Samstag, 19. März 2011
in parallel
an sehr raren tagen haben menschen zutritt zu ihrem paralleluniversum. dort sehen sie dann, welche person sie noch so sind und wie sich deren handeln karmisch in der echtwelt niederschlägt. bezüglich des eintretendürfens muss man ein wenig mit dem gott des paralleluniversums verhandeln. obwohl dieser gott sehr beschäftigt ist (er arbeitet undercover als lude auf dem kiez), gelang es mir, mit ihm in verbindung zu treten. was er mir auftrug, war recht einfach: ich sollte an einen bestimmten, geheiligten ort kommen und am besten jemanden mitbringen, weil das im paralleluniversum so funktioniert wie in jedem ordentlichen swingerclub: paarweise ist es meist billiger.

ich nahm die universumsschleuder und ließ mich mit diversen anderen gestalten, die allesamt sehr betrunken wirkten, am zielort ausspeien. dann suchte ich die beschriebene lokation. es war ein gemütlich anmutender ort mit roten fenstern. auf den tischen standen teelichter und als aschenbecher getarnte opferschalen. es ähnelte einer kneipe, aber ich vermutete, dass es sich um eine diesseitige kulisse handelte, hinter der sich die gesuchte parallelwelt verbarg.

die begleitung des abends war schon da. wie sich herausstellte, war die betreffende person früher schon einmal an diesem ort und wusste daher nicht nur, welches bier empfehlenswert ist, sondern auch, wo sich die toiletten befinden.
nachdem sich unsere unterhaltung zunächst auf kulturelle und ähnliche diesseitige themen beschränkte, fiel uns irgendwann das seltsame benehmen der anderen gäste auf. sie wirkten auf den ersten blick unschuldig, doch die mimik der gesichter sowie gesten und körperhaltung passten nicht zur vermeintlichen harmlosigkeit. und tatsächlich: der raum stand unter einer immensen spannung. die stimmung war zum bersten sexuell aufgeladen.

mein begleiter entpuppte sich als professioneller lippenleser und teilzeit-synchronsprecher und begann, die bewegungen von mündern, augen und händen in unsere sprache übersetzen. uns gegenüber saßen zwei mädchen, eine blonde und eine brünette, zusammen mit einem jüngling mit erheblicher gesichtsbehaarung und entsetzlichem öko-kleidungsstil. die brünette, die ihre wollust unter einer blauen funktionsjacke verbarg, gehörte offenbar zu dem bärtigen jüngling, während die blonde die vordergründige rolle der netten freundin und die hintergründige der verführerin spielte. sobald die deutlich alkoholisierte funktionsjackenträgerin weghörte oder einnickte, hatte die blonde den jüngling am wickel, der von dem angebot ganz offensichtlich vollkommen überfordert war. dies witterten drei fremde junge männer, die sich irgendwann mit phallischen bionadeflaschen neben die blonde pflanzten und ihr offenherzig die klaffenden flaschenhälse präsentierten. doch da beide frauen den öko-jüngling angeierten, standen die drei bald frustriert auf und gingen.

die brünette, nicht dumm und sehr wohl bemerkend, dass der öko-jüngling und die blonde unter gegenseitiger, wenn auch nicht ausgelebter attraktion standen, stand irgendwann auf und sprach ein anderes pärchen im raum an. dabei handelte es sich um ein junges emo-girlie und deren freund, einen als anitatomkraftaktivist getarnten bundeswehrsoldaten, der mir schon zuvor durch sein aggressives auftreten (kennen sie diese los-hau-mir-auf-die-fresse-damit-ich-dir-die-deine-polieren-kann-typen?)aufgefallen war. doch das emo-girl und der antiatomkraft-soldat hatten wohl selbst eine schwere beziehungskrise, die durch das angebot der funktionsjackenträgerin noch verstärkt wurde. der antiatomkraftsoldat wurde laut, sprang auf und rannte richtung ausschank, um dort vermutlich heimlich das gestäng von barhockern und die unschuldige vertäfelung des tresen zu treten. das emo-girl starrte derweil frustriert vor sich hin. wir vermuteten, dass sie wohl heute keinen sex mehr haben würde.

dann erlebten wir eine überraschung. die funktionsjackenträgerin näherte sich meinem begleiter und setzte sich neben ihn. mit einem charmanten akzent begann sie, ihn in ein gespräch zu verwickeln. dann wandte sie sich an mich und wollte wissen, in welchem verhältnis ich zu meinem begleiter stand. bevor ich antworten konnte, sagte der mann an meiner seite:
"wir sind verheiratet."
das erklärte, warum ich im echt-universum keine festen bindungen zustande kriegte. geht ja ganz klar nicht, wenn ich seit jahren schon mit jemand anders verheiratet war. doch wer ist das eigentlich? ich lauschte und erfuhr aus gesprächsfetzen, dass mein mann als arzt arbeitete. das erklärte beispielsweise, warum er mir die getränke bezahlte. ich fragte mich, ob wir wohlhabend sind und kinder haben, doch dies blieb mir leider verborgen. die funktionsjackenträgerin fand, dass wir sehr glücklich aussähen, dann stand sie auf und ging.

wir beobachteten noch ein weile das treiben - menschen, die mit anderen oder wenigstens mit ihren bierflaschen nach unten in den darkroom von einer toilette gingen und dann breitbeinig wankend wieder nach oben kamen - und diskutierten über den gefährlichen unterdruck, der in offenen leeren flaschen entstehen kann. dann beschlossen wir, das paralleluniversum, das uns auch schon langsam zu parallelysieren begann, zu verlassen.

auf der straße fühlte ich mich herrlich aufgeregt-unaufgeregt. dann verabschiedete ich meinen mann (nach so vielen ehejahren nimmt die sexuelle leidenschaft ja bekanntlich etwas ab, sodass man lieber in getrennten betten schläft, zumal man im alter den schlaf braucht) und begab mich zur universums-schleuder.

fragen sie mich nicht, wie ich wieder nach hause kam. es dauerte alles sehr lang. ich kann mich an kälte und ur-schreiende menschen erinnern. der rest fiel in den styx. als ich heute morgen erwachte, fühlte ich mich zerschlagen und hatte leichte kopfschmerzen. die erinnerung aber ist schön und warm und angenehm.

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Sonntag, 13. März 2011
rivalen im revier
meine angst vor dem alles-fängt-wieder-von-vorne an wurde am gestrigen tag und abend als absolut realistisch bestätigt. ich hatte dem objekt noch eine sms geschrieben, die unbeantwortet blieb, wie so oft, wenn es stofflich ausgeknockt war. später ging ich dann noch in den club, wo wir einander über den weg liefen. offenbar hatte sich das objekt wieder berappelt und in einen ausgehfähigen zustand versetzt.

auf den ersten blick wirkte alles ganz normal. das objekt hatte eine flasche cola in der hand und lehnte lässig mit der schulter an einem pfeiler, was unglaublich sexy wirkte. dann sah es mich und lächelte, umarmte mich kurz, legte mir die hand auf die wange und meinte dann:
"komm doch mal mit, ich hab was für dich."
die glasigen augen verhießen nichts gutes.
im hinterzimmer zog das objekt einen fetten joint aus der tasche, zündete ihn an und gab ihn dann an mich weiter. schon nach dem ersten zug begann sich der raum zu deformieren und ich klammerte mich an den objektarm.
"oha."
"geil, hm?"
dann kam jemand vom personal auf uns zu und bedeutete uns, entweder zu verschwinden oder den joint wegzupacken.
"komm", sagte das objekt wieder und zerrte mich richtung klo. ungeachtet schräger blicke enterte es mit mir die damentoilette. in der hintersten kabine ließ es sich auf dem klodeckel nieder und machte da weiter, wo wir hatten aufhören müssen.
"warum sind wir nicht einfach raus gegangen?" fragte ich brav und blöde.
"ich lass mich doch nicht von so nem wichser vertreiben."
war das objekt dicht, entwickelte es hin und wieder im gegensatz zu seinem sonst sanftem charakter renitente und rebellische züge.
ich lehnte indes an der klotür und hatte das gefühl, mit ihr zu verschmelzen. dann hob das objekt den blick. wir sahen einander an, zwei dumme, derselbe gedanke, ich musste lachen und das objekt sagte:
"das ist unfair, glaubst du etwa, ich krieg in dem zustand noch einen hoch?!"
ich wartete noch ein weilchen und beschloss dann:
"ich geh mal besser wieder rein."
nach vier oder fünf zügen war mir ganz schwummrig geworden und ich fragte mich, ob das wirklich nur gras war. ich würde es ohnehin nicht erfahren, da war ich mir sicher, denn das objekt vertraute seinem dealer mehr als dem eigenen verstand und wenn der dealer sagte, is geil, das knallt, war das objekt sofort dabei.

an der bar holte ich mir einen saft und setzte mich dann auf die couch. zwei minuten später plumpste jemand neben mich. es war der architekt, ein äußerst angenehmer zeitgenosse, mit dem ich mich trotz dessen autismus sehr gut verstand.
das spannende ist, dass der architekt und das objekt sich spinnefeind sind. der architekt hatte dem objekt nämlich einst vor vielen jahren die kindsmutter ausgespannt und es auch noch geschafft, ein gutes verhältnis zum objektsohnemann aufzubauen. immer, wenn der architekt gerade da war und ich dem objekt eins auswischen wollte, unterhielt ich mich demonstrativ stundenlang mit dem feind. während dem objekt sonst vollkommen gleich war, mit wem ich knutschte oder dann auch später nach hause ging, reagierte es hier schon allein angesichts einer unterhaltung ausgesprochen empfindlich und ließ sich sogar zu bösen sprüchen hinreißen.

der architekt, der je nach müdigkeitsgrad große ähnlichkeit mit nick cave in dessen schlimmsten fixerjahren hat, sah heute zur abwechslung mal etwas erholter aus. ich fragte nach dem grund und erfuhr, dass der architekt jetzt auch endlich mal an sich dachte und in eigener sache kreativ wurde.
"ich hab mir ein grundstück angeschaut, das ich bebauen will."
430 qm grund und das häuschen, das darauf stehen sollte, hatte der architekt schon fest vor augen. er sprach mit begeisterung und als ich sagte, hey, klingt gut, war der architekt sehr überrascht.
"du wirkst eigentlich nicht wie jemand, der auf immobilien steht."
"ich wollte schon immer mal eigentum", erwiderte ich. "der punkt ist nur, ich hab nicht eben mal so 100 riesen auf der seite."
"naja, das wär dann auch mein part, oder?"
ich lauschte angestrengt. war das etwa ein angebot?
tatsächlich hatte sich der architekt gedanken gemacht, wie er sein zukünftiges leben verbringen wollte. und zwar mit frau, später vielleicht auch mal mit kindern, falls alles gut lief.
ich blickte den architekten von oben nach unten und von unten nach oben an und befand ihn als spontan alltagstauglich.
"dann müssten wir ja eigentlich auch heiraten, oder?" fragte der architekt.
ich kicherte dumm, wurde mir dann aber bewusst, dass die frage gar nicht mal unernst gemeint war. autistische menschen machen ja eher selten witze.
"war das jetzt zu offen?" fragte der architekt nach.
ich schüttelte den kopf und schluckte und versuchte vergeblich, die gedanken zu ordnen.
"naja, solange du nicht von mir erwartest, dass ich samstags im garten knie und möhrchen anpflanze..." witzelte ich.
"quatsch", meinte der architekt. "auf sowas hab ich auch keinen bock. wozu gibts denn gärtner?!"

im stadium emotionaler überforderung und immer noch etwas schwebend vom mörderstoff, den ich inhaliert hatte, bemerkte ich, wie sich das objekt mit einem freund gegenüber platzierte. es registrierte sofort, dass ich mich in vertraulicher unterhaltung mit dem architekten befand. es fixierte mich und grinste. dann flüsterte es mit seinem freund. der freund, den ich nicht leiden konnte und der mich ebenso scheiße fand, begann offensichtlich über den architekten und mich zu lästern.
anstatt dem ersten impuls zu folgen, aufzustehen und den raum zu verlassen, setzte ich eins drauf. ich rückte näher an den architekten heran, bis dieser mit deutlicher verlegenheit reagierte, allerdings nichts gegen mein näherkommen unternahm. da sieh du nur zu, dachte ich und lächelte das objekt frech an.

"lass uns doch einfach rausfahren", sagte der architekt dann.
"wiebitte?!"
"lass uns rausfahren, dann zeig ich dir alles."
"jetzt?!"
"ja klar."
"aber es ist dunkel!!" rief ich entsetzt.
"naja, das stimmt."
ich überlegte verzweifelt.
"lass uns das doch lieber morgen machen."
"das ist auch eine idee", fand der architekt. aber der architekt wirkte inzwischen, als hätte er auch prima gefunden, wenn ich vorgeschlagen hätte, mal eben brandbomben auf den bundestag zu werfen.

in diesem moment stürmte das objekt im mantel an uns vorbei.
"warte mal kurz", sagte ich zum architekten.
ich lief dem objekt nach draußen nach:
"sagst du mir jetzt nicht mal mehr tschüß?!"
"kannst du mir mal erklären, was du von diesem total versoffenen arschloch willst?!"
"aber das muss dich doch nicht interessieren."
das objekt sah mich an, irgendwo zwischen schmerz und hass und liebe, drehte sich dann um und ging.
auweiha. da hatte ich ja was angerichtet.

als ich mich umdrehte, um wieder nach drinnen zu gehen, stand der architekt hinter mir.
"soll ich dich nach hause bringen?"
das muss mann mir nicht zweimal anbieten. ich krabbelte auf den beifahrersitz des mercedes-oldtimers und lehnte mich entspannt zurück.
auf der fahrt erzählten wir einander anekdötchen aus unserer kindheit und warum wir so schräg wurden, wie wir nun offenbar eben sind.

am ziel angelangt nahm mich der architekt sehr lange sehr fest in die arme. ich überlegte, ob dies der zeitpunkt für einen kuss sei. ich entschied mich jedoch dagegen.
"ich hoffe, ich war heute abend nicht zu emotional", sagte der architekt.
"quatsch", erwiderte ich. "ich mag männer, die gefühle zeigen können, anstatt immer nur den macker zu markieren."
"da bin ich aber froh", sagte der architekt und sah mich liebevoll an. ich schaute zurück und spürte die tendenz, in die die ganze geschichte nun vermutlich münden würde.
"tschüß", sagte ich da und öffnete die tür. "und danke fürs bringen."

während der architekt schwungvoll die karre wendete, stöckelte ich auf meinen hohen absätzen die letzten meter bis zur haustür. ich war verwirrt. maximal verwirrt. ich stand zwischen den feindlichen linien und wusste, ich würde mich entscheiden müssen.

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Samstag, 12. März 2011
atomare und menschliche katastrophen
im anbetracht der zustände in japan muss ich an meine kindheit denken, als die radioaktive wolke von tschernobyl über süddeutschland zog und uns die kindergärtnerinnen hektisch aus dem sandkasten zerrten. als wir dann wochenlang nicht nach draußen durften.

ich lebte zu dieser zeit bei meiner oma. die wohnte in einem haus mit garten. in einem unbeobachteten moment büchste ich aus, wollte nachsehen, was passiert, was anders war als sonst. es hatte gerade geregnet und ich stand neben der garage, dort, wo die weintrauben wuchsen und ich starrte auf die tropfen, die über die blätter rollten. es wirkte sehr friedlich, aber ich spürte die bedrohung durch das nicht wahrnehmbare, das in der luft stand und alles durchdrang: laub, holz, blüten. haut, fleisch, knochen.

die katastrophe menschlicher natur in der letzten nacht kam ebenso unerwartet und mit voller wucht. ich hatte einen guten tag gehabt, mit der aussicht auf ein vorstellungsgespräch, als ich abends mit dem objekt telefonierte.
das objekt war ein wenig außer atem, da es sich gerade beim sport drei stunden lang ausgepowert hatte, nichtsdestoweniger aber fidel und voller pläne.
"lass uns doch morgen mal zum baumarkt und dann können wir sehen, was wir in deiner wohnung noch so machen."
nachdem ich dem objekt letzte woche diverse baustellen geschildert hatte, war es wieder ganz in seinem kreativen element.
"aber nicht zu früh", sagte ich. "vormittags sind da immer lauter familien und pärchen-gesocks, da krieg ich kotzkrämpfe."
da das objekt ebenfalls ein eigenbrötler und eulenmensch ist, einigten wir uns darauf, bis 12 uhr auszuschlafen und dann nochmal zu telefonieren.
"was machst du heute noch", frage ich dann.
"der dritte mann ist da, wir wollten ein bisschen ausgehen."
ich selbst, vollkommen erschöpft, hatte beschlossen, an diesem abend brav zuhause zu bleiben. ich wünschte den beiden viel spaß. anschließend guckte ich noch eine französische komödie, ganz nach meinem geschmack, bevor ich dann sehr zivilisiert gegen zwei ins bett fiel.

mitten in der nacht, das heißt, kurz nach sieben uhr morgens, klingelte mein handy. ich war zu tode erschrocken. im dämmerlicht angelte ich nach dem kleinen blauen ding, das mal wieder irgendwie unters bett geruscht war. dann ging ich ran.
am anderen ende der leitung war das objekt.

ich lauschte angestrengt. aus dem hörer drangen unzusammenhängende satzfetzen. zuerst dachte ich, die verbindung sei so mies, doch dann bemerkte ich, dass es kein technisches problem war.
grauenvolles ahnend saß ich kerzengerade im bett.
"was ist los?!"
das objekt schniefte.
"mir gehts so schlecht, ich bin gerade total scheiße draufgekommen... ich hab richtig angst vor mir selber gekriegt."
"wo ist denn der dritte?"
"der schläft. wir sind vorhin eben nach hause gekommen."
das objekt sprach sehr langsam, was mir verdächtig vorkam. das objekt redete nämlich häufig so, um sein lallen zu verbergen.

"du bist doch hackedicht, stimmts?"
das objekt schwieg, dann gab es zu:
"wir haben ein bisschen gefeiert, ja. ein bisschen zu sehr vielleicht."
ich überlegte so scharf wie es mir in meinem schläfrig-komatösen zustand möglich war:
"allein vom saufen kommt man aber doch nicht so scheiße drauf."
als das objekt wieder schwieg, reichte mir das im grunde schon zur gewissheit: es war rückfällig geworden.
"was hast du denn genommen?"
"wir haben so ein paar sachen gemischt..."
"was für sachen?"
"weiß ich nicht mehr..."
das glaubte ich ihm nicht, aber ich war mir bewusst, dass es in diesem zustand ohnehin nicht half, den finger noch tiefer in die wunde zu stecken. außerdem wusste ich ja, dass das objekt alles konsumierte, "was man rauchen kann". das schloss auch heroin nicht aus.

ich merkte, dass ich das objekt nicht mehr erreichen konnte. es saß fest in seinem selbstgebauten drogen-horror-film. die objekt-normalversion, die ich in den letzten zwei wochen kennengelernt hatte, zerschellte in mir.

"ich glaub, ich muss kotzen", nuschelte das objekt schließlich in den hörer.
"dann mach doch, dann wirst du wenigstens ein bisschen alk los."
"und wenn ich nicht kotzen kann?"
"steckst du dir eben den finger in den hals."
das objekt musste ein bisschen kichern.
"du bist so..."
"was?"
"manchmal glaub ich, du bist ein engel."
schön. das half jetzt enorm weiter.
"der engel muss jetzt weiterschlafen", erwiderte ich.
"dann... ja dann... schnuffel mal noch ein bisschen... tschüß..." flüsterte das objekt und legte auf. vermutlich hängte es sich gleich über die kloschüssel. ich hoffte, dass es danach ein wenig ruhe finden würde.

an weiterschlafen meinerseits war allerdings nicht zu denken. ich lag wach und starrte in die sonnenstrahlen, die sich zwischen den vorhangfalten hindurchschoben, und dachte: scheiße.
jetzt geht alles wieder von vorne los. das objekt ist und bleibt mein persönliches tschernobyl.

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Mittwoch, 9. März 2011
gesucht:
was: job
wann: ab sofort
als: theoretisch alles

dieser scheißladen, in dem ich gerade arbeite, wird pleite machen. das seh ich kommen.

hat nicht jemand gerade was für mich? eine festanstellung bei der süddeutschen oder so?

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Montag, 7. März 2011
bad eye day
bad hair day hammwa ja sowieso immer.

aber die augenringe sind inzwischen auf autoreifengröße angewachsen und besitzen ein gewicht, das die wimpern auf höhe der kniekehlen zwingt. auch im krümeligen vga-billomat-kameralook beeindruckend, wie ich finde.



wer bietet mehr?

kommen sie! machen sie mit beim großen bad-eye-contest! es ist ganz einfach:

- schlafen sie einige wochen lang weniger als vier stunden pro nacht!

- schieben sie für mindestens acht monate eine sieben-tage-60-stunden-woche für einen hungerlohn, in anbetracht dessen sie angesichts der lohndumpingdiskussionen bei altenpflegern nur laut lachen können!

- haben sie einen junkie-lover auf entzug, der sie zappeln und sabbern lässt und dessen engelsgleiche angeblich-freundin sie regelmäßig mit blicken tötet!

- legen sie sich chronische verspannungsschmerzen zu und nehmen sie täglich eine armada an opiaten dagegen!

- lassen sie sich von der gez aufspüren und inszenieren sie dann über monate hinweg konsequent ihren eigenen tod!

- haben sie ein burnout syndrom und keine zeit dafür!

aber vorsicht: nicht lachen. sonst kriegen sie auch noch krähenfüßchen.

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Mittwoch, 2. März 2011
flüsternd
ganz leise, denn man darfs eigentlich niemanden sagen, man darf es nicht bewerten, nicht zur hoffnung verdrehen.

gestern abend rief das objekt schon wieder an.
"ich wollte eigentlich gerade schwimmen gehen, aber viel lieber würde ich dich sehen."
weil es schon so spät war, sagte ich, okay, mittwoch. aber das objekt wollte sofort, wollte nicht warten.

wie in trance nahm ich den bus und fuhr hin. das objekt hatte versprochen, mich abzuholen und stand tatsächlich pünktlich an der haltestelle.

ich freute mich wie eine 14jährige und das objekt strahlte ebenfalls. dann gingen wir verlegen nebeneinander her, ohne einander zu berühren. ich sprach über goethe und faust, und das objekt bat mich, ihm das buch zu leihen. dann erzählte es aus seiner jugend und seiner sportlerkarriere im osten.
"wie fast alles, hab ich die sache aufgegeben, als es richtig gut wurde, weil ich irgendwie das gefühl hatte, jetzt ist es genug. ich wollte nicht berühmt werden."
für diese bescheidene anschauung schätze ich das objekt so sehr und spürte den großartigen menschen mit dem mir so vertraut kleinen selbstwertgefühl. wir gehören einfach nicht in diese welt der selbstüberschätzer und machos, dachte ich.

das objekt sprach überhaupt sehr viel für seine verhältnisse, mischte wilde wunschträume mit so bodenständigen ideen wie eines tages einmal eine eigentumswohnung zu besitzen, eine kleine, feine, "denn wenn man mal alt ist, bewegt man sich ja ohnehin nur noch vom schlafzimmer ins wohnzimmer und abends zurück." und wieder eine pragamatische anschauung, die direkt aus meinem kopf stammen könnte.

gegen mitternacht begann das objekt noch etwas geheimnisvolles zu kochen und wir aßen schließlich schlesischen eintopf und tranken wein dazu, rauchten russische zigarren und schwiegen irgendwann, bis das objekt dann sagte, lass uns rübergehen.
im roten schlafzimmer dann versuchten wir, einander aus einer biografie vorzulesen, doch es endete alles in ungezügeltem verlangen, das unsere kleine welt auf 140 cm schier explodieren ließ. drei stunden später fanden wir uns wieder, nackt, verschwitzt, köstlich wund und alles, was ich zu denken vermochte, war, warum zum teufel ist das immer wieder so unbeschreiblich, so tief, so weit, so sehr nonplusultra?

das objekt lächelte in einem fort und legte dann zum schlafen musik auf, und ich erkannte darin unsere musik. ich fragte, hörst du das gerade, und das objekt sagte sehr ernst, ich höre nichts anderes mehr.

als ich am morgen viel zu spät die objektwohnung verließ und zur s-bahn rannte, war ich immer noch sehr paralysiert, später auf arbeit zu nichts zu gebrauchen.

in manchen momenten wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich diesen menschen nie getroffen hätte. die sache ist einfach viel viel viel zu groß für mich.

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Sonntag, 27. Februar 2011
von netten nachfragen und bösen serpentinen
(achtung: blutige story, nichts für zarte gemüter!)

nach der schlaflosen objektlastigen nacht von freitag auf samstag war ich gestern abend trotz einstündigem nachmittagsnickerchen komatös müde. das objekt rief mich zwischendurch heimlich aus der arbeit an, um sich zu erkundigen, wie es mir gehe. (entgegen der fadenscheinigen ausrede vonwegen "handy weg" zeigte sich: es geht also doch.) ich freute mich über das bisschen aufmerksamkeit. dann begann das objekt zu stottern, was meist eine unangenehme bitte einleitet. dann war es schließlich raus: ob ich grundsätzlich theoretisch in ausnahmefällen bereit wäre, mich seines lütten anzunehmen. in der extremsituation mit dem haftbefehl schien ihm klar geworden zu sein, dass es situationen gibt, in denen irgendein babysitter nicht weiterhilft:
"ich brauche jemanden, der nicht nur vor ort ist, sondern dem ich vertrauen kann und dem ich das auch zutraue."
obwohl ich wusste, dass das objekt die bitte als zumutung empfand, nicht zuletzt, da der kleine sich nur schwer selbst beschäftigen kann, freute ich mich tierisch, da mir der objekt-sohnemann zwischenzeitlich sehr ans herz gewachsen war.
"klar", sagte ich und bemühte mich, mir die freude nicht anmerken zu lassen. "allerdings warne ich schon mal vor: bei mir ist es ziemlich langweilig und ich bin auch eher streng. das musst du ihm voher verklickern. hier ist nix abenteuerspielplatz wie bei dir."
"ich weiß", sagte das objekt mit einem lächeln in der stimme. "du bist toll." dann hielt es inne:
"ich muss schluss machen, da kommt ein notfall..."
das objekt verabschiedete sich hastig, aber dankbar.

da erhielt ich eine sms vom subjekt II. ob ich noch mit auf party komme. wow!! soviel männliches engagement an einem einzigen tag war ich nicht gewohnt.

obwohl meine lust gegen null tendierte und mein körper mit steinen gefüllt zu sein schien, hübschte ich mich auf, schwang ich mich aufs rad und fuhr los. nach zwanzig metern merkte ich, dass übermüdung und sport nicht gut zusammengingen. das komische gefühl, dass der kopf dem körper atemlos hinterherhechelt, erinnerte mich an den effekt schlechter pillen. aber ich fuhr einfach weiter, in der hoffnung, der kreislauf würde irgendwann hochfahren und den nebel vor der stirn vertreiben.
dann kam die strecke, in denen sich der weg in serpentinen den berg hinunter schlängelte. diesen sehr engkuriven weg bin ich gefühlte 50 mal gefahren. ich kannte ihm im schlaf.
oder auch nicht. in der vorletzten kurve geriet ich ins trudeln und ehe ich mich versah, lag ich auf dem asphalt. nach der ersten schrecksekunde begann ich, vorsichtig die glieder zu bewegen. gottseidank schienen arme und beine noch zu funktionieren. dann entdeckte ich im fahlen laternenschein blut auf der straße. mein blut.
ich merkte, dass die handflächen schmerzten und die strümpfe (obwohl heil geblieben) an den knien klebten. die rechte handfläche wies bei genauer betrachtung nur leichte aufschürfungen auf, die linke sah allerdings wesentlich übler aus. es fehlte viel haut und offenbar auch fleisch. ich packte ein taschentuch drum herum, dann fuhr ich weiter.

mit gesenktem kopf bezahlte ich vor dem club eintritt und rannte dann erstmal auf toilette, um die strümpfe auszuziehen und die knie zu begutachten. nunja, schürfwunden eben. wie bei einem schulkind, das zu wild herumgetobt war. ein bisschen klopapier und fertig.
dann wusch ich die hände. rechts war nicht weiter schlimm, der fleischbrei links sah dramatischer aus. außerdem hatten sich zwei, drei steinchen in die wunde geschoben. die mussten erstmal raus. mit den fingern ging das ja wohl schlecht. aber ich fand eine nagelfeile in der handtasche, die ich kurz über die flamme meines feuerzeugs hielt, dann biss ich die zähne zusammen und machte mich an die arbeit. so mussten sich operationen im mittelalter angefühlt haben. einige minuten später hatte ich es jedoch geschafft. beim waschen schossen mir kurz die tränen in die augen, aber ich bemühte mich um tapferkeit. in meiner tasche fand ich armstulpen von der letzten party, die zog ich über, um die läsionen zu verdecken. links, wo es fröhlich blutete, schob ich noch papierhandtücher darunter. jetzt sah alles aus, als wäre nichts passiert.

dieser moment der selbstzufriedenheit dauerte keine zwei sekunden. dann machte ich nämlich den fehler, den kopf zu heben und in den spiegel zu sehen: meine linke wange war bis zum kinn zerschrammt, blau und dreckig. ich sah aus, als wäre ich unter die hottentotten gefallen. ach du kacke. und im saal wartete das subjekt II auf mich.

also gesicht waschen, make-up neu auflegen. das blau ließ sich ganz gut überdecken. zum glück war bis auf die unterlippe, die etwas mehr volumen hatte als sonst (andere frauen zahlen 400 euro für eine aufspritzung!), nichts weiter angeschwollen. die schrammen am kinn allerdings waren ein problem. auch nach drei lagen puder schimmerten sie noch dunkel durch das makeup.
es half alles nichts. ein bisschen was würde man eben sehen. zum glück war es drinnen finsterer als hier auf dem klo unter der neonbeleuchtung.

nachdem ich noch einmal den eyeliner nachgezogen hatte, mischte ich mich mutig unter menschen. nachdem ich nach fünf minuten keine schrägen blicke geerntet hatte, ging ich an die bar und bestellte ein bier. der barkeeper wirbelte herum, schob mir die flasche hin und guckte mich dann an. guckte nochmal und schien zu überlegen. doch dann beschloss er offenbar, doch nichts zu sagen. note to myself: die beleuchtung an der bar war schon wieder zu viel licht für mein zerschlagenes gesicht. also fix ins dunkel. und tanzen heute nur ganz weit weg vom stroboskop.

doch ich war nicht schnell genug. bevor ich mich aus dem ungünstigen licht an der bar herausbewegen konnte, kam das subjekt II auf mich zu. es setzte zur umarmung an, hielt aber dann inne.
"mensch, was ist denn mit dir passiert, hast du dich geprügelt?! das sieht ja schlimm aus!"
nicht ganz die reaktion, die ich mir erhofft hatte.
"fahrradunfall", zuckte ich lakonisch die schultern.
das subjekt II starrte mich immer noch fassungslos an.
"du kannst das doch nicht einfach überschminken, das musst du ordentlich versorgen!"
"quatsch, bist du irre, meinst du, ich stell mich komplett verpflastert auf die tanzfläche?!"
das subjekt II schüttelte den kopf. dann schmunzelte es und meinte:
"naja, irgendwie ist das ja auch schon wieder cool. du siehst ein bisschen aus wie ne wilde piratenbraut."
schon besser. dann wirken wir heute also etwas extravagant.
das subjekt II umarmte mich nun vorsichtig, doch als meine hand zwischen uns geriet, entfuhr mir ein schmerzenschrei.
"noch irgendwelche verwundungen?"
"geht schon", sagte ich, "nur die hand hat ein bisschen mehr abgekriegt."

so richtig wohl fühlte ich mich allerdings den ganzen abend über nicht. ich saß viel in einer dunklen ecke herum. ein paar mal überkam mich ungeachtet des objekt-nähe-reloads der spontane impuls, das subjekt II zu umärmeln und den kopf an seiner schulter abzulegen. doch das subjekt II trug ein weißes hemd und eine sehr schicke nadelstreifenweste, sodass ich geistig schon meine blut- und makeup-spuren darauf sah. also hielt ich mich fern und verabschiedete mich irgendwann zu einer für meine verhältnisse recht frühen stunde.

das subjekt II war enttäuscht. und zog dann die nächste überraschung aus dem ärmel:
"sag mal, wollen wir mal wieder zusammen essen gehen?"
mir klingelten die ohren. aber hallo. interessierte sich da jemand für mich? hatte da einer etwa plötzlich begriffen, was ich so erwartete?
"ja, sicher", freute ich mich.
ganz auf der initiativ-welle schlug das subjekt II auch noch ein restaurant vor.
"gern", meinte ich. "ich ruf dich an."
das subjekt II strahlte.
wir verabschiedeten uns ein wenig steif, dann zog ich meiner wege. schließlich musste ich mich gleich noch ordentlich verpflastern.

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Samstag, 26. Februar 2011
angeknüpft, aufgeknöpft
meine augenlider flattern und zucken, die füße schmerzen und eigentlich wollte ich jetzt irgendwann mal zu bett gehen. aber die sonne scheint gerade so schön, dem kann man sich nicht verschließen, nicht nach dieser nacht.

zunächst hatte ich mir mit meiner ehemaligen vorübergehenden mitbewohnerin die kante gegeben. gegen 23 uhr waren wir so breit, dass wir kaum mehr die u-bahn fanden. aber ich musste ja nach hause, duschen, mich umziehen und in schale werfen, um dem zappeldrang nachzugehen. außerdem hatte ich heute freien eintritt, da ich mich schon beim dj angekündigt hatte.

auf dem kiez boxte ich mich, inzwischen wieder nüchtern, zwischen besoffenen gestalten hindurch, wich einer schlägerei aus und wurde an der ecke große freiheit beinahe überfahren. nicht besonders gut gelaunt betrat ich die geheiligten hallen. gleich an der garderobe heftete sich ein kleiner, rund 20 jahre älterer spanier an meine füße, pfiff auf der treppe meinen wehenden rockzipfeln hinterher und begann mir dann unten am tresen ungefragt seine lebensgeschichte zu erzählen. fast war ich dankbar, als mich jemand großes unsanft anrempelte und sich zwischen mich und meinen kauzigen verehrer drängte, um mich dann in den arm zu nehmen. weniger gut fand ich, dass es sich bei der betreffenden person um das objekt handelte.

"hey... alles klar? geht dir der sack auf die nerven?" fragte das objekt zur begrüßung ganz unbefangen.
der als sack betitulierte verschwand daraufhin in den menschenmassen.
ich sah mich um, in der erwartung, gleich von irgendwoher die objektfreundin auf uns zustürzen zu sehen. doch das objekt war, wie es sich herausstellte, an diesem abend ganz alleine unterwegs.
"du, ich muss dringend mit dir reden", sagte das objekt dann ernst. "ich habe heute deine karte gelesen."
ich hatte dem objekt vor zwei wochen eine verspätete geburtstags- und gleichzeitig abschiedskarte geschrieben und mich schon gewundert, dass es diese völlig unkommentiert ließ.
wie sich nun zeigte, hatte das objekt in seiner aktuellen katastrophalen lage einfach den briefkasten nicht mehr geleert, aus angst vor rechnungen und klagen und anwaltsschreiben. das erklärte einiges.
"dein brief war so schön, wow, ich hab mich so schlecht gefühlt, weil ich noch nicht danke gesagt habe, denn danke ist das einzige, was mir dazu einfällt. du hast so viel herz und so viel mut und kannst das dann auch noch in worte packen, die mir gänsehaut machen."
selbige bekam ich bei so viel emotion nun auch langsam. denn dummerweise war das objekt in solchen angelegenheiten kein lügner, auch, wenn es sonst oftmals tatsachen verdrehte, um sich irgendwo aus der affaire zu ziehen.

dann saßen wir da und das objekt begann, seine geschichte zu erzählen. vom gesperrten konto und seiner mittellosigkeit. von den drogen. von einem rechtstreit, von dem ich noch nichts wusste. und vom tag, an dem der haftbefehl kam - der tag, der sein leben veränderte.
"zuerst dachte ich, ich nehm eine überdosis und falls ich die überleben sollte, lasse ich mich einweisen. aber ein anderer teil in mir war plötzlich auch da und zwar ziemlich deutlich. der sagte mir, krieg den arsch hoch und dein leben auf die reihe."
der schwerste teil davon war offenbar, von den drogen loszukommen. zittern, kotzen, wochenlange schlaflosigkeit. ein weg der kleinen schritte hatte begonnen, ein normales leben ohne rausch, ohne glücksgefühle, einfach nur arbeiten, kinderversorgung, schlafen.
"manchmal hab ich angst, das kommt nie wieder, dieses glücksgefühl."
es lag mir auf der zunge zu sagen, aber du hast doch deine freundin, entschied mich dann aber dagegen.
"vielleicht gibt es ja gar kein alltägliches glück. das sind vielleicht nur rare momente, alle paar jahre mal einer davon und dazwischen jede menge scheiße. ich hab mich auch irgendwie noch nicht daran gewöhnt, aber ich versuche, es irgendwann mal zu akzeptieren."
"da kannst du recht haben. so kommt es mir derzeit auch vor. eigentlich will ich dieses leben so nicht. aber irgendwie ist da etwas, was mich hindert, alles aufzugeben, ein kilo koks zu nehmen und den exitus zu machen."
"vielleicht gibt dir die option selbstmord ja auch kraft. zumindest bei mir war das immer so. vor einigen jahren, als mir hier alles wegbrach, habe ich auch überlegt, ob es noch argumente dafür gibt, am leben zu bleiben. aber das schöne am suizid ist ja die absolute selbstbestimmtheit und damit auch die freie wahl des zeitpunkts. ich hab ihn immer rausgeschoben und gedacht, hey, es gibt ja eine finale lösung, also kann ich mir den dreckigen rest jetzt auch noch antun und mal sehen, ob irgendwann auch mal wieder was gutes kommt. und ja, da kam immer mal wieder was, was mich randvoll zum platzen mit glück erfüllte."
"unglaublich. du bist wie ich. ich denke auch so, hab das nur niemandem je erzählt, weil ich dachte, es sei völlig krank, so zu ticken."

die alte vertrautheit kam wieder. schmerzvoll für mich. dann stand das objekt auf.
"ich geh noch ein bisschen tanzen."
während das objekt seinen sexy hintern auf die tanzfläche bewegte, kletterte ich nach oben zum dj und setzte dort meine unterhaltung fort. ich bekam einige musikwünsche erfüllt, die ich auch abzappelte. nach einer stunde etwa fiel mir auf, dass das objekt verschwunden war. ich suchte die gänge ab und fand es dann am tresen an einer der vier bars. vor ihm standen mehrere schnapsgläser und eine flasche bier. ich guckte entsetzt. das objekt strahlte mich an:
"ist doch fast wie in alten zeiten, hm?!"
ich wollte mich umdrehen, als das objekt meine schultern packte:
"hey, ich hab nur einen ganz kleinen pegel. drei kurze und ein bier. nicht ne flasche wodka wie sonst immer."
es blieb natürlich nicht dabei. nach dem dritten bier hörte ich auf zu zählen. es ist nicht mein leben, sagte ich mir.
dann spielte der dj unser lied, und das objekt wankte zu mir auf die tanzfläche. und für einen song schien es, als schlüge ein gemeinsamer puls in einem großen vereinten herzen.

als ich das nächste mal auf mein handy sah, war es sechs uhr morgens. das objekt, inzwischen wieder bei cola angekommen, saß zusammengesunken auf der couch.
"ich gehe", sagte ich knapp.
"wie lange musste du denn nun fahren?"
"so rund eine stunde, inklusive fußweg."
"hm."
das objekt überlegte. dann sagte es:
"ich würde dich gern einladen."
"wozu?"
"komm."
das objekt holte seine jacke und winkte draußen ein taxi heran.
"du spinnst ja, du hast doch kein geld", sagte ich.
"keine sorge, das soll dich nicht nach hause bringen. wir fahren jetzt ganz gemütlich zu mir, du kannst doch bei mir schlafen."
bis zum objekt war es nicht weit. für die acht euro fahrtkosten, die der fahrer am ende verlangte, kramte es in allen hosentaschen nach kleingeld und bekam auch sieben euro achtzig zusammen. meine zwei euro lehnte es theatralisch ab.
"ich will das bezahlen, du hast das verdient, weil du so ein toller charakter bist."
aha.
der taxifahrer fand sieben euro achtzig auch okay und ließ uns ziehen.

zwischen nähe und distanz schwankend trippelte ich dem objekt die stufen hinterher bis zu seiner wohnungstür. mein großzügiger gastgeber war mittlerweile wieder quietschfidel, redete die ganze zeit und machte fröhlich zukunftspläne.
"ich will auch noch mal umziehen, hab ich mir gedacht. dein umzug, das war so ein impuls für mich... ich hab da auch schon was im auge..."
das objekt schlüpfte aus den stiefeln und aus der jacke.
und dann aus hemd und hose.
ich guckte weg. ich bin ja schließlich auch nur eine frau. dann fragte ich mit blick zur küchenzeile:
"wo kann ich denn schlafen?" und meinte damit das oben oder unten des stockbettes im kinderzimmer.
stattdessen lüpfte das objekt die decken des bettes in seinem blutrot-schwarzen reich.
"schwing deinen arsch mal ruhig da rein, süße. warte, du kriegst auch die warme zudecke."

dann lag ich stumm und starr verpackt wie für den sibirischen winter unter den schwarz-roten laken. das objekt weilte unter seiner sommerdecke und guckte ebenfalls stur an die zimmerdecke. kein sex, dachte ich, bitte nicht. sonst fängt alles wieder von vorne an.
"ich kann schon wieder nicht schlafen", sagte das objekt nach einer weile.
"versuch es einfach", murmelte ich schläfrig.
"hey, es ist nach sieben, und um neun muss ich eh schon wieder aufstehen, den lütten holen und später dann zur arbeit."
"um so wichtiger, dass wir jetzt schlafen."
da verstummte das objekt und machte die augen zu.
ich lag hingegen wach. irgendwann spürte ich, wie sich das objekt im schlaf zu mir drehte und mich mit armen und beinen umschlang.
fast wie in alten zeiten, dachte ich.

als um neun uhr der wecker klingelte, erschrak ich mich fürchterlich. ich lag nase an hals mit dem objekt, die weichen lippen des objekts an meiner stirn. bittersüße situation. ich wollte mich wegdrehen, tat es aber dann doch nicht. ich sah dem objekt beim wachwerden zu. wie immer ging dies sehr langsam vonstatten. das objekt schläft nur schwer ein, hat dann aber einen schlaf so tief ein koma.
endlich begann es schneller zu atmen und zu blinzeln.
"hey..." das objekt murmelte etwas in seinen nicht vorhandenen bart.
"bitte?"
"ich sagte, mensch, hast du mich heute nacht rangenommen, mir tut ja alles weh."
das objekt grinste süffisant, ich guckte weg.
"du musst aufstehen."
mein unterkühlter ton brachte das objekt in bewegung. es stand auf und schlüpfte in jeans und pulli.

ich begab mich ins bad und putzte derweil die zähne. dann kam das objekt hinzu und steckte sich ebenfalls die zahnbürste in den mund. so standen wir beide zähne schrubbend vor dem winzigen spiegel. das objekt zog grimassen, ich musste schmunzeln.
dann wanderten die objekthände unter mein geliehenes schlaf-shirt.
"das", sagte das objekt mit rauher stimme, "wollte ich schon seit gestern abend tun."
noch während ich überlegte, wohin das nun führen sollte, klingelte es an der tür. das objekt öffnete und sprang dann wieder zurück ins bad.
"das ist meine cousine", flüsterte es aufgeregt. "die weiß nicht, dass es dich gibt, die denkt, ich bin mit meiner freundin fest zusammen."
ich verschanzte mich im bad, während das objekt seine cousine überredete, mit ihm zusammen den lütten zu holen. während die cousine ihre jacke holte, schlüpfte das objekt noch einmal zu mir ins bad.
"zieh einfach nachher die tür hinter dir zu", sagte es.
dann umarmte und küsste es mich. ich versuchte, derweil an etwas anderes zu denken. an meine berufliche misere. an meinen herzkranken vater. irgendwas.
dann ließ mich das objekt los.
"bis bald", wisperte es.
ich wusste nicht, ob ich darauf hoffen oder mich davor fürchten sollte.


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Sonntag, 20. Februar 2011
solange die füße tragen
warum ich so gern tanze, wurde ich neulich gefragt.
"weiß nicht, vielleicht, weil es dann irgendwie so aussieht, als sei mein leben in bewegung - kontrolliert, zu einem vorgegebenen takt?"

vor allem im nichtnüchternem zustand entwickelt man ja manchmal geradezu eine ironman-kondition. besonders, wenn auch noch das dj-set stimmt. da ich mir aller unvernunft zum trotz halbwegs der risiken bewusst bin, konsumiere ich an solchen abenden literweise antialkoholika, zum vergnügen des barkeepers, der mich dann immer anstupst und augenzwinkernd sagt: "dir kann man aber auch nichts gutes tun, hm?"

nach mehreren zurückhaltenden wochen mit miesem, fiesem arbeitsalltag und stress gestern endlich also mal wieder richtig auf die kacke gehauen. das rächte sich prompt: beim beats-wegschrubben vergaß ich die zeit. plötzlich war es halb vier. nüscht getrunken. der kreislauf drohte sich zu verabschieden. ich stemmte mich gegen den sich drehenden raum und wankte zur bar.

dabei fiel ich jemandem in die arme. nase in armbeuge schnupperte ich. es roch gut und irgendwie vertraut. dann blickte ich auf. surprise, surprise - es war das objekt! es hatte sich also offensichtlich von seinem unfreiwilligen abenteuer erholt und war ins nachtleben zurückgekehrt.

das objekt war mindestens genauso überrascht wie ich. nach zwei sekunden erstaunten starrens umschlang es mich und drückte mich herzlich auf objektart.
"hey... du glühst ja total!" begrüßte es mich.
"ich muss was trinken", ächzte ich und angelte nach meiner wasserflasche. das objekt checkte die lage.
"und kreidebleich um die nase ist die madame auch. du sollst den scheiß doch lassen."
"gut, danke der nachfrage, und selbst?" konterte ich scherzend. das objekt lächelte ein kleines lächeln und seufzte dann nur: "joa... lange nicht gesehen."

ich fühlte mich verlegen und sehr fremd mit dem objekt so zwei zentimeter vor meiner nase. der schwindel setzte wieder ein. das objekt packte mich und zog mich richtung wand, damit ich mich anlehnen konnte.

dann sah ich mir das objekt genauer an. es sah anders aus. die haare etwas kürzer und sehr streng zum pferdeschwanz gebunden, das gesicht glatter und nicht mehr von augenringen dominiert, die schönen weichen lippen sehr ernst und der blick klarer denn je. ich wollte zur frage ansetzen, aber das objekt kann mir zuvor:
"ich bin seit vier wochen clean."
ich staunte bauklötze. das erklärte auch die ginger-ale-flasche in seiner hand.
"wie kommt´s?"
"hm", das objekt zuckte die achseln. "ich konnte einfach nicht mehr. ich war ganz unten."

ich suchte nach einem sentiment. doch da war nichts, nicht einmal mitleid. ich fühlte mich plötzlich sehr müde und tot.
das objekt spürte meine distanz. es rückte näher an mich heran. dann küsste es mein schlüsselbein und legte den kopf auf meiner schulter ab.
"ich hab so oft dran gedacht, mich auszuklinken und einfach zu dir zu fahren. aber ich konnte nicht anrufen, ich habe kein handy mehr."
so, da hatte es also dran gedacht. aber es hatte es nicht getan. die handy-geschichte bezweifelte ich, die kannte ich schon vom sommer: handy kaputt, verloren, karte leer, immer schön abwechselnd in wiederholung.

als wir so sichtlich vertraut dastanden und ich versuchte, analog zur physisch vorhandenen nähe auch wieder die emotionale herzustellen, tauchte die objekt-freundin auf. das objekt und ich fuhren auseinander und brachten rasch anstandsabstand zwischen unsere körper. die objekt-freundin platzierte sich unverrückbar neben uns und begann ohne mich auch nur anzusehen das objekt vollzulabern. das objekt sah zu boden und sagte nichts. ich wusste, wie es diese situationen hasste.
nach mehreren minuten des monologs begann der objekt-freundin die mangelnde reaktion des objekts offenbar zu missfallen. sie dampfte etwas beleidigt ab. das objekte lächelte mich schief an:
"joa, das ist nun mein leben."
"musst du selber wissen, wie dir das gefällt", sagte ich eine spur eisiger als beabsichtigt. das objekt, empfänglich für solche zwischentöne, sagte daraufhin betreten:
"du, ich werd gleich nach hause gehen."
wenigstens hatte es das "ich" noch nicht verlernt.
das objekt umarmte und küsste mich. ich fühlte mich stumpf wie ein stück trockenes holz und irgendwie sehr erschöpft.

auf dem nachhauseweg wurde mir klar, dass ungeachtet aller zuneigung von seiten des objekts etwas wichtiges verloren gegangen war: mein vertrauen. und mit dem vertrauen auch ein nicht unbeträchtliches stück interesse. zuhause im bett verspürte gleichgültigkeit und resignation. dann schlief ich ein.

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Freitag, 18. Februar 2011
schleppend
die woche schien kein ende zu nehmen. die arbeit auch nicht. und dann ist da immer noch die steuer, verdammt.

im büro mehrfach texte vom selben kunden zurückbekommen. jeder korrektur folgten neue, da irgendwann vier oder fünf abgeordnete des besagten kunden mitkorrigierten und ihre individuellen, teils widersprüchlichen änderungswünsche anbrachten. irgendwann stellt sich eine ideenlosigkeit ein, die vermutlich nur axolotl guttenberg kennt.

zwei andere kunden betitulierten mich diese woche mit "schatz". macht schon ein bisschen stolz. um eventuelle überschwängliche gefühle abzustellen, habe ich dann im jeweiligen falle die rechnung geschickt. war eh längst zeit.

und das nicht nur, weil mein kontostand aktuell 72 cent beträgt. und das mitten im monat. und das kurz vor der steuer. und das kurz, bevor ich tickets für interpol (für zwei) kaufen wollte. schlechte karten.

ebenso mindergut läuft es auch mit dem subjekt II. solange es den sicheren puffer eines mediums wie skype zwischen uns weiß, ist es sehr zutraulich und macht sogar obszöne witze. in akuter bedrohung (sms, anruf, vorzugweise mit androhung eines dates) bekommt es aber offenbar panik. naja. vielleicht sollten wir uns also doch the architect krallen.

the architect ist ein namensvetter vom objekt, auf sachebene sehr selbstbewusst, auf emotionaler eher weniger. er ist sehr gestresst, behält aber nichtsdestowenig den weitblick bzw. das bewusstsein dafür, dass weitblick unentbehrlich ist und sich nicht auf maulen über aktuelle tagespolitische ereignisse beschränken kann. stichwort nachhaltigkeit und so. ich schätze the architect sehr. letzten samstag habe ich ihn zufällig wiedergesehen. drei stunden aneinandergekuschelt unterhalten. und zwar bestens. er versprach, mich anzurufen, hat es nicht getan. aber das ist eben hamburg. hamburg wimmelt voller älter werdender, eigentümlicher typen mit schwerer sozialer störung. unverbindlichkeit heißt sie, die krankheit. therapie? unmöglich.
ich selbst schwanke dann immer zwischen "ich geb dir so viel liebe, bis du dich änderst" und "verreck doch, mir doch wurscht". tja. auch nicht sehr entschieden.

das subjekt II gefragt, ob heute irgendwo was geht. subjekt II meinte, nö, er würde aber ein wenig mit dem auto durch die gegend fahren. ich daraufhin: "extreme socializing, hm?" subjekt II: pissed.
die einzige entscheidung für heute abend besteht demnach aus der frage, ob wir nüchtern oder nicht nüchtern party machen, falls wir party machen.
ganz spektakulär.

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