Montag, 6. Oktober 2008
amt für irrsinn, teil IV
diesmal nicht arbeits-, sondern bezirksamt. wegen aus- und umzugs steht ummelden an.

madame morphine ist ja internetaffin und füllt formulare schon mal aus, bevor sie behörden aufsucht. sie will nur rein, anträge aufn tisch knallen und wieder raus. ämter sind immer unangenehm und es gibt ja auch zwei bis drei sachen zu verbergen, die mit gebühren und sonstigem unschönen scheiß verbunden wären.

mit frisch ausgefüllten formularen radle ich los an diesem goldenen oktobertag. die luft ist blau, kein wässerchen trübt den himmel, die leute müssen zwangsweise grinsen, auch wenn sie nix zu lachen haben, denn sie werden permanent geblendet.
ich finde das amt sofort, wie fast alles in hamburg, was diese stadt so sympathisch macht.
ich betrete die hallen und stelle mich an den infoschalter. dort gibt es, so steht an der tür, die wartemarken. in bayern zieht man die noch selber, am wartenmarkenautomaten, sobald man den dann mal gefunden hat, wenn man ihn denn findet.
der stuhl am infostand ist leer. nebenan sitzt eine tante an einem zweiten infoschalter und schaut mich mehrmals an, sagt aber nichts. dann kommt ein mann herein und fragt mich höflich, die ich da schon mehrere minuten stehe: "warten sie?" "ja", sage ich und dann endlich macht die blöde kuh ihr maul auf: "hier werden sie nicht bedient, sie müssen schon zu mir kommen." der mann, anzug-schlips-schuhe-mit-rahmennaht-träger lässt mich freundlicherweise vor.
ich bekomme sauren blickes meine wartemarke ausgehändigt, nummer 145. na dann wollen wir mal, denke ich mir. ich begebe mich in die wartezone a. in wartezone a gibt es theoretisch etwa 30 sitzplätze, die aber alle besetzt sind. der blick auf die anzeige bestätigt meine befürchtungen: wir sind erst bei nummer 109. ich zähle die schalter. 11 schalter. sechs davon scheinen besetzt. ich rechne: pro schalter macht das also eine schlange von fünf bis sechs leuten. sagen wir mal fünf minuten für jeden, also eine knappe halbe stunde wartezeit. das ist ja auszuhalten.
ich setze mich und blättere durch eine zeitschrift. nach 20 minuten schaue ich wieder auf die anzeigentafel und staune nicht schlecht: wir sind erst bei nummer 117! ich beobachte das szenario eine weile und stelle fest, dass nur etwa zwei bis drei der sechs besetzten schalter auch wirklich leute annehmen. der rest telefoniert, kaut brötchen und hackt diffus in den pc.
ich gehe zur toilette. das verbraucht nochmal fünf minuten. als ich wiederkomme, schiebt sich gerade nummer 120 auf die tafel. ich fühle ein leichtes grummeln von aufsteigender wut unbändigen zorn in mir und beschließe: wir gehen noch ein bisschen raus. kaffeelust durch wartefrust. hier gibt es ja nicht mal einen watermaxx.
ich bummle durch den penny an der ecke und verschwende weitere 20 minuten. mit kaffee und brötchen bewaffnet kehre ich in die hallen der langsamen tanten zurück. und dort sind wir sage und schreibe schon bei nummer 131!
viertel vor zwei. ich warte seit einer stunde. der zorn lodert sich langsam an die oberfläche. ich habe es schwer, still zu sitzen. ich will aufspringen und brüllen: "wenn dieser pack schon so unfähig ist, warum ist er dann auch noch so verdammt unterbesetzt?!" der schlipsträger, der mich vorhin vorgelassen hat, ist auch noch da. er fixiert mich. ich halte die rechte mit dem ring hoch und wie geblendet schaut er endlich weg.
ich starre inzwischen wie gebannt auf die dicke ische an schalter sieben. d i e b e w e g t s i c h n ä m l i c h i m b e h ö r d e n t e m p o. (ich simuliere das jetzt mal:) g a a a a a z l a n g s a a a a m. e i n s c h l u c k k a a a a f f e e e e. u n d j e t z t v o r s i c h t i g d e n t e l e f o n h ö r e r h e b e n. u u u u u u n d n u u u u u u n e i n e n s t e m p e l g a a a a a n z b e h u t s a a a a a m a u f d a s p a p i e r d r ü c k e n. u u u u u n d n u u u n z u r k o l l e g i n r ü ü ü b e r s c h l u u u u r f e n.
ich denke, das vermittelt ihnen jetzt einen eindruck, lieber leser.
nach einer stunde und vierzig minuten blinkt nummer 145 auf der tafel, die ich gedanklich schon 72 mal auf der vertäfelung getreten und der trulla am schalter sieben über den schädel gezogen habe.
ich wanke zum schalter, wurschtle das formular aus der tasche, den ausweis und sechs euro für das ummelden. alles auf dem tisch, kann nicht mehr abgelehnt werden, sag ich mir.
"hätten sie die sechs euro auch als ec-karte?"
ich stutze, aber mir egal, ich habe ja auch eine ec-karte und hole sie gleich aus der tasche.
"sagen sie mal... sie wohnen dann also zur untermiete bei der frau k.?"
"ja."
"die frau k. ist aber nicht bei uns gemeldet."
"das kann schon sein, so weit ich weiß, ist sie auch erst vor kurzem eingezogen."
"das tut mir dann leid, aber wir können sie dann nicht anmelden."
"wie?!"
"ohne hauptmieter kein untermieter."
mir fährt ein banges gefühl in die füße.
"ach, die frau k. wird sich sicher morgen oder so selber anmelden."
"trotzdem, ich mache mich strafbar, wenn ich sie jetzt anmelde."
"HEIßT DAS JETZT, ICH HABE FAST ZWEI STUNDEN UMSONST GEWARTET???!!!"
ein ticken zu laut. alle köpfe drehen sich nach mir.
meine sich verweigernde bearbeiterin zuckt vage die schultern und meint dann entschuldigend: "sonst ist es eigentlich nie so voll."
das dachte ich mir, denn wenn ich komme, muss es ja voll sein. brechend voll. lauter stinkende kinder und gaffende alte männer. zwei stunden fast. und jetzt war alles umsonst.
mir ist schwindelig. und schlecht. mein herz klopft blutmengen fontänenartig in meinen kopf.
die tür, draußen, frische luft. ich rufe den kater an, weil ich ja jemanden brauche, den ich jetzt ein bisschen anbrüllen kann. "ICH KOTZ GLEICH! KANN DAS DENN SEIN?!" brabbelnd hadere ich mit meinem schicksal. die bauarbeiter nebenan schauen betreten zu mir. der links zieht den kopf ein, wohlwissend, dass ich ihm den gleich abbeißen könnte.
dann schwinge ich mich aufs rad. und muss schon wieder fast ein bisschen lachen. wenn´s nur immer nicht so traurig wäre.

... link


Mittwoch, 1. Oktober 2008
der zen der traurigkeit
die letzten wochen ist wieder mal soviel scheiße passiert, dass ich oft abends mit heißem kopf im bett liege, weil ich mir den schädel zerbreche und immer weniger sicher bin, wem man noch vertrauen darf. ich zahle immer voraus und im nachhinein entspricht nichts, was ich bekomme, den abmachungen.
hab ich ein schild mit "opfer" auf die stirn geklebt?
"das hat mit der einstellung zu tun, du ziehst sowas an", sagt der cabman gerne.
ich will nicht glauben, dass mir wegen meiner einstellung das fahrrad geklaut wurde. aber dass der arbeitsvertrag zum wiederholten male zu meinem nachteil falsch aufgesetzt ist, macht mich schon stutzig. ist das ein test, weil meine augen so nachgiebig und nächstenlieb strahlen? will man mich verarschen?
how strong are you?

dann der anruf meiner mutter. das telefonat enthält vorwürfe, warum ich mich nicht gemeldet habe, vorwürfe, warum mein handy nicht eingeschaltet ist und vorwürfe, ich habe meine mutter falsch aufgeklärt (die daraus resultieren, dass sie nie zuhört und dann alles verwechselt). es kommt nicht: wir haben dich lieb. wir sind sind stolz auf dich, dass du jetzt vorankommst. und wenn du hilfe brauchst, sind wir für dich da.
"ich muss das doch weitergeben, ich habe doch ein recht auf information!" empört sich meine mutter. weitergeben? an den rest der verwandtschaft, um das missratene kind zu bekakeln? oder, um wie damals bei meinem erziehungswissenschaftlichen examen, die schlichten tatsachen zu beschönigen und bei nachbarn und bekannten prahlen gehen?
ich will nicht alle einzelheiten aufzählen.
als ich den hörer zurück in die schale lege, bekomme ich einen heulkrampf.
how strong are you?

ich muss noch putzen. der wischmopp zittert in meinen händen. der rücken sendet stechende schmerzen in die füße und die schulter.
auf dem schreibtisch sitzt mein kleiner schutzengel, ein kleiner brauner bär mit weißen flügelchen. den fand ich neulich morgen auf der straße. in einer pfütze, völlig geplättet von einem autoreifen. ein überfahrener, im regen vergessener schutzengel. so etwas kann ich nicht liegenlassen. das geht nicht. ich stieg vom rad, bückte mich und nahm ihn an mich.
vielleicht stimmt es. die traurigen dinge finden mich mit einer angst einflösenden präzision. manchmal auch den cabman, seitdem er mit mir zusammen ist. das macht ihm sicher angst. ich will nicht, dass er mit zur zielscheibe wird.
heute morgen bei der sparkasse dachte ich, es könnte doch mal eben ein überfall passieren. zen. ein schuss. ich treffer. und es machte mich nicht einmal traurig, so zu denken.
how strong am i?

... link


Sonntag, 28. September 2008
(weiter mit musik)

vector lovers - piano dust

... link


Sonntag, 28. September 2008
heldensterben
es gibt phasen, in denen ich unansprechbar bin. vielleicht ist es pms, der dauerhafte ausstrahlende schmerz im rücken oder einfach nur die tatsache, dass mich das schicksal mal wieder so am arsch gekriegt hat, dass ich am liebsten vom dach des radisson-gebäudes springen würde - oder die mischung daraus.
trotzdem gibt es augenblicke, die mich zumindest temporär aus dieser stimmung herauskatapultieren können. das sind die momente mit menschen, die ich als scharfsinnig, kultiviert und smart empfinde und die ich dann zu helden des abends küre, klammheimlich. es ist die große schwester oder der große bruder, zu dem man aufschaut und für den das alles so leicht zu sein scheint, was einem selbst wie ein betonklotz am fuß hängt. für den man so viel empfindet: bewunderung, neid und ein kleines stück seelenverwandschaft.
jeder mensch hat solche helden. und jeder kennt die gelegenheiten, bei denen man solche helden treffen kann. manche zahlen dafür und lasten sich weite wegstrecken auf, andere müssen nur das telefon zur hand nehmen.
früher hatte ich viele helden oder wenigstens ein paar.
heute stelle ich fest: helden sterben aus. was von ihnen übrig bleibt sind leere flächen, auf denen firmen aufkleber verteilen: grabpflege günstig.
weil nichts mehr da ist außer einer mäßig hübschen hülle.
es gibt so viele menschen, die bis ins hohe alter sagen können, dem oder der möchte ich gerne einmal die hand schütteln. ich kann gerade nur sagen: ich möchte dem und dem und der und der und den allen da einmal ins gesicht spucken.

... link


emotionsketchup
ein bisschen süß, ein bisschen würzig und vor allem männlich duftet der schal, der um meinen hals geschlungen ist. er kommt aus einer salzburger herrenboutique und gehört dem, der fehlt.
an solchen tagen möchte ich mich bei "wetten, dass" bewerben und beweisen, dass ich seinen duft unter millionen anderen identifizieren kann. ich möchte etwas verrücktes tun, am besten aber etwas furchtbar spießiges. das kennt er am wenigstens von mir und würde ihn folglich am meisten überraschen.
ich denke darüber nach, ob ich einen kuchen backen soll. da ich das aber noch nie getan habe, schon gar nicht für jemand anderes, kommt es wegen des hohen verunglückungspotenzials nicht in frage. die merkwürdigen symbole am herd sind schon böse fallen genug.
vielleicht muss ich auch gar nichts tun. vielleicht reicht allein ein stück weit vertrauen, alles so zu lassen wie es gerade ist. quite perfect nämlich.

... link


Donnerstag, 25. September 2008
baader
ich glaube, damals wäre ich auch raf-mitglied geworden.

... link