Sonntag, 13. Mai 2012
the heat is on
die letzten wochen die luft angehalten. war ja viel zu tun. an lebensberührungspunkten, die ganz woanders lagen als im club oder im freundes- und affairenkreis. die ernte einfahren, da, wo es überhaupt noch lohnt, und berufliche sackgassen und einbahnstraßen abbrechen. zukunftsplanung betrieben, sehnsüchte eingestanden, distanz geübt und eine freundschaft aufgekündigt.
ich bin so frei. der herr, die dame, sie mögen es mir verzeihen, dass ich derzeit im inneren exil lebe.

ins größte selbstregulierungschaos funkte mir das objekt, das die ankunft der küchenaccessoire-lieferung verkündete. gestern, nach einem langen und anstrengenden tag, rang ich mich dann durch, sie abzuholen. ich radelte kurz nach beinahe-nebenan in die romantische sozial-siedlung und erwischte das objekt, das gerade von der spätschicht kam, noch am aufzug. eine ganze überstunde hatte es gemacht, erzählte es mit leuchtenden augen, und dass es ihm nichts ausmachte, es sei ja so ein schöner job. ich staunte. noch bevor ich fragen konnte, ob es sich was eingeschmissen hatte, klingelte das objekt-handy. die objekt-mama rief aus ossiland an. das objekt schäkerte und lachte mit ihr, dass mir zwischenzeitlich zweifel kamen, ob es sich tatsächlich um seine mutter handelte, doch dann fiel zweimal das wort "mama" im eindeutig nichtironischen kontext.

oben, als es den zweiten flur aufschließen musste, sah mir das objekt erstmals in die augen und nahm mich begrüßend in die arme. es wirkte vollkommen klar, selbstsicher wie selten und überhaupt irgendwie sehr gesund, sofern man dieses wort mit dem objekt in zusammenhang bringen darf. ich fühlte mich plötzlich ziemlich klein und doof daneben.
"du bist ganz anders", rutschte es mir heraus.
das objekt lächelte wissend und bat mich dann förmlich herein in sein winziges reich.

wir regelten zunächst das geschäftliche, dann holte ich zwei bier, die ich mitgebracht hatte, aus der tasche.
"ein kleines dankeschön für die kriminellen freundschaftsdienste."
das objekt strahlte, als hätte ich ihm den lotto-jackpot ausgehändigt.
"das ist ja cool, ich hab überhaupt keinen alkohol mehr im haus. wenn du noch ein bisschen zeit hast, dann lass uns das doch gleich zum anlass nehmen. trinken wir zusammen eins!"

das objekt verrückte sessel und tisch so, dass wir zu zweit sitzen konnten und machte kerzen an. dann drehte es einen joint.
"das ist die kostprobe, sozusagen", meinte es und holte dann zu einem längeren exkurs über anbauort und ernteverfahren aus. ich fühlte mich fremd und verlegen, unfrewillig gast, fragte mich heimlich, was das objekt so empfand und wie viel dieser offensichtlichen souveränität show war.

dann nippte das objekt an seinem bier und sagte:
"ich bin ja so stolz... das ist mein erstes alkoholisches getränk für diese woche. das zeigt mir: hey, ich kann auch ohne!"
"und dass, wo du immer so viel getrunken hast."
"seitdem ich hier wohne, irgendwie kaum mehr. höchstens zum feiern. ich kiffe, aber alkohol... das war so ein punkt, an dem ich neulich ankam, als ich im supermarkt an der kasse stand: ich will so nicht enden."
"enden wie wer?"
"wie mein vater."
mir blieb der mund offen stehen. das objekt redete sonst nie von seinem vater. "ich habe keinen vater", sagte es sonst höchstens, oder "mein vater ist für mich gestorben."
in mir fielen mehrere groschen.
"dein vater ist..."
"alkoholiker", beendete das objekt meinen satz.

wir starrten gemeinsam aus dem fenster in die birke, die in der nacht raschelte und ab und an das glas berührte. dann erzählte das objekt die kurzfassung seiner kindheit. vom immer abwesenden da besoffenen vater, der den jüngeren bruder ganz eindeutig vorzog und der mutter, der es immer nur um die objektive sportlerkarriere ging.
"ich war der letzte arsch, zuhause und auch in der schule. und das schlimmste war, als sie mich dann in dieses internat gesteckt haben. zum glück hatte ich meine oma... mit meiner oma bin ich neulich die grenze abgefahren, die dörfer ihrer kindheit... und dann haben wir das haus gefunden, in dem sie als kind gelebt hat..."
das objekt sprang auf und begann zu kramen. dann holte es eine große schieferschindel hervor.
"das ist von ihrem haus... das habe ich mitgenommen als andenken."
die objekt-augen leuchteten, während ich aus dem staunen nicht herauskam.

"du bist ein ganz anderer mensch geworden", blinzelte ich schließlich. "wie du redest... dein auftreten, deine haltung... dein blick..."
"naja... meine komplexe hab ich alle noch", lachte das objekt. "du ja auch, da kommt man nicht so fix raus."
"meine komplexe, soso."
"du magst dich nicht."
"das stimmt so nicht ganz."
"aber teilweise."
"na und?"
"so kann man dich ganz schwer lieben, morphine", sagte das objekt da. "zumindest muss man so stark sein und es schaffen, deine zweifel an dir nicht zum zweifel an deiner liebe zu machen. du gehst immer, wenn dir jemand nahe kommt... zumindest innerlich. vor allem, wenn jemand selbst sehr unsicher ist, wird er sich bei dir vielleicht... alleingelassen fühlen."
ich schwieg.
"ich wollte dir jetzt nicht zu nahe treten", sagte das objekt und lockerte seine therapeuten-haltung.
"nein, schon okay, ist ja nichts, was ich nicht weiß."
"aber du kannst es nicht umsetzen, was?"
"irgendwie nicht", sagte ich matt. da rutschte das objekt ganz nah an mich heran, bis seine knie die meinen berührten, zog mich ein stück zu sich und legte seine wange an meine.

"was sagt deine zeit?" fragte das objekt dann.
"soll ich gehen", fragte ich peinlich berührt.
"neinnein", wehrte das objekt ab. "ich dachte vielmehr gerade, dass du doch vielleicht bleiben könntest. wenn es geht und wenn du dir das vorstellen kannst."
"warum?"
"nicht, dass ich notgeil wäre, aber... weil du es eben bist. weil ich es mir wünsche und es mir gerade schön vorstelle, neben dir einzuschlafen."
hm! soweit hatte ich in meinen kühnsten träumen nicht gedacht.
"wir können ja mal sehen", sagte ich diplomatisch. "wenn ich gleich zu bekifft bin, um noch radzufahren, überlege ich es mir."

das objekt kramte alte brettspiele aus einer kiste, dann saßen wir auf dem bett zwischen karten und würfeln und einem schachbrett. wir spielten alles mögliche, und ich gewann beinahe jedes mal.
"revanche", rief das objekt ein ums andere mal. "du kränkst meinen männlichen stolz!"

sehr spät und vom vielen lachen ganz erschöpft räumten wir dann alles wieder in die kiste. am boden der kiste fand ich einen papierhaufen.
"was ist das denn", fragte ich das objekt. "ein ratespiel?"
"nee, das ist ein iq-test", sagte das objekt.
"so einer aus dem internet oder ein richtiger?"
"ein wissenschaftlicher", sagte das objekt.
ich blätterte und blätterte. da hatte jemand notizen gemacht. am ende stand die auswertung: 142.
"uiuiui", sagte ich. "da haste aber kluge patienten. wer hat den denn machen müssen?"
"ich", sagte das objekt da.
ich war sprachlos.
"naja, ich konnte das auch erst nicht glauben", meinte das objekt. "ich hab dann noch mal einen anderen gemacht, der noch umfassender ist und zwischen den unterschiedlichen intelligenzen, die man so haben kann, differenziert. da hatte ich dann 138."
ich konnte es noch immer nicht fassen.
"mein einziger großer schwachpunkt ist die handlungsintelligenz", berichtete das objekt. "heißt also, ich denke klug, handle aber nicht so. deshalb bin ich wahrscheinlich der, der ich eben bin."

gegen halb drei uhr nachts warf das objekt einen film in den dvd-player. wir saßen auf dem bett, rauchten und mümmelten vollkornbrote mit tomate-mozzarella, die das objekt in mundgerechte häppchen geschnitten hatte. irgendwann rollte sich das objekt zur wand und bewegte sich nicht mehr. es war eingeschlafen. ich machte den fernseher aus und die übliche gutenacht-kerze an, holte mir eine zweitdecke und nutzte die freie hälfte des bettes. ich schlief tief und fest, komplett angezogen genau wie das objekt und wurde erst am frühen nachmittag wach, weil es warm und stickig war und das objekt sich über mich gerollt hatte.
"wie spät isses denn", murmelte das objekt im halbschlaf.
mein handy zeigte mir 13:27 uhr.
"halb fünf", sagte ich todernst.
"oh mein gott", fuhr das objekt auf.
leider muss ich bei meinen eigenen scherzen immer zu früh kichern.
"das stimmt gar nicht, oder", durchschaute mich das objekt rasch. ich lachte, und das objekte boxte mich. dann kniete es über mir und ich registrierte den ersten gefährlichen moment.
"hunger", sagte ich schnell.
"ich mach frühstück", sprang das objekt eilfertig auf.

während das objekt den tisch deckte, tauchte ich, klebrig und verschwitzt wie ich war, erst einmal in der badewanne unter. dann plötzlich kam das objekt mit dem guten-morgen-joint herein und ließ sich auf dem pott nieder, um mir aus seinem neuen buch vorzulesen. ich zog flux die knie ans kinn und bewegte mich nicht mehr, damit keine löcher im schaum entstanden. obwohl es im wasser mollig warm war, begann ich vor anspannung innerlich zu schlottern.
"also entspannt baden sieht irgendwie anders aus", kritisierte das objekt bald darauf meine körperhaltung.
"das wasser ist schon ein bisschen kalt", schwindelte ich.
schwupps, beugte sich das objekt über die wanne und ließ heißes wasser nach.
"besser?"
"jaja."
"du hast wimperntusche im gesicht", stellte das objekt richtig fest.
"ich hab mich gestern nicht abgeschminkt."
das objekt verließ das bad und kam mit einem waschlappen und watte wieder.
"augen zu", befahl es mir und krempelte die hemdsärmel hoch. dann entfernte es mit der watte mein rest-make-up und wusch mir anschließend das gesicht, hals und schultern. ich kam mir vor wie in der badewannenszene bei "secretary".
"du hast so ein schönes gesicht", fand das objekt. "ich glaube, du wirst auch mit 80 noch gut aussehen."
dann verließ es ziemlich abrupt das badezimmer. brandgefährliche szene nummer zwei gebannt.

nach dem frühstück und dem dritten joint, als die welt wieder angenehm in die ferne rückte, räumten wir auf und lüfteten.
"ich würde dann mal gehen", sagte ich.
"hast du noch was vor?" fragte das objekt.
"naja... ich kann ja nicht noch ewig hierbleiben."
"nicht ewig... aber so bis kurz vor neun? dann hab ich nachtschicht und wir könnten zusammen mit den rädern los", schlug das objekt vor.

also kuschelten wir uns wieder ins bett und machten musik an. nach einer weile zog mich das objekt an sich. ich suchte vergeblich nach einem feuerlöscher für den brandgefährlichen moment nummer drei. doch wenn ich ehrlich war, hatte ich nach fast 24 stunden in der objektiven pheromonwolke gar keine lust mehr auf feuerlöschen.

als wir vor der objekt-arbeitsstätte standen und uns verabschiedeten, meinte das objekt:
"was für ein teufelsritt, du weib. und ich muss jetzt arbeiten!"
ich grinste.
"ich hab ja urlaub."
"stimmt, du bist ja auch gleich nicht mehr da."
"jupp."
"dann wünsch ich dir was.
"ich dir auch."
"das kopfkino jetzt gleich auf arbeit nimmt mir ja keiner."
"dann behälst du mich ja in guter erinnerung."
"das war doch hoffentlich nicht das letzte mal!"
"you never know."
ich schwang mich in den sattel und machte, dass ich weg kam.

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Mittwoch, 9. Mai 2012
s.uck m.y s.word
"dir, du schmetterling, der denkt, er wäre noch immer raupe, sag ich nun, mit dem schwert in der hand, gut´ nacht und auf wiederficken!"

sms nummer 42 für diesen abend.

ich kann nicht umhin, ich liebe direkte ansagen!

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Freitag, 4. Mai 2012
der rote reiter
im büro klingelt mein handy. ich denke, das ist bestimmt das objekt - und es ist das objekt.

"ich arbeite", sage ich mittelschwer genervt. im gegensatz zum objekt habe ich keinen schichtdienst. mann kann sich meine arbeitszeiten theoretisch leicht merken. das objekt nicht. es ruft an, wann es ihm passt.
"ich wollte dir was wichtiges sagen", beschwichtigt mich das objekt.
"was denn", sage ich und mache mich auf den weg ins zimmer meiner chefin, wo heute niemand ist und ich ungestört rauchen darf.
"du bist die quelle meiner inspiration und ich möchte dich nie missen", lässt das objekt seinen honig durch den hörer tropfen.
"aha", sage ich nüchtern und ziehe an meiner zigarette. "und sonst so? irgendwelche wichtigen anliegen?"
das objekt holte tief luft.
"ähm, also pass auf... ich hab das auto von meinem freund, und der fährt im juni für vier wochen in urlaub. und dann steht das haus leer, weißt du, an dem see, wo wir mal waren..."
"und?"
"wollen wir hinfahren?"
ich bin überrascht.
"ich weiß nicht, muss ich mir mal überlegen."
"für ein wochenende oder so... oder ich werde auch einfach mal nur für eine nacht runterfahren... also wenn du möchtest... wenn dir mal nach einer badewanne ist oder ruhe oder kaminfeuer..."
"oder nach dir", sage ich leichthin, und das objekt schweigt.

dann, endlich, kommt es zum punkt.
"ich statte meine küche neu aus", sagt es. "und ich wollte wissen, ob du irgendwas brauchst."
"ich dachte, du hast noch was geparkt", erinnere ich das objekt an sein depot.
das objekt lacht nur.
ich verstehe.
"sag mal ne summe, baby", bittet mich das objekt.
"weiß nicht, ich müsste mal rumfragen", sage ich. "was haste denn so im auge? außer kräutern? kaffee?"
"alles, was dein herz begehrt", sagt das objekt.
"mein herz begehrt ja gar nicht so schrecklich viel."
"du kannst auch gegen naturalien tauschen", säuselt das objekt, eingedenk meiner rezeptpflichtigen burner.
"meine apotheke ist kein bonbon-laden."
"du bist süß", lacht das objekt. "also, was ist?"
"ich bin dabei."
"super. kommste mit zum großmarkt?"
"kein bock."
"okay, dann..." seufzt das objekt.

ich warte noch zwei sekunden.
"ich komme dann vorbei und hol das zeug ab."
"ja gerne!" ruft das objekt. "oder ich bringe es mit."
"kommst du am wochenende in den club?"
"denk schon, ich muss mal wieder unter menschen", sagt das objekt und beginnt dann zu summen: "hey, hey, hey... ich bin der goldene reiter... ich bin der gott dieser stadt..."
"alles klar", sage ich. "dann pass bloß auf, weißt ja, was mit dem typen passiert ist. nicht, dass du mit einem halben kilo küchenkräutern und mohn einfährst und ich bin auch noch mitschuldig."
das objekt ist sich seiner sache sehr sicher.
"ich weiß, wie die dinge laufen."
"gut. dann allez-hopp."
"zu befehl, madame. und, was hast du heute noch schönes vor?"
"ich lasse meine wirbel von meiner lesbischen therapeutin neu ordnen."
"heiß. was kann die sonst noch so, außer wirbel ordnen?"
"hm, auf meine brüste starren?"
"das ist ja nicht schwer bei dir..."
"tja, wer hat, der hat."

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Dienstag, 1. Mai 2012
odyssee in den mai
gestern bekam ich besuch von mr. shyguy. der hatte eine überraschung für mich:
"das objekt will, das wir vorm partymachen noch bei ihm vorbeikommen, einen rauchen und ein bisschen vorglühen."
ich war erstaunt.
"ich war noch nie da bei ihm in seiner merkwürdigen unterkunft."
"ja, ich doch auch nicht. deshalb müssen wir es jetzt auch anrufen, damit er uns sagt, wo wir gleich hinmüssen."

ich war noch immer überrascht und überlegte, ob ich das wollte. doch mr. shyguy nahm das ruder in die hand. er schnappte sich mein kreischviolettes wählscheiben-telefon und wählte eine nummer, die ich nicht kannte.

mr. shyguy ließ es dreimal durchklingeln. niemand ging ran.
"okay", sagte ich, "das wars. wir fahren alleine in den club."
"wart doch mal", sagte mr. shyguy.
und plötzlich klingelte das telefon.
ich sprang auf und riss den hörer von der gabel:
"ja?!"
"morphine", sagte das objekt warm. "du bist das."
"mr. shyguy ist hier und wir würden gerne wissen, wo du wohnst", sagte ich gereizt.
das objekt begann lang und umständlich den weg zu beschreiben, bis ich es unterbrach:
"die adresse. mir reicht die adresse. den rest sagt mir g. maps."
das objekt sagte straße und hausnummer.
"steht dein name irgendwo am klingelschild?" fragte ich, weil ich die objekt-schlampigkeit kannte.
"äh, nein", stammelte das objekt. "aber ich komme runter und warte auf der straße auf euch. ich bin in 20 minuten da."
"15", widersprach ich. "so weit ist das nicht."
als ich auflegte, sagte mr. shyguy, der das objekt sonst hemmungslos bewunderte:
"der typ ist manchmal nicht so intelligent, oder?"
ich prustete los.

dann schlüpften wir in schuhe und mantel und wollten los. da klingelte das telefon abermals. es war noch mal das objekt.
"du, morphine, ich hab wein für dich gekauft... und ich hab bier... und wodka. willst du noch irgendwas?"
"nein", sagte ich. "das sollte für das stündchen, das wir vorhaben zu bleiben, reichen."
ich legte auf. mr shyguy war verwundert und fragte:
"was ist denn?"
"er wollte mir nur noch mal aufzählen, was an getränken da ist."
"hä?"
"naja, du hast ja vorhin schon festgestellt: manchmal ist das objekt nicht so intelligent."

dann saßen wir im auto. mr. shyguy hatte hunger.
"lass uns mal noch wo an die tanke fahren", sagte er.
"dann kommen wir aber zu spät. wir sind sowieso knapp. das objekt steht bestimmt schon auf der straße. und wie du vielleicht bemerkt hast, regnet es. also lass uns da schnell hin und dann frag das objekt doch, ob es was kocht."

kurze zeit später standen wir vor einem hochhauskomplex.
"das ist es?", sagte mr. shyguy ungläubig. "das sieht aus wie ein krankenhaus."
"doch, das ist es", sagte ich und zeigte richtung eingang: "da steht das objekt."
das objekt winkte uns, dann nahm es erst mr. shyguy und danach mich in die arme. es war ganz nass.
"willkommen", sagte es.
"du tropfst", begrüßte ich es.
"kommt schnell rein", ärmelte das objekt uns beide unter und zog uns zum aufzug.

als wir in der oberen etage ankamen, war der flur kreischblau gestrichen.
"oh mein gott", sagte ich.
"sag nichts", grinste das objekt. "es hätte schlimer kommen können. es gibt auch rosa flure!"
das zimmerlein selbst war ganz annehmbar. das objekt mit seinen innenarchiktonischen fähigkeiten hatte das beste daraus gemacht. bis auf den teppich und den hässlichen schrank im mikro-flur sah es aus wie in der objektwohnung. es gab sogar eine badewanne.

"cool", sagte ich halb überzeugt.
"hast du was zu essen", haute mr. shyguy das objekt an.
das objekt begann im schrank zu wühlen und holte schoki und kekse hervor.
"keine schoki", sagte ich, "mr. shyguy ist auf diät."
"wenn ich was kochen soll, müssen wir rüber in die gemeinschaftsküche", sagte das objekt.
wir folgten dem objekt über den flur in die hässliche küche, die aussah wie eine mischung aus jugendherberge und knastkombüse.

eine halbe stunde später saßen wir über einem thai-eintopf, tranken wein und bier und ließen es uns gut gehen.
das objekt schaute mich über einen löffel dampfender auberginen in chilisud an und sagte dann:
"ich hab dich vermisst, madame. ich hab dich wirklich vermisst. die goldenen momente, die inseln mit dir..."
mr. shyguy schaute gespannt zwischen dem objekt und mir hin und her.
ich schluckte die aufgehende sonne in mir mit scharfem hühnchen hinunter und zuckte dann lapidar die achseln.
"du hast nicht mich vermisst, du vermisst den zustand, den du mit mir hattest. sorglosigkeit. freiheit. exzess."
das objekt sagte nichts mehr, holte dann umständlich den tabak aus der tasche und begann, einen joint zu drehen.

"wohin wollen wir denn nun heute?" fragte mr. shyguy.
"keine ahnung", sagte ich.
das objekt wollte auf eine fetisch-party.
"boah. ich glaub, da hab ich keine böcke drauf", sagte ich.
"ist aber sehr schön da", sagte das objekt.
"allerdings hätte ich auch viel mehr lust auf was anderes", sagte mr. shyguy. "ist da nicht irgendwo eine 80er-party?"
"ja, komm, lass uns da hinfahren", sagte ich. "ich muss mal andere leute sehen. nicht immer nur so ne freaks."
"gut", sagte mr. shyguy. "dann setzen wir das objekt bei seiner party ab und fahren dann weiter."
"langweilig!" zog uns das objekt auf, "dabei ist da so gute musik!"

und los ging es. das objekt und ich waren zu diesem zeitpunkt schon reichlich angeschossen und hatten die wodkaflasche halb geleert. ich schwankte.
"das ist der zustand, den ich normalerweise erst am ENDE eines abends erreicht haben möchte", säuselte ich.
während mr. shyguy fuhr, saßen das objekt und ich auf der rückbank des wagens. das objekt schaffte auch die zweite hälfte der flasche noch bevor wir überhaupt in clubnähe kamen. es kuschelte sich an. mir war schwindelig und leicht übel.
"wenn ich kotze, kotze ich dich an", sagte ich zum objekt.
"du kotzt nie", sagte das objekt mit selbstverständlichkeit.
das hatte es sich also gemerkt.

wir kamen bei der objekt-wunschlocation an.
"viel spaß beim spielen", sagte ich, und das objekt griff sich grinsend in den schritt.
dann stiegen mr. shyguy und ich wieder ins auto und fuhren weiter.

als wir bei unserem club ankamen, stand eine endlose schlange an der tür.
"nein!" rief mr. shyguy.
"da stellen wir uns nicht an", sagte ich, "da sind wir ja übermorgen noch nicht drin."
"und nun?"
"da gibts noch woanders sowas ähnliches. ist allerdings am anderen ende der stadt."
"ist das gut?"
"och, du, so oft war ich da noch nicht, aber als ich da war, wars immer okay. es ist halt ein bisschen teurer."
"wie teuer?"
"so sieben, acht euro denk ich. auf jeden fall aber billiger als eine fetisch-party!" meinte ich.
"egal, da fahren wir jetzt hin."

gesagt, gefahren, eine halbe stunde später waren wir am ziel. vor dem club gab es keine schlange. warum das so war, erklärte sich am eingang: der spaß sollte 15 euro kosten.
"hattest du nicht gesagt, es sei deutlich billiger als eine fetisch-party?!" entsetzte sich mr. shyguy.
"sollen wir wieder fahren? wir können auch immer noch auf den kiez."
"nein", entschied mr. shyguy, "jetzt sind wir schon mal da! außerdem wollte ich schon immer mal wieder auf eine 80er-party."

nachdem ich den eintritt gelöhnt hatte, hatte ich genau noch zwei euro in der tasche.
"ey, ich kann mir hier nicht mal was zu trinken kaufen", sagte ich, "nicht, wenn ich nachher noch mit der bahn nach hause will."
"ist auch besser so", fand mr. shyguy im anbetracht meines zustands.
ich schubste ihn und lachte.

mein angeheiterter zustand sollte sich innerhalb kurzer zeit ins gegenteil verkehren. die party zu besuchen entpuppte sich als fehlentscheidung des jahrhunderts. die musik war halbwegs okay, aber die anlage schepperte blechern. ich fühlte mich nach zwei liedern kurz vorm tinnitus.

davon abgesehen waren wir deutlich die jüngsten. die partybesucher waren schätzungsweise zwischen 35 und 55, meist unterwegs als paar. männer vom typ "bärchen", die sich in karohemden, jeans und turnschuhen ultimativ hip fühlten und sich aufgeregt die grauen bärte schubberten, wenn eine guterhaltene vierzigerin im leo-look an ihnen vorbeiwackelte.
"ich fühle mich optisch vergewaltigt", sagte mr. shyguy.
"die leute sehen aus wie meine eltern", fand ich.
"und guck mal wie die tanzen", zeigte mr. shyguy auf einen pulk von tanten, die unkoordiniert gegen den rhythmus hoppelten.
"sieht aus wie schüttellähmung", sagte ich.

eine halbe stunde später saßen wir geknickt an der bar. dann kam eine sms vom objekt an. das feierte offenbar vollgekokst bis in die haarspitzen gerade eine art orgie mit irgendwelchen weibern.
"boah", sagte ich, "also dass wir da nicht mit sind, das war die schlimmste fehlentscheidung meines lebens."
"und das viele geld, das wir jetzt ausgegeben haben!", jammerte mr. shyguy.
"und der schreckliche anblick all dieser tanten und onkels..." jaulte ich weiter.
"und diese billige anlage..."

es musste etwas passieren. nüchtern sowie ernüchtert stand ich auf, packte mr. shyguy an den schultern und sagte:
"wir gehen. wir nehmen eine sparkasse mit, ich hole geld und wir gehen jetzt auch auf diese party."
"das geht nicht", sagte mr. shyguy zerknirscht.
ich seufzte gereizt:
"stell dich mal nicht so an!"
"das hat damit nichts zu tun", beharrte mr. shyguy. "ich habe das falsche outfit an."
ich sah an mr. shyguy herab. hemd, jeans, sneakers - gut, das ging nun wirklich nicht.
"dann lass uns wenigstens noch auf den kiez!"

wir verließen den ort des grauens, holten geld und frischen alkohol und stürzten dann auf einer walpurgisnacht-party im metal-keller ab. dort waren junge leute, es ging lustig zu und als gegen ende des abends immer mehr elektromusik lief, fand auch ich den weg auf die tanzfläche. zwei stunden später spürte ich sämtliche knochen und bandscheiben, war schweißgebadet - und schon wieder nüchtern. doch ein blick auf die uhr zeigte mir: es war ohnehin bereits nach sechs uhr morgens. mr. shyguy hatte sich schon vor einiger zeit verabschiedet.

ich wankte mit einem heavymetal-freak zur bushaltestelle, kaufte vom letzten geld einen kaffee und eine fahrkarte und war eine gute halbe stunde später zuhause - tödlich erschöpft, aber mit dem gefühl, das beste verpasst zu haben.

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exzess.

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Freitag, 27. April 2012
power of balance
die ente, die einbeinig schlafend am flussufer steht, den schnabel tief unter den flügel geschoben.

die nicht einmal blinzelt, als ich vorbeigehe.

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