Mittwoch, 9. Mai 2012
s.uck m.y s.word
"dir, du schmetterling, der denkt, er wäre noch immer raupe, sag ich nun, mit dem schwert in der hand, gut´ nacht und auf wiederficken!"

sms nummer 42 für diesen abend.

ich kann nicht umhin, ich liebe direkte ansagen!

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Freitag, 4. Mai 2012
der rote reiter
im büro klingelt mein handy. ich denke, das ist bestimmt das objekt - und es ist das objekt.

"ich arbeite", sage ich mittelschwer genervt. im gegensatz zum objekt habe ich keinen schichtdienst. mann kann sich meine arbeitszeiten theoretisch leicht merken. das objekt nicht. es ruft an, wann es ihm passt.
"ich wollte dir was wichtiges sagen", beschwichtigt mich das objekt.
"was denn", sage ich und mache mich auf den weg ins zimmer meiner chefin, wo heute niemand ist und ich ungestört rauchen darf.
"du bist die quelle meiner inspiration und ich möchte dich nie missen", lässt das objekt seinen honig durch den hörer tropfen.
"aha", sage ich nüchtern und ziehe an meiner zigarette. "und sonst so? irgendwelche wichtigen anliegen?"
das objekt holte tief luft.
"ähm, also pass auf... ich hab das auto von meinem freund, und der fährt im juni für vier wochen in urlaub. und dann steht das haus leer, weißt du, an dem see, wo wir mal waren..."
"und?"
"wollen wir hinfahren?"
ich bin überrascht.
"ich weiß nicht, muss ich mir mal überlegen."
"für ein wochenende oder so... oder ich werde auch einfach mal nur für eine nacht runterfahren... also wenn du möchtest... wenn dir mal nach einer badewanne ist oder ruhe oder kaminfeuer..."
"oder nach dir", sage ich leichthin, und das objekt schweigt.

dann, endlich, kommt es zum punkt.
"ich statte meine küche neu aus", sagt es. "und ich wollte wissen, ob du irgendwas brauchst."
"ich dachte, du hast noch was geparkt", erinnere ich das objekt an sein depot.
das objekt lacht nur.
ich verstehe.
"sag mal ne summe, baby", bittet mich das objekt.
"weiß nicht, ich müsste mal rumfragen", sage ich. "was haste denn so im auge? außer kräutern? kaffee?"
"alles, was dein herz begehrt", sagt das objekt.
"mein herz begehrt ja gar nicht so schrecklich viel."
"du kannst auch gegen naturalien tauschen", säuselt das objekt, eingedenk meiner rezeptpflichtigen burner.
"meine apotheke ist kein bonbon-laden."
"du bist süß", lacht das objekt. "also, was ist?"
"ich bin dabei."
"super. kommste mit zum großmarkt?"
"kein bock."
"okay, dann..." seufzt das objekt.

ich warte noch zwei sekunden.
"ich komme dann vorbei und hol das zeug ab."
"ja gerne!" ruft das objekt. "oder ich bringe es mit."
"kommst du am wochenende in den club?"
"denk schon, ich muss mal wieder unter menschen", sagt das objekt und beginnt dann zu summen: "hey, hey, hey... ich bin der goldene reiter... ich bin der gott dieser stadt..."
"alles klar", sage ich. "dann pass bloß auf, weißt ja, was mit dem typen passiert ist. nicht, dass du mit einem halben kilo küchenkräutern und mohn einfährst und ich bin auch noch mitschuldig."
das objekt ist sich seiner sache sehr sicher.
"ich weiß, wie die dinge laufen."
"gut. dann allez-hopp."
"zu befehl, madame. und, was hast du heute noch schönes vor?"
"ich lasse meine wirbel von meiner lesbischen therapeutin neu ordnen."
"heiß. was kann die sonst noch so, außer wirbel ordnen?"
"hm, auf meine brüste starren?"
"das ist ja nicht schwer bei dir..."
"tja, wer hat, der hat."

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Dienstag, 1. Mai 2012
odyssee in den mai
gestern bekam ich besuch von mr. shyguy. der hatte eine überraschung für mich:
"das objekt will, das wir vorm partymachen noch bei ihm vorbeikommen, einen rauchen und ein bisschen vorglühen."
ich war erstaunt.
"ich war noch nie da bei ihm in seiner merkwürdigen unterkunft."
"ja, ich doch auch nicht. deshalb müssen wir es jetzt auch anrufen, damit er uns sagt, wo wir gleich hinmüssen."

ich war noch immer überrascht und überlegte, ob ich das wollte. doch mr. shyguy nahm das ruder in die hand. er schnappte sich mein kreischviolettes wählscheiben-telefon und wählte eine nummer, die ich nicht kannte.

mr. shyguy ließ es dreimal durchklingeln. niemand ging ran.
"okay", sagte ich, "das wars. wir fahren alleine in den club."
"wart doch mal", sagte mr. shyguy.
und plötzlich klingelte das telefon.
ich sprang auf und riss den hörer von der gabel:
"ja?!"
"morphine", sagte das objekt warm. "du bist das."
"mr. shyguy ist hier und wir würden gerne wissen, wo du wohnst", sagte ich gereizt.
das objekt begann lang und umständlich den weg zu beschreiben, bis ich es unterbrach:
"die adresse. mir reicht die adresse. den rest sagt mir g. maps."
das objekt sagte straße und hausnummer.
"steht dein name irgendwo am klingelschild?" fragte ich, weil ich die objekt-schlampigkeit kannte.
"äh, nein", stammelte das objekt. "aber ich komme runter und warte auf der straße auf euch. ich bin in 20 minuten da."
"15", widersprach ich. "so weit ist das nicht."
als ich auflegte, sagte mr. shyguy, der das objekt sonst hemmungslos bewunderte:
"der typ ist manchmal nicht so intelligent, oder?"
ich prustete los.

dann schlüpften wir in schuhe und mantel und wollten los. da klingelte das telefon abermals. es war noch mal das objekt.
"du, morphine, ich hab wein für dich gekauft... und ich hab bier... und wodka. willst du noch irgendwas?"
"nein", sagte ich. "das sollte für das stündchen, das wir vorhaben zu bleiben, reichen."
ich legte auf. mr shyguy war verwundert und fragte:
"was ist denn?"
"er wollte mir nur noch mal aufzählen, was an getränken da ist."
"hä?"
"naja, du hast ja vorhin schon festgestellt: manchmal ist das objekt nicht so intelligent."

dann saßen wir im auto. mr. shyguy hatte hunger.
"lass uns mal noch wo an die tanke fahren", sagte er.
"dann kommen wir aber zu spät. wir sind sowieso knapp. das objekt steht bestimmt schon auf der straße. und wie du vielleicht bemerkt hast, regnet es. also lass uns da schnell hin und dann frag das objekt doch, ob es was kocht."

kurze zeit später standen wir vor einem hochhauskomplex.
"das ist es?", sagte mr. shyguy ungläubig. "das sieht aus wie ein krankenhaus."
"doch, das ist es", sagte ich und zeigte richtung eingang: "da steht das objekt."
das objekt winkte uns, dann nahm es erst mr. shyguy und danach mich in die arme. es war ganz nass.
"willkommen", sagte es.
"du tropfst", begrüßte ich es.
"kommt schnell rein", ärmelte das objekt uns beide unter und zog uns zum aufzug.

als wir in der oberen etage ankamen, war der flur kreischblau gestrichen.
"oh mein gott", sagte ich.
"sag nichts", grinste das objekt. "es hätte schlimer kommen können. es gibt auch rosa flure!"
das zimmerlein selbst war ganz annehmbar. das objekt mit seinen innenarchiktonischen fähigkeiten hatte das beste daraus gemacht. bis auf den teppich und den hässlichen schrank im mikro-flur sah es aus wie in der objektwohnung. es gab sogar eine badewanne.

"cool", sagte ich halb überzeugt.
"hast du was zu essen", haute mr. shyguy das objekt an.
das objekt begann im schrank zu wühlen und holte schoki und kekse hervor.
"keine schoki", sagte ich, "mr. shyguy ist auf diät."
"wenn ich was kochen soll, müssen wir rüber in die gemeinschaftsküche", sagte das objekt.
wir folgten dem objekt über den flur in die hässliche küche, die aussah wie eine mischung aus jugendherberge und knastkombüse.

eine halbe stunde später saßen wir über einem thai-eintopf, tranken wein und bier und ließen es uns gut gehen.
das objekt schaute mich über einen löffel dampfender auberginen in chilisud an und sagte dann:
"ich hab dich vermisst, madame. ich hab dich wirklich vermisst. die goldenen momente, die inseln mit dir..."
mr. shyguy schaute gespannt zwischen dem objekt und mir hin und her.
ich schluckte die aufgehende sonne in mir mit scharfem hühnchen hinunter und zuckte dann lapidar die achseln.
"du hast nicht mich vermisst, du vermisst den zustand, den du mit mir hattest. sorglosigkeit. freiheit. exzess."
das objekt sagte nichts mehr, holte dann umständlich den tabak aus der tasche und begann, einen joint zu drehen.

"wohin wollen wir denn nun heute?" fragte mr. shyguy.
"keine ahnung", sagte ich.
das objekt wollte auf eine fetisch-party.
"boah. ich glaub, da hab ich keine böcke drauf", sagte ich.
"ist aber sehr schön da", sagte das objekt.
"allerdings hätte ich auch viel mehr lust auf was anderes", sagte mr. shyguy. "ist da nicht irgendwo eine 80er-party?"
"ja, komm, lass uns da hinfahren", sagte ich. "ich muss mal andere leute sehen. nicht immer nur so ne freaks."
"gut", sagte mr. shyguy. "dann setzen wir das objekt bei seiner party ab und fahren dann weiter."
"langweilig!" zog uns das objekt auf, "dabei ist da so gute musik!"

und los ging es. das objekt und ich waren zu diesem zeitpunkt schon reichlich angeschossen und hatten die wodkaflasche halb geleert. ich schwankte.
"das ist der zustand, den ich normalerweise erst am ENDE eines abends erreicht haben möchte", säuselte ich.
während mr. shyguy fuhr, saßen das objekt und ich auf der rückbank des wagens. das objekt schaffte auch die zweite hälfte der flasche noch bevor wir überhaupt in clubnähe kamen. es kuschelte sich an. mir war schwindelig und leicht übel.
"wenn ich kotze, kotze ich dich an", sagte ich zum objekt.
"du kotzt nie", sagte das objekt mit selbstverständlichkeit.
das hatte es sich also gemerkt.

wir kamen bei der objekt-wunschlocation an.
"viel spaß beim spielen", sagte ich, und das objekt griff sich grinsend in den schritt.
dann stiegen mr. shyguy und ich wieder ins auto und fuhren weiter.

als wir bei unserem club ankamen, stand eine endlose schlange an der tür.
"nein!" rief mr. shyguy.
"da stellen wir uns nicht an", sagte ich, "da sind wir ja übermorgen noch nicht drin."
"und nun?"
"da gibts noch woanders sowas ähnliches. ist allerdings am anderen ende der stadt."
"ist das gut?"
"och, du, so oft war ich da noch nicht, aber als ich da war, wars immer okay. es ist halt ein bisschen teurer."
"wie teuer?"
"so sieben, acht euro denk ich. auf jeden fall aber billiger als eine fetisch-party!" meinte ich.
"egal, da fahren wir jetzt hin."

gesagt, gefahren, eine halbe stunde später waren wir am ziel. vor dem club gab es keine schlange. warum das so war, erklärte sich am eingang: der spaß sollte 15 euro kosten.
"hattest du nicht gesagt, es sei deutlich billiger als eine fetisch-party?!" entsetzte sich mr. shyguy.
"sollen wir wieder fahren? wir können auch immer noch auf den kiez."
"nein", entschied mr. shyguy, "jetzt sind wir schon mal da! außerdem wollte ich schon immer mal wieder auf eine 80er-party."

nachdem ich den eintritt gelöhnt hatte, hatte ich genau noch zwei euro in der tasche.
"ey, ich kann mir hier nicht mal was zu trinken kaufen", sagte ich, "nicht, wenn ich nachher noch mit der bahn nach hause will."
"ist auch besser so", fand mr. shyguy im anbetracht meines zustands.
ich schubste ihn und lachte.

mein angeheiterter zustand sollte sich innerhalb kurzer zeit ins gegenteil verkehren. die party zu besuchen entpuppte sich als fehlentscheidung des jahrhunderts. die musik war halbwegs okay, aber die anlage schepperte blechern. ich fühlte mich nach zwei liedern kurz vorm tinnitus.

davon abgesehen waren wir deutlich die jüngsten. die partybesucher waren schätzungsweise zwischen 35 und 55, meist unterwegs als paar. männer vom typ "bärchen", die sich in karohemden, jeans und turnschuhen ultimativ hip fühlten und sich aufgeregt die grauen bärte schubberten, wenn eine guterhaltene vierzigerin im leo-look an ihnen vorbeiwackelte.
"ich fühle mich optisch vergewaltigt", sagte mr. shyguy.
"die leute sehen aus wie meine eltern", fand ich.
"und guck mal wie die tanzen", zeigte mr. shyguy auf einen pulk von tanten, die unkoordiniert gegen den rhythmus hoppelten.
"sieht aus wie schüttellähmung", sagte ich.

eine halbe stunde später saßen wir geknickt an der bar. dann kam eine sms vom objekt an. das feierte offenbar vollgekokst bis in die haarspitzen gerade eine art orgie mit irgendwelchen weibern.
"boah", sagte ich, "also dass wir da nicht mit sind, das war die schlimmste fehlentscheidung meines lebens."
"und das viele geld, das wir jetzt ausgegeben haben!", jammerte mr. shyguy.
"und der schreckliche anblick all dieser tanten und onkels..." jaulte ich weiter.
"und diese billige anlage..."

es musste etwas passieren. nüchtern sowie ernüchtert stand ich auf, packte mr. shyguy an den schultern und sagte:
"wir gehen. wir nehmen eine sparkasse mit, ich hole geld und wir gehen jetzt auch auf diese party."
"das geht nicht", sagte mr. shyguy zerknirscht.
ich seufzte gereizt:
"stell dich mal nicht so an!"
"das hat damit nichts zu tun", beharrte mr. shyguy. "ich habe das falsche outfit an."
ich sah an mr. shyguy herab. hemd, jeans, sneakers - gut, das ging nun wirklich nicht.
"dann lass uns wenigstens noch auf den kiez!"

wir verließen den ort des grauens, holten geld und frischen alkohol und stürzten dann auf einer walpurgisnacht-party im metal-keller ab. dort waren junge leute, es ging lustig zu und als gegen ende des abends immer mehr elektromusik lief, fand auch ich den weg auf die tanzfläche. zwei stunden später spürte ich sämtliche knochen und bandscheiben, war schweißgebadet - und schon wieder nüchtern. doch ein blick auf die uhr zeigte mir: es war ohnehin bereits nach sechs uhr morgens. mr. shyguy hatte sich schon vor einiger zeit verabschiedet.

ich wankte mit einem heavymetal-freak zur bushaltestelle, kaufte vom letzten geld einen kaffee und eine fahrkarte und war eine gute halbe stunde später zuhause - tödlich erschöpft, aber mit dem gefühl, das beste verpasst zu haben.

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.
exzess.

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Freitag, 27. April 2012
power of balance
die ente, die einbeinig schlafend am flussufer steht, den schnabel tief unter den flügel geschoben.

die nicht einmal blinzelt, als ich vorbeigehe.

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Montag, 23. April 2012
a love like kraut und rüben
am sonntagmorgen nach dem üblichen clubbesuch ging ich zusammen mit meinem neuen bekannten t. durch die straßen von bahrenfeld. bis auf das gepiepse der vögel und das entfernte brummen der autos war es totenstill.

die sonne schien, doch es war arschkalt. wir waren fast alleine unterwegs. hin und wieder begegneten uns menschen vom typ muddi und vaddi, die ihre wauzis und fiffis zum kacken ausführten. muddi und vaddi starrten uns durchgefeierte gestalten an und zerrten fiffi und wauzi energisch an der leine weiter. t. und ich starrten zurück und beneideten muddi und vaddi klammheimlich um ihre polartauglichen nanotech-funktionsjacken, denn wir waren beide durchgetanzt, erschöpft und schlotterten in den frischen morgendlichen temperaturen.

"scheiße, ist das kalt", wiederholte ich mehrfach und schlang meinen maximal atmungsaktiven da vollkommen ungefütterten stoffmantel enger um mich.
"wenigstens hast du stiefel an", erwiderte t., der mit den zähnen klapperte.
"lack hält echt null warm", versicherte ich t. "aber im gegensatz zu dir hab ich wenigstens noch ein bisschen unterhautfettgewebe!"

seit der trennung von seiner durchgeknallten freundin war t. nur noch ein schatten seiner selbst, psychisch wie physisch. selbst auf meiner geburtstagsparty hatten wir ihn nur mühsam zur nahrungsaufnahme überreden können. vor ein paar stunden im club gelang mir ein kleines wunder und ich konnte t. eine handvoll erdnüsse einflösen, nachdem ich sein zerebrales kummer-zentrum zuvor mit sechs oder sieben tequilas und zahlreichen bieren narkotisiert hatte. infolge der alkoholisierung wurde t. ein wenig zutraulicher und gab ein paar intime details über sein aktuelles leben preis. dieses gestaltete sich insofern schwierig, da t. vom schrecklichen liebeskummer einmal abgesehen dringend aus der ehemals gemeinsamen wohnung ausziehen musste, weil er sich die miete alleine nicht leisten konnte. t. war ein kollege des objekts und somit finanziell ähnlich schlecht aufgestellt, obwohl er fachkrankenpfleger und kinderlos war, in vollzeit arbeitete und kein kostspieliges drogenproblem finanzieren musste. das sowie die tatsache, dass er noch nie per haftbefehl gesucht worden war oder wochen hinter schwedischen gardinen verbracht hatte, machte t. in meinen augen vertrauenswürdig.
"also notfalls kannst du übergangsweise auch zu mir ziehen", schlug ich t. vor.
"danke", sagte t. "ich überlegs mir."

da t. nicht nur ein kollege des objekts, sondern wie dieser aus der nähe der polnischen grenze stammte und um drei ecken mit ihm verwandt war, nutzte ich die gelegenheit zur informationsbeschaffung.
"haste was gehört?"
"der hat wohl neulich mit den azubinen in der klinik wilde parties gefeiert. dieses wochenende hat er aber den sohnemann bei sich, deshalb war er auch nicht im club."
"und das mit dem lütten geht so, in diesem winzigen zimmer, in dem er jetzt haust?"
"naja, so klein ist das nicht. 20 quadrat oder so."
"aber er hat keine küche und kein bad."
"doch, bad hat er. da ist so eine kleine dusche drin - wie in einem etap-hotel. nur die küche ist eben eine gemeinschaftsküche."
ich dachte an die zahlreichen vergeblichen wohnungsbesichtigungen und daran, dass dem objekt die küche bei einer wohnung immer das wichtigste gewesen war, denn "da lebt die familie", so objekt-o-ton.

"ich hab ja auch mal so klein gewohnt, aber das war echt nicht schön", erinnerte ich mich.
"war das da, wo dieser typ bei dir durchs fenster eingestiegen ist? der mit den drei verschwundenen borderliner-exfrauen?"
"jaja, genau das."
t. kicherte.
"abgefahren."
"das war krank. insofern: wenn du zu mir ziehst, hab ich dann wenigstens einen psychopathen-rausschmeißer im haus."
t. lächelte und meinte:
"mal sehen."

am kaltenkirchener platz verabschiedete ich t.
"ich muss da lang."
"aha, zu deinem geheimnisvollen liebhaber", sagte t. und meinte damit den menschen.
"dann... wünsch ich dir viel spaß. und vielen dank noch mal für das angebot, du bist echt ne liebe."
ich umarmte t. und hielt ihn ein weilchen fest, bevor ich mir dann auf den weg zum menschen machte.

weil es so schrecklich kalt war, joggte ich das letzte stück und klingelte beim menschen sturm. zu meiner großen überraschung öffnete mir ein unbekannter junger mann, der mich verschlafen wie eine schleiereule anblinzelte. dann stellte er sich vor:
"hi, ich bin b., ich wohne jetzt im hinteren zimmer."
ich starrte b. perplex an, erinnerte mich, dass der mensch einmal etwas von einem zukünftigen mitbewohner erwähnt hatte und fragte b. dann nach dem menschen.
"der ist vorhin in die klinik gefahren, der hatte so arge kopfschmerzen."

im zuge des erblindens leidet der mensch hin und wieder unter extrem starken kopfschmerzen, gegen die es keine legalen gegengifte gibt. die ärzte sind in der regel ratlos. seit der mensch mich kennt, experimentiert er mit dem, was ich beschaffen kann. und siehe da, wir verzeichnen erfolge: so hatte sich thc als so ziemlich einziger zuverlässiger painkiller erwiesen. aber natürlich bekam der mensch das nicht auf rezept.

ich rief den menschen auf dem handy an. zum glück ging er gleich ran.
"wo bist du?"
"ich war eben beim augenarzt, jetzt warte ich noch auf den neurologen."
"wann kommst du raus?"
"keine ahnung, die nehmen erst die schweren fälle dran. außerdem werden die mir sowieso wieder nicht helfen können."
ich überlegte.
"dann geh doch nach hause und leg dich ins bett."
"süße, ich muss heute eigentlich arbeiten. ich muss bis morgen ein projekt fertig haben. ich muss den kopf klarkriegen."
das schicksal der selbstständigen. krank geht einfach nicht.
"und wenn ich dir was zu kiffen besorge?"
"ich kann doch nicht immer kiffen, um meine kopfschmerzen loszuwerden. du hast manchmal echt vorstellungen!"
"na dann eben nicht."
ich legte auf und war ein bisschen verletzt, aber insgeheim auch dankbar, weil ich ja nichts bei mir hatte.

zehn minuten später rief der mensch wieder an.
"sorry, ich war eben doof zu dir."
"naja...", versuchte ich mich in souveränität und hoffte, dass es nicht gequält klang.
doch der mensch besitzt ein gespür für meine untertöne:
"doch. war ich. und es tut mir leid."
"schon okay. und nun?"
"ich war eben beim neurologen und wie erwartet hatte der keine ahnung, was er mit mir machen soll. ich hab ihm den ganzen fall quasi von kindheit an geschildert, und er faselte was von migräne und ich solle ibuprofen nehmen."
"ibu hab ich in der tasche."
"ibuprofen wirkt bei mir so wie aspirin, also gar nicht."
"achso. naja, und was nun?"
der mensch atmete tief ein:
"ich würde auf dein angebot zurückkommen. schließlich muss ich bis morgen was abgeliefert haben."

ich hielt inne. es war halb acht uhr morgens. ich stand sehr erschöpft in der eiseskälte mitten auf der straße und hatte nichts. außer das warme gefühl für den menschen in der brust.
"okay", sagte ich. "ich muss aber erst fragen, ob ich wo was bekomme."
"wenn nicht dann nicht", sagte der mensch. "bring dich nicht in gefahr."
"neinnein", sagte ich sarkastisch. "glaub bloß nicht, dass du mir wichtig bist."
der mensch lachte ein bisschen.
"dann bis nachher. achja, und alles, was du ausgibst, bekommst du natürlich wieder. und es ist mir relativ egal, wie viel das ist."
"du bist gerade für alles zu haben, was?"
"du weißt doch, wie das bei starken schmerzen ist."
"klar. ist ja gut, ich mach mich auf den weg. kann aber dauern."
"tausend dank!"

ich rief bei quelle nummer eins an. die schlummerte wie erwartet leider tief und fest. also wählte ich quelle nummer zwei, die, wie ich zunächst dachte, mit recht hoher wahrscheinlichkeit entweder noch wach sein oder durch das klingeln aufwachen würde. doch ich hatte pech.

ich überlegte. das objekt fiel mir ein. das sicherlich ohnehin gegen acht oder halb neun aufstehen würde, weil der lütte spätestens dann bespaßt werden wollte. ich zögerte, doch irgendwie war es mir egal und ich wählte die ach so vertraute nummer. es klingelte sechs- oder siebenmal an, danach ging die mailbox ran.

verdammt. wen könnte ich noch fragen? k. vielleicht. der hatte einen kollegen, der regelmäßig rauchte. vielleicht k. fragen, ob er eben mal beim kollegen anklingeln konnte? hm. das war peinlich.
just als ich das handy wieder in die hand nahm, rief jemand an. das objekt.
"hey!"
"morphine..." nuschelte das objekt verschlafen in den hörer. "was denn los? depressionen? überdosis geballert? todesfall irgendwo?"
"ääähhh... nö. ich hab ein ganz freches anliegen."
"wasn?"
"kann ich mir was von deinen küchenkräutern schnorren? jetzt sofort?"
das objekt musste lachen:
"das ist nicht dein ernst, oder?"
"mein voller", sagte ich streng.

"ich hab nichts hier", sagte das objekt dann, was ich sofort anzweifelte.
"du schwindelst doch?"
"nein, echt nicht. ich hab nur noch was im depot."
das objektive depot war ein drogen-grab im park.
"wenn du mir sagst, wo das ist, hole ich das da raus."
das objekt war inzwischen hellwach und analysierte:
"sag mal, morphine... irgendwas stimmt doch nicht bei dir. warum hat du so nen geier auf rauchen? hast du was geschnupft und kannst nicht schlafen?"
"nein, es ist alles okay. ich brauche das als schmerzmittel für jemanden."
das objekt seufzte.
"okay, du chaos-prinzessin... ich hab noch eine gute halbe stunde, dann wacht der kleine auf. wenn du mir sagst, wo du bist, komm ich rum."

eine viertelstunde später tauchte das objekt tatsächlich auf. es hatte waschbärringe unter den augen und die langen roten haare flatterten ungekämmt im wind. es kaute hubbabubba-kaugummi mit kirschgeschmack und küsste mich, indem es eine kaugummiblase an meiner wange platzen ließ.
"komm, ich hab nicht viel zeit."
es bedeutete mir, auf die fahrradstange aufzusteigen.
"geht das auf der stange mit dem mantel?"
"zieh ihn besser aus, der hängt sich sonst in die speichen."
"oooh neee, weißt du, wie kalt mir ist?!"
da streifte mir das objekt den mantel einfach ab und klemmte ihn auf den gepäckträger. es packte mich auf die stange, öffnete seine motorradjacke und zog mich an sich.

eingehüllt in objektduft und -wärme fuhren wir eine kleine strecke zum park. das objekt stiefelte zielsicher durch tulpen und narzissen und begann dann in wurzelnähe eines baumes zu scharren.
ich kam mir vor wie im falschen film und musste ununterbrochen grinsen. doch das objekt war flink wie ein eichhörnchen und zog kurze zeit später ein päckchen aus dem boden. es öffnete die tüte und reichte mir ein beachtliches häufchen böse kräuter.
"nicht so viel", wehrte ich ab.
"also wenn, dann muss sich das jetzt lohnen", fand das objekt.
"danke", sagte ich und gab ihm einen kuss auf den mund. "was schulde ich dir?"
"das kannst du halten wie du magst", erwiderte das objekt, großzügig wie eh und je.
"danke", sagte ich noch mal.

"wo musst du denn jetzt hin?", fragte das objekt, als wir wieder auf der straße standen.
"so richtung kieler straße."
"dann bring ich dich."
das objekt schlang mir seinen schal um den hals, dann fuhren wir wieder in seine jacke gepackt den weg zurück.
als wir in der straße standen, in der der mensch wohnte, kämpfte ich alle gefühle in mir nieder, während das objekt meinen mantel um meine schultern drapierte, verspielt imaginären staub abklopfte und fragte:
"willst du den schal behalten?"
"nein", sagte ich und befreite mich von dem weichen ding, das intensiv nach objekt roch. im eisigen luftzug begann ich sofort zu schlottern.
"ja dann... ich muss zu meinem sohn", sagte das objekt.
"tschüß", sagte ich kühl und peilte die haustür an.
als ich schon geläutet hatte, drehte ich mich noch einmal um. das objekt stand noch immer auf der straße und starrte mich an. dann ging der summer und ich rannte die treppen hinauf.

oben stand der mensch in der tür. er strahlte und zog mich an sich.
drinnen war es warm und sicher. es roch nach zuhause. während ich gegen neun uhr morgens in die hellblauen kissen kroch, setzte sich der mensch an den schreibtisch und begann zu arbeiten. der würzige geruch von brennenden kräutern zog durch die wohnung und killte endlich den letzten objektgeruch an mir.

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