Dienstag, 25. Februar 2014
wash it out
und da ist der punkt, an dem es wieder kippt. das objekt nennt es manie, ich nenne es normalität. sich stören statt sich zerstören.

am wochenende gibts katze. zwei an der zahl voraussichtlich, für zwei monate. endlich wieder leben in der bude, unordnung und vielleicht ein bisschen haarige maine-coon-liebe.

einen blick über die deutschen grenzen werfen. das kleine glück in tschechien oder polen. einen sprachkurs machen, hamburg verlassen, auf lange sicht. zwischendurch big b, auf einen sprung.

die laufschuhe anziehen, die arthrose ignorieren und das kaputte knie 50 minuten auf dem asphalt schinden.

und am abend spontan den mann anrufen, der seit weihnachten um ein fick-date buhlt. und einfach sagen, morgen, baby, morgen oder gar nicht, und wenn du eine hast, bring deine frau mit, mir ist nach muschi.

ich habe keine ziele. ich habe lust. lust auf irgendwas. was mir die zeit klaut. was mir den kopf wäscht. die zukunftsangst im schleudergang. kochwäsche für die erinnerungen. bleichmittel auf die objekt-geilheit. ich will alles wegarbeiten, wegficken, weglaufen.

ich will schweiß statt tränen. echten schmerz statt wahnsinn. und ich will wieder ein bisschen haut. dicke haut. überall dort, wo zwischen narben und schrunden mittlerweile nicht mal mehr eine zarte rasierklinge passt.

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Sonntag, 23. Februar 2014
spaßfrei
die lederjacke meldet sich bei mir. offenbar hat sich die fickgeschichte wieder erledigt. ich freue mich, also beschließe ich, nicht darauf herumzusticheln.

"kommst du rüber?", will die lederjacke wissen.
"kann ich machen", sage ich.
"das klingt aber nicht besonders enthusiastisch."
"es ist wochenende, an wochenenden schlägt die depri derzeit wieder voll zu."
"och nee!"
"ich kann auch zuhause bleiben", sage ich, "mir ist auch nicht nach fröhlichen leuten, die besoffen und kotzend über den kiez stolpern."
"jetzt kommste erstmal her", beschließt die lederjacke.
"ich will dir aber den abend nicht verderben."
"das WIRST du nicht. versprochen. ich freu mich auf dich."

die bahn ist voller samstagabend-menschen, sie gröhlen und lachen. ich fühle mich wie vom mars. jetzt reiß dich mal zusammen, alte, sage ich mir. doch es hilft nicht. die lärmkulisse scheint immer lauter zu werden, die menschen immer näher zu rücken, die lichter immer gleisender zu werden. als ich endlich aussteigen kann, rast und stolpert mein herz, ich bin schweißgebadet und zittere. ich renne durch die hochhausschluchten so schnell ich kann und presse dann den daumen auf die klingel der lederjackenwohnung.

die lederjacke öffnet die tür und nimmt mich in die arme.
"was ist denn passiert, du bist ja totenblass", sagt sie zur begrüßung.
"in der bahn waren so komische leute. kann ich heute irgendwie nicht ab."
"hat dir jemand was getan? hat dich wer bedroht?"
"nee, war nur so... komisch. im kopf."
die lederjacke tätschelt mir die schulter und schiebt mich dann in die küche.
"jetzt trinken wir erst mal was."

während ich mich an einem glas cola-rum festhalte, leert die lederjacke zwei bier, ein glas rotwein und mehrere flachmänner. die lederjacke redet. ich werde immer stiller und merke, wie mich etwas aus dem hier und jetzt abkoppelt. nichts bleibt außer meinem mechanischem lächeln. das gefühl innerer einsamkeit wird gigantisch und übermächtig wie ein expandierendes vakuum.
"hey", sagt die lederjacke irgendwann, "quatsch ich zu viel? langeweilst du dich?"
"überhaupt nicht", sage ich und fühle mich furchtbar schuldig, weil ich gar nicht wirklich da bin und die lederjacke das nicht verdient hat.

die lederjacke betrachtet mich prüfend. als sich unsere blicke treffen, steigen mir die tränen in die augen.
"mann morphine", sagt die lederjacke erschrocken, "du weinst ja."
ich schweige und versuche krampfhaft, nicht loszuheulen. die lederjacke ist nicht das objekt. ihre stärke liegt auf der sachebene, nicht auf der emotionsebene. meine verzweiflung verunsichert sie. verzweifung aber ist wie ein raubtier: sie kann deine unsicherheit riechen. das gibt ihr macht. sie lacht über deine mit hilfloser logik vorgetragenen argumente.

natürlich will die lederjacke wissen, warum es mir wieder so schlecht geht. ich berichte, was in den letzten wochen vorgefallen ist.
"scheiße", findet die lederjacke. "dass es bei dir aber auch nie mal länger gerade läuft. nach dem ganzen aufriss, den du gemacht hast."
ich sage nichts.
"mach doch was anderes", drängt die lederjacke.
"will ich ja. bloß im moment verlassen mich die kräfte. es überfordern mich gerade schon wieder so einfachste dinge wie u-bahn-fahren."
"nimm dir das nicht so zu herzen", findet die lederjacke. "du bist doch so ne kluge frau."
"mein komplettes selbstwertgefühl hängt davon ab, ob ich etwas möglichst überdurchschnittliches leiste oder nicht."
"das ist doch quatsch."
"weiß ich alles! aber ich kann es nicht empfinden. alles, was ich anfasse, endet im chaos: jobs, beziehungen, freundschaften. mein misstrauen wird mit jeder schlechten erfahrung größer. das ist ein ganz schlimmer automatismus und ich weiß nicht, wie ich den stoppen kann."
"ach komm. das was du erlebst, ist auch einfach nur gigantisches pech. ich kenne niemanden sonst, dem so viel mist passiert wie dir."
"ich glaube, ich bewirke das. der mist findet mich. etwas ist an mir, was das alles auf mich fallen lässt. und ich kann den fehler nicht finden. das macht mich echt fertig."
"da ist doch kein fehler an dir, mensch."
"ich glaube schon. ich bin inzwischen sogar ziemlich überzeugt davon."
die lederjacke schüttelt den kopf.
"haste mal 'matchball' gesehen?" frage ich.
"da geht es genau um diese frage. der moment, in dem der ball beim tennis das netz berührt und es vom glück abhängig ist, ob er auf die eine oder andere seite fällt. der film handelt davon, dass einige menschen privilegiert sind und andere einfach kein glück haben und sich immer tiefer in ihrem schicksal verstricken. und wenn sie ein stück vom glück erhaschen, reißt es sie nachher um so tiefer ins unglück. sie können es sich nicht zu eigen machen, sie beginnen schwerwiegende fehler machen und fallen tief."
"schau dir doch nicht so einen scheiß an."

ich verstumme. es macht keinen sinn, weiter zu diskutieren. das gespräch strengt mich an, ich werde körperlich müde. vom hinterkopf her nähert sich bedrohlich die wohlbekannte schwarze wand, die mich hin und wieder auch unvermittelt in ohnmacht fallen lässt.
"ich muss nach hause, ich muss schlafen", sage ich mit letzter kraft.
"trink doch noch was", sagt die lederjacke verzweifelt. "ich würde so gerne mit dir tanzen gehen."
"ich kann nicht", sage ich.
die lederjacke steht auf und kommt zu mir herüber, nimmt mich in den arm. die tränen beginnen zu laufen.
"das tut mir alles so leid für dich", sagt die lederjacke.
"ich muss gehen", flüstere ich.

die lederjacke beobachtet schweigend, wie ich in meine schuhe und die jacke schlüpfe.
"ich bring dich zur bahn", sagt sie, und ich bin ihr unendlich dankbar dafür.
"schreib mir einen sms, wenn du zuhause bist", schärft mir die lederjacke ein.
ich nicke.
"tut mir leid."
"hör doch auf."
"ich hab dir den ganzen abend kaputt gemacht."
"hast du nicht."
"hab ich doch."
"also wenn du das bedürfnis hast, etwas gut machen zu müssen, dann will ich, dass wir uns demnächst mal wieder so richtig zusammen besaufen", scherzt die lederjacke.
ich kriege ein kleines lächeln zustande.
"okay."

irgendwie komme ich nach hause, während die schwarze wand langsam das bewusstsein verdunkelt. als ich im flur stehe und die schuhe ausziehe, ist sie ganz da. ich falle angezogen auf mein bett und bin weg.

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Donnerstag, 20. Februar 2014
andächtigkeiten
ich bin in einem workshop mit vielen achsowichtigen und achsoschlauen menschen, als ich spüre, wie mein handy vibriert. eine halbe stunde später ist die veranstaltung zu ende, und nachdem ich noch schnell ein paar visitenkarten ausgeteilt habe, sehe ich nach. das objekt hat mir eine sms geschrieben, von der üblichen lyrisch-objektiven länge. titel der sms lautet "angedacht". ich muss ein wenig grinsen, befinde ich mich doch in einem industriekomplex, der gefühlt luftlinie nur wenige hundert meter vom objektzuhause entfernt ist. also schreibe ich zurück: "gut gedacht, bin fast nebenan."

keine zwei minuten später ruft das objekt an. ich drängle mich an den ganzen anzugträgern vorbei, um eine stille ecke zu erwischen.
"wie viel sind ein paar hundert meter?" will das objekt wissen.
"ich hab nicht genau nachgemessen", sage ich lachend.
"naja...", das objekt räuspert sich, "ich meinte, wie lange würdest du bis zu mir brauchen?"
ich halte die luft an. ich stecke seit dem frühen morgen in denselben klamotten, ich fühle mich alles andere als frisch und vögelbar.
"naja, so... 20 minuten", stottere ich. "also wenn ich laufe. aber hier fährt auch nix."
"dann komm doch vorbei. ich geh noch schnell rüber zu penny und hole kaffee für dich. und ein bisschen schokolade, was meinst du?"
"ich weiß nicht", sage ich. "ich bin durch, ich bin verschwitzt, ich brauche erstmal eine dusche."
"wir trinken einfach nur kaffee und rauchen eine zigarette", beschwichtigt mich das objekt.
"haben wir das schon mal geschafft? in letzter zeit?"
"dann nimm es halt als herausforderung."
"meinetwegen."
"dann bis gleich."

ich gehe auf toilette. in meiner tasche befinden sich wie durch ein wunder parfum und ein abgebrochener kajalstift. einen augenblick später rieche ich zumindest oberflächlich gut und habe wieder mehr ausdruck im blick. dann suche ich die objektadresse mit gpunktmaps. 19 minuten fußweg, da sieh mal einer an, wie präzise ich geschätzt hatte.

draußen regnet es. ich halte mir meine wertvollen unterlagen über den kopf und jogge hochhackig die straße entlang. an der ecke komme ich beim objekt-penny vorbei. aus einem unbestimmten bauchgefühl bleibe ich stehen und luge durch die beklebten scheiben. da steht das objekt an der kasse und kramt konzentriert in seinem geldbeutel. ich grinse in mich hinein und stelle mich etwas abseits neben den ausgang. kurz darauf kommt das objekt heraus und steuert auf sein fahrrad zu, ohne mich zu bemerken. doch dann hält es beim aufschließen inne, dreht sich um und entdeckt mich. und lächelt.

ich fliege ihm in die arme. wir drücken uns und küssen uns.
"was für ein zufall", seufzt das objekt strahlend.
"das hat das schicksal so gewollt", widerspreche ich ihm.
"seit wann glaubst du an schicksal?" verwundert sich das objekt, das mich als eifrige verfechterin der ratio kennt.
"du machst mir meine konstruierte realität zunichte", beschwere ich mich scherzhaft.
dann müssen wir erstmal wieder gucken und lächeln und gucken und lächeln. die ampel wird zwischenzeitlich zweimal grün und wieder rot.

durchnässt stehen wir schließlich im flur der objektwohnung.
"haste sturmfrei", flüstere ich.
"ja", grinst das objekt unverfroren.
dann schält es mich aus meinem mantel.
"wow, business-kluft", sagt es. "sogar mit schildchen, frau doktor morphine."
dann sitzen wir im objektzimmer auf dem bett und reden, rauchen und trinken kaffee mit schuss.
"ich werde echt breit", sage ich irgendwann.
"dann streck dich doch aus", ermuntert mich das objekt. "mi casa es tu casa."
während ich mich in die kissen kuschle, wechselt das objekt ans fußende und lehnt sich gegen die wand. es umfasst meine füße und wärmt sie.

wie immer dauert es nicht lange, bis die nähe unerträglich wird. die objekthände wandern aufwärts und beginnen, an meiner strumpfhose zu ziehen.
"ich will erst duschen", sage ich und halte dagegen.
"und ich will deine monalisa sehen", beharrt das objekt.
"nein!"
"doch!"
was ich an argumenten habe, macht das objekt durch den einfachen einsatz körperlicher übermacht wett. irgendwann gebe ich mich wonnevoll geschlagen und den objektiven berührungen hin. das objekt selbst hält sich zurück, beobachtet nur und betrachtet meine reaktionen.

danach liegen wir aneinandergekuschelt unter der decke.
"kaffee?" fragt das objekt und reicht mir meine tasse.
"ohja."
"aber verbrenn dir nicht deine lippen. keine von allen", grinst es.
ich boxe es leicht ins gemächt und küsse es.
dann stellen wir wie immer fest, dass es spät ist, fast zu spät schon und die gespielin in zehn minuten nach hause kommt. ich ziehe mich flugs an.
"ich bring dich noch runter", sagt das objekt und springt in die schuhe.

unter der haustür küsst mich das objekt lange und tief.
"sehen wir uns montag? ich hätte den ganzen tag zeit."
ich nicke begeistert.
"dann komm ich gleich morgens zu dir und dann frühstücken wir, was meinst du?"
holla die waldfee. das objekt überrascht mich derzeit ständig von neuem.
"was ist morgens für dich?" frage ich vorsichtig.
"so um neun, halb zehn?"
"da krieg ich noch keinen bissen runter."
"du musst ja keine feste nahrung zu dir nehmen, wenn du nicht willst", grinst das objekt vielsagend.
ich schubse es.
"tschüß. viel spaß heute noch mit deiner vermieterin."
dann renne ich zur bahn.

montag.
ich bin gespannt.

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Sonntag, 16. Februar 2014
mein leben, eine party
seit sechs wochen gehe ich nicht mehr aus. zum einen ist das geld knapp, und an einem wochenende waren 30 euro oder sogar mehr schnell mal verfeiert. zum anderen bin ich im kopf all die personen durchgegangen, mit denen ich mit auf partys unterhalte. und fand heraus, dass ich diese unterhaltungen eigentlich größtenteils langweilig, banal und belastend finde. leute, deren sorgen sich darauf belaufen, wohin sie dieses jahr in den urlaub fahren oder welche farbe das neue auto haben soll, kann ich nicht ernstnehmen.

die entscheidung ist insofern hart, da ich gerade auch sonst nicht viel tun kann. alles, was mit bewegung zu tun hat, bereitet schmerzen. kultur wie konzerte oder theater ist teuer bis unerschwinglich. alleine in kneipen rumsitzen und an einem billigen bier nuckeln, bis mich irgendein suffkopp anspricht, ist nicht so mein ding. wegfahren geht auch nicht immer, also bleibe ich zuhause und versuche, die langeweile auszuhalten und mir einzureden, es sei eine gute übung für später, wenn ich dann im rollstuhl und inkontinent rumsitze und auf den sozialdienst warte, falls es bis dahin sowas noch gibt.

mein therapeut sagt, langweile sei ein prozess, aus dem etwas entstehen kann. ich sehe erste resultate: beispielsweise habe ich mein büro zum raucherzimmer umfunktioniert. mein teppich hat jetzt brandlöcher, was mich motiviert, weiter darüber nachzudenken, ob ich den ohnehin total versifften teppich jetzt nicht doch mal rausschmeiße. anderseits liegt der teppich da, um den kaputten parkettboden zu verdecken. herrlich, sich mit solchen materialistischen problemen beschäftigen zu können! nie zuvor war ein simpler teppich so ins zentrum meines bewusstseins gerückt.

"du musst auch die kleinen sachen würdigen", sagt das objekt dann gerne, worauf ich immer erwidere, dass solch dämlichen phrasen auch meine eltern dreschen und dass mich das stinksauer macht. an bösen tagen füge ich hinzu, dass ich die kleinen dinge durchaus würdige, sonst würde ich ihm schließlich auch nicht den schwanz lutschen.

im kokon der erzwungenen häuslichkeit stelle ich fest, dass das objekt inzwischen nahezu der einzige mensch ist, der mich noch anruft. diese solidarität rechne ich ihm hoch an, schließlich ist es kein vergnügen, mit mir zu telefonieren. meist fange ich an irgendeinem punkt des gesprächs an zu heulen. spätestens dann weiß sonst niemand mehr so recht, was er sagen soll. kann ich verstehen, ginge mir vielleicht nicht unähnlich.

mein lieblingsnachbar hat einen therapieplatz in einer klinik ergattert. in der totalen aussichtslosigkeit denke auch ich oft in richtung flucht. einweisen lassen, alle meine benzos auf einmal nehmen, oder einfach eine tasche packen und weggehen, alles zurücklassen, vielleicht penner werden. mein ordentliches über-ich hält mich allerdings rigide zurück, schickt mich arbeiten, aufräumen, saubermachen, und immer so fort, wie ein wohlerzogener, adrett gekleideter kleiner roboter. hinter der schale tickt eine zeitbombe.

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Freitag, 14. Februar 2014
kokon
die tage im kokon der erinnerung. tage inniger innerlichkeit.

die bilder vor augen, die den herzschlag beschleunigen und ein warmes, nasses gefühl zwischen den beinen verursachen.

träumen, wo es sonst nichts zu träumen gibt.

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