Montag, 28. Oktober 2013
der widerspenstigen zähmung
als ich meinem therapeuten heute die böse sms an das objekt vorlese, verrutscht ihm ein wenig der gesichtsausdruck. meine fäkalsprache ist wohl nicht für jedermann.
"und?" frage ich.
da fängt er sich wieder und beginnt, mir zu applaudieren.
"nicht zu heftig?" frage ich.
er seufzt und lächelt.
"kennen sie das mit der selektiven authentizität von ruth cohn?"
"nein, was ist das?"
"es gab mal eine zeit in der psychologie, in der für die totale offenheit plädiert wurde. irgendwann stellte man fest, dass das nicht funktioniert und dass es besser geht, wenn man nicht jedem alles um die ohren haut."
"ah. hätte ich selbst drauf kommen können."
"nunja, und selektive authentizität, das ist das, was sie gerade nicht können."
"irgendwie nicht, hm?"

ich schweige betreten. dann lese ich das objektive gegenfeuer vor. wieder schaut der therapeut ein wenig verstört, schmunzelt aber auch.
"nunja, was erwarten sie, sie waren ja auch nicht gerade sanft zu ihm."
"ich beschwere mich ja gar nicht! ich finde es sogar irgendwie ein wenig erleichternd, jetzt auch gehasst zu werden."
"die sms, die sie ihm da geschrieben haben, war längst überfällig", findet der therapeut.
"definitiv kein schritt in eine falsche richtung."

mich bewegt allerdings noch einiges anderes.
"diesen enormen hass, den ich empfinde, der macht mir ehrlich gesagt ein wenig angst. ich kann doch nicht überall verbal amok laufen, oder?"
"haben sie eine ahnung, warum sie das tun?"
ich denke nach.
"naja, ich denke mal, früher hab ich nie gesagt, was mir nicht passt. also nicht direkt. ich habe erwartet, dass andere das merken, und meist haben sie das nicht gemerkt. dann fühlte ich mich zwar schlecht behandelt, hab aber immer zurückgesteckt, versucht, verständnis aufzubringen und die sache für mich schönzureden."
"und jetzt?"
"kann ich das nicht mehr. meine wut überrennt mich, ich muss mich sehr zurückhalten, nicht auch noch handgreiflich zu werden."
der therapeut grinst.
"ich finde das nicht komisch", sage ich motzig und merke schon wieder leises donnergrollen im hintergrund heranrauschen.
"schauen sie mal zurück. in ihrer kindheit haben sie keine aufmerksamkeit bekommen oder nur für eine rolle, die sie spielten: die perfekte schülerin, die begabte kleine künstlerin, die angehende lehrerin, die sie nicht werden wollten. in ihren beziehungen scheint das ähnlich gewesen zu sein: mal waren sie krankenschwester, mal ersatzmutter, mal schmückendes anhängsel, oft auch nur eine aufs körperliche reduzierte geliebte. sie selbst kamen immer zu kurz. niemand hat sie richtig gesehen, niemand hat sie ernst genommen. alle haben sich immer nur über sie verwirklicht und sie dabei zurückgelassen. und dabei waren sie so bedürftig."
"hm."
jetzt ist es an mir, betroffen zu schauen.

"das, was sie jetzt an wut spüren, ist zum teil noch eine alte wut", fährt der therapeut fort. "sie tritt vor allem dann zutage, wenn sie sich vernachlässigt fühlen. das kind damals war nicht frei. es musste stillhalten, um den familienfrieden nicht zu gefährden. da war viel stress für sie und sie waren darin gefangen. heute treten sie für ihre bedürfnisse ein, und das ist eine sehr gute entwicklung."
"ich werde alle um mich herum verscheuchen, wenn ich so weitermache."
"das pendelt sich ein, vertrauen sie sich selbst. wenn sie ihren zorn verstehen, können sie ihn irgendwann auch besser bremsen und differenzieren."

am ende der sitzung bin ich nicht happy.
"was soll ich jetzt mit dem objekt machen? mich entschuldigen? oder diesen zusammenhang erklären?"
der therapeut denkt kurz nach und sagt dann:
"nehmen sie es als chance, von ihm wegzukommen.
klare worte.

als ich nach draußen gehe, weht mich eine orkanböhe fast um. dann ziehe ich die jacke fest um mich und stemme mich gegen den wind.

dagegenstemmen, das kann ich ja am besten, derzeit.