Dienstag, 2. August 2011
fokus
während ich hier noch immer mit dem objekt hadere, gibt es 600 km entfernt eine person, die mich in den letzten wochen tagtäglich gefragt hat, wie es mir es geht. die versucht, mich zu verstehen. der das teilweise sogar gelingt.

das ist etwas, was sonst kein zweiter für mich getan hat. was ich von zwei oder drei anderen allerdings durchaus erwartet hätte (also nicht täglich, aber sie wissen schon). von besagter person allerdings am wenigsten.

wie falsch man den fokus also manchmal setzt. obwohl das mit liebe oder so nichts zu tun hat. nur mit freundschaft und menschenfreundlichkeit. oder im speziellen mit morphine-freundlichkeit. was mich, die man mich auch schon hämisch fragte, ob ich mich eigentlich für liebeswert hielte, zutiefst berührt hat.

wie immer hoffe ich, dass diese freundlichkeit keine luftblase ist. von menschen mit leeren versprechungen, die mir nur ihr eigeninteresse und ihre lebensvorstellungen aufzwingen wollen, habe ich nämlich genug. für immer. hardcore-für-immer.

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Sonntag, 31. Juli 2011
run, baby, run
samstagabende mit multiplen ausgehoptionen bringen den vorteil mit sich, dass man einander aus dem weg gehen kann. so lautete die gestrige entscheidung: club1 oder club2? ich checkte vorsichtig bei der objektexwiederfreundin an, wie der ausgeh-fokus des abends stand, um dann scheunigst die entgegengesetzte richtung einzuschlagen.

die objektexwiederfreundin hatte einst den wunsch club2 geäußert, erinnerte ich mich, doch nun erfuhr ich, dass das objekt das club1-wohnzimmer bevorzugte - und was das objekt wünschte, war natürlich gesetz. hin und wieder hatten wir es entgegen seinen willen auf andere parties mitgeschleift, wo es dann jedesmal innerhalb einer stunde stillschweigend spurlos verschwand. in solchen fällen lief immer das gleiche: man suchte es stundenlang, dann begann man sich zu sorgen und einander vorwürfe zu machen, weil man ja nie wissen konnte, ob das objekt nicht gerade mit der nadel im arm in einer dreckigen toilette das zeitliche segnete. das objekt formte so ganze abende, ohne dass man sich dem widersetzen konnte.

"kommst du vorher noch bei uns vorbei?" fragte die objektexwiederfreundin.
ich redete mich raus: kopfschmerzen, arbeitssuche, schlechte laune und meldete mich auch gleichzeitig für den club ab.
ich merkte, dass die objektexwiederfreundin keinen bock auf den club1 hatte und dass die negative energie der diskussion darum noch im raum hinter dem telefonhörer stand.
"ja schade", fand die objektexwiederfreundin. "ich hätte irgendwie das bedürfnis gehabt, dich zu sehen."
mir wurde warm ums herz. aber ich wollte das objekt nicht sehen, schon gar nicht nach der letzten nacht des gegenseitigen ignorierens.

als ich unter der dusche stand und die painkiller langsam zu wirken begannen, klingelte erneut das handy. es war die drittefreundin.
"wir gehen doch in den club2", trällerte sie.
"wieso? ich dachte, der dritte ist krank?"
"ach, der. als ihm einfiel, dass heute club2 ist, hat er sich spontan für gesund erklärt und will jetzt unbedingt noch hin."
für eine 21-jährige klang die drittefreundin manchmal ungeheuer altklug und mütterlich.
"das heißt, ihr seid definitiv da?"
"ja, so etwa in einer halben stunde, also so gegen halb zwei."
"ich beeile mich, aber ich denk mal, bei mir wird das bestimmt zwei."

ich machte mich in windeseile fertig und schwang mich aufs rad. ich musste einmal quer durch die stadt, und das mit kaputter bandscheibe. aber besser alleine auf dem rad als in der u-bahn mit lauter besoffenen vollspacken, sagte ich mir.

als ich über die wackelige hängebrücke den club2 enterte, sah ich schon gleich die drittefreundin. sie winkte mir, dann fielen wir uns in die arme.
"schön, dich zu sehen", sagten wir wie aus einem mund und mussten lachen.
"du, ich muss dir was sagen", wisperte die drittefreundin.
"was denn?"
"die objektexwiederfreundin ist auch da."
ich staunte.
"aber ohne das objekt", raunte die drittefreundin.
ich machte tellergroße augen.
"klingt, als gäbe es jetzt gleich die üble geschichte dazu."
"du ahnst es."
"erzähl, du kannst es eh nicht für dich behalten."
"also: die objektexwiederfreundin wollte eigentlich ursprünglich hierher kommen."
"ich weiß."
"dachte ich mir. naja, dann wollte das objekt aber nicht, sondern wie immer in den club1. die objektexwiederfreundin hatte dann eingelenkt und wollte mit in den club1 kommen."
"weiß ich alles. und dann hat sie umentschieden?"
"genau. und du weißt, sie ist ja nicht aus hh und kennt sich hier überhaupt nicht aus. das objekt versprach ihr, dass er sie bis zur bahn bringt."
"die s-bahn liegt ja eh halb auf dem weg zum club1."
"eben."
dann, so die drittefreundin, sei die objektexwiederfreundin ausgehfertig in den schuhen gestanden, während das objekt sich den x-ten joint des abends drehte und meinte, er habe jetzt keinen bock, sie zur s-bahn zu bringen, sie könne ja auch den bus nehmen.
"und dann irrte die objektexwiederfreundin durch die gegend und suchte den bus, der ja eh nur alle 20 minuten fährt. es hat ewig gedauert, bis sie wenigstens endlich mal an der s-bahn war."
"das klingt ja nach ganz, ganz großer liebe", stellte ich trocken fest.
"das ist so ein mieses schwein", regte sich die drittefreundin auf.
"nunja", sagte ich. "wenn es sonst stimmt, würde ich mich jetzt an so einer situation nicht aufhängen. männer sind so. und kiffer sind gleich noch mal viel schlimmer. allerdings sind die doch jetzt erst seit zwei wochen wieder zusammen. da fehlt mir jetzt schon so ein bisschen die verliebtheit..."
"ich weiß echt nicht, was das für ein komisches verhältnis ist", schüttelte die drittefreundin den kopf.

dann ging sie an die bar, wo der dritte auf seine cola wartete und sich mit einem bekannten unterhielt.
"hallo!" sagte eine stimme.
ich fuhr herum.
da stand die objektexwiederfreundin und strahlte mich verwundert an.
"morphine, du hier?"
"ääähhhh.... ja", stammelte ich. mist. was sag ich ihr nur, nachdem ich vorhin alle aktivitäten abgeblasen hatte?
"gehts dir wieder besser?"
"ja, die schmerzen wurden ganz plötzlich besser... ich hatte mich noch mal hingelegt, manchmal drückt man dadurch ja wieder was in die richtige richtung..."
die objektexwiederfreundin guckte lieb, aber traurig. ich hatte den wunsch, ihr alles zu erklären, aber ich hielt die klappe. der rückzug hatte ja schließlich genau den sinn, dass die beziehung durch mich ungestört weiter funktionieren konnte.

"das objekt ist übrigens nicht da", informierte sie mich dann.
"ich habs schon gehört", erwiderte ich. "keine schöne geschichte. komische beziehung habt ihr da."
"beziehung", schnaubte die objektexwiederfreundin verächtlich.
"naja, oder wie das objekt sowas halt nennt. feste freundin, glaub ich, hat es mal über dich gesagt."
die objektexwiederfreundin sah mich an. dann lehnte sie erschöpft den kopf an meine schulter.
"ach du... ich weiß auch nicht. ich glaube, das ist eh alles irgendwie am ende."
ich sagte nichts.
"manchmal wäre ich am liebsten du", meinte die objektexwiederfreundin.
ich erschrak.
"warum das denn?"
"du bist seine engste vertraute, es sagt dir alles ... du kennst es... du verstehst es... du bist auch so..."
ich staunte bauklötze. was hatte die objektexwiederfreudin denn für ein verklärtes bild von mir?
"das halte ich für ein gerücht", sagte ich. "und vielleicht wird es ja wieder."
die objektexwiederfreundin starrte aufs wasser.
"da ist nichts mehr. gar nichts. er schläft nicht mal mehr mit mir."
ich dachte nach und erinnerte mich an meine eigene objekterfahrung.
"vielleicht hat er gerade nicht das bedürfnis. vielleicht möchte er die körperliche nähe, aber ohne sexualität. er sagt, manchmal fühle er sich vollkommen asexuell."
dass dies üblicherweise nach besonders fick- und drogenreichen wochen der fall war, unterschlug ich mal. dass ich wusste, dass das objekt den sex mit der objektexwiederfreundin grundsätzlich eher scheiße fand, erwähnte ich natürlich auch nicht.
"in meinen augen ist es vorbei."
ich sah die objektexwiederfreundin erstaunt an. so viel klarheit in einem einzigen satz verblüffte mich.
"ich werde auch heute nacht nicht mehr dort schlafen", fuhr die objektexwiederfreundin fort. "ich bleibe beim dritten und der drittenfreundin."
"mach das so", nickte ich.
wir saßen schulter an schulter vor dem club und sahen auf drei schlafende enten im wasser. ich wusste, es gab keine worte, die jetzt zu trösten vermochten, aber es war gut, hier zu sein.

später wurde der abend noch sehr fröhlich. die musik war exzellent und wir tanzten viel. die objektwiederexfreundin flirtete mit einem jungen hoschi. irgendwann verabschiedeten sich die drei. ich blieb noch, bis die sonne aufging.

als ich zum fahrrad wankte und den schlüssel suchte, fiel mein blick auf mein handy.
das objekt hatte vier mal angerufen.

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Samstag, 30. Juli 2011
ende einer ära
nachdem ich mich nun erfolgreich von job und gesundheit verabschiedet habe (das bisschen phantomschmerz kriegen wir auch noch in den griff, den opioiden sei dank), beginne ich nun, zwischenmenschliche beziehungen zu kappen. mit k. haben wir ja schon mal vorarbeit geleistet. gestern nun ging es ans eingemachte: ans objekt.

passend zur allgemein asozialen stimmung habe den abend über erfolgreich den ignore-modus gefahren. der erfolg beruhte sozusagen auf team-work, denn ich wurde ebenfalls ignoriert. vermutlich soll es so sein.

als sich die tränen nicht mehr zurückhalten ließen und ich mich entscheiden musste, meinem bekannten, der geduldig mit mir ausharrte, in die schulter zu heulen oder zu gehen, entschied ich mich für mein bett.
"du kannst auch bei mir schlafen", bot mir der bekannte an, dem meine stimmungslage nicht entgangen war.
"nein, lieber nicht..."
"du kannst aber doch gern auch im gästebett schlafen", hakte der bekannte nach.
"ich fahre besser nach hause."
"sicher, dass du allein sein kannst?"
ich guckte den bekannten an, der mir inzwischen zu sehr ans herz gewachsen war, als dass ich es mir durch sex mit ihm versauen wollte, und umarmte ihn fest.
er hatte ja keine ahnung, wie wichtig seine anwesenheit und sein arm um meine schultern an diesem abend für mich gewesen waren.

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Donnerstag, 28. Juli 2011
die lage der kreativ-nation
fast alle unternehmen, für die ich arbeite, sind pleite oder akut von der pleite bedroht. der sommer ist höchst angespannt. wahrscheinlich verursacht das mir auch die bandscheibenvorfälle und potenziellen gehirntumore und sonstigen nervlichen ausfälle.

ich sehe diese kunden und partner an und weiß, sie haben verdammt gute ideen und sie geben alles, 50, 60 und mehr stunden die woche. ich sehe meinen hauptkunden, der gerade die geschäftsführungsebene wegrationalisieren muss und seine büroräume verkauft. ein anderer, familienvater, hat ein kind, das im september eingeschult wird. der künftige kostenfaktor schule treibt ihm den schweiß auf die stirn und lässt ihn nachts unruhig schlafen.

bis oktober bin ich noch beim besagten hauptkunden beschäftigt. es ist die erste agentur, für die ich gern gearbeitet habe. jut, die bezahlung ist nicht die beste, aber es ist die erste chefin, mit der mich schon mal privat betrunken habe und die vor mir offen über ihren lebensgefährten lästert. kurzum: zumindest phasenweise haben wir alle einen heidenspaß miteinander. zum ersten mal bin ich traurig, einen arbeitsplatz zu verlassen.

von jobexplosion und wirtschaftswunder also irgendwie keine spur. die rezession scheint jetzt erst richtig angekommen zu sein.

der winter könnte verdammt hart werden.

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Sonntag, 24. Juli 2011
wiedersehen
gestern abend, als sich der dauerschmerz kurz lichtete, plingte mein handy. ich hatte eine sms bekommen - von einer unbekannten nummer. jemand fragte mich, ob ich vor dem club vorbeikommen wolle. nett. theoretisch. bloß wer in aller welt war der absender?

also rief ich an. eine junge mädchenstimme ging ran.
"hey! wie geht´s dir denn? kommst du vorbei? kannst du? oder ist es immer noch so schlimm?"
die frau am anderen ende der leitung musste mich kennen. ich lauschte der stimme nach, konnte sie aber nicht identifizieren. ich fragte vorsichtig nach und entschuldigte mich zugleich für mein nichterkennen. die antwort katapultierte mich glatt vom stuhl: es war die objektexfreundin.

seit einer woche gab es erneute annäherungen zwischen dem objekt und der objektexfreundin. die objektexfreundin hatte sich kurzerhand während ihres urlaubs beim objekt einquartiert, was dieses sehr spannend fand. aus seiner sicht gab es allerdings wenig partnerschaftliche tendenzen. die objektexfreundin hingegen posaunte fröhlich in die welt, sie sei nun wieder mit dem objekt zusammen. nunja, da nährten sich unkonkrete äußerungen und wunschvorstellungen wohl gegenseitig. mir war das zunächst relativ egal gewesen, da ich mit mir und meiner welt beschäftigt war und ich es begrüßte, dass ich derzeit keinen objektkontakt hatte.

kurz darauf rief mr. shyguy an und fragte nach meinem zustand und den plänen für den abend. ich berichtet kurz vom geplanten sit-in. fünf minuten später war die sache geritzt und ich machte mich mit mr. shyguy im schlepptau auf zur wohnung des objekts. dort öffnete uns die objektexwiederfreudin. das objekt selbst war gerade beim nachbarschaftsdealer. das klang nicht gut.

während mr. shyguy den barkeeper machte und die objekt-alkoholvorräte mischte, unterhielt ich mich mit der objektexwiederfreundin über dies und jenes. ich stellte wieder fest, dass ich sie mochte, egal, wie sehr ich mich dagegen sträubte.
schließlich wankte das objekt in die wohnung und ließ sich in den sessel fallen. die augen glasig, die haare ungepflegt und wirr starrte es mich einige sekunden an, bevor es in meine arme sank und dann tiefer und tiefer, bis sein kopf in meinem schoß ruhte. ich guckte beunruhigt richtung objektexwiederfreundin. die objektexwiederfreundin sah beunruhigt auf das objekt. das objekt selbst grinste kurz ob der szenze und setzte sich dann aufrecht hin, um sich nach russenmanier korn in ein bierglas zu kippen und dieses dann auf ex zu leeren. nun guckten die objektexwiederfreundin und ich einander beunruhigt an.
"ich bin gerade so... i walk the line", nuschelte das objekt, was die situation sehr treffend auf den punkt brachte.
"du hast ja auch schon den ganzen tag geraucht", sagte die objektexwiederfreundin und ihre tonlage schwankte irgendwo zwischen besorgnis und bewunderung.

unter dem tisch steckten meine füße zwischen den objektfüßen. die szene war befremdlich. die objektexwiederfreundin lächelte mich an.
"danke für die einladung", sagte ich, und es kam von herzen.
"ich bin einfach so gespannt, was es damit auf sich hat, dass wir uns kennen lernen dürfen", sagte die objektexwiederfreundin. das klang so nett, dass es weh tat und bestärkte mich in meinem entschluss, die kontaktebene mit dem objekt zunächst mal platonisch zu halten.
das objekt war inzwischen wieder vollkommen weggetreten. die objektexwiederfreundin zupfte an seiner schulter:
"wollen wir dann mal los?"
"hm, ja."
das objekt schlüpfte in seinen mantel, ich in meine stiefel. die objektexwiederfreundin hopste zusammen mit mr. shyguy schon die treppe hinunter.
das objekt sah mich an.
"morphine", sagte es warm. dann zog es mich an sich und küsste erst meine wange, dann meinen hals. meine knie begannen zu zittern und das objekt hielt mich noch fester.
"wir müssen", drängelte ich.
"komm", sagte das objekt leise, umfasste meine taille und ging mit mir hinunter, wo die anderen beiden warteten.
die objektexwiederfreundin hüpfte auf einem bein über das pflaster und kicherte.
"diese jugend", sagte ich und schüttelte streng den kopf.
"ach du", lachte die objektexwiederfreundin und ärmelte mich unter.

ich versuchte, für den abend meine persönlichkeit zu spalten und zugleich zweisame objektsituationen zu vermeiden. das war recht einfach, da im club genügend personen anwesend waren, die sich mit mir unterhielten.

der wiedersehen nicht genug tauchte auch k. irgendwann auf. nachdem aus der heißen flamme zunächst laue glut, dann asche geworden war, hatten wir uns nicht mehr gesehen. wo k. stand, war dessen ex nicht weit und so hatten wir keine zwei minuten alleine. k. versuchte sich in smalltalk, was nicht besonders gut gelang, was hauptsächlich an meinen einsilbigen antworten lag. es gab offensichtlich nicht viel zu sagen, schon gar nichts belangloses. ich fühlte mein misstrauen und mein mich-nicht-hergeben-wollen für die nächste aussichtslose sache. ich wollte bei mir bleiben.

ich beobachtete das objekt eine weile. die objektexwiederfreundin verhielt sich vollkommen neutral ihm gegenüber. sie tanzte allein und ließ sich von zwei jungen hoschis anquatschen. das objekt registrierte das, griff aber nicht ein. das verhältnis der beiden war mir ein rätsel. vielleicht hatten sie sich aber auch abgesprochen. das objekt musste sich schließlich absichern für den fall, dass die objektgespielin auftauchte.

die schmerzen nahmen mir schließlich die entscheidung ab, noch länger zu bleiben und ein spiel zu spielen, bei dem im grunde nichts zu gewinnen war. außer land. und zwar schleunigst.

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