Sonntag, 3. März 2013
prinzessinnen und so
nach dem kiez-freitag mit dem dritten und der drittenfreundin gestern noch mal clubbing. unter anderem hatte sich das objekt angekündigt und ich hatte große lust, noch ein paar turbo-pheromone zu inhalieren.

doch schon am clubeingang hatte ich dieses komisch leere gefühl im bauch, das mir prophezeite, dass das objekt heute nicht da sein würde. wie fast immer hatte das gefühl recht. dafür waren aber k. und meine freundin h. sowie der architekt anwesend. kurze zeit später tauchten auch noch mr. shyguy und t. auf. ich war happy.

ich ging zum dj und gab eine ganze liste an wunschliedern ab, die alle gespielt wurden. zusammen mit t. absolvierte ich einen tanzmarathon. dabei fiel mir auf, dass ich t. eigentlich sehr attraktiv finde. weiterhin fiel mir auf, dass ich t. nun schon ein ganzes jahr kannte, ohne dass wir uns je richtig ausgiebig unterhalten hätten. das musste ich sofort ändern.

ich hatte glück, t. hatte ebenfalls gute laune und ließ sich dazu überreden, ein paar kurze mit mir zu trinken. t. erzählte von seiner neuen wohnung, seiner neuen fickbekanntschaft und seiner arbeit. irgendwann kamen wir auf das objekt zu sprechen und die wg, die t. und das objekt einst zusammen hatten.
"das war schon echt cool, bloß der kleine ist ja so nervig", meinte t.
"aber du arbeitest doch viel mit kindern", erwiderte ich.
"jaaa... das ist aber was anderes. zuhause brauch ich die nicht."
"das objekt sagte mal sowas in die richtung, dass du mit dieser situation nicht happy warst."
"ich war einfach nicht bereit, jedesmal den babysitter zu spielen, wenn das objekt breit wie ein eimer war."
dann erfuhr ich noch zwei, drei unschöne geschichten aus der vergangenheit, in der sich das objekt drogenbedingt vollkommen daneben benommen hatte. unter anderem hatte es sich eines schönen weihnachten unmengen mdma eingeworfen und die ganze nacht lang die bude gerockt. danach war es mit dem motorrad durch die stadt gerast und hatte einen unfall gebaut.
"der kleine hat die halbe nacht geheult und ich durfte am nächsten tag erstmal die wohnung aufräumen und dann für das objekt die scheiße mit dem unfall regeln", berichtete t.
"uiuiui. das ist ja richtig assig."
"kannste laut sagen."

ich fasste mir ein herz:
"wir haben ja nun überlegt, zusammen zu ziehen."
t. glotzte mich groß an:
"wie? das objekt und du?"
ich nickte.
t. zog die augenbrauen hoch:
"also spaß wirst du haben und das objekt ist schon ein toller mensch. aber eben auch echt schwierig, zeitweise. und ich würde mir gut überlegen, ob du das mit dem lütten aushälst. der ist anstrengend."
"ich weiß. aber wir verstehen uns gut, der kleine und ich."
"naja, ich mein ja nur. nicht, dass du sagst, ich hätte dich nicht gewarnt."
t. lächelte.
"ich habe auch schon überlegt, ob ich dann nicht zur mutti mutiere und für das objekt der freifahrschein werde, es so richtig krachen zu lassen", gab ich zu.
"naja, es ist ja nun auch schon vier oder fünf jahre her, dass wir zusammengewohnt haben", beschwichtigte t., "ich geh mal davon aus, dass er heute ne ecke vernünftiger ist."

neben t. und mir stand meine freundin h. und unterhielt sich mit einer blonden frau, die ich immer die prinzessin nenne. die prinzessin und ich sind erzfeindinnen - ähnlich wie das objekt und der architekt. ich hatte der prinzessin einst unwissend das subjekt ausgespannt, und die prinzessin hatte vor langer zeit mal einen one-night-stand mit dem objekt. zwar hatte das objekt behauptet, da sei nichts gelaufen, weil es besoffen gewesen sei und keinen mehr hochgekriegt hatte, aber der gedanke, dass die prinzessin mit dem objekt die roten laken geteilt hatte, gefiel mir nicht.

leider verstand sich die prinzessin nicht nur mit h., sondern auch mit t. und k. ganz ausgezeichnet.
"was findet ihr nur alle an der, das ist voll die schreckliche frau", maulte ich.
t. sah mich erstaunt an:
"die ist total nett! du musst die nur mal kennen lernen. die ist am anfang einfach... total zurückhaltend. deshalb wirkt sie vielleicht arrogant."
"die hasst mich. die hat mir nie verziehen, dass ich mal mit dem subjekt rumgeknutscht habe."
t. guckte amüsiert:
"mit wem hier hattest du eigentlich noch nichts am laufen?"
ich grinste frech zurück:
"mit dir!"
t. lachte.

ich konnte das lachen nicht deuten und wechselte lieber das thema.
"und du meinst also, die prinzessin ist okay?"
"die ist ne ganz liebe und hats eben auch nicht leicht. alleinerziehende mutter, schwieriger fulltimejob, arschloch-kindsvater..."
"hm."
in diesem moment setzte sich die prinzessin in unsere nähe.
"na los", sagte t., "deine chance!"
"was?"
"na, sprich sie doch mal an!"
ich guckte groß:
"wie?"
"sag doch mal was nettes zu ihr!" ermunterte mich t.
ich überlegte.
"mir fällt nichts nettes ein", meinte ich dann.
"zicke", grinste t.
"bin ich gar nicht! ich bin auch nett!"
"weiß ich doch", beruhigte mich t. "trotzdem biste manchmal zickig."
"ich bin ja auch eine frau bis in die fingerspitzen!" erwiderte ich.

die prinzessin hatte sich inzwischen wieder entfernt und einen bekannten um feuer angeschnorrt.
"na gut", sagte ich.
"was?" fragte t. zurück.
"ich sag was zu ihr. was nettes. aber das muss sich ergeben. ich kann ja nicht einfach zu ihr rüberlaufen und sie anschleimen. am ende fühlt sie sich noch angemacht!"
"das klingt doch nach einem plan", fand t. "und wer weiß, vielleicht werdet ihr am ende freundinnen?"
"das glaube ich kaum."
"warum denn nicht?"
"weil wir denselben männergeschmack haben."
"das ist doch schon mal eine tolle gemeinsamkeit", lachte t.

die letzten stunden des abends beschränkten wir uns wieder aufs tanzen. als die lichter angingen, waren k., t., h., der architekt, die prinzessin und ich die letzten im club. wir holten die jacken und gingen nach draußen in den hof. es dämmerte bereits.
"wow", sagte ich, "leute, guckt euch mal den himmel an!"
der horizont war in ein tiefes türkis getaucht, in das sich das orange der aufgehenden sonne mischte. dazwischen zogen überall schwarze wolken.
"geil", fand sogar k.

zum abschied nahmen wir uns alle in die arme und wünschten einander eine gute nacht. als ich der prinzessin gegenüber stand, konnte ich mich noch immer nicht zu einer umarmung überwinden.
"tschüß", sagte ich schüchtern.
die prinzessin sagte gar nichts und guckte weg. ich ärgerte mich einen kurzen moment. schließlich war sie die ältere von uns beiden und könnte mir in sachen menschliche reife auch ein bisschen entgegenkommen. ich vermutete, dass es noch länger dauern könnte, bis wir möglicherweise freundinnen werden würden.

dann schwang ich mich in den sattel und fuhr der morgendämmerung entgegen. zuhause brannten meine muskeln vom laufen, radfahren und dem tanzmarathon, und mit dem köstlichen gefühl totaler körperlicher erschöpfung kroch ich in mein bett und befand mich zwei minuten später im tiefschlaf.

... link


Samstag, 2. März 2013
politisch einkaufen
einkauf mit dem objektsohnemann in einer bekannten hamburger drogeriekette.

zuerst stehen wir bei der kosmetik. ich lege das waschgel einer naturkosmetikmarke ins körbchen.

der lütte fragt mich:
"warum kaufst du das, das andere da wäre doch viel billiger? oder macht das nicht so gut sauber?"
"ich kaufe das, weil das ohne tierversuche hergestellt wird", antworte ich. "sauber machen die alle."
der kleine denkt nach und fragt dann weiter:
"ist das, weil du auch kein fleisch isst?"
"nee. fleisch mag ich einfach nicht. aber ich bin dagegen, dass tiere gequält werden, nur, weil ich mein gesicht waschen will."
der lütte nickt anerkennend.
"ja, das ist ja auch voll gemein!"

wir ziehen weiter.
"warum kaufen dann die anderen frauen sachen, die von tierquälern hergestellt werden?" sagt der kleine laut und eine alte schabracke dreht sich irritiert nach ihm um.
"die meisten menschen nehmen das leid anderer in kauf, wenn sie dafür ein paar cent sparen können."
"aber vielleicht sind die ja arm", wagt der lütte einzuwenden.
"die meisten sind nicht arm, sondern einfach nur geizig", entgegne ich.

dann stehen wir vor den bio-brotaufstrichen.
"das schmeckt gut", sagt der sohnemann und zeigt auf eins.
"sollen wir das kaufen?"
der objektsohnemann überlegt:
"wird das auch ohne tierversuche hergestellt?"
ich muss mir ein schmunzeln verkneifen.
"ja, denke schon. da gibts ja auch nichts auf unverträglichkeiten zu testen. entweder es schmeckt oder es schmeckt nicht. sowas testen die menschen selber."
der sohnemann nickt und stellt das glas in den korb. ich sehe, dass der speicher in seinem kleinen kopf auf hochtouren läuft und noch immer die sache mit den tierversuchen verarbeitet.

dann stehen wir an der kasse. neben der kasse befindet sich ein behälter mit blauen windrädern. jedes kind bekommt eines davon von der verkäuferin überreicht.
"warum verschenkt die die?" will der sohnemann wissen.
"das ist eine form von werbung", erkläre ich. "der chef der drogerie will damit zeigen, dass das unternehmen familienfreundlich ist. wenn die kinder was geschenkt bekommen, denken die eltern, ach wie nett, hier kaufen wir gerne wieder ein. und kommen wieder und lassen geld da. und darum geht es dem unternehmenschef in wirklichkeit auch: der will nämlich nicht nett sein, der will möglichst kunden im laden haben und dabei viel kohle machen."
der sohnemann verfolgt die lektion mit weit aufgerissenen augen.
"das nennt man übrigens marketing", schließe ich die erläuterung.

ich schiele angestrengt auf den lütten und hoffe, dass das nicht allzu verwirrend war. der steht in sich gekehrt mit dem grübel-gesichtsausdruck seines vaters neben mir und starrt gebannt auf das kleine mädchen vor uns, das sein windrad in empfang nimmt.

dann sind wir an der reihe. als die verkäuferin kassiert und ich ihr das geld hinüberreiche, fragt sie den objektsohnemann:
"na? möchtest du auch ein windrad oder ist das nichts für große jungs?"
der lütte zögert kurz, überlegt und sagt dann mit in der schwarzen st. pauli-lederjacke stolzgeschwellter brust:
"nein danke, das ist marketing, das brauchen wir nicht."

die verkäuferin starrt mich verblüfft an. ich zucke die achseln und lächle freundlich, schließlich war das statement des kleinen nicht persönlich gemeint. aber es ist ein statement, das ich weder relativieren noch erklären möchte.

dann gehen wir durch die tür nach draußen und ich kann die blicke der spießermuttis hinter uns im nacken fühlen, die jetzt sicherlich die köpfe zusammenstecken und über meine potenziellen erziehungsmethoden, unseren bekleidungsstil sowie meine vermeintliche politische einstellung diskutieren.

draußen gibt mir der kleine die hand. wir grinsen uns verschwörerisch an.
"das hast du eben fein gemacht", sage ich lobend und er strahlt.

... link


kiez und liebe
nach einer nacht auf dem kiez weiß ich mal wieder: sehr viele menschen scheinen einer vollkommen artfremden spezies anzugehören.

sie ist dumm.
sie ist aggressiv.
und sie hat mindestens zwei promille.

mit dem dritten und der drittefreundin an meiner seite geht das aber. vor allem der dritte strahlt eine ruhe aus, dass man sich einrollen und sämtliche selbstverpflichtungen abgeben möchte. dass die beiden wieder ein paar sind, ist auch ein wenig meine schuld. da bin ich stolz drauf. es macht mich glücklich, andere glücklich zu sehen.

die drittefreundin meinte übrigens, ich sei einfach nicht ausreichend "spackenresistent". wohl wahr. ab und an verliebe mich sogar in den ein oder anderen.

... link


Freitag, 1. März 2013
freisein am freitag
bis mittag schlafen und von den sonnenstrahlen, die über die augenlider streicheln, erwachen.

kaffee und kippe am offenen fenster. sieben grad celsius, märzgeruch und mittagstille. nur ich mit mir.

auf der straße frühlingsmenschen, blinzelnd, irritiert. der kleine hund, der an mir schnuppert und sich freut und mich infiziert mit einem gefühl. mit dem ich weitergehe und merke, es ist ruhe, frieden und ein wunderbares glück.

und freiheit. die kribbelt in der zirbeldrüse und zwingt mich zum lächeln. dazu, mir selbst zuzulächeln und ein geheimnis mit mir zu teilen: eigentlich ist alles perfekt. so wie es ist. und so wie ich bin.

... link


Sonntag, 24. Februar 2013
sucker
"bitte bitte bitte, nur ein stündchen, ich mag dich so doll und zusammen haben wir immer so viel spaß und du musst da auch niemandem in die fresse hauen, weil ich nur lauter nette leute kenne", jaule ich ins telefon, als die lederjacke anruft, um mir mitzuteilen, dass sie eine mittelohrentzündung hat und deshalb nicht mit in den club gehen kann.
"ach du liebes, ich habe fieber und echt schmerzen... sonst... kennst mich ja, ein paar bier gehen immer", erwidert die lederjacke lachend, wenn auch geschmeichelt. "nur eben heute nicht."
"jetzt weiß ich gar nicht, ob ich heute losziehe, wenn du nicht mitkommst", schmolle ich.
"doch! wehe, wenn nicht!" entrüstet sich die lederjacke. "wenn du schon unglücklich bist, dann vergiss die scheiße wenigstens mal für ein paar stunden und geh tanzen."
"hm", sage ich, total begeistert.
"du kannst ja vorher zu mir kommen. dann musst du später nur noch einmal über die straße."
die idee ist clever, da mich in heftigen depriphasen vor allem öffentliche verkehrsmittel, in denen man fremden spacken nicht entkommen kann, schrecken. wenn ich eine verabredung habe, habe ich allerdings ein wesentlich konkreteres freudiges event vor augen als wenn ich nur in den club gehe und nicht weiß, ob es dort nicht vielleicht richtig scheiße wird. das motiviert mich dann, die gut zwanzigminütige bus- und bahnfahrt doch auf mich zu nehmen.
"okay", sage ich. "ich muss mich nur noch hübsch machen. so in einer stunde, ja?"
"alles klar, ich mach dir schon mal einen tee mit", stellt mir die lederjacke, die eine perverse vorliebe für kamillentee hegt, in aussicht.
"ja, aber bitte earl grey", sage ich.
"sollst du haben. bis gleich!"

als ich bei der lederjacke ankomme, öffnet sie mir in trainingsanzug und mit verwuschelten haaren die türe. so kenne ich die lederjacke, die sonst sehr eitel und etepetete ist sowie laut eigener aussage an einem duschzwang leidet, gar nicht.
"du siehst toll aus", sagt sie zu mir, als ich aus meiner jacke schlüpfe, und zupft an meiner weinroten neuen bluse.
"du nicht", sage ich ehrlich und lache.
die lederjacke zeigt mir den stinkefinger und droht mit einer runde kamillentee.

dann sitzen wir bei der lederjacke im bett, kuscheln und zappen durchs fernsehprogramm.
"was ist denn nun eigentlich los bei dir? du sagtest, du warst diese woche krank?" fragt mich die lederjacke.
"hm", sage ich.
"willst du drüber reden?"
"naja, gibt nicht viel zu sagen. das war so wie in der zeit kurz bevor die depression akut war: tagsüber traurig, nachts angst und schlafproleme. nur diesmal ohne echte schlaflosigkeit, weil die medikamente ja so viel energie schlauchen. trotzdem hab ich viel zu wenig schlaf abbekommen und habe entsprechend mein serotonindefizit noch mal verschlimmert. letzte nacht hab ich erstmals wieder gut geschlafen, 13 stunden lang."
"und sonst?"
"naja, zu viel getrunken hab ich und mir spannende tablettencocktails reingezogen."
"mann!" die lederjacke schlägt mit der faust auf die bettdecke und ich zucke zusammen.
"tschuldigung", sagt die lederjacke, "aber das macht mich so wütend... das ist so scheiße... aber ich weiß ja nicht, wie man das abstellt."
"reg dich ab. ich werde nicht alt so, das ist mir schon klar."
die lederjacke guckt betroffen, sagt nichts und nimmt mich in den arm. dann verkündet sie:
"so! nun aber zum hauptteil des abends... vergnügen und zerstreuung!"
die lederjacke lässt zigaretten, kekse, chips und gummibärchen auf mich niederregnen und schmeißt anschließend einen lustigen film in den dvd-player.

als ich gegen eins von der lederjacke in den club wechsle, ist mir durch und durch warm. das ändert sich schlagartig, als ich den eingang passiere und mit den menschenmengen konfrontiert bin. ich drücke mich eine weile an der garderobe herum und versuche mir einzureden, dass ich gut aussehe und niemand bemerken wird, dass ich in wirklichkeit ein alien bin. ich atme tief ein, dann geht es rein und richtung bar. erstmal ein mädchenbier, so anstatt schnuller. und eine zippe zum festhalten in der anderen hand. na bitte. geht doch.

ich drehe zwei runden und mir begegnen einige bekannte gesichter in der menge. ich lasse mich umarmen, merke, wie das gefühl von fremdartigkeit und anspannung etwas nachlässt. ganz hinten in einer ecke dann entdecke ich das objekt, das sehr in sich gekehrt wirkend eine zigarette dreht. es hat nur einen stehplatz, kann den tabak nirgends ablegen und dreht daher mit einer hand. das ergebnis ist entsprechend krüppelig. das objekt zupft eine weile am papier und versucht den filter noch gerade zu richten, entschließt sich dann aber, dass nicht mehr viel zu retten ist und sucht nach feuer in seinen hosentaschen.

ich schleiche mich an und haue ihm auf den hintern:
"die hätte ja sogar ich besser hingekriegt", sage ich.
"morphine", nuschelt das objekt und will mich umarmen, wobei ihm die krüppelkippe aus dem mund fällt und von vorbeilatschenden füßen zertreten wird.
das objekt guckt bedröppelt.
"das war doch eh nichts richtiges", sage ich.
"nee, hast recht, war nichts richtiges... also diese umarmung, mein ich", lächelt das objekt und nimmt mich noch mal in die arme, drückt mich, bis mir die luft wegbleibt und begrabbelt dann meinen po.
dann versucht es, noch mal eine zigarette zu drehen.
"wirds denn gehen", kommentiere ich das gefummel.
das objekt lässt sich nicht ablenken.
"ich helfe ihnen nachher auch gerne über die straße", biete ich an.
das objekt presst den tabak an seine brust, um eine hand frei zu haben für den stinkefinger, den es mir zeigt. das ist schon der zweite des abends, zähle ich mit, entsprechend muss ich heute doch ganz cool rüberkommen.
"ich erinnere dich an neulich, als du den reißverschluss nicht mehr aufbekommen hast und ich dich aus deiner jacke befreien musste", kontert das objekt. "da wollte ich dir schon anbieten, dass du auch mutti zu mir sagen kannst."
"okay, mutti", erwidere ich und gebe dem objekt einen kuss.

das objekt hat die zigarette endlich fertig, legt den arm um mich und fragt:
"und, wie ist der abend heute für dich?"
"hm, weiß noch nicht."
"doch, das weißt du. eigentlich ist es ein guter abend."
"warum?"
"na guck dir mal die leute an..." das objekt schielt in richtung einer aufgeregt umherwatschelnden frau, die kurzhaarschnitt, eine strenge brille und eine komische handtasche trägt.
"allein wegen der handtasche kann ich dir genau sagen: gebärmaschine."
"naja, das ist eben eine, die sonst nie da ist und für die das hier wahrscheinlich sowas wie der tempel der verheißung ist..."
"das ist so der typ frau, die sucht einfach nur einen, der ihr ein kind macht... heute ist sie hier, nippt an ihrem stillen wasser und tanzt in ihren biederen klamotten wie ein pinguin und morgen erzählt sie dann ihren kolleginnen, boah, am samstag, da hab ich so richtig einen drauf gemacht."
wir kichern beide.
"wir sind fies", sage ich.
"na und", grinst das objekt. "macht doch spaß. über uns tratschen die leute sicher auch. die sagen, da stehen der hippie und die psychotante, die haben sich gesucht und gefunden. da ist das nur fair."

wir stehen herum und nuckeln an den bierflaschen. das objekt hat noch immer den arm um mich gelegt.
"achtung, achtung", stupst mich es mich dann an. "samenspender auf halb acht!"
ich gucke in die beschriebene richtung und sehe einen noch recht jungen typ, format bubi in turnschuhen, der sich der handtaschentussi nähert.
"ooooh... komm", wispert das objekt. "nimm ihn, nimm ihn... der arbeitet bestimmt in ner sparkasse und fährt nen vw kombi und zuhause hat er nen bausparvertrag und ne briefmarkensammlung, die er seit seinem zwölften lebensjahr vergrößert."
ich muss kichern und beobachte, wie die handtaschentussi den bauspartyp ziemlich herablassend abblitzen lässt.
"au, junge, das war schlechte recherche", kommentiert das objekt das geschehen. "die frau ist ein haifisch, da musste anders ran. da musste früher mit dem bausparvertrag wedeln, damit die gleich weiß, das kinderzimmer ist sicher."
ich verschlucke mich vor lachen an meinem bier.
"verstehst du, was ich dir sagen will?" fragt das objekt. "im vergleich zu solchen menschen sind wir so unendlich frei."
"das schon", erwidere ich. "hat aber auch nachteile. wir werden nie wertvolle mitglieder dieser gesellschaft."
"wenn du mal ehrlich bist, willst du das doch gar nicht. und irgendwann wird dich das auch überhaupt nicht mehr interessieren", verspricht mir das objekt. "du bist ne coole frau, du hast unheimlich viel auf dem kasten. du wirst sie alle in die tasche stecken, wenn du dir nur treu bleibst."

das klingt so fest und herzlich und überzeugt, dass ich mich für einen moment vollkommen happy und merkwürdig zweisam fühle. ich habe das bedürfnis, mich richtig anzukuscheln, weiß aber nicht, wie ich das kommunizieren soll und ob das dem objekt dann nicht zu viel wird. also fummele ich unsicher an seinen haaren und kommentiere den schiefen pferdeschwanz, bis das objekt mich offen anschaut, lächelt und dann sagt:
"los, komm her, das willst du doch."
es zieht mich zu sich heran, legt meinen kopf an seiner brust ab, hält mich fest und streichelt sachte meine haare, wangen und nacken. der barkeeper kommt vorbei und macht einen spruch, aber das objekt ignoriert das einfach und streichelt mich weiter.
"schmusekatze", sagt es.
"du musst sagen, wenn dir das zu viel wird, ja?"
das objekt lächelt nur, schüttelt den kopf und wiegt mich beruhigend wie ein kind. ich kann sein herz schlagen fühlen und stelle mich vor, wie dieses herz mein eigenes defibrillieren könnte. liebe ist ein energiespender. man könnte umarmungen verkaufen wie isotonische getränke. interessant, dass es dafür noch keinen markt gibt.

nach einer unendlichkeit lockert das objekt den griff ein wenig, streicht mir die haare aus dem gesicht und fragt leise:
"wie fühlst du dich?"
"das war schön", flüstere ich.
"du bist wie ein trockener schwamm, du brauchst so viel liebe", findet das objekt.
"ich will dich nicht nerven", sage ich. "ich weiß, ich bin zu viel, kein mensch kann das aushalten."
"du siehst das falsch", korrigiert mich das objekt. "was meinst du denn, dass mir das gerade nicht auch etwas gegeben hat?"
ich gucke groß.
"das war doch wunderbar symbiotisch", fährt das objekt fort. "ich hab deinen herzschlag gespürt, das war großartig."
ich weiß nicht, wohin ich gucken soll, nehme den letzten schluck bier aus meiner flasche und flüchte erstmal auf die tanzfläche.
nach einer weile tanzt das objekt neben mir, macht faxen und berührt mich dann und wann, um den zauberfaden, den es gesponnen hat, nicht reißen zu lassen. gegen halb fünf beschließt es, dass ich genug vom abend hatte und besser nach hause sollte, um eine ordentliche mütze schlaf zu bekommen.

draußen stürmt und schneit es. ich werde auf der fahrradstange bis zur bushaltestelle gefahren. dort verabschiedet sich das objekt umständlich und radelt durch den schnee davon.

ich stehe an der haltestelle, spüre die schneeflocken auf meinem gesicht schmelzen und merke, dass ich wirklich da bin, dass ich lebe und dass meine seele nicht wie sonst ein expandierendes vakuum ist. ich denke an das objekt und die lederjacke und die wärme steigt wieder in mir auf, weil es schön ist, dass es diese menschen in meinem leben gibt. diese und noch zwei oder drei andere.

... link


Samstag, 23. Februar 2013
geliebtes duett
"...loving you is a world that´s strange
so much more than my heart can hold..."

... link