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Dienstag, 17. Februar 2015
suizidal überleben
ohne den suizid im kopf könnte ich nicht leben. das wissen, nicht leben zu müssen, gibt mir die kraft, leben zu können.

suizid ist die größtmögliche freiheit im leben. denn er bedeutet die überwindung des mächtigsten instinkts: des selbsterhaltungstriebes.

in die vorstellung vom freitod habe ich mich früh verliebt. es war ein spiel. ein tanz auf messers schneide: ich muss nicht leben. aber ich darf. weil ich weiß, wie ich sterben kann und dass ich sterben kann. schauen wir doch mal, wie weit ich zu gehen wage!

i walk the line between good and evil.

genauso wie der gedanke an suizid kraft zu verleihen mag, kann er jedoch auch einen fatalen sog ausüben. der sprichwörtliche abgrund, dem du verschwörerisch zublinzelst und der dich dann verschlingt. plötzlich ist der wunsch zu sterben omnipräsent. unverrückbar. alles, was dir fortan begegnet, ist kein zweck des lebens mehr, sondern mittel zum sterben.

man darf sich vom suizid nicht verarschen lassen, denn er kann vereinnahmend sein. in schrecklicher bedrängnis durch den eigenen kopf verliert man bisweilen selbigen - und der suizid den freitod-charakter.

letzten endes weiß man natürlich nie, wie es kommt. ob man die entscheidung zum suizid durchhält, wenn sie mal getroffen ist. oder ob man dann nach rettung schreit. oder ob der tod ganz anders kommt.

ich will aber immer bereit sein. dazu gehört auch, für das leben dankbar zu sein. und es zu lieben. für alles.

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Sonntag, 15. Februar 2015
samstagsmaler
seit gestern erstrahlen küche, bad und flur in neuem weiß - der lederjacke sei dank.

ich habe die lederjacke schon lange nicht mehr gesehen. als sie zur tür hereinkommt und die jacke ablegt, sehe ich, dass sich ihr oberarmvolumen schätzungsweise verdoppelt hat.
"boah, hast du arme!" sage ich anerkennend und die lederjacke grinst sehr geschmeichelt:
"deshalb mach ich auch wieder die decken, ja? ich brauch das, ich kann ja heute nicht mehr trainieren gehen."

die lederjacke pellt sich bis auf den calvin-klein-schlüpper aus den klamotten und steigt in einen blaumann. ich grinse, und die lederjacke weiß, dass sie mit dem feuer spielt. dann greifen wir zu pinsel und rolle.
"wie gehts dir denn so, alles stabil bei dir?" will die lederjacke wissen.
"ja, so lala", sage ich. "nachdem ich jetzt vom objekt weg bin, gehts mir im schnitt ganz gut. und dir?"
"ich hab ein promotionsangebot!" platzt die lederjacke stolz wie bolle raus.
"neeeeeeiiiiinn... wie cool ist das denn?!"

wie immer ist das glück eine frage von beziehungen. über die kollegin einer kollegin hat die lederjacke zugang zu einem forschungsprojekt an der uni bekommen.
"wenn das klappt, krieg ich ein stipendium und vielleicht sogar ne halbe stelle!"
"das heißt, es ist dann schluss mit arbeiten beim amt?"
"ja. vorbei, endgültig. ich hab das so satt, da die armut unserer antisozialen stadt zu verwalten... weißte, den leuten kommt ja keine echte hilfe zu. ich hab 80 fälle oder so, das sind nur nummern, die du durchpeitschen musst und bei denen du hoffst, dass es keine komplikationen gibt, weil das alles sonst zu viel zeit kosten würde. das fucking amt baut ja nur stellen ab, alle mitarbeiter sind total überlastet, deswegen sind auch ständig welche krank... ganz ganz üble mühle, sag ich dir. mit sozialstaat hat das überhaupt nichts mehr zu tun. lieber obdachlos als abhängig von uns, das würde ich jedem raten."

die lederjacke ist immer noch systemkritisch und engagiert, das mag ich so an ihr. als wir mit dem anstrich durch sind, sitzen wir im wohnzimmer, quarzen und trinken meine wodka-vorräte.
"geht heute eigentlich irgendwo was? wollen wir noch in den club?" fragt die lederjacke.
"der club ist tot", sage ich.
"achja, stimmt, habe ich gelesen. warst du auf der abschluss-fete?"
"ja. saucooler abend. scooter war auch da."
"yeah", sagt die lederjacke, schmeißt rebel yell in die playlist und dreht die boxen bis zum anschlag auf.

"wir können aber noch woanders hingehen", sagte ich dann, "heute ist auch noch ne andere party."
"auja", ist die lederjacke schnell entschlossen, weil sie den richtigen pegel hat und in fahrt kommt.
"ich muss aber noch mal nachhause, ich hab nix anzuziehen mit."
"tust du mir einen gefallen", sage ich.
"wasn?"
"zieh deine lederjacke an."
die lederjacke grinst und macht sich dann auf.
"wir sehen uns in einer stunde da!"
"bis dann. und tüdel nicht rum."

als ich eine stunde später von der u-bahn hochlaufe, kommt mir die lederjacke aus der richtung zob entgegen. perfektes timing.
"du hast echt deine lederjacke an", stelle ich fest.
"na, wenn du dir das wünschst."
wir stehen in der garderobenschlange.
"mann, ist hier viel los!", findet die lederjacke.
"ist eine der größten partys dieser sorte."
"wahnsinn. und wow, kann das sein, das da vorne der sänger von project pitchfork läuft?"
ich zucke die achseln:
"der ist öfter mal da."
"wie cool."

die lederjacke ist ganz aufgeregt und braucht erstmal ein bier, und dann gleich noch eins:
"cool, ist das cool hier, ich muss tanzen gehen!"
"ja, aber warte mal, ich zeig dir erstmal die verschiedenen floors hier. und wo wir uns treffen können, wenn wir uns nicht mehr finden sollten."
"wie viele stockwerke sind das?"
"nur zwei. und dann gibts noch eine area, die ist im hintergebäude ausgelagert, aber die hat heute zu."
"schweinerei!"
"tröste dich, die mucke wäre dir eh zu hart."
die lederjacke schaut mich empört an und schubst mich.
"na gut, dann nehm ich dich jetzt mit in die elektro-hölle oben", sage ich.

wider erwarten findet die lederjacke auch diese area cool, tanzt und singt "hyper hyper" gegen den krach ab, während ich mich totlache.
"wen hast du denn heute dabei?", spricht mich die barfrau aus dem club, die heute auch da ist, an.
"das ist nur ein kumpel, wir haben vorhin zusammen meine wohung gestrichen."
"mit dem würde ich auch gern wohnungen streichen", kichert die barfrau.
"soll ich euch mal vorstellen?"
doch nicht nötig, die lederjacke kommt angeschossen und stellt sich selbst vor.

wir gehen in den raucherraum. die lederjacke ist immer noch voll auf dem scooter-trip und singt singt und rappt abwechselnd. der mann der barfrau kommt hinzu, guckt sich die szene kurz an, rollt bedeutungsvoll die augen und geht dann wieder.
"schatzi, jetzt sei mal nicht so, hol uns lieber was zu trinken", ruft ihm seine frau nach.

nach einer weiteren whiskey cola beginnt meine welt sich zu drehen. die lederjacke unterhält sich eifrig mit der barfrau und ihrem mann. mein freund v. schaut auch kurz vorbei. im gegensatz zu mir ist er frisch verknallt.
"geh weg, ich kann heute keine verliebten menschen sehen", sage ich.
aber v. lacht nur und drückt mich. das ist das charmante an verliebten: diese realitätsresistenz.

da ich um acht uhr morgens aufgestanden bin, meine wohnung ausgeräumt und anschließend mit streichen beschäftigt war, bin ich gegen drei ziemlich müde.
"meine füße tun weh", sage ich zur lederjacke.
"ich bin auch schon recht angetrunken", meinte die lederjacke. "vielleicht sollten wir nach hause."
ich sehe die lederjacke an, die normalerweise ab einem gewissen pegel kein ende findet.
"du willst nach hause, bist du krank?"
"ich hab ein paar sachen umgestellt in den letzten monaten", sagt die lederjacke ernsthaft. "ich habe wieder angefangen, mehr zu boxen. dafür will ich fitter werden und auch noch ein paar kilos abnehmen."
das erklärt auch die zusätzliche muckimasse.
"dann lass uns doch aufbrechen."

an der bahn nimmt mich die lederjacke in den arm:
"das war ne richtig gute idee, ist die party öfter?"
"alle vier wochen."
"ich will da wieder hin!"
"gerne."
"dann komm mal gut heim", drückt mich die lederjacke ganz fest, "und schick mir ne nachricht, wenn du angekommen bist, dann bin ich beruhigter."
"dito."

dann zieht jeder seines weges. erst in der bahn fällt mir ein, dass ich ja mal hätte fragen können. anderseits bin ich auch zu müde zum vögeln. also beschließe ich, mich an der tatsache zu erfreuen, dass die lederjacke immer noch mein freund sein will - und dass ich nun wieder eine halbswegs ordentliche wohnung habe.

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Samstag, 14. Februar 2015
auseinandersetzung
gestern abend stehe ich, liebeskummergeflasht, vor der wahl: auf die als gemeinschaftliches ausgehevent geplante kulturveranstaltung gehen oder nicht? theoretisch bin ich noch erschöpfter als die tage zuvor und kann mir nicht vorstellen, bahn zu fahren. anderseits bedeutet kultur auch energie. etwas erleben, sich bewegen lassen. und das ganz jenseits der gefährlichen party-zone.

manchmal weiß ich nicht, woher ich die kraft nehme, um mir den impuls zu vermitteln, mich aufzuraffen. aber eine stunde nach der niederschmetternden nachricht stehe ich im bad und schminke mich. ich profitiere vom schock, der bewirkt, dass alles noch zu unwirklich ist, um darüber zu flennen. also keine heulfresse, sondern ein von der anspannung der informationsverarbeitung wunderbar glattgezogenes gesicht. eine hübsche maske, die anzumalen beinahe spaß macht.

man sieht mir nichts an. auch wenn ich mit einer 50er-packung tramal in der tasche auf einer parkbank sitze, sieht man mir nicht an, dass es mir irgendwie schlecht ginge und der gedanke, sich das leben zu nehmen, bedrohlich nahe ist.

als ich mit meiner geschminkten maske richtung bahn gehe, vernehme ich geschrei. normalerweise gehe ich nie ohne mp3-player außer haus, da ich mich von der realität abschirmen muss, aber gestern habe ich bewussst darauf verzichtet. musik macht nur sentimental.

ich nehme gerade die rolltreppe zum bahnsteig, als ich wieder geschrei höre. irgendwelche besoffenen, denke ich, ist ja freitag. dann aber stürmt ein blondes mädchen die rolltreppe hinter mir hoch, dreht sich um und sieht mich an. sie macht einen verängstigten eindruck, hat tränen im gesicht und eine schmutzige jacke. ich schätze sie auf 12 oder 13 jahre.

"haben sie... haben sie ein mädchen laufen sehen... wo ist sie hin...", stammelt die kleine verwirrt. ich gucke genauer hin. das mädchen wirkt geistig behindert auf mich.
"du bist die einzige, die ich hier laufen sehen", sage ich freundlich.
"da sin so.... da sin so... jungens... die sagen, weil du behindert bist... weil du behindert bist."
"weil du behindert bist, was?"
"aber da kann ich doch nicht für!"
"natürlich kannst du da nichts für."
"die hammich so... festgehalten... und getreten!"
jetzt bleibt mir der mund offenstehen.
"die haben WAS?"
"und nur, weil ich behindert bin!"
das mädchen hat schon wieder frische tränen im gesicht und impulsiv lege ich den arm um sie. sie klammert sich an meinen mantel.
"sind die denn noch da?" frage ich.
"nee... die sind weggerannt. aber das kann man doch nicht machen, nur weil ich behindert bin!"
"die welt ist leider voller arschlöcher", sage ich. "als ich so alt war wie du, haben mich auch immer jungs verprügelt."
die kleine guckt mich mit ihren großen blauen augen an:
"aber warum denn?"
"ich war gut in der schule. das provoziert neid. und ich war obendrein noch nett. das suchen solche typen, die dich fertigmachen wollen."
"aber sie sinn... nicht behindert!"
"nein", sage ich.

die kleine beruhigt sich langsam, lässt aber meinen mantel nicht los.
"musst du jetzt auch mit der bahn fahren?" will ich wissen.
die kleine schüttelt energisch den kopf.
"ich muss nach hause!"
"dann mach mal deine jacke zu, es ist viel zu kalt."
"die is schmutzig, jetzt."
"trotzdem kann man die zumachen."
ich knie mich vor das mädchen und zippe ihr den reißverschluss zu.

die bahn fährt ein.
"ich muss", sage ich und streiche dem mädchen die haare aus dem gesicht.
"kommst du klar?"
die kleine nickt.
"pass auf dich auf. und wenn noch mal was ist, dann gehst du da unten in den dönerladen. die sind sehr nett da, die helfen dir bestimmt."

in der bahn bin aufgewühlt und unzufrieden mit der situation. hätte ich die eltern anrufen müssen? oder die polizei?

und dann: immer auf die schwachen und wehrlosen. ich merke, wie mir wuttränen in die augen steigen, die zugleich auch traurigkeitstränen sind. die kleine hatte mich sehr an mich erinnert. und ich habe sie nicht geschützt. weil ich bis heute nicht weiß, wie man kinder vor mobbing und prügeleien schützt.

mit meinem psychologen hatte ich das einmal durchgesprochen.
"ihr eltern hätten sie schützen müssen", hatte er gesagt, als ich von den jahrelangen prügel-attacken in der grundschule erzählt hatte.
"was hätten die denn machen sollen? der einzige effekt wäre gewesen, dass die täter gewusst hätten, dass ich ein weinerliches mamikind und eine petze bin."
"sie hätten mit der klassleiterin sprechen können."
"haben sie ja. die sagte, sowas müssen kinder unter sich ausmachen."
mein psychologe hatte mich nur groß angeschaut.
"was hätten sie denn machen sollen?", hatte ich noch mal gefragt.
da saß er wieder und zuckte mit den schultern, wie so oft.

27 jahre später und immer noch opfer. ohne eine idee, ohne einen impuls.

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Freitag, 13. Februar 2015
freitag der 13.
auf den inneren kompass ist verlass. meine zweifel waren nicht unberechtigt.

manchmal verliebt man sich. und der andere nicht.

keiner kann da was für. weh tut es trotzdem.

er hat sich anständig verabschiedet. das muss man ihm lassen.

die guten werden nicht mein. das nächste arschloch wartet sicherlich schon.

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Donnerstag, 12. Februar 2015
shadows
nachdem mich am dienstag plötzlich und unerwartet die schwarze welle erwischt, ist mein selbstwertgefühl mal wieder auf staubkorngröße geschrumpft. das alleine ist schon schwer zu ertragen. was mich nun aber komplett um den verstand bringt, sind meine frisch erblühten zweifel in bezug auf den k.-ex-ex.

da ich diesen mann so mir nichts dir nichts ziemlich fest ins herz geschlossen habe, quälen mich massive ängste, dass er mich doch nicht wollen könnte. ich habe das dauerbedürfnis, ihn anzurufen und mich zu erklären und ihn für dies und jenes um verständnis oder gleich auch schon mal prophylaktisch um verzeihung zu bitten. bevor ich in versuchung komme, solchen quatsch zu verzapfen, habe ich eine strenge kontaktsperre verhängt.

bis er heute anruft, da wir für morgen verabredet sind. zunächst sind wir sachlich und zurren das date fest, an das ich schon fast nicht mehr geglaubt hätte, einfach, weil ich mir verboten habe, daran zu glauben. die erleichterung bleibt dennoch aus. was, wenn er das bloß aus höflichkeit macht, weil die verabredung schon letztes wochenende im raum stand? so kann keinerlei vorfreude aufkommen.

am telefon bin ich einsilbig, zum einen, weil ich ungeheuer erschöpft bin, zum anderen, damit ich ihn nicht dämlich fragen muss, ob er so viel an mich denkt wie ich an ihn. wir schweigen uns eine weile an. der k.-ex-ex lässt sich nicht anmerken, ob er genervt ist. er ist so ruhig und entspannt wie immer. undurchschaubar. das erinnert mich ein bisschen an das objekt. es war eine seite, die ich am objekt sehr gemocht hatte, weil es wahnsinnig angenehm ist, wenn jemand deinem wabernden termitenhaufen von kopf eine solche ruhige sicherheit entgegensetzt. gleichzeitig bietet diese relaxtheit wieder nährboden für neuen zweifel. was ist echt, was ist maske? reagiere ich über und meine eine maske zu sehen, wo keine ist? oder bin ich gerade wieder so plump-vertrauselig dabei, mich volles rohr in den fettnapf deluxe zu setzen?

ich analysiere so angestrengt vor mich hin, dass ich gar nicht höre, was der k.-ex-ex zu sagen hat. ich beschränke mich auf hoffentlich freundliches lachen und ein paar allgemeinplätze, während ich vor lauter scham am liebsten im boden versinken möchte.

als wir aufgelegt haben, bin ich in tränen aufgelöst. weil er mir so am herzen liegt, und weil die angst einfach so verdammt stark ist.

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