Montag, 28. April 2008
konkurs der tage
die zeit geht unaufhaltsam dahin wie ameisen ihren ameisenstraßen folgen, während der müllberg wächst, auf dem meine habseligkeiten liegen, und wenn ich dann doch einmal eindöse, träume ich davon, aufzuwachen, aufzustehen, weiterzumachen. die neue heimatlosigkeit hat sich längst eingefressen wie das stigma, eine nummer am handgelenk unter vielen zu sein, denen, die unter ihrer diffusen wolke kaum bis zum nächsten hügel blicken. die finden mich noch einmal neu, todsicher.
und ich entwickle ein unstillbares verlangen nach umarmungen, groß, bärenhaft und herzlich. als ich klein war, gab es im geräteschuppen eine kleine haselmaus, die konnte sich zur kugel kringeln, den schwanz wie ein fedriges nest um den kleinen körper geschlungen. einmal so einrollen und fest, ganz fest die augen schließen dürfen, ein schlaf wie ein winter. stattdessen sitze ich am fenster, starre in den regen und finde im aprilbrackwasser mein ganz persönliches venedig, ohne dass ich jemals wie so viele unverdient dogenpaläste bewohnte. vielleicht sollte ich mich nach einem schlauchboot umsehen.

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Freitag, 25. April 2008
meta-mettwurst
eine mettwurst ist ein gemenge aus fett, farbstoff und salzen. ein fleischereifachverkäufer mag mir da widersprechen. wir nehmen es jedoch wahr als wurst, etwas fleischartigem, und fragen daher hin und wieder nach dem vermeintlich ehemaligen rind, schwein oder kalb darin.
mit ähnlicher subjektivität fallen menschen gedanklich über ihre gedanken her. machen sich also metagedanken. die einen finden genialität, die anderen ein stück neurose darin, die nächsten stellen eine depression als diagnose fest. seziert werden trauer, angst, wut, freude oder verliebtheit. und all das in einem riesigen proteinhaufen, der nach biochemischen und genetischen gesetzen funktioniert. denke ich also in aminosäureketten? fabuliere ich mir womöglich einen hirntumor zusammen, während ich eine emotion bis zum erbrechen mit meinen pseudoschlauen gedanken behellige? und was ist das ergebnis von alledem? was ich trauer, wut, freude oder wie auch immer nenne, bleibt bloß bestandteil des proteinklumpens. so, wie mettwurst immer fett, farbstoff und salz bleibt und niemals mehr zum schwein, rind oder whatever wird.
deshalb: wahrnehmung und gedanken trennen! wir suchen ab sofort natürliche ursachen und tatsachen!
ein beispielloses beispiel wäre:
"wasn das?!" fragt der kater entsetzt und streicht über meinen arm. ich sehe an meinem unterarm entlang und denke NICHT, oh mein gott, was hat er gesehen, ein eitriges geschwür, hautkrebs oder sonstiges?
"gänsehaut", sage ich lapidar.
"und warum?!" ist der kater weiterhin besorgt.
"weil mir kalt ist."
"ach so, ich dachte schon wegen meiner anwesenheit." der kater ist sichtlich enttäuscht.
aber anstatt eine beziehungskrise heraufzubeschwören, stellen wir einfach die heizung höher. denn so leicht kann alles sein, wenn man sich und seine kinkerlitzchen nicht ständig überbewertet. und wer schließlich ganz geheilt ist, merkt dies unter anderem daran, dass er nicht mehr bloggen muss.

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Dienstag, 22. April 2008
amt für irrsinn, teil III
frisches aprilgrünes gras fällt duftend in kleinen häufchen neben die sensen der mähmaschine, die autobahnabfahrt steht voller löwenzahn. die lufttemperatur ist auf pipiwarme 18 grad gestiegen und die menschen werden wieder hässlicher, weil sie weniger an haben.
trotz akuter regenwarnung fahre ich mit dem fahrrad herum, weil fahrkarten inzwischen zum luxus geworden sind. außerdem macht radfahren ein wenig glücklich, wegen der sportlichen endorphine und der mutti-hüfthöcker-verkleinernden funktion.
ich bremse bei der agentur für irrsinn in meinem heimatkaff. heute habe ich ein beratungsgespräch mit einer frau, die auf arbeitslose akademiker spezialisiert ist.
"guten tag!" forsch betrete ich auf die minute pünktlich das kleine kabuff. eine frau, sicherlich noch einmal fünf zentimeter größer als ich und mit dringend nachzufärbenden haaransatz, gibt mir die hand. dann setze ich mich und beginne, stumm die zimmerpflanzen zu mustern. die frau begreift, dass sie hier das gespräch beginnen muss.
"so, was haben sie denn so für fragen?"
ich sehe sie entgeistert an.
"in meinem schreiben steht, sie wollen sie mit mir über meine berufliche situation" - ich halte kurz inne, um zu kichern, weil es ja gar keine berufliche situation gibt - "weil sie sich mit mir unterhalten wollen. steht in diesem schreiben." ich halte ihr das anschreiben von der agentur für arbeit vor die nase.
"ja, so, dann sehen wir mal nach." sie hackt meine kundennummer in den pc und wartet. dann sind meine daten offenbar geladen und sie wendet sich wieder mir zu:
"sie haben also an der fh studiert."
"falsch."
"aber hier steht..."
"das ist falsch. ich habe an der uni studiert."
"achja. hier steht es ja: sie haben grundschullehramt studiert."
"auch falsch. ich habe gymnasiallehramt studiert."
"ach so."
"das steht aber alles in meinen unterlagen."
"ich habe keine unterlagen von ihnen erhalten."
"ich habe mein arbeitspaket aber letzte woche zum vorgegebenen termin eingereicht."
sie wühlt in ihrem schreibtisch.
"ach, da ist es ja."
"und wer lesen und abschreiben kann, erkennt darin auch ganz deutlich, was und wo ich studiert habe."
"okay..." sie schaut verwirrt drein und beginnt so hektisch wie halbherzig zu blättern.
"dann ändern wir das also."
"ich bitte darum." leicht verärgert lehne ich mich in meinem stuhl zurück. das klingt ja schon wieder alles fabelhaft.
"sie haben keinen abschluss?"
"wiebitte?" jetzt bin ich erschrocken.
"sie haben ihr studium nicht abgeschlossen, oder?"
"ich habe ihnen doch meine zeugnisse alle beigelegt. da sind ist ein bescheid dabei, in dem steht, dass ich das erste staatsexamen bestanden habe. sehen sie doch bitte nach!"
wieder wühlt sie, hält dann den falschen zettel in der hand, nickt aber.
"dann müssen wir das auch ändern, in ihrem kundenprofil steht nämlich: studium ohne abschluss."
"na, ganz prima!"
sie beginnt, die falschangaben auszubessern. fast jedes feld, vom adresseintrag abgesehen, trägt irgendwelche fehler. dann ist sie fertig.
"sie wollen also nicht grundschul-, äh, gymnasiallehrerin werden."
"richtig."
"warum nicht, wenn ich fragen darf?"
"ich mag keine kinder. es ist mir gleich, ob eines von ihnen abitur macht oder nicht. ich stehe vor der klasse und langweile mich tödlich, weil ich nichts von dem, was ich kann oder was mich interessiert, niveauvoll anbringen kann."
"aha. und was wollen sie stattdessen werden?"
"wie unschwer aus meinen angaben zu erkennen ist: ich will in die pr-branche beziehungsweise in die redaktion."
"äh, ja. und haben sie irgendwelche fragen?"
"ja. wie kommen sie darauf, dass praktika grundsätzlich nicht sozialversicherungspflichtig sind und damit bewerbungskosten nicht erstattet werden?"
"äh, ähm... warum?"
"weil das hier so steht. in der realität sieht das aber ganz anders aus. und ich möchte wissen, ob die klausel mit dem faktum der sozialversicherungspflicht hinfällig wird oder ob ich das praktikum anders deklarieren muss, um meine bewerbungskosten erstattet zu bekommen."
"äh, ähm..." große wühlaktion im schreibtisch. nach mehreren minuten taucht die beraterin wieder auf und rückt ihre brille zurecht.
"sicherheitshalber würde ich dann nicht von prakitkum sprechen. sie haben dann bessere chancen, überhaupt etwas erstattet zu bekommen."
"ja, wie, kriege ich denn jetzt doch was nicht erstattet?"
"das liegt beim gutachter und was der ihnen beimisst."
"und an welchen kriterien bemisst der gutachter genau was?"
"das kann ich ihnen jetzt auch nicht so genau sagen."
"sehen sie, das ist der satz, den ich bisher am häufigsten auf dem arbeitsamt gehört habe."
sie lacht nervös. dann wühlt sie wieder und taucht diesmal mit einem weißen blatt wieder auf.
"hier stehen internetadressen drauf, wo sich akademiker bewerben können."
ich lese biochemie, maschinenbau und vieles andere, aber nichts, was mir weiterhelfen würde.
"da ist nichts für mich dabei."
"achja. naja, aber ich kenne da eine seite im internet..." sie tippt und schaut und tippt und wartet.
"da, sehen sie, das ist ein portal für stellenanzeigen im medienbereich... also jetzt eher regional."
"sie wissen schon, dass ich ab juni in hamburg wohne?"
"äh, ja, dann... da kann unter umständen auch schon was dabei sein, wenn das unternehmen vielleicht auch in hamburg eine niederlassung hat."
"ich sehe hier kein einziges angebot aus hamburg."
"ähm, ja stimmt." sie kichert nervös.
langsam bekomme ich das gefühl, bei einem casting für grundschullehrerinnen zu sein. wir behandeln gerade das thema 'einfach erklären mit vielen wiederholungen für intellektuell schwache schüler'.
ich sage: "ich habe bisher die meisten stellenanzeigen auf brancheninternen websites gefunden." ich nennen zwei, drei meiner meistbesuchten jobbörsen.
"ähm, ja, dann brauche ich ihnen ja hier nichts zu erzählen, was sie ohnehin schon wissen."
"genau."
und bevor sie zum nächsten stoiberschen "ähm" ansetzen kann, stehe ich schon, habe meine tasche über meine schulter geworfen und sage ironisch-artig: "vielen dank, sie haben mir sehr weitergeholfen."
"ja, äh, dann auf wiedersehen."

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Samstag, 19. April 2008
springen, unbezahlt oder umsonst?
ein lebensabschnitt geht für mich zu ende. ich habe mein studentisches lotterleben beendet und muss nun ab juni die praktika ableisten, die für meine weitere berufliche laufbahn, für die ich mich entschieden haben, vonnöten sind. ab dem nächsten monat falle ich in eine "soziale grauzone", wie der versicherungsfuzzi der aok es ausdrückte. kein anspruch auf hartzIV, kein chance, in die gesetzliche krankenkasse zu wechseln - ich war während meines studiums privat versichert und man muss zwei jahre pflichtversichert gewesen sein, um sich freiwillig gesetzlich versichern zu dürfen - weil ich keine sozialversicherungspflichtige arbeit habe.
eigentlich kann ich mir eine private kasse nicht leisten. im moment habe ich einen 400-euro-job, der hätte gerade für die gesetzliche kv und eine mietbeteiligung in hamburg gereicht. ich bat also zuhause um einen privatkredit, den ich nicht bekomme. ich solle lieber ins referendariat gehen, wenn ich geld brauche, so mein vater.
ich habe seit meinem fünften lebensjahr all mein mir irgendwie zufallendes geld gespart, mit dem untrüglichen instinkt, dass man es in schweren zeiten brauchen könnte. ich habe mit 18 meinen eltern kredit in höhe von mehreren tausend mark gegeben, weil sie sich zu ihrem haus noch eine eigentumswohnung kauften und ich diese entscheidung in ihrer situation - geldanlage fürs alter - sinnvoll fand. das geld liegt - mittlerweile in euro zurückgezahlt und verzinst - auf einem konto, das auf meinem namen angelegt ist. ein anlagekonto, das sich unter anderem hartzIV-verhindernd auswirkt.
sollte ich den sich im augenblick abzeichnenden weg einschlagen, werde ich mindestens fünf monate auf eigene kosten privat versichert sein müssen, weil praktika nichts oder zu wenig abwerfen und ich, auch wenn ich das ganze wochenende immer jobben gehe, wahrscheinlich die 400-euro-grenze nicht sprengen werde, die mich sozialversicherungspflichtig machen würde.
nachdem ich nun die ganze nacht mit mir gerungen habe, weil ich ein mensch bin, der eigentlich schon ein paar sicherheiten braucht, habe ich die folgenschwere entscheidung in erwägung gezogen, dass ich meine reserven - das anlagekonto - dazu verwenden könnte, mir die chance zu geben, diesen unsicheren und steinigen weg zu gehen.
es lockt ein leben zu zweit mit dem mann meiner träume, in der stadt meiner träume, in einem beruf, den ich wirklich ergreifen will. es warnt mich die endlosschleife schlecht oder gar nicht bezahlter praktika, meine merkwürdige soziale situation, mein selbstzweifel, meine schlechte körperliche verfassung. es warnt mich die tatsache, dass selbst menschen, die mich lieben müssten, weil sie mich geboren haben, kein vertrauen in mich aufbringen.
meine angst ist unendlich groß. eine völlig ungekannte angst, die nicht mit prüfungsängsten zu vergleichen ist. ich falle nicht mehr weich, es gibt keine zweiten chancen. es gibt nur springen und siegen oder springen und untergehen. nicht zu springen verbitte ich mir. ich will nicht in die knie gehen, nicht mehr vor mir, schon gar nicht vor anderen. nicht vor der angst, die dann bloß verzweiflung würde.

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Mittwoch, 16. April 2008
neue weisheiten (ohne binsen wegen steigender getreidepreise)
- heute nach einigen telefonaten mit krankenkassen erfahren, dass ich so wenig verdiene, dass ich mich nicht gesetzlich krankenversichern darf, wenn man es mit dem gesetz genau hält. zumal ich zuvor privat versichert war und nicht die vorgeschrieben zwei jahre pflichtversicherung mitgenommen habe. ich habe es schon immer geahnt: dieses staatliche system ist eine einzige stirb-schneller-methode. du bist jung, hochqualifiziert und arm? stell dich schon mal am friedhofstor an.

- ich bin kein sehr moralischer mensch. gewisse gefühle des anstands und der empathie gehen mir vollständig ab. manche nennen das "zynisch". manche nennen das "geil". man lebt sehr viel angenehmer so, stellte ich heute fest. haben meine eltern also doch nicht alles falsch gemacht mit meiner erziehung. referrer-anfragen wie "große titten in walsrode" kann ich daher zwar nicht positiv beantworten, aber auch nicht richtig schlimm finden."

- mein kamikaze-körper schafft es einfach nicht, sich selbst ornungsgemäß hinwegzuraffen. heute kam die nachricht, dass ich vermutlich doch nicht erblinden werde. meine exkavationen des sehnervs seien zwar beträchtlich, mein sehnerv selbst aber so groß und stark, dass wir im moment keinen grund zu befürchtungen haben. sogar kontaktlinsen darf ich weiterhin tragen. find ich ja schick.

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