Mittwoch, 1. Januar 2014
2014
hallo du neues jahr.

ich hoffe, du zündest keine kanonenschläge der enttäuschung für mich. bitte. nicht jetzt, nicht sofort. isolde will doch nur träumen.

die brücke zum neuen jahr waren fast fremde menschen, die mich spontan zu einer kleinen privatparty eingeladen hatten. einfach mal fallen lassen, einfach mal vertrauen, dass es nicht scheiße wird. und es wurde gut. ziemlich gut sogar. viel gelacht. viel getrunken. später clubbing. seit langem mal wieder eine line gezogen. alles sanft und friedlich, keine nachwehen.

beim bleigießen mit den anderen zweimal sehr eindeutig vögel gegossen. einen fischreiher und eine taube, wenn man es zuordnen könnte. vögel bedeuten eine "freudige überraschung", stand hinten auf der packung. so sei es. gerne.

an den toten freund gedacht. ein facebookprofil ist alles, was mir von dir bleibt, du dussel. aber das foto mit der möve schau ich mir immer wieder an. so frei bist du jetzt auch und ich hoffe, dass du glücklich bist, wenn es ein glück nach dem leben gibt.

dem objekt eine nachricht geschickt. mit viel liebe und dankbarkeit, dass wir uns immer noch kennen. nach allem, was war.

an den therapeuten gedacht. was werden wir wohl noch zusammen finden?

alles unklar. alles offen. alles vielversprechend. und geheimnisvoll.

ich lasse es kommen und gehen. bleibe offen. entdecke und staune.

ja.

... link


Dienstag, 31. Dezember 2013
wonderland
gestern treffe ich den therapeuten wieder.
"kommst du mit auf party?" frage ich vorher am telefon.
"ich weiß nicht, ich werde zu müde sein, ich musste heute arbeiten."
"schade."
"aber geh du doch auf deine party. kannst ja vorher zu mir kommen und dann weiterziehen", schlägt der therapeut vor.
und ich bin sprachlos. 99 von 100 männer hätten in dieser situation darauf beharrt, dass ich, wenn ich zu ihnen komme, gefälligst auch bleibe, weil so eine party in herrgottsnamen doch nicht wichtiger oder genauso wichtig sein kann wie ein typ, schon gar nicht, wenn man sich zum ersten mal privat trifft. doch dieser mann stilisiert sich nicht mal so eben vorneweg zum hauptevent meines lebens. wie unendlich angenehm. und schwupp, bekomme ich noch viel mehr lust, den therapeuten wiederzusehen.

ich schwinge mich auf mein rad und fahre eine sehr vertraute strecke, denn der therapeut wohnt fast genau da, wo das objekt früher mal gewohnt hat. ich blicke voller liebe auf den hauseingang, der nun zu tode renoviert ist und eine hässliche neue tür hat und beschließe, dass es gut ist, dass das objekt nicht mehr dort wohnt. dann fahre ich um die ecke und stehe vor dem haus des therapeuten, ein alter schneeweißer palast mit tausend schnörkeln. wie schön, denke ich bei jeder treppenstufe, die ich nach oben gehe, wie wunderschön, hier würde ich mich auch wohlfühlen.

der therapeut steht unter der tür. er umarmt mich, küsst mich aber nicht. ich bremse meinen ersten impuls der enttäuschung, langsam, du weißt doch wie schwierig das für dich selbst mit der nähe ist, und umarme ihn um so herzlicher zurück. dann betrete ich die wohnung und staune weiter, denn drinnen ist es mindestens so schön wie draußen. es gibt eine küche mit kachelofen, ein wohnzimmer mit riesigem klavier und ein winziges schlafzimmer. alles ist gleich geschmackvoll mit sehr dunklen möbeln und hellen textilien eingerichtet. es herrscht ein moderates chaos, so, wie ich es mag.

"spielst du?" frage ich und deute auf das klavier.
"nicht mehr."
"ich hab auch fünf jahre gespielt und jetzt steht mein klavier auf dem dachboden bei meinen eltern und sie wollen es verkaufen."
"das ist ja schade. was willst du trinken? wein?"
ich nicke und der therapeut flitzt in die küche. als er wiederkommt, wirkt er zerknirscht.
"ich hab leider nur so halbtrockenen wein. ich mag es immer nicht so ganz trocken."
ich lache.
"wunderbar. ich kriege von so saurem wein nur sodbrennen."
der therapeut schaut erleichtert und balanciert dann zwei gläser ins wohnzimmer.
"und sonst? chips? nüsse? irgendwas? ist dir warm genug? oder soll ich die heizung noch weiter aufdrehen?"
ich schüttle den kopf und klopfe auf den couch, damit der therapeut sich endlich setzt und ein bisschen zur ruhe kommt.

dann sitzen wir da und lächeln einander an.
der wein steigt mir nach zwei schlucken zu kopf.
"oha", sage ich.
"geht´s dir nicht gut", will der therapeut wissen.
"doch, doch, mir ist nur schwindlig geworden vom wein, aber das kann sein, weil ich gestern noch mit einem freund was geraucht habe, das war ein bisschen viel, und ich hab auch nicht viel geschlafen."
"geraucht? oder was geraucht?" hakt der therapeut nach.
ich winde mich, peinlich, dass ich immer gleich mit meinen drogenstories rausplatzen muss, bestimmt ist der therapeut als therapeut ein totaler anti-drogen-mensch.
"ähm, also ab und an rauche ich mal gras. aber nur selten", stottere ich.
"oh", sagt der therapeut. "ich rauche auch nur ganz selten, aber jetzt habe lust bekommen, was zu rauchen."
ich mache große augen, und der therapeut steht auf und geht ins nebenzimmer. dann kommt er mit tabak und einer riesentüte voller gras wieder.

"alter, wie kommst du an solche mengen?"
"och, das fliegt jetzt schon ein halbes jahr in meiner wohnung rum. ich hab das von einem klienten."
ich staune mit offenem mund.
"also ich hab dem gesagt, wenn er schon raucht, dann soll er mir mal was mitbringen. das ist jetzt nichts konfisziertes oder so", erklärt der therapeut weiter.
"okay... nicht dass dann irgendwann die kumpels von deinem klienten in deiner wohnung stehen und hier alles kurz und klein schlagen."
der therapeut lacht. dann schiebt er mir die papers rüber und fragt:
"magst du drehen? ich bin da nicht so geübt."
"ich auch nicht."

dennoch nehme ich mich der sache an. zumindest filter falten kann ich wie ein profi, da macht mir so schnell keiner was vor. der therapeut schaut gebannt zu, während ich ein paar sätze über luftkammersysteme verliere.
"woher hast du dieses ganze wissen?" fragt er dann.
ich halte den atem an und überlege, wie ich vom objekt erzählen kann, ohne dass allzu klar wird, in welchem verhältnis wir stehen.
"von einem freund", sage ich dann vage.
"und der raucht wahrscheinlich regelmäßig?"
"das ist der größte kiffer unter der sonne."
"das ist aber nicht gut."
"das weiß der schon."
"kann der so arbeiten?"
"der kann nur so arbeiten."
"was macht der denn?"
"krankenpfleger."
der therapeut schaut skeptisch.
"ich glaube, der ist auch ein bisschen depressiv", sage ich dann zu entschuldigung des objekts.
"ich habe kollegen, die halten einen mäßigen thc-konsum für eine gute möglichkeit, um depressionen zu lindern", sagt der therapeut zu meiner überraschung.

"warum ist dein freund denn depressiv, deiner meinung nach?" forscht der therapeut weiter.
verdammt. das objekt hätte ich heute gern ausgeblendet.
"och... der hatte halt ne beschissene kindheit... der vater ist ein säufer und schläger, der die existenz seines sohnes weitgehend ignoriert hat... die mutter so ne eiskunstlaufmutti, der es immer nur um seine sportlerkarriere ging... und dann lag er mal wochenlang im koma und als er aufwachte, konnte er nicht mehr richtig sprechen und hat gestottert... dann wurde er mit 27 unfreiwillig vater... naja, und auch heute hat er ein sehr kompliziertes leben mit entsprechend vielen seelischen einbrüchen", gebe ich die kurzzusammenfassung.
der therapeut hat sehr aufmerksam zugehört.
"war bei mir ähnlich", sagt er dann. "nur im koma lag ich nie und sportler oder vater war ich auch nicht. ich wollte nur schon sehr früh einfach nicht mehr leben."
"wann war denn früh?"
"so mit vier, fünf jahren."
"oha."
"hat aber dann noch 20 jahre gedauert, bis jemand verstanden hat, dass das eine depression ist."
"ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann es bei mir anfing. ich weiß nur noch, in meiner pubertät gab es immer mal wieder so zwei, drei monate, da ging es mir ganz schlecht, da konnte ich nur weinen oder vor mich hinstarren. ich hab mir dann heimlich johanniskrautkapseln gekauft und immer die achtfache dosis davon geschluckt", kichere ich. "so nach dem motto, viel hilft viel."
der therapeut lacht.
"hats was genutzt?"
"nee, kein bisschen. johanniskraut hat bei mir nicht mal nen placeboeffekt."
"und dann?"
"hab ich mit ephedrin weitergemacht."
"das zehrt dich aber aus."
"hat aber gut geholfen. und legal wars damals obendrein noch."
"naja, auf jeden fall scheinst du eine sehr experimentierfreudige persönlichkeit zu sein."

als der joint fertig ist, stehen wir am fenster und rauchen. der therapeut streichelt meinen nacken und meine arme, bevor seine hände zu meinen brüsten wandern. alarm, schrillt es in mir, willst du das? willst du das jetzt wirklich?
doch es ist warm und angenehm und tröstlich. wir küssen uns, dann schiebt mich der therapeut sanft, aber bestimmt in richtung schlafzimmer.

später liegen wir noch lange nackt nebeneinander. wir kuscheln uns an und erzählen uns mit flüsterstimme geschichten aus unserem leben. wir haben uns wahnsinnig viel zu sagen, stelle ich fest und immer wieder entdecke ich parallelen in der art, nachzudenken oder zu handeln.

gegen zwei erschrickt der therapeut.
"scheiße, ich muss ja morgen um halb sieben aufstehen."
"okay, dann hau ich jetzt ab."
"ja, ich muss leider immer ganz viel schlafen."
ich lache:
"du auch?"
"ja, ich brauche immer so zehn stunden eigentlich."
"geht mir genauso. manchmal auch 12 oder 13."
"manchmal hab ich schon ein schlechtes gewissen, wenn ich den ganzen tag verschlafe", gesteht der therapeut.
"kenn ich. aber hey, herrlich, wenigstens bist du dann keiner der männer, die mir um neun uhr an einem samstag frühstück ans bett knallen und erwarten, dass ich mich freue."
der therapeut lacht und küsst mich.
ich schlüpfe hastig in meine klamotten, dann in stiefel und jacke, gebe dem therapeuten einen letzten kuss und mache mich auf.
"gehst du noch auf party?"
"mal sehen."
"mach das doch und hab viel spaß."

draußen stehe ich in der frischen kälte und fühle ein leises, aber deutliches glück, das mich mit dem nachtwind umweht. dann hole ich mein rad und fahre in den club.

... link


Donnerstag, 26. Dezember 2013
state of mind
weihnachten ist fast vorbei. ich mache drei kreuze. zwei tage gefressen, ein kilo schwerer. und sich dann wegen des knies noch nicht mal bewegen zu können. ich meide blicke in den spiegel.

mama und papa sind happy. weil ich doch gekommen bin. weil ich wieder das coole, unterhaltsame und sorgenfreie kind bin, das für alle probleme eine lösung weiß. ich saß sogar am mittagstisch und habe eine mahlzeit gegessen, als hätte ich nie eine verweigert. ich frage mich, ob ich als mutter auch so feige wäre und nicht wagen würde, mein kind richtig anzusehen. ob ich es auch mit zeter und mordio und den eigenen gefühlswust emotional erpressen würde, damit es funktioniert. ich glaube, sie merken es nicht mal, wie sie handeln. das macht sie fast wieder liebenswert, auch wenn diese liebe verschwendung ist, energie, die mir hinterher fehlt.

ich ziehe ein wenig energie aus materialismus.
"frag doch deine eltern einfach, ob sie dir dies oder jenes ermöglichen würden", hatte mir das objekt geraten. "nachdem sie dir emotional nichts bieten können. die haben nach dem letzten auftritt bestimmt unbewusst ein schlechtes gewissen und sind froh, wenn sie sich davon freikaufen können."
direkt fragen und betteln ist nicht so meine sache, also habe ich ein wenig von meiner neuen steuerberaterin geschwärmt. schwuppdiwupp war ich um 200 tacken reicher. das argument lautete zwar anders, aber ich merkte, dass das objekt die situation mal wieder völlig richtig eingeschätzt hatte.
schmerzensgeld. jemanden nicht so billig davon kommen lassen. gedanken, die mir weh tun. aber gedanken, die ich inzwischen denke. ich werde brutaler, auch wenn ich noch nicht die abgebrühtheit der merkelschen regierung erreiche.

abiturverbot für demonstranten und verweigerung des bleiberechts. führerscheinentzug. warum nicht gleich zwangssterilisation? wann baut frau merkel die ersten kzs für systemgegner? auf facebook die große empörung, weil die polizei sagt: "das grundgesetz ist erledigt." das sind keine news in meinen ohren, sondern längst vollzogene realität. eine anwohnerin, die bei der demo sagte, so sei das damals im krieg gewesen, genau so. wir haben krieg. arm gegen reich. kapitalismus gegen sozialismus, gerade jetzt, wo eine neoliberalistische, kapitalistische regierung die letzten merkmale des sozialstaats erodiert.

in der mopo entdecke ich einen großen betroffenheitsartikel über eine ach so unschuldige familie, die sich von anhängern des schwarzen blocks angegriffen fühlte. selbstredend ist niemandem etwas passiert. wer mit seinem audi a6 durch eine demo fährt, muss eben mit kollateralschäden rechnen. der artikel aber instrumentalisierte die kleine begebenheit zur politischen agitation im sinne der herrschenden. großes drama in einer gekauften presse.

und selbst wenn? wer einen audi a6 oder ähnliches fährt, präsentiert seinen reichtum öffentlich mit einem statussymbol und zeigt, dass er tragender teil eines verachtungswürdigen systems ist. damit riskiert er nunmal, eins in die fresse zu bekommen. denn es ist ein statement. zumindest hier und jetzt, im krieg. auch wenn allethalben lamentiert wird, warum diese zerstörungswut - ich kann sie verstehen. reichtum erfordert charakter und ein soziales gewissen. wer seinen reichtum lediglich nutzt, um ihn nach außen zu tragen, um ein dickes auto zu fahren, eine protzvilla zu bauen oder seine kinder bei einer privatschule einzukaufen, benutzt den reichtum zur selbststilisierung und machterhaltung. aber die fetten jahren sind vorbei. sie sind sowas von vorbei.

der "mob", wie die presse diejenigen nennt, die dagegen sind, dass sich reiche das recht auf alles erkaufen, wird sich holen, was ihm zusteht. angefangen beim grundrecht, artikel eins: die würde des menschen ist unantastbar. wenn ein staat lohndumping, altersarmut und soziale verwahrlosung billigend in kauf nimmt oder sogar willentlich fördert, ist ein menschenwürdiges leben nicht mehr möglich. ich kenne sie, die rentner, die als pizzaausträger arbeiten, obwohl sie kaum mehr treppen steigen können. die fließbandarbeiter, die nachts noch taxifahren. die ausgebrannten pflegekräfte im drei-schicht-system, die die arbeit von drei kollegen mitmachen. es sind menschen, die meist viel härter arbeiten als die reichen, menschen mit zwei und mehr jobs, mit einer sieben-tage-woche. trotzdem können sie kaum überleben oder eine familie ernähren. ich kenne die berechtigte verzweiflung, die in hass umschlägt. dieser formiert sich nun langsam, aber sicher zu widerstand. und das ist verdammt gut so.

... link


Dienstag, 24. Dezember 2013
beste weihnachtswünsche
... an meine treuen leser und kommentatoren...
... an meine freunde im nonvirtuellen leben...
... an die mutigen, die da draußen mithelfen, die welt ein kleines stück zum besseren zu verändern...
... an alle, die sich am wochenende der polizeigewalt entgegengestellt haben...
... an alle, die den verzerrten berichten der cdu-gekauften presse keinen glauben schenken, sondern ihren augen und dem gesunden menschenverstand vertrauen (ausnahmen bestätigen die regel: die gebeugte wahrheit)...
... und last but not least an meine püppilotta-püppirella, die seit gestern neue liebe katzeneltern hat.

ahoi, ihr lieben. haltet die fahnen hoch in dieser friedlosen zeit.

lieber stehend sterben als kniend leben!

... link


Sonntag, 22. Dezember 2013
weihnachtsgeschenk
party. das objekt hat zuvor noch angerufen, um zu fragen, ob ich gehe, und um mir mitzuteilen, dass es auch gerne gehen würde, aber die vermietergespielin mache terz, das objekt soll zuhause bleiben, weil sie krank ist.
"wenn die alte krank ist, soll sie schlafen", finde ich. "und dazu braucht sie dich doch nicht."
das objekt druckst eine weile herum und gibt letztendlich zu, dass er sich dem diktat wahrscheinlich beugen werde.
"muss wahre liebe schön sein", sage ich spöttisch und böse, und das objekt ist eingeschnappt, weil ich mal wieder den finger in den wunden punkt gehalten habe.

ich habe trotzdem spaß, denn ich habe freie flirtbahn. zunächst lerne ich einen etwas älteren typ kennen, der mir schon seit geraumer zeit aufgefallen war, weil er schön und prollig zugleich ist, diese rudimentäre "hey baby"-stammtisch-schönheit, wenn sie verstehen, was ich meine. ich weiß, dass er verheiratet ist, seine frau ist heute auch dabei, und irgendwer hatte mal erzählt, sie sei fleischerin, was sehr gut zu ihr passt. sie sieht sehr streng und rüde und zupackend aus und macht mit dem hackebeil zwischen am haken schwingenden schweinehälften bestimmt eine gute figur.

ihr mann spendiert mir eine whiskey cola nach der anderen und labert mir eins an die backe. ich finde ihn sympathisch, mehr nicht. doch als wir blau sind, beginnt er unerwartet, mir komplimente zu machen und mich zu küssen.
"aber deine frau ist doch da", wage ich anzumerken.
er macht nur eine abwehrende geste, bis die olle vor uns steht, zur furie mutiert. ich habe angst, dass sie gleich das schlachtmesser zückt, also renne ich erstmal aufs klo, damit der typ die lage beruhigen kann.

immer die gleichen scheiß-situationen. immer diese eifersüchtigen, besitzergreifenden weiber. die welt könnte so schön sein ohne frauen, denk ich mir manchmal, auch wenn ich selber eine frau bin. ich unterhalte mich mit dem architekten darüber.
"es gibt nunmal jäger und sammler", doziere ich besoffen. "die meisten männchen sind jäger und die meisten weibchen sind sammler, aber das ist nicht immer so. ich bin beipielweise auch ein jäger und ich find das so kacke, dass immer sammler dazwischen kommen und mir die beute grabben wollen. und zwar nicht, weil sie schöner und intelligenter oder sexier wären. sondern weil sie ein konstruiertes recht geltend machen. das führt den sozialdarwinismus ad absurdum!"
der architekt guckt verwirrt und kann mir nicht folgen, aber ich kann mir selber auch nicht mehr ganz folgen. alles was ich habe, ist eine stinkwut auf die gesellschaft mit ihren blöden normen und auf die blöden weiber allethalben.

in der ecke sitzt ein typ mit eckiger intellektuellenbrille und beobachtet meine aufgebrachte rede und mein besoffenes gestikulieren. weil ich noch immer in rage bin, gehe ich hin und frage:
"is was?!"
er schüttelt schüchtern den kopf und lächelt dann ein winziges sympathisches lächeln.
ich stapfe wieder zurück, trinke mein glas leer, jetzt bloß kein alkohol mehr, dann drehe ich ab in richtung tanzfläche.

weil ich wegen des knies nicht tanzen kann, sitze ich am rand der tanzfläche und wippe mit den beinen. keine fünf minuten später taucht der brillentyp auf, setzt sich zu mir und lächelt mich wieder an. ich habe ein sympathisches kribbeln im bauch, der findet mich gut, der findet mich gut, jubiliert das herz, das depressionsbedingt ständig mit selbstzweifeln kämpft, und weil ich ausnahmsweise mal so gelöst bin, nehme ich den typ einfach an der hand und zerre ihn zur bar.
"was willst du trinken?"
der typ guckt sehr überrumpelt.
"äh..."
die bedienung beugt sich über den tresen.
"hi, was möchtest du haben?"
ich bin plötzlich zögerlich, denn der gedanke an noch mehr alkohol verursacht mir brechreiz. auch mein neuer bekannter guckt noch immer verwirrt. die bedienung wird ungeduldig.
"einen kirschsaft", sage ich schnell.
"ich auch", schließt sich der typ an.

dann sitzen wir da und nippen an unserem saft.
"was ich an kirschsaft so mag, ist diese farbe", sage ich zusammenhangslos.
"ah", sagt der brillentyp.
dann schauen wir uns wieder an und grinsen wie die osterhasen.
"ich bin dir total dankbar, dass du mich angesprochen hast", sagt der typ dann. "ich hätte mich nämlich nicht getraut. und was für eine geste! das hatte was."
"ach, ich bin auch total schüchtern", sage ich lakonisch.
"echt?!"
"ja. ich finde mich nicht hübsch oder clever oder so."
"du wirkst aber gar nicht so."
"gute maske, ne?!"

der brillentyp grinst. was ich beruflich mache, will er wissen. ich sage es ihm und frage dann nach seinem job, wenn wir schon bei den heiratsrelevanten eckdaten sind.
"ich bin therapeut."
"was für einer denn?"
"in einer psychiatrie."
ich lache mich halbtot und der therapeut schaut schon wieder verwirrt.
"herzlichen glückwunsch, du unterhälst dich gerade mit deiner klientel", sage ich.
"ach was?"
"ja, leider. soll ich gehen? ist ja langweilig für dich."

und plötzlich habe ich die arme des therapeuten um meine mitte. wir hören auf zu lächeln. ich bekomme angst. aber der therapeut riecht gut. er riecht richtig. er riecht so, dass ich mich einfach in diese arme sinken lasse und den kopf auf seiner schulter ablege, gerade so, als kannten wir uns schon ewig. dann küssen wir uns. und die welt um mich herum versinkt.

es fühlt sich gut an, aber meine angst vor nähe bricht immer wieder durch. er merkt das.
"ich hab so ein nähe-problem", gebe ich zu.
"ich bin auch depressiv, wenn dir das irgendwie hilft", lächelt der therapeut.
ich bin perplex:
"wie geht das denn, therapierst du dich dann selber?"
"ich hab alles an medikamenten genommen, was es gibt. aber nichts hat geholfen. das kann vorkommen, rund 20 prozent meiner patienten profitieren einfach nicht von medikamenten."
"oh mann, das ist nicht leicht."
"depressionen sind generell nicht leicht, egal ob mit oder ohne. aber man kann sehr viel lernen und sich strategien aneignen, mit denen man anderen menschen dann überlegen ist."
"das finde ich auch!"
"leider tröstet das nicht, oder?"
"nee. höchstens ganz selten."
"ganz, ganz selten."
"ich wäre manchmal gerne einfach normal."
"das ist nicht dein ernst."
"nein. aber es gibt so momente. da möchte ich eine glattgebügelte persönlichkeit sein, die dem leistungsprinzip dieser gesellschaft nacheifert, hübsch 1,4 kinder wirft und samstags in die innenstadt geht, um ordnungsgemäß zu shoppen. und die darüber nicht nachdenken muss, ob das richtig so ist."
der therapeut lacht und schaut mich offenherzig an.

ich beschließe, meine nähe-angst vorläufig aufzugeben und einfach sitzenzubleiben, hier, in der wärme, unter den zärtlichen, forschenden blicken des therapeuten. er streichelt meinen rücken und meine schultern und küsst meine wangen, meinen hals und meine lippen. und so verharren wir, bis es halb sieben uhr morgens ist und der tanztempel schließt.

draußen stehen wir noch lange beisammen.
"ich wohne hier gleich um die ecke", sagt der therapeut. "wenn du möchtest, kannst du gerne mitkommen."
"nee", sage ich. "ich bin nicht so die frau für die erste nacht."
"so war das nicht gemeint."
"egal. ich muss nachhause. echt. ich kriege morgen nachmittag besuch."
"okay, dann..."
"dann..."
"gibst du mir deine telefonnummer?"
"klar."
wir tauschen nummern und nehmen uns dann ein letztes mal in die arme.

im bett kann ich lange nicht einschlafen. was hab ich mir da bloß geangelt? mann oder memme, würde das objekt fragen. wird er anrufen? frage ich mich. wird er? oder ist er wie alle anderen?

der therapeut ist ein bisschen wie ein weihnachtsgeschenk. noch unausgepackt. mit rätselhaften inhalten. wir werden sehen,ob es grund zur freude geben wird.

... link