Mittwoch, 23. Januar 2008
das kultusministerium verklagen
sie ist eine große, etwas dicke frau, immer adrett, todlangweiliger stil, nichtssagende stimme. aber sie ist brilliant, all die jahre gewesen. in seminaren, die ich immer im tiefschlaf verbrachte, blühte sie auf, hielt freiwillig referate. im examen hat sie gleich nach den schriftlichen prüfungen an die vorbereitung für die mündlichen gemacht, während ich mir erst einmal drei wochen abstand und vermehrten sex gegönnt habe. nun sitzt sie wieder vor den büchern und wiederholt die prüfungen, weil sie noch schlechter abgeschnitten hat als ich, denn ich, die ich dachte, versagt zu haben, bin erstaunlicherweise die zweitbeste unserer kleinen examensgruppe.
glück haben, das ist alles. ein zentralistisches bayerisches staatsexamen besteht man nur, wenn das schicksal zu einem hält und die richtigen fragen kommen, denn man kann nur auf lücke lernen. wo magister und diplomanten ihre einser-schnitte haben, sind wir froh, wenn gerade noch eine zwei vor dem komma steht. wir erlangen auch keinen titel - also volle arschlochkarte für diejenigen, die sich nicht vom staat an schulen ausbeuten gehen lassen, sondern in die wirtschaft wollen.

in deutsch in ndl sind wir übrigens fast alle mit fünfen abgespeist worden. unter meiner interpretation steht "das ist keine interpretation". ein wildgewordener ich-hab-keinen-bock-zu-korrigieren-prof hat da seine wut ausgelassen. die korrekturen und anmerkungen am rand sind nahezu unleserlich und verschmiert, einmal vermutete ich rotweinflecken auf dem papier. mehrfach der vorwurf, ich bleibe nicht am text. selber stellt er nachfragen nach stichpunkten, die gar nicht erst im text auftauchen und thematisch nicht von relevanz sind. kennt er das gedicht, fragte ich mich, hat er überhaupt meine aufgabe vor augen? zwischen den zeilen verhöhnt er mich grob mit ironischen zwischenfragen, die nicht den funken witzig sind, verliert völlig den letzten respekt, den man als korrekteur vielleicht auch vor einer weniger gelungenen arbeit behalten sollte. wir sind doch menschen, müssen wir uns so behandeln lassen?
am interessantesten wird es auf seite sechs, als ich die klassische interpretation von mir gebe, teilweise in wortlaut. dort unterstreicht er wild mehrfach die worte, die die klassikerinterpretation verwendet und macht spöttische anmerkungen. dürfen wir uns jetzt nicht einmal mehr an die lehrbücher halten, nur weil unser korrekteur die offensichtlich nicht kennt?
der zweitkorrekteur hat in zwei sätzen höflich, klar und deutlich ausgedrückt, warum er meine arbeit nicht gut findet. das unterschreibe ich ihm sofort, weil die genannten punkte bei mir tatsächlich schwach sind. ein verrisssüchtiges, inkompetentes arschloch mit rotstift werde ich dagegen nicht akzeptieren, habe ich mir geschworen.
"bringt doch eh nix", sagt meine bekannte, die auch eine fünf hat, niedergeschlagen.
"mir egal", sage ich, "meinen mund verbieten lasse ich mir nicht. auch wenn sich an der note nichts ändert, so ein korrekteur sollte von diesen aufgaben suspendiert werden."
sie meint: "du bist ganz schön sauer."
"na und ob. ich koche. ich explodiere gleich wie rumpelstilzchen. am liebsten würde ich ja gleich das ganze prozedere an den pranger bringen. alle belächeln uns mitleidig wegen unserer notendurchschnitte, dabei haben wir hundertmal mehr getan. das ganze system ist eine einzige riesige verarschung, und obendrein noch völlig ineffizient, wie die pisastudien beweisen."
"du solltst in die politik gehen", sagt sie und kann schon wieder ein bisschen lachen, "ich würde dich wählen, da sei dir mal sicher."

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Montag, 21. Januar 2008
roulette rouge
eine amselschwinge ziert den weg, der restliche leichnam den rinnstein. glatt liegen die federn aneinander, schimmernd, unversehrt, nimm mich mit, hinauf hinauf hinauf.

sie wendet den blick ab, ein schatten fällt auf ihr gesicht, streift es, die flatternden wimpern schütteln ihn ab. die stunden haben einen pinsel, der malt ein lächeln auf die wangen oder kummerfalten um die lippen.
"danke", hat er damals gesagt und ihre hand losgelassen. "ich hatte das gefühl, als wäre ich den ganzen tag mit mir selbst unterwegs gewesen."
sie hat den satz zu ihrer schönsten liebeserklärung gekürt, jahrelange hielt er den ersten platz in ihren erinnerungen. jetzt ist alles anders, die zärtlichen sätze, selten genug über die lippen gequält, blieben tatenlos, schwankend, zeugten zum ende hin von einer gewachsenen abhängigkeit, die beide auf distanz gehen ließ, damit sie sich etwas beweisen konnten, ich brauche dich weniger, nein ich, ach was ich brauche dich gar nicht.
seine nachfolgerinnen hat er ihr regelmäßig vorgestellt, die worte kinder und heiraten werden häufiger in seinem mund, die bindungen hingegen immer kürzer und seltener. bis er mit "ich will einfach nur ficken" kommt, mit diesem satz vor ihrer haustür steht, und sie tut, als sei sie nicht zuhause, ausgegangen.
nächtelang sitzt sie wach in der wohnung, versucht sich auf etwas zu freuen, wovon sie keine vorstellung hat. es gelingt nicht, sie landet bei einem typen, der sie ans bett bindet, mit zigaretten foltert und nicht mehr gehen lässt, droht, sie für immer einzusperren und die wohnung anzuzünden, zwei jahre lang hat sie angst vor geschlossenen räumen, aber vor nichts anderem mehr. wahlloser sex, nichts kann sie mehr erreichen, nichts mehr den panzer zerstören.
die erste flucht vor sich selbst führt sie zu m., der hat grüne augen und möchte sich gerne umbringen, der schlägt sie ins gesicht und bringt sie dazu, beim geschmack von blut lust zu empfinden, manchmal rauchen sie auch zusammen haschisch und sind grenzenlos albern, bis m. seine pläne verwirklicht. am abend zuvor fotografiert er sie, in strapse und mit einem kruzifix im arsch. als die abzüge eintreffen, ist auf allen bildern nur ihr gesicht eingefangen, aus verschiedenen perspektiven, unscharf.
eine zweite flucht folgt, der reiter der morgenröte findet sie schließlich, zerbricht ihren panzer mit tausend tränen und verlässt sie wieder, nackt und sterbend, bis sie begreift, dass sie sich selbst retten muss.

jetzt hüpft ein sperling vor ihr auf dem bürgersteig, der legt den kopf schief und sieht sie herausfordernd an, komm mit, scheint er zu sagen, sei nicht dumm, entscheide dich, beim russisch roulette setzt man nicht auf rot, wenn man ins schwarze treffen will.

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Samstag, 19. Januar 2008
manche freilich...
honig ums maul schmieren muss schon mal sein. so als untergebener macht man das gerne mit dem chef, dem man sich nicht ans bein pinkeln traut, weil man aktuell eine forderung durchkriegen will.
im mittelalter hat man weihnachtsgänse und sonstiges geflügel in soviele schichten teuerer gewürze wie nur irgend möglich gepackt, nur um dem gast zu zeigen, was für ein reicher geiler macker man ist, egal, wie scheiße das dann schmeckte.
man mag darüber heute lächeln und ist doch keinen deut besser.
unter einigen bloggern sind´s hie und da schon ganze butterfässer, mit denen man einander so einseift, bevor die erzeugnisse ganzer imkereien darüber geleert werden. das belächeln verwandelt sich kurzzeitig in schrecken: erstickt er/sie jetzt vielleicht daran? intellektueller magendurchbruch? oder wenigstens ein dezentes erbrechen?
im zeitalter von fettleibigkeit ist die ego-adipositas leider schon normalität.

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Freitag, 18. Januar 2008
icke bukowski
diese kleine geschichte entstand vor neun jahren und war der inhalt einer email an meinen damaligen freund. von bukowski habe ich damals, ich schwöre, nicht mehr als seinen namen gekannt.

es war einmal ein heiner, der war glücklich mit seiner hübschen, jungen freundin.
die hübsche, junge freundin aber war ein durchtriebenes luder. sie schrieb gerade ihre facharbeit über john lennon, als ihr eines nachts der geist des ermordeten erschien und sie zwang, entweder die arbeit aufzugeben oder ihren freund heiner auf die größe seines penis zu schrumpfen. das mädchen dachte an ihre karriere, fackelte nicht lange und so geschah es, dass heiner des nachts zu einem heinerlein von 20 zentimetern wurde.
als heinerlein erwachte, war er zunächst verwundert, glaubte er doch, er befände sich noch in einem traum. als sich der irrtum auflöste, war das entsetzen groß. heinerlein weinte bitterlich, dann jedoch packte ihn die tatkraft der wut. eine halbe stunde lang boxte er sich durch die schwere bettdecke, dann endlich fiel er auf den teppich.
die wohnung aus dieser perspektive erschien im riesig. er ging in die küche, wo er nun gerne kaffee getrunken hätte, doch die tasse stand mannshoch über ihm auf dem tisch. in der ecke fand er ein paar brotkrumen, die seinen hunger stillten. dann setzte er sich auf den türknauf und begann zu überlegen, wie er in die lage hineingeraten sein könnte. ihm fiel seine freundin ein, die er zwar über alles liebte, die aber, und das wusste er, manchmal ein wenig seltsam handelte. er hätte sie gerne angerufen, doch das telefon stand im flur auf der kommode. dennoch wusste er, dass ein telefongespräch vermutlich die einzige chance war, die wohnung jemals wieder zu verlassen.
er hatte glück. im bad fand die haarbürste seiner bösen freundin auf dem boden. er pflückte vorsichtig haar um haar heraus und knüpfte daraus eine feine, leichte strickleiter. dies beanspruchte den ganzen vormittag. die haarleiter befestigte er am untersten griff seiner kommode und stieg so - hier dankte er seinen zahlreichen bergwanderurlauben in skandinavien - schublade um schublade hinauf. einmal rutschte er ab und fiel dummerweise in den schirmständer, wo er nur schwerlich und nach stundenlangen mühen wieder herauskam, aber gegen abend schließlich stand er triumphierend auf der kommode neben dem telefon. er hievte den schweren hörer auf die seite und gab mit tritten die nummer seiner bösen freundin ein. als diese abnahm und ihren namen nannte, hätte es ihm beinahe das trommelfell zerfetzt, aber dann strengte er seine kleinen lungen an und brüllte in den hörer. und oh wunder, das mädchen verstand. "es tut mir so leid, mein heinerlein", säuselte das mädchen, "aber du weißt, mein abitur ist nunmal wichtig." heinerlein weinte wieder, er war erschöpft, hungrig und wusste noch immer nicht, was er von seinem mädchen halten sollte. "wir werden nie wieder sex haben können", schrie er unter tränen. "aber heinerlein, da gibt es sicher eine möglichkeit. ich komme jetzt vorbei. bitte halte dich von der haustür fern, damit ich dich nicht zertrete."
das mädchen kam, nahm heinerlein in die hand und streichelte ihn vorsichtig. sie fand auch für das dringliche problem eine lösung. die funktionierte gut - solange heinerlein brav die luft anhielt.

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Donnerstag, 10. Januar 2008
pfingstochsen
die männerwelt strebe allgemein in richtung metrosexualität, heißt es, und das stellt man auch fest, denn cremes und pillen und schönheitspflästerlein pflastern den weg, wimperntusche und maniküre sind längst keine frauendomains mehr.
als frau sage ich dazu, na gut, muss ich mir mit meinen bisexuellen neigungen wenigstens nicht die beziehung verkomplizieren, so ein bisschen weiche weiblichkeit habe ich also schon mit im komplettpaket. solange ich nicht glauben muss, dass ich sex mit hermaphroditen habe, ist alles in ordnung.
weibliche attribute werden von männern aber noch anders adaptiert, dort, wo mann soviel weiblichkeit etwas indirekter an den körper lassen möchte, nämlich in form von schmuck und bekleidung.
bei unseren jungen kleinkriminellen und kriminellen in spe, also dem publikum vor meiner haustür, treffe ich häufiger poser und pseudoobermacker an, die tshirts mit der aufschrift "zicke" tragen, vorzugsweise in leuchtenden kleinmädchen-farben wie pink oder türkis und manchmal gelb. dazu sind glitzer-ohrstecker beliebt, je größer, desto besser. beim friseur in unserer straße stehen sie dann schlange, um ihre mainstream-iros neu gelen zu lassen. jede strähne muss sitzen, wenn man(n)/jungs dann in grellen mädchen-shirt, glitzernd wie ein geschmückter pfingstochse, in arschhose und gipsfuß-turnschuhen durch die straßen pöbelt. gegen soviel überweiblichung und männliche disindividualisierung wird dann gang-weise gekämpft, indem man der jeweils anderen gang auflauert und ihr was auf die fresse gibt, oder indem man omas an der ubahn erschreckt, kindern das pausenbrot wegnimmt oder einfach nur in großzügigen portionen den asphalt einspeichelt.
das überschmückungsproblem gibt es aber auch bei älteren männern, die keine bunten plastikstecker in den ohren oder mädchenshirts am leib tragen. neulich im schimmbad war ein fetter, ganzkörperergrauter herr, der in jeder körperfalte eine dicke goldkette verbarg, insgesamt sicher fünf oder sechs an allen möglichen stellen. bei jedem schritt blinkte und funkelte er wie ein weihnachtsbaum. die naheliegende vermutung, dass man solch beschwerenden behang im sole-becken des thermalbads benötigt, um dem lipidauftrieb entgegenzuwirken und nicht wie ein lachgasgefüllter ballon auf der wasseroberfläche zu taumeln, wurde nicht bestätigt, da sich pfingstochsen dieser sorte auch an meiner eckkneipe tummeln sowie erst kürzlich in öffentlichen verkehrsmitteln gesichtet werden konnten. daher muss vermutet werden, dass es sich um ein evolutionäres relikt handelt. im gleichen maße, wie sich der kernige jäger von einst die knochen seiner erlegten büffel und säbelzahntiger durch alle erdenklichen körperstellen bohrte oder sich wenigstens damit behängte, um seine jagdqualifikation zu beweisen, so zeigt der schmerbäuchige heute, dass er sein fett nicht vom lidl-weißbrot und von ungefähr hat, sondern dass er richtig asche in der tasche hat, weil er ein toller schutzgelderpresser, waffenhändler oder drogenbaron ist.
man kann also sagen, dass für fast jede frau wohl was dabei ist. fast, so beinahe. zumindest für manche. also diejenigen, die darauf stehen.

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Montag, 7. Januar 2008
ich mag
die szenen in filmen, in denen einer nachts durch eine unterführung radelt. alle diese szenen haben denselben weichen grasgrünen ton in der beleuchtung.
best ever in "in den tag hinein".

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Sonntag, 6. Januar 2008
dreikönigstreffen der fdp
westerwelle trägt gerade vor, was ihm sein ghostwriter aufgeschrieben hat. zwischen starker polarisation freiheit - sozialismus, die so pathetisch wenig ernst genommen werden kann und nur der parteiprofilierung dient, aber sofort mittelstark abgewandelt in die eingeblendete schlagzeile "deutschand muss einen neuen sozialismus fürchten" mündet, perlen einige gute sätze und ideen hervor. die betonung der freiheit, die betonung der mitte als rückgrat der gesellschaft, das engagement für gerecht entlohnte arbeit und das steuerliche missverhältnis, auch im kontrast zu sozialschmarotzern, die wichtigkeit qualifizierter arbeiter, die sinnlosigkiet von entwicklungshilfegeldern an tigerstaaten, die jetzt die industrienationen verdrängen - all dies spricht eine höchst sympathische sprache. daumen hoch für den, der westerwelles rede verfasst hat, und ein halber daumen auch für westerwelle, der dies immerhin vorliest, der dies hoffentlich wenigstens zu einem teil versteht, was ein kluger kopf da gedacht hat. vage begriffe wie "die mitte" (was ist die mitte? ein auseinander gebrochener teil vergangenheit, der 90% unterschicht und 10% oberschicht nunmehr bildet) und freiheit (verkürzt als reinen kontrast zum sozialismus dagestellt) stören die zusammenhänge, es klaffen lücken im sinngefüge, die zweifel schüren, aber es anders auszudrücken würde die sache nicht wahrer machen.
schön, herr westerwelle. dann wollen wir aber auch mal die hemdsärmel hochkrempeln. lassen sie taten sehen und sie bekommen unsere stimme, zumindest die des cabman und die meine. schaffen sie die steuerungerechtigkeiten ab. bestrafen sie steuerhinterzieher, bestrafen sie die sozialschmarotzer, führen sie die verschwendeten gelder nach deutschland zurück, in die von ihnen so hochgeschätzte mitte. schaffen sie perspektiven für diejenigen, die arbeitswillig sind. sorgen sie für die freiheit, treten sie gegen die willkürliche polizeistaatliche abschaffung des fernmeldegeheimnisses ein, schaffen sie unsinnigkeiten wie das nichtraucherschutzgesetz ab, kümmern sie sich um die realen probleme wie kinderarmut, bildungsprobleme, gerechte entlohnung. action speaks louder than words. take your chance, my friend.

(p.s.: um dem missverständnis entgegenzuwirken, ich sei nun fdp-anhängerin: ich fand die rede gut, nicht die partei samt ihren altlasten.)

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Mittwoch, 2. Januar 2008
worte for the masses
ich bin kein typ für die massen. das ist eine art lebenseinstellung. so etwas merkt man spätestens silvesters, wenn man auf der feiermeile vor dem brandenburger tor abgeschossen und totgetrampelt wird und das nicht so klasse findet wie der rest, der begeistert die eigenen hände mit den böllern darin explodieren lässt oder raketen in die menge wirft anstatt sie himmelwärts abzufeuern.
aber auch sonst ist es kaum anders. lange habe ich mit mir gerungen, obligatorische weihnachts- und neujahrsgrüße, angereichert mit putzigen ornamenten in dieses blog zu schreiben und damit die üblichen 99 kommentare einzuheischen. ich habe es unterlassen, weil es mich an einem bestimmten punkt anwidert, mir falsch vorkommt, spätestens dort, wo ich einigen menschen eigentlich pest und cholera an den hals wünsche. vielleicht ist das unhöflich, aber nicht so unhöflich wie menschen, die mich bei segafredo mit meinem tablett voller kaffeebecher einkeilen und trotz mehrerer anfragen nicht durchlassen. von wegen, die jugend von heute habe keine manieren mehr - die alten sind genauso schlimm. aber rentner verprügeln ist ja neuerdings mainstream, also hab ich mich da bei segafredo zusammengerissen und mich zwischen den alten knackern lediglich laut schimpfend durchgedrängelt.

dennoch, ein paar sätze zum januar-feeling: das leben aufzuräumen, habe ich mir noch einmal frisch vorgenommen, und mit einigen leuten abzurechnen, auch finanziell. zähne fletschen und kläffen und vor dem zubeißen nicht zurückzuscheuen. und abends, kampfmüde, bei meinem mann mich einrollen und an wenig an ihm knabbern. dazu braucht es keinen reißerischen jargon, keine hermetische kryptik, kein kleinbloggersdorf. diese momente sind perfekter als andere, was nicht heißt, dass ich die weniger perfekten missen möchte, weil negativer stress für deutlich mehr adrenalin sorgt.
ach nein, und leben in berlin möchte ich nicht wirklich mehr. damals, vor sechs jahren bin ich als backpacker-maus durch die viertel gezogen und habe herauszufinden versucht, ob ich dort irgendwo leben und studieren möchte. ich habe es nicht getan, gottseidank. auch sechs jahre später bedeutet berlin für mich immer noch zerrissenheit, die größtmögliche in deutschland, vielleicht in europa. hinzu kamen in den letzten ein zwei jahren zahlreiche eindrücke einer grundsätzlichen perspektivlosigkeit, diejenige einer stadt, die vielleicht sterben wird, wenn sich nicht sehr bald sehr viel ändert. und damit meine ich nicht die baustellen in mitte oder die abrisshäuser am ostrand. asozial sein hat heutzutage nichts mehr mit besitz zu tun, hässliche häuser sind in der regel noch das schönste.
die neue religion ist überdeutlich sichtbar geworden, auch und nicht nur in der hauptstadt. kaufen, kaufen, pulsiert in den augen abgehärmter gesichter. jedem das sein, den armen das billige, den reichen das hochwertige. in der quantität unterscheidet es sich nicht. es wird gerafft und an sich gerissen, weil man ohne all den schrott plötzlich so wenig, so eigentlich gar niemand ist, noch nicht einmal sein eigener gott. nietzsche ist toter als gott. der gott von heutzutage hat 21 zoll und glare screen, einen superhammergeilen klingelton und spricht aus microkleinen boxen mit einer megalauten stimme. vor lauter euphorie merkt kaum einer mehr, wenn ihm das trommelfell platzt. vor diesem gott werde ich nicht die knie gehen, beschwöre ich mich, heute nicht und auch in ein paar jahren nicht, überhaupt nie.
distanz üben, auch nach unten, wo die elenden sitzen. so bekam ich heute einen anruf, den ich zunächst nicht zuordnen konnte, bei dem es sich jedoch nach einigen sekunden und rückfragen herausstellte, dass es ein alter bekannter von mir ist, den ich vor jahren schon abgeschüttelt haben wollte. das gespräch verlief dann in etwa so:
er: "ich rufe dich an, weil... ich mache mir gerade ziemlich sorgen."
ich: "soso. warum denn?"
er: "ich wollte mit c. sprechen, aber sie ist irgendwie nicht erreichbar."
ich: "das ist bei c. nichts besonderes, sie taucht mal ab und mal wieder auf. das hat nicht unbedingt was damit zu tun, dass es ihr schlecht geht."
er: "ich weiß. ich weiß alles! ich weiß, dass es ihr auch mal schlecht geht. aber ich finde das ungewöhnlich, sie hat versprochen, mich zurückzurufen, weil es mir gerade nicht so gut geht."
diesem meinen bekannten geht es grundsätzlich nie gut, er hat immer ein problem und heißt in meinen kreisen seit bruno-zeiten deshalb nur problem-m. mitleid als freundschaft funktioniert bei mir aber nicht.
ich, wohl wissend, dass er nur ein och-wie-gehts-dir-denn-du-armer hören will: "sie wird schon ihre gründe haben." (und du bist der erste und vielleicht einzigste. wink mit dem betonpfeiler.)
er: "hm."
ich: "na ich kann dir da doch jetzt nichts raten. keine ahnung, wie eng eure freundschaft ist..."
er: "naja, schon sehr vertraut." (ha, wunschdenken.)
ich: "ich muss auch gleich wieder schluss machen, ich bin gerade auf arbeit."
er: "okay. hm. sag mal, ich ruf dich dann mal an, heute abend, okay?"
ich, gedanklich tausend tode sterbend, erinnere mich mit gänsehaut an von problem-m-gesprächen gefüllten wochen, nach denen man einfach nur noch brüllen möchte: BITTE RUF MICH NIE WIEDER AN: "äh, das ist ganz schlecht, ich bin diese woche ziemlich viel unterwegs."
er: "dann rufe ich dich am wochenende an!"
ich: "das geht nicht, da kommt mein mann." (und der haut dich inne fresse, hoffentlich.)
er: "ich würde schon gern mit dir reden. geht´s dir gut?????????"
ich: "JA!! wenn ich jetzt gleich weiterarbeiten kann." (weil du jetzt blitzschnell auflegst, bürschchen.)
er: "hm, naja."
ich: schweigen.
er: "naja, dann."
ich: "TSCHÜSS."
aufgelegt.
später gewundert: woher hat problem-m denn bitteschön meine supervertrauliche handy-nummer? welcher meiner von problem-m gequälten freundinnen sind da bloß die nerven durchgegangen?

somit beginnt also auch dies neue jahr so wie das letzte geendet hat: mit fremd-problemen. naja. hilft vielleicht, meinen vorsatz zu fokusieren - die sache mit der distanz.

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Samstag, 29. Dezember 2007
die letzten im monat
mit einer müdigkeit in den knochen, die nicht nur von mangelndem schlaf oder der arbeit der letzten wochen kommt, sondern eine, die dir die beine aufs kopfsteinpflaster nagelt und den kopf wolkenwärts reißt, mit so einer gehst du die straße lang und beginnst wieder, den fremden in die gesichter zu schauen, erschrickst dich vor augen voller gleichgültigkeit, schroffheit oder überraschender freundlichkeit, streifst den mann, der kaum gehen kann, weil er einen klumpfuß hat, an der schulter, entschuldigung, er dreht den kopf und nickt lächelnd, du zerrst die plastiktüte, die im wind rauscht wie ein blauweißer baum, weiter, heimwärts. der schlüssel in deiner jackentasche schlägt dir gegen den schenkel wie eine verspätete weihnachtsglocke, viel ist passiert, wenn du dich erinnerst, aber wenig hat sich verändert, nach außen hin alles gleich, immer gleich vage, transparent und verschwommen, während du drin versinkst und vielleicht herausplumpst wie reifes braunes obst, schwer, süß, fällig, gefühlt ein lasttier, doch die einzige last, die du trägst, bist du selbst. und immer schwerer wird es, dich zu ertragen, bruchstücke, die vielleicht einmal wertvoll sein könnten, zusammenzuhalten, stets fragend: für wen, auch während du die hand des anderen hälst, verzweifelt und liebend. manchmal schießen dir die tränen in die augen, es ist so ein großes geschenk, du willst es mit beiden armen umfangen, dich verausgaben, aber der trichter schlingt, deine tat schrumpft auf ein ungesehen, während du selbst vierdimensional die realität zu sprengen scheinst, dein erwachen immer nur von einem traum in den nächsten hinein.
als die straße beinahe zu ende ist, sind die häuser dir fremd, du bemerkst, du bist zu weit gegangen, schleuderst den kopf voller watte herum und kehrst dich dem hauseingang zu, gehst hinein mit ein wenig mehr als hinaus, und der flur duftet nach kaffee und brot, warm und braun, bittersüß.

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Samstag, 17. Juni 2006
überleben und sterben im untergrund
irgendwer sagte einmal, öffentliche verkehrsmittel seien nur für die fünf "a" der gesellschaft: "arbeitslose, alte, auszubildende, ausländer und asoziale". im sommer jedoch zeigt sich vor allem in u-bahnen ohne sozialen unterschied die gesellschaft von ihrer ekelerregendsten seite.
denn sommers werden hier mit vorliebe die blauen krampfadern weißer beine in kurzen hosen zur schau gestellt. ärmellose oberteile und kleider offenbaren die unglaublichsten vogelnester unter den armen auch weiblicher fahrgäste. die herren der schöpfung neigen zur exhibitionistischen präsentation ihres nackten oberkörpers, dem in der regel eine großzügig behaarte wampe und hängetitten der körbchengröße b plus angehört. die geschlechter vermischen sich weiterhin optisch in sachen schuhwahl, bei der männlein wie weiblein zu schlappen tendieren, was je nach gehaltsklasse entweder birkenstock oder plastiklatschen aus dem supermarkt sein können. die ökonomischen unterschiede relativieren sich beim schuhinhalt, wo zentimeterdicke gelb-grüne hornhaut in breiten rissen von fersen klafft und mörderzehennägel bei fußfetischisten folterfantasien auszulösen vermögen.
angst und schrecken verbreiteten desweiteren die ausdünstungen, die in u-bahnen trotz geöffneter fenster entstehen können. neben moschusproduktionsanlagen wie den bereits erwähnten unterarm-nestern ist es auffallend häufig nicht nur bei älteren menschen eine note von urin. die döner-esser unter den fahrgästen hinterlassen bleibende schäden der nasenschleimhäute durch ätzende zwiebel- und knoblauchwolken. keineswegs zu unterschätzen sind auch anzugträger, die aufgrund repräsentativer pflichten trotz überschreiten der 30-grad-marke stundenlang das jackett nicht ausziehen durften, wobei nahezu jedes deo den dienst versagt. höhepunkte an geruchsintensität werden da erreicht, wo den hemden darunter kunstfaser beigemischt ist. werden hosen aus polyester getragen, tritt oft das phänomen des "arschwassers" auf, der anal-analogen variante zum uringeruch.
dieser artenvielfalt von gestank zu entrinnen ist nur selten möglich. mit etwas vorsicht kann man es sich jedoch hin und wieder erträglicher machen. die nähe zu personen mit entsprechenden hundertjährigen schweißrändern in kleidung oder dunklen verkrustungen auf der nackten haut sollte vermieden werden. wer sich selbst stark parfumiert oder seine freizeit für das werben mit körperpflegeartikeln opfert, kann unter günstigen umständen aufklärerisch und als vorbild wirken.
der optischen vergewaltigung vermag man noch viel schwerer zu entkommen. blinde sind hier klar im vorteil. wer gelegenheit hat, die augen einige zeit zu schließen, sollte diese nicht verpassen. finstere sonnenbrillen können ebenfalls etwas linderung verschaffen.
zuletzt muss noch die belästung durch das akustische auftreten der sommerlichen u-bahn-benutzer erwähnung finden. sommers scheint der durchschnittliche iq um etwa 10 bis 20 punkte zu sinken. dies macht sich bemerkbar, indem bestimmte satzfragmente und worte auffallend wiederholt werden (z.b. "ey, waaiisdu, alda"). die kommunikationslautstärke steigt um mehrere dezibel. singen in trommelfellerschütternden dissonanzen ist möglich, ebenso plötzliches grundloses schreien und irres lachen, vor allem bei den jüngeren mitfahrern. hier hilft nur ein walkman ohne lautstärkenregulierung oder oropax. durch hörschäden begünstigen ist zum abschalten ihrer hörgeräte zu raten.

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