Sonntag, 5. Januar 2014
fickflittchen und die sieben zwerge
gestern den ganzen tag müde. schmerzen. zum einkaufen humpeln und wieder in die wohnung kriechen. trotzdem beinahe ein gefühl von lebensfreude in mir. muss am guten wetter liegen. der winter ist bislang ganz nach meinem geschmack. mild und sonnig. die klimakatastophe kann auch vorteile haben.

obwohl ich diese woche schon zweimal tanzen war, beschließe ich, später noch im club vorbeizuschauen. mein innerer kompass sagt, dass auch das objekt sich heute in feierlaune befindet. teleempathie, oder wie man das nennen mag. in teleempathie bin ich objekttechnisch inzwischen ganz gut und habe eine hohe trefferquote. theoretisch könnte man natürlich auch einfach den betreffenden anrufen, aber das wäre nicht halb so spannend.

tatsächlich ist der objekt-arsch das erste, was mir ins auge fällt, als ich den club betrete. das objekt lehnt über dem tresen und unterhält sich mit romeo, einem aufriss von anno dazumal. obwohl romeo ganz smart scheint, ist es mir noch nie gelungen, mich mit ihm zu unterhalten. also beschränke ich mich darauf, dem objekt kräftig auf den arsch zu hauen und dann schnell in der menge zu verschwinden. ich hole mir bei meinem lieblingsbarkeeper eine whiskey-cola und lümmle mich auf die couch, wo schon bekannte sitzen. ein bisschen small talk, ja, an guten tagen kann ich das, ohne mich dann anschließend leer zu fühlen, ohne die kreischende frage im kopf, wars das, ist das alles, wo ist denn da die tiefe, die wahrhaftigkeit und schönheit der echten verbindung?! an guten tagen halten die gedanken inzwischen einfach die klappe und der tapfer etablierte stumpfsinn findet das dann alles ganz nett soweit, auch wenn wir wissen, dass nett die kleine schwester von scheiße ist.

als ich so sitze, fällt mir ein, dass ich ja den therapeuten anfunken könnte, der sich luftlinie nicht mal 100 meter entfernt auf der heimischen couch befinden müsste. im anbetracht der objektanwesenheit verwerfe ich den gedanken allerdings wieder. keine welten verschränken, sagt auch das objekt, das gibt nur probleme. inzwischen halten wir unsere welten so sauber, dass wir nur unter bedacht über anderweitige affairchen im detail sprechen. auch ereignisse aus der wohngemeinschaft mit der vermietergespielin verschweigt das objekt diskret, was mir sehr entgegen kommt.

das objekt ist an diesem abend stark belagert. neben drei frauen zähle ich mindestens zwei männer, an deren blick ich deuten kann, da ist was oder da war mal was. ich halte mich im hintergrund, will die gespräche nicht stören, besonders nicht an tagen wie heute, an denen das objekt offenbar sozial kompatibel und redefreudig ist. erst gegen vier uhr begegnen wir uns ein zweites mal an der tanzfläche, wo das objekt gerade eine kleine dicke blonde frau an der backe hat. ich stelle mich hinter die frau und schaue fragend, soll ich eingreifen und das objekt schickt mir einen hilfesuchenden blick zurück. also schiebe ich mich dazwischen, umarme und küsse das objekt herzlich und schiele dann über meine schulter.
"und weg isse", sage ich.
"du, ich dank dir", sagt das objekt, "das ist heute ganz schlimm. hier sind heute insgesamt sieben frauen und typen, mit denen ich mal was hatte. vorhin hab ich gedacht, ich muss im erdboden versinken, weil die meisten von denen wahrscheinlich denken, oh gott, der arsch ist ja heute auch da."
ich muss lachen.
"das sieht aber nicht so aus", finde ich.
"ich hab mich dann heute mal so mitreißen lassen und mich mit all denen noch mal unterhalten."
"traumabewältigung oder was?"
"so in der art."
das objekt fummelt an meiner tasche.
"was machst dun da?"
"mach mal die tasche da weg."
ich hebe die tasche an und das objekt haut mir seinerseits auf den hintern.
"so, jetzt sind wir quitt."

wir gehen rauchen. es folgen uns die blicke der objektverflossenen, was das objekt nur anspornt, mich in den arm zu nehmen und mich fest an sich zu ziehen.
dann sitzen wir an der bar.
"weißte, an was mich das mit deinen exen hier erinnert? an schneewittchen und die sieben zwerge", sage ich.
das objekt kichert.
"hast du was genommen?"
"ich bin so klar wie nie zuvor. aber denk doch mal drüber nach... fickflittchen und die sieben zwerge..."
"und ich bin das fickflittchen oder was?"
"na wer denn sonst. also das märchen muss halt umgeschrieben werden. aber in zeiten der emanziption kann fickflittchen doch auch männlich sein."
das objekt lacht.
"genau... und ich muss mich dann fragen: wer hat von meinem tellerchen gegessen... wer hat in meinem bettchen geschlafen... wer hat an meinem schwanz gelutscht..."
ich merke, dass ich tränen lache.
"gut, dann musst du ja nur noch meine rolle definieren."
das objekt grübelt nach.
"dann bist du dornröschen."
"hä? also ich meine, besser als die böse königin, aber das ist doch ein anderes märchen."
"das war aber immer mein lieblingsmärchen."
ich grinse geschmeichelt, bis das objekt fortfährt:
"... und ich hab mir immer so gedacht, ich würde das dornröschen gar nicht wachküssen. ich würde das einfach ausnutzen, sie da in ihrem hundertjährigen schlaf packen und mal ordentlich durchficken. so hart und so lange und so oft ich will."
ich packe das objekt an den gürtelschlaufen und ziehe es zu mir heran. da stehen wir unterleib an unterleib und spüren, wie die sexuelle spannung steigt.
"kannst du nicht nachher einfach mitkommen?", flüstere ich dem objekt ins ohr.
"ich würde ja gern, aber ich muss in zwei stunden auf arbeit sein."
"och nö."

als ich die finger aus den gürtelschlaufen ziehe, fällt mit erst auf, dass das objekt auch schon seine dienstmarke an der hose trägt.
"such dir mal nen anderen job, ich finde, das geht gar nicht. austern essen gehen wollten wir ja auch noch, dafür hattest du auch noch keine zeit."
"ja, manchmal wünsche ich mir mein leben so von vor vier jahren zurück. aber ich muss jetzt auch alimente zahlen."
"warum das denn? der kleine wohnt doch eh quasi bei dir?"
"nicht offiziell."
"das ist ja ne ganz linke nummer."
"ja, hat der neue stecher der kindsmutter eingefädelt. der wichser hat sich auch gleich ne neue playstation gekauft, als das durch war... und ich hab genauso wenig geld wie zuvor, als ich noch auf 30 stunden gearbeitet habe."
"das ist ja krass. kann man da nichts machen? da kommt ja nachweislich dann nicht dem kind zugute."
"ich wüsste nicht was. zu weihnachten wollten die kindsmutter und ich dem lütten ein kleines notebook schenken. weil alle in seiner klasse irgendwie sowas haben. wir haben eins gekauft und was ist passiert? der typ hat sich das gekrallt und mein sohn hat sein altes notebook dafür bekommen."
"du steckst echt in der scheiße. nimm dir da mal einen anwalt und frag, was du tun kannst."
"ich will da nicht schon wieder unfrieden stiften, das muss ja alles mein sohn ausbaden."
"so muss er es auch ausbaden."
"naja, hast ja recht, aber weißte, meine kraft reicht immer nicht für alles."
ich nehme das objekt in die arme und wiege es ein bisschen hin und her, so, wie es das immer mit mir macht, wenn es mir nicht gut geht.
"ich denk mal drüber nach, vielleicht fällt mir was ein. ich kenne ja auch ein paar leute, wenn auch leider keine anwälte."
das objekt küsst meine wange:
"danke, aber du, morphine, du hast genug eigene probleme. ich freu mich, wenn dir was einfällt, aber das ist kein muss. echt nicht."
"ich weiß. sonst würde ich das nicht anbieten."

wir stehen noch eine weile beisammen, dann wird das objekt immer unruhiger.
"ich glaube, ich sollte los, ich wollte ich noch schnell umziehen. wie bist du da?"
"mit dem rad."
"tja, dumm gelaufen, sonst hätte ich dich ein stück mit dem taxi mitnehmen können."
"verschwender."
ich küsse das objekt auf die stirn.
"dann viel spaß nachher auf arbeit."
"ja, wird ruhig, weihnachten ist ja nun vorbei."

ich bleibe noch eine halbe stunde und beschließe dann, ebenfalls den heimweg anzustreben. ich fahre ein kleine schleife über die straße, in der der therapeut wohnt, bedenke ihn mit einem warmen gefühl und nehme dann den ring weiter richtung norden. der morgen ist schwarz, sternklar und ruhig, kaum noch menschen unterwegs. ich stelle mir vor, der himmel ist ein dach und die häuser ein zauberwald, und träume mein eigenes kleines märchen, bis ich endlich zuhause bin.

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Freitag, 3. Januar 2014
deine hand
über 3.500 euro aus unbezahlten rechnungen. wie ich das immer schaffe, wenn kunden so lange nicht bezahlen. denke über inkasso nach und verwerfe es wieder, weil die einzelbeträge so niedrig sind.

wegen meiner krebs-krankschreibung nur ein halbes gehalt bekommen. auch gut. ihr wichser.

der therapeut ist krank. grippe. trotzdem ist er ansprechbar, als ich heute morgen eine kleine panikattacke wegen der sich wiederholenden existenziellen krise habe.

deine hand soll mich nicht loslassen. nicht so schnell. bitte.

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Mittwoch, 1. Januar 2014
2014
hallo du neues jahr.

ich hoffe, du zündest keine kanonenschläge der enttäuschung für mich. bitte. nicht jetzt, nicht sofort. isolde will doch nur träumen.

die brücke zum neuen jahr waren fast fremde menschen, die mich spontan zu einer kleinen privatparty eingeladen hatten. einfach mal fallen lassen, einfach mal vertrauen, dass es nicht scheiße wird. und es wurde gut. ziemlich gut sogar. viel gelacht. viel getrunken. später clubbing. seit langem mal wieder eine line gezogen. alles sanft und friedlich, keine nachwehen.

beim bleigießen mit den anderen zweimal sehr eindeutig vögel gegossen. einen fischreiher und eine taube, wenn man es zuordnen könnte. vögel bedeuten eine "freudige überraschung", stand hinten auf der packung. so sei es. gerne.

an den toten freund gedacht. ein facebookprofil ist alles, was mir von dir bleibt, du dussel. aber das foto mit der möve schau ich mir immer wieder an. so frei bist du jetzt auch und ich hoffe, dass du glücklich bist, wenn es ein glück nach dem leben gibt.

dem objekt eine nachricht geschickt. mit viel liebe und dankbarkeit, dass wir uns immer noch kennen. nach allem, was war.

an den therapeuten gedacht. was werden wir wohl noch zusammen finden?

alles unklar. alles offen. alles vielversprechend. und geheimnisvoll.

ich lasse es kommen und gehen. bleibe offen. entdecke und staune.

ja.

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Dienstag, 31. Dezember 2013
wonderland
gestern treffe ich den therapeuten wieder.
"kommst du mit auf party?" frage ich vorher am telefon.
"ich weiß nicht, ich werde zu müde sein, ich musste heute arbeiten."
"schade."
"aber geh du doch auf deine party. kannst ja vorher zu mir kommen und dann weiterziehen", schlägt der therapeut vor.
und ich bin sprachlos. 99 von 100 männer hätten in dieser situation darauf beharrt, dass ich, wenn ich zu ihnen komme, gefälligst auch bleibe, weil so eine party in herrgottsnamen doch nicht wichtiger oder genauso wichtig sein kann wie ein typ, schon gar nicht, wenn man sich zum ersten mal privat trifft. doch dieser mann stilisiert sich nicht mal so eben vorneweg zum hauptevent meines lebens. wie unendlich angenehm. und schwupp, bekomme ich noch viel mehr lust, den therapeuten wiederzusehen.

ich schwinge mich auf mein rad und fahre eine sehr vertraute strecke, denn der therapeut wohnt fast genau da, wo das objekt früher mal gewohnt hat. ich blicke voller liebe auf den hauseingang, der nun zu tode renoviert ist und eine hässliche neue tür hat und beschließe, dass es gut ist, dass das objekt nicht mehr dort wohnt. dann fahre ich um die ecke und stehe vor dem haus des therapeuten, ein alter schneeweißer palast mit tausend schnörkeln. wie schön, denke ich bei jeder treppenstufe, die ich nach oben gehe, wie wunderschön, hier würde ich mich auch wohlfühlen.

der therapeut steht unter der tür. er umarmt mich, küsst mich aber nicht. ich bremse meinen ersten impuls der enttäuschung, langsam, du weißt doch wie schwierig das für dich selbst mit der nähe ist, und umarme ihn um so herzlicher zurück. dann betrete ich die wohnung und staune weiter, denn drinnen ist es mindestens so schön wie draußen. es gibt eine küche mit kachelofen, ein wohnzimmer mit riesigem klavier und ein winziges schlafzimmer. alles ist gleich geschmackvoll mit sehr dunklen möbeln und hellen textilien eingerichtet. es herrscht ein moderates chaos, so, wie ich es mag.

"spielst du?" frage ich und deute auf das klavier.
"nicht mehr."
"ich hab auch fünf jahre gespielt und jetzt steht mein klavier auf dem dachboden bei meinen eltern und sie wollen es verkaufen."
"das ist ja schade. was willst du trinken? wein?"
ich nicke und der therapeut flitzt in die küche. als er wiederkommt, wirkt er zerknirscht.
"ich hab leider nur so halbtrockenen wein. ich mag es immer nicht so ganz trocken."
ich lache.
"wunderbar. ich kriege von so saurem wein nur sodbrennen."
der therapeut schaut erleichtert und balanciert dann zwei gläser ins wohnzimmer.
"und sonst? chips? nüsse? irgendwas? ist dir warm genug? oder soll ich die heizung noch weiter aufdrehen?"
ich schüttle den kopf und klopfe auf den couch, damit der therapeut sich endlich setzt und ein bisschen zur ruhe kommt.

dann sitzen wir da und lächeln einander an.
der wein steigt mir nach zwei schlucken zu kopf.
"oha", sage ich.
"geht´s dir nicht gut", will der therapeut wissen.
"doch, doch, mir ist nur schwindlig geworden vom wein, aber das kann sein, weil ich gestern noch mit einem freund was geraucht habe, das war ein bisschen viel, und ich hab auch nicht viel geschlafen."
"geraucht? oder was geraucht?" hakt der therapeut nach.
ich winde mich, peinlich, dass ich immer gleich mit meinen drogenstories rausplatzen muss, bestimmt ist der therapeut als therapeut ein totaler anti-drogen-mensch.
"ähm, also ab und an rauche ich mal gras. aber nur selten", stottere ich.
"oh", sagt der therapeut. "ich rauche auch nur ganz selten, aber jetzt habe lust bekommen, was zu rauchen."
ich mache große augen, und der therapeut steht auf und geht ins nebenzimmer. dann kommt er mit tabak und einer riesentüte voller gras wieder.

"alter, wie kommst du an solche mengen?"
"och, das fliegt jetzt schon ein halbes jahr in meiner wohnung rum. ich hab das von einem klienten."
ich staune mit offenem mund.
"also ich hab dem gesagt, wenn er schon raucht, dann soll er mir mal was mitbringen. das ist jetzt nichts konfisziertes oder so", erklärt der therapeut weiter.
"okay... nicht dass dann irgendwann die kumpels von deinem klienten in deiner wohnung stehen und hier alles kurz und klein schlagen."
der therapeut lacht. dann schiebt er mir die papers rüber und fragt:
"magst du drehen? ich bin da nicht so geübt."
"ich auch nicht."

dennoch nehme ich mich der sache an. zumindest filter falten kann ich wie ein profi, da macht mir so schnell keiner was vor. der therapeut schaut gebannt zu, während ich ein paar sätze über luftkammersysteme verliere.
"woher hast du dieses ganze wissen?" fragt er dann.
ich halte den atem an und überlege, wie ich vom objekt erzählen kann, ohne dass allzu klar wird, in welchem verhältnis wir stehen.
"von einem freund", sage ich dann vage.
"und der raucht wahrscheinlich regelmäßig?"
"das ist der größte kiffer unter der sonne."
"das ist aber nicht gut."
"das weiß der schon."
"kann der so arbeiten?"
"der kann nur so arbeiten."
"was macht der denn?"
"krankenpfleger."
der therapeut schaut skeptisch.
"ich glaube, der ist auch ein bisschen depressiv", sage ich dann zu entschuldigung des objekts.
"ich habe kollegen, die halten einen mäßigen thc-konsum für eine gute möglichkeit, um depressionen zu lindern", sagt der therapeut zu meiner überraschung.

"warum ist dein freund denn depressiv, deiner meinung nach?" forscht der therapeut weiter.
verdammt. das objekt hätte ich heute gern ausgeblendet.
"och... der hatte halt ne beschissene kindheit... der vater ist ein säufer und schläger, der die existenz seines sohnes weitgehend ignoriert hat... die mutter so ne eiskunstlaufmutti, der es immer nur um seine sportlerkarriere ging... und dann lag er mal wochenlang im koma und als er aufwachte, konnte er nicht mehr richtig sprechen und hat gestottert... dann wurde er mit 27 unfreiwillig vater... naja, und auch heute hat er ein sehr kompliziertes leben mit entsprechend vielen seelischen einbrüchen", gebe ich die kurzzusammenfassung.
der therapeut hat sehr aufmerksam zugehört.
"war bei mir ähnlich", sagt er dann. "nur im koma lag ich nie und sportler oder vater war ich auch nicht. ich wollte nur schon sehr früh einfach nicht mehr leben."
"wann war denn früh?"
"so mit vier, fünf jahren."
"oha."
"hat aber dann noch 20 jahre gedauert, bis jemand verstanden hat, dass das eine depression ist."
"ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann es bei mir anfing. ich weiß nur noch, in meiner pubertät gab es immer mal wieder so zwei, drei monate, da ging es mir ganz schlecht, da konnte ich nur weinen oder vor mich hinstarren. ich hab mir dann heimlich johanniskrautkapseln gekauft und immer die achtfache dosis davon geschluckt", kichere ich. "so nach dem motto, viel hilft viel."
der therapeut lacht.
"hats was genutzt?"
"nee, kein bisschen. johanniskraut hat bei mir nicht mal nen placeboeffekt."
"und dann?"
"hab ich mit ephedrin weitergemacht."
"das zehrt dich aber aus."
"hat aber gut geholfen. und legal wars damals obendrein noch."
"naja, auf jeden fall scheinst du eine sehr experimentierfreudige persönlichkeit zu sein."

als der joint fertig ist, stehen wir am fenster und rauchen. der therapeut streichelt meinen nacken und meine arme, bevor seine hände zu meinen brüsten wandern. alarm, schrillt es in mir, willst du das? willst du das jetzt wirklich?
doch es ist warm und angenehm und tröstlich. wir küssen uns, dann schiebt mich der therapeut sanft, aber bestimmt in richtung schlafzimmer.

später liegen wir noch lange nackt nebeneinander. wir kuscheln uns an und erzählen uns mit flüsterstimme geschichten aus unserem leben. wir haben uns wahnsinnig viel zu sagen, stelle ich fest und immer wieder entdecke ich parallelen in der art, nachzudenken oder zu handeln.

gegen zwei erschrickt der therapeut.
"scheiße, ich muss ja morgen um halb sieben aufstehen."
"okay, dann hau ich jetzt ab."
"ja, ich muss leider immer ganz viel schlafen."
ich lache:
"du auch?"
"ja, ich brauche immer so zehn stunden eigentlich."
"geht mir genauso. manchmal auch 12 oder 13."
"manchmal hab ich schon ein schlechtes gewissen, wenn ich den ganzen tag verschlafe", gesteht der therapeut.
"kenn ich. aber hey, herrlich, wenigstens bist du dann keiner der männer, die mir um neun uhr an einem samstag frühstück ans bett knallen und erwarten, dass ich mich freue."
der therapeut lacht und küsst mich.
ich schlüpfe hastig in meine klamotten, dann in stiefel und jacke, gebe dem therapeuten einen letzten kuss und mache mich auf.
"gehst du noch auf party?"
"mal sehen."
"mach das doch und hab viel spaß."

draußen stehe ich in der frischen kälte und fühle ein leises, aber deutliches glück, das mich mit dem nachtwind umweht. dann hole ich mein rad und fahre in den club.

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Donnerstag, 26. Dezember 2013
state of mind
weihnachten ist fast vorbei. ich mache drei kreuze. zwei tage gefressen, ein kilo schwerer. und sich dann wegen des knies noch nicht mal bewegen zu können. ich meide blicke in den spiegel.

mama und papa sind happy. weil ich doch gekommen bin. weil ich wieder das coole, unterhaltsame und sorgenfreie kind bin, das für alle probleme eine lösung weiß. ich saß sogar am mittagstisch und habe eine mahlzeit gegessen, als hätte ich nie eine verweigert. ich frage mich, ob ich als mutter auch so feige wäre und nicht wagen würde, mein kind richtig anzusehen. ob ich es auch mit zeter und mordio und den eigenen gefühlswust emotional erpressen würde, damit es funktioniert. ich glaube, sie merken es nicht mal, wie sie handeln. das macht sie fast wieder liebenswert, auch wenn diese liebe verschwendung ist, energie, die mir hinterher fehlt.

ich ziehe ein wenig energie aus materialismus.
"frag doch deine eltern einfach, ob sie dir dies oder jenes ermöglichen würden", hatte mir das objekt geraten. "nachdem sie dir emotional nichts bieten können. die haben nach dem letzten auftritt bestimmt unbewusst ein schlechtes gewissen und sind froh, wenn sie sich davon freikaufen können."
direkt fragen und betteln ist nicht so meine sache, also habe ich ein wenig von meiner neuen steuerberaterin geschwärmt. schwuppdiwupp war ich um 200 tacken reicher. das argument lautete zwar anders, aber ich merkte, dass das objekt die situation mal wieder völlig richtig eingeschätzt hatte.
schmerzensgeld. jemanden nicht so billig davon kommen lassen. gedanken, die mir weh tun. aber gedanken, die ich inzwischen denke. ich werde brutaler, auch wenn ich noch nicht die abgebrühtheit der merkelschen regierung erreiche.

abiturverbot für demonstranten und verweigerung des bleiberechts. führerscheinentzug. warum nicht gleich zwangssterilisation? wann baut frau merkel die ersten kzs für systemgegner? auf facebook die große empörung, weil die polizei sagt: "das grundgesetz ist erledigt." das sind keine news in meinen ohren, sondern längst vollzogene realität. eine anwohnerin, die bei der demo sagte, so sei das damals im krieg gewesen, genau so. wir haben krieg. arm gegen reich. kapitalismus gegen sozialismus, gerade jetzt, wo eine neoliberalistische, kapitalistische regierung die letzten merkmale des sozialstaats erodiert.

in der mopo entdecke ich einen großen betroffenheitsartikel über eine ach so unschuldige familie, die sich von anhängern des schwarzen blocks angegriffen fühlte. selbstredend ist niemandem etwas passiert. wer mit seinem audi a6 durch eine demo fährt, muss eben mit kollateralschäden rechnen. der artikel aber instrumentalisierte die kleine begebenheit zur politischen agitation im sinne der herrschenden. großes drama in einer gekauften presse.

und selbst wenn? wer einen audi a6 oder ähnliches fährt, präsentiert seinen reichtum öffentlich mit einem statussymbol und zeigt, dass er tragender teil eines verachtungswürdigen systems ist. damit riskiert er nunmal, eins in die fresse zu bekommen. denn es ist ein statement. zumindest hier und jetzt, im krieg. auch wenn allethalben lamentiert wird, warum diese zerstörungswut - ich kann sie verstehen. reichtum erfordert charakter und ein soziales gewissen. wer seinen reichtum lediglich nutzt, um ihn nach außen zu tragen, um ein dickes auto zu fahren, eine protzvilla zu bauen oder seine kinder bei einer privatschule einzukaufen, benutzt den reichtum zur selbststilisierung und machterhaltung. aber die fetten jahren sind vorbei. sie sind sowas von vorbei.

der "mob", wie die presse diejenigen nennt, die dagegen sind, dass sich reiche das recht auf alles erkaufen, wird sich holen, was ihm zusteht. angefangen beim grundrecht, artikel eins: die würde des menschen ist unantastbar. wenn ein staat lohndumping, altersarmut und soziale verwahrlosung billigend in kauf nimmt oder sogar willentlich fördert, ist ein menschenwürdiges leben nicht mehr möglich. ich kenne sie, die rentner, die als pizzaausträger arbeiten, obwohl sie kaum mehr treppen steigen können. die fließbandarbeiter, die nachts noch taxifahren. die ausgebrannten pflegekräfte im drei-schicht-system, die die arbeit von drei kollegen mitmachen. es sind menschen, die meist viel härter arbeiten als die reichen, menschen mit zwei und mehr jobs, mit einer sieben-tage-woche. trotzdem können sie kaum überleben oder eine familie ernähren. ich kenne die berechtigte verzweiflung, die in hass umschlägt. dieser formiert sich nun langsam, aber sicher zu widerstand. und das ist verdammt gut so.

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