"
"kannste knicken. ich bin clean."
"echt?"
"na hör mal, das war dir doch auch immer so wichtig."
"naja, heute find ich das zur abwechslung mal scheiße. ich muss heute die gedanken wegmachen."
ich schüttle nur den kopf und fühle eine mischung aus mitleid und schadenfreude in mir aufsteigen. so harmonisch scheint es in der objekt-wg wohl nicht zu laufen.
"dann... muss ich jetzt noch was trinken."

das objekt erhebt sich und stolpert zum tresen, während ich erstmals die tanzfläche stürme. ich treffe die objektexfreundin wieder.
"hast du schon gesehen, das objekt ist da", ruft sie mir zu.
"ja. wie immer total dicht."
"muss er selber wissen. ich bin so durch damit. wir haben tisch und bett geteilt und wirklich nüchtern war der eigentlich nie. und dann diese vielweiberei... aber wem sag ich das."
"naja, er hat ja jetzt ne vermieterin zur frau, die ihm sagt, was er tun und lassen darf."
die objektexfreundin kichert.
"am ende muss er sogar das geschirr spülen!"

gegen halb fünf wird es langsam leerer und die gäste ziehen sich vermehrt nach draußen zurück, wo man auf bänken sitzen kann. das objekt hängt immer noch im großen raum und hat zwei klappsessel ergattert, auf denen es sich lümmelt und raucht. ich geselle mich dazu.
"ich wusste gar nicht nicht, dass man hier drin rauchen darf."
"darf man auch nicht."
das objekt hat die augenlider halb geschlossen und beobachtet jede meiner bewegungen wie eine träge raubkatze.
"setz dich doch, mensch", sagt es und zieht mich in den sessel neben sich. es legt den arm um mich und sein gesicht kommt meinem immer näher. dann umschließen seine weichen lippen meine und das objekt speist mich mit rauch. während ich durch die nase ausatme, spüre seine zunge in meinem mund. es ist ein tiefer, etwas verzweifelter kuss, irgendwo zwischen wollen und nichtwollen, zwischen estutsogut und esistsovielpassiert. wir rutschen ineinander. die hände des objekts wandern die innenseiten meiner schenkel nach oben. ich merke, wie unser atem schneller wird und sich das blut in meinem unterleib sammelt.

"na? was wird das?"
wir fahren auseinander. über uns steht mein bekannter, der mir vorhin die grüße bestellt hat.
"wie ich sehe, ihr habt euch gefunden", grinst der bekannte breit.
das objekt grinst unverfroren zurück, während ich hastig meine kleidung ordne und die beine übereinanderschlage.
"ich wollte nur fragen, ob jemand mit rauchen kommt", sagt der bekannte.
"tabak oder auch was anderes?" fragt das objekt.
"was du willst."
"komm", zerrt mich das objekt hoch, "lassen wir uns doch mal überraschen, was der gute so an kräutern hat."

wir stehen an deck und kiffen. die security wirft uns einmal einen strengen blick zu, sagt aber nichts. das objekt schwankt heftig und kichert. nach zwei weiteren kurzen hängt es dann allerdings kreidebleich über der reeling.
"tut mir so leid, aber ich glaube, ich muss kotzen..."
es schaut mich an.
"geh nicht weg. du bist doch heute meine mami."
"ich geh nicht weg. du bist nicht der erste, dem ich beim kotzen den kopf halten muss", erwidere ich.

wir stehen an der reeling und schauen aufs wasser. das objekt bemüht sich, langsam zu atmen und den brechreiz unter kontrolle zu bekommen.
"ich bin so durch... ich bin einfach fertig... ich mag nicht mehr. ich glaube, in drei oder fünf jahren bin ich weg aus hamburg."
das sind ja mal ganz neue töne.
"und dann?"
"werde ich schweinezüchter in meckpomm."
"spitzenidee. lass uns doch besser nen puff eröffnen."
"geht nicht, das ist zu nah an der polnischen grenze. lass uns lieber ne bank machen."
"so wie ich dich kenne, vergisst du es, ne waffe mitzunehmen. oder du hast eine dabei und stellst in der bank fest, dass du vergessen hast, die patronen reinzutun."
das objekt schubst mich und grinst schon wieder ein bisschen.
"mama", sagt es zärtlich. "du kennst mich so gut."

kurz nach sechs gehen im ersten raum die lichter an.
"eigentlich würde ich nach hause wollen", sagt das objekt, "ich bin durchgetanzt, verschwitzt, mir ist schlecht und ich bin müde. außerdem muss ich in sieben stunden auf arbeit sein."
"dann hopphopp. gib mir meine sachen und hau ab."
"aber ich will ja gar nicht gehen."
ich seufze.
"musst du wissen. wenn dir jetzt schlecht ist, würde ich versuchen, so fix wie möglich noch eine mütze schlaf zu bekommen."
"aber es ist so schön hier."
"dann lass uns doch noch mal hoch an deck gehen. ich will auf jeden fall noch die sonne aufgehen sehen!"

dann sitzen wir auf einer bank.
"ich kann echt nicht mehr. ich hab noch nicht mal ein gesprächsthema für dich", sagt das objekt verzweifelt.
"musst du doch nicht."
das objekt rutscht näher an mich heran und legt die stirn auf meiner schulter ab.
"weißt du... ich bin jetzt schon ein halbes jahr oder so auf tauchstation."
"du bist schon immer auf tauchstation, solange ich dich kenne."
"ich versuch so sehr, dass ich das aushalte. diesen kompromiss. dass es das glück nicht gibt."
"warum so devot? warum solltest du einen kompromiss eingehen?"
"na hör mal, du machst den doch auch!"
"ja, bei der arbeit. ich weiß aber auch, dass ich da unter dem pantoffel meines vaters stehe, der mich nur an meiner leistung misst."
"das ist seine art von fürsorge."
"ich scheiß auf seine art von fürsorge."
"morphine, sei doch nicht so hart."
"warum nicht? DU beklagst dich über den kompromiss. ich geh wenigstens in anderen lebensbereichen keinen ein. ich sortiere freundschaften rigoros aus, ich habe erst vor einer woche meine beziehung beendet."
"du hattest ne beziehung?"
"naja, war eher so ein versuch. aber ich komm mit dem typ im bett nicht klar. und auch sonst ist der langweilig."
"man kann halt nicht alles haben."
"was für ein saublöder spruch! gerade von jemandem wie dir, der so viel wert auf guten sex legt!"
"naja, hast schon recht, wenn der sex mies ist, dann geht das nicht. hast alles richtig gemacht."
ich betrachte das objekt nachdenklich.
"du hast dich verändert. du machst hier einen groß auf kompromiss und kannst ihn gleichzeitig nicht halten. du triffst eine frau, die du kennenlernen willst und verkneifst es dir widerwillig. du knutschst und fummelst mit mir, obwohl du eigentlich nur eine flirterlaubnis hast. ich glaube, du gehst bald unter, wenn du so weitermachst."
"kannst schon recht haben."
das objekt starrt müde aufs wasser.

die sonne geht auf. der himmel ist grau-blau und bedeckt, aber dort, wo die sonne über den horizont kriecht, zeigt sich unverkennbar ein rosaroter schimmer.
"da, schau! sonnenaufgang!"
ich stupse das objekt an.
"der war auch schon mal besser."
"das ist eben ein kompromiss-sonnenaufgang!"
jetzt muss das objekt doch lachen.
"dann können wir ja endlich los, oder?"

das objekt muss noch zur garderobe, seine und meine sachen holen. als wir von deck gehen, streckt mir das objekt mein bündel entgegen.
"hier. ich hoffe, das ist alles. wie gesagt, ich glaube, ich hab nicht mehr alles gefunden. ich hab von meinem zeug noch einiges dazugepackt."
ich nehme das bündel an mich, schaue dem objekt in die augen und sage:
"tja, das war´s dann. dann biste mich hiermit los."
das objekt schaut zu seite und stöhnt.
"sag doch das nicht. sag doch... ach, ich weiß doch auch nicht."
"es hängt alles von dir ab."

das objekt schweigt, dreht hastig eine zigarette, zündet sie an und schmeißt sie wieder weg.
"wo ist denn jetzt eigentlich hier die bahn? oder bist du mit dem rad?"
"ich bin auch mit der bahn da."
"dann komm."

wir laufen durch die hafencity. es wird tag. an der bahn angekommen, stellt das objekt fest, dass es jetzt eigentlich doch noch nicht nach hause will. also setzen wir uns an einer brücke auf den asphalt. das objekt rutscht an mich heran.
"stinke ich eigentlich?"
"nö. kein bisschen. du riechst sogar gut. nach deinem parfum."
"echt? cool. magst du das parfum?"
"ja."
"das ist gar kein normales, das ist so eine creme mit orangenöl... warte mal..."
das objekt kramt in seiner tasche. zum vorschein kommen handtücher und klamotten.
"was hast du denn alles dabei?"
"ich war noch schwimmen."
"ach so."
dann hat das objekt die kleine dose gefunden.
"komm her."
in zärtlichen kleinen kreisen verteilt das objekt parfum auf meinem hals und meinem dekolleté.
"und wenn du dann ein bisschen schwitzt, dann verteilt sich der duft bis hierher", flüstert das objekt und bewegt den finger langsam zwischen meine brüste.
ich muss kichern.
"sag mal, tun deine eier eigentlich noch weh?"
"geht schon wieder."
"na, unter anderen umständen hätte ich ja angeboten, ein bisschen zu blasen."
das objekt kriegt ein sexy glitzern in den augen und küsst mich abermals.

dann wanken wir doch zur bahn.
"ich weiß gar nicht, wo ich hinmuss."
das objekt steht an der karte und sucht sein zuhause.
"irgendwo da."
"dann fahren wir jetzt zum bahnhof und dann nimmst du da diese linie und ich muss dann sowieso woanders hin."
"cool."

in der bahn schläft das objekt in meinen armen ein. am bahnhof wecke ich es und manövriere es auf den richtigen bahnsteig. die bahn wartet schon.
"so, hier musst du gleich rein."
"ja dann..."
"komm gut nachhause."
das objekt lacht bitter.
"du auch", sagt es dann umso zärtlicher.
"bis irgendwann mal."

dann drehe ich mich um und gehe.
in einem stummen tornado der emotionen.

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short note
1. chemiefrei bis halb sieben uhr morgens party gemacht
2. den sonnenaufgang tatsächlich noch geschafft
3. mit dem objekt rumgeknutscht

sie dürfen mich jetzt ein bisschen loben. und ein bisschen schimpfen.

mehr, sobald ich eine mütze schlaf abbekommen habe. sofern das geht, denn ich habe objektparfum mit objektpheromonen an mir.

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Samstag, 21. September 2013
wolkentanz
auf dass es heute nacht nicht regnet.

damit wir an der reeling stehen und sehen können, wie die morgensonne über den horizont kriecht und auf der elbe glitzert.

auf die längste nacht des jahres.

auf die beste musik der stadt.

auf eine party to remember.



vielleicht werde ich heute meine abstinenz brechen. vielleicht.

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Mittwoch, 18. September 2013
praktikanten heutzutage
wir haben eine schülerpraktikantin bekommen. für zwei wochen. ich hatte schon mit den zähnen geknirscht, weil man schülerpraktikanten in der regel jeden furz erklären muss, die ohnehin nur den ganzen tag faul rumsitzen und auf facebook daddeln und warten, dass die zeit vergeht, damit sie ingottesnamen den scheißwisch von praktikumsbestätigung bekommen. dann hauen sie ab und entscheiden sich hoffentlich für einen anderen job, in dem man nicht so viel falsch machen kann. bäckereifachverkäuferin oder so.

unsere schülerpraktikantin ist ein töchterlein aus feinem hause, hafencity ist der wohnort der eltern, mami ist lehrerin und vaddi ist auch irgendein wichtigwichser. töchterlein wird morgens von mami zur agentur gefahren, da die 15-minütige u-bahn-fahrt für die kleine prinzessin ja nicht zumutbar wäre.

die schülerpraktikantin sitzt dann wohlfrisiert und mit der fresse voll in den farbtopf gefallen in ihren markenklamotten rum und macht das, was schülerpraktis so machen: nägel feilen, an den haaren kauen, auf dem iphone rumtippen. ab und an erhält sie aufgaben, bei denen man nicht viel falsch machen kann. wir wollen ihr selbstwertgefühl ja nicht gleich innerhalb von acht stunden schreddern und kompostieren.

sie macht alles halb und halbherzig und kommt am dritten tag nicht mehr zur arbeit. die gf erhält dafür einen empörten anruf von der lieben mami, was uns einfiele, die prinzessin mit derart wenig verantwortungsvollen aufgaben zu betrauen. jedenfalls habe sich das arme hascherl wie das fünfte rad am wagen gefühlt. unter diesen umständen, so die muttiglucke, könne das kind das praktikum nicht beenden.

ich mache drei kreuze, einmal, weil ich die dumme kuh und ihre noch viel verblödetere alte schnalle von mutter so wahnsinnig schnell losgeworden bin, zum zweiten, weil ich mich offenbar richtig entschieden habe und nicht lehrerin geworden bin. die gf zetert noch eine weile, weil sie sich nicht gerne etwas sagen und noch viel weniger gerne etwas vorwerfen lässt, dann beruhigt sie sich auch wieder und es ist business as usual. mit niemandem, der im weg sitzt.

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Donnerstag, 12. September 2013
klinisch glücklich
meine psychiaterin in der klinik ist krank, also behandelt mich heute ein kollege.
"irgendwo her kenne ich sie doch", sagt der doc zu mir.
"das ist kein kunststück, ich komme seit mehr als einem jahr hierher in die ambulante behandlung", sage ich. "ich kenne sie auch, vom sehen, sie huschen hier ja auch dauernd rum."
der doc lacht. er ist klein, rund, jung und hat einen vollbart. er ist mir auf anhieb sympathisch.

er will wissen, wie es mir geht und warum ich den termin vorverlegt habe. ich berichte, dass es mir theoretisch gut geht, was die depression betrifft, ich aber aufgrund des aktuellen 60-stunden-jobs, des ständigen bewerbens, der konstanten enttäuschungen, der anhaltenden finanziellen knappheit und meiner willich-willichnicht-beziehung, die mir die letzten reste meiner zeit kostet, akut ein bisschen sehr am durchdrehen bin. offenbar brauche ich depressionsbedingt nicht mehr mehrere monate, bis ich panikattacken und ohnmachtsanfälle kriege, das klappt jetzt auch schon früher.

"sie müssen mit ihren kräften haushalten", mahnt er mich sanft, "sie haben nicht dieselben ressourcen wie andere."
"das interessiert aber keinen chef", erwidere ich. "zumindest nicht in meiner branche. endweder man ist ein übermensch, oder man ist weg vom fenster."
"und was erwarten sie jetzt von mir?"
"helfen sie mir, an meine ressourcen zu kommen."
"nein."

klare ansage. ich schaue dumm.
"was haben sie denn gedacht", grinst der doc.
"keine ahnung. verschreiben sie mir ritalin, irgendwas, was mich zu einer schnellen, leistungsfähigen arbeitskraft macht", grinse ich zurück.
"ich habe eher ans gegenteil gedacht", sagt der doc.
ich gucke gespannt.
"haben sie ein suchtproblem?"
das erste mal, dass ich das so direkt gefragt werde.
"äh, warum, sehe ich so aus", versuche ich locker zu bleiben.
"naja, ich muss das wissen", beschwichtigt der doc.
"also so direkt nicht. ich habe mal sehr viel speed genommen, das war wohl auch ein auslöser der depression."
"also nehmen sie drogen?"
"nein, nicht mehr."
"wie lange nicht mehr?"
ich rechne.
"18 monate", antworte ich und bin selber ganz perplex.
"aha, und wie haben sie damals entzogen?"
"gar nicht. einfach nicht mehr genommen."
der doc zieht die augenbrauen hoch.
"das ist außergewöhnlich."
"aber es stimmt."
"ich sage ja nicht, dass es nicht stimmt. aber dann haben sie offenbar einen starken willen und das ist gut."
ich muss geschmeichelt grinsen.
"also nehmen sie keine drogen mehr?" fragt der doc nochmal nach.
"nein", sage ich. "ab und zu kiffe ich, das ist alles."
"also nehmen sie doch drogen", lacht der doc.
"na gut, also wenn dreimal im monat kiffen drogen nehmen ist, dann nehme ich drogen."

der doc kritzelt in seine akte.
"sie schreiben das jetzt nicht auf, oder? das ist doch lächerlich. mein exlover kifft zehn joints am tag."
"das ist alles nicht irrelevant, sondern zeigt, wie sie ihre probleme lösen, also zumindest dreimal im monat gar nicht."
"ich löse ständig probleme! und ich muss aber auch manchmal schlafen und das geht nicht, wenn man dauernd probleme wälzt, und deshalb rauche ich eben ab und an mal einen."
der doc lächelt beschwichtigend.
"schon gut, sie rauchen ja kein heroin. wie sieht´s aus mit alkohol?"
hui. ich nicke nur.
"täglich?"
"hm... nee."
"wie oft?"
"fünfmal die woche?"
"das ist viel."
"mann! ich trinke zwei gläser wein, dann bin ich eh schon am pennen mit den tabletten. das sind alkoholmengen, die trinken meine eltern auch!"
der doc schaut erleichtert.
"naja, gut, das ist nicht allzu viel, obwohl ich ihnen vor dem hintergrund der medikation dringend abraten muss."

ich gucke genervt.
der doc ist wieder ganz entspannt und erklärt:
"ich frage so genau, weil ich ihnen ein medikament geben werde, das sehr schnell süchtig macht. bei ihrer vorgeschichte bekommen sie auch kein rezept, sondern hier direkt was aus meinem notfallkoffer."
"was für ein medikament?"
"benzodiazepine."
"aha."
"wie haben sie das speed damals genommen? geschnupft?"
ich nicke.
"okay. dann bekommen sie jetzt keine tabletten zum schlucken."
"sondern?"
"die können sie im mund zergehen lassen, das heißt, die können sie nicht mit der kreditkarte zerkleinern und anschließend durch die nase ziehen."
der doc will mich verarschen, denke ich.
"ich habe noch NIE ein medikament durch die nase gezogen!"
"ich bin nur vorsichtig. nicht, dass sie an liebgewonnene rituale anknüpfen."
"haha."

ich bekomme vier tabletten ausgehändigt.
"nur wenn es nötig ist und niemals mit alkohol zusammen nehmen!"
"okayokay."
und dann kommt die überraschung.
"und jetzt schreibe ich sie für den rest der woche krank."
ich mache den mund auf, um zu protestieren, aber der doc hebt die hand und bedeutet mir zu schweigen.
"sie haben hundsmiserbal bis gar nicht geschlafen, sie stehen unter einer enormen anspannung, sie gehen jetzt nach hause, nehmen eine tablette und legen sich ins bett."
wie auf knopfdruck fühle ich mich plötzlich ganz entspannt und ungeheuer müde, sodass ich auch gleich gähnen muss.
"sehen sie", sagt der doc, "ihr körper weiß schon, was er braucht. und sie haben sternchenpupillen, gerade so, als hätten sie drei nächte durchgerockt."

an der anmeldung bekomme ich den gelben schein und einen folgetermin, weil mich der doc vor dem wochenende noch mal sehen will.

fast beschwingt fahre ich nach hause, melde mich krank und lege mich ins bett. kurz darauf bin ich im reich der träume und wache erst 14 stunden wieder auf.

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Montag, 9. September 2013
frühstücksei
warnhinweis: nicht lesen, wenn sie gerade essen!

samstag, neun uhr morgens. ich erwache aus einem bleiernen medikamentenschlaf und brauche noch zwei minuten, bis ich weiß, warum ich wach bin, obwohl es sich bei jedem einatmen aufdrängt: es stinkt zum himmel. ich vermute zunächst, dass meine nachbarn mal wieder irgendetwas perverses kochen, hammelhoden oder so, doch der gestank kommt nicht in den typischen wellen, sondern bleibt gleichmäßig stark.

ich wackle in die küche und erkenne das desaster auch ohne brille: die püppirella hat mal wieder den boden vollgekackt. der lage der kackbomben nach zu urteilen handelt es sich dennoch um keine böse absicht, denn die würste liegen direkt vorm klo. vermutlich hat die katze, die ja sehr groß ist, den hintern beim scheißen aus der öffnung gestreckt.

ich würge, halte dann die luft an, nehme das schaufelchen und packe die hinterlassenschaften in eine tüte. die tüte fliegt gleich ins treppenhaus, weil man geruchsquellen derartiger intensität am besten sofort eliminiert. dann weiche ich die spuren mit sagrotan ein.

die katze macht - wie immer, wenn sie scheiß gebaut hat - einen auf lieb kind. es wird gepurrt und geschnurrt und mir konstant um die beine gestrichen, sodass ich gefahr laufe, das vieh im schlaftrunkenen aktionismus zu treten. als ich schließlich alles weggeschrubbt habe und der gestank sich langsam verzieht, kommt sie noch mal an und vergast mich mit einem furz.

wenn das nicht liebe ist.

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Montag, 26. August 2013
objekt-lederjacken-clinch
ich stehe mit der lederjacke an der bar. die lederjacke trägt ihre lederjacke und sieht ultraheiß aus, obwohl sie schon angetüddert ist. schließlich haben wir bis halb drei uhr nachts noch eine cocktail-session bei der lederjacke zuhause eingelegt und dann spontan beschlossen, doch noch im club vorbeizuschauen.

die lederjacke hat mir ein kafka-hörbuch geschenkt. wir diskutieren gerade über den werten herrn samsa, als das objekt den raum entert. auch das objekt ist besoffen, wie ich seinem glasigen blick entnehmen kann. es schiebt sich an einer menschentraube vorbei auf mich zu, entreißt mich mit einer bärenumarmung dem gespräch und knutscht mich. es hat den ansatz eines vollbartes im gesicht und riecht nicht gerade frisch geduscht.

die lederjacke, die ähnlich wie ich einen feinen sinn für höflichkeit hat, steht irritiert einen halben meter abseits. als sich das objekt schließlich ab- und dem barkeeper zuwendet, sagt die lederjacke sehr laut und deutlich und in objekthörweite:
"wer issn der penner? der sieht ja aus als hättense den bei stalingrad ausm graben gezogen."

mir klappt der mund auf und wieder zu. noch wendet uns das objekt den rücken zu und zählt geld auf dem tresen. noch. denn was die lederjacke nicht weiß, ist, dass das objekt zwar grundsätzlich friedfertig ist, aber bei solchen sprüchen schon mal eine ausschenkt.

ich halte die luft an. mit einem sehr flauen bauchgefühl ziehen die sekunden zähflüssig an mir vorbei. dann dreht sich das objekt um und ich sehe sofort an seinem gesichtsausdruck, dass es den stalingrad-satz sehr wohl gehört und verstanden hat. die lederjacke wiederum ist kein bisschen verlegen, schiebt das kinn vor, spannt die brust an und hat die fäuste in den taschen geballt.

ich beobachte, wie zwei testosteron-gewitterwolken aufeinander zudriften und sich gleich entladen werden. flucht, sagt mein instinkt, und ohgottogott, sagt mein verstand. doch der ohgottogott will mir nicht helfen, als mich das objekt packt, mir demonstratisch den arm um die schulter legt und in richtung lederjacke sagt:
"sag mal morphine... ist das unterwäschemodel da dein neuester aufriss?"
ich schlucke.
"naja", fährt das objekt fort und versenkt seinen armageddon-blick in den augen der lederjacke, "ich mach mir mal keine sorgen, weil du lässt ja eh nix anbrennen."

ich halte noch immer die luft an. die lederjacke starrt unerschrocken in die grünfunkelnden objektaugen. ich warte darauf, dass das blicke-duell unentschieden endet und die beiden sich an die gurgel gehen. doch dann gibt mir das objekt einen reviermarkierer-knutscher auf den mund und trollt sich stolz und langsam.

die lederjacke schaut mich mit hochgezogenen augenbrauen an.
"wer war denn bitte DAS?!"
"mein ex-lover", stammle ich.
"ach komm", sagt die lederjacke. "du hast doch sonst nen ganz guten geschmack."
"find ich auch", sage ich schnell und lege der lederjacke versöhnlich den arm um die taille.

gegen halb fünf ist uns langweilig und wir begeben uns zum ausgang. als wir an der garderobe stehen, kommt - wie es der teufel so will - das objekt heraus, das ebenfalls am gehen ist.
"morphine!" ruft es und drückt mich zum abschied, küsst meinen hals und macht ein großes bohei, bis es merkt, dass die gespielin in der tür steht und säuerlich dreinschaut.

ich habe nie geglaubt, dass ich der gespielin einmal dankbar wäre. doch in diesem fall bin ich es.
"komm", sage ich, nehme die lederjacke bei der hand und ziehe sie schnell nach draußen. im hintergrund höre ich das aufgeregte gebrabbel der gespielin.

draußen schwingen wir uns auf die räder.
"ich fahr noch weiter", sagt die lederjacke.
"ich kann dich nicht aufhalten", erwidere ich. "ich will nachhause."
"komm doch noch mit", bettelt die lederjacke.
"nee. weil dann sitz ich morgen mittag noch immer in irgendeiner kneipe und hab nen schädel wie fünf mann."
die lederjacke grinst. dann gibt sie mir zwei küsschen und fährt in die nacht davon.

ich selbst bin erleichtert und gottfroh, als ich zuhause bin und weiß, dass sowohl lederjacke als auch objekt noch alle zähne im mund haben.

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