Dienstag, 10. April 2012
grasses gedicht: a rough polaroid
was zu "was gesagt werden muss" gesagt werden muss

warum dinge gesagt werden müssen? weil das wort befreit. weil das wort das tabu bricht.

warum dinge missverstanden werden wollen? es ist das spiel. das wort spielt mit dem ernst und den horizonten der leser. polarisieren oder identifizieren. grass ist zu alt, um der welt eine heile welt vorzugeben mit leitbildern zu identifikation. und jeder, der sich öffentlich äußert, weiß: du sollst nicht langweilen.

im zweifelsfalle also: lieber zutreten als streicheln. anecken. gucken, was passiert. wegsehen und schweigen, das machen ohnehin alle. der autor schreibt, der hooligan wirft den molotow-cocktail. im herzensgrunde: dasselbe. verletzen, in brand stecken. vor allem aber: schaulustige anziehen.

der sprecher des gedichts (und ich sage bewusst nicht: grass) spielt mit dieser erwartungshaltung. er weiß, dass er missverstanden und kritisiert werden wird. die haltung dazu aber ist ein "so fucking what?" reden ohne handeln ist unrecht, so eine these der raf, aber letztendlich auch das reden zu unterlassen, kann ein verbrechen sein, findet der sprecher.

warum leser zu opfern werden:
wenn der sprecher des gedichts den staat und die politische aggression kritisiert, kritisiert er nicht die religion oder das volk. er kritisiert politisches handeln. er kritisiert - auf den punkt gebracht - die politische legitimisierung von mitteln zum massenmord. seit rund 90 jahren verwechseln menschen antisemitismus, antijudaismus und kritik am politischen system. weil sie nicht differenzieren können. natürlich sind diese menschen die ersten, die grass jetzt undifferenziertheit vorwerfen.

macht mal die augen auf: das ist kein gedicht gegen das jüdische volk. es ist noch nicht mal ein gedicht gegen das volk israel. es ist ein gedicht, das sich gegen die wenigen wendet, die über das leben der vielen entscheiden, bestimmen.
hätte grass vor 40 oder 45 jahren geschrieben: "die atommacht usa bedroht den weltfrieden", hättet ihr applaudiert. während die usa not amused gewesen wäre und günter grass vermutlich von der cia hätte eleminieren lassen. ergo: der leser wird opfer seiner historischen determination und seines soziokulturellen über-ichs. walser nannte es, etwas weniger elegant, die "moralkeule auschwitz".

"was gesagt werden muss" ist - meines bescheidenen erachtens - ein streitbares gedicht, aber nicht ohne menschenliebe. und deshalb finde ich persönlich es - wegen enormer grass-zentrik nicht uneingeschränkt - im großen und ganzen doch gelungen.

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Freitag, 6. April 2012
nase voran, der rest wird schon
keine neuigkeiten aus dem roten land, aber auch noch keine großartigen schwangerschaftsanzeichen. neulich war mir schlecht. aber das lag daran, dass ich mit meiner kollegin ein neuartiges diätpulver eines unserer kunden testete. ich hätte gewarnt sein müssen, denn auf der verpackung stand: enthält eine phenylalaninquelle.
"was heißtn das", fragte die kollegin.
"das heißt, dass wir unter umständen gleich richtig gut scheißen können", erwiderte ich.
"morphine, deine offenherzigen äußerungen sind immer wieder unschlagbar", fand die kollegin.

doch meine äußerungen sind in der regel (und außerhalb) nicht nur offenherzig, sondern auch weise, wie sich knapp eine stunde später an zwei lebenden beispielen zeigte.
"KLOPAPIER!" brüllte meine kollegin aus dem über den flur auf dem treppenabsatz gelegenen kabuff und ich reichte ihr die nächste rolle, während ich selbst angespannt auf und ab tippelte.

tja, bei organischen vorgängen ist der wille machtlos. sträuben macht es meist nicht besser. ist bei schwangerschaften wohl ähnlich. immerhin bieten sich gewisse bloggerkollegen, die mich intimer kennen, inzwischen bereitwillig prophylaktisch als böse onkels an.

der mensch hingegen ist sehr still und nachdenklich geworden. er fragt nicht nach, was jetzt ist. aber die art und weise, wie er seine arme um mich legt, hat sich verändert. sie ist tastend, prüfend und nicht mehr vorbehaltlos fest.
wir machen kommunikationsspielchen und reden um den heißen brei herum.
"wovor hast du im leben am meisten angst", frage ich den menschen. "also das erblinden jetzt mal ausgenommen."
"da fällt mir nichts ein", meinte der mensch nach einigem grübeln.
"sicher?" hakte ich nach.
"ja doch", sagte der mensch.
doch der mensch ist wie ich: er hat die erfahrung gemacht, dass die dinge funktionieren, wenn man sie nur wohlüberlegt und vor allem selber anpackt. nase voran eben. mutig sein, manchmal auch todesmutig. anders lässt es sich auch nicht erklären, dass der mensch bisweilen fahrrad fährt.

ostern jetzt noch mal feiern. mit all denen, die nicht da sein konnten: dritter und drittefreundin, objektexfreundin und zwei, drei anderen.
das objekt seineszeichens weilt zusammen mit dem objektsohnemann über ostern bei seinen eltern und ließ sich feige über die objektexfreundin entschuldigen, was mich schon wieder furchtbar ärgerte. zumal ich von der k.-ex wusste, dass es wohl schon wieder erste post vom gericht gab.
"ich warte auf den nächsten haftbefehl", hatte die k.-ex am telefon gesagt. "und dann werde ich ihm nicht mehr helfen."

baustellen, wohin das auge blickt. aber wäre satte zufriedenheit schöner? ich finde nein. sonst würde ich am ende eines tages die nase einziehen, mich in meiner jägerzaun-idyllischen komfortzone verschanzen und alles darauf beschränken, samstag nachmittag den porsche zu wienern. man darf nicht satt werden, wenn man die köstlichkeit des lebens noch mit allen sinnen empfinden können will. es ist anstrengend, ja. aber die horizonte weiten sich so schön ins unendliche.

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Mittwoch, 4. April 2012
nachlese: vorlese berni meyer - mandels büro
bei dieser lesung hatte ich das gefühl, dass ich auf einem auge einen josef hader-film gucke und auf dem anderen die harald schmidt-show.

prädikat: höchst unterhaltsam. auch zustandsbeschreibungen bekommen da einen hauch von action.

ich bekrittle ja auch gerne wohlwollend. bin ja theologin, sanft und vergebend. sogar wenn es um flatulenz im beichtstuhl geht.

kurzum: da habense wat verpasst, sie!

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Dienstag, 3. April 2012
31
ich habe tolle freunde. wirklich.
allein, dass sie heute bis eben ungeachtet beruflicher verpflichtungen mit mir meinen geburtstag feierten, macht sie zu etwas sehr besonderem.

ich bin angekommen. es passt noch längst nicht alles. aber die menschen um mich herum stimmen. ich liebe sie von ganzem herzen.

das prinzip lautet nach wie vor: let me never be content.
sehnsucht ist (m)ein motor.
doch es gibt einen puffer zwischen verzehrendem traum und harter realität. es sind diese menschen.

ich bin dunkelblau. ich falle jetzt in mein bett. und bin sehr, sehr satt.

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Mittwoch, 28. März 2012
well(en)stress im whirlpool
im büro herrscht urlaubssperre. nächster möglicher zeitpunkt für freimachen ist ende mai. da wir maximal unter stress stehen, sind wir alle kurz vorm durchdrehen. für meine eine heißt das mal wieder: gnadenlose schmerzen. da ich aber nicht komplett krank werden kann, da mich der verdienstausfall ruinieren könnte, muss ich künstlich fit halten. heißt zu deutsch: wir machen wellness!

wellness ist eine neuzeitliche erfindung, um menschen davon abzuhalten, burnout zu entwickeln. das funktioniert bedingt, da man a) genug geld und b) genug zeit für den wellness-quatsch haben muss. hat man a) und b) ist man wiederum theoretisch nicht allzu burnoutgefährdet. womit sich die maus in den schwanz beißt.

mangels a) und b) machte ich heute also c), das heißt eine ausnahme und begab mich in die geheiligten schwimmhallen, die sich da therme nennen. dort war ich früher des öfteren, als ich mich noch nicht mit sozialversagern rumtrieb und mich von behinderten schwängern ließ.

ich schwamm erst 1000 meter, um mich ein bisschen zu entspannen, dann legte ich mich in den beleuchteten blubber in der seitenbucht des beckens, auch genannt whirlpool. dort lehnte ein junger typ und glotzte mich erschreckt an. als ich auf klo ging, verstand ich auch warum: meine wimperntusche - ich kam direkt aus dem büro - war sehr offensichtlich nicht wasserfest. ich sah aus wie ein böser clown. also ordentlich geschrubbt, dann ging es einigermaßen.

weil mir ständig kalt ist, seitdem ich den potenziellen mikro-morphine-mensch in mir trage, begab ich mich sodann ins römische dampfbad. in der therme gibt es zwei davon. in einem riecht es nach minze, in dem anderen nach kamille und anderen beruhigenden heilpflanzen. ich nahm zuerst kamille für die entzündeten nerven, dann minze für die verstopfte nase. ich war die ganze zeit alleine, bis wieder der junge typ aus dem whirlpool aufkreuzte. er setzte sich neben mich und guckte wieder. dann nahm er ein schälchen mit salz und begann, sich damit abzuschrubben. jetzt war ich es, die glotzte. frau sieht ja nicht alle tage einen muskulösen, gebräunten, fettfreien jungs-körper, auf dem weißes salz glitzert. entgegen sonstiger präferenzen für graue schläfen und graue eminenzen war der optische reiz in diesem fall vermutlich ein unbedingter.

"willst du?" fragte der junge schließlich und streckte mir das salz entgegen.
tapfer nahm ich zwei fingerspitzen davon - salz auf unserer haut, was können da bekanntlich nicht für wilde romanzen daraus erwachsen - und verteilte das zeug auf armen, beinen und dekolleté. ich wartete artig. es brannte wie hulle und ich musste an die schlachtung von aalen denken, die ja bekanntlich solange gesalzen werden, bis sie sterben, nämlich mehrere tage lang. (sie dachten vermutlich, das zu-tode-kochen von hummern sei inhuman, aber die sache mit den aalen toppt das um ein vielfaches, glauben sie mir. sehen sie einmal zu, sie essen nie wieder aal.) durch die vorstellung sterbender aale wurde mir etwas schlecht und ich floh würgend auf die toilette.

als es wieder ging, zog ich noch ein paar runden durchs wasser und nahm dann wieder meinen posten im whirlpool ein. schwupps, saß der typ erneut neben mir. ich fasste mir ein herz und lächelte ihn an. er lächelte zurück und stellte sich dann vor. 26, bwl-student, aus einem fischerdorf in swh. niedlich und sehr wohlerzogen.

es wurde ein nettes gespräch. irgendwann schnappten wir uns die umhertreibenden schaumstoffwürste und bauten daraus eine art boot, mit dem wir durch das thermenbecken schipperten. der bademeister beobachtete uns grinsend. möglicherweise hielt er uns für ein frischverliebtes paar, schlimmstenfalls für mutter und sohn.

als wir um kurz nach 22 uhr aus dem becken krochen, erschöpft vom vielen lachen und blödsinn machen, spürte ich eine warme hand am unteren teil meines rückens.
"ich hab schon wen", platzte ich heraus.
"oh", sagte der typ.
"tut mir leid", erwiderte ich.
"macht nichts", sagte der junge.
"ich geh mich jetzt umziehen", meinte ich dann verlegen.
"treffen wir uns am ausgang?" fragte der junge typ.
"okay."

als ich trocken und warm nach unten schlenderte, stand noch niemand am ausgang. da gedachte ich des menschen und des potenziellen mikro-morphine-menschen und flüchtete schnell in die späte nacht.
schließlich musste ich morgen wieder tausend prozent leistung erbringen. und überhaupt, das geht ja nicht so. das alles.

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