Montag, 23. Februar 2015
3333
wer ist morphine? eine kunstfigur. aber auch ein teil von mir. seit 3333 tagen.

morphine wirkt auf manche leser vielleicht verrückt. ich selbst tue es nicht. draußen auf der straße bin ich unauffällig. ein freundlicher, fröhlicher mensch. auch mit denjenigen, die um meine erkrankung wissen, die mir nahe stehen und denen ich vertraue, bin ich anders als in meinen dunklen momenten. das liegt an den kontakten und der energie, die sie mir geben, aber auch an meiner erwartung, wie mich andere wahrnehmen. die setzt mir einen rahmen. eine bühne.

vielleicht ist morphine in manchen momenten näher an mir dran als mein alltags-ich. aber sie ist auch nur eine dimension von vielen.

wenn ich unsicher bin, lausche ich ganz tief in mich hinein. und dann flüstert mir etwas etwas. doch es ist immer eine andere stimme. panta rhei. auch die identität und die individualität. alles nur schöne begriffe. alles nur ein kreis mit unendlich vielen ecken.

ein projekt der fachhochschule kiel versucht unser tägliches rollenspiel und dessen auswirkungen auf den punkt zu bringen:

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Montag, 23. Februar 2015
morphine in h
ich habe schon mal geschrieben, dass sich hinter vielen bloggern fantastische menschen verbergen. heute habe ich wieder einen kennen gelernt.

nun haben wir leider das autogramm für den kollegen aus der klinik vergessen, fiel mir in zug nach hause ein. aber ich kanns gerne noch nachreichen. ansonsten berichte ich dann bei gelegenheit über die aktion "familienpizza für das objekt". vielleicht kann ich ja den pizzamann beschwatzen, ein paar psilocybinhaltige funghi draufzumachen. sozusagen unter dem motto "bis(s) zum horrortrip".

however, schön, wenn der sympathische virtuelle eindruck dem echten so sehr entspricht. bis demnächst, zu einem poetry slam auf dem kiez oder auf einen besuch im fast-food-für-hipster-laden!

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Freitag, 20. Februar 2015
[kleiderknigge]
was zieht man denn so bei einem großen empfang mit politikern und anderen wichigtuern an?

alles, was ich habe, ist entweder billig oder zu punkig oder zu aufreizend. mein einziges abendkleid ist ein rockabilly-polkadot-kleid mit schwarzer schleife. das kann ich aber nicht tragen, das rutscht und ist vermutlich auch nicht angemessen.

ich bin aber auch nicht so typ für ein chanel-kostümchen.

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dr.-ing.
ich ficke am liebsten nichtakademiker. ich will damit nicht sagen, dumm fickt gut, aber beim sex braucht man praktische intelligenz, fingerspitzengefühl und kreativität nunmal mehr als strategisches oder analytisches denken. verkopft vögeln funktioniert nicht so gut, und verkopft und verschroben bin ich schon selbst genug.

mein neuester fick tanzt komplett aus der reihe, was das betrifft. ingenieur, promoviert, in der kommunikation extrem bedacht und korrekt. und sehr vorsichtig, weil verheiratet. gestern verabreden wir uns zum ersten mal, auf einen kaffee, nur kurz, weil ich nicht viel zeit habe. nach zehn minuten kaffeetrinken fragt er aber schon, ob ich ihm nicht einen blasen will.

wir gehen zu mir. er lacht sich kaputt über meine kleine wohnung mit der windschiefen kommode. er wohnt in blankenese und ich will gar nicht wissen, wie. dann lässt er die hosen runter und ich gehe auf die knie.

nackt seid ihr alle gleich. gleich geil, gleich beschämt, gleich hungrig.

er spritzt nach zwei minuten ab und geniert sich deswegen. dann kuschelt er sich in mein bett wie ein kleiner junge. das finde ich irgendwie niedlich. ich krieche in seinen arm, lasse mich fallen, bin ganz entspannt, denke nicht an die arbeit oder an den k.-ex-ex oder an das objekt.

er findet meine brüste schön und meinen arsch und behauptet, er werde süchtig nach mir. und will alles wissen. ob ich laufe. ob ich schwimme. was ich gerne esse und welche filme ich gucke und welche bücher ich lese.
"wir könnten ja mal essen gehen oder ins kino", schlägt er vor.
"nein, das geht mir zu weit", erwidere ich.
"das heißt, wir sehen uns nicht mehr wieder?" fragt der dr.-ing. enttäuscht.
"das habe ich nicht gesagt. aber ich will dich nicht mögen, weißt du. dazu passen wir schon jetzt zu gut zusammen."
"ich liebe meine frau", sagt er zögerlich.
"aber dir fehlt der sex."
"ich will mich lebendig fühlen."
"dafür bin ich die richtige."
"den eindruck habe ich auch."

zwei stunden später haut er ab. frauchen hat den abendbrottisch gedeckt. ich stehe an der tür, winke nonchalant.

bloß nicht am arsch kriegen lassen.

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Dienstag, 17. Februar 2015
suizidal überleben
ohne den suizid im kopf könnte ich nicht leben. das wissen, nicht leben zu müssen, gibt mir die kraft, leben zu können.

suizid ist die größtmögliche freiheit im leben. denn er bedeutet die überwindung des mächtigsten instinkts: des selbsterhaltungstriebes.

in die vorstellung vom freitod habe ich mich früh verliebt. es war ein spiel. ein tanz auf messers schneide: ich muss nicht leben. aber ich darf. weil ich weiß, wie ich sterben kann und dass ich sterben kann. schauen wir doch mal, wie weit ich zu gehen wage!

i walk the line between good and evil.

genauso wie der gedanke an suizid kraft zu verleihen mag, kann er jedoch auch einen fatalen sog ausüben. der sprichwörtliche abgrund, dem du verschwörerisch zublinzelst und der dich dann verschlingt. plötzlich ist der wunsch zu sterben omnipräsent. unverrückbar. alles, was dir fortan begegnet, ist kein zweck des lebens mehr, sondern mittel zum sterben.

man darf sich vom suizid nicht verarschen lassen, denn er kann vereinnahmend sein. in schrecklicher bedrängnis durch den eigenen kopf verliert man bisweilen selbigen - und der suizid den freitod-charakter.

letzten endes weiß man natürlich nie, wie es kommt. ob man die entscheidung zum suizid durchhält, wenn sie mal getroffen ist. oder ob man dann nach rettung schreit. oder ob der tod ganz anders kommt.

ich will aber immer bereit sein. dazu gehört auch, für das leben dankbar zu sein. und es zu lieben. für alles.

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Sonntag, 15. Februar 2015
samstagsmaler
seit gestern erstrahlen küche, bad und flur in neuem weiß - der lederjacke sei dank.

ich habe die lederjacke schon lange nicht mehr gesehen. als sie zur tür hereinkommt und die jacke ablegt, sehe ich, dass sich ihr oberarmvolumen schätzungsweise verdoppelt hat.
"boah, hast du arme!" sage ich anerkennend und die lederjacke grinst sehr geschmeichelt:
"deshalb mach ich auch wieder die decken, ja? ich brauch das, ich kann ja heute nicht mehr trainieren gehen."

die lederjacke pellt sich bis auf den calvin-klein-schlüpper aus den klamotten und steigt in einen blaumann. ich grinse, und die lederjacke weiß, dass sie mit dem feuer spielt. dann greifen wir zu pinsel und rolle.
"wie gehts dir denn so, alles stabil bei dir?" will die lederjacke wissen.
"ja, so lala", sage ich. "nachdem ich jetzt vom objekt weg bin, gehts mir im schnitt ganz gut. und dir?"
"ich hab ein promotionsangebot!" platzt die lederjacke stolz wie bolle raus.
"neeeeeeiiiiinn... wie cool ist das denn?!"

wie immer ist das glück eine frage von beziehungen. über die kollegin einer kollegin hat die lederjacke zugang zu einem forschungsprojekt an der uni bekommen.
"wenn das klappt, krieg ich ein stipendium und vielleicht sogar ne halbe stelle!"
"das heißt, es ist dann schluss mit arbeiten beim amt?"
"ja. vorbei, endgültig. ich hab das so satt, da die armut unserer antisozialen stadt zu verwalten... weißte, den leuten kommt ja keine echte hilfe zu. ich hab 80 fälle oder so, das sind nur nummern, die du durchpeitschen musst und bei denen du hoffst, dass es keine komplikationen gibt, weil das alles sonst zu viel zeit kosten würde. das fucking amt baut ja nur stellen ab, alle mitarbeiter sind total überlastet, deswegen sind auch ständig welche krank... ganz ganz üble mühle, sag ich dir. mit sozialstaat hat das überhaupt nichts mehr zu tun. lieber obdachlos als abhängig von uns, das würde ich jedem raten."

die lederjacke ist immer noch systemkritisch und engagiert, das mag ich so an ihr. als wir mit dem anstrich durch sind, sitzen wir im wohnzimmer, quarzen und trinken meine wodka-vorräte.
"geht heute eigentlich irgendwo was? wollen wir noch in den club?" fragt die lederjacke.
"der club ist tot", sage ich.
"achja, stimmt, habe ich gelesen. warst du auf der abschluss-fete?"
"ja. saucooler abend. scooter war auch da."
"yeah", sagt die lederjacke, schmeißt rebel yell in die playlist und dreht die boxen bis zum anschlag auf.

"wir können aber noch woanders hingehen", sagte ich dann, "heute ist auch noch ne andere party."
"auja", ist die lederjacke schnell entschlossen, weil sie den richtigen pegel hat und in fahrt kommt.
"ich muss aber noch mal nachhause, ich hab nix anzuziehen mit."
"tust du mir einen gefallen", sage ich.
"wasn?"
"zieh deine lederjacke an."
die lederjacke grinst und macht sich dann auf.
"wir sehen uns in einer stunde da!"
"bis dann. und tüdel nicht rum."

als ich eine stunde später von der u-bahn hochlaufe, kommt mir die lederjacke aus der richtung zob entgegen. perfektes timing.
"du hast echt deine lederjacke an", stelle ich fest.
"na, wenn du dir das wünschst."
wir stehen in der garderobenschlange.
"mann, ist hier viel los!", findet die lederjacke.
"ist eine der größten partys dieser sorte."
"wahnsinn. und wow, kann das sein, das da vorne der sänger von project pitchfork läuft?"
ich zucke die achseln:
"der ist öfter mal da."
"wie cool."

die lederjacke ist ganz aufgeregt und braucht erstmal ein bier, und dann gleich noch eins:
"cool, ist das cool hier, ich muss tanzen gehen!"
"ja, aber warte mal, ich zeig dir erstmal die verschiedenen floors hier. und wo wir uns treffen können, wenn wir uns nicht mehr finden sollten."
"wie viele stockwerke sind das?"
"nur zwei. und dann gibts noch eine area, die ist im hintergebäude ausgelagert, aber die hat heute zu."
"schweinerei!"
"tröste dich, die mucke wäre dir eh zu hart."
die lederjacke schaut mich empört an und schubst mich.
"na gut, dann nehm ich dich jetzt mit in die elektro-hölle oben", sage ich.

wider erwarten findet die lederjacke auch diese area cool, tanzt und singt "hyper hyper" gegen den krach ab, während ich mich totlache.
"wen hast du denn heute dabei?", spricht mich die barfrau aus dem club, die heute auch da ist, an.
"das ist nur ein kumpel, wir haben vorhin zusammen meine wohung gestrichen."
"mit dem würde ich auch gern wohnungen streichen", kichert die barfrau.
"soll ich euch mal vorstellen?"
doch nicht nötig, die lederjacke kommt angeschossen und stellt sich selbst vor.

wir gehen in den raucherraum. die lederjacke ist immer noch voll auf dem scooter-trip und singt singt und rappt abwechselnd. der mann der barfrau kommt hinzu, guckt sich die szene kurz an, rollt bedeutungsvoll die augen und geht dann wieder.
"schatzi, jetzt sei mal nicht so, hol uns lieber was zu trinken", ruft ihm seine frau nach.

nach einer weiteren whiskey cola beginnt meine welt sich zu drehen. die lederjacke unterhält sich eifrig mit der barfrau und ihrem mann. mein freund v. schaut auch kurz vorbei. im gegensatz zu mir ist er frisch verknallt.
"geh weg, ich kann heute keine verliebten menschen sehen", sage ich.
aber v. lacht nur und drückt mich. das ist das charmante an verliebten: diese realitätsresistenz.

da ich um acht uhr morgens aufgestanden bin, meine wohnung ausgeräumt und anschließend mit streichen beschäftigt war, bin ich gegen drei ziemlich müde.
"meine füße tun weh", sage ich zur lederjacke.
"ich bin auch schon recht angetrunken", meinte die lederjacke. "vielleicht sollten wir nach hause."
ich sehe die lederjacke an, die normalerweise ab einem gewissen pegel kein ende findet.
"du willst nach hause, bist du krank?"
"ich hab ein paar sachen umgestellt in den letzten monaten", sagt die lederjacke ernsthaft. "ich habe wieder angefangen, mehr zu boxen. dafür will ich fitter werden und auch noch ein paar kilos abnehmen."
das erklärt auch die zusätzliche muckimasse.
"dann lass uns doch aufbrechen."

an der bahn nimmt mich die lederjacke in den arm:
"das war ne richtig gute idee, ist die party öfter?"
"alle vier wochen."
"ich will da wieder hin!"
"gerne."
"dann komm mal gut heim", drückt mich die lederjacke ganz fest, "und schick mir ne nachricht, wenn du angekommen bist, dann bin ich beruhigter."
"dito."

dann zieht jeder seines weges. erst in der bahn fällt mir ein, dass ich ja mal hätte fragen können. anderseits bin ich auch zu müde zum vögeln. also beschließe ich, mich an der tatsache zu erfreuen, dass die lederjacke immer noch mein freund sein will - und dass ich nun wieder eine halbswegs ordentliche wohnung habe.

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