Dienstag, 16. Juni 2015
[an alle word-cracks]
ich weine gerade ein bisschen. word ist schuld. denn word macht das, was ich nicht will.

die problematik: ich habe dilettantisch selbstgebasteltes briefpapier mit fußzeile als grundlage für einen 14-seiter. das dokument soll seitenzahlen bekommen. allerdings solche, die erst auf seite 3 anfangen, denn seite 1 ist das deckblatt und seite 2 ist das inhaltsverzeichnis. das kann ich theoretisch mit abschnittsumbrüchen einrichten. es fängt dann brav auf seite 3 mit seite 1 an. so weit, so gut. allerdings ist dann jedes verfickte mal die fußzeile des hässlichen briefpapiers verschwunden.

wer kennt den trick? wie mache ich es richtig? hat das was mit der position des abschnittsumbruchs zu tun?

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Dienstag, 16. Juni 2015
der kopf ist ein brummkreisel
das objekt fährt mit dem rad auf der straße an mir vorbei.
ich rufe irriert: "hey!"
"ich muss weiter", sagt das objekt und lächelt warmherzig, "aber wir sind ja nachher zum essen verabredet, dann reden wir."

noch im erwachen durchströmt mich falsche seligkeit - der objektkonflikt ist gelöst! dann eiskaltes bewusstsein: ach nee, doch nicht. denn auch ein halbes jahr nach dem großen knall herrscht zwischen dem objekt und mir wortloser zwischenmenschlicher permafrost.

der kopf ist ein brummkreisel. ganz tief drin hat er jede menge objektgedanken auf lager, die er nachts, wenn ich denn irgendwann mal schlafen kann, alle an die oberfläche holt. sie gipfeln in träumen von atemberaubendem sex, der sich im traum genau so anfühlt, wie er es in der realität tat.

tagsüber bin ich verwirrt und kann mich schwer konzentrieren, obwohl ich gerade sehr viel arbeiten müsste. immer wieder frage ich mich, ob ich das objekt nicht doch um ein letztes gespräch bitten sollte. alles einmal ordnen, auf beiden seiten, und dann einen friedlichen abschluss finden. die angst hält mich ab. die angst vor einer abfuhr, die mich dann wieder monatelang wütend machen könnte. und die angst vor der objektiven freundlichkeit, die mich noch trauriger machen würde, weil ich diesen menschen verloren habe und ihn wiedergewinnen wollen könnte.

ich habe so viele fragen an das objekt. ich versuche mir vorzustellen, dass das objekt tot sei. dann könnte ich keine antworten mehr auf meine fragen verlangen. aber das objekt ist nicht tot. vielmehr muss ich ständig damit rechnen, ihm zu begegnen, obwohl ich es wie durch ein wunder kaum tue.

im alltag ist das objekt kaum mehr thema. ich habe das ganze drama mit hundert leuten hundertfach bekakelt und hundert ratschläge bekommen, die mich allesamt nicht weitergebracht haben. ich mag nicht mehr darüber sprechen, sondern klammere mich an meine stumme trauer wie an ein grab. die trauer ist alles, was mir aus viereinhalb jahren geblieben ist. möglicherweise muss ich akzeptieren, dass sie einfach noch eine weile da sein wird.

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Sonntag, 14. Juni 2015
graue nächte
die nacht so grau wie der tag. ohne unterschied streichen die stunden dahin. die gedanken ein testbild: sendepause.

unruhe. dem körper täte bewegung gut. doch die seele hängt schlaff in den seilen wie nasse wäsche, wie der himmel, aus dem es fortwährend nieselregnet.

der körper will sich in alkohol lösen. in der spelunke rechnet der kopf 20 euro in hochprozentiges um. der kopf schluckt und schluckt und sinkt dann auf den tresen, der besitzer schaut und lacht und tätschelt den arm. hinter den geschlossenen augen brennen unsichtbar tränen.

auf der heimfahrt klatscht der regen ins gesicht. die dünne fleece-jacke wird kalt und schwer. der körper will frieren, bis er die seele nicht mehr spürt.

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Sonntag, 7. Juni 2015
augen-weiden
nachdem ich die letzte zeit eher brav war, ist heute mal wieder clubbing angesagt, sprich spelunke. mein freund v. ist schon einige zeit da, und er schreibt mir zwischendurch, dass ich ruhig kommen solle, da kein objekt in sichtweite sei. das gibt mir den motivatorischen rest und lässt mich trotz müdigkeit und ordentlichem vorglühpegel den drahtesel besteigen.

in der spelunke ist es überraschend voll, es haben sich ein paar kiez-kids drin verirrt und eine glatze mit weißen baggypants und turnschuhen. der spelunkenbesitzer winkt mir vom tresen, und ich beuge mich über den schmalen tisch, um ihn zu umärmeln.
"was grinste denn so?" frage ich ihn.
"na zunächst mal, weil du da bist. und dann, weil da ein typ ist, dem hab ich vor ein paar jahren mal hausverbot erteilt."
ich denke kurz an das objekt und wie praktisch es wäre, wenn es hausverbot hätte, so für die nächsten 25 jahre. der besitzer zeigt jedoch in richtung baggypantglatze.
"jetzt haben wir uns aber unterhalten, und der ist echt in ordnung", fährt der besitzer fort. "eigentlich weiß ich gar nicht mehr, warum ich mich damals so über den aufgeregt habe."

ich begrüße v. und zwei weitere bekannte. wir leeren zwei, drei drinks, dann bin ich schwerst besoffen.
"ey, ich muss dringend was essen oder ich muss nachher hier auf der couch schlafen", sage ich zu v.
"du kannst auch bei mir schlafen", sagt v. "musst auch keine angst haben, ich kann mich zusammenreißen."
"was zu essen wär mir lieber, weil sonst steht das rad auf dem kiez rum, und hier wird doch alles geklaut."
"guck mal, da drüben haben sie gerade ein schälchen mit nüssen hingestellt", stupst mich einer meiner bekannten an und zeigt auf den tresen.
ich gucke. das schälchen nüsse ist eingemauert zwischen drei personen - ein hässlicher überschminkter metal-frak, eine dicke frau und ein weiterer typ - ein typ, der hochinteressant aussieht!

leider steht der interessante mann sehr nahe bei der dicken frau und schaut ihr beim unterhalten tief in die augen. doch mein jagdinstinkt ist geweckt: wollen wir doch mal sehen! also aufrichten, schultern zurück, kinn nach oben, nicht schwanken. dann gehe ich hinüber, quetsche mich hinter die dicke frau richtung tresen und angle nach den nüssen. als ich das schälchen zwischen die finger bekomme, sehe ich kurz auf. und erwische den interessanten mann, wie er mich über die schulter der frau hinweg anstarrt. ich sehe ihm direkt in die augen - er hält den blick! bingo. dann wende ich mich schnell ab und gehe mit meiner beute zu v.

ein wenig später löst sich der interessante mann aus dem gespräch und rückt näher an v. und mich heran. er unterhält sich zwar weiter mit einem anderen, aber seine aufmerksamkeit gehört mir. dann verschwindet er auf toilette. ich überlege kurz, ob ich hinterhergehen soll, aber das wäre zu viel offensive. lass ihn kommen, sage ich mir.

ich habe mich gerade wieder dem tresen, meinen lebensrettenden nüssen und einer cola zugewandt, als ich eine hand auf meinem arsch spüren kann. ganz kurz, ganz leicht. und da ist er wieder. er lächelt mich im vorbeigehen an und macht eine entschuldigende geste.
v., der neben mir steht, guckt irritiert: "wer ist das denn?"
"keine ahnung, wir flirten gerade so ein bisschen", sage ich.
"gut aussehen tut er ja", findet v. "du stehst auf lange haare, hm?"
"nicht zwangsweise. wenn sie sehr gepflegt sind, schon. son rattenschwänzchen finde ich abturnend."
"du suchst dir aber nicht son objekt-ersatz, oder?"
"was für ähnlichkeiten hat der denn bitte mit dem objekt?"
"die haare?"
"nicht mal die! oder sind die etwa rot?"
"na gut..."
v. ist friedfertig und leert seinen wodka.
"ich werd gleich los, ich bin tot. du gehst jetzt aber nicht gleich mit dem mit?"
"quatsch. nur weil wir ein bisschen flirten, heißt das doch nix. ich hab ein bisschen spaß und spiele ein spiel."
"du hast mir auch schon andere ganz geschichten erzählt."
"jaaa... aber ich versuche ja inzwischen, ein good girl zu sein."

v. lacht und umarmt mich herzlich, dann geht er zur tür. auf einmal sehe ich, dass auch der metal-freak, die dicke frau und mein flirt richtung garderobe drängen. schweinerei, die wollen schon gehen!

ich bleibe am tresen zurück und überlege, ob ich alleine noch bleiben will. doch da huscht der interessante mann, inzwischen mit jacke und rucksack bepackt, noch einmal hinein, geht direkt auf mich zu und strahlt mich an.
"tschüß", sagt er.
"ciao", sage ich.
es vergehen zwei, drei sehr lange sekunden, in denen wir uns einfach nur ansehen, bis auch die frau hereinkommt und den interessanten mann am ärmel zupft.
"kommst du? wir wollen los."
der mann lächelt mich noch einmal an, zuckt dann mit den schultern und lässt sich hinausziehen.

ich bleibe noch ein halbes stündchen, bis ich mich vollends nüchtern fühle, dann packe auch ich meine sieben sachen. und gehe mit dem schönen gefühl, einfach wunderbar geflirtet zu haben. vielleicht begegnet man sich wieder, vielleicht auch nicht. doch manchmal zählt nicht das ergebnis. es zählt der moment.

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Donnerstag, 4. Juni 2015
spritzen oder bohren oder beides
heute wieder zahndoc.

ich komme aus der arbeit gehetzt, gönne mir aber zehn minuten, um die frise zu bändigen, einen anderen / kürzeren rock anzuziehen und parfum aufzulegen. dann noch schnell die hackis schrubben und los.

ich muss keine 30 sekunden warten, dann werde ich schon ins behandlungszimmer gerufen.
"hi!" sagt mein zahndoc und strahlt mich an, als wäre ich eine millionenschwere privatpatientin.
"tag", sage ich und schüttle ihm schüchtern die hand.
wir grinsen uns an, dann setzt mein zahnarzt zu einer patienten-story an.
"ich sag ihnen, der kam frisch aus dem krankenhaus und dann zeigt er mir eine liste mit so ungelogen 80 medikamenten drauf und ich sag, zwei drittel davon könnense getrost in die tonne schmeißen... da hat nur einer was von, und das ist die pharmaindustrie...."
laberrhabarber.
entweder ist der zahndoc aufgeregt und quatscht deshalb so viel, oder er ist nutznieser der bekrittelten pharmaindustrie und auf amphetaminen, oder aber es ist einfach seine art. da ich ihn noch nicht lange genug kenne, verbiete ich mir voreilige rückschlüsse, sondern höre einfach zu, denn er kann witzig erzählen. anschließend gebe ich ein paar anekdötchen aus der pharma-pr zum besten, dann erst werden wir uns bewusst, dass die helferin ja auch noch im raum ist.

"ja, äh, dann nehmen sie doch platz", sagt der zahndoc ein bisschen verlegen.
die helferin grinst hinter ihrem mundschutz und holt den sauger raus.
"wir wollten ja heute eine füllung machen", setzt der zahndoc an, "weil sie da so ein bisschen oberflächlichen karies haben."
ich nicke mit dem sauger im mund, sieht sicherlich obersexy aus.
"wollen sie mit oder ohne betäubung?"
gute frage.
"wie tief wollen sie denn bohren", frage ich freudsch verblödet und will mir gleich darauf auf die zunge beißen, weil mir ein großes, unbändiges lachen in der kehle sitzt.
zum glück checkt der zahndoc das nicht oder er ist einfach diskret.
"nicht so tief", sagt er, "das müsste so an der grenze sein zwischen gut auszuhalten und nicht mehr so gut auszuhalten. kommt vermutlich auf ihre tagesform an."
"wir können es ja mal versuchen, und wenn ich die praxis zusammenschreie, kriege ich eine betäubung, okay", schlage ich vor.
"machen sie doch mal bitte die türen zu und verteilen sie oropax an die leute im wartezimmer", witzelt mein zahndoc zu der helferin gewandt.
die helferin und ich kichern.
die helferin hat glück. ich beneide sie. den ganzen tag lang um diesen zahndoc rumzuhüpfen muss echt anregend sein.

dann holt der zahndoc den bohrer raus.
"ich mach ganz vorsichtig, und wenn was ist, sagen sie bescheid", verspricht er.
dann geht es los. erst merke ich gar nichts, dann beginnt ein unangenehmes ziehen. die zähne zusammenbeißen kann ich ja nicht, wegen dem bohrer und dem sauger und dem spiegel, die gerade in meinem mund stecken, also kralle ich die finger ineinander und konzentriere mich auf das konzentrierte gesicht meines zahndocs.

gerade mal fünf minuten später ist es schon geschafft.
"es kommt nur noch die füllung, okay", sagt der zahndoc.
ich bin erstaunt, wie weh es doch tut, eine füllung ohne betäubung in den aufgebohrten zahn zu bekommen, aber ich habe keine lust auf eine spritze, also halte ich durch.
"gleich geschafft", sagt mein zahndoc mit blick auf mein angespanntes gesicht.

dann sind wir fertig. alles fühlt sich gut an und die kamera zeigt mir einen schönen weißen zahn mit glatt schimmernder oberfläche.
"herrlich", sage ich, "der sieht ja jetzt richtig gut aus.
"finde ich auch", sagt mein zahndoc und lächelt sein jungs-lächeln.
wie alt er wohl sein mag, frage ich mich, wenn ich pech habe, ist er jünger als ich.
"darf ich mal spülen", frage ich, denn meine zunge und meine lippen sind staubtrocken.
"klar. trinken und essen dürfen sie übrigens auch gleich, sie hatten ja keine betäubung."
"weiß ich doch."
"achja, sie sind ja auch profi, sozusagen."

"soll ich noch mal die anderen zähne nachgucken?" fragt mein zahndoc dann.
hat er doch schon letzte woche, denke ich mir, sage dann aber nichts, weil es bedeutet, dass ich noch ein bisschen sitzen bleiben darf.
der zahndoc geht alle meine zähne durch.
"alles wunderbar. sie haben eine tolle zahnsubstanz", sagt er zum abschluss.
dann gucken wir einander an.
"was ist mit den zahnschmerzen", fällt dem zahndoc dann noch ein.
"sind besser. waren wohl doch nur die überreizten nerven."
der zahndoc nickt.
"dann machen wir da erstmal nix."
"ich hab mir so eine sensitive-zahnpasta gekauft", sage ich.
"elmex?" will der zahndoc wissen.
"nee, so ne billomat-marke aus dem penny, hilft aber auch."
"klar hilft das auch, das ist im grunde wirklich egal, was sie da nehmen", sagt der zahndoc. "elmex und sensodyne waren halt die ersten mit sowas im programm."
"ja, ich erinnere mich, sensodyne hatte schon meine mutter, ich glaube, sie nimmt das zeug bis heute."
wir lachen und gucken uns wieder an.

da meldet sich plötzlich und unangenehm mein komplexbeladenes alter ego aus dem hintergrund: los, alte, schwing deinen arsch jetzt hier raus. erstens hat der bestimmt sowieso ne tusse, so wie der aussieht, und zweitens klaust du dem seine kostbare zeit, die er dringend für andere patienten braucht, die ihm wenigstens kohle bringen.
also erhebe ich mich aus dem stuhl. als ich stehe, zittern mir ein bisschen die beine. ich gucke meinen zahndoc schüchtern an. ultrapeinlich ist mir das auf einmal alles. der merkt doch, dass du ihn anhimmelst, sagt mein alter ego, und den himmeln bestimmt viele an.

mein zahndoc begleitet mich zur garderobe.
"wann sehen wir uns denn wieder?" sagt er und guckt in den kalender, als wolle er mich nächste woche gleich noch mal reinbestellen.
"nächstes jahr?" sage ich. "also ich komme halt immer einmal im jahr wegen zahnreinigung und so."
"kommen sie besser ende des jahres noch mal", schlägt der zahndoc vor, "dann schauen wir noch mal rein."
"das ist bei mir auch so ein bisschen eine finanzielle frage", sage ich. "aber ich weiß schon, besser vorbeugen als nachsorgen."
"ach, apropos vorbeugen... ich zeige ihnen mal was! vorher lass ich sie nicht gehen!"

was kommt jetzt, frage ich mich und folge dem zahndoc durch die räume bis ganz nach hinten. wilder sex im labor?
doch nein, wir entern das hinterste behandlungszimmer in dem langen flur und der zahndoc zieht eine elektrische zahnbürste aus einer schublade.
"fühlen sie mal", sagt er, schaltet die zahnbürste an und hält sie an meinen nackten unterarm.
"das kitzelt", kichere ich.
der zahndoc erklärt mir ein paar besonderheiten dieser zahnbürste und drückt mir einen prospekt in die hand.
"nur noch so... zum thema vorsorgen. falls sie mal geburtstag haben, das ding ist eine gute investition. hier, sehen sie, die simpelste variante reicht, das ganze teuere zeug da drüben ist alles schnickschnack. sieht schön aus, taugt aber nicht."
"ich überlegs mir", sage ich. mehr wohlwollen kann ich beim willen nicht aufbringen, denn jetzt werde ich traurig. das alter ego hat mich ganz aus der flirtlaune gebracht.

der zahndoc guckt mich lieb an und lässt noch mal die elektrische zahnbürste auf meinem arm kribbeln, bis ich schmunzeln muss.
dann geben wir uns die hand und schauen uns an. der zahndoc zögert.
"ich melde mich", sage ich artig, aber unverbindlich.
"ciao", sagt der zahndoc langsam und blinzelt, wie er es oft tut.
dann hüpfe ich betont lässig die treppe hinunter.

draußen auf der straße sonnenschein. aber in mir ist es ganz kalt. kalt und unsicher. bilde ich mir das ein oder ist da auch von seiner seite große sympathie?
und warum, verdammt, hab ich nicht einfach gefragt: hey, willst du nicht ein bier mit mir trinken gehen?

und überhaupt, was mach ich jetzt? ein halbes jahr warten? einen notfall simulieren? oder einfach die tage nach praxisschluss noch mal vorbeigehen und sagen, hey, wie wärs, haste zeit für ein getränk? mit dem risiko, dass ich mir danach einen neuen zahnarzt suchen muss?

mut haben bedeutet so viel kraft und angst und scham. aber mutig sein ist immer noch der einzige weg, die realität zu verändern.

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