Dienstag, 29. Mai 2012
we love you
... as long as you feed us...



und glaub uns, wir haben dich genau im blick....


das gesamte wochenende über tapfer in einsamkeit geübt. ist ja eine meiner eher schwachen disziplinen. also ausbaufähig.

die enten haben mich heute als einzige lebewesen begleitet. dafür habe ich gerne eine paar brotkrumen gegeben.

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Samstag, 26. Mai 2012
die fette bulldogge sehnsucht
die fette bulldogge sehnsucht steht mit ihrer derben schnauze vor mir, speichelt auf den teppich und kaut am türrahmen. wenn ich mich zwei schritte bewege, kläfft sie und will zuwendung. sie selbst ist indes immer auf den beinen und wuselt herum, stößt an empfindliche stellen und verursacht glasbruch: eine tasse, ein teller, ein herz.

sie ist kein schoßhund und so hässlich, dass man sie nicht anfassen möchte. ich nicht und ein anderer schon dreimal nicht. sie lässt sich auch nur schwer an die leine legen. die nagt sie einfach durch, in einem wütenden moment. ein schlecht erzogenes tier, aggressiv und bissig.

gestern wanderten wir stumpf und out of space durch die straßen des kiez und ich hoffte, der chemische nebel in meinem blut möge die fette bulldogge endlich verschlucken. doch der köter zog mich weiter und wusste offenbar instinktiv sehr genau wohin.

gegen halb vier, als wir die holstenstraße überquerten, blieb die fette bulldogge plötzlich stehen, während zwei hände mein gesicht packten und ein kuss auf meiner stirn landete.
"morphine! was für ein zufall, was machst du denn hier?" fragte mich das objekt.
"keine ahnung", sagte ich wahrheitsgemäß.
wir standen auf einem grünstreifen neben einer ampel, links und rechts rasten taxis an uns vorbei, und die fette bulldogge hatte in respektvoller entfernung friedlich sitz gemacht.
"ich wollte eigentlich noch in keller", berichtete das objekt, "aber da haben sie mich so nicht reingelassen."
das objekt war alkoholisiert und hatte feine klamotten an.
"meine cousine hat heute geheiratet", sagte es und zeigte auf hemd, bügelfaltenhose und ordentliche haartracht.

dann standen wir nebeneinander und rauchten eine zigarette.
"ein bier wäre jetzt nett", fand das objekt.
"hm", sagte ich und schaute mich nach der fetten bulldogge um, die in der ferne um einen baum schlich.
"erinnerst du dich, als wir mal über den teil gesprochen haben, der mich mit dir verbindet?" sagte ich dann unvermittelt.
"ja", schaute mich das objekt wach und erwartungsvoll an.
"das ist eine gabe, die du hast."
das objekt lächelte geschmeichelt und schaute fragend.
"deine gabe, das heißt, du kann menschen, insbesondere wohl frauen, etwas vermitteln, wonach sie unbewusst schon ewig suchen."
"das ist interessant, das hat mir ja noch niemand gesagt", erwiderte das objekt.
"aber insgeheim weißt du es. und du weißt auch um die abhängigkeiten, die du erzeugt, vor allem dort, wo du mit deiner gabe nicht verantwortungsbewusst umgehst. und gleichzeitig kennst du wahrscheinlich auch die kehrseite der medaille, dass menschen dich nicht mehr loslassen können und ihre forderungen dich unter druck setzen."
"ja", sagte das objekt ernst.
"du bist aber kein heiler. du bist ein joker. du bist ein joker, den man nicht spielen kann, ohne zu verlieren. und man neigt dazu, dich zu verspielen, weil du es so dermaßen herausforderst, in beinahe jedem moment."

das objekt starrte mich mit offenem mund an und schwieg eine weile, bevor es sagte:
"touché, madame. ohne dass ich jetzt sagen kann, dass ich das zu hundertprozent verstanden habe, fühle ich mich jetzt irgendwie ertappt... so ertappt, wie man sich selbst manchmal unvermittelt ertappt... in dingen, die schon lange verborgen in einem liegen."
ich nickte wild.
das objekt betrachtete mich.
"manchmal glaube ich, der grund, dass wir uns begegnet sind, ist, dass du so eine art orakel für mich bist. du scheinst mich zu kennen, oft auch in den dingen, die du eigentlich gar nicht wissen kannst."
"vielleicht ist das teil, der ich für dich bin."
"vielleicht, aber ich denke, das ist längst nicht alles."

dann nahm mich das objekt in die arme und meinte:
"ich nehme mir jetzt ein taxi nach hause. wie kommst du heim?"
"mit dem rad."
"irgendwann passiert dir mal was."
"worauf du einen lassen kannst."
"ich finde das nicht komisch", sagte das objekt streng.
"tschüß, vaddi", sagte ich lächelnd.

solange ich kräftig in die pedalen trat, hechelte die fette bulldogge hinter mir her und blieb immer weiter zurück. erst zuhause im bett plumpste sie mit vollem gewicht auf meine brust und versuchte, mich vom schlafen abzuhalten, indem sie mir mit ihrer schleimigen zunge tränen in die augen leckte.

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Dienstag, 22. Mai 2012
schluss mit lustig
die steuererklärung liegt auf dem tisch und frisst die zeit. gleichzeitig macht der gedanke, dass ich mit wöchentlich 50 bis 60 stunden harter arbeit einem haufen feiger und bornierter affen im reichtag ihre pensionen sichere und selber kaum überleben kann (mein nettolohn liegt erschreckenderweise immer noch unter 1.000 euro, stellte ich gestern fest), sehr viel lust darauf, bomben zu werfen, zu brandschatzen und leuten höchstpersönlich die zähne aus den dummen fressen zu treten.

"da kann alles so nicht weitergehen", sagt der architekt gestern im club. der architekt, der vor kurzem in einen vorstand gewählt wurde und eine anfrage von der uni für eine professur hat, hat das illustre system, in dem er neuerdings steckt, ganz fix durchschaut: "die parteien und so, das ist alles eine scheinwelt. regiert wird heutzutage durch die hintertür. das ist die schlimmste form von entmündigung überhaupt, denn sie ist verlogen bis in den letzten winkel. mit soviel perfidität kann nicht mal mehr eine hitlersche diktatur mithalten."

die städtebaulichen regierungsvorhaben, von denen der architekt berichtet, dienten ganz bewusst dazu, die soziale schere noch weiter zu spreizen.
"das alles wird unter einem sozialen deckmantel verkauft, sodass die leute glauben, man täte ihnen auch noch was gutes."
dem architekten stinkt das: "an die presse gehen müsste man."
"dann verlierst du aber vielleicht das, was du dir aufgebaut hast", erwidere ich.
"inzwischen ist mir das scheißegal. ich habe den vorteil, dass ich finanziell ausgesorgt habe. und ich sage dir, ich habe die schnauze voll von all den leisetretern. außer unserem oberbürgermeister, der wenigstens noch nicht verlernt hat, den mund aufzumachen, sitzen in unserer regierung nur pfeifen, die sich unter einem verkrusteten system ducken, das gerade dabei ist zu zerbrechen. ich meine, hey, die rufen mich zuhause an und fragen mich, was sie machen sollen, weil sie keine manpower haben. mich! bin ich könig von deutschland?"

"ich weiß nicht, ob das mit der presse funktioniert", sage ich. "die leute lesen doch heutzutage nicht mal mehr richtig zeitung. höchstens als unterhaltunglektüre, am abend, wenn sie ins traute heim zurückkehren und die füße hochlegen wollen. die meisten sitzen doch scheintot in ihren ikea-verliesen, lassen sich vom fernseher berieseln oder beschäftigen sich mit dem demokratieersatz facebook. politisches interesse, das haben die meisten doch nur, weil sie sich gerne auch mal was semi-schlaues sagen hören möchten."

"trotzdem, du musst ja mal wo anfangen", sagt der architekt. "und ich will anfangen, wenn´s sonst schon keiner macht. ich habe das privileg, dass es mir nicht schaden kann. mich brauchen die sowieso."
"du hast dir ganz schön selbstbewusstsein zulegt", finde ich.
"ja, das kam so im laufe des letzten jahres... früher wollte ich bloß eine familie und ein haus mit garten", sagt der architekt. "aber das ist doch alles bullshit, es gibt viel zu viel zu tun!"

"okay, dann machen wir jetzt eben eine revolution", beschließe ich. "du machst nen plan, und ich mache dann den teil mit der presse."
"ach stimmt, du machst das ja beruflich", erinnert sich das architekt.
"meinst du, das geht?"
"keine ahnung", sage ich, "grundsätzlich geht fast alles, solange du kein geld dafür willst."
der architekt lacht.
"das ist nicht komisch", fahre ich ihn an. "wenn ich mal nicht mehr arbeiten kann, bleibt mir ja nichts. und ich werde nicht unwürdig alt werden und jeden tag zur tafel schleichen und das fressen, was mir irgendwelche bonzen übriglassen. senioren-suizid wird in 10, 20 jahren, wenn alles zusammengebrochen ist, bestimmt mal ein großer trend. deshalb müssen sie auch irgendwann aktive sterbehilfe legalisieren - ich meine, das entlastet ja das marode system."

der archtitekt schaut mich an:
"manchmal denkst du wirklich ein bisschen sehr schwarz."
"ich bin eben realistin", rechtfertige ich mich. "aber vielleicht rettet uns ja deine revolution."
"ich meine das ernst", betont der architekt.
"ich meine das auch ernst", erwidere ich.
"ja, dann, schluss mit lustig, oder? lass uns da mal zusammensetzen und überlegen, wie wir das angehen."
"wir werden die erste zwei-mann-revolution sein."

bevor der architekt blinzeln kann, küsse ich ihn auf den mund.
"dann mal gute nacht. die revoluzzerin muss jetzt schlafen."
der architekt strahlt verstrahlt und küsst mich dann schüchtern zurück.
ich gehe hinaus in die warme nacht und fühle mich zum ersten mal seit langer zeit wieder verstanden und bestärkt in dem, was im grundes meines herzens brennt: wir dürfen nicht nur reden. es ist zeit, etwas zu bewirken. und ich bete, dass uns der mut nicht verlässt.

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Sonntag, 20. Mai 2012
sonntage
sonntags gehen menschen in familienformation spazieren, liegen im garten, grillen oder sitzen zuhause und arbeiten für montag vor. sie sehen dabei ausgesprochen sonntagsgefickt aus, sprich, sie haben diesen ausdruck zwischen fetter zufriedenheit, ultimativer langweile und grauen vor dem montagmorgen im gesicht. einige verstecken diese fresse hinter solarumsbräune, einer ray ban-sonnenbrille oder der besorgtheit um das quengelnde balg. aber keiner kommt dem sonntag davon. keiner.

der sonntag kneift dich schon mit den ersten lux, die durch den vorhang kriechen. sobald du blinzelt, liegt er ausgestreckt vor dir, in voller stundenlänge. du kannst versuchen weiterzuschlafen, zu masturbieren oder wahlweise den menschen nebendran zu penetrieren. der sonntag steht im zimmer und glotzt dich an, schal wie ein bier vom vorabend.

also stehst du auf und hast ein paar sonntagsideen. let´s make a revolution. occupy sunday! du nimmst an einer facebook-petition teil, die für den erhalt von steinwanzen in der afrikanischen wüste kämpft und diskutierst mit dem nachbarn über den zaun, wie man den rasen grüner kriegt. du musst bauen und erschaffen, dir einen sinn zurechtzimmern, vier wände, böden, dachterrasse, eine höhle für die expandierende leere im kopf. revolution, evolution, ein buchstabe mehr oder weniger, scheißegal, und wenn du auf den ganzen quatsch mal keinen bock hast, gehst du kegeln oder vögeln, hauptsache einmal in die vollen, ohne zu vergessen, hinterher alles wieder artig zurechtzurücken, zuzuknöpfen und das blumenbouquet von schwiegermama davorzuschieben.

am abend dann die tagesschau, vielleicht noch ein wenig schwachsinn auf sat1 oder pro7, mit einem gut eingespeichelten wurstbrot zwischen den zahnreihen fühlt sich der sonntag schon halb verdaut an, kleine häppchen, die man mit dem montagsstuhlgang wieder ausscheiden kann, und nächstes wochenende dann alles once again with feeling.


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Sonntag, 13. Mai 2012
the heat is on
die letzten wochen die luft angehalten. war ja viel zu tun. an lebensberührungspunkten, die ganz woanders lagen als im club oder im freundes- und affairenkreis. die ernte einfahren, da, wo es überhaupt noch lohnt, und berufliche sackgassen und einbahnstraßen abbrechen. zukunftsplanung betrieben, sehnsüchte eingestanden, distanz geübt und eine freundschaft aufgekündigt.
ich bin so frei. der herr, die dame, sie mögen es mir verzeihen, dass ich derzeit im inneren exil lebe.

ins größte selbstregulierungschaos funkte mir das objekt, das die ankunft der küchenaccessoire-lieferung verkündete. gestern, nach einem langen und anstrengenden tag, rang ich mich dann durch, sie abzuholen. ich radelte kurz nach beinahe-nebenan in die romantische sozial-siedlung und erwischte das objekt, das gerade von der spätschicht kam, noch am aufzug. eine ganze überstunde hatte es gemacht, erzählte es mit leuchtenden augen, und dass es ihm nichts ausmachte, es sei ja so ein schöner job. ich staunte. noch bevor ich fragen konnte, ob es sich was eingeschmissen hatte, klingelte das objekt-handy. die objekt-mama rief aus ossiland an. das objekt schäkerte und lachte mit ihr, dass mir zwischenzeitlich zweifel kamen, ob es sich tatsächlich um seine mutter handelte, doch dann fiel zweimal das wort "mama" im eindeutig nichtironischen kontext.

oben, als es den zweiten flur aufschließen musste, sah mir das objekt erstmals in die augen und nahm mich begrüßend in die arme. es wirkte vollkommen klar, selbstsicher wie selten und überhaupt irgendwie sehr gesund, sofern man dieses wort mit dem objekt in zusammenhang bringen darf. ich fühlte mich plötzlich ziemlich klein und doof daneben.
"du bist ganz anders", rutschte es mir heraus.
das objekt lächelte wissend und bat mich dann förmlich herein in sein winziges reich.

wir regelten zunächst das geschäftliche, dann holte ich zwei bier, die ich mitgebracht hatte, aus der tasche.
"ein kleines dankeschön für die kriminellen freundschaftsdienste."
das objekt strahlte, als hätte ich ihm den lotto-jackpot ausgehändigt.
"das ist ja cool, ich hab überhaupt keinen alkohol mehr im haus. wenn du noch ein bisschen zeit hast, dann lass uns das doch gleich zum anlass nehmen. trinken wir zusammen eins!"

das objekt verrückte sessel und tisch so, dass wir zu zweit sitzen konnten und machte kerzen an. dann drehte es einen joint.
"das ist die kostprobe, sozusagen", meinte es und holte dann zu einem längeren exkurs über anbauort und ernteverfahren aus. ich fühlte mich fremd und verlegen, unfrewillig gast, fragte mich heimlich, was das objekt so empfand und wie viel dieser offensichtlichen souveränität show war.

dann nippte das objekt an seinem bier und sagte:
"ich bin ja so stolz... das ist mein erstes alkoholisches getränk für diese woche. das zeigt mir: hey, ich kann auch ohne!"
"und dass, wo du immer so viel getrunken hast."
"seitdem ich hier wohne, irgendwie kaum mehr. höchstens zum feiern. ich kiffe, aber alkohol... das war so ein punkt, an dem ich neulich ankam, als ich im supermarkt an der kasse stand: ich will so nicht enden."
"enden wie wer?"
"wie mein vater."
mir blieb der mund offen stehen. das objekt redete sonst nie von seinem vater. "ich habe keinen vater", sagte es sonst höchstens, oder "mein vater ist für mich gestorben."
in mir fielen mehrere groschen.
"dein vater ist..."
"alkoholiker", beendete das objekt meinen satz.

wir starrten gemeinsam aus dem fenster in die birke, die in der nacht raschelte und ab und an das glas berührte. dann erzählte das objekt die kurzfassung seiner kindheit. vom immer abwesenden da besoffenen vater, der den jüngeren bruder ganz eindeutig vorzog und der mutter, der es immer nur um die objektive sportlerkarriere ging.
"ich war der letzte arsch, zuhause und auch in der schule. und das schlimmste war, als sie mich dann in dieses internat gesteckt haben. zum glück hatte ich meine oma... mit meiner oma bin ich neulich die grenze abgefahren, die dörfer ihrer kindheit... und dann haben wir das haus gefunden, in dem sie als kind gelebt hat..."
das objekt sprang auf und begann zu kramen. dann holte es eine große schieferschindel hervor.
"das ist von ihrem haus... das habe ich mitgenommen als andenken."
die objekt-augen leuchteten, während ich aus dem staunen nicht herauskam.

"du bist ein ganz anderer mensch geworden", blinzelte ich schließlich. "wie du redest... dein auftreten, deine haltung... dein blick..."
"naja... meine komplexe hab ich alle noch", lachte das objekt. "du ja auch, da kommt man nicht so fix raus."
"meine komplexe, soso."
"du magst dich nicht."
"das stimmt so nicht ganz."
"aber teilweise."
"na und?"
"so kann man dich ganz schwer lieben, morphine", sagte das objekt da. "zumindest muss man so stark sein und es schaffen, deine zweifel an dir nicht zum zweifel an deiner liebe zu machen. du gehst immer, wenn dir jemand nahe kommt... zumindest innerlich. vor allem, wenn jemand selbst sehr unsicher ist, wird er sich bei dir vielleicht... alleingelassen fühlen."
ich schwieg.
"ich wollte dir jetzt nicht zu nahe treten", sagte das objekt und lockerte seine therapeuten-haltung.
"nein, schon okay, ist ja nichts, was ich nicht weiß."
"aber du kannst es nicht umsetzen, was?"
"irgendwie nicht", sagte ich matt. da rutschte das objekt ganz nah an mich heran, bis seine knie die meinen berührten, zog mich ein stück zu sich und legte seine wange an meine.

"was sagt deine zeit?" fragte das objekt dann.
"soll ich gehen", fragte ich peinlich berührt.
"neinnein", wehrte das objekt ab. "ich dachte vielmehr gerade, dass du doch vielleicht bleiben könntest. wenn es geht und wenn du dir das vorstellen kannst."
"warum?"
"nicht, dass ich notgeil wäre, aber... weil du es eben bist. weil ich es mir wünsche und es mir gerade schön vorstelle, neben dir einzuschlafen."
hm! soweit hatte ich in meinen kühnsten träumen nicht gedacht.
"wir können ja mal sehen", sagte ich diplomatisch. "wenn ich gleich zu bekifft bin, um noch radzufahren, überlege ich es mir."

das objekt kramte alte brettspiele aus einer kiste, dann saßen wir auf dem bett zwischen karten und würfeln und einem schachbrett. wir spielten alles mögliche, und ich gewann beinahe jedes mal.
"revanche", rief das objekt ein ums andere mal. "du kränkst meinen männlichen stolz!"

sehr spät und vom vielen lachen ganz erschöpft räumten wir dann alles wieder in die kiste. am boden der kiste fand ich einen papierhaufen.
"was ist das denn", fragte ich das objekt. "ein ratespiel?"
"nee, das ist ein iq-test", sagte das objekt.
"so einer aus dem internet oder ein richtiger?"
"ein wissenschaftlicher", sagte das objekt.
ich blätterte und blätterte. da hatte jemand notizen gemacht. am ende stand die auswertung: 142.
"uiuiui", sagte ich. "da haste aber kluge patienten. wer hat den denn machen müssen?"
"ich", sagte das objekt da.
ich war sprachlos.
"naja, ich konnte das auch erst nicht glauben", meinte das objekt. "ich hab dann noch mal einen anderen gemacht, der noch umfassender ist und zwischen den unterschiedlichen intelligenzen, die man so haben kann, differenziert. da hatte ich dann 138."
ich konnte es noch immer nicht fassen.
"mein einziger großer schwachpunkt ist die handlungsintelligenz", berichtete das objekt. "heißt also, ich denke klug, handle aber nicht so. deshalb bin ich wahrscheinlich der, der ich eben bin."

gegen halb drei uhr nachts warf das objekt einen film in den dvd-player. wir saßen auf dem bett, rauchten und mümmelten vollkornbrote mit tomate-mozzarella, die das objekt in mundgerechte häppchen geschnitten hatte. irgendwann rollte sich das objekt zur wand und bewegte sich nicht mehr. es war eingeschlafen. ich machte den fernseher aus und die übliche gutenacht-kerze an, holte mir eine zweitdecke und nutzte die freie hälfte des bettes. ich schlief tief und fest, komplett angezogen genau wie das objekt und wurde erst am frühen nachmittag wach, weil es warm und stickig war und das objekt sich über mich gerollt hatte.
"wie spät isses denn", murmelte das objekt im halbschlaf.
mein handy zeigte mir 13:27 uhr.
"halb fünf", sagte ich todernst.
"oh mein gott", fuhr das objekt auf.
leider muss ich bei meinen eigenen scherzen immer zu früh kichern.
"das stimmt gar nicht, oder", durchschaute mich das objekt rasch. ich lachte, und das objekte boxte mich. dann kniete es über mir und ich registrierte den ersten gefährlichen moment.
"hunger", sagte ich schnell.
"ich mach frühstück", sprang das objekt eilfertig auf.

während das objekt den tisch deckte, tauchte ich, klebrig und verschwitzt wie ich war, erst einmal in der badewanne unter. dann plötzlich kam das objekt mit dem guten-morgen-joint herein und ließ sich auf dem pott nieder, um mir aus seinem neuen buch vorzulesen. ich zog flux die knie ans kinn und bewegte mich nicht mehr, damit keine löcher im schaum entstanden. obwohl es im wasser mollig warm war, begann ich vor anspannung innerlich zu schlottern.
"also entspannt baden sieht irgendwie anders aus", kritisierte das objekt bald darauf meine körperhaltung.
"das wasser ist schon ein bisschen kalt", schwindelte ich.
schwupps, beugte sich das objekt über die wanne und ließ heißes wasser nach.
"besser?"
"jaja."
"du hast wimperntusche im gesicht", stellte das objekt richtig fest.
"ich hab mich gestern nicht abgeschminkt."
das objekt verließ das bad und kam mit einem waschlappen und watte wieder.
"augen zu", befahl es mir und krempelte die hemdsärmel hoch. dann entfernte es mit der watte mein rest-make-up und wusch mir anschließend das gesicht, hals und schultern. ich kam mir vor wie in der badewannenszene bei "secretary".
"du hast so ein schönes gesicht", fand das objekt. "ich glaube, du wirst auch mit 80 noch gut aussehen."
dann verließ es ziemlich abrupt das badezimmer. brandgefährliche szene nummer zwei gebannt.

nach dem frühstück und dem dritten joint, als die welt wieder angenehm in die ferne rückte, räumten wir auf und lüfteten.
"ich würde dann mal gehen", sagte ich.
"hast du noch was vor?" fragte das objekt.
"naja... ich kann ja nicht noch ewig hierbleiben."
"nicht ewig... aber so bis kurz vor neun? dann hab ich nachtschicht und wir könnten zusammen mit den rädern los", schlug das objekt vor.

also kuschelten wir uns wieder ins bett und machten musik an. nach einer weile zog mich das objekt an sich. ich suchte vergeblich nach einem feuerlöscher für den brandgefährlichen moment nummer drei. doch wenn ich ehrlich war, hatte ich nach fast 24 stunden in der objektiven pheromonwolke gar keine lust mehr auf feuerlöschen.

als wir vor der objekt-arbeitsstätte standen und uns verabschiedeten, meinte das objekt:
"was für ein teufelsritt, du weib. und ich muss jetzt arbeiten!"
ich grinste.
"ich hab ja urlaub."
"stimmt, du bist ja auch gleich nicht mehr da."
"jupp."
"dann wünsch ich dir was.
"ich dir auch."
"das kopfkino jetzt gleich auf arbeit nimmt mir ja keiner."
"dann behälst du mich ja in guter erinnerung."
"das war doch hoffentlich nicht das letzte mal!"
"you never know."
ich schwang mich in den sattel und machte, dass ich weg kam.

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