Donnerstag, 7. November 2013
wunschkonzert
"mit welchen gefühlen schauen sie auf ihren neuen job", fragt der therapeut.
"hm, eigentlich mit ganz guten", antworte ich erst, merke dann aber, dass etwas in mir zu wackeln beginnt. "also... ähm, ich meine, natürlich habe ich auch angst."
der therapeut nickt dem kaninchen, dass er mal wieder aus dem hut gezaubert hat, zu.
"definieren sie diese angst."
"ich habe angst, dass ich die anforderungen nicht erfüllen kann", sage ich. "weil mir in diesem bereich total die kontakte fehlen. dass es zu lange dauert, bis ich da wirklich drin bin und die mich kicken. ich habe auch angst, dass die eigentlich ne richtige beraterin wollen, aber die stelle als projektassistenz ausgeschrieben haben, um geld zu sparen. dann wäre ich wieder im dilemma des alten jobs: ein assistentengehalt für einen job mit führungsanspruch."
der therapeut nickt.
"und sonst?"
"naja, und sonst hab ich natürlich angst, dass die merken, wie verrückt ich bin."
jetzt lacht er.
"diese angst kann ich ihnen schon mal nehmen, die ist unbegründet."
"ich habe inzwischen das gefühl, dass es mir auf die stirn geschrieben steht: achtung, emotional instabil, nutzen sie gerne ihre gutmütigkeit aus, halten sie sich aber sonst fern von ihr!"
der therapeut schaut ernst und meint dann:
"also das problem sehe ich auch, dass sie sich vielleicht wieder übernehmen werden. gerade zusammengenommen mit ihrer versagensangst... da müssen sie klar bleiben und gut auf sich aufpassen."
ich seufze.
"eigentlich ist es ja bloß ein brötchenjob."
"aber sie entscheiden, wie hart das brot ist, das sie da essen werden. lassen sie sich nicht kirre machen, schon gar nicht von ihrem kindlichen leistungs-ich."

ich gucke skeptisch und abwartend.
"wünschen sie sich mal was."
"für den job?"
"muss nicht sein."
"muss es realistisch sein?"
"sie können sie ja was realistisches und was unrealistisches wünschen. solange sie wissen, was was ist."
"ich wünsche mir, dass ich bald einen menschen treffe, der das objekt endlich ausblendet."
der therapeut zieht die augenbrauen hoch.
"unrealistisch, oder?"
"kommt drauf an. das mit dem 'bald' ist vielleicht etwas zu viel verlangt. was soll der neue mensch denn konkret ausblenden?"
"diese enorme projektionsfläche für meine total dämliche liebe."
"möchten sie denn lieben?"
ich denke nach.
"wenn der oder die mich dann auch liebt..."
"das ist ein wichtiger knackpunkt, denn wir haben ja schon mal festgestellt, sie haben nichts zu verschenken. sie haben in diesem bereich schon immer zu wenig bekommen."
"ach, ich weiß auch nicht, dann will ich halt doch besser niemanden."
"nana", lächelt der therapeut. "jetzt malen sie aber ganz schwarz."
"ich glaub nicht dran."
"aber sie hoffen drauf. und das zermürbt sie."

ich beschließe zu schweigen.
"na kommen sie", motiviert mich der therapeut. "einen wunsch noch, wenigstens."
"gut", sage ich, "ich hätte gerne einen mann fürs grobe im haus. so eine art diener, der meinen ganzen kaputten scheiß reparieren kann."
"kaputter scheiß?"
"mein schrank bricht auseinander, das fenster ist undicht und es zieht und regnet dauernd rein und das waschbecken ist auch verstopft."
der therapeut lacht.
"das macht ihnen doch der vermieter, oder?"
"den schrank repariert der nicht!"
der therapeut schweigt.
"und meine katze soll endlich vermittelt werden, die fällt mir auf den wecker."
"sie waren doch so glücklich, die zu haben."
"aber die ist jetzt schon ein halbes jahr da."
"das mit dem 'nicht für immer' haben sie also auch bei tieren."
"ich hätte sehr gerne eine katze für immer. eine freundliche, verschmuste katze, die nicht ständig meine wohnung zerlegt und total aggressiv wird, wenn mich jemand besucht."
"und schon haben wir einen realistischen wunsch", freut sich der therapeut.
ich schnaube verächtlich.
"manchmal möchte ich auch ihren job machen."
"warum?"
"stell ich mir easy vor."
"sagen sie das nicht. wenn sie mal einen patienten mit psychose therapieren müssen, ist das kein kinderspiel."
"haben sie solche?"
"ja. sogar ganz junge. jugendliche oder studenten, die beispielsweise zu viel gekifft haben."
"ha!"
der therapeut grinst, weil er weiß, an wen ich denke.

"aber das leben ist nun mal kein wunschkonzert", sage ich frustriert.
"wünsche helfen aber, klar zu werden. auch unrealistische."
"ich werd drüber nachdenken."
ich stehe auf, schüttle meinem therapeuten die hand und gehe nach draußen, wo die sonne in die pfützen strahlt.

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Sonntag, 3. November 2013
jojo-effekt
frisch gevögelt beschließe ich gegen ein uhr nachts, doch noch tanzen zu gehen, was sich als gute idee herausstellt. denn drinnen begegnen mir gleich k., der dritte mann und t. ich werde geknuddelt und geküsst und freue mich tierisch.
"du ahnst nicht, wer heute da ist", sagt der dritte freudestrahlend zu mir.
"vermutlich der mensch, der mir am meisten den buckel runterrutschen kann."
der dritte guckt bestürzt.
"habt ihr schon wieder krach?!"
"wer macht krach?" fragt t., der schon recht blau ist.
"ich hab krawall gemacht", sage ich.
t. schaut mich verständnislos an.
"erzähl mal", stupst mich der dritte an.
da berichte ich vom vergangenen wochenende, wie ich objektiv ignoriert wurde, danach vor wut explodierte und vom objektiven schlagabtausch via sms.
"oha", sagt der dritte. "das ist sehr schade, weil ich heute explizit mit dem objekt hier bin, ich bin nämlich bereits seit gestern bei ihm und wir waren gestern auch schon unterwegs. nunja... jetzt ist wieder alles so unentspannt und ich mag dich zu gern, als dass ich mich dann nicht zweiteilen würde."
"besser ist das", sage ich und zeige dem dritten die objektive sms. "ich fürchte, der ist nicht so gut auf mich zu sprechen."
der dritte reißt die augen auf und staunt bauklötze, als er die objektiven worte liest.
"krass! das ist eigentlich gar nicht das objekt."
"eigentlich, uneigentlich, scheißegal. ist jetzt nun mal so."

mit k. und dem dritten untergeärmelt begebe ich mich richtung tanzfläche, wo das objekt schon mit einer frau schäkert. ich schaue betont weg und suche mir eine ecke, die möglichst weit von den beiden entfernt ist.
es kommen noch ein paar bekannte vorbei, auch mr. shyguy ist mal wieder da. ich bin happy und unterhalte mich eine weile mit ihm. mr. shyguy will nun vom stadtrand etwas zentraler nach hh reinziehen.
"dann sehen wir uns endlich wieder öfter", sagt er.
"das wäre schön", erwidere ich mit wärme in der brust.

später sitze ich mit t. auf dem sofa und rauche. t. ist wortkarg wie immer, aber ab und an lächeln wir einander zu. t. ist inzwischen richtig breit. wieder stelle ich fest, wie sexy er ist.
"sollen wir noch was trinken", frage ich ihn.
"hmhmhm... nochn wodka redbull für mich", sagt t., sucht seine kohle und gibt mir 10 euro. damit schlendere ich rüber zu bar.

als ich die bestellung aufgegeben habe, sehe ich das objekt aus den augenwinkeln um die ecke kommen. es nähert sich, aber ich schaue weg, todsicher, dass es mich ignorieren wird.
doch dann steht es vor mir und versucht, meinen blick zu erhaschen.
"morphine", sagt es, und hält mich, als ich mich abwenden will, am ärmel fest.
"morphine... nun wart doch mal."
"was?!" fauche ich und drehe und wende mich, aber das objekt hat inzwischen auch meinen zweiten arm im griff und ich komme nicht mehr weg.

das objekt zieht mich in eine etwas stillere ecke und versenkt dort seinen grasgrünen blick in meinen augen. ich wehre mich noch ein bisschen doller, aber das objekt lässt nicht locker.
"morphine! mann!"
dann halten wir kurz inne.
"ich habe die ganzen letzten tage darüber nachgedacht, was ich dir sagen soll", blubbert das objekt. "ich war extrem sauer auf dich, aber ich verstehe auch, was dich bewegt. ich habe unsere geschichte in abgewandelter form einigen leuten erzählt und sie um rat gefragt, weil ich nicht mehr wusste, was ich machen soll, nachdem das alles so eskaliert war. mir hat meine nachricht an dich so leidgetan."
"ich fand die gut", unterbreche ich das objekt. "endlich hast du mal rausgelassen, was du wirklich denkst."
das objekt packt mich wieder fester und sagt eindringlich:
"was ich wirklich denke! was ich wirklich denke, mein gott, das einzige, was ich wirklich denke, ist, dass ich dich einfach nur in die arme nehmen und dich ganz fest drücken will."
ich bin perplex. das objekt nutzt die überraschungssekunde, schlingt die arme um mich und lässt mich nicht mehr los.
"oh mann", seufzt es in mein ohr, "ich hab mich so ohnmächtig und hilflos gefühlt. ich wollte das nicht. ich wollte dich letztes wochenende nicht so verletzen. und ich wollte dir auch nicht so eine sms schreiben."
"hast du aber", sage ich und meine damit mehreres.
das objekt schaut mir wieder tief in die augen.
"du bist so... verletzlich. mir ist noch nie so ein mensch begegnet, der zugleich so stark und so schwach ist."
"dito", sage ich.
jetzt schmunzelt das objekt wieder ein bisschen.

"es tut mir leid, wenn ich einen falschen eindruck erweckt habe, indem ich dir immer wieder gesagt habe, ich bin für dich da und dann war ich es nicht. ich bin voll. ich arbeite so viel und musste mich zugleich um meinen sohn kümmern... ich bin seit ein paar monaten kräftemäßig einfach alle."
"hm", sage ich.
"das soll nicht heißen, dass ich dich vergessen habe. ich denk ganz oft an dich, manchmal bestelle ich sogar was für dich mit, aber ich komme dann immer wieder drüber weg, dich anzufunken und zu sagen, willst du nicht was abhaben. weil ich dann schon immer alles weggeraucht habe."
das objekt grinst entschuldigend.
"kiffen ist nunmal meine medizin. es macht jeden tag, dass ich mich zufrieden fühle."
mir läuft es eiskalt den rücken hinunter und ich begreife mal wieder, wie tief das objekt in seiner drogenwelt steckt.
"und letztes wochenende, da war ich wahnsinnig dicht. ich wollte einfach nur für mich sein und meinen rausch leben."
ich schaue zweifelnd.
das objekt schaut zurück, nimmt mich dann wieder in die arme und wiegt mich beruhigend.
es hat etwas väterliches. wieder ein unhaltbares versprechen.

dann steht der dritte neben uns und strahlt mich an.
"na? wieder alles gut?"
ich ziehe den dritten weg in den raucherraum.
"ich denke, das ist vorbei. die freundschaft gibt es so nicht mehr."
"ist ja auch viel passiert zwischen euch", findet der dritte.
"der kommt nicht mehr aus seiner welt da raus. entweder sein system bricht eines tages zusammen oder er wird so auf diese weise alt... also nicht alt, aber vielleicht so 50."
der dritte mann drückt mich und seufzt:
"traurig, dass es einfach nicht mehr sein kann wie früher."

gegen halb sechs uhr morgens bleibt der harte kern - t., k., das objekt und ich - zurück.
"wie bistn du da", will das objekt wissen.
"hm, so teils mit dem rad. also ich kam bis zum lunapark, dann hat mich der regen erwischt und ich hab da das rad abgestellt und bin mit dem bus weiter."
"dann haste ja jetzt noch einen richtig langen weg vor dir, mann."
"ich wollte man t. fragen, der nimmt doch immer ein taxi, der könnte mich wenistens bis zur fruchtallee mitnehmen."
"mensch, dann könnte ich ja vielleicht auch mitfahren, ich muss ja auch dahin."

das objekt und ich verabschieden uns von k. und suchen t. t. ist schon an der garderobe und verheddert sich gerade in seiner jacke.
das objekt greift ein, hält ihm die jacke auf, knöpft sie sogar noch zu und gibt t. dann einen kuss auf die wange.
"t., du, sag mal... nimmst du gleich ein taxi?"
"ja, warum", sagt t. dunkelblau.
"wir könnten uns doch eines teilen. die morphine muss lunapark, ich muss zur fruchtallee."
t. schaut zweifelnd.
"ich fahre eigentlich nie über den ring, der weg ist sonst länger..."
"aber wenn wir uns das taxi teilen, ist es doch auch für dich billiger... auch wenn du zwei minuten länger unterwegs bist."
t. lässt sich breitschlagen.

draußen auf der straße bekommen wir sofort ein taxi.
"na, das sieht mir nach einer etappenfahrt aus", seufzt der taxifahrer begeistert.
das objekt hat sich frech vornerein gesetzt und gibt den ton an.
"jo, meister", sagt es. "meine freunde und ich sind nämlich leider nicht so ne reichen wichser, wie du sie sonst durch die gegend fährst."
"peace", grinst der taxifahrer. "hauptsache, du hast genug geld für deine etappe dabei."
das objekt grinst zufrieden und fragt dann, ob es einen rauchen darf. wie immer setzt sich die objektive dreistigkeit durch.

das objekt kommt als erstes an.
"die nächste ist die junge dame, die setzen sie bitte am lunapark ab", schärft es dem taxifahrer ein.
dann gibt es t. zehn euro und meint:
"die morphine ist von mir eingeladen."
ohne einen cent zahlen zu müssen, werde ich am wunschort abgesetzt. als ich aussteige, regnet es nicht. mein rad wurde zwischenzeitlich auch nicht geklaut.
beschwingt fahre ich durch den morgen nach hause und fühle mich ganz wohl in meiner welt.

rein äußerlich ist also alles beim alten. tief in mir drin habe ich jedoch verstanden, dass eine freundschaft mit dem objekt aussichtslos ist. was uns verbunden hat, war der sex. das waren 80 prozent. die restlichen 20 prozent reichen einfach nicht aus. nicht unter den gegebenen äußeren umständen.

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muschis unter sich
frauen hatte ich ja sehr lange nicht mehr. 13 jahre oder so.

und dann mal eben eine gefickt.
als würde ich nie was anderes machen.

tja. wer hat, der hat.

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Montag, 28. Oktober 2013
der widerspenstigen zähmung
als ich meinem therapeuten heute die böse sms an das objekt vorlese, verrutscht ihm ein wenig der gesichtsausdruck. meine fäkalsprache ist wohl nicht für jedermann.
"und?" frage ich.
da fängt er sich wieder und beginnt, mir zu applaudieren.
"nicht zu heftig?" frage ich.
er seufzt und lächelt.
"kennen sie das mit der selektiven authentizität von ruth cohn?"
"nein, was ist das?"
"es gab mal eine zeit in der psychologie, in der für die totale offenheit plädiert wurde. irgendwann stellte man fest, dass das nicht funktioniert und dass es besser geht, wenn man nicht jedem alles um die ohren haut."
"ah. hätte ich selbst drauf kommen können."
"nunja, und selektive authentizität, das ist das, was sie gerade nicht können."
"irgendwie nicht, hm?"

ich schweige betreten. dann lese ich das objektive gegenfeuer vor. wieder schaut der therapeut ein wenig verstört, schmunzelt aber auch.
"nunja, was erwarten sie, sie waren ja auch nicht gerade sanft zu ihm."
"ich beschwere mich ja gar nicht! ich finde es sogar irgendwie ein wenig erleichternd, jetzt auch gehasst zu werden."
"die sms, die sie ihm da geschrieben haben, war längst überfällig", findet der therapeut.
"definitiv kein schritt in eine falsche richtung."

mich bewegt allerdings noch einiges anderes.
"diesen enormen hass, den ich empfinde, der macht mir ehrlich gesagt ein wenig angst. ich kann doch nicht überall verbal amok laufen, oder?"
"haben sie eine ahnung, warum sie das tun?"
ich denke nach.
"naja, ich denke mal, früher hab ich nie gesagt, was mir nicht passt. also nicht direkt. ich habe erwartet, dass andere das merken, und meist haben sie das nicht gemerkt. dann fühlte ich mich zwar schlecht behandelt, hab aber immer zurückgesteckt, versucht, verständnis aufzubringen und die sache für mich schönzureden."
"und jetzt?"
"kann ich das nicht mehr. meine wut überrennt mich, ich muss mich sehr zurückhalten, nicht auch noch handgreiflich zu werden."
der therapeut grinst.
"ich finde das nicht komisch", sage ich motzig und merke schon wieder leises donnergrollen im hintergrund heranrauschen.
"schauen sie mal zurück. in ihrer kindheit haben sie keine aufmerksamkeit bekommen oder nur für eine rolle, die sie spielten: die perfekte schülerin, die begabte kleine künstlerin, die angehende lehrerin, die sie nicht werden wollten. in ihren beziehungen scheint das ähnlich gewesen zu sein: mal waren sie krankenschwester, mal ersatzmutter, mal schmückendes anhängsel, oft auch nur eine aufs körperliche reduzierte geliebte. sie selbst kamen immer zu kurz. niemand hat sie richtig gesehen, niemand hat sie ernst genommen. alle haben sich immer nur über sie verwirklicht und sie dabei zurückgelassen. und dabei waren sie so bedürftig."
"hm."
jetzt ist es an mir, betroffen zu schauen.

"das, was sie jetzt an wut spüren, ist zum teil noch eine alte wut", fährt der therapeut fort. "sie tritt vor allem dann zutage, wenn sie sich vernachlässigt fühlen. das kind damals war nicht frei. es musste stillhalten, um den familienfrieden nicht zu gefährden. da war viel stress für sie und sie waren darin gefangen. heute treten sie für ihre bedürfnisse ein, und das ist eine sehr gute entwicklung."
"ich werde alle um mich herum verscheuchen, wenn ich so weitermache."
"das pendelt sich ein, vertrauen sie sich selbst. wenn sie ihren zorn verstehen, können sie ihn irgendwann auch besser bremsen und differenzieren."

am ende der sitzung bin ich nicht happy.
"was soll ich jetzt mit dem objekt machen? mich entschuldigen? oder diesen zusammenhang erklären?"
der therapeut denkt kurz nach und sagt dann:
"nehmen sie es als chance, von ihm wegzukommen.
klare worte.

als ich nach draußen gehe, weht mich eine orkanböhe fast um. dann ziehe ich die jacke fest um mich und stemme mich gegen den wind.

dagegenstemmen, das kann ich ja am besten, derzeit.

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Sonntag, 27. Oktober 2013
der einfache weg
der einfachste weg, sich von einem ex wirklich zu verabschieden, ist hass. nach meiner letzten langen beziehung hat das so gut geklappt, dass ich die betreffende person schon während der beziehung derart verachten gelernt hatte, dass die trennung gewissermaßen schon der innerliche neuanfang war. die verabschiedung dadurch recht freundlich und mit keinerlei negativen gefühlen mehr verbunden. nur erleichterung, da endlich raus zu sein. wie aus einem ungeliebten job. das ist m.e. der beste weg.

gestern traf ich das objekt wieder, natürlich nur zufällig, denn seit es in strenger bewachung lebt, kann es nicht mehr telefonieren, von verabredungen ganz zu schweigen. ich freute mich, das objekt sich hingegen offenbar weniger. es hatte eine neue ische an seiner seite und ignorierte mich eiskalt. als es gar nicht mehr ging und es zugegeben musste, dass es meine anwesenheit registriert hatte, wurde ich zur begrüßung herzlich mit der bierflasche angestupst.

daraufhin stellte ich es zur rede. es verweigerte die auskunft mit dem argument mangelnder redebereitschaft, drückte mich noch und fiel dabei rotzbesoffen auf mich. danach ignorierte es mich weiter.

auf 180 verließ ich die party und stürmte nach hause. dort verfasste ich dann eine hass-nachricht deluxe, in der ich dem objekt empfahl, mich nie wieder anzusprechen und mir bloß nicht mehr unter die augen zu kommen.

ich weiß, es wird sich dran halten. für alles andere fehlen ihm nämlich die eier in der hose.
jetzt bekomme ich hass-smsen zurück. wie lustig.

die nächsten wochen muss ich mir für samstagabende was anderes überlegen als clubbing. das gute ist, in meinem alter kann man sich auch schon fast einer strickstrumpf-hausfrauentruppe anschließen oder tupperparties veranstalten.

von allem anderen habe ich jedenfalls die schnauze voll, bis auf weiteres.

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Freitag, 25. Oktober 2013
psychoblogs. ich bin die andere.
manchmal lese psychoblogs. obwohl ich weiß, ich hab ja selber einen, in dem ich ab und an meine depression beschreibe.

was mir dabei auffällt: viele psychisch kranke scheinen ziemlich veränderungsresistent zu sein. zumindest klingt es so. da sind keine erkenntnisse, kein tatendrang, der sich abzeichnet. ich weiß, dass es tage gibt, an denen man einfach nur jaulen kann. an denen man sich selbst extrem hasst und sich wünscht, man wäre nie geboren worden (mein argument nummer eins gegen ein kind: du weißt nicht, ob du dem damit einen gefallen tust). man hadert und igelt sich ein.

kurzum, es überfällt einen also eine gewisse lust, zu salbadern. schön. legitim, will ich meinen.

aber bei so einigen denke ich mir: das kann nicht besser werden. niemals. denn: da fehlt der wunsch zur besserung. da sind menschen, die lieben sich so wenig, die machen nichts aus sich, denn das würde ja bedeuten, dass man die krankheit aufgibt. und damit das vermeintliche anrecht auf mitleid. fällt dieses weg, bleibt ja nichts mehr. oder? also wird sich an das psycholeiden geklammert und gejammert. in einem fort.

ich schäme mich meist, wenn ich mitleidheischend werde. das ist nicht das, was ich gelernt habe. ich habe gelernt: sei stark, sei klug und unterhaltsam und fall bloß niemandem auf den wecker. wehe, wenn doch, dann rappelt´s aber im karton.

ich will nicht behaupten, dass das die beste erziehung war. (denn irgendwann landet man so dabei, dass man jemanden dafür bezahlt, der sich das gejammere anhört. einfachste do-ut-des-mentalität, noch nicht mal konventionelle moral, frei nach piaget.)

aber grundsätzlich tut man psychisch kranken keinen gefallen damit, wenn man ihnen das händchen hält. es ist ein bisschen so wie mit schulkindern: fordern und fördern.

in meinen tiefsten downs hat mich das objekt immer zu absprachen und zum handeln gezwungen. es hat mich kontrolliert und mir damit ein stückchen selbstkontrolle abgenommen. aber ich musste immer meinen arsch hochkriegen. es hat mich in die arbeit geschubst, zum essen bewegt und dazu, meine medikamente regelmäßig zu nehmen. ich habe diese vernunftbestimmte, nicht mal unemotionale strenge genossen und versucht, sie mir abzuschauen. damit sie mir für mich bleibt, wenn das objekt die rolle nicht mehr spielen mag.

ich will nicht behaupten, ich hätte es "geschafft" oder sei "geheilt", nur, weil ich keine medikamente mehr nehme. es werden wieder zeiten kommen, in denen mein schwaches selbstwertgefühl so viel gegenwind bekommt, dass es zusammenklappt. nicht damit zu rechnen, wäre dumm, denn ich bin immer noch ich. extrem verletzlich. und die welt ist immer noch die welt. ein arschloch, meistens.

ich ertappe mich aber dabei, dass ich ein paar illusionen aufgegeben habe. illusion nummer eins war, dass man einen "ordentlichen job" braucht und einen chef, der einem 40 stunden die woche sagt, was man zu tun hat. dieses schützende korsett aus befehlen und pflichten. ich bin freier denn je zuvor. nur 20 stunden pro woche bin ich noch fremdbestimmt. alles andere: ich für mich. noch vor einem jahr hätte ich mich gefürchtet. jetzt sieht es so vielversprechend aus. einfach nur schreiben. dann, wenn ich lust habe. nicht um des erfolges oder des geldes wegen. sondern weil da gerade ein kreativitätsüberschuss ist, den ich gerne abgeben kann. dorthin, wo alles brach und dröge ist. die nachfrage ist stärker als erwartet.

illusion nummer zwei war die sache mit der liebe. ich bin nicht full of love. ich bin vergleichsweise empty. und ich muss mir personen suchen, die selber liebe in sich tragen, anstatt meine wenige zu verbrauchen. denn lieben bedeutet nicht, gebraucht zu werden. diese anspruchshaltung gewisser menschen ist der pure sadismus.
das schwierige ist, dass menschen, die so leer sind wie ich, andere leere menschen anziehen. weil wir gottverdammmich wissen, was man da so fühlt. wie schrecklich, schrecklich alleine man so auf die ein oder andere weise ist. wir verströmen damit ein stückchen erlösung, denn wir können diesen menschen nahe sein wie niemand anderes. im geist. aber in der seele nahekommen, das bedeutet, aufgezehrt zu werden. auch wenn sich das im ersten moment gut anfühlen kann. denn gebraucht werden schmeichelt. nur leider der falschen seite des egos.

die dritte illusion war die der mitte. alles starrt immer auf die mitte, die norm, das gesunde. mir muss es genügen, da in gewissen amplituden drumherum zu pendeln. der zwang, der die norm ausstrahlt, ist nämlich noch gesundheitsgefährender als alles andere. also horche ich in mich hinein und frage mich möglichst freundlich, hey, morphine, wie geht es dir heute? ich bin mein eigenes über-ich. solange ich die meisten tage diszipliniert bin, darf ich auch mal die sau rauslassen. wenn ich traurig bin, weine ich, egal wann oder wo. wenn ich trinken will, kaufe ich mir etwas, was ich auch wirklich mag. und wenn ich eine klinge auf der haut spüren muss, dann habe ich wenigstens desinfektionsspray und pflaster im haus.

maßvolles ausgeflipptsein.

it´s a long down, baby.
aber vielleicht komme ich irgendwann wo an, wo es sich ansatzweise nach zuhause anfühlt.

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