Sonntag, 1. Februar 2015
this was the end
als ich im club ankomme, ist es gerade mal zehn, doch die menschenschlange vor dem eingang ist bereits beträchlich. aber ich bin ja v.i.p., kann an allen vorbei und rein. drinnen ist es noch angenehm leer. meine neue barkeeper-freundin drückt mir gleich einen sekt in die hand. es gibt außerdem kuchen und knabbereien. eingedenk der schlange vor der tür halten wir uns ran.
"sag mal", frage ich den lieblingsbarkeeper, "was macht ihr denn, wenn es zu voll wird?"
"wer heute rein will, ist auf eigene gefahr unterwegs", lacht er.

gegen halb zwölf wird es ungemütlich. man muss schon die luft anhalten, um sich noch durch die menschenmassen quetschen zu können. ich gehe mal raus zu den securities, bisschen frische luft schnappen, aber die securities haben keine zeit für ein pläuschchen, sondern alle hände voll zu tun. maximal vier leute dürfen gleichzeitig passieren, trotzdem drängeln immer wieder welche und behaupten, auf der gästeliste zu stehen. die gästelisten sind vier seiten lang, jedesmal geht der große security-mann alle seiten durch, um dann in den meisten fällen geduldig zu sagen, dass er den namen nicht finden könne.
der zweite security-mann stupst mich an:
"sei mal froh, dass du drinnen bist, die stehen inzwischen bis auf die straße um die ecke."

ich bin nicht froh. vielmehr überfordert mich der abend schon wieder und die fragile laune schwankt. kurz nach mitternacht fasse ich den entschluss, auf die gegen-party am anderen ende der stadt auszuweichen. das bedeutet zwar eine dreiviertelstunde u- und s-bahnfahren mit besoffenen assis, aber wer feiern will, darf nunmal nicht jammern.

der wechsel auf die gegen-party erweist sich als goldrichtige entscheidung. es ist nicht ganz so voll, denn es gibt drei areas, über die sich die menschen gut verteilen, und mr. shyguy mit anhang ist auch da. wir tanzen eine weile, bis ich dann durst bekomme und mir an der bar eine cola holen will. als ich mich über den tresen beuge, um besser gegen den bass anzubrüllen zu können, küsst jemand meine rechte schulter.

ich wirble herum. da steht ein mann, der mir irgendwie bekannt vorkommt.
"hey, sag mal, du bist doch die freundin von der k.-ex?" sagt der mann zu mir.
da fällt der großen:
"ja... und du bist der k.-ex-ex!"
wir erinnern uns an silvester 2011, als wir mit unserer damaligen clique auf einer wohnungsparty waren.
"und du arbeitest bei der fernseh-stasi", fällt mir wieder ein, "du wolltest mich schwarzguckerin damals verpfeifen!"
"maaaaann... ich zahl den kack doch auch", seufzt der k.-ex-ex. "machst du denn was sinnvolleres?"
"bildungsmarketing", sage ich.
der k.-ex-ex hält kurz inne.
"okay, das klingt spannend."
"ist es auch. nur mies bezahlt."

ich merke, wie mich der k-ex-ex mit gestiegenem interesse mustert und dass sein blick immer wieder richtung dekolleté wandert. und eigentlich, denke ich bei mir, ist der k.-ex-ex ja echt nicht hässlich. also höre ich auf zu reden und beginne zu lächeln. der k.-ex-ex lächelt mit und wird dann etwas verlegen.
"ich komme mir gerade ganz komisch vor... also zum einen biste ja gewissermaßen eine alte bekannte... und das aus einem hintergrund, an den ich nicht mehr gerne denke..."
"ich habe mit der k.-ex nichts mehr zu tun", sage ich. "diese person ist für mich gestorben."
"okay, das macht es etwas leichter... denn eigentlich bist du so eine frau... die genau mein typ ist... dunkle haare, gute figur..."
"danke", sage ich einfach und lächle weiter. dann zähle ich den countdown bis zum ersten kuss.

als wir wieder sprechen können, sagt der k.-ex-ex:
"wahnsinn... dass wir uns hier jetzt begegnen..."
"ein netter zufall", erwidere ich.
"ein netter zufall", schnaubt der k.-ex-ex, "das klingt, als hättest du 50 cent auf der straße gefunden."
"nein. du bist mindestens ein ein-euro-mann."
jetzt muss der k.-ex-ex doch wieder lachen.

es geht auf halb vier zu. meine füße tun weh, mein make-up ist vom knutschen verwischt und theoretisch würde ich nach hause wollen. praktisch aber zieht es mich in den club zurück.
"duhu... hättest du nicht lust, noch mit rüber nach altona in den club zu fahren?"
"das ist doch am arsch der heide von hier."
"nee, das geht mit der s-bahn ganz fix", schwindle ich. "ab jungfernstieg nur zehn minuten oder so."
"das oder so ist wahrscheinlich noch mal ne halbe stunde, hm?"
gut geschätzt. er durchschaut meine kleinen tricks, das mag ich, stelle ich fest.
"okay, ich komme mit, aber nur wegen dir!"

die fahrt geht dank guter verbindungen ganz schnell und kurz nach vier sind wir bereits in altona.
"boah, eigentlich müsste ich mich ja jetzt mal langmachen", stöhnt der k.-ex-ex, "ich bin seit heute morgen um halb sieben auf den beinen."
"was machste denn samstags um halb sieben? arme rentner aus dem schlaf klingeln und sie wegen nicht bezahlter fernseh-stasi-gebühren bedrohen?"
"nein, ich habe meinem ms-kranken freund beim umzug geholfen."
wieder ein pluspunkt: loyalität.
"finde ich gut", sage ich diesmal.

im club ist es nach wie vor sehr voll, aber es steht keine schlange mehr an der tür und die gäste gehen nach und nach. ich darf den k.-ex-ex kostenlos mit reinnehmen.
"du hast hier schon promi-bonus, hm", sagt der k.-ex-ex, als wir an der bar stehen und auf unsere getränke warten.
"sozusagen", grinse ich, und der k.-ex-ex küsst mich wieder.

und als ich über meine schulter linse, steht da das objekt. das den k.-ex-ex und mich not very amused anstarrt. okay, die geschichte mit dem k.-ex-ex scheint doch mehr als ein netter zufall! jedenfalls kann ich nun so ganz nebenbei auf sehr angenehme weise dem objekt den letzten club-abend versauern.

das projekt offensivknutschen startet. anfangs tut das objekt noch sehr lässig, im laufe der nächsten stunden allerdings steht es zunehmend alleine in einer ecke und guckt, als würde es den k.-ex-ex und mich gerne ermorden. da siehe du nur zu, denke ich mir, das ist die retour-kutsche für den gespielinnen-auftritt von letzter woche, und im gegensatz zu der trampeligen kuh verbinde ich leidenschaft mit einer gewissen anmut. darüber hinaus ist der k.-ex-ex auch jemand, mit dem man durchaus angeben kann.

meine freundin b. ist auch da. ich stelle ihr den k.-ex-ex vor, weil der k.-ex-ex auch so ein geselliger mensch ist, den man guten gewissens auf jeden loslassen kann. tatsächlich scherzen und schäkern die beiden nach kurzer zeit fröhlich miteinander, und ich fühle mich sehr wohl und glücklich.

gegen sieben drängelt der k.-ex-ex zum aufbruch.
"wollen wir nicht nach hause gehen? ich bin todmüde."
ich bekomme auf einmal kalte füße.
"weißte... ich bin nicht so die frau für die erste nacht... ich will nicht schon wieder so einen dämlichen one-night-stand."
der k.-ex-ex schaut betroffen:
"wie kommst du denn auf die idee, dass ich das sage, weil ich rumficken will? ich meinte einfach nur schlafen. und das gerne zusammen."
einfach nur schlafen klingt theoretisch herrlich, und an jedem anderen abend hätte ich sofort ja gesagt. aber das ist der letzte clubabend, meine freunde sind da, ich muss noch mal mit dem lieblingsbarkeeper sprechen, und überhaupt, schlafen will ich, wenn ich tot bin.
ich versuche, das dem k.-ex-ex zu verklickern, und oh wunder, er ist nicht eingeschnappt. ich merke, wie der k.-ex-ex in meiner achtung immer mehr steigt.
"ich würde dich gerne wiedersehen", sage ich.
"unbedingt", erwidert der k.-ex-ex.
wir tauschen nummern, dann bringe ich den k.-ex-ex zu seinem taxi.

wieder drinnen suche ich meine freundin b. und finde sie im nebenraum auf dem sofa. vor ihr steht zu meiner überraschung das objekt und labert auf sie ein. b., schon mehr als betrunken, hat die augen geschlossen und winkt apathisch ab. als ich mich den beiden nähere, flüchtet das objekt.
"was wollte der denn von dir?" frage ich b.
"dieser arsch hat mich schon wieder fertiggemacht... hat mich vollgelabert, vonwegen ich mit meiner tollen moral und ehrlichkeit, und dass ich doch total abgewrackt sei... und dass ich das nur mache, weil ich mein liebesleben nicht auf die reihe kriege... und noch viel mehr."
"der spinnt wohl", sage ich wütend.
"ich weiß echt nicht, was das soll, ich meine, er hat doch seine freundin beschissen und nicht ich... und er muss doch damit rechnen, dass sowas irgendwann man rauskommt!"
"ich muss mir den mal vorknöpfen! am besten, ich hau ihm eine rein!"
"nicht, bloß nicht, der ist total aggressiv!"
das kann ich mir lebhaft vorstellen, nachdem es den k.-ex-ex und mich stundenlang beim knutschen beobachten musste.

zum glück verschwindet das objekt bald. ich sehe, wie es sich noch von zwei weibern verabschiedet, dann nimmt es seine jacke und geht auf den ausgang zu. wir stehen uns in diesem augenblick direkt gegebenüber, und ich bekomme ein ganz komisches gefühl. das objekt kommt auf mich zu, sein gesichtsausdruck ist bewegt, ich spüre, dass eine annäherung jetzt passieren könnte, wenn ich ein entsprechendes signal sende. ich lasse das objekt noch zwei schritte auf mich zukommen, dann sehe ich zur seite und gehe schnell in den nebenraum. das objekt bleibt stehen und sieht mir hinterher. geh nach hause und heule, denke ich mit genugtuung.

der rest des abends oder vielmehr: des morgens - wird noch sehr schön. obwohl ich nicht mehr nachgelegt habe, bin ich noch bis etwa acht uhr wunderbar wach. dann langsam kommt der tote punkt, den ich schon mehrfach ignoriert habe, und ich nehme abschied. mache noch ein paar bilder von der crew und den räumlichkeiten, von der tanzfläche, die immer noch halb voll ist, von der bar und meinen freunden.

zuletzt nehme ich den lieblingsbarkeeper in die arme.
"ach, ist das traurig", sagt er und hat tatsächlich tränchen in den augen."
"ich bin auch ganz melancholisch jetzt" sage ich.
"lass dich drücken", sagt der lieblingsbarkeeper und lässt mich hinter den tresen rutschen.
"weißt du, was ich dir schon immer mal sagen wollte", sagt er.
"was denn?"
"ich bewundere dich."
"wieso das denn? weil ich meist so heroisch alleine rumstehe und irgendwann besoffen nach hause schwanke?" lache ich.
"nein", sagt der barkeeper ganz ernst und nimmt dann meine hände:
"du weißt, dass ich schwul bin, und dass das jetzt deswegen keine anmache oder so ist. aber du bist die tollste frau, die ich in den jahren hier kennengelernt habe. deine eleganz, deine bescheidenheit... dass du auch zu den größten vollidioten immer freundlich bist... und deine großzügigkeit, die sich immer wieder in so kleinen gesten ausdrückt... zum beispiel, dass du immer trinkgeld gibst, egal wie abgebrannt du bist... das ist so klasse. bewahre dir das."
ich bekomme noch mal eine umarmung und einen kuss, dann merke ich, wie in mir die tränen aufsteigen.
"jetzt muss ich doch heulen", stammle ich, "danke für deine worte, das macht mich gerade sehr glücklich."
"das musste ich jetzt einfach mal sagen."
"danke. dankedankedanke. für alles. und für die schöne zeit hier."

ich wanke ein letztes mal mit b. auf die tanzfläche, wir tanzen zu charlotte sometimes von the cure. und ich weiß, diesen letzten song werde ich im herzen mitnehmen und mich noch sehr lange daran erinnern.

dann gehen wir zum letzten mal an einem sonntagmorgen gemeinsam zur bahn.

and this was the end.

und vielleicht ein neuer anfang - auf irgendeine traurige und zugleich zauberhafte weise.


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Samstag, 31. Januar 2015
tonight, tonight
wenn etwas zu ende geht, muss man es feiern. war schon immer mein motto.

hoffentlich geht das objekt heute auf die party am anderen ende der stadt. das wurde diesen abend vollkommen machen.

drei wodka energy und eine line bis dato. ich fühle mich ein klitzeklein wenig aufgeregt.

ich bin bereit. mich von menschenmassen zerquetschen zu lassen. den chemisch angereichten schweiß zu inhalieren. mich von rhythmus treiben zu lassen. zu tanzen, als gäbe es kein morgen.

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Freitag, 30. Januar 2015
pipapo
männer, die mir die zunge erst in den po und dann in den mund stecken wollen. gehen so GAR NICHT.

vor allem, wenn sie mich beim abhauen fragen, ob ich nicht mal für sie pullern will. also nicht ins klo.

bin ich jetzt verklemmt? however, i don´t give a fuck. ganz wörtlich genommen.

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Dienstag, 27. Januar 2015
die dämliche frage: warum?
(lesehinweis: etwas peinliche selbstanalyse, küchenpsychologisch unterfüttert, emotional aufgeladen. musste nur mal raus.)

als ich am samstag dem objekt begegnete, blieb ich nicht kalt. war ja klar. später im bett versuchte ich zu analysieren, welche art von gefühlen mich quälten.

in erster linie war es abscheu. in einem raum mit dem objekt bekam ich immer noch physischen brechreiz.
dann waren da wut und hass. ich fühlte mich nach wie vor seelisch misshandelt, obwohl ich dem objekt so lange freiwillig die volle angriffsfläche geboten hatte. ich wollte rache, egal wie, hauptsache hart und tief treffen. nunja.
und gleich darauf folgten scham und wut auf mich selbst. wie konnte ich nur? wie wenig selbstwertgefühl musste ich haben, dass ich so würdelos nach liebe gelechzt hatte?

wie hatte es dieser mann wie kein anderer je zuvor geschafft, meine fassade mit all ihren komplexen verschachtelungen und hintertürchen zu knacken und in mein tiefstes inneres vorzudringen, obwohl er sich zeitweise grausam verhielt?

da waren zunächst seine freundlichkeit und seine fähigkeit, zuzuhören. damit hatte er mich in unserer konstellation immer wieder in den mittelpunkt gestellt. mich ernst genommen. anders als meine eltern. anders als die meisten meiner früheren beziehungen. er war der meister der bären-umarmungen und kleinen berührungen, die allesamt ausdrückten: ich mag dich. er strickte auf diese weise einen zauber um mich herum, der dazu führte, dass ich mich angenommen und geliebt fühlte. ohne zweifel, zum ersten mal in meinem leben. selbst als er mir sagte, dass er keine feste beziehung mit mir wolle, konnte ich diese liebe fühlen. selbstbetrug? sinnestäuschung? ich weiß es nicht.

dann war er ein mann, der nicht wollte, dass ich bei ihm bleibe. was gibt es für ein extrem freiheitsliebendes wesen wie mich besseres? nach einer heißen nacht aufzustehen und nach hause zu fahren war mir immer angenehm. obwohl ich das bedürfnis hatte, mehr zeit mit ihm zu verbringen, war ich nie traurig, wenn ich ging oder er. ich war satt und glücklich, randvoll mit einem kleinen vorrat energie für die nächsten tage. mit stoff zum träumen. mit stoff für unhaltbare illusionen.

und nicht zuletzt war da seine intuition. er wusste mehr von mir als ich jemals absichtlich preisgegeben hatte. und er ging - zumindest in den guten zeiten - ungeheuer respektvoll mit seinem wissen um mich um. dadurch war ich bei ihm frei von angst und scham. das hatte auch unserer sexualität dimensionen eröffnet, von denen ich nie zu träumen gewagt hätte, obwohl ich von jeher kein verklemmter mensch gewesen war.

die kehrseite der medaille waren seine unstetigkeit und seine unehrlichkeit. da ich unehrlichkeit und insbesondere schlechte lügen für respektlos halte, muss ich auch respektlosigkeit anführen. bei einigen menschen mag ein solches verhalten dazu führen, dass sie dem anderen den vogel zeigen und sich dann abwenden. wenn sie gut sind, für immer.
bei mir löste es das gegenteil ist. sein schwimmen in dieser zwielichtigkeit erkannte ich rasch und richtig als angst. angst vor sich selbst und den eigenen gefühlen. problematik analysiert, herausforderung angenommen! bestärkt durch kleine teilsiege - wie seine schauerliche kindheits- und jugendbeichte oder das zugeständnis, dass er sich mit mir ein leben vorstellen könnte - machte ich hübsch weiter. spannend war es, aufregend zeitweise und garantiert nicht langweilig.

nun passierte mit einiger zuverlässigkeit ab einem gewissen punkt immer dasselbe: der vollkommene rückzug seinerseits. das objekt verschwand in seiner welt, emotional, geistig und physisch. oft wochenlang.

ich wollte dann immer wissen, was sache war. erst freundlich, dann anklagend. irgendwann meist stinksauer. nach ein paar wochen wieder freundlicher, weil dann die sehnsucht die wut überlagerte. und sobald dem objekt dann langweilig war, kam es zurück und nahm seine rolle als lover und freund wieder ein.

er hatte sicherlich irgendwann - wahrscheinlich schon nach dem ersten mal, er ist ja leider nicht doof - kapiert, dass das spiel mit mir auf diese weise gut funktioniert. weil ich jemand bin, der auf andere zugeht. weil ich verzeihen kann, insbesondere wenn ich rationale gründe erkenne. weil ich unsicher bin, mein eigenes verhalten kritisch reflektiere und gerne mal an mir zweifle.

doch warum hält man das jahrelang durch? warum wird man so süchtig nach so einem menschen? ich habe heute von einer frau gelesen, die sich jahrelang von ihrem mann verprügeln ließ. sowohl sie als auch ihr typ waren in ihrer kindheit von den eltern geschlagen worden. beide lebten also, was sie gelernt hatten.

ich habe von meiner mutter gelernt, dass "fehlverhalten" - in welcher weise auch immer und für mich als kind meist nicht nachvollziehbar - mit liebesentzug geahndet werden kann. meine mutter konnte mich super drei tage lang komplett ignorieren. was habe ich mir den arsch aufgerissen, um sie wieder gnädig zu stimmen. mein vater stand stets hinter meiner mutter, damit musste ich auch ihm beweisen, dass ich seiner liebe würdig war.

ich sehne mich nach liebe, nach bedingungsloser liebe, so lange ich denken kann. aber ich habe sie nie gelernt. ich kenne nur die fordernde liebe. das objekt hat durch sein verhalten beides auf für mich fatale weise verbunden: es hat mich mit bedingungsloser liebe angefüttert und mich dann wieder an den rand des emotionalen verhungerns gebracht. ganz bewusst, weil es so die größte hingabe und den größten sexuellen output erzielte? oder unbewusst, weil es selbst keine bedingungslose liebe kannte? ich weiß es nicht. ich weiß nur: ich habe mir das objekt oft eher als vater gewünscht denn als freund.

ich werde wohl noch zeit brauchen. im moment kann ich mir nicht vorstellen, mich in nächster zeit ernsthaft für einen anderen mann zu interessieren. but who knows.
bis dahin werde ich sicherlich noch die ein oder andere träne vergießen. so wie eben beim schreiben.

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Sonntag, 25. Januar 2015
kuscheln unter freunden
dass vorletzte mal clubbing. je näher die schließung rückt, desto voller wird es und desto näher rücken alle zusammen. mein bekannter v. ist inzwischen tatsächlich ein freund geworden. wir hängen ständig zusammen und manchmal legt er den arm um mich und drückt mich.

"magst du eigentlich kinder?" fragt er mich später am abend leicht getüddert.
ich lache laut:
"wieso, willste welche von mir?!"
v. haspelt verlegen:
"ähm, ich meinte so grundsätzlich."
"nö. immer wenn ich mütter sehe, bin ich froh, dass ich nicht in deren rolle stecke. das würde mich zu tode nerven."
"naja, das sind ja fremde kinder."
"jaaaaaaa... ich weiß, ich wäre dann auch hormonverklärt und würde mir einbilden, dass mein kind was besonderes ist", seufe ich genervt. "und damit allen anderen leuten total auf den keks gehen."
"aber ist dir eigentlich klar, dass dann nichts von dir bleibt?"
ich schaue v. scharf an:
"also mal ehrlich, v., wenn ich heute entscheiden dürfte, ob ich geboren werden möchte oder nicht, und dabei all das vorher wüsste, was mir bis dato passiert ist, würde ich ehrlich drauf verzichten."
v. schaut mich sinnierend an:
"weißte, ich hab nen freund, der ist neulich vater geworden, ist einfach so passiert, der klassische unfall. und der ist total glücklich jetzt. weil er endlich weiß, wofür er sich in der arbeit den arsch aufreißt und was er mit seinem ganzen geld tun kann."
"ja, v., aber dein freund musste auch nicht neun, naja, sagen wir mal fünf monate fett wie eine tonne rumrennen, und sich die eingeweide ausleiern lassen, und dann im job zurücktreten und zuhause hocken und windeln wechseln. für deinen freund hat sich insgesamt vermutlich nicht viel geändert, außer dass da jetzt was ist, womit er spielen kann, wenn er von der arbeit nach hause kommt oder wenns am sonntag regnet und er keine böcke hat, das haus zu verlassen."
v. zuckt die achseln.
"naja, das ist jetzt schon eher so das klassische paar... also sie zuhause und er arbeitet."
"siehste. und irgendwann in zehn jahren hat er die schnauze voll, fickt seine sekretärin, drückt seiner alten das sorgerecht an die backe und beginnt ein neues leben. und die olle kann sich aufhängen."
"du siehst das alles viel zu negativ."
"ja, ich weiß. aber es ist realistischer als zu glauben, dass sich mit kind meine depressionen erledigen, weil ich dann weiß, wohin mit meinem ganzen geld. für mich wäre ein kind der finanzielle ruin. ich könnte dem kein anständiges zuhause und keine gute ausbildung bieten. und dann würde es sicherlich auch depressiv werden und mich den ganzen tag suizidal vollheulen und mich dafür hassen, dass ich es nicht abgetrieben habe."
v. lacht.
"okay, ich verstehe, du möchtest im augenblick keine kinder."
"du hast es erfasst."
"ich frag dich in fünf jahren noch mal."
"tu das."
"aber mein freund da, der ist echt happy."
"ich kenne auch väter, die weniger happy sind. nämlich alle, die nicht so ne feierabend- und sonntagspapis sind oder die ein paar monate elternzeit zum spaß gemacht haben. das objekt zum beispiel. das sagt immer, so sehr es den kleinen liebt, wenn er die wahl hätte, dann hätte er ihn lieber nicht zum kind. oder auch meine erste große liebe. seine tochter ist fantastisch, aber bis sie volljährig war, hatte er nur stress und ärger."

als wenns das stichwort gewesen wäre, betritt das objekt in diesem moment den raum. es hat seine ische im schlepptau, die mich sofort sieht. sie wirft sich dem objekt überfallsartig an den hals, um es vor meinen augen revierzumarkieren. das objekt ist darauf nicht gefasst, macht eine abwehrende geste, schwankt, macht einen schritt rückwärts und stolpert in eine menschengruppe.
ich breche in lachen aus.
"oh, der ist ja auch wieder da", kommentiert v. die lage.
"guck mal, das traumpaar muss sich auch gleich beweisen", sage ich so laut, dass die gespielin es hören kann.
die gespielin schaut mich giftig an und verzieht sich, während das objekt eine ecke im raum möglichst weit weg von mir sucht, um hastig eine zu rauchen. eine minute später taucht die gespielin wieder auf und zerrt es am ärmel weg in richtung tanzfläche.

"was schauste denn so", stupst mich jemand an. es ist die coole barfrau, mit deren mann ich mal geknutscht habe, und die mir immer sympathischer wird.
"ich hab nur meinen ex gesehen."
"wer ist das denn?"
ich ziehe die barfrau in stück richtung tanzfläche:
"der da. der große mit den langen haaren und dem rauschbart."
"gott im himmel, morphine, das sieht man doch auf zehn meter, dass das kein guter ist!" ruft die barfrau. "wie lange wart ihr zusammen?"
"viereinhalb jahre."
"gott im himmel", ruft sie wieder. "komm bloß weg da. das ist nicht gut, wenn du den hier siehst."
sie schubst mich wieder richtung barraum und stellt mir dann einen wodka auf den tresen.
als ich verzweifelt trinke, streicht sie mit der hand über meine wange und lächelt ganz lieb, was man ihr auf den ersten blick niemals zutrauen würde, weil sie sehr hart und cool rüberkommt.
"du bist so ne... verletzte kleine große frau", sagt sie zu mir. "unglaublich. ich hab immer gedacht, du bist ganz kühl und überlegen."
"das sagen viele. aber du bist auch anders als du wirkst. viel netter."
die barfrau, die n. heißt, wie mir jetzt wieder einfällt, lächelt geschmeichelt, und mich überkommt ein anflug von mut.
"duhuuu... n.," sage ich. "hast du lust, dass wir uns mal treffen? und irgendwas machen? bisschen quatschen?"
"klar!" ruft sie und gibt mir ihre nummer.
so einfach ist das manchmal.

"was macht ihr beiden hübschen denn da", fragt der lieblingsbarkeeper, der sich von bar nummer zwei herangeschlichen hat und uns von hinten umarmt.
"wir planen gerade das club revival im elitären kreis", sage ich. "magst du auch kommen?"
"was bitte wäre denn ein club revival ohne mich?!" empört sich der lieblingsbarkeeper.
dann tippt er mir auf die schulter.
"deine nummer brauche ich sowieso noch, du willst doch in zukunft für uns arbeiten, oder?"
"ja, will ich, also wenn das geht."
"mit so einer schönen frau hinter dem tresen wird der neue laden brummen", ist der lieblingsbarkeeper überschwänglich-sicher.
"habt ihr denn nun schon was im auge?" will ich wissen.

da zieht mich der barkeeper in den personalbereich.
"also, es ist noch nicht offiziell, und es ist auch noch nicht durch, aber es sieht gut aus. wir haben was gefunden, nur halb so groß, und es ist auch kein club, sondern eher eine bar. trotzdem wollen wir da die alten mottopartys wieder veranstalten."
"hurrah!" rufe ich und knuddle den barkeeper, um gleich darauf entsetzt festzustellen:
"nur seh ich dann wahrscheinlich meinen ex wieder."
"wer ist denn dein ex?"
ich beschreibe das objekt kurz und der barkeeper nickt wissend:
"der ist ja stadtbekannt, sozusagen."
"ich bin immer noch traurig und wütend, irgendwie, zumindest manchmal."
der lieblingsbarkeeper legt den arm um mich und lacht:
"so ist das leben. aber komm mir bloß nicht auf komische gedanken, nicht dass du dem dann k.o.-tropfen ins getränk mischst oder sowas.
ich kichere:
"du bringst mich auf ideen!"
"keine skandale, sonst muss ich dich feuern."
"mir wärs lieber, wenn er hausverbot bekäme. das wäre für mich die nachhaltigere lösung."
"wenn du den laden kaufst, kannst du das gerne so bestimmen. so musst du mir erstmal stichhaltige gründe liefern, warum ich ihn nicht reinlassen sollte."
"er ist ein arsch und ein lügner."
"das reicht nicht ganz, sorry", lacht der barkeeper.

während das objekt schon gegen halb fünf von der gespielin energisch hinauseskortiert wird, wie ich schadenfroh bemerke, bleibt der laden wie auch die letzten male bis morgens um acht halb voll. irgendwann haben die djs keine lust mehr und schalten die musik ab, was die gäste aber kein bisschen stört. erst als die security kommt und alle zum gehen auffordert, bewegen sich die menschen. ich bin ein bisschen gerührt und schaue von einem zum anderem, bevor auch ich meine jacke hole.

"warte mal", ruft der lieblingsbarkeeper, als ich zur tür will.
"was denn?"
"nächstes wochenende musst du bitte um halb zehn hier sein. wir machen so ein kleines special vor der offiziellen party, im kleinen kreis, nur für stamm- und lieblingsgäste. ihr müsst dann auch keinen eintritt zahlen."
ich umarme dem barkeeper ganz fest:
"das ist so lieb, dass ich da kommen darf! das ehrt mich total."
"na wer, wenn nicht du?"

wir verabschieden uns alle voneinander, küsschen links, küsschen rechts, und v. bekommt sogar einen schmatzer auf den mund, was ihn ganz verlegen macht. dann gehe ich in den morgen hinaus. es ist bereits hell am himmel. ein paar objekt-hass-gedanken spuken noch kurz durch mein gehirn, dann aber werde ich einfach nur müde und alles, was ich denken kann, hat mit bett und schlafen zu tun.

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