Freitag, 14. März 2008
wie man jungfräulichkeit garantiert nicht loswird
"es soll sich richtig anfühlen", sagen viele jungfrauen, "mit dem richtigen", "es sollte am richtigen ort sein" und "ich muss bereit dafür sein".
das ist nicht generell so, höchstens in den mittwochabend-kitschfilmen, in denen alle mütter und töchter eine freundschaftliche emobeziehung haben und väter wohlwollend unterhalt zahlen. die realität ist hart und vergleichsweise unromantisch.
meine freundin n., die gerne die "bravo" las, während ich mich lieber mit "visions" oder "musikexpress" beschäftigte, hatte in ihrem geschmacksbildenden, beifallsstimulierenden magazin entdeckt, dass mädchen durchschnittlich im alter von 15 bis 17 ihre jungfräulichkeit zu verlieren hatten.
wir schauten uns ein wenig irritiert an. wir waren beide gerade 16 geworden und glaubten bis vor einigen sekunden, das leben läge noch vor uns. jetzt mussten wir feststellten, dass wir in wenigen monaten den jungfräulichkeitsverlustszenit überschritten haben würden.
"ich hab aber niemanden", sagte meine freundin.
"du hattest noch nie jemanden", stichelte ich, "ich habe wenigstens schon geknutscht."
"MIT PETTING?"
"jahaa! ich hatte auch schon vier beziehungen!"
dass diese mit absoluten stümpern stattgefunden und maximal drei monate gedauert hatten, zählte in meinen augen nicht. ich sammelte geschlechtliche erlebnisse wie briefmarken und achtete dabei genau wie bei den briefmarken nicht auf quali- sondern auf quantität. deshalb waren die objekte meiner begierde entweder viel kleiner als ich und/oder hatten maximal hauptschulabschluss und/oder ein chronisches drogenproblem. von den geschlechtsteilen wollen wir an dieser stelle lieber einmal nicht sprechen.

zum aktuellen zeitpunkt hatte ich aber keine schlechten karten, meine jungfräulichkeit doch noch rasch abzustreifen, jedenfalls bessere als n. ich hatte silvester einen barkeeper kennengelernt, der schon 25 war und in frankfurt wohnte. großer junge, große stadt. ich mochte ihn auch ein bisschen, obwohl wir uns nicht viel zu sagen hatten. theoretisch traute ich ihm zu, dass ich mit ihm erfolgreich meinen ersten sex haben könnte, das war die hauptsache.
noch am selben abend rief ich ihn an, um zu erfahren, ob er irgendwann einmal wieder hier aufzuschlagen gedachte. und siehe da, mein nachforschen war von erfolg gekrönt.
"meine eltern fahren in zwei wochen in urlaub, ich soll auf das haus aufpassen. ich komme am mittwoch und bleibe dann bis sonntag. ich würd dich gerne sehen."
bingo. sturmfreie bude auch noch obendrein.
o. bot an, mich bei meinen eltern abzuholen. feiner junge - meine mutter würde sich freuen, wenn ein geschniegelter, gebügelter und über 1,80m großer mann unser haus betreten würde.

so kam es, dass an einem donnerstag nachmittag o. vor dem haus meiner eltern aufschlug, nicht, ohne sich vor dem klingeln noch rasch die hose glattzuziehen, die haare nach hinten zu streifen und mit einem tuch über die schwarzen lederschuhe zu wischen.
"der sieht aus wie ein italienischer gigolo", raunte meiner mutter nicht ganz ablehnend, bevor ich die tür öffnete.
dann rannte ich meinem unglück in die arme.
wir fuhren zum haus seiner eltern, einem riesigen reihenhaus, das jenseits der stadt lag. vorher gingen wir noch einkaufen, weil o. hunger hatte. im supermarkt nahm er die tiefkühltruhe auseinander und konnte sich eine halbe stunde nicht zwischen paella und pizza entscheiden. ich wartete genervt. "hast du alles?" fragte er mich schließlich wie zum hohn, und als ich nickte und er das jogurth in meiner hand sah, brach er in hysterisches gelächter aus.
"das ist nicht dein ernst!"
"besser, als stundenlang in der tiefkühltruhe wühlen. und außerdem esse ich kein fleisch."
"iss mal besser was, miss schneewittchen-tittchen, sonst verlierst du deine kurven."
mit essensdiskussionen konnte man mich schon immer am schlimmsten nerven, und o. erwies sich als totaler besserwisser, fast noch extremer als meine mutter. schmollend nahmen wir die letzten meter bis zum haus von o.s eltern. o. sperrte auf. das haus war kalt.
"mach mal die heizung an", schlotterte ich. wenigstens nicht frieren wollte ich, wenn ich hier schon literweise blut verlieren würde.
"dir ist bloß kalt, weil du keine paella isst."
ich zeigte ihm den stinkefinger, doch es dauerte nicht lange, da stellte auch o. fest, dass auch ihm die eiskristalle in den hosenbeinen knisterten. die heizung sprang nicht an, das haus blieb kalt.
"ich habe eine idee. wir gehen einfach in die sauna."
seine eltern, reiche schnösel, hatten im keller eine sauna. sauna war mein alptraum, weil ich damals unter leichter platzangst litt und die vorstellung nicht loswurde, dass die tür des geschlossenen raums klemmen und der sauerstoff ausgehen könnte.

dann saßen wir also in der sauna. ich hatte alle meine kleidung und auch die jacke anbehalten und die knie bis zum kinn hochgezogen, obwohl es langsam wirklich sehr warm wurde. ich fühlte mich sehr klein und verklemmt. o. plapperte in einem fort, während ich darüber nachdachte, ob man sich hier notfalls durch den boden ins freie graben könnte.
"ich gehe mal nachsehen, ob die heizung inzwischen geht."
ich stand auf und ging nach draußen, o. folgte mir widerwillig.
die heizung war immer noch kalt.
"ruf doch den installateur", schlug ich vor.
"das kann ich nicht, da muss ich erst meinen vater fragen."
ich seufzte. "dann ruf ihn an."
o. telefonierte nach mallorca, ohne erfolg. "die sind nicht da."
"dann ruf den installateur an und frag erstmal nach, was du selber machen kannst, dann muss er vielleicht gar nicht vorbeikommen."
"nee, wenn das mein vater rauskriegt, ist er wieder sauer."
"mir reicht´s", sagte ich, "ich gehe jetzt in den keller und sehe nach. was habt ihr denn für eine heizung?"
"wie, was für eine heizung?"
"na, gas oder öl?"
"weiß ich doch nicht!"
ich ging in den keller. ein blick genügte, da stand der öltank und es roch auch nach öl.
"ihr habt öl."
"wie hast du das denn nun rausgefunden?" o. war voll ehrlicher bewunderung. ich zuckte generös die schultern.
"das sieht man."
ich hatte mich zur heizung hinuntergebeugt und sah mir das ganze an.
"was machst du denn jetzt?" fragte o. vorsichtig.
"weiß ich noch nicht. ich suche die flamme. die muss nämlich brennen."
"bist du dir da sicher?"
"habt ihr nicht eine gebrauchsanleitung oder sowas zu diesem ding?"
"weiß ich doch nicht!"
"dann geh nachsehen!"
"wo soll ich denn suchen?!"
langsam wurde ich sauer. wie überlebte dieser mann mit derart ausgefeilten praktischen fähigkeiten? und vor allem: wie würde er sich dann erst beim sex mit einer jungfrau anstellen?
dennoch hatte o. überraschend schnell ein weißes heftchen in den händen.
"ist es das?"
ich verglich die modellnummer auf dem cover mit der der heizung. "ja, die ist richtig."
ich begann zu blättern und fand auch recht rasch die rubrik für störfälle aller art.
"siehst du", ich hielt meinen finger auf die entsprechenden zeilen, "die flamme muss brennen. die muss da unten sein."
da unten brannte keine flamme. ich diagnostierte: "das problem ist, dass die flamme ausgegangen ist. wir müssen die einfach wieder anmachen."
ich steckte den finger in das rohr und putzte ein häuflein asche weg. die heizung war völlig verschmutzt. o. beobachtete mich misstrauisch und machte sein besorgtes karpfen-gesicht. eigentlich, dachte ich bei mir, ist er nicht wirklich so hübsch.
dann las ich weiter.
"es muss hier einen entstörerknopf geben. der geht für alle möglichen problemfälle."
wo der allerdings sein sollte, sagte die gebrauchsanweisung nicht. wir suchten die heizung nach einem potenziellen entstörerknopf ab. ich behauptete schließlich nach dem ausschlussverfahren, es müsse der große rote ganz vorn sein.
"und wenn es der nicht ist?"
"es MUSS der sein."
"und wenn nicht?"
"mensch, was willst du eigentlich? bis sonntag dir eine grippe einhandeln oder mir mal eben hier helfen?"
"ich fass den nicht an."
"aber ich."
"NEIN!"
o. hatte meine handgelenke ergriffen und hielt meine arme von der heizung weg. handgelenke anfassen darf man(n) bei mir aber nicht ohne weiteres. ich biss ihm in die hand, um mich zu befreien.
"AUUAAA... sag mal, hast du sie noch alle?"
"ich werde diesen knopf drücken."
"nein, wirst du nicht."
"ich drücke den jetzt."
und schon hatte ich es getan. der ofen begann zu schnurren, dann polterte es gewaltig. asche stieg in die luft. es polterte noch einmal, dann ging das schnurren in ein gleichmäßiges summen über. als ich nach unten blickte, brannte die flamme. ich sah mich um. o. war verschwunden.
"o.?"
in der zimmerecke stand ein alter sessel, über desses lehne nun ein schwarzes haarbüschel auftauchte. dann kam langsam o.s gesicht zum vorschein. er blinzelte wie ein verschrecktes meerschweinchen.
o. kroch hinter dem sessel hervor.
"ist es vorbei?"
ich betrachtete ihn fassungslos. ein mann, der sich bei geringfügigster gefahr hinter einem möbelstück versteckte - wie war das noch eben mit dem beschützerinstinkt?
"ja, der bombenangriff ist vorüber, das haus steht auch noch", meinte ich lakonisch. dann nahm ich meine jacke.
"es ist schon spät, ich muss nach hause, sonst macht sich meine mama sorgen."
"aber wir wollten doch..."
"naja, ein ander mal?" schlug ich vor und war mir ehrlich nicht allzu sicher, ob ich ein ander mal noch einen zweiten versuch starten wollte...

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Donnerstag, 13. März 2008
auser-lesen!
[...]
ich stehe an der bar, und neben mir stehen mädchen, und die mädchen machen identitätsstiftendes geschrei. die anführerin trägt selbstgefärbte klamotten und allerlei verfilztes. auf dem kopf einen riesengroßen bob-marley-gedenkhut aus rosa und grünem stoff, der sie noch mondgesichtiger ausschauen lässt. geradezu archetypisch, wenn ich das wort mal verwenden darf. auf jeder studienfahrt der uni koblenz gibt es dieses mädchen. die funktionieren alle nach der gleichen devise: ich bin zwar nicht schön, und ich bin auch nicht intelligent, und mein gesicht ist auch ein bisschen zu fett, aber dafür habe ich einen lustigen schlapphut auf dem kopf. ich weiß nicht - ich hoffe, es ist klar, was ich damit sagen will. frauen, die in reggae-discos gehen, um asylbewerber flachzulegen.
[...]

wolfgang herrndorf: in plüschgewittern
roman, 2001 bei zweitausendeins
bewertung: liebenswert, verzweifelt ehrlich und zum schreien komisch.

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Mittwoch, 12. März 2008
marie möör
wer müüsique à la ladytron oder vive la fête mag, der sollte unbedingt marie möör kennen.
überhaupt ist betterpropaganda.com eine site, die man bookmarken sollte.

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schau mich an, ich sterb am schönsten
die meisten menschen erkranken heutzutage im laufe ihres lebens ein oder mehrmals an einer depression, und ungefähr die hälfte davon wird medikamentös behandelt.
ebensoviele, und ich würde sogar behaupten, fast jeder, denken ein oder mehrmals im leben an selbstmord. und zwar so richtig, tage und wochenlang, mit festem plan im kopf.
hab ich auch schon.

aber: NA UND?

und: schön, dass ich inzwischen ein wenig mehr zu erzählen habe als reminiszensen davon.

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Mittwoch, 12. März 2008
frei baumeln
die seele kann dies, oder auch teile unseres körpers, und das kann - ausreichende körperhygiene vorausgesetzt - höllisch erotisch sein. es regt das ernte-gen in uns an. pflücken. zupfen. anschnippen. auf knackigkeit testen oder auf weichheit. schmecken und schnuppern.
also lasst doch ab und an mal die unterwäsche in der schublade.

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Sonntag, 9. März 2008
ostereier-suche am brandenburger tor
"wahnsinn, du hast das bett gemacht", schreit der kater begeistert aus dem schlafzimmer. "und ohne dass man´s dir gesagt hat! du entwickelst dich ja vom baby-mäuschen zur super-hausfrau!"
unverschämter kerl, denk ich mir, wie oft hab ich bitteschön schon das klo geschrubbt? - und beschließe, ihm für heute abend zum großen empfang einen extra hübschen knutschfleck an den hals zu zaubern. "oh ja, kratzen, beißen, lecken!" der kater ist verzückt, bis sich meine zähne fester in die duftige katerhaut am hals graben, "nein... nein, doch besser bloggen! los! der rechner ist deiner!" er schubst mich richtung wohnzimmer.
aber der spontane katerbeschluss, über das osterwochenende berlin heimzusuchen, gefällt mir.
"meinst du, die berliner blogger machen ein bloggertreffen, uns zu ehren?"
"nee, uns kann doch keiner leiden."
"so zwei, drei schon."
"stimmt. wir können ja mal fragen..."

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