Sonntag, 2. Dezember 2012
advent
hässlicher dekoscheiß in all den fenstern, inflationär. blinkblinke-kram kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass draußen alles grau ist.

die kleinen familiennester, in denen den ganzen tag lang der fernseher läuft. ab und an steht papa mit kippe am fenster und glotzt ins grau. manchmal wüsste ich gerne, was die einzelnen denken, wenn sie für drei minuten aus dem familienlebkuchenhaus herausluken, aus dem festen rahmen diktierter harmonie. weil alles so sein muss wie es zu sein hat.

der schein-friede überall lässt mich kotzen. er hat mich schon als vierjährige zum kotzen gebracht. denn schon als kind habe ich gespürt, wie hinter plätzchenduft und glitzerglitzer die nackte angst lauert. dass alles vielleicht doch nicht so ist, wie es zu sein hat. oder nicht mehr lange. das flüstern böser gedanken, das abends, wenn es besonders heimelig war, überall aus den polstersitzen und vorhangspitzen kroch.

am liebsten wäre ich weihnachten alleine und sehr weit weg. aber meine mutter zählt schon wieder die tage, bis sie mich wieder in mein altes kinderzimmer setzen und spielen kann, dass das kind nie weggegangen wäre. und ich zerfließe vor mitleid und implodiere vor hass.

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Mittwoch, 28. November 2012
zensur im armutsbericht der bundesregierung
gestrichen / verändert wurden unter anderem folgende aussagen der ursprünglichen version vom 21. november:

-"die privatvermögen in deutschland sind sehr ungleich verteilt"

- "während die lohnentwicklung im oberen bereich positiv steigend war, sind die unteren löhne in den vergangenen zehn jahren preisbereinigt gesunken. die einkommensspreizung hat zugenommen"

- diese verletze "das gerechtigkeitsempfinden der bevölkerung" und könne "den gesellschaftlichen zusammenhalt gefährden"

- "allerdings arbeiteten im jahr 2010 in deutschland knapp über vier mio. menschen für einen bruttostundenlohn von unter sieben euro."

die hannebüchene begründung für die zensur liefert madame teflons fußabtreter, die witzfigur rösler.

lesen sie die ganze unfassbare schande hier: http://sz.de/1.1535166

falls der link in kürze nicht mehr funktionieren sollte, habe ich eine kopie davon – für alle, die sich nicht verarschen lassen wollen.

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Sonntag, 25. November 2012
nacht(h)eulen
im job ist es derzeit emotional anstrengend. nachdem ich die geschäftsleitung dabei ertappt habe, wie sie ihr team vor einem kunden schlecht redete, habe ich das zitat zusammen mit ein paar deutlichen worten in eine e-mail gepackt, den rest des teams in cc gesetzt und das dann abgeschickt. konfrontationskurs, das kann ich dank psychopharamaka und dem neuen lebensgefühl "ist sowieso alles egal, wertlos und vergänglich, vielleicht bist du morgen schon tot, also hau immer voll in die kacke" inzwischen sehr gut. ähnlich wie nach dem chefseitig befohlenen, vorzeitigen abbruch meines letzten mikrourlaubs spammt die gf jetzt sorry-blabla, das ich nicht mehr für glaubwürdig halte. es bleibt ein bitterer nachgeschmack, inklusive der gewissheit, dass meine tage in diesem büro mehr als gezählt sind.

freitag bin ich so erschöpft, dass ich schon gegen mitternacht im bett liege und erstmal 13 stunden schlafe. am samstag bin ich arsch, muss mich schon wieder über andere leute (= den asozialen mülltonnenwächter) echauffieren und schaffe es dann wieder nicht, in den club zu gehen, ohne vorher noch mal die heizdecke aufzusuchen. nach einer doppelten dosis psychopillen, einer kalten dusche und einem energy-drink habe ich dann endlich ausreichend herzflattern, um zur u-bahn zu kriechen.

im club ist niemand außer w., einem bekannten der k.-ex. also unterhalte ich mich die halbe nacht mit ihm. w. ist 45, hat schon in halb europa gewohnt, die westcoast der usa abgegrast und lebt nun wieder in hh, wo er geboren ist.
außer uns sitzt noch eine rock-band am tresen, die keiner kennt. wir trinken ein paar mexikaner zusammen, bis ich sodbrennen habe und auf wasser umsteige.

"weißt du, was das schöne ist, wenn man samstag bis in die puppen rumsitzt und feiert?" fragt mich w.
"wasn", frage ich zurück.
"dass morgen der wecker nicht klingelt... und man nicht arbeiten muss... sondern einfach liegenbleiben kann, bis es schon wieder dunkel wird. niemand stört einen, keiner quatscht einen voll. irgendwann steht man dann auf, trinkt einen kaffee und raucht eine zigarette. das ist wahre freiheit."
"ich finde es immer traurig, wenn ein tag vergeht und ich kein sonnenlicht hatte. deshalb stelle ich mir auch den wecker."
"krass", findet w.
"ich brauch das", erkläre ich. "ich hab depressionen."
"ach nein!" ruft w., "das hätte ich nicht gedacht. du hast doch so viel humor."
"trotzdem bin ich eigentlich ein ziemlich verzweifelter und kaputter mensch."
"wie kommt das denn? wann hat das angefangen?"
"ich glaube, ich war schon als kind so. ich war ganz oft traurig und viel allein. nicht, weil mich jemand abgelehnt hätte oder so. aber meine mutter war immer krank, mein vater hat gearbeitet und freunde hatte ich irgendwie keine, weil ich mich für die spiele der anderen kinder nicht interessiert habe."
"und was hast du so gemacht als kind?"
"ich hab eher so erwachsenenkram gemacht. hab mir lesen und schreiben beigebracht. hab meine kranke mutter versorgt und den haushalt gemacht."
"krass", sagt w. wieder.
"ich fand das nicht schlimm, ich war kein ausgebeutetes kind oder so. es hat mir spaß gemacht und ich wurde geliebt, wenn ich gut war."
"aber ein bisschen krank ist das trotzdem, oder?" findet w. "warst du denn glücklich?"
"manchmal schon. ich weiß natürlich nicht, ob andere kinder mehr oder öfter glücklich sind oder was kinder konkret glücklich macht."
"ich habe einen großen bruder und eine große schwester", erzählt w. "mein großer bruder jammert immer, weil er der älteste war, um alles kämpfen musste und weil von ihm am meisten erwartet wurde. meine schwester jammert immer, weil sie das einzige mädchen unter brüdern war. und ich, ich fand es immer doof, dass auch dann zwei auf mich aufpassten, wenn unsere eltern schon mal nicht da waren."

ich lache laut.
"ich habe aber trotzdem keine depressionen bekommen", sagt w. ernst.
ich zucke die achseln.
"wie ist das denn so?", fragt w. vorsichtig. "also falls es dir nichts ausmacht, darüber zu reden."
"nein, gar nicht, es ist ja eine anerkannte stoffwechselerkrankung."
"das stimmt, aber viele schämen sich trotzdem. ich stell mir das schlimm vor, wenn man so krank ist und dann auch nicht darüber reden kann."
"das habe ich auch in den ersten monaten nicht gemacht, einfach weil ich nicht wusste, dass ich richtig krank bin und weil ich hoffte, das würde wieder werden, wenn ich die drogen weglasse. ist aber immer schlimmer geworden, so über vier, fünf monate hinweg, bis zum totalen zusammenbruch."
"und wie ist das so, was denkst du dann so?"
"man wacht morgens auf und ist so müde wie wenn man den ganzen tag gearbeitet hat. man ist so kraftlos, dass einen der gedanke daran, dass man zähneputzen muss, zur verzweiflung treibt. ich hatte keine energie mehr, wäsche zu waschen, zu putzen und den müll rauszubringen. ich bin nur in die arbeit gefahren und hab mich dananch ins bett gelegt und an die wand gestarrt. ich war am ende zu fertig, um zu duschen oder zu essen oder einen film zu sehen."
"hast du dann viel geweint?"
"komischerweise gar nicht. alle emotionen waren tot. ich war völlig gleichgültig. ich hatte nicht mal die motivation, mich umzubringen, weil mich das zu viel kraft gekostet hätte. ich bin bei rot über die ampel gelaufen und hab gehofft, dass mich ein auto erwischt. hatte aber glück. oder keins, wie man es nimmt", kichere ich.

"was hast du dann gemacht? ich meine, du hast dir hilfe geholt, oder?" fragt w. weiter.
"ich hab das objekt angerufen und gesagt, dass es mir nicht so gut geht und ob es mir tavor aus der klinik mitbringen kann, damit ich schlafen kann. da hat es nachgefragt und mich zum quatschen gebracht."
"achja, der arbeitet ja da..."
"genau. jedenfalls hat er dann versucht rauszufinden, was mit mir genau los ist. er hat mich jeden tag angerufen und versucht, mich mit so ein paar tricks und tipps da rauszuholen. den tag strukturieren und sowas."
"hat das geholfen?"
"ich denke, sowas hilft schon, nur war es bei mir zu spät."
"und dann?"
"nach ein, zwei wochen gingen dem objekt dann die guten ratschläge aus und es bekam angst, dass ich mich irgendwann umbringe, weil es immer schlimmer wurde und ich irgendwann völlig irrational dachte und handelte. außerdem war ich nicht mehr imstande, mich zu versorgen. ich war auf dem besten wege, richtiggehend zu verwahrlosen, und ich bin eigentlich ein ziemlich reinlicher mensch. dann hat mich das objekt in die klinik gebracht."

"dann hast du ja einiges hinter dir", bilanziert w.
"kann man so sagen."
"ich bin ganz sprachlos, ehrlich", gesteht mir w. "und ich finde es toll, dass du rausgefunden hast, das war bestimmt nicht einfach."
"es ist immer noch nicht einfach. aber wenigstens will ich jetzt nicht mehr sterben. ich weiß nur noch nicht so ganz genau, wie ich leben soll, auch wenn inzwischen vieles klarer ist. und ich bin dem objekt sehr dankbar. ohne seine hilfe wäre ich vielleicht irgendwann tatsächlich tot gewesen. irgendwann hätte das mit dem überfahren-lassen vermutlich geklappt."

w. schaut mich an und schweigt, aber ich sehe, dass er berührt ist von der geschichte. einer geschichte, die viele lieber nicht hören wollen, weil sie angst haben, dass ihnen daraus verpflichtungen erwachsen könnten, die sie nicht halten wollen.

"komm, wir trinken noch einen", sage ich versöhnlich und ordere tequila.
"tequila haut aber echt rein", findet w.
"na und? man stirbt nur einmal", lache ich.

später wanken wir durch ottensen, einen stadtteil, der auch nur bei dunkelheit wirklich hübsch ist. w. wohnt in der nähe, und weil ich noch wach bin und w. betrunken, bringe ich ihn. vor der haustür nehmen wir uns in die arme.
"wir können uns ja mal auf einen kaffee treffen", schlägt w. vor.
"oh ja", freue ich mich. "bitte kill meine schrecklichen sonntage! ich kann auch abartige horrorfilme mitbringen, passend zu meiner wenigkeit."
w. lacht.
"was denn zum beispiel?"
"ich habe die alien-trilogie auf dvd. noch nicht geschaut."
"oha, naja, wir sehen mal, ob wir uns da auf was einigen können."
w. schließt die haustür auf, ich mache kehrt und winke nonchalant. dann laufe ich zur bahn.

in winterhude angekommen kaufe ich mir noch bei meinem neu entdeckten biobäcker zwei biobrötchen. sie sind noch heiß, innen fluffig und außen knackig und insgesamt so zart, dass der deckel bricht, wenn man sie mit dem messer teilt. die kleinen freuden des lebens, und ich bin glücklich, sie wieder empfinden zu können.

dann ich laufe nach hause. im osten schimmert ein heller streifen am horizont. ich gehe ins licht und hoffe, dass ich etwas licht mitnehmen kann für die dunklen stunden, vor denen ich noch längst nicht gefeit bin.

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Samstag, 24. November 2012
obdachlose in hamburg
im winter kommen sie. meist dann, wenn es schon dunkel ist. sie durchsuchen die mülltonnen in reicheren stadtteilen wie meinem nach etwas essbaren oder nach warmer kleidung.

vor einigen wochen traf ich zum ersten mal einen von ihnen an den mülltonnen vor unserem haus. es war ein junger franzose, wie sich herausstellte. da mein französisch schon ziemlich im arsch ist, gestaltete sich die konversation etwas schleppend, aber ich erfuhr, was obdachlosen jetzt wichtig ist und wonach viele von ihnen in den mülltonnen suchen: decken, jacken und vor allem: schuhe.

die wichtigkeit von schuhen ist mir mehr als bewusst. mein großvater väterlicherseits musste im zweiten weltkrieg gebirge überqueren - mangels passendem equipment in sommerschuhen, die bald ihren geist aufgaben. er hat es aber geschafft, sich mit eisernem überlebenswillen und einigen tricks durchzuschlagen bis auf andere seite.

heute mittag wollte ich hausmüll, ein altes paket sowie ein paar stiefel zum müll tragen. doch dort war bereits der teufel los: ein junge, schätzungsweise 13 oder 14, war am müll zugange, während ihn ein "rechtschaffener" älterer herr mit hochrotem kopf versuchte, davon abzuhalten.
"der klaut", rief er mir zu, in der hoffnung auf zuspruch.
"ich würde das eher recycling nennen", sage ich milde.
der alte ließ sich nicht beeindrucken und versuchte weiterhin, den müllgräber wegzujagen.
da zog ich den alten herr beiseite und meinte:
"ich weiß, sie können es sich vermutlich nicht vorstellen, wenn sie da in ihrer wohnung sitzen, wenn die heizung bollert und ihnen ihre frau ein warmes mittagessen auf den tisch stellt. aber es gibt leute, die sind so arm, dass sie keine andere wahl haben, als im müll zu wühlen. und das finde ich immer noch besser, als wenn sie in wohnungen einbrechen oder alte leute auf der straße überfallen."
da war der alte wichser endlich still und trollte sich.

der kleine müllgräber lächelte mich dankbar an.
"kannst du sowas brauchen", fragte ich und hielt ihm meine stiefel vor die nase.
er nickte, traute sich aber nicht, die schuhe anzunehmen. als stellte ich sie zu den sachen auf dem boden, die er schon aus dem müll gefischt hatte.
"danke", sagte er da.

dann ging ich einkaufen. ich kaufte ein bisschen mehr ein, als ich brauchen würde, machte mich flux auf den rückweg und traf den kleinen müllgräber tatsächlich an den mülltonnen des nachbargrundstücks. ich drückte ihm wortlos brötchen, käse und obst in die hand, lächelte aufmunternd und machte mich dann schnell davon, um ihn nicht zu beschämen. an der ecke linste ich noch einmal über meine schulter. da stand der junge noch immer und guckte, als habe er ein gespenst gesehen. dann biss er hungrig in ein brötchen.

während ich mich freute, irgendwie etwas richtiges getan zu haben, rannte ich fast in eine ältere frau hinein, die die szene beobachtet hatte.
"ich finde das ganz bemerkenswert, was sie da gemacht haben", sagte sie zu mir.
"naja, hier ist niemand so arm, dass er nichts entbehren könnte, nicht mal ich, und ich verdiene weißgott nicht viel", sagte ich. "für ein paar brötchen reicht es noch."
"trotzdem, die meisten leute schauen heutzutage nur auf sich... die wollen alle schicke wohnungen oder am besten häuser, und eine schicke autos, damit sie was zum angeben haben..."
"vielleicht beruhigt es sie, es sind nicht alle so", sagte ich lächelnd. "mich jedenfalls hat der kapitalismus noch nicht aufgefressen."
"dann haben sie ein gutes herz", fand die frau.
"besser ein gutes herz als ein dickes konto."
"jaja, ich sag auch immer, geld verdirbt den charakter", stimmte mir die alte frau zu.
"meistens schon."

an manchen tagen bin ich dann doch sehr glücklich, nicht reich zu sein.

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Donnerstag, 22. November 2012
am baum des bösen
ich liege eingerollt im objektbett, das objekt sitzt neben mir an die wand gelehnt. ich bin ziemlich breit, das objekt ebenfalls. ich sehe dem objekt beim rauchen und monologisieren zu, ohne auch nur ein wort zu begreifen.

das objekt hält plötzlich mitten im satz inne, blickt mich scharf an und sagt: "du machst mir angst."
ich gucke nur.
objekt: "wie du mich anschaust! so ein krasser blick... so beobachtend."
ich lächle.
das objekt starrt mich weiterhin an: "wie eine mischung aus kaninchen und python!"

ich schüttle den nebel in meinem kopf und frage dann:
"warum wie eine python? ich könnte doch auch eine ganz normale giftschlange sein."
objekt: "nee, du bist keine giftschlange. du würdest nicht einfach schnell zuschlagen und dich damit zufrieden geben, dass du deine beute erlegt hast."
ich: "sondern?"
objekt: "ich kenne dich, verdammt noch mal. du würdest es zelebrieren, jemanden zu töten!"

öhm. nunja...

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