Montag, 28. November 2011
in den krallen der energie-terroristen
heutzutage ist ja alles terror. sogar neonazis heißen neuerdings "nazi-terroristen". deshalb hat das wort "terror" inzwischen einen verharmlosenden und beiläufigen nachgeschmack. wenn es im winter wieder zu verstärktem schneefall kommt, sprechen die wetterfrösche dann wahrscheinlich von "winter-terror" oder "glatteis-terrorismus".
ich bedauere, dass die dimensionen des tatsächlichen terrors dadurch nicht mehr in ihrer perfidität angemessen ausgedrückt werden können. der wahre terrorismus, meine damen und herren, spielt sich nämlich direkt vor ihrer nase ab.

alles fing an mit einem brief von vattenfall, in dem stand, dass aufgrund der bösen bösen energiepolitik unserer bundesregierung und dem damit einhergehenden atomausstieg leider die preise ansteigen werden, und zwar um rund 10 prozent. dass es sich dabei um eine dreiste lüge und einen herbeifabulierten zusammenhang handelt, wissen alle, die sich mal mit der greenpeace-studie zu regenerativen energien beschäfigt haben (greenpeace hat u.a. nachgewiesen, dass die konsequente einführung erneuerbarer energien zu einer preissteigerung um maximal ein prozent führen dürfte). aber vattenfall setzt auf die dummheit seiner kunden und macht damit wahrscheinlich in 95% aller fälle alles richtig. bravo, vattenfall.

mit den strompreiserhöhungen ist vattenfall (und die anderen dreist lügenden energienanbieter natürlich auch) schuld an einer neuen welle des terrorismus: dem energie-terrorismus.

so stand ich neulich bei meiner lieblingspost im assi-bezirk und regelte das päckchendesaster, das unser azubi verbockt hatte. die nette frau am tresen fertigte meinen 175 €-starken auftrag ab und drückte mir dann einen flyer in die hand. klar, die haben ja eine koop mit yello.
die frau fing an, mich zuzulabern. was ich verstehen kann, denn vermutlich bekommt sie provision.
"nein danke", unterbrach ich den wortschwall der netten dame, da es zwei minuten vor 18 uhr war und ich ohnehin wieder überstunden machen musste.
doch die frau laberte weiter. himmel, die hat bestimmt einen furchtbar niedrigen stundenlohn, wenn die so versessen auf ihre provision ist, fuhr es mir durch den kopf.
"hören sie, ich habe im moment wirklich kein interesse an ihrem angebot", unterbrach ich abermals die erläuterungen der dame.
als ich mich umdrehte, um den laden zu verlassen, rannte sie mir doch tatsächlich hinterher und hielt mich am ärmel fest.
"hier, ihr flyer! und wenn sie fragen zum produkt haben, berate ich sie gern!", piepste sie mit weit aufgerissenen, glänzenden augen.
ich schüttelte die hand ab, tätschelte der dame beruhigend die schulter, sicherte ihr zu, dass ich sie im unwahrscheinlichen fall meines interesses kontaktieren würde und schlüpfte zur tür hinaus.
die geben ihren angestellten bestimmt drogen, dachte ich. für solche augen muss ich mir schon mehrere lines reinziehen. aber vielleicht war sie auch nur auf ritalin. sind wir ja fast alle inzwischen.

heute, als ich zuhause saß, um meinen anstehenden artikel für eine gewisse tageszeitung zu tippen, klingelte es an meiner haustür. aus angst vor dem terror der gez öffne ich niemals auf klingeln an der tür, sondern frage immer vorsichtig über die sprechanlage den namen und den besuchsgrund der klingelnden ab.
draußen stand eine junge frau. sie habe gute neuigkeiten für mich, sagte sie. ich fragte, ob sie von meiner agentur käme, um meine gehaltserhöhung zu bestätigen, dann könne sie gerne hochkommen. wenn sie von den zeugen jehovas sei und meine zeitnahe erlösung verkünden wolle, könne sie hingegen getrost wieder gehen, da ich als theologin mich allenfalls selbst erlösen würde.
die klingeltante reagierte verwirrt, meinte dann aber, sie wolle mir ein tolles angebot machen. es gehe um strom und gas.
"nein danke, ich habe jetzt keine zeit dafür", sagte ich und legte auf.
drei minuten später klopfte es an meiner wohnungstür. ich guckte vorsichtig durch den spion. draußen stand ein blondes junges mädel und strahlte unnatürlich. ich machte den fehler und öffnete.
"guten tag, ich habe gute neuigkeiten für sie!" trällerte die blondine.
ich fuhr mir durch die ungekämmten haare, mein gott, ich musste aussehen wie eine pennerin, und wiederholte mein sprüchlein, dass ich gerade stark beschäftigt sei und keine zeit für energiediskussionen hatte.
"sie wollen also tatsächlich auf unser TOLLES angebot verzichten?!" schrillte die junge frau und das lächeln gefror auf ihrem gesicht.
"sie können mir die info in den briefkasten werfen, ich komme dann bei interesse auf sie zurück", sagte ich genau so, wie ich zu unseren anzeigenvertretern immer sagte, sie sollen mir die preislisten einfach zumailen und NICHT anrufen.
"ja, dann würde ich gerne noch ihre daten aufnehmen, damit wir ihnen aktuelle angebote zusenden können", meinte die strom-hausiererin und guckte mich wieder mit großen, glänzenden augen an. noch so eine auf drogen, dachte ich mir. aber kein wunder. die us-army gibt ihren soldaten auch amphetamine.
"nein", sagte ich. "gehen sie bitte und werfen sie die info unten in den briefkasten, danke."
dann warf ich die tür zu und setzte mich wieder an den schreibtisch. dort stellte ich fest, dass der durch den energie-terrorismus bedingte stress mir herzrasen verursacht und den kreativen impuls genommen hatte. was für ein desaster.

ICH KANN SO NICHT ARBEITEN.

ich muss mir dringend eine schusswaffe besorgen. zumindest für die zeit, bis die bundesregierung mit ihrem atomausstieg durch ist.

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Sonntag, 27. November 2011
durch den regen
der wind pfeift um die häuser. der kamin heult und mein schafzimmerfenster leckt. man sollte nicht zu viel von wohnungen erwarten. außer, dass die miete steigt.

ich habe darauf gewartet, dass diese woche vorübergeht, weil nur scheiß passierte und zwei, drei richtig traurige dinge. ich habe darauf gewartet, dass dieses wochenende vorübergeht, weil zwischenmenschlichkeiten mal wieder in unverbindlichkeiten baden gingen. leute, ihr habt doch alle einen knall. beklagt euch über mangelnde nachhaltigkeit, schafft es aber nicht mal, eine sms zu beantworten.

und da wundert sich wer, dass ich keine beziehungen mehr eingehe. wie denn auch, wenn schon eine freundschaft fast unmöglich ist.

auf anderen social-media-plattformen werde ich mit scientology-empfehlungen zugespammt. seh ich aus, als wäre ich so blöd, an erlösung zu glauben? und auch noch dafür zu bezahlen?

ich glaube euch nichts mehr.
alles, was ich glaube, sind die zahlen auf meinem konto. sie zeigen mit zuverlässigkeit, ob sich meine mühe lohnt.

leute, ich rate euch: setzt keine kinder in diese welt. es wäre schade um die seele, die ihr verschwendet.

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Freitag, 25. November 2011
kreise ziehen
man weiß ja doch nicht, wohin diese wege führen. nur ab und an spürt man grenzen. die fallen. oder die fangen (auf).

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Dienstag, 22. November 2011
sisterhood
jemand läuft dem objekt gerade ein wenig den rang ab. nicht in sachen spezifisch-objekt-sein. aber so in sachen ich-denk-an-dich.

es ist nicht die lederjacke. sondern der verheiratete. ich kann nicht anders, endvierziger sind manchmal einfach die besseren.

er ist so offen. er ist so dominant. er sagt sätze wie: "eines tages hol ich dich hier raus." und das prinzessinnen-gefühl steigt ins exorbitante, auch wenn ich zu viel weiß, um noch an die erfüllung eines märchens zu glauben.

er ist keiner, der meine schulter braucht. er hat selber zwei davon, die er mir gefahrlos bietet, weil er weiß, ich benutze ohnehin lieber meine eigenen. aber ich wiederum weiß, seine wären da, wenn ich sie wollte. oder um es mit objekt-worten zu sagen: manchmal zählt einfach die geste.

ich bin ein wenig ratlos, weil etwas in mir begonnen hat, entgegen der reißenden strömung auf diesen menschen zuzuschwimmen. auf diesen menschen, der mich zur schwester möchte, der mir aber zwei minuten später wilde sauereien ins ohr flüstert.

und das alles, ohne mich besitzen zu wollen. er weiß vom objekt und sagt, "nimm es mit, habt spaß, aber benutzt ein kondom." er erzählt von seiner frau, spricht aber bei sätzen mit liebe in der vergangenheit - was ihm übrigens nicht bewusst war, bis ich es ansprach.

wenn ich nach stundenlangen gesprächen den hörer auf station lege, fühle ich mich einsam und geborgen zugleich und frage mich, ob es ihm ähnlich geht.

nächte woche habe ich übrigens ein date mit der lederjacke. der unvernunft zum trotz.

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Sonntag, 20. November 2011
hughs and kisses
"ich hab mir was vorgenommen", sagt das objekt am heutigen abend. "wenn ich erstmal wieder eine eigene wohnung habe, dann möchte ich, dass wir uns regelmäßig besuchen. du musst mir dann vorlesen, und ich koche uns was hübsches."
"ich habe bisweilen nicht den eindruck, dass du so furchtbar viel an mich denkst", antworte ich, obwohl mir diese drei sätze ein inneres lächeln entlocken.
"ich denk total viel an dich", sagt das objekt zögerlich. "ich lebe in retrospektiven mit dir. ich hab so viel schönes mit dir und eigentlich nichts wirklich schlechtes. und da versink ich dann so drin, da kriege ich manchmal gar nicht mit, was um mich herum passiert."
"aha", sage ich.
das objekt hat ganz offenbar mehr erwartet als dieses "aha", merke ich. also gönne ich ihm den spaß und füge hinzu:
"ich dachte immer, ich sei die einzige auf der welt, die das so handhabt."

das objekt muss der aussage nachlauschen, bis es dann glücklich grinst, mich auf die stirn küsst und mich drückt.
"morphine, warum bist du heute abend in den club gekommen?"
"aus gewohnheit und weil ich tanzen wollte."
"ich bin heute hier, weil ich gern jemanden eins in die fresse hauen und einen blowjob will."
ich muss lachen.
"soll ich dir eine scheuern? dann hast du die prügelei schon mal."
das objekt zieht mich an sich und hält meine handgelenke fest:
"ich wüsste da was besseres. denn einen blowjob hatte ich ja eigentlich schon lange nicht mehr."
"naja, du kannst dich ja mal umsehen. guck mal, die blonde da vorn, mit den lippen kann die bestimmt gut blasen."
das objekt schaut interessiert in die gezeigte richtung und tippt sich dann an die stirn.
"die ist doch dumm wie brot, das sieht man doch."
"eben. dumm fickt gut."
"so schlecht fand ich deine intellektuellenficks nun auch nicht", frotzelt das objekt.

wir stehen beide da und haben fluppen im mund, aber kein feuer. plötzlich streckt sich von der seite ein in leder gekleideter arm aus. die hand, die das feuerzeug hält, trägt einen selten schönen herrenring. ich blicke kurz hoch in eine jungenhaftes, süßes gesicht, das mich spontan an das subjekt vom letzten sommer erinnert.
"danke", sage ich.
das objekt hat inzwischen sein feuerzeug gefunden.
"na, wer hat den größeren", fragt es und posiert vor mir.
das objekt riecht sofort, wenn gefahr in verzug ist. ich merke sowas erst, wenn das haus schon brennt.

ich verkrümle mich auf die tanzfläche. dort ist es warm und voll. mir wird schwindelig. also kaufe ich mir ein wasser und setze mich an den rand, bis es wieder geht.
ein paar meter entfernt steht die lederjacke und guckt mich an. hatte das objekt also doch mal wieder recht.
kurz darauf kommt er dann rüber zu mir, guckt und lächelt und sagt nichts.
also erbarme ich mich und beginne mit dem smalltalk. ein bisschen blubbern. das lockert die atmosphäre.

es geht sich gut an. der typ ist hübsch, smart und astrein in schale. er ist mit freunden da. also auch kein übriggebliebener soziopath.
ich lache und rede, bis der typ irgendwann meint:
"du redest ganz schon viel."
das finde ich frech.
im nächsten moment wird ihm klar, was er gesagt hat und entschuldigt sich.
dann gehen wir tanzen.
er tanzt mich an, aber unaufdringlich. ich glaube, ich mag das, denke ich und fühle mich im eigenbröteln angenehm gestört.
es ist etwas festes an ihm, obwohl er ein ganz weiches, hüsches, fast schon feminines gesicht hat. ich schätze ihn spontan für sexuell dominant ein, obwohl er beim tanzen nicht besonders körperbewusst ist.

zwischendurch kommt das objekt vorbei und scherzt:
"du sagst bescheid, wenn ich ihm in die fresse hauen soll."
"nein, nein, alles fein."
"dann befreie ich dich heute mal von deinem auftrag."
"welchem?"
"na dem blowjob", grinst das objekt.
"wenn du gestattest", sage ich ironisch.
"hör mal, du brauchst denk ich jemanden, der zu dir steht und der nur für dich da ist. vielleicht ist das so einer. der macht einen guten eindruck auf mich."
"danke, papi."
"dafür nicht. musst auch nichts bezahlen", tätschelt das objekt meine schulter.

die lederjacke scheint ernsthaft fasziniert. sie weicht den rest des abends nicht von meiner seite und fragt dann sogar nach meiner telefonnummer. ich bin beeindruckt.
dann gehen die lichter an und wir stehen uns gegenüber.
"ja, dann, hat mich gefreut, machs mal gut und wir sehen uns", sage ich fröhlich.
"wo musst du denn nun hin", fragt die lederjacke.
"zum bus."
"hast du was dagegen, wenn ich dich noch ein stück bringe?"
holla die waldfee. manieren hat er auch noch!

wir tappen fast eine viertelstunde nebeneinander her und unterhalten uns. dann stehen wir unter einer unterführung. und während die feuchtigkeit in die pfützen um uns tropft und die s-bahn über unseren köpfen vorbeidonnert, küsst mich der mann.

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