Sonntag, 22. März 2015
eat your heart out
gestern meldet sich mein freund v., der nach rasanten vier wochen aufgewärmter beziehung mit einem arschloch-weib - ich predigte und predigte, doch er wollte ja nicht hören - erwarteterweise wieder single ist. am telefon mime ich rücksichtsvollerweise die überraschte, ringe mir ein knappes "och, das ist ja schade" ab - man will den armen menschen schließlich nicht vollkommen demoralisieren.
"ich muss mein gehirn heute mit wodka spülen", sagt v. dann.
"guter plan. ich hänge auch schon den ganzen tag so durch."

dann wird es schwierig, denn v. zieht gerne früh los und lässt mir keine möglichkeit, vorzuschlafen. nach langem hin und her einigen wir uns auf 22 uhr. dafür darf ich die kneipe bestimmen. da ich lust auf gin tonic habe, schlage ich eine bar auf st. pauli vor, die die vermutlich weltgrößte gin-auswahl hat.
"das wird dann so ein elite-saufen, was", sagt v.
"du sollst dich ja nicht nur wegkippen, sondern auch genießen. wenn schon abstürzen, dann mit stil."
"du meinst, wir sind zu alt für flatrate-saufen?"
"genau."

als ich das haus verlasse und richtung kiez fahre, ist es saukalt und nieselfieselig, sodass ich das rad an der u-bahn abstelle und beschließe, den komfortableren weg zu wählen. in der bahn fällt mir auf, dass ich vergessen habe, eine fahrkarte zu lösen. promt stehen an der station st. pauli auch fünf kontrolettis. ich passe einen günstigen moment ab, flitze dann die hintere treppe hoch, verschwinde im gewühle des dom, drehe eine schleife und komme schließlich wieder richtung reeperbahn raus.

natürlich bin ich zu spät. als ich die bar betrete, ist v. schon da.
"sorry, fahrkartenkontrolle", schnaufe ich und umärmle v. "musste flüchten."
"bist du schon wieder abgebrannt", will v. schmunzeld wissen.
"nee, habs einfach vergessen, ein ticket zu lösen", sage ich.
"dann hast du aber glück gehabt. das sind inzwischen ja ganz scharfe hunde."
"warum ist das auch so kalt?! sonst wäre ich ja mit dem rad gekommen."

in der bar bekommen wir den letzten sitzplatz und die freundlichste bedienung.
"ist nett hier", findet v.
"ja, ne?"
mein gin tonic kommt.
"wasn das für ein tonic?"
"thomas henry."
"nie gehört"
"probier mal, ist viel besser als schweppes."
v. nippt und ist dann ganz angetan:
"nicht so... kratzig."
"jupp.
"ich glaub, ich nehm auch so einen."

dann muss v. erstmal die unglückliche lovestory loswerden.
"es ist ja eigentlich nichts passiert, wir haben uns nicht gestritten oder so... aber sie meldet sich einfach nicht mehr. genau wie beim letzten mal."
"und was machst du jetzt?"
"ich warte mal ab."
"nicht dein ernst, oder?! vergiss die alte!"
"aber sie hat ja nicht schluss gemacht."
"also mal ehrlich... ich bin ja auch ne frau... wenn ich eine lovestory am laufen hatte und dann den kontakt abbreche, heißt das normalerweise nicht, bitte warte auf mich. sondern eher bitte verpiss dich."
"du machst dann gar nicht richtig schluss?"
"also wenn da eh nur ein laues, tendenziell abebbendes lüftchen wehte und nicht der sturm der liebe, und wenn es noch gar keine richtige beziehung war, dann kann das durchaus vorkommen. vor allem, wenn ich sauer bin oder den eindruck habe, ich tue dem anderen damit nur einen gefallen."
"ihr frauen seid so seltsam."
"wir sparen nur energie für das nächste arschloch, auf das wir dann reinfallen. und dann sitzen wir hier wie du und heulen, weil das arschloch nicht anruft."
jetzt muss v. doch lachen.

"apropos arschloch, was macht eigentlich dein ex-lover?" will v. dann wissen.
"das objekt? keine ahnung. ich hab es seit monaten nicht gesehen. ich könnte dir nicht mal sagen, ob es überhaupt noch in dieser stadt wohnt."
"und wie gehts dir damit?"
"wechselhaft. der schlimmste hass hat sich jetzt gelegt. manchmal denk ich nicht mehr dran, manchmal hab ich wieder sehnsucht."
"das dauert noch."
"vermutlich."

nach zwei drinks fragt v.:
"sollen wir noch einen nehmen oder woanders hingehen?"
"wir könnten noch rüber in die große freiheit. ein bisschen tanzen. weil sonst schlaf ich glaub ich gleich ein."
"ich muss gestehen, ich merk den alkohol auch voll! die tun ganz schön viel gin in den tonic, kann das sein?"
"du wirst doch nicht schwächeln? seit wann reichen dir zwei drinks, um das gehirn durchzuspülen?"
"ich wundere mich auch, sonst kann ich eine halbe flasche wodka über den abend verteilt eigentlich gut ab..."
"dann komm. lass uns zahlen. 10 minuten spazierengehen wird uns gut tun."

gegen eins kommen wir in einem club an, wo eine 80er- und indieparty auf dem programm steht. schon an der tür treffen wir leute aus dem alten club.
"das sieht ja vielversprechend aus", findet v. "lass uns da mal rein."
drinnen stürmen wir sofort die tanzfläche, denn der dj spielt "she lost control" von joy division und dann noch ein paar klassiker. anne clark, interpol, the normal. ich tanze in mich gekehrt, linse nur ab und an mal zu v. rüber, der mir zulächelt und nickt: gute wahl.

als ich an der bar stehe um nachzutanken, spricht mich ein typ an. er ist einen halben kopf kleiner als ich und besteht darauf, mir einen drink auszugeben. da die getränke in dem laden übelst teuer sind, sage ich nicht nein, sondern mache gute miene zum bösen spiel und lasse mir eine weile ein ohr abkauen. der typ ist auch selbstständig, stellt sich raus. als er erfährt, dass ich marketing kann, will er dies und jenes wissen und kann sich eine zusammenarbeit vorstellen. ich bin misstrauisch, der typ lacht künstlich und für meinen geschmack zu viel, außerdem weiß ich inzwischen, was ich auf versprechungen von hamburgern zu geben habe, nämlich meist nichts. unverbindliches volk.

trotzdem bin ich gut drauf, fachsimpeln macht mir immer spaß. dann will er mit mir auf brüderschaft trinken. noch ein bier, na gut.
und plötzlich habe ich seine zunge in meinem mund. igitt. ich schubse ihn weg, verschwinde in der menge, renne fast v. über den haufen.
"na, du aufgescheuchtes huhn", lacht er.
"ich bin auf der flucht", sage ich mit schwerer zunge.
"schon wieder? sind hier auch fahrkartenkontrolleure?"
v. kann so witzig sein.
"nee, aber ein ekliger kleiner gnom, der versucht hat, mir seine zunge in den mund zu stecken."
"dann lass uns doch mal rausgehen, eine rauchen."

der club hat einen kleinen garten, in dem die raucher stehen.
"das ist ja voll schön hier", finde ich.
"und das beste ist: hier gibts keine wohnhäuser drum herum!" sagt v. "nicht wie im alten club, wo überall schilder waren, dass man leise sein muss wegen der anwohner."
"im sommer könnte man hier sitzen... vielleicht sogar grillen oder so. oder noch eine area aufmachen... mit ambient-mukke...", komme ich ins fantasieren. "weißte, so wie an deck von unserem schiff."
"nur ohne hafenblick", sagt v.
"ohne hafenblick... aber dafür haste nur ein paar minuten bis zum fischmarkt."
"kauf den laden doch", witzelt v.
"nee", sage ich. "ich glaube, sowas ist anstrengend. sowas würde ich machen, wenn ich sonst ausgesorgt hätte und nicht zum geldverdienen da drauf angewiesen wäre."

nach wenigen minuten schlottern wir in der kälte.
"heute nacht sollen es minus zwei grad werden", sagt v.
"hammwa glaube ich schon."
"wenigstens bin ich jetzt wieder wach."
"ich auch, aber ich bin auch ein bisschen besoffen. der typ wollte mich richtiggehend abfüllen, hab ich den eindruck."
"der war doch gar nicht deine liga."
"ich gebe ja die hoffnung nicht auf, dass man sich einfach auch mal freundlich mit leuten unterhalten kann, ohne dass sie einem gleich an die titten grabschen."
"hat er das gemacht?"
"nee. sonst hätte er jetzt keine schneidezähne mehr", kichere ich.

wir tanzen noch eine runde.
am rand der tanzfläche steht ein typ lässig gegen die wand gelehnt, der mir eigentlich gefällt. ein daddy-typ. allerdings ähnelt er ein wenig dem mann mit hund, und immer, wenn ich an diesen denke, habe ich wieder den gestank seiner versifften wohnung in der nase. daher beschließe ich, unauffällig zu bleiben, um eine weitere bekanntschaft mit einem potenziellen messi zu vermeiden.
doch wie so oft scheinen die männer meine gedanken lesen zu können. irgendwann löst sich der mann von der wand und beginnt, neben mir zu tanzen und mich anzustarren.
mir wird das zu viel. ich gehe zu v. und frage:
"wollen wir gehen?"
v. nickt:
"können wir machen, ich bin ziemlich müde."
"prima. dann hole ich meine jacke."

als ich an der garderobe anstehe, schleicht sich der mann von der wand an mich heran.
"hallo."
"hallo", sage ich abweisend.
"ich... ich wollte dir nur sagen..."
ich schaue erwartungsvoll.
"du bist... wie gemalt. wie die mona lisa."
"danke", sage ich knapp und kalt, während die panik meine kehle hochsteigt und sie langsam abschnürt. dann kommt gottseidank v. und nimmt mir seine jacke aus der hand. der mann guckt verdutzt und verkrümelt sich.

"wer war das denn?"
"irgendn typ. hat mich total an den mann mit hund erinnert."
"hat er dich doof angemacht?"
"nein, gar nicht. ich hatte nur gerade voll das gestanks-flashback. hat sich ein bisschen angefühlt wie eine panikattacke."
v. lacht.
"das ist ja ein echtes trauma!"
"scheint mich jedenfalls nachträglich mitgenommen zu haben. aber es war auch echt richtig richtig eklig in dieser wohnung..."
v. lacht immer noch.
"komm. bus oder bahn?"
"bus", beschließe ich.

v. bringt mich noch zur haltestelle und verabschiedet mich. dann tuckere ich durch die nacht, auf einer sehr bekannten strecke, denn an einer bestimmten kreuzung wohnt das objekt. als der bus dort hält, bin ich vollkommen geflasht und habe das spontane bedürfnis, auszusteigen und zu klingeln oder, falls das objekt nicht öffnet, vor seiner wohnung zu kampieren, aller gespielinnen und potenziellen neuen loverinnen zum trotz.

'das ist nur, weil du was getrunken hast', flüstert mir dann mein altkluges alter ego, das in einigen wenigen momenten sehr in ordnung ist. 'mach dich jetzt bloß nicht vollkommen lächerlich.' also bleibe ich ruhig sitzen, während mein herz zu implodieren scheint und mir sehr schwindelig wird. ich atme und atme und irgendwann lässt die furchtbare sehnsucht ein wenig nach. dann bin ich zuhause und das alter ego befehligt mich subito ins bett, bevor ich noch auf blöde gedanken komme und dem objekt eine sms schreibe.

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Freitag, 20. März 2015
kater, diverse
muskelkater, von der fiesesten sorte, zwischen den schulterblättern. ich vermute, von der krassen neuen rückenübung, die ich ohne spiegel wahrscheinlich falsch gemacht habe. beim einatmen zieht es jetzt, beim ausatmen sticht es. juhu.

ein wenig muskelkater auch in po und beinen. vom ficken, weil mein bett so schmal ist und man beim reiten immer mit einem knie von der matratze rutscht. heißt, man muss die schenkel permanent zusammenkneifen. wenn man das so 20 minuten lang macht, einen typen unter sich, der immerfort stöhnt: "langsam, mach langsamer, oooooahhhhh, du bist so eng, ich komm gleich!", dann endet das in latenter überlastung. aber nicht so schlimm wie die schulterschmerzen. da sieht man gleich, was besser trainiert ist.

kopfkater von einer schlaflosen nacht. emotional schlage ich mich wacker, ungeachtet der neuesten niederschmetternden ereignisse. die ssri sind definitiv ihr geld wert, aber mein biorhythmus spielt verrückt. ich behaupte, die letzte nacht null minuten schlaf gehabt zu haben, trotz einer doppelten dosis benzos. da ich derzeit keinen alkohol trinke, haben die benzos hochsaison, heißt, vermutlich hat sich der körper einfach dran gewöhnt. fucking hell.

und zu guter letzt noch ein echter kater. aus fleisch und blut und fell. ab kommender woche donnerstag für zwei wochen mein gast. süße sechs monate, forsch, verschmust und ungeheuer clever. ein wesen, an das ich bedenkenlos all meine liebe verschleudern kann. ich freue mich sehr. sehr. sehr.

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Donnerstag, 19. März 2015
frühlingsgeil
die vögel pfeifen es dir von den dächern, während sich alles grün langsam aufrichtet und pralle knospen bildet.

der unterleib übernimmt das kommando und quetscht dir ein lächeln auf die lippen, auf alle: sei fruchtbar und mehre dich. die pheromone flüstern und raunen, sie tanzen, und keiner weiß mehr, woher oder wohin.

ein paar quadratzentimeter nacktheit. eine einladung im blick. eine geste, unsichtbar und lautlos, doch überdeutlich:

komm mit mir.

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Sonntag, 15. März 2015
windmühlen
du hast keine ahnung, wofür mein herz schlägt.
du hast keine ahnung, wer ich bin!




am 3.4. live im molotow.

any volunteers?

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Freitag, 13. März 2015
vertrauen
dass ich immer noch menschen vertraue, lässt sich eigentlich nicht erklären.

vermutlich sind es die wenigen, sehr wenigen beständigen exemplare, die aus irgendwelchen gründen an meiner seite bleiben. die es schaffen, dass ich am leben bleibe.

gib mir gründe, welt. ich will mehr davon.

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wir sind immer noch optimisten
mein kumpel beginnt seien dritten job neben dem job.
"was kompensierste eigentlich damit?" will ich wissen.
"das sagt die richtige!"
"bei mir ist das notwendig! du gibst ja nicht mal die kohle aus, die du verdienst."
der kumpel schaut in sein glas, in dem mal gin tonic war und jetzt nur noch eis, das langsam schmilzt, und sagt erstmal nix.
"hand aufs herz, wann hattest du das letzte mal sex?" frage ich frech.
"ich will doch nicht einfach nur sex!"
"das wollen wir doch alle. aber sex ist das verkaufsargument."
"vielleicht bei euch frauen. oder bei dir."
"nö. ich kenn durchaus auch männer, die mir, bevor sie ein wort über ihr alter oder ihre schulbildung verlieren, die maße ihres penis schicken."
"gott!"
"der hat damit glaub ich weniger was zu tun."

zwei drinks später hat sich die atmosphäre reichlich gelockert.
"wie würdessssn du auf spontane gessichts...besamung reagiern?"
ich kichere gläsern:
"dafüa müssdnwa abba aufs klo gehn!"
"naaaaaaiiiiin... abban freun von mia hat das neulich ma gemach. mitne frau, die er erssss grad kenn...gelern hat."
"unn? wassatse gesach?"
"nix. nua... ersch... erschroggn geguggt."
ich kann mich vor lachen kaum halten.
"unn... dein freun? hatta wenichsstens n hanntuch gehol?"
"weißichdochnich!"
"ich denk, du waaaas... dabei?"
"ne! ich vögel doch nich mit meim freun!"
"abba der scheinjan paa... connections mehr su habn alssss du!" kichere ich.
der kumpel schaut mich ernst an:
"warummm rennwia einglich imma üba sex?"
"manni... manifffessstiates wunsch... denkn."
"jezz tu ma nichso....aufffgeklärt!"
"ab!"
"hä?"
"ab... geklärt, meinsu."

der kellner, der offenbar angst hat, dass sich unser manifestiertes wunschdenken gleich ganz abgeklärt am tresen realisiert, schiebt uns ein wasser rüber.
"machsuuu... mir ma nochn büschen musik, du?" frage ich ihn.
macht er. ein hübsches liebeslied auf zarten elektronischen beats.
mein kumpel guckt horny.
"du guggs hoooorny!" sage ich.
mein kumpel guckt immer noch so.
"nä!" sage ich. "ich musss jezzz.. nachhause."
"du kanns doch.... nimma raadfahn."
"kannich... wohl!"
"kannsu nich!"
"wohl!"
"nich!"

ich stehe auf. wackelig. der raum dreht sich, und ich hoffe, dass ich die toilettentür noch treffe. als ich vom pinkeln wiederkomme, stelle ich fest, dass ich meine handschuhe verloren habe.
"facking bull.... schitt!"
"du kannsau bei mia auffer... couch penn!"
"nääää... ers... wenndu wieda nüchtan biss!"

dann stehen wir draußen auf der straße. die kalte nachtluft trifft mich wie ein schwere wand und ich brauche mehrere minuten, bis ich mich erinnern kann, wie mein fahrradschloss funkioniert.
"erfriermirmanich", sag mein kumpel zum abschied.
"imma... opimisstisch bleim!" sage ich mehr zu mir als zu ihm.
"sinnwa doch."
"nadenn."

ich brauche fast eine stunde nachhause. als ich endlich im bett liege, überlege ich, ob mein kumpel ernsthaftes interesse hat oder ob er einfach nur ein bisschen ausgehungert ist. und unter welcher voraussetzung ich wie reagieren würde. von bukkake und so mal ganz abgesehen. doch bevor der weisheit letzter schluss mich ereilt, fallen mir die augen zu.

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