Mittwoch, 5. August 2015
ein teil von mir wird dich immer lieben.
als ich zum verabredeten ort fahre, bin ich aufgeregt und zittrig. das objekt ist schon da und stellt gerade das rad ab. ich wähle die andere straßenseite, um mir noch einige sekunden zu geben. das objekt schaut mir beim absperren meines fahrrads zu. es wirkt auf den ersten blick offen und freundlich, so wie ich es kenne.

als wir uns gegenüberstehen, sind wir verlegen. wie soll ich das objekt begrüßen? das objekt macht eine komische geste und streckt mir dabei die hand hin. als ich sie nehme - diese warme, weiche, sommersprossige hand, die mich so gut gekannt hat - zieht es mich an sich und umarmt mich. nicht ganz in objekt-bärenmanier, aber nah dran.

dann suchen wir uns einen platz am teich, weit weg von anderen menschen.
"na, ohne bh unterwegs" fragt das objekt lächelnd und schaut mir auf die titten.
"hm", sage ich. "viel zu warm und unbequem."
ich fummle eine kippe aus der packung, das objekt holt seinen tabak heraus und dreht sich ebenfalls eine. dann paffen wir angespannt und schauen eine weile aufs wasser.

"ich fang einfach mal an", sage ich irgendwann, "ich werde dir alles chronologisch und aus meiner perspektive erzählen. vielleicht möchtest du erstmal einfach zuhören, aber du kannst natürlich auch einhaken."
das kommt selbstbewusst rüber und ich merke, wie mir respekt vonseiten des objekts entgegenschlägt.
ich beginne mit dem langsamen zerfall unserer freundschaft im herbst des letzten jahres, erwähne auch noch einmal den vertrauensmissbrauch in sachen urlaub und komme dann auf den großen crash im dezember zu sprechen.
"ich habe mich mit der gespielin in verbindung gesetzt, auch wenn ich wusste, dann ist es vorbei. aber ich hatte nicht mehr den eindruck, dass ich dir irgendeine form von loyalität schulde. das war alles weg. das war rückblickend ein fehler, und es tut mir leid, weil es kein faires ende war. aber ich hatte das vertrauen nicht mehr."

"ich wusste ja gar nichts", setzt das objekt an. "ich hatte nur eine vollkommen veränderte frau zuhause, und das mitten in einer zeit, die ohnehin beziehungstechnisch eine eiszeit war. ich hatte mich eingeigelt, war unglücklich und unzufrieden, wollte weg. ich hab wochenlang gerätselt, was eigentlich passiert war."
"interessant", sage ich. "b. sagte mir damals, die gespielin habe das unbedingt und sofort mit dir besprechen wollen."
"sie hat nichts gesagt. gar nichts. ich hatte mitbekommen, dass irgendwas rausgekommen war, aber mehr informationen hatte ich nicht. ich hätte was darum gegeben, welche zu haben."
ich muss innerlich den kopf schütteln:
"warum hast du denn nicht gefragt? warum bist du nie zu mir gekommen und hast gesagt, verdammt morphine, was soll denn der scheiß?"
das objekt schweigt und denkt nach, sagt dann:
"ich habe deine nachricht an die gespielin gelesen."

wir starren beide aufs wasser.
"das wars so für mich, weißte? du kannst nicht mit der frau gemeinsame sache machen, mit deren freund du was hast."
"ich hab dir erklärt, warum."
"darum gehts nicht, du musst dich auch nicht entschuldigen bei mir. ich kanns sogar nachvollziehen. verdammt, ich hätte an deiner stelle auch nicht gewusst, wie ich mich richtig verhalte, wenn man in der situation überhaupt von richtig oder falsch sprechen kann, ich glaube nämlich, da gabs es sowas nicht. du hast nach deinem gefühl und deiner überzeugung gehandelt. ich kann dich verstehen, vielleicht wärs mir ähnlich gegangen."

ich starre auf die ente, die einen vergeblichen flugversuch startet, aber von den tiefhängenden weiden abgehalten wird.
"ich war so unglücklich damals", setzt das objekt wieder an. "ich wollte auf und davon. eine kalte frau zuhause, in der arbeit stand ich kurz vor der kündigung. ich wollte weglaufen, wie immer, kennst mich ja, alle paar jahre eine neue stadt und ein neuer job. hab mich aber dann entschieden, zu bleiben. einfach, weil ich mich trotzdem irgendwie rational betrachtet wohlfühle. weil mir klar geworden ist, ich klage vom hohen ross. so die probleme auf arbeit, die ich habe - andere würden mich auslachen. ich habe mir nun vorgenommen, ich will noch fünf jahre hier bleiben - für meinen sohn, bis er mich nicht mehr braucht, und dann will ich noch mal aufbrechen. so mit der aussicht kann ich überleben."

"und so, auf uns bezogen?"
das objekt schaut weg.
"emotional gesehen... du versetzt mich in schwingung. das meine ich nicht sexuell, sondern so von deiner art her. die unterhaltungen mit dir, das hat mir so viel gegeben und ich.... vermisse das so. ich hab mich so wiedergefunden in dir. und ja, natürlich bist du attraktiv für mich."
das objekt schenkt mir einen scheuen seitenblick und blinzelt.
"rational aber möchte ich dir sagen, dass ich, obwohl ich dir sehr positiv gegenüberstehe, es erstmal so belassen möchte. die ambivalenz, die du in mir ausgelöst hast... ich bin einfach froh, die im moment nicht zu haben."
sieh mal einer an, da ging es ja dem objekt genau wie mir!
"ich vermisse auch das, was wir hatten", sage ich, und vermeide sehr bewusst zu sagen, ich vermisse dich. "aber es tut gut, nicht mehr auf dich zu warten."

das objekt schaut weiterhin stur weg und blinzelt wieder. ich bemerke schockiert, dass es feuchte augen hat.
"es ist traurig", sagt es, und dann, ganz leise: "ich bin sehr traurig deswegen."
ich bleibe stumm, überlege, ob ich das objekt berühren soll, untersage es mir dann aber. das objekt wischt sich kurz über die augen, sammelt sich und lächelt dann zögerlich:
"heute so... nach dem ich dich angerufen hatte... ich stand unter der dusche, weil ich ja noch zeit hatte... ich war so aufgeregt."
"ich auch", sage ich.
wir lächeln einander an, dann huscht wieder ein schatten über das objektgesicht. es wendet den blick ab, beugt sich vornüber und schaut gen boden.

ich sage leise:
"aber ist doch gut, dass wir uns heute hier getroffen haben."
das objekt schaut kurz auf, kaut auf den wangen und sagt, scherzhaft aggressiv:
"soll ich das jetzt etwa bestätigen?"
ich lächle entspannt:
"ja. natürlich."
"ich könnte ja auch sagen, du bist ne blöde kuh und ich hasse dich."
"das würde ich dir aber nicht abkaufen."
das objekt vergräbt das gesicht in den händen:
"was soll ich denn sagen? ja - es war gut. es war schön. sehr schön sogar."
wieder schaut es weg. ich merke, wie bewegt es ist.

"ich muss los", sagt das objekt auf einmal.
"wieso das denn?"
"muss in die klinik."
flucht. wie immer flüchtet sich das objekt.
"dass du immer flüchten musst", sage ich, "schon allein deswegen hättest du dir nie sorgen machen müssen, dass ich eine beziehung mit dir will."
das objekt schaut mich durchdringend an:
"ich hatte eine beziehung mit dir. genauso, wie ich mit der gespielin eine habe. da gab es emotional keine unterschiede für mich."
"du hast dich nicht so verhalten", beharre ich.
"ja, verdammt... was soll ich sagen... die gespielin und diese gemeinsame wohnung, das ist mir passiert wie mein sohn. ich hab dann einfach ja gesagt."
"du liebst mich aber nicht", sage ich.
"morphine..." das objekt setzt an und bricht wieder ab.
"du liebst mich nicht", wiederhole ich.
"morphine! das ist meine art zu sein, und ich habe gemerkt, dass du damit nicht klarkommst... ich habe deine sehnsucht immer gespürt, und ich habe es gehasst, dir wehzutun, indem ich unzuverlässig und unloyal war. ich bin dir nicht genug. niemandem. bins nie gewesen."
"ich mach dir deswegen keinen vorwurf", sage ich ganz ruhig.

das objekt packt seine sachen zusammen und steht dann auf:
"nächste woche hab ich drei wochen urlaub."
"und was machst du schönes?"
"ich fahr mit meinem sohn zu meinen eltern."
mit gespielin? oder ohne? ich bin neugierig, traue mich aber nicht zu fragen.
"drei wochen mit den eltern, das ist aber doch ein romantikkiller", sage ich, als nähme ich selbstverständlich an, dass die gespielin mitfahre.
das objekt schaut mich nur komisch von der seite an und sagt nichts.

wir gehen langsam zu den rädern zurück.
"morphine...", beginnt das objekt und verstummt, denkt nach, und setzt noch mal an:
"morphine, ich würde mir was wünschen."
"was denn?"
"dass wir es jetzt erstmal so lassen."
"ja doch."
"aber wenn wir uns mal begegnen sollten, dann.... soll es nicht mehr so eisig sein zwischen uns. mögen die gespräche wiederkommen."
"wenn dir nach geprächen ist... meine nummer haste. vielleicht schicke ich dir auch irgendwann mal eine nachricht."
das objekt schaut zu boden.
"ich hab mein handy nicht mehr."
"dann schick ich dir ne e-mail."
das objekt schüttelt den kopf.
"du kannst mich nicht erreichen."
da verstehe ich, dass es lügt. es hat angst davor, dass alles wieder anfängt.
"du hast schiss vor deinen gefühlen", sage ich.
das objekt zuckt mit den achseln.
"wenn man das so nennen will..."

das objekt ist aber schon beim nächsten gedanken.
"und noch was muss ich dir sagen."
"was denn?"
"wenn du jemals aufhörst zu schreiben, dann bekommst du es mit mir zu tun."
und zum ersten mal stehe ich vor der frage, ob das objekt dieses blog kennt.
ich lächle, schaue zur seite, sage nichts. wenn dem so ist, auch gut. ich habe keine geheimnisse mehr seit heute.

wir stehen uns eine gefühlte ewigkeit gegenüber, dann nimmt mich das objekt in die arme. ich spüre den zwiespalt aus verhaltenheit und vertrautheit und das emotionsknäul, das das objekt umgibt, während ich mich klar fühle, ruhig und ein bisschen traurig. das objekt hat so große angst. aber du kannst keine hand halten, die dich loslässt.

"ciao", flüstere ich.
"machs gut", sagt das objekt.
dann fährt jeder davon.
in eine andere richtung.

dennoch, ein teil von mir wird dich immer lieben.

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Sonntag, 2. August 2015
rock, paper, scissors
weil es diese woche offenbar noch nicht genug objekt gab, treffe ich es heute abend schon wieder. diesmal auf party im alten club. damit hatte ich nicht gerechnet, da das objekt seit dem großen crash kaum mehr ausgeht. allerdings ist es nicht allein, denn die gespielin und t. sind auch dabei.

während ich das objekt und die gespielin der einfachheit halber zu tode ignoriere, möchte ich t. gern begrüßen. das stellt sich als schwieriges unterfangen heraus, denn t. ist nie alleine. wie schon im letzten winter benutzt das objekt t. wie einen schutzschild und vermeidet es offenbar, alleine herumzustehen. erst nach einer stunde habe ich zwei sekunden, schnell zu t. hinüberzuhüpfen.
"lass dich drücken", sage ich.
t. nimmt mich herzlich und fest in die arme und streichelt meinen rücken. ich habe den eindruck, dass ich ihm leid tue. ist ja nicht so schön, den ex und dann auch noch seine alte vor der nase herumturnen zu sehen.
"alles gut", fragt t., und es klingt mehr wie ein trostversuch denn eine frage.
bevor ich auch nur nicken kann, walzt allerdings schon wieder die gespielin auf t. zu, damit ich mich nicht mehr mit ihm unterhalten kann.

mein lieber freund v. ist an diesem abend zum glück ebenfalls anwesend. er gibt mir einen drink aus, dann sondiert er meinen gemütszustand.
"machts dir wirklich so wenig aus, das objekt zu sehen, wie es den anschein hat?"
"mit dem objekt ist alles fein. wir werden demnächst reden. nur seine ekelhafte alte hätte heute gern zuhause bleiben dürfen."
"irgendwas wird sie wohl haben", sagt v. und meint damit positive eigenschaften.
"nen fetten arsch", spotte ich.
"ja, das stimmt, die ist ganz schön.... mächtig inzwischen. aber weißt du, es gibt auch männer, die sehen mehr als den dicken hintern", belehrt mich v.
"das objekt nicht", sage ich. "eigentlich kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es die noch besteigen mag."
"ich bin sicher, da ist mehr", sagt v.
"klar ist da mehr. am aussehen kanns ja echt nicht liegen. wahrscheinlich eher an der komfortzone."
"du bist ganz schön böse", findet v. "so unattraktiv ist sie auch nicht."
"das kannst du wem anders erzählen! und jetzt sei mir bitte ein freund. lenk mich ab, alkoholisiere mich und steh mir bei, falls ich das bedürfnis bekomme, mich ans objekt heranzuschleichen", maule ich.

doch wider erwarten geht es mir richtig gut an diesem abend. ich bin entspannt, tanze viel, unterhalte mich mit meinen bekannten und habe nicht das leiseste bedürfnis, kontakt zum objekt aufzunehmen. stattdessen erwische ich es des öfteren, wie es mich anstarrt. nachdenklich und betroffen, aber durchaus nicht ohne lüsternheit.
"der guckt aber schon ganz schön oft zu dir", bemerkt irgendwann auch v.
"soll er doch, hat er nachher wenigstens eine schöne wichsfantasie", sage ich.
"willst du denn seine wichsfantasie sein?" fragt v.
"nö, aber ich kanns verstehen, wenn er eine braucht."
"morphine, du bist heute echt..."
"ein mieses schwein", lache ich.
"so ähnlich", schmunzelt v. "wie auch immer, ein bisschen bewundere ich dich. als ich meine ex damals wiedersah und sie ihren neuen stecher dabei hatte, bin ich sofort nach hause gegangen und hab erstmal geheult."
"niemals das revier räumen", sage ich, "ich habe noch nie in meinem leben nach der trennung einen ort gemieden, an dem ich gerne bin."
"das ist selbstbewusst", findet v.
"nee, das ist macht", erwidere ich. "macht und stolz. und in so einem fall auch ein bisschen rache, wenn ich sehe, wie mir jemand hinterherlechzt."

während das objekt weder tanzen noch sich unterhalten mag, sondern sich irgendwann in eine ecke verkrümelt und dort alleine oder von t. abgeschirmt herumlungert, nur um dann recht frühzeitig mit seiner alten nach hause aufzubrechen, habe ich einen durch und durch famosen abend und amüsiere mich mit v. bis die lichter angehen.

als wir draußen stehen und in die morgensonne blicken, sagt v.:
"du bist echt stark. ich hätte gewettet, du fängst eine unterhaltung mit dem objekt an und lässt dich wieder mit schönen worten einlullen."
"worüber hätten wir uns denn unterhalten sollen? über das wetter oder was?" frage ich. "die aktuelle problematik will ich auf einer party, auf der ich mich endlich mal wieder gut amüsiere, nicht aufrollen. und andere themen gibt es nicht. unser gemeinsamer kosmos ist tot."
"harte worte", findet v., der aber auch um meinen weichen kern weiß.

"wie willst du das eigentlich machen, wenn ihr eure unterredung habt?"
"ich schreibe mir einen gesprächsleitfaden", sage ich.
"morphine, du kannst doch keine herzensangelegenheit mit dem verstand lösen!"
"es ist meine einzige chance. ich brauche die ratio in diesem emotionalen kontext. das objekt ist leider clever, das steckt mich sonst in die tasche."
"nicht, wenn du dich nicht in die tasche stecken lässt."
"deshalb der gesprächsleitfaden. ich will unbedingt vollständig alle punkte klären, damit ich hinterher nicht wieder mit einer ungewissheit dastehe, und ich will mich auf seine antworten vorbereiten und mich erinnern, damit ich nicht wieder drauf reinfalle."
"ich würde mich an deiner stelle nicht darauf verlassen, dass du überhaupt antworten kriegst."
"damit muss ich rechnen. das objekt kommuniziert nicht - das objekt lässt raten. das ist seine strategie, damit macht es sich interessant und vermeidet zugleich, dass man es auf etwas festnageln kann."

"und wie willst du dem begegnen?"
"das ist wie mit rock, paper, scissors."
"hä?"
"gewinner wiederholen erfolgreiche taktiken, verlierer ändern ihre strategie. wenn du einmal verloren hast, weißt du schon mal, dass der gegner denselben zug noch mal versuchen wird. so wird das objekt bei mir erstmal alles versuchen, wovon es weiß, dass ich mal drauf angesprungen bin. meine einzige chance ist, mir das ins bewusstsein zu holen. wenn es dann merkt, dass es verliert, ich also nicht mehr auf ein bestimmtes verhalten anspringe, weiß ich schon mal, dass es die taktik dann ändern wird. indem ich bereits recht viele objektmanöver kenne, kann ich hoffentlich abschätzen, was als nächstes kommt. und je mehr taktiken dann nicht mehr funktionieren, desto größer wird seine verunsicherung werden. dann krieg ich ihn am arsch."

v. sieht mich nachdenklich an:
"gehts dir um das objekt oder ums gewinnen?"
ich lächle nur geheimnisvoll.
dann steige ich auf mein fahrrad und drücke v. zum abschied einen kuss auf die wange.
"komm gut nachhause."
"du auch. und lass uns mal wieder was zusammen machen!"
"gern. du weißt, für sushi bin ich immer zu haben."
"gute idee! ich ruf dich an, ja?"
ich nicke und winke.
dann fahre ich in der frischen, duftenden sommerbrise nach hause.

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Freitag, 31. Juli 2015
traumwirklichkeit
schon als ich aufstehe, habe ich den eindruck, in einen besonderen tag zu starten. der traum mit mir als einbrecherin in die objektive wohnung hat etwas in mir verändert. ich denke an das, was mir kürzlich jemand sagte, nämlich dass meine ängste und einstellungen in manchen punkten resultate von vorurteilen und falschen überzeugungen seien.

auf arbeit starre ich tatenlos in den bildschirm. lieber gott, was soll ich tun? gib mir doch einen hinweis. gleichzeitig muss ich über mich schmunzeln: der traum war doch hinweis genug. in eine offen stehende wohnung einbrechen, das heißt doch, dass es keine verschlossenen türen gibt!

zweifle nicht.
verzweifle nicht.


zuhause stelle ich mich unter die dusche, lasse das heiße wasser über mich laufen und lausche tief in mich hinein. wenn mich mein gefühl nicht trügt, hat das objekt heute spätschicht. ich könnte jetzt einfach zur klinik fahren und mit ihm reden.

der verstand erhebt einspruch.
aber die traumgewissheit ist stärker.
ich ziehe mich an und mache mich auf den weg. mir ist schwindelig und übel, ich zittere. aber in mir zeigt mein kompass unbeirrbar eine richtung.

tatsächlich steht das objektive rad vor der klinik. wenn es nicht überpünktlich zur nachtschicht erschienen war, müsste es bald aus dem gebäude kommen.

der himmel zieht feindlich-schwarz über mir und wirft dicke regentropfen ab. inzwischen schlottere ich nicht nur vor angst. ich setze mich abseits auf eine parkbank und rauche eine zigarette. und noch eine. und noch eine.

nach der dritten zigarette kommt das objekt plötzlich um die ecke. es sieht mich nicht. klein wirkt es und um jahre gealtert. ich will ihm hinterherrufen, aber meine stimme streikt. meine zittrigen beine übernehmen die regie und rennen ein paar schritte.

jetzt wird das objekt doch aufmerksam und dreht sich um. es schaut überrascht und ist offenbar zu überrumpelt, um abweisend zu reagieren.
"morphine?" sagt es fast so freundlich wie im traum.
dann stehen wir uns gegenüber.
"hallo", sage ich, denn alle wohldurchdachten sätze sind mit einem male aus meinem gedächtnis herausgefallen.

das objekt findet seine fassung wieder.
"bist du hier gerade in der klinik?" fällt ihm als erstes ein.
ich schüttle den kopf.
"warum bist du dann hier?"
ich schaue nur stumm und kann nicht sagen, wegen dir, weil der traum es mir gesagt hat.
dann lächelt das objekt auf einmal und fragt leise:
"bist du wegen mir hier?"
ich nicke:
"ich dachte, ich bringe es mal hinter mich."
"was genau?"
jetzt kehren die sätze zurück.
"du schuldest mir ein paar antworten, und ich dir wahrscheinlich auch, finde ich."
das objekt schaut weg und sagt dann ziemlich aggressiv:
"ich schulde dir überhaupt keine antworten."

wut flammt in mir auf. was bildet sich das objekt eigentlich ein?!
"also, ich meine, wenn ich im gespräch merken sollte, dass dem doch so sein sollte, bekommst du natürlich antworten", relativiert das objekt dann.
"wie großzügig", spotte ich.
das objekt merkt meinen sarkasmus nicht oder will ihn nicht merken. aber es hat ein gespräch vorgeschlagen, immerhin.
"ich ruf dich die tage mal an, ja?" sagt es. "kann sein, dass ichs von der klinik aus mache, also denk dir nichts dabei, wenn es eine dienstnummer ist."
ich nicke.

wir stehen in der kälte herum und ich merke, dass das objekt gerne gehen würde. fast habe ich nun ein wenig mitleid, wegen des auflauerns, was dem einbrechen im traum schon recht nahe kommt.
"hau schon ab", sage ich. "du hast doch feierabend."
das objekt lächelt wieder und sagt erleichtert:
"ja, genau."
also sage ich schnell und kühl: "tschüß".
"tschüß", antwortet das objekt, dreht sich dann unvermittelt um und geht.

als ich das gelände verlasse, habe ich das gefühl, knapp einer ohnmacht entgangen zu sein. alles dreht sich, die ohren klingeln, und der kalte schweiß klebt an mir. doch in mir kein geilheitsalarm, kein schmetterlingsflattern, nur latente traurigkeit. denn das objekt ist eigentlich schon gar nicht mehr da. nur sein gealterter körper läuft noch durch die straßen dieser stadt.

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Mittwoch, 22. Juli 2015
staatsfeindin nummer eins
im flieger. die letzten minuten vor abflug.
ich simse mit der lederjacke.

ich: "du, da vor mir sitzt ein bundestagsabgeordneter! sag mir mal schnell, wie der sterben soll!"
lederjacke: "lass die finger von dem!"
ich: "ey, lederjacke! das ist eine einmalige gelegenheit! soll ich ihm was ins getränk schütten? oder ihn auf dem klo in seiner eigenen pisse ersäufen?"
lederjacke: "die sau soll sich an sich selbst vergiften!"

tod durch politische selbstvergiftung, genial und einfach. so hätten wir eine merkel, einen gabriel und noch so ein paar probleme weniger.

die lederjacke ist eben ein kluges köpfchen.

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Montag, 20. Juli 2015
die weisheit der fußpflegerin
ich sitze mit einem alten bekannten, seines zeichens dj, im café. es ist mal wieder sauheiß - wie auch in den letzten tagen.

wir schlürfen frappés und schauen uns an.
"scheiß schwül heute", sage ich.
"wenn ich deine brüste sehe, wird mir gleich noch heißer", sagt der alte bekannte, um sich dann zu entschuldigen: "je höher die temperaturen, desto flacher die witze, sorry."
"ich bin ganz gern mal draußen", sage ich, "meine eltern haben das komplette haus abgeschottet. drinnen ist es absolut dunkel. das hält man kaum aus."
"jaja, die werden immer seltsamer im alter."
"die sind aber erst 66."
"okay, das ist noch recht jung. aber sei froh, mein vater ist letzten januar gestorben."
"was hatte er denn?"
"krebs. er hatte die wahl, noch ein paar jahre mit chemo oder ein paar monate ohne."
"und?"
"erst hatte er keinen bock, dann hat er aber doch die chemo angefangen. aber wieder abgebrochen, weil er sie nicht vertragen hat."
"das passiert manchmal."
"bullshit. der sollte keine milchprodukte essen während der chemo. hat er eisern geschworen. aber dann hab ich gemerkt, er macht milch in den kaffee und auch ins müsli. weil sich das so gehört, hat er gesagt, als ich ihn drauf angesprochen habe, oder ob ich wolle, dass er sein müsli mit wasser frisst. keine chance, bei so viel sturheit kann man sich den mund fusslig reden."

"oh mann. und dann?"
"hatte er noch ein paar mal chemo und hat dann aufgegeben. danach hat er ne lungenentzündung gekriegt. im krankenhaus haben sie ihn total blöde mit antibiotikum vollgestopft. damit er dann gesund stirbt, weißte."
"hatte er keine patientenverfügung oder sowas?"
"doch, aber die war veraltet. zum glück hatten wir einen coolen arzt, der das antibiotikum nach ein paar tagen doch abgesetzt hat. am nächsten morgen war mein vater dann tot."
"keine schöne geschichte."
"das schlimmste war meine mutter. am abend, als die das antibiotikum abgesetzt haben, haben sie extra das zimmer freigeräumt und ein bett für meine mutter reingestellt, damit sie bei meinem vater bleiben kann. und was macht die blöde kuh? besteht total hysterisch drauf, dass sie nach hause muss, wäsche waschen."
"vielleicht wollte sies nicht wahrhaben, dass es so schnell geht."
"total realitätsfern! aber so ist die immer! vor ein paar monaten hab ich ihr mal erklärt, dass sie geistig verkalkt, wenn sie sich nicht bemüht, ab und an auch mal was neues zu machen. hat sie mich total blöde angemacht, war ich mal wieder der arsch. eine woche später erzählt sie mir ganz stolz, dass ihr die fußpflegerin erklärt hat, dass man nicht so schnell dement wird, wenn man auch im alter immer wieder dazulernt und neues erlebt. jetzt macht sie sudoku und findet das total cool."
"du bist ja auch nur das dumme kind", grinse ich. "du hast doch keine ahnung!"
"so wirds sein..."

wir schauen eine weile in unsere schmelzenden frappés.
"werden wir auch mal so?" fragt mein bekannter.
"bestimmt", sage ich. "nur setze ich keine kinder in die welt, die dann antidepressiva brauchen, um das und den ganzen schäbigen rest auszuhalten."
"ich auch nicht."
"will deine freundin denn nicht? frauen wollen doch immer was zum eidideidi-duziduzidu."
"nö, wir sind da ganz entspannt."
"wie lange seid ihr nun schon zusammen?"
"sieben jahre."
"und wie isses so?"
"naja, aufregend ist das nicht. man kennt alles am anderen. alles ist vertraut. aber es ist auch toll. neulich beispielsweise, da ist meine freundin auf eine tagung gefahren und hat vorher noch eingekauft, nur für mich, nur so sachen, die ich mag, damit ich das dann habe, wenn sie nicht da ist. das war schön."
"das ist nicht schön, das ist normal", sage ich. "ich kauf mir auch sachen, die ich mag, dafür brauch ich keinen typ, der mich mästet und der mich am ende noch anmeckert: das hab ich extra für dich gekauft, und du freust dich ja gar nicht!"
mein bekannter schaut mich an:
"und wie lebst du so?"
"naja, ich hab so drei, vier typen und ab und an mal eine tussi. aber nur so zum ficken."
der bekannte grinst breit und ich kann das kopfkino hinter seiner stirn sehen.
"das ist aber weniger spannend, als du jetzt vielleicht denkst. also mir ist das wirklich egal, ob ich mir jetzt nen film allein reinziehe oder ob jemand von denen zum vögeln antanzt."
"boah, das ist arrogant", sagt mein bekannter. "warum machst dus dann?"
"naja, ich hab halt auch bedürfnisse. und manchmal will ich halt auch ein bisschen haut, nicht nur nen vibrator."
"und sonst so? zur selbstbestätigung?"
"ja, sicher, auch."
"aber das ist doch arm."
"klar isses das. aber guck mal. ich bin da in hamburg relativ allein. keine familie, keinen partner, nur eine kleine gruppe häufig wechselnder freunde. auch keinen job, der mich happy macht. ich kann noch nicht mal sagen, dass ich mich ja wenigstens an guter gesundheit erfreue, was viele gern mal sagen, wenns in ihrem leben gerade bergab geht. mein körper ist ziemlich kaputt, ich habe ständig schmerzen. ich hänge seit sieben jahren in derselben talsohle und alles, was ich noch tun kann für mein glück, ist, menschen weitgehend aus meinem leben rauszuhalten, damit sie mir nicht mehr wehtun können."
der bekannte schaut mich betroffen an.
"okay, da wird mir mal wieder bewusst, auf welch hohen roß ich so sitze. nimms mir nicht übel."
"quatsch, warum denn. aber bitte kein mitleid, ja? davon kann ich mir auch nix kaufen."

"und was willst du machen?"
"naja, das wichtigste ist erstmal ein neuer job. ich such seit anderthalb jahren wie bekloppt, aber ich vermute mal, dass es nicht funktioniert, wenn man so verbissen rangeht wie ich. gleichzeitig versuch ich, eine neue richtung einzuschlagen. noch mal studieren."
"das klingt doch gut."
"ohne erfolg bislang. ich hab dem arbeitsamt schon die türen eingerannt, aber da ich überqualifiziert bin, krieg ich überhaupt keine förderungen oder so. ich kann mich eigentlich kaum verändern. die warten, bis ich so krank bin, dass ich nur noch hartzen gehen kann. das ist billiger für die, weißte."
"unfassbar! und was ist mit deinen eltern?"
"wenn ich hierher zurückkomme, finanzieren sie mir ne eigentumswohnung."
"na klasse. und wenn du woanders arbeiten willst?"
"dann nicht."
"die haben verstanden, was du brauchst, hm?" grinst mein bekannter.
"keine sorge, ich lass mich nicht erpressen."
"hätt ich dir auch nicht geraten."

es rollt ein gewitter heran und wir zahlen schnell.
"was machst du jetzt noch?" fragt mein bekannter.
"erstmal zurück nach hause."
"ich geh noch ein bisschen ins studio, musik machen."
"viel spaß."
"werd ich haben. war schön, dich mal wieder zu sehen."
"war ja lange genug her", lächle ich.
"zwei jahre? drei jahre?"
"so um den dreh."
"egal, wenn du mal was brauchst, schreib mir."
"mach ich, danke. gilt umgekehrt natürlich auch."
"bis dann!"
"bis bald mal wieder!"

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Montag, 29. Juni 2015
kinder
ich sitze mit v. im außenbereich eines restaurants. wir haben getränke geordert und etwas zu essen. am nebentisch hocken drei ischen mit sechs kindern. zunächst ganz zivilisiert, denn alle mampfen. doch als die kinder fertig sind, beschließen sie, laut kreischend fangen um die tische herum zu spielen.

während v. das ganz gelassen nimmt, kocht in mir unbändige wut hoch. ich versuche, mich zusammenzureißen und v.s ausführungen über motorräder zu folgen. doch es fällt mir schwer, denn mein fokus hat sich vollkommen auf die störquelle ausgerichtet.

unser essen kommt. kaum steht der teller, donnert ein dickes kind gegen unseren tisch. die getränke schwappen über, die teller hüpfen. nun bekomme ich echte mordgelüste.
"was guckste denn so?" fragt v.
"ich HASSE kinder", sage ich ziemlich laut, und: "so ein scheißhässliches trampelbalg."
v. lacht: "ach komm. die spielen doch nur. das haste als kind doch auch gemacht. kinder können nicht die ganze zeit stillsitzen."
"ich hätte das nicht gedurft", erwidere ich, "und das finde ich auch vollkommen in ordnung. das stört nämlich. solche kinder lernen später auch keine rücksichtnahme."
v. guckt mich ganz entspannt und ein wenig belustigt an und meint dann: "vielleicht ist das ja das konzept. die rücksichtsvollen sind heutzutage wahrscheinlich eher im nachteil."
dazu fällt mir nichts mehr ein, denn wahrscheinlich hat v. recht.

nicht allzu viel später zahlen die drei ischen und nehmen ihre kinder mit.
"na, besser?" will v. wissen.
"ja", sage ich.
"witzig, man kann dir deine erleichterung geradezu ansehen!"
"ja, kann ich mir vorstellen."
"wie kommt das bei dir? du hast doch auch schon männer mit kindern gehabt?"
"weiß nicht. mit denen kam ich klar. die tochter meiner ersten großen liebe fiel in eine zeit, in der ich kinder noch sehr gut leiden konnte. und der objektsohnemann... der war für mich wie ein körperteil des objekts und alleine deswegen liebenswert."
"das heißt, du mochtest kinder mal... und dann nicht mehr?"
"ja. die aversion fing an, als ich von zuhause ausgezogen war. ich wohnte in einem haus mit vielen kindern und die waren immer laut, während ich lernen wollte. das hat sich dann so gesteigert bis zu dem punkt, an dem ich manchmal das bahnabteil gewechselt habe, wenn da irgendwo kinder rumspukten."

v. lacht.
"meinst du, das hat irgendwelche gründe?"
"vielleicht, weil ich so meine kindheit ein bisschen übersprungen habe."
"wie meinst du das?"
"ich war halt schon immer ziemlich weit. ich war als kind lieber mit erwachsenen zusammen. zum beispiel mit meinem cousin, der zehn jahre älter ist. und dann musste ich mich um meine mutter kümmern, deren launen und anwandlungen unser familienleben ziemlich bestimmt haben."
"das hattest du mal erzählt, ich erinnere mich."
"ich hatte auch nie das bedürfnis, mit kindern zu spielen. ich war lieber alleine und hab mir lesen und schreiben beigebracht. ich fand auch kindergarten beispielsweise scheiße. ich hab mich da nie wohl gefühlt und auch keine freunde gefunden."
"das klingt ein bisschen autistisch. hattest du nie so eine beste freundin, wie andere mädchen das haben?"
"doch. in der dritten klasse kam eine, die war mal sitzengeblieben und schon zwei jahre älter, mit der hab ich viel gemacht. und im sportverein war ein mädchen, das war sehr okay. aber deren mutter arbeitete in einer metzgerei, und ich konnte immer wurst an ihr riechen. deshalb mochte ich nie mit zu ihr spielen gehen."
"du warst also auch als kind schon sehr..."
"irre."
"sagen wir mal speziell."
"mag sein."

"aber freu dich doch, wenn andere kinder einfach glücklich sind!" findet v. "ich hatte auch keine schöne kindheit... ich musste meinem vater die ganze zeit auf dem bauernhof helfen und hatte immer schuldgefühle, wenn ich mal was mit freunden machte, vor allem, als mein vater dann krank wurde und starb. aber wenn kinder in meinem hof spielen, finde ich das total okay."
"weiß nicht... ich gönne denen das nicht, dass sie glücklich sind, glaube ich."
"neid?"
"sowas in der art wird es wohl sein."
"mensch, morphine. das ist doch eigentlich gar nicht deine kragenweite."
"ich weiß. aber es ist wirklich ein sehr, sehr starkes gefühl von hass und abneigung."

v. guckt noch immer ganz betroffen drein.
"deshalb willst du auch keine kinder, hm?"
"ich hätte immer angst, dass ich die nicht lieben könnte. auch wenn ich hin und wieder mal denke, es wäre schon toll, wenn mich später mal wer im altenheim besuchen kommen würde."
"vielleicht gibt sich das noch. die hormone..."
"hör auf. du klingst schon wie meine mutter."
"vielleicht solltest du mal tacheles mit deiner mutter reden. ihr sagen, wie scheiße sie war, als du klein warst."
"dafür ist es zu spät. und für ihre labilität kann meine mutter ja nichts. sie hätte nie kinder haben sollen, aber das löst das problem jetzt auch nicht mehr."

v. und ich zahlen, dann wandern wir durch den regen. wir schweigen, aber ich fühle wieder meine tiefe zuneigung für v., weil er so interessiert zuhören kann und mich zu reden bringt, über emotionen, für die ich mich eigentlich schäme. im grunde wäre v. der ideale partner für mich, wenn da nur ein fünkchen verliebtheit wäre. so ist er für mich wie ein bruder, ein unfreiwilliger soul mate. die kleinste selbsthilfegruppe der welt, nenne ich uns manchmal.

während ich weiter schweige, erzäht v. noch ein paar lustige anekdoten aus seiner kindheit, als er mal einen zugeflogenen wellensittich im hühnerstall fand oder welpen mit der flasche großzog. dann kommt meine bahn und wir nehmen uns in die arme.
"bitte keine kinder töten, falls da welche in deinem abteil sind", sagt v. zum abschied.
"keine sorge, ich hab jetzt ja schon gegessen", witzle ich.
"bis bald!"
"bis demnächst... an einem kinderfreien ort!"

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Montag, 22. Juni 2015
psycho family
"ich war bei einem psychotherapeuten", berichtet mein vater am telefon, und ich falle fast rücklings vom stuhl.

die geschichte dazu ist allerdings undramatisch und schnell erzählt: mein vater ist seinem kardiologen so lange mit seiner op-panik auf die nerven gefallen, bis dieser ihn gewissermaßen an den kollegen weiterleitete. mein vater, privatversichert, hatte daraufhin eine woche später seinen ersten termin. jetzt kann er ein paar atemtechniken und ist mächtig stolz.

an dieser stelle werde ich furchtbar neidisch. suizidgefährdete warten drei monate, mein leicht neurotischer vater nur wenige tage. das ist die freie marktwirtschaft in der medizin, die unsere regierung für uns alle will. die guten ins töpfchen, und die schlechten sollen sich das kröpfchen durchschneiden.

als mein vater erzählt, merke ich, dass es ihn dennoch überwindung kostet. wird seine tochter wie so manches mal die verbalen krallen ausfahren und die aktion mit einer spitzen bemerkung kommentieren?
"ich finde das total gut", sage ich dann liebevoll. "ich halte sehr viel davon, dass du dich dazu entschlossen hast. weißt du, ein teil deiner angst stammt vielleicht auch aus deiner vergangenheit, und möglicherweise befördert dein therapeut da was zutage, und dann verstehst du dich besser."
"du kannst da ja auch mal hingehen!" findet mein vater.
oh ja. wenn du wüsstest.

ich beschließe, das gespräch vorerst zu beenden.
"viel glück für deine op morgen", sage ich. "und haltet mich bitte auf dem laufenden."
"du kannst doch auch anrufen", sagt mein vater. "ich hab ja das handy."
"das ist doch immer aus", sage ich.
"wenn es verboten ist", sagt mein vater. "in der notaufnahme beispielsweise darf man nicht telefonieren."
"ja, papa, weil da ALLE telefonieren würden, um onkel heinz und tante trude zu erzählen, dass sie einen herzinfarkt haben, obwohl ihnen nur ein furz quer liegt. aber du bist ja in einem zimmer und nicht in der notaufnahme!"
"in ordnung, ich mach das handy an."
"das sagst du immer, und dann ist es doch aus."
"ich mach es wirklich an."
"na gut."
"oder du rufst deine mutter an."
ich seufze.
"also machst du es doch nicht an."
"wenns aber doch verboten ist."
"sei doch mal subversiv", nörgle ich.
"WAS soll ich sein?"

an dieser stelle gebe auf, sage schnell tschüß und stelle mich dann ans fenster, eine rauchen. mein vater und psychotherapie, das muss ich jetzt erstmal verkraften.

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Sonntag, 21. Juni 2015
foggy thoughts
eigentlich arbeite ich gerne, doch aktuell ist das energielevel extrem niedrig. die nächste erkältung rollt an, passend zum wetter. hatte ich aber nicht anders erwartet. rotzbesoffen 40 minuten leicht bekleidet durch starkregen radeln fordert eben seinen tribut.

mal wieder gefickt. ein namenloser internet-schwanz. dafür aber recht intensiv. am ende war er deshalb ganz verblüfft. ich nicht minder: orgasmus trotz anspannung und stress, das passiert mir nicht so häufig, zumindest nicht bei wildfremden. der kommt wieder, das weiß ich, auch wenn er eine freundin hat.

ansonsten komme ich weder in sachen zahndoc noch in sachen abschluss mit dem objekt weiter. den zahndoc habe ich nicht gesehen, weil es dauernd geregnet hat und ich nicht im wetlook vor der praxis rumlungern und noch kränker werden wollte. in sachen objekt streiten sich meine diversen persönlichkeiten noch immer heftig. die vernunft alias angst hat nach wie vor die oberhand, was vielleicht ganz gut ist.

da ich gerade auch keine menschen um mich haben kann, habe ich alles abgesagt, was man so wochenends absagen kann. einem bekannten das von langer hand geplante kaffeetrinken, weil ich ahnte, dass er mir sowieso nur die ganze zeit erzählen würde, welch interessante gesprächspartnerin und welche tolle frau ich sei. schleimer kann ich nicht ab. auch eine einladung der lederjacke habe ich abgeschmettert. die schleimt zwar nicht, macht mich aber gerade wahnsinnig mit ihren 500 millionen fragen rund ums promovieren.

in meinem schlauen neuen buch steht, dass menschen mit persönlichkeitsstörungen einerseits besonders intensiven kontakt suchen, anderseits aber nicht fähig sind, sich überhaupt auf jemanden einzulassen. eiskalt erwischt, dachte ich mir. schuld daran sind laut buch übrigens frühkindliche prägungen, sprich mangelhafte responses durch die eltern. was ich mir bei meiner mutter lebhaft vorstellen kann, auch wenn ich mich an nichts erinnere.

noch ein weiteres interessantes kapital hat das buch, und zwar das über die kompensation des schwachen selbstwertgefühls durch karriere. sehr viele führungskräfte haben ein schwaches selbst, das sie durch macht/kontrolle über abhängige kompensieren. dieses verhalten erstreckt sich im job auf untergebene, im privatleben auf die familie, sofern der karriere-mensch die versorgerrolle spielt und neben emotionaler auch die wirtschaftliche kontrolle ausübt.
wahrscheinlich verliere ich deshalb mein herz an krankenpfleger und sozialpädagogen.

für alles haben wir also hübsche erklärungen. das buch unterscheidet sich allerdings in einem punkt von all meinen therapeuten und ärzten: es macht konkrete vorschläge, wie man sich zwar nicht heilen, aber dennoch stärken kann. damit hatte ich nicht gerechnet. als ich diese eigentlich ganz simplen, aber höchst vernünftigen und auch noch wissenschaftlich begründeten tipps las, musste ich ein wenig flennen. es gibt also doch wege, die weder lebenslange medikamenteneinnahme noch albernen scheiß wie quantenheilung bedeuten. einige der tipps erkannte ich wieder, es waren vorschläge, die mir das objekt hie und da in ähnlicher weise mal gemacht hatte. was meinen respekt vor dem objekt wieder ein wenig rehabilitierte.

anstatt mir in der spelunke einen anzusaufen, gehe ich nun ganz vernünftig schlafen. und bette das loch in meinem herzen auf eine kleine, duftigluftige traumwolke.
möge der morgige tag mir gnädig sein.

schlafen sie gut.

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Sonntag, 7. Juni 2015
augen-weiden
nachdem ich die letzte zeit eher brav war, ist heute mal wieder clubbing angesagt, sprich spelunke. mein freund v. ist schon einige zeit da, und er schreibt mir zwischendurch, dass ich ruhig kommen solle, da kein objekt in sichtweite sei. das gibt mir den motivatorischen rest und lässt mich trotz müdigkeit und ordentlichem vorglühpegel den drahtesel besteigen.

in der spelunke ist es überraschend voll, es haben sich ein paar kiez-kids drin verirrt und eine glatze mit weißen baggypants und turnschuhen. der spelunkenbesitzer winkt mir vom tresen, und ich beuge mich über den schmalen tisch, um ihn zu umärmeln.
"was grinste denn so?" frage ich ihn.
"na zunächst mal, weil du da bist. und dann, weil da ein typ ist, dem hab ich vor ein paar jahren mal hausverbot erteilt."
ich denke kurz an das objekt und wie praktisch es wäre, wenn es hausverbot hätte, so für die nächsten 25 jahre. der besitzer zeigt jedoch in richtung baggypantglatze.
"jetzt haben wir uns aber unterhalten, und der ist echt in ordnung", fährt der besitzer fort. "eigentlich weiß ich gar nicht mehr, warum ich mich damals so über den aufgeregt habe."

ich begrüße v. und zwei weitere bekannte. wir leeren zwei, drei drinks, dann bin ich schwerst besoffen.
"ey, ich muss dringend was essen oder ich muss nachher hier auf der couch schlafen", sage ich zu v.
"du kannst auch bei mir schlafen", sagt v. "musst auch keine angst haben, ich kann mich zusammenreißen."
"was zu essen wär mir lieber, weil sonst steht das rad auf dem kiez rum, und hier wird doch alles geklaut."
"guck mal, da drüben haben sie gerade ein schälchen mit nüssen hingestellt", stupst mich einer meiner bekannten an und zeigt auf den tresen.
ich gucke. das schälchen nüsse ist eingemauert zwischen drei personen - ein hässlicher überschminkter metal-frak, eine dicke frau und ein weiterer typ - ein typ, der hochinteressant aussieht!

leider steht der interessante mann sehr nahe bei der dicken frau und schaut ihr beim unterhalten tief in die augen. doch mein jagdinstinkt ist geweckt: wollen wir doch mal sehen! also aufrichten, schultern zurück, kinn nach oben, nicht schwanken. dann gehe ich hinüber, quetsche mich hinter die dicke frau richtung tresen und angle nach den nüssen. als ich das schälchen zwischen die finger bekomme, sehe ich kurz auf. und erwische den interessanten mann, wie er mich über die schulter der frau hinweg anstarrt. ich sehe ihm direkt in die augen - er hält den blick! bingo. dann wende ich mich schnell ab und gehe mit meiner beute zu v.

ein wenig später löst sich der interessante mann aus dem gespräch und rückt näher an v. und mich heran. er unterhält sich zwar weiter mit einem anderen, aber seine aufmerksamkeit gehört mir. dann verschwindet er auf toilette. ich überlege kurz, ob ich hinterhergehen soll, aber das wäre zu viel offensive. lass ihn kommen, sage ich mir.

ich habe mich gerade wieder dem tresen, meinen lebensrettenden nüssen und einer cola zugewandt, als ich eine hand auf meinem arsch spüren kann. ganz kurz, ganz leicht. und da ist er wieder. er lächelt mich im vorbeigehen an und macht eine entschuldigende geste.
v., der neben mir steht, guckt irritiert: "wer ist das denn?"
"keine ahnung, wir flirten gerade so ein bisschen", sage ich.
"gut aussehen tut er ja", findet v. "du stehst auf lange haare, hm?"
"nicht zwangsweise. wenn sie sehr gepflegt sind, schon. son rattenschwänzchen finde ich abturnend."
"du suchst dir aber nicht son objekt-ersatz, oder?"
"was für ähnlichkeiten hat der denn bitte mit dem objekt?"
"die haare?"
"nicht mal die! oder sind die etwa rot?"
"na gut..."
v. ist friedfertig und leert seinen wodka.
"ich werd gleich los, ich bin tot. du gehst jetzt aber nicht gleich mit dem mit?"
"quatsch. nur weil wir ein bisschen flirten, heißt das doch nix. ich hab ein bisschen spaß und spiele ein spiel."
"du hast mir auch schon andere ganz geschichten erzählt."
"jaaa... aber ich versuche ja inzwischen, ein good girl zu sein."

v. lacht und umarmt mich herzlich, dann geht er zur tür. auf einmal sehe ich, dass auch der metal-freak, die dicke frau und mein flirt richtung garderobe drängen. schweinerei, die wollen schon gehen!

ich bleibe am tresen zurück und überlege, ob ich alleine noch bleiben will. doch da huscht der interessante mann, inzwischen mit jacke und rucksack bepackt, noch einmal hinein, geht direkt auf mich zu und strahlt mich an.
"tschüß", sagt er.
"ciao", sage ich.
es vergehen zwei, drei sehr lange sekunden, in denen wir uns einfach nur ansehen, bis auch die frau hereinkommt und den interessanten mann am ärmel zupft.
"kommst du? wir wollen los."
der mann lächelt mich noch einmal an, zuckt dann mit den schultern und lässt sich hinausziehen.

ich bleibe noch ein halbes stündchen, bis ich mich vollends nüchtern fühle, dann packe auch ich meine sieben sachen. und gehe mit dem schönen gefühl, einfach wunderbar geflirtet zu haben. vielleicht begegnet man sich wieder, vielleicht auch nicht. doch manchmal zählt nicht das ergebnis. es zählt der moment.

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Donnerstag, 4. Juni 2015
spritzen oder bohren oder beides
heute wieder zahndoc.

ich komme aus der arbeit gehetzt, gönne mir aber zehn minuten, um die frise zu bändigen, einen anderen / kürzeren rock anzuziehen und parfum aufzulegen. dann noch schnell die hackis schrubben und los.

ich muss keine 30 sekunden warten, dann werde ich schon ins behandlungszimmer gerufen.
"hi!" sagt mein zahndoc und strahlt mich an, als wäre ich eine millionenschwere privatpatientin.
"tag", sage ich und schüttle ihm schüchtern die hand.
wir grinsen uns an, dann setzt mein zahnarzt zu einer patienten-story an.
"ich sag ihnen, der kam frisch aus dem krankenhaus und dann zeigt er mir eine liste mit so ungelogen 80 medikamenten drauf und ich sag, zwei drittel davon könnense getrost in die tonne schmeißen... da hat nur einer was von, und das ist die pharmaindustrie...."
laberrhabarber.
entweder ist der zahndoc aufgeregt und quatscht deshalb so viel, oder er ist nutznieser der bekrittelten pharmaindustrie und auf amphetaminen, oder aber es ist einfach seine art. da ich ihn noch nicht lange genug kenne, verbiete ich mir voreilige rückschlüsse, sondern höre einfach zu, denn er kann witzig erzählen. anschließend gebe ich ein paar anekdötchen aus der pharma-pr zum besten, dann erst werden wir uns bewusst, dass die helferin ja auch noch im raum ist.

"ja, äh, dann nehmen sie doch platz", sagt der zahndoc ein bisschen verlegen.
die helferin grinst hinter ihrem mundschutz und holt den sauger raus.
"wir wollten ja heute eine füllung machen", setzt der zahndoc an, "weil sie da so ein bisschen oberflächlichen karies haben."
ich nicke mit dem sauger im mund, sieht sicherlich obersexy aus.
"wollen sie mit oder ohne betäubung?"
gute frage.
"wie tief wollen sie denn bohren", frage ich freudsch verblödet und will mir gleich darauf auf die zunge beißen, weil mir ein großes, unbändiges lachen in der kehle sitzt.
zum glück checkt der zahndoc das nicht oder er ist einfach diskret.
"nicht so tief", sagt er, "das müsste so an der grenze sein zwischen gut auszuhalten und nicht mehr so gut auszuhalten. kommt vermutlich auf ihre tagesform an."
"wir können es ja mal versuchen, und wenn ich die praxis zusammenschreie, kriege ich eine betäubung, okay", schlage ich vor.
"machen sie doch mal bitte die türen zu und verteilen sie oropax an die leute im wartezimmer", witzelt mein zahndoc zu der helferin gewandt.
die helferin und ich kichern.
die helferin hat glück. ich beneide sie. den ganzen tag lang um diesen zahndoc rumzuhüpfen muss echt anregend sein.

dann holt der zahndoc den bohrer raus.
"ich mach ganz vorsichtig, und wenn was ist, sagen sie bescheid", verspricht er.
dann geht es los. erst merke ich gar nichts, dann beginnt ein unangenehmes ziehen. die zähne zusammenbeißen kann ich ja nicht, wegen dem bohrer und dem sauger und dem spiegel, die gerade in meinem mund stecken, also kralle ich die finger ineinander und konzentriere mich auf das konzentrierte gesicht meines zahndocs.

gerade mal fünf minuten später ist es schon geschafft.
"es kommt nur noch die füllung, okay", sagt der zahndoc.
ich bin erstaunt, wie weh es doch tut, eine füllung ohne betäubung in den aufgebohrten zahn zu bekommen, aber ich habe keine lust auf eine spritze, also halte ich durch.
"gleich geschafft", sagt mein zahndoc mit blick auf mein angespanntes gesicht.

dann sind wir fertig. alles fühlt sich gut an und die kamera zeigt mir einen schönen weißen zahn mit glatt schimmernder oberfläche.
"herrlich", sage ich, "der sieht ja jetzt richtig gut aus.
"finde ich auch", sagt mein zahndoc und lächelt sein jungs-lächeln.
wie alt er wohl sein mag, frage ich mich, wenn ich pech habe, ist er jünger als ich.
"darf ich mal spülen", frage ich, denn meine zunge und meine lippen sind staubtrocken.
"klar. trinken und essen dürfen sie übrigens auch gleich, sie hatten ja keine betäubung."
"weiß ich doch."
"achja, sie sind ja auch profi, sozusagen."

"soll ich noch mal die anderen zähne nachgucken?" fragt mein zahndoc dann.
hat er doch schon letzte woche, denke ich mir, sage dann aber nichts, weil es bedeutet, dass ich noch ein bisschen sitzen bleiben darf.
der zahndoc geht alle meine zähne durch.
"alles wunderbar. sie haben eine tolle zahnsubstanz", sagt er zum abschluss.
dann gucken wir einander an.
"was ist mit den zahnschmerzen", fällt dem zahndoc dann noch ein.
"sind besser. waren wohl doch nur die überreizten nerven."
der zahndoc nickt.
"dann machen wir da erstmal nix."
"ich hab mir so eine sensitive-zahnpasta gekauft", sage ich.
"elmex?" will der zahndoc wissen.
"nee, so ne billomat-marke aus dem penny, hilft aber auch."
"klar hilft das auch, das ist im grunde wirklich egal, was sie da nehmen", sagt der zahndoc. "elmex und sensodyne waren halt die ersten mit sowas im programm."
"ja, ich erinnere mich, sensodyne hatte schon meine mutter, ich glaube, sie nimmt das zeug bis heute."
wir lachen und gucken uns wieder an.

da meldet sich plötzlich und unangenehm mein komplexbeladenes alter ego aus dem hintergrund: los, alte, schwing deinen arsch jetzt hier raus. erstens hat der bestimmt sowieso ne tusse, so wie der aussieht, und zweitens klaust du dem seine kostbare zeit, die er dringend für andere patienten braucht, die ihm wenigstens kohle bringen.
also erhebe ich mich aus dem stuhl. als ich stehe, zittern mir ein bisschen die beine. ich gucke meinen zahndoc schüchtern an. ultrapeinlich ist mir das auf einmal alles. der merkt doch, dass du ihn anhimmelst, sagt mein alter ego, und den himmeln bestimmt viele an.

mein zahndoc begleitet mich zur garderobe.
"wann sehen wir uns denn wieder?" sagt er und guckt in den kalender, als wolle er mich nächste woche gleich noch mal reinbestellen.
"nächstes jahr?" sage ich. "also ich komme halt immer einmal im jahr wegen zahnreinigung und so."
"kommen sie besser ende des jahres noch mal", schlägt der zahndoc vor, "dann schauen wir noch mal rein."
"das ist bei mir auch so ein bisschen eine finanzielle frage", sage ich. "aber ich weiß schon, besser vorbeugen als nachsorgen."
"ach, apropos vorbeugen... ich zeige ihnen mal was! vorher lass ich sie nicht gehen!"

was kommt jetzt, frage ich mich und folge dem zahndoc durch die räume bis ganz nach hinten. wilder sex im labor?
doch nein, wir entern das hinterste behandlungszimmer in dem langen flur und der zahndoc zieht eine elektrische zahnbürste aus einer schublade.
"fühlen sie mal", sagt er, schaltet die zahnbürste an und hält sie an meinen nackten unterarm.
"das kitzelt", kichere ich.
der zahndoc erklärt mir ein paar besonderheiten dieser zahnbürste und drückt mir einen prospekt in die hand.
"nur noch so... zum thema vorsorgen. falls sie mal geburtstag haben, das ding ist eine gute investition. hier, sehen sie, die simpelste variante reicht, das ganze teuere zeug da drüben ist alles schnickschnack. sieht schön aus, taugt aber nicht."
"ich überlegs mir", sage ich. mehr wohlwollen kann ich beim willen nicht aufbringen, denn jetzt werde ich traurig. das alter ego hat mich ganz aus der flirtlaune gebracht.

der zahndoc guckt mich lieb an und lässt noch mal die elektrische zahnbürste auf meinem arm kribbeln, bis ich schmunzeln muss.
dann geben wir uns die hand und schauen uns an. der zahndoc zögert.
"ich melde mich", sage ich artig, aber unverbindlich.
"ciao", sagt der zahndoc langsam und blinzelt, wie er es oft tut.
dann hüpfe ich betont lässig die treppe hinunter.

draußen auf der straße sonnenschein. aber in mir ist es ganz kalt. kalt und unsicher. bilde ich mir das ein oder ist da auch von seiner seite große sympathie?
und warum, verdammt, hab ich nicht einfach gefragt: hey, willst du nicht ein bier mit mir trinken gehen?

und überhaupt, was mach ich jetzt? ein halbes jahr warten? einen notfall simulieren? oder einfach die tage nach praxisschluss noch mal vorbeigehen und sagen, hey, wie wärs, haste zeit für ein getränk? mit dem risiko, dass ich mir danach einen neuen zahnarzt suchen muss?

mut haben bedeutet so viel kraft und angst und scham. aber mutig sein ist immer noch der einzige weg, die realität zu verändern.

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