Samstag, 5. Januar 2013
antibiotikum
der objektsohnemann stromert durch meine wohnung, während ich mit seinem papi auf der homepage des arbeitsamts stöbere. ab und an scheppert was, da der sohnemann ähnlich wie der papa zum unabsichtlichen zerstören neigt. dann kommt er wieder ins wohnzimmer, schmiegt sich an mich und fragt ganz schüchtern:
"duhuuu... warum hast du antibiotikum in der küche liegen?"
ich stutze, da bei mir kein antibiotikum in der küche herumfliegt, weil ich keines nehme und ich medikamente normalerweise vor kinderhänden gut verstecke, um den lütten davor zu bewahren, sich meine psycho-smarties reinzuziehen. weiterhin bin ich ganz perplex, dass der kleine weiß, was ein antibiotikum ist.

"das kann nicht sein", erwidere ich erstmal.
"dohoch! ein halbes!"
der objektsohnemann flitzt in die küche und bringt dann tatsächlich eine halbe weiße tablette herein.
das objekt schaut mich fragend an und ich vermute, dass es auf irgendwelche drogen tippt und im sichergestellten material den beweis sieht, dass ich - wie es ab und an mutmaßt - doch nicht auf die kleinen chemischen freuden verzichte.

ich glotze auf die tablette und gerate selbst erstmal in erklärungsnot, zumal das ding tatsächlich aussieht wie ein halbes antibiotikum.
"wo hast du das denn gefunden?" frage ich den lütten.
"hinter der kaffeemaschine."
ich wundere mich noch einmal, denke scharf nach, dann endlich fällt es mir wie schuppen von den augen:
"das ist eine halbe mineralstofftablette! das ist kein antibiotikum, sondern ein ganz normales nahrungsergänzungsmittel!"

das objekt sieht eindeutig erleichtert aus, während der objektsohnemann von neuem fasziniert ist:
"und was kann man damit machen? wofür ist das gut?"
"da sind kalium und magnesium drin. das sind zwei ganz wichtige mineralstoffe, die gut sind für herz, nerven und muskeln."
"und warum brauchst du das?"
"brauchen kann man nicht sagen. es ist ein zusatz. beispielsweise wenn man einen wadenkrampf hat - das kennst du vielleicht auch..."
und der sohnemann nickt:
"das tut fies weh!"
"also sowas kann mit magnesiummangel zusammenhängen. wenn man dann so eine tablette nimmt, kommt der krampf so schnell nicht wieder."

der objektsohnemann guckt interessiert und fragt dann:
"kann ich die haben?"
"die lag offen rum, dann würde ich sie lieber wegschmeißen. außerdem brauchst du das nicht, du hast ja keine krämpfe. und wenn du vorbeugen willst, dann mach ich dir jetzt lieber eine apfelsaftschorle, da sind auch viele mineralstoffe drin."
"auja!"

der objektsohnemann springt begeistert auf, begleitet mich in die küche und das antibiotikum ist vergessen.
dann schnappt er sich mein handy und spielt friedlich ein spiel, während das objekt und ich den objektlebenslauf tunen und die unterlagen fürs arbeitsamt fertigmachen.

das objekt lächelt mich mehrmals von der seite an, drückt meine hand unter dem tisch und ich fühle mich für einen moment ganz zauberhaft familiär. dann fängt der objektsohnemann an, uns unter lautstarken "guck mal, guck mal"-rufen seine neuen hiphop-moves vorzuführen und bringt meine zimmerpflanze dabei zu fall. während der papa schimpft und den kleinen losschickt, um schaufel und besen zu holen, bin ich dann doch wieder sehr glücklich, dass der familienmoment kein lebenslänglicher ist.

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Freitag, 4. Januar 2013
preis der demokratie
17.98 € monatlich.



demokratieabgabe. für das grundrecht der pressefreiheit? für freie meinungsäußerung? oder doch bloß für den hohen lebensstandart? mein lebensstandart ist verdammt niedrig, wer zahlt dann meine gebühren?

fuck you. ihr wollt uns nicht nur abzocken, ihr wollt uns auch noch verarschen. in der satire liegt ein bitteres stück wahrheit:



mit verbotener liebe oder rosamunde-pilcher-filmen fühle ich mich auch total gut informiert. und vor allem so unabhängig.

hier haben wir schon über 29.000 unterschriften gegen die gez-zwangsgebühr. helfen sie mit! geben sie sich selbst eine stimme!

onlinepetition

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Dienstag, 1. Januar 2013
hallo 2013!
der erste eindruck war ja schon mal positiv. du hast gut angefangen. so viele umarmungen wie gestern habe ich gefühlt in ganz 2012 nicht bekommen - und in den vier jahren zuvor erst recht nicht. damit hast du hohe erwartungen gesteckt, aber auch dankbarkeit spürbar gemacht.

schön, dass ich so viele nette menschen kenne und dass diese mich kennen mögen. und es waren noch längst nicht alle dabei, die ich gerne in meinen armen gehalten hätte. und dabei verwechsle ich nicht qualität und quantität. denn ich bin nicht everybody´s darling. ich suche mir meine darlings verdammt noch mal ganz genau aus.

"das wird dein jahr", haben gestern vier leute gesagt, leute, die meinen psychischen absturz zumindest in auszügen miterlebt haben und mir trotzdem die stange halten. "du bist im besten alter, du bist intelligent, und du hast einiges an erfahrung, dass muss doch mal irgendeiner anerkennen." ich hoffe noch immer das beste und versuche den problemberg weiterhin als spielerische herausforderung zu sehen.

um mitternacht hab ich ein tränchen verdrückt und mich reich geschätzt. ich befand mich auf einer tollen party und stand mit k., t. und h. auf dem balkon der wahnsinnigen eigentumswohnung des gastgebers. der gastgeber war, obwohl schwerreich, irgendwie ganz normal geblieben und hatte für jeden ein freundliches wort, obwohl er die meisten gar nicht kannte - die eigendynamik, wenn ein ganzes haus zusammen feiert.

gegen halb zwei war ich mit dem gastgeber in der küche und futterte mich durch die verbliebenen köstlichkeiten, während k. und t. schon im flur standen, da wir noch weiterziehen wollten. der gastgeber erzählte gerade, dass er ein kind habe und sehr glücklich geschieden sei, als k. hereindrängte und verkündete, dass taxi sei da.
"jetzt haben wir uns gar nicht richtig kennengelernt", sagte der gastgeber bedauernd zu mir. also nahm ich meinen ganzen mut zusammen und fragte ihn nach seiner telefonnummer. "ja, aber nur, wenn du sie auch benutzt!" lautete die antwort. das fand ich fein. hübsche, glücklich geschiedene männer mit eigentumswohnungen sollte man sich nämlich warmhalten.

warmhalten und wertschätzen ist überhaupt das stichwort. die meisten geschenke, die das leben macht, sind nämlich einmalig. so etwas ähnliches sagt mir auch der glückskeks, den ich heute beim japaner bekommen habe:



insofern: danke auch an alle leser! ihnen ein fantastisches 2013!

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Sonntag, 30. Dezember 2012
vorsätze 2013
1. alles ein bisschen vorsätzlicher angehen. die vorsätzlichkeit eines vorgehens gewissenfrei eingestehen und genießen.

2. "hallo unternehmen und verlage! ich bin eure marketing-königin / redaktionsgöttin." jeden tag dreimal laut aufsagen. gedanken schaffen realität, sagt die objektexfreundin immer. vielleicht steht ja in der u-bahn mal zufällig ein geschäftsführer-typ in hörweite.

3. ein neues festes subjekt etablieren, um ein gegengewicht zum objekt zu schaffen. gleichzeitig das objektverhältnis stabilisieren und platonisieren. alternativ das objekt knebeln, in ketten legen und die nächsten 20 jahre dauervergewaltigen, zuvor die gespielin mit stein am fuß in die elbe schubsen. (ich bin nicht eifersüchtig, nein, ich hab nur was gegen schlechten geschmack.)

4. öfter mal "schwimmen" gehen.

5. reich werden: ich mache es den zeitungen nach und erhebe bloglese-gebühren von 10 euro pro klick. bei den derzeitigen leserzahlen wären das dann mindestens 2.000 bis 5.000 euro pro tag. das ist eine solide basis. kommentare kosten extra. kommen sie, einen fuffi sollte ihnen das recht der freien meinungsäußerung hier schon wert sein!
ab 1.000 euro können sie außerdem ein vierwöchiges bloggerpraktikum bei mir machen. ein echtes schnäppchen!

6. weniger traurig sein. dafür gibt es noch keine konkrete lösung, wir gucken mal, ob die erfüllung von 1.-5. eventuell dazu führt, dass ich weniger psychopharmaka benötige.

ich wünsche schon mal eine (be)rauschende silvesternacht. vergessen sie die ohrenstöpsel nicht!

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Freitag, 28. Dezember 2012
vaters tochter
als ich gestern mittag ins wohnzimmer tappe, schlaftrunken, kreislaufschwach und blass, sitzt da nur mein vater.
"du schläfst aber lang", sagt er. "du warst doch gar nicht aus. sonst bist du doch immer aktiv und unterwegs."
"ich kriege eine erkältung, glaub ich", erläutere ich meine psychopharmakabedingte schläfrigkeit.

ich hole mir eine decke, kuschle mich ein und vergesse für einen moment, dass ich erwachsen bin und für meinen vater die schreckliche sozialversagerin.
"ich hab dir was aufgenommen", sagt mein vater dann und meint ein video.
ich tippe auf eine dokumentation über irgendwelche kirchenhistorischen angelegenheiten, weil wir beide sowas ganz gerne gucken, werde dann aber vollkommen überrascht, als es ein konzertmitschnitt eines auftritts von depeche mode ist.
"woher weißt du, dass ich sowas mag?" frage ich ganz perplex.
"du hast mir mal so ein lied aufgenommen von denen."
aufgenommen heißt, ich habe es auf eine cd gebrannt. mein vater spricht immer noch von "aufnehmen", weil er aus der generation des tonbands stammt. mit dem tonbandgerät verbrachte er in meiner kindheit ganze wochenenden am radio, um die aktuelle hitparade mitzuschneiden.

als ich mich daran erinnere, ist mir klar, warum ich wochenenden mit youtube verbringe und alleine oder gemeinsam mit dem objekt oder anderen musikversessenen konzertmitschnitte oder bestimmte songs suche. ich bin die tochter meines vaters und ihm ähnlich.

"oh, guck mal, das ist von anton corbijn!" rufe ich entzückt, als das konzert beginnt.
"wer ist das denn?"
"der regisseur von control!" sage ich und vergesse dabei, dass mein vater joy division vermutlich nicht kennt.
er sagt nichts und guckt nur.

ich kann nach wenigen takten die titel der meisten songs vorhersagen, und mein vater ist beeindruckt.
"woher weißt du das alles?"
"ich hab ganz viel von denen!"
"wieder aus dem internet? irgendwann erwischen die dich mal mit deinen illegalen aktivitäten!"
"nein, nein, ich habe cds von denen. vier oder fünf. die hab ich schon, seit ich 15 oder 16 bin."
"da hast du ja noch hier gewohnt."
"ja."
"das hab ich gar nicht mitgekriegt."
ich danke still der erfindung der kopfhörer, die unter anderem verhindert haben, dass meine eltern mit meiner vorliebe für punkmusik belästigt wurden. nur die äußerlichen veränderungen - bunte haare, nasenstecker, abgeranzte klamotten - ließen damals darauf schließen, dass ich mich irgendwie in der pubertät befand.

"was ist das für eine musikrichtung?" will mein vater wissen.
"synthiepop."
"hm."
wir lauschen noch ein lied.
"das klingt alles gleich", findet mein vater.
"das ist ja auch dieselbe band. die haben natürlich ihren style. das macht einen künstler unverwechselbar."
"das macht immer so dumdumdum im hintergrund", merkt mein vater an.
"das ist der bass."
"hm", hmt meint vater abermals. "ich hab es ja lieber rockiger."
"ich höre inzwischen sogar ganz viel elektro."
"da bei denen ist auch einer mit einem keyboard dabei, das ist ja dann auch elektrisch."
"ja, aber das ist synthiepop, das kommt vom einsatz der synthesizer, mit elektro meine ich eher sowas wie... techno."
"gehst du etwa auch auf solche technoparties, wo sie alle ecstasy nehmen?!"
"ständig. deswegen bin ich auch dauernd pleite."
mein vater glaubt mir das ganz offensichtlich, bis ich laut lache. in den augen meiner eltern ist hamburg eine art sündenpfuhl, den der teufel persönlich angelegt hat.

obwohl sich mein vater sichtbar langweilt, guckt er das ganze konzert mit mir, wahrscheinlich, weil ich ihm dabei die halbe depeche mode-biografie erzähle. erst nach dem letzten song geht er in die küche, weil es drei uhr nachmittags ist und er gucken will, ob meine mutter schon in die gänge kommt, um die kaffeetrinkzeit um halb vier einhalten zu können.

ich sitze noch eine weile still im zimmer und fühle mich seltsam berührt.

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