Montag, 1. Juni 2015
abschnittsweise träumen
die wenigen male, die ich derzeit aus dem leichtschlaf in eine traumphase hinübergleite, sind kurz aber intensiv und bisweilen sehr unterhaltsam.

heute nacht (laut app ganze zwei prozent tiefschlaf!) träumte mir, ich wohne mir zwei jungs zusammen. ein blonder langer schlaks, mit dem ich offenbar irgendwie verbandelt war, und ein kleiner langhaariger mit harry potter-brille. anfangs lagen wir alle drei in einem sehr choatischen, aber gemütlichen zimmer auf einem bett mit geblümter steppdecke. wir schmissen uns drogen in tablettenform rein und ich fühlte mich sehr breit. unser harry potter-mitbewohner wollte uns zu einem festival überreden, das hieß im traum "forks", war aber zu teuer, und außerdem waren wir viel zu high.

das war sequenz eins. dann wachte ich auf und schlief wieder ein.

harry potter war eindeutig der pfiffigere meiner beiden mitbewohner und obendrein noch fahrtüchtig. wir fuhren mit dem auto durch die stadt bzw. zu einer u-bahn. im auto meckerte mein blonder lover, der ein eifriger leser war, dass harry potter ja nie ein buch gelesen habe. harry potter konnte aber ganze passagen auswendig zitieren, die er irgendwo aufgeschnappt hatte. im traum erkannte ich die autoren und war schwer beeindruckt. die beiden jungs machten sich noch eine weile an, dann mussten wir zur u-bahn.

sequenz drei nach erneutem aufwachen:
in der u-bahn gingen wir einander verloren. ich beschloss, meine oma (in der realität 2011 verstorben) zu besuchen. ich fuhr mit dem bus endlos über land und stieg falsch aus. auf sehr verwirrenden umwegen kam ich dann doch bei meiner oma an, allerdings hatten sie dort das gesamte viertel umgebaut. direkt vor der wohnung meiner oma war nun ein hypermoderner lidl-markt, der jedoch nur die größe eines kiosk hatte. meine oma war nicht da, dafür meine eltern, die die ganze zeit darauf warteten, dass ein anruf kam, der bestätigen sollte, dass meine oma tot war.

sequenz vier:
ich war bei meinen eltern im kinderzimmer und wollte mich anziehen. der blonde mitbewohner war auch da und entpuppte sich als objekt. während ich ein komisches altweißes mieder mit ganz viel kitschiger spitze anlegte, weil weihnachten war, erklärte mir das objekt, dass es jetzt mit einer anderen frau zusammen war. ich nickte nur und meinte, das sei schon okay. dann fiel mir auf, dass ich das mieder falsch rum trug und dass das weiße kitsch-ding einen raffinierten schwarzen lack-gürtel besaß, und dass das alles überhaupt ganz anders musste. ich stand entnervt vor dem spiegel und überlegte, ob ich den ganzen scheiß noch mal aufknöpfen und andersrum anziehen oder es einfach so lassen sollte.

um 7.20 uhr nach rund sieben stunden leichtschlaf inklusive 33 aufgezeichneten wachzuständen meldete sich die volle blase. danach war ich bis zum anschlag wach, als hätte ich eine line geschnupft, inklusive herzklopfen und dem gefühl, dass mir die augen aus dem kopf gepresst wurden. so ging eine idyllische nacht zu ende. aber wenigstens hatte ich nett und skurril geträumt. sequenz vier fand ich zudem aufschlussreich, da sie den aktuellen objekt-konflikt symbolisierte: alles so lassen und im ewigen hass verharren oder doch irgendwann noch mal aussprechen für den inneren frieden, mit dem bewusstsein, dass mich das objekt dann wieder rumkriegen könnte (schwarzer lackgürtel).

ich liebe meine träume auf jeden fall und bin froh, dass sie sich trotz des schlafmangels nicht vertreiben lassen und mir dabei auch noch so detailliert in erinnerung bleiben.

was träumen sie denn so?

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Donnerstag, 28. Mai 2015
mach mir ne füllung, baby!
mein zahndoc ist eine heiße schnitte. garantiert nicht älter als mitte 30, groß, schlank, mit einem bildhübschen gesicht mit blauen strahleaugen. der schwiegermuttertraum schlechthin.

heute bin ich wie jeden sommer mal wieder zur prophylaxe. ich gehöre zu den wenigen menschen, die so etwas gern machen. zum einen, weil mich meine zähne - anders als andere körperteile - nicht im stich lassen. die sind kräftig, und wenn sie sich nicht gerade knirschenderweise selbst zerstören, relativ immun gegen erosive kräfte wie karies und co. zum anderen mag ich es, wenn das ultraschallgerät meinen mickrigen zahnstein aus den zwischenräumen sprengt. das ist ein schöner, reinigender schmerz.

nachdem wir durch sind, kommt der zahndoc zur kontrolle. alles fein, aber weil ich in einem backenzahn ein ziepen habe, das sich nicht zuordnen lässt, macht er ein röntgenbild. das zeigt, dass der verdächtige zahn innen wie außen gesund ist.
"ein bilderbuchzahn", sagt der zahndoc zufrieden. "da müssen wir uns überhaupt keine sorgen drum machen."
"fein", sage ich.
mein zahndoc schaut mich freundlich an wie immer:
"und sonst? gehts ihnen gut?"
ich blinzle angestrengt, wie meint er das jetzt?
"soweit ganz okay. doofe erkältung, aber sonst..."
"nehmen sie denn noch die ssri?"

da fällt mir wieder ein, dass ich ihm mal von meinen depressionen erzählt habe. alter schwede, das hat er sich gemerkt? über ein ganzes jahr?
"nee, die hab ich vor zwei monaten abgesetzt", sage ich stolz wie bolle.
"gut", findet der zahndoc, "und kommen sie damit zurecht?"
"im kopf inzwischen schon", sage ich. "nur schlafe ich furchtbar schlecht und alles ist übelst verspannt."
"sie sehen auch ein bisschen müde aus", findet der zahndoc. "soll ich sie krankschreiben?"
ich blinzle verwundert. mein zahnarzt will mich wegen müdigkeit krankschreiben?
"das ist furchtbar nett, aber ich muss arbeiten", sage ich.

ich schwinge mich aus dem zahnarzt-stuhl.
"ja dann", sage ich und gebe dem zahndoc die hand.
er hält sie ein bisschen fest und zwinkert mich dann an:
"ich drücke ihnen die daumen."
"wofür?"
"dass... dass sie das packen."
"ich bin gerade ganz zuversichtlich."
"naja, ich weiß... das ist heilt langsam. das ist nicht wie ein beinbruch."
"ein beinbruch kann auch ganz schön nervig sein."
"hatten sie mal einen?"
"nee, aber eine gebrochene hand. hat meine komplette bildhauerei-karriere ruiniert."
"sie machen bildhauerei?"
"neeeeeiiin. ich wollte mal kunst studieren und hab nach dem abi ein seminar dazu belegt. aber mit der kaputten hand musste ich das an den nagel hängen."

im hintergrund taucht die zahnarzthelferin auf:
"kommen sie? der nächste patient ist da."
mein zahndoc schaut mich an:
"wollen sie noch mal wiederkommen?"
ich stutze und schaue dumm.
"wir könnten eine füllung für ihren freiliegenden zahnhals machen, dann ist das nicht mehr so unangenehm", erläutert mir mein zahndoc.
"sowas geht?" frage ich.
"klar. aber es kann sein, dass die nach einer zeit wieder abfällt."
"das würde ich riskieren,wenn das eine kassenleistung ist."
"dann machen wir das."

der zahndoc greift sich höchstpersönlich den praxiskalender und nennt mir einige mögliche termine. wir einigen uns auf einen in der kommenden woche.
"da haben wir dann richtig schön zeit", sagt er und es klingt ein wenig wie ein rendezvous.
"danke", sage ich und habe zartes herzwummern.
"ich drücke ihnen ganz fest die daumen", wiederholt mein zahndoc, bevor er zur tür sprintet und sie mir aufhält.

dann stehe ich draußen im regen und denke: mannomann. entweder ist mein zahndoc ganz raffiniert in sachen kundenbindung unterwegs, oder er mag mich.

jetzt bin ich ein bisschen aufgeregt, was nächste woche passiert. zwischenzeitlich mache ich mir mal ein paar warme gedanken zum thema "wie angle ich mir meinen zahnarzt?"
träumen ist schließlich erlaubt.

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Montag, 25. Mai 2015
vater
mein vater wurde vergangene woche 67. seit längerem bereits hat er herzprobleme. sein herz ist vom jahrelangen bluthochdruck vergrößert. die ersten kleinen operationen stehen an.

mein vater, eher weniger nervenstark, ist deswegen psychisch angeschlagen. habe ich ihn am telefon, komme ich kaum zu wort. ich höre zu, denn ich weiß, wie wichtig es ist, ängste aussprechen zu dürfen, damit sie nicht hefekuchenartig aufgehen und in panik umschlagen.

das schlimmste, was meinem vater nun allerdings bevorsteht, ist eine lebensumstellung. diese hat ihm sein kardiologe angeraten. mein vater ist adipös, bewegt sich kaum und ist von natur aus eher weniger ambitioniert. er hat in seinem leben nie groß um etwas gekämpft, weder geistig noch physisch, sondern ist konsequent den weg des geringsten widerstands gegangen, obwohl er sicherlich nicht dumm ist.

die angeratene lebensumstellung macht ihm nun schwer zu schaffen. verzichten oder sogar etwas neues dazulernen müssen, das ist nicht sein ding.
"ich würde das unbedingt machen", sage ich. "schau mal, du bist privtpatient, du würdest wahrscheinlich einfach ein paar wochen lang in eine diätklinik gehen, dort lecker, aber ausgewogen essen und ein bisschen bewegung in dein leben integrieren lernen. das ist doch fast wie urlaub."
"ich will einfach nur meine tabletten schlucken, dann bin ich doch auch gesund", erwidert er.
ein neues, aktives, gesundes leben, in dem er vielleicht keine tabletten gegen bluthochdruck, cholesterin und zucker braucht, erscheint ihm nicht lebenswert. noch nicht mal den versuch möchte er wagen. bloß keine anstrengung.

es ist nicht meine aufgabe, ihn zu ändern, sage ich mir, als ich mit dem gefühl von enttäuschung auflege. es ist sein leben. aber meine enttäuschung hat noch eine andere quelle.

mein vater war immer ein mensch mit hohen erwartungen. er hat eine subtile art, druck auszuüben und schafft es, mich auch heute in meinem fortgeschrittenen alter noch mittelgroßen schuldgefühlen auszusetzen. seine enttäuschung über mein versagen in beruflicher hinsicht ist wie eine schweigende wand. besonders gut erinnere ich mich an die situation, als ich mein examen machte und eine zehntelnote schlechter als mein cousin abschnitt. während ich heilfroh war, durch die prüfungen gekommen zu sein, war die stimmung bei meinen eltern jenseits von feierlich. mein vater meinte, seine investitionen finanzieller art in mich wären damit wohl alle sinnlos gewesen.

ebenfalls sinnlos waren unter anderem auch seine investitionen in meinen klavierunterricht. im kindergartenalter bereits wurden verklärte vorstellungen in mich hineinprojiziert und ich zur musikalischen früherziehung verdonnert. später lernte ich ein paar instrumente, unter anderem klavier. ich bin allerdings kein musikalisches genie. für ein solides klavierspiel hätte ich deutlich mehr üben müssen. zum abitur hin fand ich dann keine zeit mehr dafür, zumal ich mehr oder minder bei meinem freund wohnte, wo auch kein klavier herumstand. vor ein paar jahren dann sagte mir mein vater, er habe ja schon gehofft, dass das mit dem klavierspielen bei mir mal "etwas wird". ich fragte nach, was er damit meinte, und offenbar gingen seine gedanken durchaus in richtigung pianistenkarriere, auf jeden fall aber in richtung geld verdienen und ruhm.

ich frage mich noch immer, woher diese erwartungshaltungen kommen. meine eltern haben kein abitur oder studium. mein vater hat seine ausbildung mit einer 3,8 beendet - knapp vorbei an durchgefallen also. dass er eine karriere bis zum besserverdiener hingelegt hat, verdankt er ganz allein den regelungen des beamtentums: er stieg durch älterwerden auf, nicht durch einsatz, überstunden oder weiterbildungen. er hat sich nie über das absolut notwendige hinaus engagiert, weder im job noch für anderweitige gute zwecke. dass ein mensch, der selber nie etwas überdurchschnittliches zustande bringen musste, um etwas zu erreichen, mir heute vorwürfe macht, dass mein nicht geringes, kontinuierliches engagement unter den widrigen umständen noch nicht zum gewünschten erfolg geführt hat, ist für mich schwer zu ertragen.

als ich v. heute beim essen die geschichte erzähle, meint er, dass ich unbedingt "endlich von zuhause ausziehen" solle. als ich etwas beleidigt sage, das sei ich bereits mit 16, lacht er nur:
"wirklich? mir scheint, du lebst auch hier in hamburg noch viel zu nah bei den erwartungen deiner eltern."

eiskalt erwischt. und wieder einmal wird mir klar, dass es erwachsenwerden nicht gibt bzw. dass dieser prozess lebenslanges lernen und auseinandersetzung bedeutet, mit sich selbst und anderen. im gegensatz zu meinem vater will ich es anpacken. mein schicksal lenken, wann immer ich die kraft dazu habe. meine aktuelle aufgabe besteht nun darin, an möglichst große mengen dieser kraft zu gelangen.

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Sonntag, 24. Mai 2015
rise again
am freitagmorgen wache ich mit dem schädel des jahrhunderts auf, denn ich habe wieder nicht geschlafen. das verblüffende dann jedoch: die gedankenkreisel stehen still. ich fahre arbeiten, widme mich anschließend zuhause noch eine ganze weile einem brach liegenden projekt, finalisiere die steuererklärung und putze die wohnung. ich denke: wow, alles ruhig. normalität. ich bin so gut drauf und weiterhin unglaublich wach, dass ich um mitternacht noch joggen gehe.

der langerhoffte turn ist also nun doch da. ich weiß nicht, wie lange er halten wird, aber gerade geht es mir gut. im kopf ruhe, nur dezente traurigkeit, die sich aber sehr gut mit den angeeigneten gedanklichen maßnahmen bekämpfen lässt. keine verzehrende sehnsucht mehr, keine objektbesessenheit. die homöopathie? ein wunder? oder nur ein kurzes intermezzo?

auch heute ist kein schlechter tag. abends verabrede ich mich mit der krankenschwester zum feiern. obwohl sie in letzter sekunde absagt, fahre ich in die spelunke. und treffe dort das objekt.

der erste gedanke ist interessanterweise nicht: ohgottohgott, was mach ich bloß, was sag ich ihm bloß?! sondern: scheiße, hoffentlich macht es mir jetzt nicht mein stimmungshoch kaputt. ich hole mir erstmal einen drink, schnappe mir einen bekannten und unterhalte mich. schön beschäftigen. nach innen, um die ruhe zu halten. nach außen, damit das doofe objekt bloß nicht denkt, dass es mich interessiert, es heute zu sehen.

aus den augenwinkeln spähe ich natürlich einige male. das objekt hängt allein rum und tanzt ab und an, ansonsten ignoriert es mich und unterhält sich mit zwei typen, die ebenfalls totale aufreißer-arschlöcher sind. das objekt wirkt für seine verhältnisse unheimlich dünn, auch das gesicht ist hager unter dem wilden bart.

ich bin erstaunt, wie wenig es mich berührt. kein alles verschlingendes bedürfnis, zu ihm zu gehen und es zu bitten, nicht mehr böse zu sein. vielmehr leichter groll: unfassbar, dass es sich offenbar immer noch als opfer fühlt. man muss ja auch mal sehen, was dazu geführt hat. wäre das objekt abgesehen von seinem fremdge(h)ndefekt eine korrekte, integre persönlichkeit, hätte ich damals nach der verpetzaktion sofort bei ihm angerufen und es vorgewarnt. aber nach allem, was es sich geleistet hatte, fühlte ich kein loyalitätsbedürfnis mehr.

ich habe den eindruck, dass es dem objekt nichts ausmacht, mich zu sehen, dass es allenfalls noch immer sauer ist. allerdings packt es etwa eine dreiviertelstunde nach meinem kommen seine sachen und haut ab. die uhr zeigt noch nicht einmal halb vier - keine objekt-zeit, um nachhause zu gehen. kann man von halten, was man will.

später auf dem fahrrad nach hause freue ich mich, dass es schon so schön hell und warm ist. mein bäcker an der holstenstraße hat auch schon auf, also noch rasch frühstück geholt. und nun sitze ich hier, viel zu wach zum schlafen, und viel zu heiter, als dass ich es irgendwie fassen könnte.

drücken sie mir die daumen, dass das ein wenig so bleibt.

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Sonntag, 17. Mai 2015
mit 100 kmh
am nachmittag kommt die lederjacke zu mir, um ihre promotion vorzubereiten. wir schreiben vier stunden, dann bin ich alle, unter anderem auch, weil das thema hundertfünfzig prozent aufmerksamkeit verlangt und ich mich damit noch viel zu wenig auskenne.
"ich beneide dich so um diese chance", sage ich warm und schaue die lederjacke liebevoll an.
"is aber n haufen arbeit, verdammt", schnauft die lederjacke, um dann hinzuzufügen:
"aber wenn ich erstmal prof bin, du... dann hab ich meine 4000 tacken und kauf mir ne finca, und da sitz ich dann die fünf monate semesterferien im jahr und bereite meine seminare vor!"
ich schmunzle:
"heirateste mich, bevor ich flaschensammlerin in deutschland werden muss?"
die lederjacke schüttelt energisch den kopf und meint:
"wohnen kannst du natürlich bei mir. aber heiraten ist doch quatsch! das mach ich nicht. nie im leben. so ein verlogener scheiß!"

später sitzen wir in meinem lieblingsimbiss und teilen uns nudeln und ein fischgericht.
"was soll denn nun aus mir werden?" frage ich die lederjacke mal wieder. "was würde denn zu mir passen?"
"mach doch das ref", rät mir die lederjacke zwischen zwei gabeln glasnudeln.
"was würde mich denn in deinen augen dafür qualifizieren, lehrerin zu sein?"
die lederjacke denkt scharf nach und sagt dann:
"du bist so ein unglaublich guter mensch, du könntest kindern ganz viel geben, weil du so empathisch bist."
"boah, lederjacke", rufe ich. "genau deswegen wäre ich doch total am arsch als lehrerin. ich wäre der punching-ball im null-bock-kampfring! als lehrerin musste hart sein, knallhart und cool und darfst nichts an dich ranlassen. nicht den scheiß der kinder, nicht den krampf mit den eltern, nicht das gesülze der kollegen und schon gar nicht das bewusstsein, dass du für ein schweinesystem arbeitest, das auf die totale ersetzbarkeit in einer leistungsgesellschaft und soziale kälte vorbereitet!"
"hm", sagt die lederjacke, "so gesehen haste schon recht. aber für den ein oder anderen wärst du eine offenbarung."

als wir fertig mit dem essen sind, bin ich ganz aufgewühlt. ich denke daran, dass es mit tabletten viel einfacher war. just in diesem moment schaut mich die lederjacke von der seite an und sagt:
"du, ich finde das übrigens ganz großartig, dass du so stark bist und die medikamente abgesetzt hast."
"danke", sage ich leise.
"wie ist das eigentlich so, wie sind da die unterschiede?"
"körperlich oder geistig?"
"beides, wenns für beides unterschiede gibt."
"also, erstmal schlafe ich viel weniger... und ich habe wieder mehr schmerzen, weil die anspannung steigt und ich total verkrampfe. das ist das körperliche. im kopf ist alles wieder viel intensiver. ich kann so in den himmel schauen oder in die blätter eines baums und es ist wahnsinnig schön, so schön, dass ich mich dadurch mit der ganzen welt verbunden fühle... die kehrseite ist, dass alles traurige auch wieder viel intensiver ist. ich habe wieder viel mehr angst - vor menschen, vor meiner sozialen lage, vor jedem tag. alles ist schwieriger und sperriger, der kopf rattert die ganze zeit und ich hab angst, dass mir irgendwann die sicherungen durchbrennen. aber ich versuche, die angst auszuhalten. es muss sich doch auch mal einpendeln, meinst du nicht?"
die lederjacke lächelt unsicher, das ist nicht ihr terrain, doch dann sagt sie:
"das mit dem rattern im kopf kenn ich auch, ich kann auch ganz schwer abschalten. aber versuchs doch mal als gabe zu sehen. du kriegst viel mehr mit als andere. für irgendwas muss das doch auch nützlich sein."

solange ich mit der lederjacke unterwegs bin, geht es mir gut. zuhause dann packt mich die große leere wieder. zum glück schreibt mir v., ob ich nicht noch mit ihm was trinken gehen möchte. dankbar antworte ich mit ja und verabrede mich mit ihm auf dem kiez.

als ich bei der kneipe ankomme, in der wir uns treffen wollen, findet dort gerade eine schlägerei statt. ich drücke mich an die hauswand und hoffe, dass mir keiner auf die fresse haut. dann kommen auch schon die bullen angerast mit tatütata, vier autos insgesamt. die ordnungshüter springen aus den wagen und krallen sich die unruhestifter, nur einer entkommt, aber eine junge frau, die offensichtlich auch mit in den kampf verwickelt war, hetzt zwei polizisten auf den flüchtenden, der dann auch gleich aus dem trubel herausgezerrt, gegen ein auto geworfen und durchsucht wird.
ich drücke mich ganz vorsichtig an den immer noch schreienden und sich wehrenden menschen vorbei und verschwinde in der kneipe, wo v. schon auf mich wartet.
"da draußen gehts ja ab", sage ich zur begrüßung.
"ach, das ist halt großstadt", sagt v. beruhigend und umarmt mich.

v. hat mir schon einen gin tonic geordert und eine warme welle schwappt über mein herz, weil ich das eine so schöne geste finde.
dann will v. erstmal wissen, wie sich der zustand meinerseits hält. ich berichte.
"meinst du, du ziehst das weiter durch?"
"weiß nicht. in zwei wochen hab ich wieder termin in der klinik, da bespreche ich das mal. ist halt irre anstrengend so. alles sehr fragil, aber auch irgendwie schön. so mehr ich, weißte?"
"und denkst du dann auch mehr an suizid?" will v. wissen.
ich überlege.
"das thema ist präsenter, ich würde auch sagen, dass in einer akuten situation die hemmschwelle vielleicht niedriger läge... aber insgesamt kann ich das im moment noch ganz gut durch geistige anstrengung ausbalancieren."
"hast du keine angst, dass es dich einfach mal überkommt?"
"das kann ich mir ehrlich gesagt so konkret gar nicht vorstellen."
"ich hatte ja mal so einen moment..."
"wie meinst du das?"
"das ist schon länger her, ich kam damals gerade von meiner freundin, war eigentlich ganz gut drauf, und dann hatte ich irgendwie so einen impuls... und hab das auto gegen nen baum gesetzt."

ich mache augen wie untertassen und bin erstmal sprachlos.
"aber daraufhin haben sie dich doch sicherlich eingebuchtet?" frage ich, als ich mich wieder berappelt habe.
"nee. also, der fall wurde natürlich untersucht, gab ja keine bremsspuren, es war eine freie strecke und ich hatte 100 sachen drauf. aber der polizist meinte bei der vernehmung ganz lapidar, ist ja jedem seine sache, was er mit seinem leben macht. meine freundin war damals übrigens auch ganz cool und sagte, wenn du meinst, dann bring dich halt um."
ich überlege.
"eigentlich ganz clever."
"das hat mich damals echt verletzt!"
"ja, aber... das ist gut, wenn sich jemand nicht emotional erpressen lässt, weißte? das objekt war in solchen momenten auch immer ganz distanziert und klar und hat mich in die pflicht genommen."
"wie, in die pflicht genommen?"
"wenn ich am telefon rumgeheult hab, vonwegen ich will nicht mehr, dann sagte es meist nur, gut, du hast zwei möglichkeiten, ich rufe jetzt den krankenwagen, oder du überlegst noch mal und wir vereinbaren was."
"und das funktioniert?"
"solange jemand absprachefähig ist, also trotz emotionalem stress auf gewisse geistige ressourcen zurückgreifen kann, geht das."
"ich habe immer gedacht, dann sollte man jemanden vielleicht einfach mal in den arm nehmen?"
"könnte man, aber die gefahr ist dann halt, dass der andere dann immer mit suizid droht, nur weil er in den arm möchte."

wir sitzen eine weile da und gucken stumm vor uns hin.
"trotzdem, ich bin noch immer ganz schockiert", sage ich dann und schaue v. an. "ich hätte dir das nicht zugetraut."
"ich habs mir selbst nicht zugetraut. das war ein bruchteil einer sekunde, in der ich das entschieden habe."
ich schaue in meinen leeren gin tonic und überlege, ob das der moment für eine umarmung wäre, bis mir klar wird, dass ich mit medikamenten gar nicht überlegt hätte, also überwinde ich mich und nehme v. kurz in den arm. ich denke nach, ob ich noch etwas sagen sollte, etwas kitschiges wie "mach das nie wieder", aber ich entscheide mich dagegen, versuche nur, ein bisschen nähe zu geben und fertig.
"du zitterst", sage v. schmunzelnd, als er mich wieder loslässt.
"ist die anspannung, weißte, ich bin nicht so gut in sowas."
"warum?"
"vielleicht, weil ich denke, dass du nicht umarmt werden möchtest? oder zumindest nicht von mir?"
"warum sollte ich nicht von dir umarmt werden wollen?"
ich gucke wieder in mein glas und schäme mich für mein misstrauen.
"ich fand das gerade echt schön", sagt v. noch, aber ich schaue nicht hoch, also schweigen wir lieber schnell wieder.

als wir am ende des abends vor die kneipe treten, ist es längst hell.
"scheiße, schon halb sechs", sagt v.
"ich mag das", sage ich. "jetzt noch schön radfahren, das wird mir gut tun."
"da hätte ich sowas von keinen bock drauf."
ich grinse:
"wenn ich kohle hätte, würde ich jetzt natürlich auch ein taxi nehmen."
"wenn du eines brauchst, sag bescheid."
"nee, lass mal."
dann verabschieden wir einander.

als ich die straßen entlang radle, umfängt mich der morgen mit seinem speziellen licht und einem duft, der an jeder ecke anders riecht. ein bisschen regen kommt ab und an von oben, aber für den moment ist alles in mir friedlich und freut sich auf das bett.

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Donnerstag, 14. Mai 2015
was man mehr will
dank chemiefreier blutbahnen wächst die anzahl meiner täglichen wach-stunden beträchtlich. alle synapsen stehen unter dauerfeuer. gestern nach dem büro empfange ich erst den dr.-ing., der einen dringenden entsaftungswunsch hat, danach arbeite ich mich in ein neues seo-tool ein, und um mitternacht habe ich die grandiose idee, dass man ja noch ein wenig party machen könnte. also haare gewaschen, nägel lackiert, eine line gelegt und nicht gezogen, denn ich fühle mich auch so high von adrenalin, zwischendurch noch schnell eine waschmaschinenladung aufgehängt, und dann los.

auf dem kiez treffe ich zunächst den liebeskummergebeutelten jammer-typen, und weil ich gerade emotionales oberwasser habe, beschließe ich, ihm mal ganz oberlehrerhaft die leviten zu lesen. überraschenderweise hat er ein einsehen, gibt mir recht darin, dass er ein wenig übertrieben hat und berichtet, dass er die suizidankündigung auf fressenbuch schon selbstständig wieder entfernt habe. na immerhin. ich lobe ihn ein wenig, männer brauchen das auch mal, vor allem, wenn frau sie gerade angekackt hat, nur so bleibt der schwanz ein schwanz inmitten von zickenterror und scheinemanzipation.

den rest des abends bin ich eingeladen und bekomme einen drink nach dem anderen ausgegeben. wir diskutieren über monogamie und polygamie, und während der typ glaubt, wurzel allen übels sei monogamie, berichte ich aus meinem reichhaltigen polyamourösen multisexuellen erfahrungsschatz und schlussfolgere, dass beides eben nun mal vor- und nachteile hat, und dass es allenfalls persönliches ermessen sei, welche art von beziehung das kleinere übel darstellt.

"alles, was du sagst, klingt immer so akribisch durchdacht", sagt der typ irgendwann. "fast wissenschaftlich, und dann aber auch immer irgendwie.... poetisch."
"das objekt hat mich immer wissenschaftlerin des lebens genannt", rutscht mir raus.
"du hängst doch noch an dem", erwischt mich der typ.
"klar. unendlich weh tut das alles immer noch. vor allem jetzt ohne medikamente. da ist das thema unheimlich präsent und ich möchte so gerne wissen, was er denkt und darüber dann mit ihm reden. dennoch ist mir bewusst, dass ich das nicht tun darf. trotzdem, eine tür ist halt immer erst dann zu, wenn man nicht mehr durchs schlüsselloch linst."
"siehst du, das meine ich. du bist so klar, du hast das alles so analysiert... auch wenn du noch nicht drüber stehst. aber du könntest einen ratgeber schreiben. oder wenigstens eine kolunme für die zeitung. du wärst so eine art sibylle berg, nur ganz anders. ich glaube echt, die leute würden das lesen. ich jedenfalls würde das gern lesen."
"ja, das wär mal geil, aber ich habe bisher nur biedermeier-feuilleton geschrieben. und ich heiße halt leider nicht sibylle berg oder sascha lobo. morphine ist kein gutes branding, das ist ein null-branding. und mal abgesehen davon ist es schon eine schon herausforderung, sibylle berg das wasser reichen zu wollen."
"du könntest das. wer, wenn nicht du?"
"frag mich in zehn jahren noch mal", lache ich.

bereits recht blau beschließe ich, noch mal in der neuen spelunke vorbeizuschauen, schließlich wollte ich ja auch dem inhaber dort mal sagen, dass das so nicht geht mit dem dj. ein dj, der die tanzflächen leerspielt, ist gift für eine location, die sich gerade etablieren muss.

drinnen ist es wie erwartet wieder leer, aber ich habe glück, inhaber eins und inhaber zwei sind beide anwesend und ich bitte sie zum beratungsgespräch in eine stille ecke. nach drei wochen ist den beiden immerhin auch schon aufgefallen, dass der dj scheiße ist. heute legt einer der alten stammgäste auf, der ein bekannter von mir ist, das ist schon mal besser, aber auch der ist nun mal kein profi und vor allem kein großer name in der szene, der zieht. marketingtechnisch ungeschickt, das ist wie die sache mit morphine versus sybille berg.

am ende des abends sind alle ein wenig zerknirscht, aber durchaus nicht hoffnungslos, nachdem ich meine 75 hochprofessionellen ideen in die runde gegeben habe. dann trinken wir noch ein paar kurze zusammen, bis ich sodbrennen kriege und mir einfällt, dass ich ja mit dem rad unterwegs bin, und ich steige auf alkfrei um.

erst gegen halb sechs hat sich mein pegel soweit reguliert, dass ich wieder daran glauben kann, auf meinem knapp 10-kilometer-heimweg nicht mehrfach auf die fresse zu fallen. wir stehen draußen, rauchen eine letzte zigarette und schauen in petrolfarbenen morgenhimmel, wo sich schon wieder regenwolken ballen, die sich just dann, als ich in den sattel steige, zu entleeren beginnen. auf meinem heimweg werde ich nass bis auf die haut, aber es ist angenehm, quicklebendig fühle ich mich, und so verdammt mittendrin. in den beinen merke ich ein wenig, dass ich seit über 24 stunden wach bin, aber der kopf ist ganz da, das ist schön, auch wenn er wieder so anfällig für traurige objektgedanken geworden ist.

zuhause stehe ich noch eine ganze weile unter strom, frühstücke ein ben&jerrys-eis und lese blogs und zeitung im vergleich und denke darüber nach, warum man nicht wirklich mehr blogger schreiben lässt statt irgendwelcher drögen gleichgeschalteten wichtigwichser. dann gehe ich langsam zu bett und träume all das, was ich mehr oder besser will als das, was es ist oder ich habe. the power of traum eben, frei nach oliver koletzki, weil der traum einfach das letzte ist was bleibt, während die realität an dir vorbeizieht wie eine abgefeierte bitch auf dem vollgekotzten pavement des lebens.

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Montag, 11. Mai 2015
unfun
samstagnacht, on tour. st. pauli ist hafengeburtstagsbedingt mal wieder ganz kotze und scherben. tagsüber familien-trallala, nachts besoffene touris, das konzept geht immer auf. als ich aus der s-bahn-station auftauche, fühle ich mich splitterfasernackt, kontaminiert mit dem gestank von dönersoße, pisse und alkohol.

ich lande in der neuen spelunke, zwei bekannte sind auch da, sonst ist es halbleer, halbleere gläser allethalben, und der dj hängt auch schon auf halbmast, die musik plätschert vor sich hin und alles ist wie immer, nur ein bisschen trauriger.

ich ziehe mich in den hintersten winkel zurück, wo schon zwei typen sitzen und trinken. der eine schaut mich neugierig an, der andere schläft bereits und berührt mit der stirn den niedrigen tisch. als er mit dem kopf ein paar gläser abräumt, wacht er kurz auf, grinst und klammert sich schwankend an seinen kumpel.

zwei trusen kommen angewackelt, die eine ist blond, mopsig und aufgetakelt, die andere ganz schlicht in jeans. sie schieben ihre ärsche auf die sitze neben mir. die mopsige aufgetakelte sitzt da wie ein nasser sack, alkoholschlaff mit hängenden schultern und titten, und lamentiert. die schlichte tröstet und tröstet, aber es will offenbar nicht fruchten, also wendet sie sich irgendwann an mich:
"entschuldige, ich muss dich mal was fragen!"
"was denn?"
"hat sie noch marktwert?" sagt die schlichte und zeigt auf die mopsige aufgetakelte.
"als was?" frage ich zurück.
"na so bei den typen!"
ich gucke und überlege und bin dann ganz unverblümt:
"also was das alter betrifft, bestimmt, aber sie muss echt an ihrer haltung arbeiten!"

miss mopsig hat das gehört und schaut mich giftig an. ihr ehrgeiz ist anscheinend geweckt. in folge versucht sie, den schlafenden typen anzugraben, der den kopf inzwischen im schoß seines freundes hat, was dem sichtlich unangenehm ist. dass da gerade nichts zu holen ist, hätte ich ihr sofort sagen können. miss mopsig labert und labert, aber der besoffene typ blinzelt und murmelt nur kurz etwas in seinen bart, um sich dann wegzudrehen und sich auf dem sofa zusammenzurollen wie ein überdimensioniertes kätzchen. miss mopsig nimmt das natürlich persönlich, sie beginnt wieder zu jammern, kein glück bei den typen offenbar, was für eine scheiße. ich finde die szene unheimlich witzig und muss grinsen, was miss mopsig noch viel weniger gefällt, woraufhin sie ihre unscheinbare freundin bei der hand nimmt und richtung bar zieht.

meine beiden bekannten kommen und verabschieden sich, es ist noch nicht mal vier, aber die musik ist zum einschlafen und überhaupt kackt die stimmung im laden minütlich ab. also hole auch ich meine jacke und begleite die beiden noch zur s-bahn, dann gehe ich zum bus. auf dem weg klettet sich ein schwarzer an meine fersen, er sagt "hallo hallo hallo", als hätte jemand den repeat-knopf in seinem hirn gedrückt, aber ich ignoriere ihn eisig, und nach dem hundertfünfundzwanzigsten hallo gibt er endlich auf.

im bus fällt mir wie immer das objekt ein, und was für einen spaß wir noch vor einem jahr hatten. meine augen brennen, aber es kommen keine tränen, also mache ich noch einen abstecher zum bäcker und hole ein paar brötchen für sonntag. essen ist der sex des alters, der spruch fällt mir ein, als ich mit den warmen brötchen in der tüte nach hause trapse, vielleicht isses ja nun bei mir auch soweit.

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Sonntag, 10. Mai 2015
nervensägen
pling-pling. es weckt mich wieder einmal die sms eines "freundes", der mir schreibt: 'mir geht es soooooooo schlecht'. normalerweise würde ich jetzt aufspringen und zurückrufen, aber zwei minuten später sehe ich, dass besagter typ auch schon seit sieben stunden sein fressenbuch-profil mit weinerlichen aufrufen zur mitleidsbekundung vollspammt, inklusive suizid-drohung und bestattungstechnisch passender mucke. genau wie letztes wochenende. und wie das davor. also drehe ich mich auf die andere seite und schlafe weiter.

der hintergrund: besagter typ war jahrelang in einer bzw. zwei beziehungen. in dieser phase brachten wir es auf sage und schreibe nullkommanull anrufe, treffen oder was auch immer. manchmal grüßte er mich auf partys nicht mal, wenn er seine alte im schlepptau hatte. dieses asoziale verhalten ist mir nicht unbekannt - viele menschen brauchen eben nur dann freunde, um die miese zeit zwischen zwei beziehungen zu überbrücken. das sind allerdings dann keine menschen, mit denen ich mich befreunden mag.

bis vor wenigen wochen hatte ich schon völlig vergessen, dass wir irgendwann mal die nummern getauscht hatten. das lässt sich nun nicht mehr verdrängen, denn jetzt stehe ich ganz hoch im kurs. neben traurig-sehrtraurig-ganzschlimmtraurig-sms bekomme ich fast allabendlich auch "süße grüße zur nacht", "ganz viel liebe" und andere schleimige schwadronierereien zu lesen, wovon mir jedesmal speiübel wird - zumal ich ahne, dass der typ nie so ganz platonisch an mir interessiert war.

damit sie kein falsches bild bekommen, muss ich vielleicht dazu sagen, dass der jammer-typ ungefähr mitte 50 ist, eine familie mit mehreren erwachsenen kindern, einen super job bei der stadt sowie ein eigenes haus hat. wir haben es also keineswegs mit einer labilen, abgebrannten mitzwangziger-studenten-partybekanntschaft meinerseits zu tun, sondern mit einer gesunden, sozial und materiell privilegierten erwachsenen person.

obwohl ich inzwischen furchtbarfurchtbar genervt bin (bitte jetzt mitleid äußern! sonst muss ich mit suizid drohen!), bin ich doch auch hin- und hergerissen und muss lange mit meinem mir innewohnenenden freundlichen ratgebertanten-gen ringen. doch dann schalte ich das handy aus und schmeiße die person aus meiner fressenbuch-liste. nicht ganz ohne schlechtes gewissen. aber mit großer erleichterung.

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Donnerstag, 7. Mai 2015
imbiss-quickie
die lederjacke ruft an und erwischt mich mitten in der steuer:
"haste nicht lust, was kleines essen zu gehen?"
hab ich eigentlich nicht, denn ich habe gerade gefuttert und fühle mich ohnehin prämenstruell-quasischwanger. aber ich sage zu, denn die lederjacke ist nun mal die lederjacke und mit abstand einer der angenehmsten menschen in dieser stadt.

"gut schauste aus", sagt die lederjacke fast verblüfft, als wir uns in einer kneipe um die ecke treffen.
"echt?" frage ich ein bisschen blöde im vollmädchenmodus.
"ja... irgendwie... frisch!"
"ich hab meine tabletten abgesetzt, vielleicht macht sich das ja bemerkbar."
"bestimmt! du weißt doch, keine macht den drogen!" lacht die lederjacke.

dann wirft die lederjacke einen blick auf die speisekarte.
"mensch morphine, das ist ja das paradies hier! grillhaxe! und pommes mit mayo!" freut sie sich.
"ich bin ja eher hier wegen des urigen charmes und der originellen wanddeko. und warte mal, bis der chef rauskommt, der sieht aus wie n zuhälter."
"haben die überhaupt was für dich hier? du bist doch vegetarierin."
"die haben hühnchen, das geht."
"auja, wollen wir uns zusammen so ein hähnchen reinziehen?"
"von mir aus."

zehn minuten später schiebt uns der chef einen riesenteller mit einem hähnchen, pommes und drei liter mayo hin. die lederjacke ist sprachlos und kann nur noch laute des entzückens von sich geben. dann beginnt sie zu mümmeln, als hätte es seit tagen nichts mehr gegeben.
"nachher jammerste wieder, wenn dein waschbrett verschwunden ist", stichle ich.
"du, ist mir grad egal. ich hab im moment genug zeit zum sport, ich hab mich mal wieder krankschreiben lassen."
"sollte ich auch mal wieder machen. und sport wollte ich ebenfalls noch machen, aber jetzt sitz ich hier mit dir und esse eine eine-million-kalorien-mahlzeit."
die lederjacke kichert nur glücklich zwischen zwei pommes mit viel mayo.

"was macht deine promotion", will ich dann wissen.
"steckt noch in den kinderschuhen. ich bräuchte da mal deine hilfe."
"jetzt schon?!"
"ich hab so eine kleine einführung geschrieben, die muss einfach perfekt werden, davon hängt alles ab. und ich habs doch nicht so mit formatieren und so."
"mein lieblingsthema."
"echt jetzt?"
"nein. bist du irre?"
"schade."
"ja, mann, schick einfach mal rüber, ich gucke mal, was ich machen kann, okay?"

nach dem essen stehen wir noch eine weile unter der tür, weil ein monsumregen über die stadt zieht. wir quarzen eine und ziehen fröstelnd die schultern hoch.
"fuck, sag mir bitte mal, wo bleibt der mai?"
"ich friere auch total. obwohl ich jetzt so viel gefressen habe."
"wie ich dich kenne, hast du schon während des mampfens ausgerechnet, wie viele liegestütz und klimmzüge und barrenarbeit das wieder sind."
die lederjacke grinst nur amüsiert:
"du kennst mich zu gut."

dann muss die lederjacke los.
"du morphine, ich muss unbedingt bald wieder in diese kneipe hier!"
"soll ich dich davon nicht besser abhalten?"
"ja bitte! - oder vielleicht auch doch nicht?"
wir nehmen uns zum abschied in die arme.
"weißt du, was jetzt geil wäre", sagt die lederjacke.
"ein bett", finde ich.
"nee, ein eis!"
ich boxe die lederjacke in ihren verschwindenden waschbrettbauch und lache.
"los, zieh leine."
"aye-aye."

dann schwingt sich die lederjacke in ihre lederjacke und besteigt das rad. und braust im nieselregen davon.



im übrigens sehr nett, dass trentemöller einen song namens "morphine" auf seinem album "lost" hat.

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Freitag, 1. Mai 2015
lost im kreativuniversum oder 14 jahre später
wir treffen uns in der schanze, weil der exmedizinstudent alkoholisierungsabsichten geäußert hat, die ich natürlich nur unterstützen kann, zumal ich medikamentenfrei immer ein paar nervige, dringend auszuschaltende gedanken mit mir herumtrage.
ich komme mit dem fahrrad, und während ich noch einen platz zum anschließen suche, läuft mir schon der exmedizinstudent vor die füße. nach einer verlegenheitssekunde nehmen wir einander fest in die arme.
"ist das schön... du hast dich überhaupt nicht verändert", blubbere ich.
"du hast dich aber auch echt gut gehalten", findet der exmedizinstundent.

dann entern wir die kneipe und der exmedizinstudent holt erstmal zwei gin tonic.
"was machst du denn jetzt beruflich so, das habe ich in den mails noch nicht genau verstanden", will ich von dem exmedizinstudenten wissen.
"dasselbe wie du", sagt der. "schreiben."
ich muss erstmal lachen.
"auch brotlose kunst?"
"nee, das geht schon. ich hab damals mit meiner agentur hart verhandelt."
"erzähl, wie hast du das gemacht?"
"ich hab meinem chef gesagt, pass auf, ich bin alleinerziehender vater, ich brauche zeit, also werde ich nur teilzeit arbeiten, aber trotzdem muss ich natürlich meine familie ernähren, also brauche ich entsprechend geld."
ich gucke groß:
"meine bisherigen arbeitgeber hätten daraufhin gesagt, tschüß, dann nehm ich mir einen volontär oder so."
"nee, das ging, der ist nämlich selber vater, und seine frau arbeitet auch... das war sozusagen ein glücksfall."
"dass es DAS noch gibt!"
"ja, ich hab eigentlich auch nicht gedacht, dass es funktioniert, aber mein chef ist wirklich sehr cool."

"wie bist du denn alleinerziehender vater geworden?"
"ich habe eine frau kennengelernt, die ich sogar geheiratet hätte. wir sind zusammengezogen, dann wurde sie schwanger, und ich hab mich eigentlich riesig gefreut, obwohl es nicht einfach war - ich war damals noch frei und nicht angestellt. aber meine freundin war artdirektorin in einer großen agentur, von daher ging das finanziell."
"und dann?"
"als das kind da war, fiel ihr auf einmal auf, dass sie lieber keines gehabt hätte."
"autsch."
"wir hatten uns dann überhaupt nichts mehr zu sagen. ein jahr hab ich noch versucht, mit ihr zusammenzuleben, auch wegen meiner tochter, aber es ging nicht. wir haben überhaupt keine schnittmenge mehr."
"und wie machst du da jetzt so mit dem kind?"
"naja, es ist sehr tough. ich stehe ultrafrüh um, mache die kleine fertig und bringe sie in die kita, dann mache ich mich für die arbeit fertig und abends das ganze wieder umgekehrt. manchmal holt auch meine ex die kleine ab."
"das heißt, sie ist den ganzen tag in der kita?"
"geht ja nicht anders."
"hm."

wir schweigen, schauen uns an, ordern noch einen gin tonic.
"und bei dir so?" will der exmedizinstudent-texter wissen.
"geht so. ich hab auch jahrelang in agenturen geschuftet, unter hölle-bedingungen für ganz wenig geld... jetzt arbeite ich in einem kleinen unternehmen, unter ganz guten bedingungen und in einem sehr netten team, aber immer noch für so wenig geld, dass ich eigentlich kaum überleben kann."
"kein mann? keine kinder?"
"nein. ich hab hier nie jemanden kennen gelernt, mit dem ich mir eine beziehung hätte vorstellen können. und finanziell, das ginge nicht mit kind, das reicht ja nicht mal für mich - manchmal muss ich sogar meine eltern anbetteln, zum beispiel, wenn ich zum zahnarzt muss."
"schlimm", findet der exmedizinstudent schockiert. "das heißt, du bist total allein und hast obendrein noch nicht mal geld."
ich zucke die achseln.
"und das macht dir nichts aus?"
"doch. zwischendurch will ich immer mal nicht mehr leben."
dann erzähle ich ihm entgegen meiner absichten doch meine psychostory inklusive meines aufenthalts im irrenhaus.
als ich fertig bin, schaut er noch ein bisschen schockierter.

"wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, ist das okay", sage ich beschwichtigend. "ich weiß, für menschen, die mitten im leben stehen, bin ich nur eine bedauernswerte randgruppe, die aber bitteschön auch hübsch brav am rand bleiben soll."
"nein, nein...", sagt der exmedizinstudent betroffen. "ich habe ja selber eine therapie gemacht."
"neeeeeiiiiin... wegen deiner freundin?"
"ich weiß nicht, kam damals auch viel zusammen. die trennung... und dann war ich ja frei. ich habe für eine große agentur aufträge erledigt, aber das war dort so... die suchten nach fehlern, weißt du. und jeder war komplett für sich, jeder wollte und musste der beste sein. ellenbogenmentalität, und ein unglaublich mieses betriebsklima."
"kenn ich", sage ich.
"und dann hatte ich eine schreibblockade. ich saß da vor dem leeren bildschirm und nichts ging mehr, aber es musste ja was gehen, denn sonst gab es keine kohle. zumal da sehr viele andere talente waren - auf mich hat keiner gewartet."
"kenn ich", sage ich wieder, "also ich war immer in miesen kleinen klitschen, nie in großen agenturen, aber da ist es genauso furchtbar."
"kein zusammenhalt, weißt du... da hat einer den anderen ausgebootet. aber dann hatte ich einen lichten moment."
"lichter moment? biste amok gelaufen?"
"nein, ich bin einfach aufgestanden, hab noch schnell eine übergabe geschrieben, hab meinem chef gesagt, ich gehe jetzt, und dann bin ich gegangen."
"krass."
"und dann hab ich mir einen therapeuten gesucht."
"wovon hast du gelebt?"
"ich hab vier monate gar nichts gemacht, das ging aber auch nur, weil ich noch bei meiner freundin lebte. die musste in dieser zeit halt alles bezahlen, aber das tut man ja in einer partnerschaft."
"macht nicht jeder partner mit."
"dann wärs ja kein partner."
"ich war damals zum zeitpunkt des großen zusammenbruchs sowieso allein. ich konnte nie aufhören zu arbeiten. entweder aufhören und existenziell vor die hunde gehen, oder weitermachen und die seele weiterhin vergewaltigen."
"und du hast dich für letzteres entschieden."
"ja."
"nicht gut. deine eltern hätten dir nicht mal ein paar monate über die runden zu kommen helfen können?"
"die wissen nix. die leben da so in ihrer kleinen welt, die können sich das nicht vorstellen. und die sind schon bei kleinigkeiten immer derart überfordert, die würden sich nur sorgen machen und mich dann mit ihren sorgen ganz verrückt machen."
"dann warst du ja wirklich richtig allein, mann."
"ich bins immer noch. aber ich hab mich arrangiert. ich hab auch ein paar freunde, nicht so sehr hier, aber so ein paar außerhalb, die mich ertragen und die ich dafür sehr, sehr schätze."

"das ist ja richtig harter tobak für ein treffen nach 14 jahren", findet der exmedizinstundent-texter. "ich kanns aber immer noch nicht glauben, dass eine frau wie du keinen mann findet."
"ich hatte viereinhalb jahre eine affaire, die mich ziemlich mitgenommen hatte. da war mein herz einfach ziemlich besetzt, während ich für ihn wenig oder vielleicht auch nichts war außer ein stück fleisch zum ficken."
"und jetzt willst du nicht mehr."
"was heißt, ich will nicht mehr... ich kann einfach keinem mann mehr vertrauen. manchmal glaube ich, es ginge noch eher mit einer frau, aber mit frauen ertrage ich schon kaum eine freundschaft. ich hab einfach einen komplett anderen kosmos als die meisten von denen. ehrlich, du, alleine sein ist das beste, was mir mein leben derzeit zu bieten hat."

der exmedizinstudent-texter schweigt und sieht mich lange an.
"hast du mal dran gedacht, ein buch über all das zu schreiben?" fragt er.
"ja klar. irgendwann mach ich das auch."
"mach das. unbedingt. zu erzählen haste doch genug und schreiben kannste sicher auch."

dann knurrt mein magen laut und peinlich.
"wollen wir was essen gehen", fragt der exmedizinstudent.
"gerne."
"magst du asiatisch?"
"ich lebe quasi von dem zeug."
"ach nee, ich auch!"
"dann mal los."

es ist spät, so spät, dass wir kaum mehr ein geöffnetes restaurant finden, aber dann landen wir doch in einem imbiss und essen lauter kleine köstlichkeiten, bis wir fast platzen.
"das können wir gern mal wieder machen", finde ich. "also falls du willst."
"ja klar", sagt der exmedizinstudent.

als wir gezahlt haben, gehen wir zu meinem rad, das zum glück zwischenzeitlich noch nicht geklaut wurde.
"machs gut", sagt der exmedizinstudent und umarmt mich.
"du auch."
dann fahre ich durch die nacht. mit dem schönen gefühl, dass man an diese begegnung doch theoretisch anknüpfen könnte.

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