Freitag, 7. Januar 2011
weißer tag
anstrich. ich habe den dritten im bunde bei mir in der neuen wohnung und gehe meinem pädagogischen auftrag nach. nein, nicht, was sie jetzt wieder denken. ich bringe ihm bei, weiße farbe an graue wände zu klatschen. schließlich will er mit der dritten-freundin auch bald eine eigene butze beziehen.

"das ist so schön hier", sagt der dritte mann zu mir und schaut versonnen durch die riesige küche.
"ja", sage ich und beobachte, wie das weiß quadratmeterweise das grau besiegt.
"du siehst auch schön aus", sagt der dritte dann.
ich muss lachen. ich trage farbverschmierte jeans, sneakers und ein hemd vom ex, und bin bis auf spuren von wimperntusche vom vortag gewissermaßen ungeschminkt.

dann klingelt das handy des dritten. es ist die dritte-freundin, die später ihren mann abholen kommt.
"du bist aber auch nie allein, oder", sage ich zum dritten.
"hm, ja, ich beneide ja ein wenig das objekt und dich, ihr seid so wunderbar frei."
"aber das objekt hat doch die objekt-freundin."
"ja stimmt, die macht ja auch stress. trotzdem hat das objekt dich. ich finde das gut."
"ich dachte, du hälst das inzwischen für unmoralisch."
"weil er nicht ehrlich zu seiner freundin ist. aber das betrifft ja dich jetzt nicht so. obwohl ich mich frage, wie du das so durchstehst."
"es gibt nichts, worum ich seine freundin beneide. ich möchte nicht bis über beide ohren verliebt sein, an heirat und kinder und zusammenziehen glauben und nicht ahnen, dass es da noch wen anders gibt, dem das objekt was von ewiger freiheit, polygamie und swingerclus erzählt."
"und wenn er treu wäre?"
"wenn wenn wenn. alle männer gehen irgendwann fremd."
"jaja, alle männer sind schweine", grinst der dritte und ich muss wieder lachen.

"wie machst du das denn nun eigentlich mit dem umzug", fragt der dritte etwas später.
"das objekt will mir helfen", sage ich. "es hat sich extra freundinfrei genommen."
"auweiha", sagt der dritte.
"was? meinst du, sie taucht hier auf und kratzt mir die augen aus?"
"nein", seufzt der dritte, "aber umziehen mit dem objekt bedeutet heilloses chaos."
"DAS kann ich mir allerdings vorstellen", gebe ich zu und stelle mir vor, wie das objekt fröhlich mit joint, schnapsflasche und meinen möbeln durch die gegend eiert und dreimal anruft, weil es die straße/die hausnummer/den nachnamen vergessen hat oder mal wieder von einem freundlichen ordnungshüter zurecht gewiesen wird.
der dritte mann erzählt mir zwischenzeitlich vom letzten umzug mit dem objekt.
"das ging um acht uhr morgens los und das objekt versprach, dass wir spätestens am nachmittag fertig sein würden. ich war dann allerdings erst um mitternacht zuhause, nachdem wir sechs oder sieben mal hin- und hergefahren waren, weil es mit dem geplanten alles-auf-einen-rutsch eben doch nicht so ganz geklappt hatte. es war der blanke horror und ich hatte derben muskelkater am tag danach."
"mach mir keine angst."
"naja, aber ich denke, du bist recht gut im organisieren."
"es ist ja nunmehr auch der achte umzug in den letzten zehn jahren."
"also vollprofi", grinst der dritte. "und da ich ja nett und kein schwein bin, werde ich mal schauen, wie das mit meinen prüfungen aussieht, dann komme ich vielleicht auch."
"du bist ein engel", sage ich spontan und als mich der dritte herausfordernd ansieht, "okay, oder auch ein satansbraten."

p.s.: männer sind übrigens tatsächlich nicht immer nur schweine, sondern auch halbgötter im blaumann. heute morgen hat einer von ihnen mein bett zerlegt. er benötigte lediglich eine zange und war in zehn minuten fertig. ab heute schlafe ich also wacklig und quietschend, aber von einer ehernen alp befreit.

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Sonntag, 2. Januar 2011
handwerker-frage
der teufel sitzt ja oftmals im detail. in meinem falle besteht er aus zwei durchgenudelten schrauben, die betonfest sitzen und das auseinanderbauen meines metall-bettes verhindern. mit inbusschlüssel und zange bin ich schon gescheitert. sprengstoff habe ich noch nicht in erwägung gezogen.

unauseinandergebaut kriegen wir das bett höchstwahrscheinlich nicht durch die wohnungstür. guter rat ist also teuer.

sagen sie doch mal.

verzweifelt,
frau morphine

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Samstag, 1. Januar 2011
in the year 2525 2011
liebe bloggers, ich hoffe, sie sind gut ins neue jahr gerutscht. ich lebe noch, das heißt, so schlimm war es dann wohl hier auch nicht.

gerade war es noch 2001, hab ich eben beim schreiben bemerkt. zehn jahre, nur einen tipper weit entfernt.

silvester 2000/2001 war ein unheimlich stressiges und zugleich eines meiner guten silvester. zuerst musste ich die gäste bei meinen eltern mit empfangen, höflichkeitsfloskeln austauschen und hochkalorische häppchen futtern. dann sprang ich in ausgehkleidung und fuhr zu meiner allerbesten freundin, die mit ihrer tochter, ihrer schwester und deren mann sowie einigen freunden silvester feierte. ein kreis, den ich heiß und innig liebte und dessen kroatisches blut mir so viel wärmer und herzlicher erschien als die blasse deutsche oberfächlichkeit.
um mitternacht war ich mit meinem damaligen freund und dessen kumpels am hauptmarkt verabredet. hauptmarkt bedeutete, u-bahn fahren zu müssen. an silvester eine tortur, weil spackige jugendliche in n. nichts lieber tun, als böller in u-bahn-stationen zu zünden. davor hatte ich tierische angst, zum einen wegen des unweigerlich entstehenden hörschadens, zum anderen, weil ich kindheitstraumatisiert immer glaubte, jemand könnte mit böllern auf mich werfen und mich um einige kleine, aber bedeutende körperteile wie beispielsweise eine nase oder ein auge ärmer machen. dennoch überwand ich meine angst und machte mich an die schier unmögliche aufgabe, meinen freund und seine kumpels zwischen den tausenden von menschen am hauptmarkt zu finden. es war wie bei einer globalisierungs-demo, nur dass statt bierflaschen und steinen eben böller und raketen flogen. aber weil das schicksal mir hold war, fanden wir uns eine minute nach mitternacht. drei stunden später nahm er mich dann mit zu sich nach hause, in die schlimmste kifferbude i´ve ever seen, wo wir dann sex hatten, oder vielmehr ich hatte sex mit einem großen, schönen schwanz, an dem ein recht lebloses stück restkörper hing, das diverse seufz- und grunzlaute von sich gab. der schock kam dann am morgen, als ich bemerkte, dass im selben zimmer noch zwei kumpels schliefen, die mich dann später beim frühstück vielsagend und lüstern angrinsten. vielleicht hätte ich schon damals mein erstes gruppensex-erlebnis haben können. nichtsdestoweniger ein schönes silvester, an dem ich mich sehr geborgen, gemocht und geliebt fühlte, vor allem, als mein freund irgendwann flüsterte: "so viel wie für dich habe ich schon ewig nicht mehr für eine frau empfunden." nun, es mag relativierend hinzuaddiert werden, dass der mann damals 22 war und vor mir erst eine feste freundin gehabt hatte, und dass dem gefühlvollen satz ein anderer folgte, nämlich "und du hast voll geile titten" - aber ich schwebte definitiv im siebten himmel. drei wochen später verliebte ich mich allerdings bereits in einen anderen und machte schluss.

jut, das war einmal. zurück in die gegenwart.

gestern war es jedenfalls doch weniger schrecklich, als ich befürchtet hatte. ich machte mich auf die suche nach frau arboretums filmtipp "drugstore cowboys", wurde fündig und hatte damit neben dem trübsalblasen schon mal eine gute ablenkung mit einem damals wirklich gut aussehenden matt dillon, der mich in seinem 80er/early 90er-look irritierenderweise an meine erste große liebe erinnerte. (herzlichen dank noch einmal an dieser stelle an die frau mit dem guten filmgeschmack!)

gegen 21 uhr wurde es dann turbulent, als mich eine nachricht der freundin des dritten im bunde ereilte. sie und der dritte waren auf dem weg zum objekt, das wohl eine kleine silvesterfeier gab. und ich solle auch kommen. da ich wusste, dass die ahnungslose blonde objekt-freundin, der das objekt monogamie und eine eidideiditrallala-beziehung vorgaukelte, anwesend war, verwunderte mich die einladung stark. ich schrieb der dritten-freundin zurück, dass ich das sehr lieb fände, aber im anbetracht der umstände (die dritte-freundin ist über das liebesleben des objekts bestens im bilde) könne ich mir nicht vorstellen, dass das objekt das wirklich ernst gemeint hatte. die dritte-freundin schrieb zurück, doch doch, es sei sogar die idee der objekt-freundin gewesen. das fand ich noch einmal viel seltsamer, denn auch wenn die blonde mir sehr sympathisch war, fiel unser verhältnis doch eher in die rubrik "sehr flüchtige begegnung". wir hatten uns noch nie wirklich unterhalten und es wunderte mich, dass sie sich überhaupt an meinen namen erinnerte.

also schickte ich dem objekt eine sms, berichtete von der merkwürdigen einladung und fragte, ob das ganze auf seinem mist gewachsen sei. die antwort kam fast postwendend. das objekt fand den gedanken, dass ich mitfeiern könnte, sehr schön, gab aber dann zu, dass das nicht seine idee gewesen sei, sondern vielmehr frauendynamik. er wisse auch nicht, was er tun solle, schrieb es weiterhin, ich solle mal meine meinung sagen. ich bat das objekt, es möge sich mal rausschleichen, damit wir das besprechen könnten.
eine viertelstunde später hatte ich einen sehr aufgeregten mann am apparat.
"ich weiß überhaupt nicht, was ich tun soll", flüsterte das objekt in den hörer. "die dritte-freundin und die meine, die nehmen mich hier richtig unter druck, dass ich dich anrufen und bitten soll, doch auch zu kommen."
"wie kommt überhaupt deine so genannte freundin auf die idee, mich einzuladen?! sie kennt mich überhaupt nicht und sie sollte auch nicht wissen, dass wir uns näher kennen."
"du, und genau das kommt mir auch ganz komisch vor: dass die so unbedingt wollen, dass du dabei bist."
das objekt hatte ganz offensichtlich die hosen voll.
ich musste lachen:
"du glaubst, das ist ein frauenkomplott und die beiden wollen uns heute abend überführen?"
"so ähnlich." die stimme des objekts zitterte ganz ungewohnt.
"jetzt sag doch bitte, was ich machen soll! ich brauche jetzt echt mal deine hilfe."
"du, das ist jetzt eigentlich echt nicht mein shit. ich hab dir immer gesagt, es ist das beste, wenn alle bescheid wissen und sich mit der situation arrangieren, wie auch immer."
das objekt schwieg, dann flüsterte es, offenbar in panik:
"du, ich muss schluss machen, da kommt wer."
einige minuten später, als der störenfried außer hörweite war, rief das objekt wieder an. ich hatte zwischenzeitlich widerwillig über eine objektfreundliche lösung nachgedacht.
"also, meines erachtens gibt es zwei möglichkeiten. die erste wäre, ich komme nicht, wobei ich da eine sehr gute, kurzfristige ausrede brauche, weil ich der dritten-freundin schon halb zugesagt habe. die zweite möglichkeit ist, wir spielen das mit und ziehen es durch bis zum gegebenenfalls bitteren ende. vielleicht entspannt sich die situation ja auch, wenn ich anwesend bin. ich bin ja nicht doof, ich weiß schon, was ich sagen darf und was nicht."
das objekt jammerte.
"ich hab das gefühl, die frauen hier ahnen irgendwas... ich wollte doch heute einfach nur in ruhe ein bisschen feiern, und jetzt ist alles so angespannt."
ich merkte, dass das objekt keine nerven für das große theaterspiel hatte.
"pass auf, dann bleibe ich weg. denn wenn du dich dann so verspannt mir gegenüber verhälst, wird sich der verdacht - sollte einer bestehen - nur erhärten. ich meine, ich könnte es trennen, aber ich habe gerade den eindruck, dir schwimmen im moment alle felle davon."
das objekt schien erleichtert, dass eine entscheidung getroffen wurde, verabschiedete sich knapp und legte dann auf.

so blieb ich alleine. gegen 23 uhr überfraute mich dann die große müdigkeit. ich legte mich ein wenig ab, bis mich zehn minuten vor mitternacht das lauter werdende geböller weckte. ich überlegte, ob ich auf die straße gehen und eine rauchen sollte. so eine art zigarette danach, das kann man doch auch dann machen, wenn die nummer, pardon, das jahr, nicht wirklich so durchgehend gut war. gesagt, getan, rasch ein wenig make-up aufgelegt, falls mir in der ersten minute des neuen jahres der mann meiner träume auf dem weißen pferd begegnen sollte, dann in einen halbwegs feierlichen rock und strümpfe gehopst und raus auf die straße.

draußen war niemand. die komplette häuserreihe lag in dunkelheit. offenbar hatte hier jeder eine familie oder einen funktionierenden freundeskreis, mit dem er feierte, oder wenigstens genug kohle, um silvester auf den bahamas zu verbringen. am ende der straße böllerte eine familie und ich überlegte, ob ich mich einfach in die nähe stellen sollte. dann rief jemand von oben: "frohes neues!" ich drehte mich um und blickte hoch. auf dem balkon im ersten stock stand meine nachbarin mit einigen freunden. wir kannten uns eigentlich nur vom sehen im treppenhaus. ihr hund mochte mich, das wusste ich, mehr nicht.
"sag mal, bist du ganz alleine?!" rief mir meine nachbarin dann zu.
"ähm, ja", sagte ich kleinlaut. meine offensichtliche einsamkeit war mir kurzzeitig peinlich, wollte ich doch weder wie ein schräger vogel dastehen, den keiner leiden kann, noch wünschte ich gesellschaft aus mitleid.
"los, komm hoch, dann kriegste ein glas sekt", brüllte meine nachbarin.
das klang so burschikos-herzlich, dass ich nicht nein sagen konnte.
zwei minuten später saß ich mit lauter fremden frauen in einem fremden wohnzimmer. abgesehen davon, dass es ein furchtbar fröhlicher, netter haufen war, hatten sie eines gemeinsam: sie waren alle lesben. die meisten von ihnen sahen aus, wie man sie sich aufgrund bekannter klischees vorstellt. nur die augenblickliche lebensgefährtin meiner nachbarin fiel da etwas heraus, sie erinnerte mich stark an meine zu pubertätszeiten beste weggeh-freundin a., die ich immer verdammt hübsch fand. jedenfalls kann ich schon mal sagen, dass meine nachbarin einen guten frauengeschmack hat.

nach einer lustigen, sektreichen stunde verabschiedete ich mich dann, da ich noch mit dem dritten und der dritten-freundin zum clubbing verabredet war. es war kurz nach eins, als ich mich aufs fahrrad schwingen wollte. prompt fing es an zu regnen. ich überlegte kurz: regen plus schneeschmelze = maximale schlittergefahr. neenee, wir sind vernünftig und nehmen den bus, zumal bei regen das fahrradlicht nicht funktioniert und anlässlich silvester garantiert jede menge bullen unterwegs sein werden.
doch dann begann ich zu rechnen: die strecke bis zur haltestelle, ungewisse minuten des wartens in der feuchten kälte, die fahrt und anschließend der nicht unbeträchtliche restweg... nein, wir werden lieber gleich laufen, sagte ich mir, so eine knappe stunde ist doch ein schöner neujahrspaziergang und auf zehn minuten kommt es dann auch nicht an. fröhlich marschierte ich los. allerdings sollte ich rasch bemerken: regen + tauwetter + highheels = verdammte scheiße. ich rutschte und schlitterte und kam nur im schneckentempo voran. das nächste taxi ist meines, das setz ich von der steuer ab, denn den dreckspissern vom finanzamt drück ich eh genug ab, dachte ich ergrimmt, doch hatte ich die silvesterbedingte nachfrage nicht einkalkuliert. ich bekam kein taxi und als ich nach einer stunde die augustenburger straße erreichte, wusste ich, es lohnte sich nicht mehr. irgendwann machte ich es dann wie die anderen fußgänger und benutzte einfach die straße, die gesalzen und deshalb frei war. die autos gurkten um uns herum und hupten, aber die bürgersteige eigneten sich nunmal definitiv nur noch zum selbstmord.

viel zu spät trudelte ich im club ein und stellte fest: bis auf millionen besoffener spacken war keiner da, den ich sehen wollte. ich stand und starrte mir die augen aus nach den beiden vertrauten gestalten en noir, während mir drei, vier typen auf die füße traten und in mein dekolltee sabberten. ich wartete zehn minuten, dann beschloss ich zu gehen. schade um den eintritt, grollte ich, erst recht nach der hochhackigen tor-tour über die schmelzenden gletscher hamburgs. doch als ich mich auf dem weg zur garderobe befand, stürmte jemand auf mich zu und umärmelte mich. es war die dritte-freundin, im schlepptau der dritte selbst.

zwei stunden lang ließen wir die spacken spacken sein und amüsierten uns auf den tanzfläche. dann war der dritte plötzlich verschwunden. die dritte-freundin, die etwas trinken wollte, suchte ihn, da ihr liebster den gemeinschaftsgeldbeutel bei sich trug.
"hoffentlich ist er nicht auf dem klo und kotzt", sorgte sich die dritte-freundin.
"hat er so viel getrunken? er wirkt eigentlich ganz nüchtern."
"naja, es ging. ist ja jetzt auch schon ein bisschen her."
nach einer halben stunde tauchte der dritte endlich wieder auf. er sah etwas derangiert aus. wie sich herausstellte, war er in eine prügelei geraten, hatte sich aber so erfolgreich gewehrt, dass er aus dem club geflogen war. da er die türsteher kannte, war er jedoch problemlos wieder hinein gekommen. die dritte-freundin tröstete den helden, doch der wollte dann lieber doch nach hause. so verabschiedeten wir uns gegen halb fünf uhr morgens herzlich, dann begab ich mich auf schlitterpartie back home. um sechs uhr lag ich endlich in meinem bett und dachte: wenn 2011 so chaotisch weitergeht, wird es ein genauso spannendes, aufregendes, frustrierendes und dennoch zeitweise einfach wunderbares jahr wie 2010.

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Freitag, 31. Dezember 2010
silvester-umfrage
da dies nun mein erstes silvester alone at home wird:
wie lenkt man sich am besten von eben dieser tatsache ab?
und: was knallt am schönsten (in der birne, nicht an der birne)?

folgende optionen fallen bislang nicht in die engere wahl:

- in den wald (vorher suchen, vermutlich irgendwo stadtrand) laufen und weinen
- auf das dach des radisson sas klettern und springen
- heroin kaufen und sich wegballern
- 112 rufen und solange in den hörer weinen, bis sie den psychiatrischen notdienst vorbeischicken
- beim mittsechziger-nachbarn im dritten stock klingeln und ihn zum sex zwingen
- sich auf die straße legen und warten, was schneller geht: erfrieren oder überfahren werden

kreative vorschläge dringend erwünscht. sie können ein leben retten (etwas, worauf sie mindestens die nächsten zehn bis 20 jahre stolz sein werden)! es gibt allerdings keinen finderlohn (für diejenigen, die mir auf das radisson-sach nachkraxeln oder mich von der vereisten straße zerren)! das projekt ist also eher etwas für selbstlose seelen...

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Sonntag, 26. Dezember 2010
jägerzaunidylle und lost im raucherparadies
süße, erdrückende langeweile. nicht, dass ich das bedürfnis hätte zu arbeiten. ich fühle mich schlecht und nutzlos, so ganz ohne. aber ich nehme es streng mit der selbstverordneten ruhe und sitze eben den ganzen tag in meinem mädchenzimmer und beobachte, wie sich der schnee immer höher schichtet.

die party, auf der ich gestern abend noch war, weil sie die einzige in den nächsten tagen war, brachte auch keine abwechslung. das dj-set erreichte die talsohle der uninspiriertheit gegen drei uhr morgens mit "sunglasses at night", ein alter schinken, der gewissermaßen schon am verwesen ist. auch sonst gab es keine musikalischen impulse, die mich hätten aufhorchen lassen oder aus dem sessel bewegen können. tanzen war also fehlanzeige. was mich beinahe zum hyperkinetischen ausrasten brachte.
zudem waren nur wenige leute da und diejenigen, die da waren, waren überwiegend männer, mit denen ich mal was hatte. sie starrten mich immer noch mit dem gleichen gesichtsausdruck verletzter füllen an, weil ich in der regel diejenige war, die schluss gemacht hatte. zu tode geglubscht verkroch ich mich dann in den hinterletzten winkel, da ich keine fragen wie "wohnst du immer noch in hamburg?" oder "na was macht die liebe" beantworten wollte. zum glück war meine beste freundin da. allerdings hatte sie ihren mann dabei - und der beschäftigte sich den abend über intensiv mit meinem letzten vor-ort-ex.

irgendwann jedoch gelang es mir, den mann meiner freundin zum rauchen weg in den garten zu locken, was ihm sehr entgegenkam, da er gerade halbfreiwillig nichtraucher werden soll. wir huschten durch den flur und hinaus in die eiseskälte, beide ohne jacke, da es ja nur eine kippenlänge eisschranktemperaturen zu ertragen galt. dachten wir.
doch kurz, nachdem wir im schneesturm unsere zigaretten entfacht hatten, passierte es: der wind schlug die tür zu.
wir guckten dumm. h. rüttelte am knauf.
"scheiße, die ist zu."
ich war noch ganz cool und meinte nur:
"egal, wir gehen einfach durch den garten und vorne raus und zum eingang wieder rein."
schlotternd, aber noch entspannt rauchten wir zu ende und trippelnden dann richtung gartenausgang.
was wir allerdings nicht wussten: die betreiber des clubs hatten in den letzten wochen einen etwa zwei meter hohen holzzaun um das grundstück gebaut. was bedeutete, dass unser fluchtweg abgeschnitten war.
"ach du kacke", sagte ich, als wir vor der nicht enden wollenden bretterwand standen.
"was machen wir denn jetzt?" fragte h.
ich holte mein handy aus der tasche.
"ich ruf deine frau an."
"das ist aber optimistisch. die hört dich doch nicht da drinnen."
"egal, vielleicht haben wir ja glück."
leider hatte h. den besseren realistätssinn von uns beiden. ich versuchte es dreimal ohne erfolg, dann gab ich auf.
inzwischen war uns jackenlosen sehr, sehr kalt. wir rannten zurück zur gartentür und begannen zu rufen und zu klopfen. doch keiner hörte uns.
"wie lange hält es ein mensch eigentlich aus, ohne jacke bei minusgraden und schneesturm?!" witzelte ich.
doch auch h. war inzwischen mulmig geworden.
dann hörten wir am anderen ende des garten plötzlich stimmen. klar, da war ja der parkplatz. h. rannte los und rief:
"hallo, hallo... könnt ihr uns helfen?"
er schilderte kurz unser anliegen. doch leider waren die passanten nur besoffene vollpfosten, die glaubten, wir nähmen sie auf den arm. sie lachten und verkrümelten sich.
mittlerweile waren wir richtiggehend verzweifelt. wir gingen langsam schweigend zum verschlossenen eingang zurück. schutzsuchend kauerte ich mich an die tür und hoffte, das holz würde mich wärmen. plötzlich jedoch gab die tür in meinem rücken nach. schemenhaft erkannte ich m.s irokesenkopf hervorlugen.
"was macht ihr zwei hübschen denn da?!" fragte m. erstaunt. "h., deine frau sucht dich schon!"
"mann, bin ich froh, dass du da bist", rief h. und nahm m. in den arm. der wunderte sich, bis h. ihm unsere unfreiwillige exkursion in die arktis schilderte.

das war aber leider auch schon der höhepunkt des abends. ich wollte mich nach dem schockfrosten erstmal aufwärmen und holte mir einen white russian an der bar. und ohne pauschalisieren oder unken zu wollen: barkeeper, die beim mixen in der karte nach den zutaten schauen müssen, machen mich nervös. das ist wie ein arzt, zu dem sie wegen einer erkältung kommen und der dann in seinen büchern nachgucken geht.
mein gefühl betrog mich nicht. der weißrusse war eine schale milchplörre mit unmengen von eiswürfeln.
danach hatte ich endgültig genug. ich packte meine siebensachen und verschwand frustiert.

zuhause bei meinen eltern schwor ich mir dann, dass mein nächster heimaturlaub garantiert nicht mehr in einer totenzeit wie weihnachten stattfinden wird. ab sofort wird urlaub nur noch nach partykalender gebucht. und merke: beim betreten von diskotheken immer fluchtwege checken!

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Donnerstag, 23. Dezember 2010
ausnahmsweihnachten
mein weihnachten ist schon vorbei, es war von gestern abend bis heute vormittag.

das objekt sorgte für zweiraum und arragierte uns ein sohnemann-frei für einen abend. als ich von der arbeit kam, gab es tischlein-deck-dich-artig ein selbstgekochtes, mehrgängiges traditionelles weihnachtsmahl mit upper-class-rotwein und omas silberbesteck. zum nachtisch dann hardstuff, böse kräuter sowie brot und spiele.

der dazugehörige einkaufsexzess wurde komplett vom neuerdings quasi gemeinsamen konto finanziert. das objekt ist nun mehr der erste mensch und der erste mann, dem ich meine kreditkarte anvertraue. leichtsinnigerweise.
doch mein vertrauen wurde nicht missbraucht. im gegenteil. die abrechung stimmte bis auf den letzten cent, obwohl ich darauf im anbetracht der exakt gleichen ärmlichen verhältnisse keinerlei wert lege.
und last but not least: sogar die wohnung war geputzt, obwohl das objekt putzen hasst wie die pest.
das nenne ich wertschätzung. vertrauen angemessen beantworten. dies schafft ein mensch, mit dem ich offiziell nicht einmal zusammen bin. das ist mehr, als ich jemals erwartet hätte, nach allem, was ich mit anderen erlebt hatte.
es ist achtung. "weil du jemand bist, der so clever ist, dass sie die welt so checkt, wie sie nun mal funktioniert." meint auch und vor allem: dass ich es handeln kann, dass ich nicht die einzige frau mit bedeutung im objekt-leben bin.

der spalt an offenheit weitet sich immer mehr. vielleicht wird es helfen, die zeiten zu überdauern. stärker zu sein. zu wachsen und herr zu werden über kleinlichkeiten, eifersucht und die zeitweise alles verschlingende sehnsucht. ich bete, dass ich die kraft dafür besitze, dass man(n) mir die kraft immer wieder aufs neue verleiht.

zum dank habe ich die arbeit aufgeschoben und bürotechnisch ein bisschen hellblau gemacht. das gemeinsame morgendliche kuscheln war einfach zu nett.

ich bin glücklich, für einen moment. ich bin satt. vielleicht ist das endlich ein hauch vom land of the fat nach sieben dürren jahren.

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Samstag, 18. Dezember 2010
asylantenheim, klappe III
gestern abend, als ich mich nach einem painkiller-shot und einer unfreiwilligen alkoholisierungsaktion auf arbeit (weihnachten macht mich zur ethanolikerin) ins bett begeben wollte, ereilte mich eine sms. sie war vom objekt und dem dritten im bunde. zunächst glaubte ich, man(n)/männer wolle mich zu später stunde noch beglücken. no way, dachte ich. dann rief ich aber doch an und fragte nach. es stellte sich heraus, dass objekt und dritter mann am streiten waren, ob sie noch weggehen sollten oder nicht.
"kannst du nicht mit dem dritten ein bisschen ausgehen?" fragte mich das objekt.
"hmmm..." seufzte ich müde. "ich bin schon in schlafklamotten!"
"okay, wann kannst du hier sein?"
ich habe schon einmal erwähnt, dass meine neins selten gehört werden, oder?

also stellte ich mich unter die dusche, warf schnell ausgehkleidung über mich und schwor mir, um vier uhr morgens wieder zuhause zu sein. mit dem rad fuhr ich durch den tiefschnee bis zum objekt. dort öffnete mir der dritte. es roch nach indizierten kräutern.
"hier stinkts" sagte ich zur begrüßung.
"das war das objekt", sagte der dritte.
"wo isses denn hin?"
"das schläft jetzt schon."
"toll. mich einladen und sich dann schlafen legen."
"der kam vorhin von der arbeit, hat eine halbe flasche wodka auf ex getrunken und geraucht. der ist völlig hinüber."
das kam mir leider bekannt vor und ich fragte den dritten, der ja mehr zeit als ich mit dem objekt verbringt:
"hast du ihn mal drauf angesprochen?"
"ja, zweimal. ich denk schon, dass er weiß, dass er im grunde alkoholiker ist."
"leider nicht nur das. oh mann, wir sind schon ein verein. wie läuft dein abi?"
"super. nur einsen bisher."
"streber", grinste ich. "du bist der traum aller lehrerinnen."

wir saßen noch ein wenig da und diskutierten über das heruntergekommene objekt, die schule, expressionistische lyrik und tagespolitik (darin ist der dritte nämlich sehr gut), dann gab es einen kleinen wachmacher und wir zogen los.

auf der party war dann allerdings nicht viel geboten. kurz vor vier uhr sagte ich, mich tugedhaft am schlafittchen packend:
"ich fahr jetzt nach hause."
der dritte nickte.
"ist ja eh scheiße."
dann sah er mich nachdenklich an.
"kann ich vielleicht bei dir schlafen?"
"bei mir? ich dachte, du schläft beim objekt?"
"nee, sein lütter kommt morgen früh um acht. und der ist immer so anstrengend."
"axo. ja, na klar... dann kommst du eben mit."
"ist das weit?"
ich überlegte.
"wir nehmen jetzt einfach ein taxi. ist ja schließlich weihnachten."

bei mir bezog ich dem dritten die gästematratze, die in letzter zeit erstaunlich viele besucher erlebte, und holte ein frisches handtuch.
"danke", sagte der dritte.
"danke, mutti, heißt das", erwiderte ich.
dann zog mich der dritte an sich.
"was ist denn nun mit deiner freundin?"
der dritte hatte eine teilzeitfreundin, der er in den intervallen der festen beziehung auch treu war.
"wir sind schon noch zusammen."
"dann überleg mal, ob du das jetzt wirklich willst."
der dritte guckte verzweifelt:
"du bist eben eine ausnahme. du bist auch die einzige. bei dir kann ich nicht anders. sonst bin ich treu. also sag ihr bitte nichts, ja?"
"meine lippen sind versiegelt."

da der dritte im breitentechnischen vergleich mit dem objekt eine halbe portion ist, passte erstmals ein mann in mein überzeugtes-single-bett.
"ich muss um zehn aufstehen, ich hab fußballtraining", sagte der dritte gegen acht uhr morgens.
"na toll. das heißt, ich darf jetzt den wecker stellen?"
"äh, sorry..."
"solange ich dir keine brote schmieren muss."
"nein, nein, ich zieh mich schnell an und verschwinde dann einfach."
"gut."
ich pustete die kerze aus und ließ mich noch ein wenig in den schlaf streicheln.

um zehn klingelte mich der wecker aus einer totenstarre. der dritte hüpfte schon durchs zimmer und suchte seine sportklamotten zusammen, die er gestern in weiser voraussicht schon bei sich trug.
"du hast das alles geplant, oder?" fragte ich gerade heraus.
der dritte guckte unschuldig. ich schleuderte ihm seinen slip entgegen.
"da. nicht vergessen, sonst machst du den torwart heiß."
der dritte lachte, drückte mich -
und verschwand. ich blieb zurück in einem verwüsteten zimmer voller asche, leerer flaschen (nur wasser!) und zerwühlter bettwäsche. tja, mit aufräumen haben es schuljungs eben nicht so...

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Mittwoch, 15. Dezember 2010
urlaubsplanung
die urlaubsplanung verschiebt sich gerade von haus am see doch in eine richtung, die eher zu monsieur l´object et moi passt.
denn:
"endlose wiesen und dörfer hatte ich schon, als ich noch klein war", meint das objekt düster.
"und an deine kindheit willst du ja am besten nicht erinnert werden, hm?"
wie immer, wenn ich das böse k-wort in den mund nehme, schweigt das objekt.
"berlin", sagt das objekt da, "wie wärs denn mit berlin!"
sein letzter berlintrip hatte das objekt direkt in einen swingerclub geführt.
"das war dort echt fast wie in eyes wide shut."
ich dachte nach. meine aufregendsten berliner erfahrungen waren nun schon länger her.
"gibts das maria am ostbahnhof noch?" fragte ich das objekt.
"denk schon. aber deswegen will ich nicht nach berlin."
"willst du gar nicht auf ne party?"
"doch schon. aber mit dir kann ich mir auch was anderes vorstellen."
ich stellte die lauscher auf.
"naja, ich würde gern mal mit dir in ein museum gehen."
!!!
ich guckte groß. das objekt hatte definitiv eine interessante vorstellung von dem, was man mit mir am besten so im urlaub macht. also nicht, dass ich nicht kulturell begeisterungsfähig wäre. aber das dann doch eher so in richtung theater, literatur und konzerte. davon abgesehen konnte ich mir das eher aufmerksamkeitsschwache objekt nur schwer zwischen statuen und reliquien und ollen schinken vorstellen.
"germanisches nationalmuseum hatte ich schon meine ganze kindheit lang", maulte ich.
"ach, ist das in nürnberg?"
"ja."
"cool. warst du da drin?"
"nee", gab ich widerwillig zu.
"aber warum denn nicht?"
"mann, darum eben!" pöbelte ich. dann tat mir meine zickerei schon wieder leid. doch das objekt mit seiner ruhigen, coolen art war lediglich amüsiert.
"wenn, dann will ich aber was spannendes", sagte ich. "was mit tieren. oder was mit sternen. nicht nur so olle tonscherben und so."
"okay", war das objekt einverstanden.
"und sonst so?" fragte ich weiter, da ich nicht meinen gesamten urlaub in museen zubringen wollte, auch, wenn es dort vielleicht tote tiere oder meteoriten oder antikes sexspielzeug gab.
"wie wärs mit eyes wide shut?" grinste das objekt.
zumindest in einer urlaubstechnischen hinsicht scheinen wir ähnlich zu ticken: wir mögen es beide kontrastreich. es kann also nur spannend werden, trotz knappem budget oder vermutlich gerade deshalb. the same fucking low level schweißt irgendwo auch einfach zusammen.

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Dienstag, 14. Dezember 2010
schneeblindes date
obwohl ich nicht viel davon halte, ist das internet ja doch eine recht interessante möglichkeit für begegnungen zwischen männlein und weiblein. so kam es, dass ich heute morgen, als ich eigentlich mal einen schönen homeoffice-tag einlegen wollte und gerade die umzugskacke regelte, eine nachricht erhielt von einem unbekannten menschen. er machte mir ein recht direktes angebot in einem einzigen satz.

obwohl ich in solchen angelegenheiten gerne mal die verbale faust aus der tasche hole, antwortete ich in diesem fall in spontaner laune mit einem frechem "wenn du dich traust."
wir erörterten dann noch das wann und das wo, was sich als etwas kompliziert entpuppte, da wir keinerlei gemeinsamkeiten oder ähnliche vorlieben haben, was lokationen betrifft. endlich hatten wir uns auf ein cafe geeinigt, in dem wir uns treffen wollten zweck eines ersten unverbindlichen eindrucks.
hoffentlich finden wir uns in dem wilden schneetreiben, schrieb der mann noch zum abschied.

am nachmittag machte ich mich dann frisch geschniegelt und gebügelt auf den weg. in der u-bahn klingelte mein handy. es war der typ, der ankündigte, er käme zehn minuten später wegen des schnees. ich, die ich ohnehin mal wieder zwei minuten kurz vor knapp war, war darüber recht froh. ich musste ohnehin noch vorher zur sparkasse, da ich nur noch 40 cent in der tasche hatte.

als ich von der sparkasse zum verabredeten cafe schlitterte, klingelte wieder mein handy. überraschenderweise war es das objekt, das zoff mit der kindsmutter hatte und ein wenig zuspruch brauchte. ich versprach, es zurückzurufen und erwähnte in einem nebensatz das unmittelbar bevorstehende date. "pass aber bitte auf, ob du das dann auch wirklich willst", warnte das objekt. "und mach es nicht, wenn das ein arschloch ist, das dich nicht verdient hat." manchmal muss man das objekt einfach nur lieben für seine unkomplizierte, fürsorgliche art und sein großartiges bewusstsein für meine wunden punkte.

dann wartete ich vor dem cafe. schwarzer mantel und graue mütze, hatte der typ gesagt, und 1,85m groß. nach etwa zwei minuten kam ein mann auf mich zu, der etwa die besagte größe hatte und einen schwarzen kurzmantel und eine graue mütze trug. er sah etwas jünger und attraktiver aus als ich erwartet hatte. er stellte sich direkt neben mich und schaute sich suchend um. dann begegneten sich unsere blicke und er lächelte unsicher, schaute jedoch gleich wieder weg. niedlich, er ist schüchtern, dachte ich verzückt. ich wartete noch zwei minuten, dann wurde ich ungeduldig. warum macht der nicht den mund auf? ich beschloss, die sache in die hand zu nehmen.
"hallo, ich glaube, wir sind verabredet", schnurrte ich in flirtlaune und schaute ihm tief in die himmelblauen augen.
der typ allerdings glotzte völlig verschreckt zurück.
auweiha. fettnäpfchen, ahnte ich.
"ähem, nö", sagte er etwas gepresst.
"entschuldigung", stotterte ich, "das tut mir jetzt leid. ehrlich. das war keine plumpe anmache oder so."
"das muss ihnen nicht leid tun", sagte der mann dann, "es hätte mich sehr gefreut, mit ihnen eine verabredung zu haben." er grinste, nicht mehr ganz so schüchtern, sondern sehr amüsiert.
"so, finden sie", sagte ich schon wieder etwas flirty.
"also wenn ihre verabredung nicht kommen sollte, ich stehe ihnen gern zur verfügung."
aber hallo!
"ich komme gegebenenfalls drauf zurück", sagte ich.

dann drehte ich mich um. hinter mir stand ein großer, nicht weniger attraktiver mann im schwarzen mantel mit grauer mütze und grauen schläfen.
"hallo", sagte er. "ich dachte, wir sind verabredet."
"definitiv", säuselte ich und mein vaterkomplex jubilierte.
"ich hatte schon angst, ich störe", sagte meine verabredung mit blick auf graue wollmütze nummer zwei.
"ach, sie sind der glückliche", sagte die daraufhin zu meinem date. "dann wünsche ich ihnen einen zauberhaften abend."

mein date hielt mir die tür auf (gute manieren I), half mir aus dem mantel (gute manieren II) und bestellte für mich einen kaffee (gute manieren III, signal zur bereitschaft zur rechnungsübernahme). dann unterhielten wir uns eine stunde lang über die schönste sache der welt, während die restlichen cafebesucher lauschten und entweder pikiert das weite suchten oder süffisant grinsten.
mein date entpuppte sich in live als ebenso offenherzig und direkt wie virtuell. die faszination beruhte dabei auf gegenseitigkeit.
"wir könnten noch schick was essen gehen, dann eine flasche schampus aufmachen und es uns gut gehen lassen", schlug es vor.
"wenn du die weiberbrause weglässt, bin ich dabei", sagte ich.
just, als mein date die rechnung zahlen wollte (und ich den haken hinter gute manieren III machte), klingelte sein handy. es war sein chef. wie sich herausstellte, hatte sich mein date einfach verfrüht aus dem büro weggestohlen, um mich zu treffen. jetzt gab es ärger.
"entschuldige, aber ich muss noch einmal in die arbeit zurück und das klären", sagte mein date. "sehen wir uns trotzdem wieder?"
"von mir aus gern", sagte ich.
ich bekam ein küsschen links und eines rechts und dann einen zungenkuss.
"das", sagte mein date, "wollte ich schon seit einer stunde tun."

mit etwas wackligen knien stapfte ich über den inzwischen spiegelglatt angefrorenen schnee zurück in die u-bahn. von dort aus rief ich das objekt an.
"und, wie war es", wollte mein mann nummer eins wissen.
"wir haben nur cafe getrunken und uns unterhalten. aber es war recht angenehm."
"was ist das für ein typ?"
"ich kann ihn ja mal mitbringen", witzelte ich, "dann kannst du dich überzeugen oder ihn gleich verführen."
das objekt musste lachen.
"übernimm dich nicht", sagte es, "drei männer sind mehr, als manch eine erträgt."
"nee", sagte ich, "ich setz mich dann vor das bett in deinen sessel und schau euch zu."
"du hast den teufel auf der schulter, madame. außerdem ist das mein sessel. wenn, dann sitz ich da drin."
"dazu fallen mir jetzt eine million spannende dinge ein", schnurrte ich anzüglich.
"hör auf. ich bin auf arbeit. ich muss da gleich wieder raus und das geht nicht, wenn mir das blut in den schritt schießt."
"okay. dann denk an das gebiss deiner oma oder sowas."
das objekt lachte schon wieder.
"wir sollten öfter mal solche gespräche führen", sagte es. "du tust mir definitiv gut."
"du mir auch. in jeder hinsicht."
dann legte ich auf und dachte, was für ein wahnsinnstag.

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Sonntag, 12. Dezember 2010
stranger than friday
wenn man samstagvormittag noch berufsbedingt in einer fremden stadt unterwegs ist, dann 600 km retour fährt und erst am späten abend zuhause ist, kriegt das wochenende irgendwie eine leichte emotionale schieflage. man macht freitagstätigkeiten wie beispielsweise den wohnungsputz plötzlich 24 stunden zu spät. ganz komisches feeling.
auch lust und elan zum ausgehen liegen auf freitagsniveau oder sogar leicht darunter, weil man schließlich schon um sechs uhr morgens aufgestanden ist. aber was soll´s, wenn man die nacht nicht mehr nutzt, hat man tagsdrauf tanzdefizit. also die arschbacken zusammengekniffen, nichts wie rein ins partyoutfit und die hohen schuhe, und dann ab in die u-bahn.

im club als erstes das gehunfähige, da rotzbesoffene objekt aufgesammelt, das einen mit der frage: "wer bin ich? wer bin ich eigentlich?" in tiefschürfende praktisch-philosophische gedanken stürzt, die darauf hinauslaufen, dass das objekt einfach nur dringend nach hause und ins bett sollte (sofern es sich noch daran erinnert, wo es wohnt).
"aber wenn ich mich jetzt hinlege, muss ich kotzen."
das ist ein argument für weitertanzen und dem objekt ein stilles wasser kaufen.

später sitzen wir dann da, der schwere kopf des objekts auf meiner schulter ruhend, seine nase an meinen hals gedrückt, ich weiß, ich rieche sehr gut, und er auch, was für eine scheiße, denn wäre der kerl nicht so verdammt hackedicht, würde man ja fragen. bei dem pegel regt sich nur leidergottes erfahrungsgemäß gar nichts mehr im schritt.

dann spricht mich ein typ an, bestimmt schon mitte 40, bierbauch, ebenfalls angetrunken.
"hast du lust, dich mit mir zu unterhalten?"
"nein", sage ich wahrheitsgemäß.
woraufhin der typ anfängt, mich vollzulabern. meine "neins" scheinen immer irgendwie ungehört zu verhallen. ich sollte mir ein t-shirt drucken lassen mit einem fetten "nein" über der brust.
"darf ich dich mal anlächeln?" fragt der typ irgendwann, um mich dazu zu bewegen, ihm mein gesicht zuzuwenden. darauf habe ich noch viel weniger lust als auf das abgekaute ohr.
glücklicherweise sehe ich von weitem das objekt auf mich zukommen, das die situation richtig eingeschätzt hat und mir zur hilfe eilt. es schiebt den typen mit einem beeindruckenden unterarmmuskel-spiel (*sabber)auf die seite und nimmt mich schützend in den arm.
der typ stutzt. er überlegt einen moment, dann tippt er dem objekt auf die schulter. das finde ich sehr dreist. das objekt offenbar ebenfalls. es dreht sich um und sagt unwirsch:
"muss ich dich jetzt um erlaubnis bitten? ich glaube, nein!"
das objekt baut seine durchtrainierten 1,90m vor dem typ auf und guckt sehr sauer. der typ schrumpft wie eine erektion nach einem vorzeitigen samenerguss und verkrümelt sich.
das objekt drückt mich, lächelt siegessicher und sagt: "ich geh dann mal nach hause. ich muss den babysitter ablösen."
"willst du alleine schlafen", frage ich dann doch, da mich der objektduft schon wieder ungeheuer angeturnt hat.
"ja", sagt das objekt, "ich muss sowie um acht wieder aufstehen, weil da der lütte wach wird."
obwohl vernunft immer ein gegenspieler der leidenschaft ist, kann ich das objekt gut verstehen. drei stunden schlaf sind besser als drei stunden besinnungslos vögeln, zumindest, wenn man als verantwortungsvoller vater einen quietschen kleinen irrwisch unter kontrolle halten muss.

während das objekt in seinen hauch von einer jacke schlüpft, schleicht sich der typ wieder an mich heran.
"das ist aber ein schöner", sagt er und deutet auf das objekt.
"ja", sage ich und stelle mal wieder fest, dass mein geschmack nicht ganz subjektiv ist und dass mindestens genau so viele männer wie frauen das objekt anschmachten/beneiden.
"ist das deiner?" fragt der typ dann.
"also er ist nicht mein eigentum", sage ich kichernd. "wir teilen uns, gewissermaßen, auch wenn wir irgendwo schon zusammengehören."
der typ wiegt bedächtig den kopf und mustert erst mich, dann wieder das objekt:
"zwei so schöne menschen... war ja eigentlich klar."
(warum finden mich eigentlich gerade alle so verdammt schön? wurde ich heimlich schönheitsoperiert und alle merken es außer mir?)
dann geht der typ, ein wenig geknickt. fünf minuten später sitzt er neben einer kleinen dicken, die eigentlich sehr hübsch wäre, würde sie sich nicht wie ein presssack in ihre corsage einschnüren.
vielleicht ist schönheit ja auch relativ.

als es halb sechs uhr morgens ist und die letzten klassiker gespielt werden, hole ich meinen mantel und begebe mich nach draußen, wo bizarrerweise die vögel zwitschern. ich entscheide mich, den heimweg zu fuß zu gehen, es ist ohnehin eine der letzten gelegenheiten, die zentrumsnahe wohnlage auszukosten.
ich höre alec empire und freue mich tierisch darüber, am leben zu sein.

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