Dienstag, 28. August 2012
die dm ist zurück!
noch vor austritt griechenlands aus der eu führt deutschland die dm wieder ein und baut die mauer erneut, um die abschaffung des solis begründen zu können.

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Montag, 20. August 2012
exkurs: schwimmen in der alster
diesen sommer habe ich einen lang gehegten plan endlich umgesetzt: die zweckentfremdung der alster als schwimmbad.

zunächst das rechtliche: schwimmen in der alster ist grundsätzlich nicht verboten, erfolgt aber sozusagen auf eigene gefahr. wer des schwimmens mächtig ist, keine ernsthaften herz-kreislauferkrankungen sein eigen nennt und nicht einfach vollends besoffen ins wasser fällt, hat recht gute chancen, dem fluss wieder lebendig zu entsteigen.

die vorteile:
- räumliche nähe (die alsterarme erstrecken sich durch weite teile der stadt)
- ausgesprochen nette liegewiesen in unmittelbarer umgebung
- eine kostenfreie alternative zum überteuerten bäderland
- angenehm kühle wassertemperatur (je nach baumschatteneinfall)
- atemberaubende kulisse (besonders bei sonnenuntergang)
- unendliche weiten und kilometerlange schwimmstrecken ohne kollissionen mit anderen schwimmern
- keine chemiebrühe aus chlor und kinderpipi

die nachteile:
- schiffsverkehr. viele ruderer sind echt fix unterwegs und gucken nicht so auf köpfe im wasser. auch barkassen können eine gefahr darstellen. deshalb am besten in ufernähe schwimmen und unübersichtliche stellen meiden.
- sauberkeit. natürlich gibt es algen und laub im wasser und hin und wieder auch federn und totes getier. abgesehen von fetischisten, die sich genau daran erfreuen, kann das für den ottonormalschwimmer schon mal eklig werden. insbesondere, wenn sich algenglibber im badeanzug oder bikinihöschen verfängt und erst später beim duschen oder umziehen entdeckt wird.
- die anwesenheit von tieren wie enten und gänsen. für die menschlichen schwimmer in der regel weniger störend als für die armen viecher, die sich schon mal erschrecken und dann unwirsch quaken und schnattern. sagen sie "peace" und schwimmen sie einfach ruhig weiter. tiere sind nicht nachtragend und lästern auch nicht über die unter umständen nicht vorhandene bikinifigur.
- der geruch. es kann stellenweise doch etwas brackig riechen. dieser geruch kann sich auf haut und haaren festsetzen. hier hilft eine dusche, die dann auch eventuellen algenglibber, insektenleichen und pflanzenreste in körperspalten beseitigt.

ins wasser gelangt man recht einfach, da die alster in ufernähe nicht allzu tief ist. ein kopfsprung kann hier fatale folgen haben, ist aber wegen des gewöhnenmüssens an die doch sehr frische wassertemperatur ohnehin nicht empfehlenswert.

als alsterschwimmer hat man immer ein wenig publikum. dieses nimmt den schwimmer aber in der regel mit wohlwollender bewunderung zur kenntnis ("machen sie das öfter?" "ist das nicht wahnsinnig kalt?" "haben sie gar keine angst?"). bleiben sie ruhig und freundlich und verweisen sie ängstliche zeitgenossen darauf, dass sie nicht im loch ness schwimmen und dementsprechend auch nicht vom seeungeheuer gefressen werden werden.

viel spaß.
ich werde ihn jedenfalls weiterhin haben.

edit: die suchanfrage "schlampen unten ohne" in diesem zusammenhang finde ich sehr cool.

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Samstag, 4. August 2012
schön gezahlt?
im jahr 2013.

sie finden ein rundschreiben in ihrem briefkasten. absender: die deutsche lebensmittelgebührenzentrale.
"sind sie schon angemeldet?"

ab sofort ist jeder deutsche theoretische esser gezwungen, lebensmittelgebühren zu bezahlen.
fleischesser verpflichten sich zu einem monatlichen beitrag von 29,95 €, vegetarier zu einem beitrag von 27,95 €, biolebensmittelkonsumenten müssen sogar 33,50 € berappen. dafür sorgt die deutsche lebensmittelvereinigung für ein angebot in bestimmten supermärkten, das zwar weder qualitativ gut noch sonderlich breit, aber eben vorhanden ist. ausgenommen sind discounter, tante-emma-läden und sonstige unternehmen wie asia-märkte oder bauernhof-verkaufsstände. ein mitspracherecht über das von der lebensmittelgebührenzentrale vorgesehene lebensmittelangebot gibt es nicht.

jede einzelperson muss bezahlen, auch wenn es sich um behinderte, senioren, kleinkinder oder essgestörte handelt. denn essen benötigt theoretisch jeder. und ebenso theoretisch könnte es jeder gedanklich erwägen, nahrung in einem der supermärkte zu kaufen, die bei der deutschen lebensmittelgebührenzentrale erfasst sind - auch diejenigen, die im rollstuhl sitzen, im koma liegen oder die mit dem auto bis ans ende der stadt fahren müssten, um bei einem der entsprechenden supermärkte einzukaufen.

die lebensmittelgebührenzentrale ist weiterhin berechtigt, passanten auf der straße anzusprechen und einen nachweis über die beitragszahlungen und einen beleg der eventuell mitgeführten oder zuhause im kühlschrank gelagerten lebensmittel zu verlangen. weiterhin können mülltonnen kontrolliert werden. aus diesem grund müssen mülltüten fortan mit dem namen und der lebensmittelgebührenbeitragsnummer beschriftet werden.

kassenbelege sollten entsprechend immer aufbewahrt werden. fehlende nachweise können zu einer rückwirkenden zahlung in höhe von bis zu 5.000 € führen.

liebe leser, sie werden sich daran gewöhnen! alles hat seinen preis. und die möglichkeit, sich theoretisch im supermarkt etwas zu essen kaufen zu können, ist mit geld schon fast nicht aufzuwiegen! oder?

2014.

die deutsche bekleidungsgebührenzentrale hat ihnen geschrieben...

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Freitag, 22. Juni 2012
mind popcorn - klinkleben
die klinik ist sehr zufrieden mit meinem irrsein. sie hat die medikamentenkombination und -dosis gefunden, die mich höchstwahrscheinlich davor bewahren wird, mich vom dach des radisson sas hotels zu stürzen.

weniger glücklich ist mein psychiatrisches gremium darüber, dass ich neulich alkohol konsumiert habe. dr. sch. ist besonders streng mit mir. als ich sage: "aber es war doch nur ein bisschen bier und ich konnte danach sogar noch prima rad fahren", legt er mir das als unbewusst selbstgefährdendes verhalten aus und droht, mich gegebenenfalls ins zentrum für suizidgefährdete zu überweisen. ich halte dies zunächst für einen scherz, aber dr. sch. scherzt genauso wenig wie adolf hitler über den zweiten weltkrieg. ich verschweige dr. sch. danach bewusst, dass derzeit mein fahrradlicht kaputt ist und dass ich mich demzufolge sicherlich unbewusst im dunkeln hatte überfahren lassen wollen.

frau dr. k. sieht das alles ein wenig lockerer. sie lächelt viel. sie hält mich für intelligent und baut darauf, dass ich mich entsprechend verhalte. ähnlich wie das objekt ist sie der meinung, dass mein gelegentlicher substanzmissbrauch symptom, nicht aber hauptproblematik ist. sie zieht mit meinem psychologen an einem strang, der mir gleich im erstgespräch offenbarte, dass er nicht für sucht zuständig sei und dass ich dieses problem selbst unter kontrolle bringen oder mich für einen vollstationären aufenthalt entscheiden müsse, wobei er letzteres in meinem fall eigentlich für unnötig halte. also bin ich weiterhin vogelfrei, sofern dr. sch. nicht interveniert und mich als suizidgefährdet einstuft.

im büro fühle ich mich derzeit am wohlsten. ich sauge die anerkennung, die ich bekomme, in mich auf und versuche, möglichst viel davon auch umzuverteilen und für ein sozial warmes arbeitsklima zu sorgen. ich forciere den folgevertrag für den inzwischen ausgelernten azubi, gehe mit meinem springer-kollegen, der uns derzeit mit ein paar kreativen ideen aushilft, sushi essen und lege meiner chefin, die liebeskummer hat, einen glückskeks auf den tisch. in unserem büro funktioniert vieles nicht, aber eines haben wir alle geschnallt: es ist wichtig, aufeinander zu achten.

vorgestern hole die objektexfreundin vom bahnhof ab. als ich sie umarme, habe ich fast nichts mehr, was ich an mich drücken könnte. sie gesteht mir, dass ihr bmi inzwischen unter 16 liegt. wir setzen uns in ein café und unterhalten uns darüber, wie in aller welt man die angst vor dem leben loswerden kann. denn auch bei der objektexfreundin ist es eher so, dass die sucht ein nebenprodukt eines viel umfassenderen problems ist.

"hast du was vom objekt gehört", fragt sie mich irgendwann.
ich berichte ihr vom kontakt in den letzten wochen und wie das objekt rührenderweise versuchte, mir aus der depression zu helfen. gerade, als ich mich frage, ob ich der objektexfreundin damit eigentlich weh tue, sagt sie:
"weißt du, was ich an der ganzen geschichte eigentlich besonders schlimm finde? dass du es die ganze zeit wusstest... dass du uns beim knutschen zusehen musstest... ich frage mich echt, wie man das eigentlich aushalten kann! ich frage mich sogar manchmal, wie das objektgespielin das übersteht... sie weiß ja auch, dass sie nicht die einzige ist."
"ich fand es eigentlich immer schlimmer, dass ich zum schweigen gezwungen war und mitangesehen habe, wie du mit der lüge gelebt hast", erwidere ich.
"du hast das objekt auch immer sehr gemocht, oder?" lächelt die objektexfreundin und ich nicke.
"ich mag es immer noch, soweit man es eben mögen kann."
"du bist ihm auch unheimlich wichtig", berichtet die objektexfreundin. "das merke ich, wenn es von dir spricht."
"du ihm aber auch", berichte ich. "erinnerst du dich an die nacht im club anfang april... als du es im scherz auf den mund geküsst hast? das objekt kam danach zu mir und war völlig verwirrt."
die objektexfreundin kichert.
"so cool ist der typ gar nicht."
"kein bisschen."
ich sehe die objektexfreundin liebevoll an und finde, dass sie zu den coolsten frauen zählt, die ich kenne. das sage ihr dann auch, woraufhin sie ganz verlegen wird. sie lehnt sich an meine schulter, schnuppert und findet, dass ich gut rieche.
in diesem augenblick denke ich mir zum wiederholten male: scheiß auf die typen! man kann auch mit frauen wunderbare momente haben...

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Sonntag, 3. Juni 2012
großer spendenaufruf für schlecker
huch, nun ist alles futsch. die schlecker-kinder sind traumatisiert: ein familienunternehmen ist endgültig gescheitert. wie traurig! wie herzzerreißend brutal!

nur noch 35 bis 40 millionen euro privatvermögen, das ist natürlich hart. das können auch die niemands von nebenan mit einem jahreseinkommen von knapp 12.000 euro bestätigen. da ist es doch völlig klar, dass man nicht noch sieben bis neun mille verlustfinanzierung im rahmen des laufenden insolvenzverfahrens abgeben kann! das wäre ja fast so unmenschlich wie als schlecker-mitarbeiter zu schuften! nein, nein, das geht nicht, zumal jetzt auch noch papis sportwagen weg ist - und das, wo man doch mobil und flexibel bleiben muss, gerade in zeiten der krise!

kurzum, es ist entsetzlich: ein filial-imperium zerschlagen zu sehen, dass jahrzehntelang so tapfer mithilfe gnadenloser ausbeutung, unterdrückung und überwachung wehrloser dumpinglohnarbeiter mal richtig etwas auf die füße gestellt hat. deutschland war so stolz auf schlecker!

dabei hätte alles noch gut werden können. die bereits gefeuerten dumpinglohnarbeiter waren nämmlich bereit, zu noch mieseren leiharbeiterkonditionen weiterzuarbeiten. aber sie haben sich einfach nicht genug mühe gegeben! und da sieht man mal wieder: milliardäre sind unmittelbar vom untergang bedroht, wo menschen zweiter klasse pinkelpausen machen oder sms lesen, während sie einfach nur verkaufen sollen! geschäftsschädigendes verhalten, sowas. eigentlich müsste man die schlecker-dumpinglohnarbeiter auf schadensersatz verklagen, jawoll.

wirtschaftsexperten fordern daher jetzt die elektronische fußfessel für angestellte sowie wasser und brot statt lohn. das fördere die motivation, indem sich arbeiter erst einmal drei jahre lang beweisen könnten, bevor man sie weiter zum generösen dumpinglohn sozialversicherungspflichtig beschäftigt. denn, hey, perspektive zählt! nur mit perspektiven für alle kann man ein land wie deutschland, das vermutlich in kürze ähnlich wie andere eu-länder schlichtweg abkacken wird, wieder auf vordermann bringen. die wirtschaftsexperten verweisen dabei auf das äußerst erfolgreiche modell der kinderarbeit in afrikanischen und asiatischen ländern. man könne schließlich nicht zulassen, dass die dritte welt uns industrienationen, die wir in der wüste brunnen gebaut haben, eines tages das wasser abgräbt!

leider kommen diese klugen und zukunftsorientierten rettungspläne zur unternehmenssanierung für meike und lars zu spät. ihnen hilft nur noch der deutschlandweite taschentuch-spendenmarathon, der kommende woche von zewa-wichs-es-weg in kooperation mit "mondfinsternis-stunden" auf zdf gestartet wird. eine reizende idee, an der sie, werte leser, sich unbedingt beteiligten sollten!

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Dienstag, 22. Mai 2012
schluss mit lustig
die steuererklärung liegt auf dem tisch und frisst die zeit. gleichzeitig macht der gedanke, dass ich mit wöchentlich 50 bis 60 stunden harter arbeit einem haufen feiger und bornierter affen im reichtag ihre pensionen sichere und selber kaum überleben kann (mein nettolohn liegt erschreckenderweise immer noch unter 1.000 euro, stellte ich gestern fest), sehr viel lust darauf, bomben zu werfen, zu brandschatzen und leuten höchstpersönlich die zähne aus den dummen fressen zu treten.

"da kann alles so nicht weitergehen", sagt der architekt gestern im club. der architekt, der vor kurzem in einen vorstand gewählt wurde und eine anfrage von der uni für eine professur hat, hat das illustre system, in dem er neuerdings steckt, ganz fix durchschaut: "die parteien und so, das ist alles eine scheinwelt. regiert wird heutzutage durch die hintertür. das ist die schlimmste form von entmündigung überhaupt, denn sie ist verlogen bis in den letzten winkel. mit soviel perfidität kann nicht mal mehr eine hitlersche diktatur mithalten."

die städtebaulichen regierungsvorhaben, von denen der architekt berichtet, dienten ganz bewusst dazu, die soziale schere noch weiter zu spreizen.
"das alles wird unter einem sozialen deckmantel verkauft, sodass die leute glauben, man täte ihnen auch noch was gutes."
dem architekten stinkt das: "an die presse gehen müsste man."
"dann verlierst du aber vielleicht das, was du dir aufgebaut hast", erwidere ich.
"inzwischen ist mir das scheißegal. ich habe den vorteil, dass ich finanziell ausgesorgt habe. und ich sage dir, ich habe die schnauze voll von all den leisetretern. außer unserem oberbürgermeister, der wenigstens noch nicht verlernt hat, den mund aufzumachen, sitzen in unserer regierung nur pfeifen, die sich unter einem verkrusteten system ducken, das gerade dabei ist zu zerbrechen. ich meine, hey, die rufen mich zuhause an und fragen mich, was sie machen sollen, weil sie keine manpower haben. mich! bin ich könig von deutschland?"

"ich weiß nicht, ob das mit der presse funktioniert", sage ich. "die leute lesen doch heutzutage nicht mal mehr richtig zeitung. höchstens als unterhaltunglektüre, am abend, wenn sie ins traute heim zurückkehren und die füße hochlegen wollen. die meisten sitzen doch scheintot in ihren ikea-verliesen, lassen sich vom fernseher berieseln oder beschäftigen sich mit dem demokratieersatz facebook. politisches interesse, das haben die meisten doch nur, weil sie sich gerne auch mal was semi-schlaues sagen hören möchten."

"trotzdem, du musst ja mal wo anfangen", sagt der architekt. "und ich will anfangen, wenn´s sonst schon keiner macht. ich habe das privileg, dass es mir nicht schaden kann. mich brauchen die sowieso."
"du hast dir ganz schön selbstbewusstsein zulegt", finde ich.
"ja, das kam so im laufe des letzten jahres... früher wollte ich bloß eine familie und ein haus mit garten", sagt der architekt. "aber das ist doch alles bullshit, es gibt viel zu viel zu tun!"

"okay, dann machen wir jetzt eben eine revolution", beschließe ich. "du machst nen plan, und ich mache dann den teil mit der presse."
"ach stimmt, du machst das ja beruflich", erinnert sich das architekt.
"meinst du, das geht?"
"keine ahnung", sage ich, "grundsätzlich geht fast alles, solange du kein geld dafür willst."
der architekt lacht.
"das ist nicht komisch", fahre ich ihn an. "wenn ich mal nicht mehr arbeiten kann, bleibt mir ja nichts. und ich werde nicht unwürdig alt werden und jeden tag zur tafel schleichen und das fressen, was mir irgendwelche bonzen übriglassen. senioren-suizid wird in 10, 20 jahren, wenn alles zusammengebrochen ist, bestimmt mal ein großer trend. deshalb müssen sie auch irgendwann aktive sterbehilfe legalisieren - ich meine, das entlastet ja das marode system."

der archtitekt schaut mich an:
"manchmal denkst du wirklich ein bisschen sehr schwarz."
"ich bin eben realistin", rechtfertige ich mich. "aber vielleicht rettet uns ja deine revolution."
"ich meine das ernst", betont der architekt.
"ich meine das auch ernst", erwidere ich.
"ja, dann, schluss mit lustig, oder? lass uns da mal zusammensetzen und überlegen, wie wir das angehen."
"wir werden die erste zwei-mann-revolution sein."

bevor der architekt blinzeln kann, küsse ich ihn auf den mund.
"dann mal gute nacht. die revoluzzerin muss jetzt schlafen."
der architekt strahlt verstrahlt und küsst mich dann schüchtern zurück.
ich gehe hinaus in die warme nacht und fühle mich zum ersten mal seit langer zeit wieder verstanden und bestärkt in dem, was im grundes meines herzens brennt: wir dürfen nicht nur reden. es ist zeit, etwas zu bewirken. und ich bete, dass uns der mut nicht verlässt.

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Dienstag, 10. April 2012
grasses gedicht: a rough polaroid
was zu "was gesagt werden muss" gesagt werden muss

warum dinge gesagt werden müssen? weil das wort befreit. weil das wort das tabu bricht.

warum dinge missverstanden werden wollen? es ist das spiel. das wort spielt mit dem ernst und den horizonten der leser. polarisieren oder identifizieren. grass ist zu alt, um der welt eine heile welt vorzugeben mit leitbildern zu identifikation. und jeder, der sich öffentlich äußert, weiß: du sollst nicht langweilen.

im zweifelsfalle also: lieber zutreten als streicheln. anecken. gucken, was passiert. wegsehen und schweigen, das machen ohnehin alle. der autor schreibt, der hooligan wirft den molotow-cocktail. im herzensgrunde: dasselbe. verletzen, in brand stecken. vor allem aber: schaulustige anziehen.

der sprecher des gedichts (und ich sage bewusst nicht: grass) spielt mit dieser erwartungshaltung. er weiß, dass er missverstanden und kritisiert werden wird. die haltung dazu aber ist ein "so fucking what?" reden ohne handeln ist unrecht, so eine these der raf, aber letztendlich auch das reden zu unterlassen, kann ein verbrechen sein, findet der sprecher.

warum leser zu opfern werden:
wenn der sprecher des gedichts den staat und die politische aggression kritisiert, kritisiert er nicht die religion oder das volk. er kritisiert politisches handeln. er kritisiert - auf den punkt gebracht - die politische legitimisierung von mitteln zum massenmord. seit rund 90 jahren verwechseln menschen antisemitismus, antijudaismus und kritik am politischen system. weil sie nicht differenzieren können. natürlich sind diese menschen die ersten, die grass jetzt undifferenziertheit vorwerfen.

macht mal die augen auf: das ist kein gedicht gegen das jüdische volk. es ist noch nicht mal ein gedicht gegen das volk israel. es ist ein gedicht, das sich gegen die wenigen wendet, die über das leben der vielen entscheiden, bestimmen.
hätte grass vor 40 oder 45 jahren geschrieben: "die atommacht usa bedroht den weltfrieden", hättet ihr applaudiert. während die usa not amused gewesen wäre und günter grass vermutlich von der cia hätte eleminieren lassen. ergo: der leser wird opfer seiner historischen determination und seines soziokulturellen über-ichs. walser nannte es, etwas weniger elegant, die "moralkeule auschwitz".

"was gesagt werden muss" ist - meines bescheidenen erachtens - ein streitbares gedicht, aber nicht ohne menschenliebe. und deshalb finde ich persönlich es - wegen enormer grass-zentrik nicht uneingeschränkt - im großen und ganzen doch gelungen.

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Mittwoch, 4. April 2012
nachlese: vorlese berni meyer - mandels büro
bei dieser lesung hatte ich das gefühl, dass ich auf einem auge einen josef hader-film gucke und auf dem anderen die harald schmidt-show.

prädikat: höchst unterhaltsam. auch zustandsbeschreibungen bekommen da einen hauch von action.

ich bekrittle ja auch gerne wohlwollend. bin ja theologin, sanft und vergebend. sogar wenn es um flatulenz im beichtstuhl geht.

kurzum: da habense wat verpasst, sie!

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Sonntag, 25. März 2012
search request: "meine mutter guckt in meine tasche, das verletzt mich"
liebe(r) unbekannte(r)!

(tipp gilt für beide geschlechter)

wenn deine mom in deiner tasche schnüffelt, hat das womöglich folgende gründe:

- du kommst mindestes einmal pro woche jenseits der zurechnungsfähigkeit nach hause und riechst dabei streng nach kiffe und alkohol und hast enorm pupille.

- du hast in jüngster vergangenheit einmal deinen freund/deine freundin mit nach hause gebracht, der/die jenseits der zurechnungsfähigkeit war, streng nach kiffe und alkohol roch und enorm pupille hatte.

- du kommst mehrmals die woche mit einem anderen kerl/einer anderen tussi nach hause und warst schon mit 14 das erste mal schwanger/vater.

- du klaust deiner mom regelmäßig kohle und stellst dich dabei etwas ungeschickt an (z.b. ganzes portemonnaie leerräumen und das geld dann direkt in deine tasche transferrieren).

- du wurdest mehrmals beim ladendiebstahl erwischt.

in den genannten fällen ist der potenzielle gegenstand der suche:

- drogen
- großpackung kondome/das fehlen jeglicher kondome
- größere summen geld, bei denen es sich unmöglich um dein taschengeld handeln kann
- gegenstände, die du mit deinem taschengeld zu kaufen nicht in der lage wärst.

all dies sind mögliche, aber nicht sehr wahrscheinliche erklärungen. denn die plausibelste erklärung für mütterliches schnüfflertum ist noch immer:

NEUGIER.

möglichkeiten, deiner mutter das schnüffeln auszutreiben:

sollte es sich bei den potenziellen gründen um einen der zuerst genannten handeln, solltest du folgendes tun:

- deinen rausch bei deiner besten freundin ausschlafen

- deine(n) freund/in wechseln oder ihn von deinen eltern fernhalten. ggf. alibi-freund(in) zulegen, am besten typ streber/in/nerd (pullunder/bluse, turnschuhe, brille, zahnspange, gute noten in der schule).

- dein geld woanders klauen, geschickter klauen oder dir einen job besorgen (nicht beim eskortservice, wenn möglich, das fällt deiner mutter ebenfalls auf, wenn du mehrere hundert euro in deiner tasche hast, die NICHT aus ihrem portemonnaie stammen).

- ladendiebstahl möglichst unterlassen. taschengelderhöhung beantragen/job suchen.

handelt es sich hingegen um die reine neugier deiner mutter, treibe ihr ihr missverhalten aus wie folgt:

- lege einen zettel in deine tasche, auf dem steht: wenn du das liest, wirst du sterben.

- packe folgendes in deine tasche: ein kilo mehl in einer klarsichttüte, eine knarre sowie die buchungsbestätigung einer fluggesellschaft für die reise in ein arabisches land. dazu einen zettel: wenn du noch mal in meine tasche guckst, bin ich weg.

- schnüffle in ihrer tasche. lass dich dabei von deinem vater erwischen. druckse ein wenig herum und sage dann, dass es dir auffällt, dass die mutti desöfteren nach alkohol riecht, wenn du aus der schule nach hause kommst und dass du nur gucken wolltest, wo sie ihre flachmänner versteckt.

- alternativ kannst du deinem paps sagen, dass es dir auffällt, dass die mutti in letzter zeit öfter ohne zielangabe das haus verlässt und du in der stadt neulich eine schicke, äußerst wohlriechende frau getroffen hast, die aussah wie mutti und die arm in arm mit einem geilen typen unterwegs war. in der tasche hättest du eben nach hinweisen gesucht wie einer telefonnummer, blümchen, klunkern, kondomen, hotelrechnungen etc.

wenn du dazu keinen mumm hast, kannst du auch einfach versuchen, deine mom auf frischer tat zu ertappen und ihr mit deiner tasche eins in die fresse hauen (konditionierungseffekt nach pawlow: meiden der situation, in der man negative verstärkung erfahren hat).

ich wünsche dir viel glück. wenn das alles nicht fruchtet, musst du leider ausziehen.

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Donnerstag, 1. März 2012
legalität und legitimität
es ist legal, dass ein krimineller in zeiten, in denen anständige bürger ihr sauer erspartes in marode europa-ideen pumpen müssen, monatlich gelder aus staats- (=steuerzahler-) kassen bezieht, mit denen man sämtliche armutskinder aus berlin-hellerdorf ein jahr lang speisen könnte.

es ist legal.
aber es ist nicht legitim.

aber scham und anstand besitzt der herr wulff ja nicht.

dennoch, es gibt eine möglichkeit, den lebenslangen ehrensold noch zu begrenzen. nicht, indem man den ehrensold einschränkt. sondern das adjektiv davor.

das wäre illegal.
aber vielleicht legitim.

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