Montag, 6. Juli 2015
ich bin griechenland
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Montag, 29. Juni 2015
kinder
ich sitze mit v. im außenbereich eines restaurants. wir haben getränke geordert und etwas zu essen. am nebentisch hocken drei ischen mit sechs kindern. zunächst ganz zivilisiert, denn alle mampfen. doch als die kinder fertig sind, beschließen sie, laut kreischend fangen um die tische herum zu spielen.

während v. das ganz gelassen nimmt, kocht in mir unbändige wut hoch. ich versuche, mich zusammenzureißen und v.s ausführungen über motorräder zu folgen. doch es fällt mir schwer, denn mein fokus hat sich vollkommen auf die störquelle ausgerichtet.

unser essen kommt. kaum steht der teller, donnert ein dickes kind gegen unseren tisch. die getränke schwappen über, die teller hüpfen. nun bekomme ich echte mordgelüste.
"was guckste denn so?" fragt v.
"ich HASSE kinder", sage ich ziemlich laut, und: "so ein scheißhässliches trampelbalg."
v. lacht: "ach komm. die spielen doch nur. das haste als kind doch auch gemacht. kinder können nicht die ganze zeit stillsitzen."
"ich hätte das nicht gedurft", erwidere ich, "und das finde ich auch vollkommen in ordnung. das stört nämlich. solche kinder lernen später auch keine rücksichtnahme."
v. guckt mich ganz entspannt und ein wenig belustigt an und meint dann: "vielleicht ist das ja das konzept. die rücksichtsvollen sind heutzutage wahrscheinlich eher im nachteil."
dazu fällt mir nichts mehr ein, denn wahrscheinlich hat v. recht.

nicht allzu viel später zahlen die drei ischen und nehmen ihre kinder mit.
"na, besser?" will v. wissen.
"ja", sage ich.
"witzig, man kann dir deine erleichterung geradezu ansehen!"
"ja, kann ich mir vorstellen."
"wie kommt das bei dir? du hast doch auch schon männer mit kindern gehabt?"
"weiß nicht. mit denen kam ich klar. die tochter meiner ersten großen liebe fiel in eine zeit, in der ich kinder noch sehr gut leiden konnte. und der objektsohnemann... der war für mich wie ein körperteil des objekts und alleine deswegen liebenswert."
"das heißt, du mochtest kinder mal... und dann nicht mehr?"
"ja. die aversion fing an, als ich von zuhause ausgezogen war. ich wohnte in einem haus mit vielen kindern und die waren immer laut, während ich lernen wollte. das hat sich dann so gesteigert bis zu dem punkt, an dem ich manchmal das bahnabteil gewechselt habe, wenn da irgendwo kinder rumspukten."

v. lacht.
"meinst du, das hat irgendwelche gründe?"
"vielleicht, weil ich so meine kindheit ein bisschen übersprungen habe."
"wie meinst du das?"
"ich war halt schon immer ziemlich weit. ich war als kind lieber mit erwachsenen zusammen. zum beispiel mit meinem cousin, der zehn jahre älter ist. und dann musste ich mich um meine mutter kümmern, deren launen und anwandlungen unser familienleben ziemlich bestimmt haben."
"das hattest du mal erzählt, ich erinnere mich."
"ich hatte auch nie das bedürfnis, mit kindern zu spielen. ich war lieber alleine und hab mir lesen und schreiben beigebracht. ich fand auch kindergarten beispielsweise scheiße. ich hab mich da nie wohl gefühlt und auch keine freunde gefunden."
"das klingt ein bisschen autistisch. hattest du nie so eine beste freundin, wie andere mädchen das haben?"
"doch. in der dritten klasse kam eine, die war mal sitzengeblieben und schon zwei jahre älter, mit der hab ich viel gemacht. und im sportverein war ein mädchen, das war sehr okay. aber deren mutter arbeitete in einer metzgerei, und ich konnte immer wurst an ihr riechen. deshalb mochte ich nie mit zu ihr spielen gehen."
"du warst also auch als kind schon sehr..."
"irre."
"sagen wir mal speziell."
"mag sein."

"aber freu dich doch, wenn andere kinder einfach glücklich sind!" findet v. "ich hatte auch keine schöne kindheit... ich musste meinem vater die ganze zeit auf dem bauernhof helfen und hatte immer schuldgefühle, wenn ich mal was mit freunden machte, vor allem, als mein vater dann krank wurde und starb. aber wenn kinder in meinem hof spielen, finde ich das total okay."
"weiß nicht... ich gönne denen das nicht, dass sie glücklich sind, glaube ich."
"neid?"
"sowas in der art wird es wohl sein."
"mensch, morphine. das ist doch eigentlich gar nicht deine kragenweite."
"ich weiß. aber es ist wirklich ein sehr, sehr starkes gefühl von hass und abneigung."

v. guckt noch immer ganz betroffen drein.
"deshalb willst du auch keine kinder, hm?"
"ich hätte immer angst, dass ich die nicht lieben könnte. auch wenn ich hin und wieder mal denke, es wäre schon toll, wenn mich später mal wer im altenheim besuchen kommen würde."
"vielleicht gibt sich das noch. die hormone..."
"hör auf. du klingst schon wie meine mutter."
"vielleicht solltest du mal tacheles mit deiner mutter reden. ihr sagen, wie scheiße sie war, als du klein warst."
"dafür ist es zu spät. und für ihre labilität kann meine mutter ja nichts. sie hätte nie kinder haben sollen, aber das löst das problem jetzt auch nicht mehr."

v. und ich zahlen, dann wandern wir durch den regen. wir schweigen, aber ich fühle wieder meine tiefe zuneigung für v., weil er so interessiert zuhören kann und mich zu reden bringt, über emotionen, für die ich mich eigentlich schäme. im grunde wäre v. der ideale partner für mich, wenn da nur ein fünkchen verliebtheit wäre. so ist er für mich wie ein bruder, ein unfreiwilliger soul mate. die kleinste selbsthilfegruppe der welt, nenne ich uns manchmal.

während ich weiter schweige, erzäht v. noch ein paar lustige anekdoten aus seiner kindheit, als er mal einen zugeflogenen wellensittich im hühnerstall fand oder welpen mit der flasche großzog. dann kommt meine bahn und wir nehmen uns in die arme.
"bitte keine kinder töten, falls da welche in deinem abteil sind", sagt v. zum abschied.
"keine sorge, ich hab jetzt ja schon gegessen", witzle ich.
"bis bald!"
"bis demnächst... an einem kinderfreien ort!"

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Dienstag, 23. Juni 2015
liebe arbeitgeber!
es ist ja gut und schön, dass qualifiziertes personal nichts kosten darf und kein privatleben haben sollte.

aber wenn ich wiederholt geld und zeit in dämliche blabla-gespräche und assessment-scheiße investiere, und ihr es nicht mal schafft, eine absage zu schicken, dann kann ich euch nicht garantieren, dass ich euch nicht irgendwann die pimmel abschneide. allen. ja, auch euch fotzen.

mit freundlichen grüßen

das arbeitsvieh

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Montag, 22. Juni 2015
psycho family
"ich war bei einem psychotherapeuten", berichtet mein vater am telefon, und ich falle fast rücklings vom stuhl.

die geschichte dazu ist allerdings undramatisch und schnell erzählt: mein vater ist seinem kardiologen so lange mit seiner op-panik auf die nerven gefallen, bis dieser ihn gewissermaßen an den kollegen weiterleitete. mein vater, privatversichert, hatte daraufhin eine woche später seinen ersten termin. jetzt kann er ein paar atemtechniken und ist mächtig stolz.

an dieser stelle werde ich furchtbar neidisch. suizidgefährdete warten drei monate, mein leicht neurotischer vater nur wenige tage. das ist die freie marktwirtschaft in der medizin, die unsere regierung für uns alle will. die guten ins töpfchen, und die schlechten sollen sich das kröpfchen durchschneiden.

als mein vater erzählt, merke ich, dass es ihn dennoch überwindung kostet. wird seine tochter wie so manches mal die verbalen krallen ausfahren und die aktion mit einer spitzen bemerkung kommentieren?
"ich finde das total gut", sage ich dann liebevoll. "ich halte sehr viel davon, dass du dich dazu entschlossen hast. weißt du, ein teil deiner angst stammt vielleicht auch aus deiner vergangenheit, und möglicherweise befördert dein therapeut da was zutage, und dann verstehst du dich besser."
"du kannst da ja auch mal hingehen!" findet mein vater.
oh ja. wenn du wüsstest.

ich beschließe, das gespräch vorerst zu beenden.
"viel glück für deine op morgen", sage ich. "und haltet mich bitte auf dem laufenden."
"du kannst doch auch anrufen", sagt mein vater. "ich hab ja das handy."
"das ist doch immer aus", sage ich.
"wenn es verboten ist", sagt mein vater. "in der notaufnahme beispielsweise darf man nicht telefonieren."
"ja, papa, weil da ALLE telefonieren würden, um onkel heinz und tante trude zu erzählen, dass sie einen herzinfarkt haben, obwohl ihnen nur ein furz quer liegt. aber du bist ja in einem zimmer und nicht in der notaufnahme!"
"in ordnung, ich mach das handy an."
"das sagst du immer, und dann ist es doch aus."
"ich mach es wirklich an."
"na gut."
"oder du rufst deine mutter an."
ich seufze.
"also machst du es doch nicht an."
"wenns aber doch verboten ist."
"sei doch mal subversiv", nörgle ich.
"WAS soll ich sein?"

an dieser stelle gebe auf, sage schnell tschüß und stelle mich dann ans fenster, eine rauchen. mein vater und psychotherapie, das muss ich jetzt erstmal verkraften.

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Sonntag, 21. Juni 2015
foggy thoughts
eigentlich arbeite ich gerne, doch aktuell ist das energielevel extrem niedrig. die nächste erkältung rollt an, passend zum wetter. hatte ich aber nicht anders erwartet. rotzbesoffen 40 minuten leicht bekleidet durch starkregen radeln fordert eben seinen tribut.

mal wieder gefickt. ein namenloser internet-schwanz. dafür aber recht intensiv. am ende war er deshalb ganz verblüfft. ich nicht minder: orgasmus trotz anspannung und stress, das passiert mir nicht so häufig, zumindest nicht bei wildfremden. der kommt wieder, das weiß ich, auch wenn er eine freundin hat.

ansonsten komme ich weder in sachen zahndoc noch in sachen abschluss mit dem objekt weiter. den zahndoc habe ich nicht gesehen, weil es dauernd geregnet hat und ich nicht im wetlook vor der praxis rumlungern und noch kränker werden wollte. in sachen objekt streiten sich meine diversen persönlichkeiten noch immer heftig. die vernunft alias angst hat nach wie vor die oberhand, was vielleicht ganz gut ist.

da ich gerade auch keine menschen um mich haben kann, habe ich alles abgesagt, was man so wochenends absagen kann. einem bekannten das von langer hand geplante kaffeetrinken, weil ich ahnte, dass er mir sowieso nur die ganze zeit erzählen würde, welch interessante gesprächspartnerin und welche tolle frau ich sei. schleimer kann ich nicht ab. auch eine einladung der lederjacke habe ich abgeschmettert. die schleimt zwar nicht, macht mich aber gerade wahnsinnig mit ihren 500 millionen fragen rund ums promovieren.

in meinem schlauen neuen buch steht, dass menschen mit persönlichkeitsstörungen einerseits besonders intensiven kontakt suchen, anderseits aber nicht fähig sind, sich überhaupt auf jemanden einzulassen. eiskalt erwischt, dachte ich mir. schuld daran sind laut buch übrigens frühkindliche prägungen, sprich mangelhafte responses durch die eltern. was ich mir bei meiner mutter lebhaft vorstellen kann, auch wenn ich mich an nichts erinnere.

noch ein weiteres interessantes kapital hat das buch, und zwar das über die kompensation des schwachen selbstwertgefühls durch karriere. sehr viele führungskräfte haben ein schwaches selbst, das sie durch macht/kontrolle über abhängige kompensieren. dieses verhalten erstreckt sich im job auf untergebene, im privatleben auf die familie, sofern der karriere-mensch die versorgerrolle spielt und neben emotionaler auch die wirtschaftliche kontrolle ausübt.
wahrscheinlich verliere ich deshalb mein herz an krankenpfleger und sozialpädagogen.

für alles haben wir also hübsche erklärungen. das buch unterscheidet sich allerdings in einem punkt von all meinen therapeuten und ärzten: es macht konkrete vorschläge, wie man sich zwar nicht heilen, aber dennoch stärken kann. damit hatte ich nicht gerechnet. als ich diese eigentlich ganz simplen, aber höchst vernünftigen und auch noch wissenschaftlich begründeten tipps las, musste ich ein wenig flennen. es gibt also doch wege, die weder lebenslange medikamenteneinnahme noch albernen scheiß wie quantenheilung bedeuten. einige der tipps erkannte ich wieder, es waren vorschläge, die mir das objekt hie und da in ähnlicher weise mal gemacht hatte. was meinen respekt vor dem objekt wieder ein wenig rehabilitierte.

anstatt mir in der spelunke einen anzusaufen, gehe ich nun ganz vernünftig schlafen. und bette das loch in meinem herzen auf eine kleine, duftigluftige traumwolke.
möge der morgige tag mir gnädig sein.

schlafen sie gut.

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