Sonntag, 22. November 2015
dunkle tage
als ich die wohnung betrete und mich die lederjacke in die arme nimmt, bin ich ein bisschen erschrocken. abgekämpft und schmal sieht sie aus, die breiten schultern hängen.

"was ist los mit dir, bist du krank?" will ich wissen. "oder stressen dich die stiftungen wegen deiner diss?"
"komm erstmal rein", sagt die lederjacke und geht in die küche.
"magste nen tee oder lieber was hochprozentiges?" ruft sie in den flur, wo ich gerade jacke und schuhe ablege.
"gerne beides!"

dann sitzen wir am küchentisch, quarzen, vor uns die dampfenden becher tee und auf meiner seite ein glas whiskey-cola.
"trinkst du gar nicht?"
die lederjacke schüttelt den kopf:
"ich muss jetzt klar bleiben, ich muss so viel organisieren."
"was denn organisieren?"
die lederjacke schaut mich müde an und meint dann:
"mein bruder ist tot."
"hä?!" ich reiße die augen auf. "welcher denn?"
"der lütte."
"dein lieblingsbruder?"
"ja."

ich kenne den kleinen lederjackenbruder, der, anders als die vier anderen harten jungs, ein kleiner, runder, sehr lieber typ war. ich bin perplex und überlege.
"magst du drüber reden?" frage ich vorsichtig. "ich meine, natürlich bin ich neugierig, aber ich möchte nicht, dass du jetzt zum vermutlich wiederholten male denselben garn spinnst und dich quälst."
"ich erzähls dir, weil du eine gute freundin bist", meint die lederjacke erschöpft. "außerdem weiß ich, dass du keine blöden fragen stellst und nicht diese mitleidstour abziehst."
"dann schieß mal los. war er krank?"
"nee. der wurde... überfallen."
"what?!"
"ja, vor zwei wochen."
"vor zwei wochen?!"
"naja, gestorben ist er erst am freitag."

mir wird eiskalt und ich nehme den heißen tee in die hände. dann erzählt die lederjacke die schrecklichen details.
"die mordkommission ist da jetzt dran", schließt sie ihren traurigen bericht. "die haben auch schon einen verdächtigen geschnappt. mir ist das ja egal, das macht den kleinen auch nicht mehr lebendig. aber für meine eltern ist das superwichtig."
"ja, das glaube ich. wie verkraften die das so?"
"die sind unfassbar tapfer. vor allem meine mutter."
"deine eltern sind ja auch cool", sage ich.
"ja, mit denen konnte man schon immer gut reden und diskutieren, die sind nicht dumm. und das hilft jetzt natürlich, weil sie ja auch nicht hier wohnen. ich telefoniere ganz viel mit denen."
"haben die den kleinen noch mal sehen dürfen?"
"ja, die waren natürlich da, als er in der klinik war. die haben das auch echt gut gemacht, die ärzte und die pfleger. der sah eigentlich aus wie immer, nur halt im koma."
"mensch."
"du musst dazu nichts sagen", meint die lederjacke.
"ich sag auch nichts dazu", erwidere ich. "von blöden beleidsbekundungen haste ja nix."

dann schweigen wir eine weile.
"das sind die schwersten tage meines lebens", sagt die lederjacke und ihre stimme wird ganz rau. "damit... rechnet man ja irgendwie nicht. der kleine war ja jetzt auch nicht irgendwo im sozialen brennpunkt unterwegs. du kennst die gegend, das ist alles gutbürgerlich da."
"ja. da ist eigentlich alles etepetete."
die lederjacke schließt die augen und lehnt sich zurück.
"naja, und nächste woche ist dann die scheißbeerdigung. mir graut so davor. vor allem, weil dann da die ganzen dämlichen leute mit ihren betroffenheitsfressen rumstehen und zum x-ten male die blutigen details hören wollen."
"dann sag denen, dass du nicht darüber reden willst. dazu hast du jedes recht."
"und die verfickte presse wird wahrscheinlich auch wieder da sein. die waren ja auch schon hier. die sind ja wie die geier, die sensationsgeilen arschlöcher. wollten mich sogar erpressen, indem sie behauptet haben, sie wüssten schon das ein oder andere. zum glück waren gerade meine anderen brüder hier und, naja, du kennst die schränke ja... dann sind die idioten wieder abgehauen."
"scheiß leichenfledderer. pass bloß auf, dass die nicht an deine eltern rankommen."
"ich hab meine eltern schon vorgewarnt."
"gut so."

das handy der lederjacke klingelt.
"meine mutter", sagt sie zu mir und verschwindet kurz nach nebenan. ich höre sie reden, erst ruhig, dann immer genervter.

"alles gut", frage ich, als die lederjacke wieder in die küche kommt.
"die dreht total am rad wegen dem leichenschmaus."
"nimms ihr nicht übel. das ist eine bewältigungsstrategie."
"wie meinste?"
"naja, aktionismus. je mehr du dich in organisatorisches reinsteigerst, desto weniger musst du dich mit deinem schmerz konfrontieren."
"kannste recht haben. ich hab wahnsinnige angst, dass meine mutter auf der beerdigung zusammenklappt."
ich lege der lederjacke den arm um die schulter.
"dann lass sie. das muss dann auch mal raus."
"ich hoffe, ich halte das aus."
"auch du musst das nicht aushalten. wenn du heulen musst, dann heul. pack dir nicht so viel verantwortung auf die schultern. das seelenheil deiner mutter hängt nicht alleine an dir."
die lederjacke schmunzelt und eine strähne fällt in ihr hübsches gesicht.
"du weißt, ich bin da nicht so gut drin."

ich beschließe, dass die lederjacke nun ablenkung braucht und schmeiße einen film rein. der plan geht auf. die lederjacke lacht einige male und wirkt am ende um einiges entspannter.
"was für ein cooler streifen. der hätte meinem bruder auch gefallen."
"siehste mal. und solange man an jemanden denkt und sich an das schöne mit ihm erinnert, ist derjenige auch nicht wirklich tot."
die lederjacke schaut mich an:
"das hast du gut gesagt. so versuche ich das auch zu sehen. ich will dankbar sein für die wunderbaren momente, die wir hatten."
"das ist ein guter weg, denke ich. er wird nicht in jedem moment funktionieren, aber.... das ist vielleicht so eine gesunde haltung, zu der du immer wieder zurückkehren kannst."
"danke auf jeden fall, dass du da warst", sagt die lederjacke.
"ich hab zu danken. und wenn du mich brauchst, weißt du, wo du mich findest. jederzeit."
wir nehmen uns noch einmal in die arme, dann stapfe ich die treppen nach unten.

draußen riecht die kalte nachtluft nach kommendem schnee. noch ein monat, dann ist weihnachten. egal wie traurig man ist, die welt dreht sich weiter.

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Samstag, 14. November 2015
von herzen
"weißt du noch, als wir bei dresden wandern und klettern waren, in diesem einen heißen sommer?"
meine erste große liebe schaut mich durch seine neue brille an:
"ja. du hattest dir die hand gebrochen und ich hab dich da so durchgescheucht."
"ja, das war echt anstrengend mir dir", lächle ich.
mein ex wird plötzlich ganz ernst:
"das hat mir später übrigens total leid getan. manchmal war ich schon ein arschloch."
für einen moment blicke ich erstaunt auf. dann muss ich lächeln:
"ja, das warst du manchmal. aber meistens eben nicht. und wenn du es warst, hat es meiner liebe zu dir keinen abbruch getan."

mein ex fixiert angestrengt den hals seiner bierflasche, alkoholfrei, wie immer, während ich ihm ebenfalls nicht ins gesicht schauen kann, aus angst vor meiner eigenen courage. doch es steckt qualität in diesem moment, die qualität von 18 jahren, die wir uns nun kennen. und ich empfinde eine tiefe zufriedenheit, dass ich diesen menschen lieben durfte, diese integre persönlichkeit, die mich nie angeschrien hat, mich nie mit eifersucht gequält hat, mir niemals untreu war und mich nicht mit einem ständigen aufmerksamkeitsbedürfnis unter druck gesetzt hat. ein kavalier, nannte ihn mein vater einmal, obwohl mein vater immer sorge hatte, wir würden heiraten, ich mit meinen 17 und er mit seinen 33.

"bist du mal wieder hier?" will mein ex wissen, als wir zahlen und gehen.
"weihnachten, denk ich. ich muss mal schauen, was mein aktueller mann machen will. falls es ihn bis dahin noch gibt."
"und silvester?"
"wie gesagt, ich weiß noch nicht."
mein ex bleibt stehen und überlegt:
"also wenn du keinen plan hast und bevor du alleine in hamburg rumsitzt... könnte ich dich ja besuchen. und meine tochter mitbringen, wenn die will."
"ja, gerne", sage ich.

dann verabschieden wir uns. ich sehe meinem ex noch einige sekunden nach, seiner dunklen, schmalen sich entferndenden silhouette. und ich weiß, ich habe glück gehabt, damals, als ich 17 war. großes glück.

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Montag, 2. November 2015
heimat in der heimat
die alten wege gehen. der würzige duft von vermoderndem eichenlaub. die späte herbstsonne, die das gesicht liebkost.

erinnerungsumstürmt: die hecke mit den weißen beeren, die man als kind wie besessen sammelte, um sie anschließend zu zerstapfen. das alte haus, wo der schuster wohnte, vor dem man sich aus unerfindlichen gründen einst wahnsinnig gefürchtet hatte. der parkplatz, auf dem man das erste mal heavy petting hatte, ebenso angsterfüllt wie fasziniert.

ein bisschen wehmütig, aber glücklich. ob des perfekten moments.

und am ohr die stimme des mannes, der jetzt mein ist.

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Dienstag, 13. Oktober 2015
hin und weg
ich habe schon mal erwähnt, ich sei ein stehauffräulein. heute wieder live und in farbe bewiesen: nach der arbeit zur bahn gerannt und mal schnell in ohnmacht gefallen. mr. murphy hat aber gerade weggeschaut, es ist also nichts schlimmes passiert. auch sonst rein körperlich alles fit, sagt der internist in der klinik, ich sei wohl einfach seelisch zu angespannt.

ein großes danke an dieser stelle an die junge frau, die heute bis zum eintreffen des krankenwagens an meiner seite blieb. ich habe nur schemenhafte erinnerungen, aber es hat sich sehr gut angefühlt.
i don´t take these things for granted.

zumindest ich hatte heute somit recht wenig langeweile, nur für die leserschaft tuts mir mal wieder leid, weil eindeutig zu wenig blut und drama und nicht mal ein echter hauch des todes. aber ich habe keine zeit für fi(c)ktion, ich muss jetzt erstmal verlorene zeit aufholen und schreiben. für geld.

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Sonntag, 11. Oktober 2015
isolation
es gibt phasen, in denen ich mich sehr einsam fühle, ohne es faktisch zu sein. es gibt aber auch zeiten, in denen ich sehr einsam bin, jedoch keinen menschen um mich herum ertragen kann.

dieses wochenende sind es nunmehr 48 stunden völlige isolation, und es gibt wenig, was ich vermisse. außer weitere gute filme und bücher. ich schreibe einer person die 95. absage für ein treffen und fühle mich latent genervt davon. alles, was ich will, sind mein bett, meine heizdecke, die sonne, die durchs geschlossene fenster scheint und bitte keine gründe, nach draußen zu müssen.

ein telefonat wäre vielleicht nett, so wie früher, als ich noch die ein oder andere freundin hatte. eine stimme am ohr, nicht nur text im messenger. aber ich weiß, dass ich das von den meisten nicht mehr erwarten kann. alles ist virtuell, und ich habe so keinen bock darauf, denn das ist es, was mich dann wirklich einsamkeit empfinden lässt.

ich stelle mir vor, wie mir hier gleich ein aneurysma platzt und ich erst wochen später gefunden werde, ein sauberes skelett, ein bündel, das man mit einer hand aus der wohnung tragen kann. aber ich habe ja noch einen auftrag, also versuche ich, die schleife der inspiration wieder zu finden und sie herrgottnochmal neu zu binden.

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Freitag, 9. Oktober 2015
blauphase mit endorphin-intermezzo
wegen dauerkränklichkeit und allumfassender erschöpfung nach einer übervollen messewoche beschließe ich, heute doch mal krank zu sein. ich gehe ganz feudal zum onkel doc und jammere ein wenig, dann mache ich noch einen abstecher zur psychiatrie und jammere dort ebenfalls ein bisschen, so irgendwo zwischen "ich fühl mich nicht so" und "ich begehe heute abend suizid", um einigermaßen fix an einen ambulanten termin zu kommen. einigermaßen fix heißt in diesem fall: in weniger als vier wochen, und oh wunder, es klappt, nur knapp drei wochen, bis ich mit jemandem sprechen darf.

als ich aus der klinik hinaus in den regen gehe und mir eine zigarette anzünden will, ruft jemand hinter mir:
"morphine, morphine!"
ich drehe mich um und sehe, dass das objekt angewackelt kommt.
"na, auf dem weg zur arbeit?", frage ich und nehme es fest in die arme.
"hmmmmmm", sagt das objekt und kuschelt sich kurz an.
ich schaue ihm ins gesicht und weiß, es ist gerade erst aufgestanden und hat am vorabend sehr viel gekifft.
"noch restbekifft?" frage ich weiter.
als antwort zeigt mir das objekt den stinkefinger.
"schlechter tag?"
"alles fotzen außer mutti", sagt das objekt und küsst mich grinsend auf die wange.
"dann viel spaß gleich mit den fotzen und deiner mutti und der fotze deiner mutti, oder wie auch immer."

wir stehen voreinander. das objekt geht nicht, sondern guckt nur. ich gucke zurück und kann die sekunden spüren. das objekt lächelt sein schönes offenes warmherziges lächeln, überlegt ganz offensichtlich, ob es noch etwas sagen soll, entschließt sich dann aber einfach zu einer weiteren umarmung.

"musst du nicht rein", sage ich und deute mit dem kinn richtung klinikgebäude.
"ich bin eh schon zu spät", grinst das objekt frech.
"dann allez-hopp."
das objekt schaut ein bisschen gequält, drückt mich zum abschied und geht dann seines weges. ich sehe ihm nach, was es offenbar spürt, denn es dreht sich noch mal um, eilt fünf schritte auf mich zu, gibt mir noch einen kuss und sagt dann schnell:
"hübsch siehst du aus."
bevor ich etwas erwidern kann, ist es schon an der kliniktür und schlüpft hinein.

als ich auf dem nachhauseweg bin, habe ich herzklopfen. ein schönes, erwartungsfreies herzklopfen. es wird schon, zwischen dem objekt und mir. ich vertraue auf die sympathie zwischen uns, die auch der große crash nicht zunichte machen konnte. sie wird uns weitertragen, in diese oder jene oder eine ganz andere richtung.

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Dienstag, 6. Oktober 2015
brief des schreckens
ich öffne den briefkasten und habe post. ein brauner umschlag, durch dessen adressfenster ein grüner brief schimmert, und ich denke sofort grün, grün, das ist wie gelb, das ist was offizielles. dann schaue ich auf den absender und lese "bundesamt für justiz".

der puls schnellt auf 180. was nun? ich könnte den brief ganz vorsichtig öffnen, reinschauen, im falle einer anklage wieder verschließen und mit "empfänger verstorben" drauf zurücksenden, so, wie ich das mit gez eine weile getrieben hatte. oder, noch viel besser, ich schmeiße den brief direkt ungeöffnet weg. dann muss ich mir gar nicht erst den kopf zerbrechen, wer da was von mir wollen könnte. die vogel-strauß-methode, zumindest, bis der haftbefehl eintrudelt oder ich das land verlassen kann.

um voreilige entschlüsse abzuwenden, lege ich den brief erstmal auf die ablage. du kannst ihn auch morgen öffnen, sage ich mir. aber dann schlaf ich schlecht, sagt mein alter ego. wenn da drinsteht, du bist wegen drogenimports oder ähnlichem zu soundsovielen jahren haft verurteilt, schläfst du auch schlecht, entgegnet die stimme der unvernunft.

ich gehe erstmal auf klo, dann mache ich mir einen feierabenddrink. mit etwas alkohol im blut fühle mich dann mutig genug, den brief noch mal in die hand zu nehmen. okay, wir öffnen ihn. ganz vorsichtig, und wenden dann einfach die bewährte empfänger-verstorben-taktik an.

ich ziehe den grün gemusterten zettel aus dem umschlag, lese "aktenzeichen xy" und dann weiter unten, "ohne einträge". und dann fällt mir der fettgedruckte schriftzug ins auge: führungszeugnis. klar, mein polizeiliches führungszeugnis, das ich vor einiger zeit angefordert hatte.

so einfach sind die dinge manchmal. und so sehr hat man die hosen voll davor.

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Samstag, 3. Oktober 2015
kapitulieren
die sache mit dem kopf wäre ja okay. der denkt in die richtige richtung und produziert. die kleine oder große traurigkeit dann und wann: auch in ordnung. die gehört wohl zu mir wie eine lästige neurodermitis. da brauch ich auch keinen psycho-heini mehr, der mir das auseinander klabustert. man kann sich mit so einer behinderung abfinden. nicht schön, aber besser als im rollstuhl sitzen.

was mich aber wirklich, wirklich fertig macht, ist dieser körper. seit über einem halben jahr habe ich nicht mehr richtig geschlafen. im schlafähnlichen zustand, den ich noch erreiche, verspanne ich so sehr, dass ich morgens mit rasenden kopf- und schulterschmerzen aufwache. mein tramalkonsum ist von null auf exorbitant gestiegen, und hin und wieder in schwachen momenten denke ich daran, es einfach mal mit heroin zu versuchen.

davon abgesehen - möglicherweise im kontext des permanenten mangels an tiefschlaf - bin ich ständig krank. nebenhöhlen-trallala, halsschmerzen, augenentzüdungen. kaum ist das eine weg, kommt das nächste. sämtliche schleimhäute sind so durchgefeiert wie damals, als ich noch jedes wochenende weißes pulver geschnupft habe. antibiotikum folgt auf antibiotikum, und alles hilft einen scheiß.

"sie müssen auch ein bisschen an ihren körper glauben", meint mein arzt, aber mit meinem körper ist es inzwischen so wie mit meinen mitmenschen: ich muss ihn permanent kritisch überwachen. was schwierig ist, denn ich bin müde. so unendlich müde. ich vermute, einem sekundenschlaf habe ich es zu verdanken, dass ich vor ein paar tagen vom fahrrad gefallen bin. einfach so. selbstredend bin ich schwerpunktmäßig auf mein kaputtes knie gestürzt, dem jetzt ein bisschen haut und fleisch fehlt, was natürlich ebenfalls nicht heilen will und sich fett entzündet hat.

heute habe ich jedenfalls kapituliert und meine medikamente wieder aus dem schrank geholt. wir schreiben freitag, kurz vor mitternacht. der körper fühlt sich theoretisch bereits bettfähig. die stimmung ist von absoluter gleichgültigkeit geprägt. die gedankenfontänen sind tot, die libido ebenfalls. ich warte auf meinen freund, den schlaf.

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Montag, 28. September 2015
der fick deines vertrauens
je mehr männer ich treffe, desto weniger kann ich mir vorstellen, jemals wieder einem von ihnen mein vertrauen zu schenken. dabei lerne ich die meisten noch nicht mal näher kennen, sondern lediglich ihre schwänze und ihre sexuellen vorlieben, und gebe mir allenfalls noch ein wenig gelaber, was für geile hengste sie sind und was sie in ihrer ehe so alles vermissen. man sollte meinen, dass bei einer so winzigen schnittmenge nicht viel vertrauenserschütterndes passieren kann. aber manchmal geschehen dinge, dass ich erwäge, alle sexuellen aktivitäten bis auf masturbation vollkommen einzustellen.

so traf ich vor einigen wochen einen mittelalten herrn, der auf den ersten blick ganz astrein in schale schien und auch sehr attraktiv und wortgewandt war. er stellte mir zu anfang die frage, die mir viele stellen:
"können wir auch mal ohne gummi?"
woraufhin ich meine standardantwort gab:
"ich will deine seuchen nicht, und du meine vermutlich auch nicht, die du ja zudem an deine frau weiterreichen würdest, und die mit ein bisschen pech an deine kinder."
einmal klar ausgesprochen verhilft die lebhafte vorstellung von einem von geschwüren übersäten, stückweise abfaulenden schwanz und gesamtfamilärem siechtum den meisten wieder zu so viel verstand, dass das lümmeltütchen ohne murren und knurren getragen wird. diejenigen, die sich mit dem latex noch immer nicht anfreunden wollen, weisen mich in zweiter instanz zumeist darauf hin, dass auch beim oralverkehr krankheiten übertragen werden können. woraufhin ich gerne großzügig anbiete, auch den oralverkehr geschützt zu vollziehen, was dann sehr vorhersehbar jedes mal zu einem abrupten sinneswandel führt.

der mittelalte herr, der sich ein wenig geheimnisvoll gab, was mir sehr gefiel, erklärte sich zunächst mit der üblichen gesundheitsvorsorge einverstanden. als wir dann jedoch nackt voreinander standen und es zur sache gehen sollte, hatte er eine spitzenidee:
"lass uns doch ein bisschen ohne gummi, ich komme auch nicht in dir."
ich sagte nein.
woraufhin der herr zu diskutieren begann:
"dir macht es doch auch mehr spaß ohne."
"aber hiv-positiv sein hinterher halt nicht so sehr."
"ach komm, wir haben doch kein aids! seh ich aus, als hätte ich aids?"
in mir stieg die wut hoch angesichts so viel ignoranz.
"seh ICH etwa aus, als hätte ich aids?"
"na also", meinte der herr. "dann können wir doch..."

und staunte dann, als ich aufstand, in meine kleider stieg und in meine jacke schlüpfte.
"was soll das denn jetzt?" fragte er todbeleidigt.
"weißt du, ich stehe auf männer mit stil", sagte ich. "und das, was du hier gerade abziehst, ist absolut stillos. wir hatten eine klare absprache und du willst dich nicht an sie halten. und deshalb gehe ich jetzt."
der typ sprang auf und wollte mich aufhalten.
"ey, du kannst mich hier doch nicht so stehenlassen, jetzt hol mir wenigstens einen runter!"
ich holte tief luft.
"fass mich an und ich schreie das ganze haus zusammen."
unter üblen beschimpfungen seinerseits zog ich meine schuhe an, nahm meine tasche und ging, gottseidank unbehelligt.

die nächsten tage konnte ich nicht mal an sex denken, ohne dass mir schlecht wurde. da steigen erwachsene männer, die verantwortung für eine familie tragen, mit fremden frauen, die sie im internet aufgegabelt haben, ins bett und machen sich überhaupt gar keine gedanken, wer schon alles in besagter frau drinsteckte und ob die dann auch alle mal ohne gummi wollten. offenbar hatten so einige männlich exemplare schon so lange keinen sex mehr gehabt, dass ihnen alles egal ist, sogar so egal, dass sie zusagen machen, die sie, sobald es zur sache gehen soll, wieder zurücknehmen. viele andere frauen in dieser situation wären, nehme ich an, eingeknickt und hätte des lieben friedens wegen ja und amen gesagt, oder hätten wahlweise noch eine halbe stunde diskutiert, bis jegliche erotische atmosphäre mit sicherheit abgewürgt gewesen wäre.

manchmal verspüre ich regelrechten hass, wenn ich männer auf der straße sehe, unschuldige männer, die mir noch nichts getan haben, und denke mir: auch du bist garantiert nur ein mieser ficker. ich kann mir nicht mal mehr vorstellen, noch einmal nach einer gemeinsamen nacht neben jemandem aufzuwachen. zwei stunden, mehr ertrage ich selten. dann gehe ich, bevor der brechreiz kommt.

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Samstag, 26. September 2015
aggro-tusse
"manchmal werde ich ja echt aggressiv", sage ich beiläufig, während ich den schwanz des fremden in meiner hand halte und ihn dabei beobachte, wie er immer größer und dicker wird.
"wie? echt?" der fremde ist schockiert.
"wie äußert sich das?"
"ich knall leuten schon mal eine", sage ich, "oder muss zumindest schwer an mich halten, es nicht zu tun."
"das heißt, ich muss jetzt aufpassen, was ich sage?"
ich muss lachen.

"okay, beispiel: neulich fuhr ich so auf dem radweg, vor mir eine mutti mit zwei sehr kleinen kindern, die auf ihren stützrädern dahinschaukelten. brandgefährlich im morgendlichen berufsverkehr, ich frage mich ja immer, wie eltern so fahrlässig sein können."
"ohja, das ist gefährlich", wirft der fremde ein, selbst vater zweier kinder.
"die fuhren also so vor mir, die kinder nebeneinander auf dem radweg, und rechts daneben auf dem fußweg die mutti. fahren ist dabei zu viel gesagt, also kriechen oder schleichen wäre schon eher treffend. der fußweg war aber voller menschen, die schon aus dem weg springen mussten, als die mutti da durchwalzte, was bedeutete, man konnte also nicht an dem pack vorbeifahren."
"verstehe, und du hast sie überfahren?" mutmaßt der fremde.
"neeeeieeeeiiin. ich hab mich erdreistet zu klingeln."
der fremde zieht die augenbrauen hoch.
"und dann drehte sich diese fettärschige hormon-tonne um und ranzte mich an: sehen sie nicht, dass hier kinder fahren, können sie nicht rechts überholen?!"
"nicht wahr."
"doch! also nicht nur, dass sie ihren kindern vollkommen falsch die straßenverkehrsordnung vorlebte, sie wollte also auch, dass ich fußgänger über den haufen fahre!"
"und dann hast du ihr eine gelangt?"
"neeeeeeeeiiiiin. ich habe gesagt: ich werde doch nicht fußgänger gefährden, nur weil sie die straßenverkehrsordnung missachten und darüber hinaus auch offenbar nicht fähig sind, eben diese ihren kindern nahezubringen, von rücksichtnahme und anderen schönen tugenden mal ganz zu schweigen."
"und was war dann?"
"sie war irritiert. aber wenn sie noch was freches von sich gegeben hätte - ich war fest entschlossen, anzuhalten und ihr eine zu knallen. also nicht nur so eine harmlose ohrfeige, sondern so richtig, mit der faust."

der fremde lacht amüsiert.
"schlägst du denn auch männer?"
"meinen ex-lover habe ich manchmal ein bisschen gehauen."
"wie, gehauen?"
"so im spaß. er hatte die angewohnheit, mir in der öffentlichkeit den rock hochzuziehen und dann auf den arsch zu hauen. dafür hab ich ihm dann auf den sack geklatscht."
"ich hoffe, du machst das nicht bei mir?"
"du haust mir ja auch nicht auf den arsch, so auf offener straße."
"nein, um gottes willen, wenn das jemand mitbekäme, der mich kennt, und der auch noch meine frau..."
"schon gut, wir hauen uns also nicht, weder du mich noch ich dich. und ich bin ja auch keine ernstzunehmende gegnerin. mein ex-lover hat sich immer köstlich amüsiert, wenn ich mich auf ihn gestürzt habe."
"das hatte sicherlich auch was erotisches, bei dir."
"sagen wir mal so, es ergab immer eine gewisse sexuelle spannung. der kerl war 1,90 m groß und wog fast 100 kilo, und allein die körperliche überlegenheit dieses testosteronbündels hat mich schon nass gemacht."

der fremde grinst.
"dann bück dich jetzt mal schön tief, damit ich dich noch mal von hinten nehmen kann."
"sag bitte."
"einen scheiß werd ich tun."
der fremde packt mich am hals und drückt mein gesicht auf die fläche meines schreibtischs. dann fickt er mich kurz und hart, bis ich explodiere.
auf jeden fall weiß er, wie man mit aggro-tussen umgeht.

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