Sonntag, 6. März 2011
ein zwerg für alle - zwergenaufstand für den guttenzwerg
lieber guttenzwerg,

nachdem du dich durch versuchtes hochschlafenstapeln selbst aus der bundes-zwergenversammlung geschubst hast, sitzt du nun hoffentlich, wie es einem satten deutschen kaiser schwein gebührt, bei bier, weib und kindergeplärr zuhause und hälst ausnahmsweise mal den mund. das macht gar nichts, im gegenteil, deine gesundheit wird dir danken, denn gegen pinoccino-nasen ist die plastische chirurgie bislang machtlos.

ich weiß, die hattest du noch gar nicht bemerkt, obwohl du dich, als du noch hinter den sieben bergen bei den 239 schwarzen zwergen wohntest, täglich in den spiegel geschaut und gefragt hast: "spieglein, spieglein an der wand, wer ist der geilste im königshaus, äh, dings, äh… bundestag?" und der spiegel antwortete: „na ihr, ihr seid der geilste hier, also gleich nach mrs. teflon und dem gelben guido - nur der erstsemester, von dem ihr abgepinnt habt, ist leider tausendmal klüger als ihr."

spaß beiseite. aus auch unter berücksichtigung der sich in unserem land epidemisch ausbreitenden minderbemitteltheit nur schwer nachvollziehbaren gründen bist du für einen teil unseres volkes zum führer aufgestiegen. die neuen deutschen christen nennen dich eine "lichtgestalt", die von der linken "linken presse wie faz und welt" (vgl. interview in der anlage) gestürzt wurde, da sie neidisch ist, weil du "nett" bist und "gut aussiehst" und damit alle eigenschaften aufweist, die für solide deutsche politik oder eine temporäre mitgliedschaft beim "dschungelcamp" vonnöten sind. und so zogen die neuen deutschen christen rhetorisch bestens vorbereitet mit rigider entschlossenheit und strategisch wertvoll aufgestellt wie eine sa-formation für dich auf die straße.

leider waren es noch nicht genug, damit dein reich komme und dein wille geschehe. kleiner tipp: anstatt facebook-fake-profile zu kaufen, solltest du die moneten das nächste mal direkt investieren. die hartz-IV-ler unter den neuen deutschen christen würden es dir mit treue bis in den heldentod danken, wenn sie getrost auf ihre 5-euro-zulage scheißen könnten.

in deiner schwersten stunde hält dir wenigstens dein adelsstarrsinniger papi das patschehändchen. das ist gut, denn zuviel dackel-mimik macht falten (wieder ein kostenpunkt für die plastische chirurgie und ein minus für erfolgreiche deutsche politik). der papi stand sogar mitten unter dem niederen fußvolk und klagte in deiner sache über die mangelnde menschlichkeit heutzutage. ja, da hat er wohl recht, denn die menschlichkeit, zu der auch so schöne dinge wie gewissen, aufrichtigkeit, schuldbewusstsein, kritikfähigkeit, ehrlichkeit, reue und demut zählen, ist ein ergebnis der elterlichen erziehungsarbeit, die ganz offensichtlich nicht erst seit gestern nicht mehr stattfindet. wie soll man auch dafür garantieren, wenn selbst in christlichen deutschen internaten und bildungsanstalten, wie sich vor einigen monaten zeigte, die moral erst nach dem (kinder)ficken kommt.

mein lieber guttenzwerg, alles, was mir zu sagen bleibt, ist: es sieht schwarz aus für schwarz(braun). ganz offensichtlich bleibt franz beckenbauer auch in zukunft deutscher kaiser.

zum trost schicke ich dir einen apfel, den meine stiefmutter (eine echte m.i.l.f., mit der dich bestens verstehen würdest und von der du noch sehr viel lernen könntest) mir neulich schenkte, obwohl sie doch weiß, dass ich obst nicht mag. aber vielleicht findest du äpfel ja ebenso sündhaft lecker wie meine stiefmutter.

dein schneewittchen

p.s.: tut mir leid, dass du mich neulich nicht ficken konntest, aber unser iq ist einfach zu unterschiedlich.

... link


Mittwoch, 2. März 2011
flüsternd
ganz leise, denn man darfs eigentlich niemanden sagen, man darf es nicht bewerten, nicht zur hoffnung verdrehen.

gestern abend rief das objekt schon wieder an.
"ich wollte eigentlich gerade schwimmen gehen, aber viel lieber würde ich dich sehen."
weil es schon so spät war, sagte ich, okay, mittwoch. aber das objekt wollte sofort, wollte nicht warten.

wie in trance nahm ich den bus und fuhr hin. das objekt hatte versprochen, mich abzuholen und stand tatsächlich pünktlich an der haltestelle.

ich freute mich wie eine 14jährige und das objekt strahlte ebenfalls. dann gingen wir verlegen nebeneinander her, ohne einander zu berühren. ich sprach über goethe und faust, und das objekt bat mich, ihm das buch zu leihen. dann erzählte es aus seiner jugend und seiner sportlerkarriere im osten.
"wie fast alles, hab ich die sache aufgegeben, als es richtig gut wurde, weil ich irgendwie das gefühl hatte, jetzt ist es genug. ich wollte nicht berühmt werden."
für diese bescheidene anschauung schätze ich das objekt so sehr und spürte den großartigen menschen mit dem mir so vertraut kleinen selbstwertgefühl. wir gehören einfach nicht in diese welt der selbstüberschätzer und machos, dachte ich.

das objekt sprach überhaupt sehr viel für seine verhältnisse, mischte wilde wunschträume mit so bodenständigen ideen wie eines tages einmal eine eigentumswohnung zu besitzen, eine kleine, feine, "denn wenn man mal alt ist, bewegt man sich ja ohnehin nur noch vom schlafzimmer ins wohnzimmer und abends zurück." und wieder eine pragamatische anschauung, die direkt aus meinem kopf stammen könnte.

gegen mitternacht begann das objekt noch etwas geheimnisvolles zu kochen und wir aßen schließlich schlesischen eintopf und tranken wein dazu, rauchten russische zigarren und schwiegen irgendwann, bis das objekt dann sagte, lass uns rübergehen.
im roten schlafzimmer dann versuchten wir, einander aus einer biografie vorzulesen, doch es endete alles in ungezügeltem verlangen, das unsere kleine welt auf 140 cm schier explodieren ließ. drei stunden später fanden wir uns wieder, nackt, verschwitzt, köstlich wund und alles, was ich zu denken vermochte, war, warum zum teufel ist das immer wieder so unbeschreiblich, so tief, so weit, so sehr nonplusultra?

das objekt lächelte in einem fort und legte dann zum schlafen musik auf, und ich erkannte darin unsere musik. ich fragte, hörst du das gerade, und das objekt sagte sehr ernst, ich höre nichts anderes mehr.

als ich am morgen viel zu spät die objektwohnung verließ und zur s-bahn rannte, war ich immer noch sehr paralysiert, später auf arbeit zu nichts zu gebrauchen.

in manchen momenten wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich diesen menschen nie getroffen hätte. die sache ist einfach viel viel viel zu groß für mich.

... link


Dienstag, 1. März 2011
guttenzwerg ist geplatzt
... und mit ihm ein stück des böses fluchs von axel springer.

ich hätte es nicht für möglich gehalten: es gibt noch einen funken demokratie in diesem lande. es gibt eine echte solidarität und zivilcourage. es gibt einige zig tausend menschen mit verstand und herz.

ich ziehe den hut und sage: danke, liebe junge wissenschaftler dieses landes. ihr rockt den lügenzwerg aus dem gruselkabinett.

who´s next? angie, die alte opportunistenschlampe?

lasst sie uns vom thron kicken!

heute feiere ich mit euch und singe von den dächern:

guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!
guttenberg muss gehen!!

achja, und: tobias bunde for president!

... link


Sonntag, 27. Februar 2011
von netten nachfragen und bösen serpentinen
(achtung: blutige story, nichts für zarte gemüter!)

nach der schlaflosen objektlastigen nacht von freitag auf samstag war ich gestern abend trotz einstündigem nachmittagsnickerchen komatös müde. das objekt rief mich zwischendurch heimlich aus der arbeit an, um sich zu erkundigen, wie es mir gehe. (entgegen der fadenscheinigen ausrede vonwegen "handy weg" zeigte sich: es geht also doch.) ich freute mich über das bisschen aufmerksamkeit. dann begann das objekt zu stottern, was meist eine unangenehme bitte einleitet. dann war es schließlich raus: ob ich grundsätzlich theoretisch in ausnahmefällen bereit wäre, mich seines lütten anzunehmen. in der extremsituation mit dem haftbefehl schien ihm klar geworden zu sein, dass es situationen gibt, in denen irgendein babysitter nicht weiterhilft:
"ich brauche jemanden, der nicht nur vor ort ist, sondern dem ich vertrauen kann und dem ich das auch zutraue."
obwohl ich wusste, dass das objekt die bitte als zumutung empfand, nicht zuletzt, da der kleine sich nur schwer selbst beschäftigen kann, freute ich mich tierisch, da mir der objekt-sohnemann zwischenzeitlich sehr ans herz gewachsen war.
"klar", sagte ich und bemühte mich, mir die freude nicht anmerken zu lassen. "allerdings warne ich schon mal vor: bei mir ist es ziemlich langweilig und ich bin auch eher streng. das musst du ihm voher verklickern. hier ist nix abenteuerspielplatz wie bei dir."
"ich weiß", sagte das objekt mit einem lächeln in der stimme. "du bist toll." dann hielt es inne:
"ich muss schluss machen, da kommt ein notfall..."
das objekt verabschiedete sich hastig, aber dankbar.

da erhielt ich eine sms vom subjekt II. ob ich noch mit auf party komme. wow!! soviel männliches engagement an einem einzigen tag war ich nicht gewohnt.

obwohl meine lust gegen null tendierte und mein körper mit steinen gefüllt zu sein schien, hübschte ich mich auf, schwang ich mich aufs rad und fuhr los. nach zwanzig metern merkte ich, dass übermüdung und sport nicht gut zusammengingen. das komische gefühl, dass der kopf dem körper atemlos hinterherhechelt, erinnerte mich an den effekt schlechter pillen. aber ich fuhr einfach weiter, in der hoffnung, der kreislauf würde irgendwann hochfahren und den nebel vor der stirn vertreiben.
dann kam die strecke, in denen sich der weg in serpentinen den berg hinunter schlängelte. diesen sehr engkuriven weg bin ich gefühlte 50 mal gefahren. ich kannte ihm im schlaf.
oder auch nicht. in der vorletzten kurve geriet ich ins trudeln und ehe ich mich versah, lag ich auf dem asphalt. nach der ersten schrecksekunde begann ich, vorsichtig die glieder zu bewegen. gottseidank schienen arme und beine noch zu funktionieren. dann entdeckte ich im fahlen laternenschein blut auf der straße. mein blut.
ich merkte, dass die handflächen schmerzten und die strümpfe (obwohl heil geblieben) an den knien klebten. die rechte handfläche wies bei genauer betrachtung nur leichte aufschürfungen auf, die linke sah allerdings wesentlich übler aus. es fehlte viel haut und offenbar auch fleisch. ich packte ein taschentuch drum herum, dann fuhr ich weiter.

mit gesenktem kopf bezahlte ich vor dem club eintritt und rannte dann erstmal auf toilette, um die strümpfe auszuziehen und die knie zu begutachten. nunja, schürfwunden eben. wie bei einem schulkind, das zu wild herumgetobt war. ein bisschen klopapier und fertig.
dann wusch ich die hände. rechts war nicht weiter schlimm, der fleischbrei links sah dramatischer aus. außerdem hatten sich zwei, drei steinchen in die wunde geschoben. die mussten erstmal raus. mit den fingern ging das ja wohl schlecht. aber ich fand eine nagelfeile in der handtasche, die ich kurz über die flamme meines feuerzeugs hielt, dann biss ich die zähne zusammen und machte mich an die arbeit. so mussten sich operationen im mittelalter angefühlt haben. einige minuten später hatte ich es jedoch geschafft. beim waschen schossen mir kurz die tränen in die augen, aber ich bemühte mich um tapferkeit. in meiner tasche fand ich armstulpen von der letzten party, die zog ich über, um die läsionen zu verdecken. links, wo es fröhlich blutete, schob ich noch papierhandtücher darunter. jetzt sah alles aus, als wäre nichts passiert.

dieser moment der selbstzufriedenheit dauerte keine zwei sekunden. dann machte ich nämlich den fehler, den kopf zu heben und in den spiegel zu sehen: meine linke wange war bis zum kinn zerschrammt, blau und dreckig. ich sah aus, als wäre ich unter die hottentotten gefallen. ach du kacke. und im saal wartete das subjekt II auf mich.

also gesicht waschen, make-up neu auflegen. das blau ließ sich ganz gut überdecken. zum glück war bis auf die unterlippe, die etwas mehr volumen hatte als sonst (andere frauen zahlen 400 euro für eine aufspritzung!), nichts weiter angeschwollen. die schrammen am kinn allerdings waren ein problem. auch nach drei lagen puder schimmerten sie noch dunkel durch das makeup.
es half alles nichts. ein bisschen was würde man eben sehen. zum glück war es drinnen finsterer als hier auf dem klo unter der neonbeleuchtung.

nachdem ich noch einmal den eyeliner nachgezogen hatte, mischte ich mich mutig unter menschen. nachdem ich nach fünf minuten keine schrägen blicke geerntet hatte, ging ich an die bar und bestellte ein bier. der barkeeper wirbelte herum, schob mir die flasche hin und guckte mich dann an. guckte nochmal und schien zu überlegen. doch dann beschloss er offenbar, doch nichts zu sagen. note to myself: die beleuchtung an der bar war schon wieder zu viel licht für mein zerschlagenes gesicht. also fix ins dunkel. und tanzen heute nur ganz weit weg vom stroboskop.

doch ich war nicht schnell genug. bevor ich mich aus dem ungünstigen licht an der bar herausbewegen konnte, kam das subjekt II auf mich zu. es setzte zur umarmung an, hielt aber dann inne.
"mensch, was ist denn mit dir passiert, hast du dich geprügelt?! das sieht ja schlimm aus!"
nicht ganz die reaktion, die ich mir erhofft hatte.
"fahrradunfall", zuckte ich lakonisch die schultern.
das subjekt II starrte mich immer noch fassungslos an.
"du kannst das doch nicht einfach überschminken, das musst du ordentlich versorgen!"
"quatsch, bist du irre, meinst du, ich stell mich komplett verpflastert auf die tanzfläche?!"
das subjekt II schüttelte den kopf. dann schmunzelte es und meinte:
"naja, irgendwie ist das ja auch schon wieder cool. du siehst ein bisschen aus wie ne wilde piratenbraut."
schon besser. dann wirken wir heute also etwas extravagant.
das subjekt II umarmte mich nun vorsichtig, doch als meine hand zwischen uns geriet, entfuhr mir ein schmerzenschrei.
"noch irgendwelche verwundungen?"
"geht schon", sagte ich, "nur die hand hat ein bisschen mehr abgekriegt."

so richtig wohl fühlte ich mich allerdings den ganzen abend über nicht. ich saß viel in einer dunklen ecke herum. ein paar mal überkam mich ungeachtet des objekt-nähe-reloads der spontane impuls, das subjekt II zu umärmeln und den kopf an seiner schulter abzulegen. doch das subjekt II trug ein weißes hemd und eine sehr schicke nadelstreifenweste, sodass ich geistig schon meine blut- und makeup-spuren darauf sah. also hielt ich mich fern und verabschiedete mich irgendwann zu einer für meine verhältnisse recht frühen stunde.

das subjekt II war enttäuscht. und zog dann die nächste überraschung aus dem ärmel:
"sag mal, wollen wir mal wieder zusammen essen gehen?"
mir klingelten die ohren. aber hallo. interessierte sich da jemand für mich? hatte da einer etwa plötzlich begriffen, was ich so erwartete?
"ja, sicher", freute ich mich.
ganz auf der initiativ-welle schlug das subjekt II auch noch ein restaurant vor.
"gern", meinte ich. "ich ruf dich an."
das subjekt II strahlte.
wir verabschiedeten uns ein wenig steif, dann zog ich meiner wege. schließlich musste ich mich gleich noch ordentlich verpflastern.

... link


Samstag, 26. Februar 2011
angeknüpft, aufgeknöpft
meine augenlider flattern und zucken, die füße schmerzen und eigentlich wollte ich jetzt irgendwann mal zu bett gehen. aber die sonne scheint gerade so schön, dem kann man sich nicht verschließen, nicht nach dieser nacht.

zunächst hatte ich mir mit meiner ehemaligen vorübergehenden mitbewohnerin die kante gegeben. gegen 23 uhr waren wir so breit, dass wir kaum mehr die u-bahn fanden. aber ich musste ja nach hause, duschen, mich umziehen und in schale werfen, um dem zappeldrang nachzugehen. außerdem hatte ich heute freien eintritt, da ich mich schon beim dj angekündigt hatte.

auf dem kiez boxte ich mich, inzwischen wieder nüchtern, zwischen besoffenen gestalten hindurch, wich einer schlägerei aus und wurde an der ecke große freiheit beinahe überfahren. nicht besonders gut gelaunt betrat ich die geheiligten hallen. gleich an der garderobe heftete sich ein kleiner, rund 20 jahre älterer spanier an meine füße, pfiff auf der treppe meinen wehenden rockzipfeln hinterher und begann mir dann unten am tresen ungefragt seine lebensgeschichte zu erzählen. fast war ich dankbar, als mich jemand großes unsanft anrempelte und sich zwischen mich und meinen kauzigen verehrer drängte, um mich dann in den arm zu nehmen. weniger gut fand ich, dass es sich bei der betreffenden person um das objekt handelte.

"hey... alles klar? geht dir der sack auf die nerven?" fragte das objekt zur begrüßung ganz unbefangen.
der als sack betitulierte verschwand daraufhin in den menschenmassen.
ich sah mich um, in der erwartung, gleich von irgendwoher die objektfreundin auf uns zustürzen zu sehen. doch das objekt war, wie es sich herausstellte, an diesem abend ganz alleine unterwegs.
"du, ich muss dringend mit dir reden", sagte das objekt dann ernst. "ich habe heute deine karte gelesen."
ich hatte dem objekt vor zwei wochen eine verspätete geburtstags- und gleichzeitig abschiedskarte geschrieben und mich schon gewundert, dass es diese völlig unkommentiert ließ.
wie sich nun zeigte, hatte das objekt in seiner aktuellen katastrophalen lage einfach den briefkasten nicht mehr geleert, aus angst vor rechnungen und klagen und anwaltsschreiben. das erklärte einiges.
"dein brief war so schön, wow, ich hab mich so schlecht gefühlt, weil ich noch nicht danke gesagt habe, denn danke ist das einzige, was mir dazu einfällt. du hast so viel herz und so viel mut und kannst das dann auch noch in worte packen, die mir gänsehaut machen."
selbige bekam ich bei so viel emotion nun auch langsam. denn dummerweise war das objekt in solchen angelegenheiten kein lügner, auch, wenn es sonst oftmals tatsachen verdrehte, um sich irgendwo aus der affaire zu ziehen.

dann saßen wir da und das objekt begann, seine geschichte zu erzählen. vom gesperrten konto und seiner mittellosigkeit. von den drogen. von einem rechtstreit, von dem ich noch nichts wusste. und vom tag, an dem der haftbefehl kam - der tag, der sein leben veränderte.
"zuerst dachte ich, ich nehm eine überdosis und falls ich die überleben sollte, lasse ich mich einweisen. aber ein anderer teil in mir war plötzlich auch da und zwar ziemlich deutlich. der sagte mir, krieg den arsch hoch und dein leben auf die reihe."
der schwerste teil davon war offenbar, von den drogen loszukommen. zittern, kotzen, wochenlange schlaflosigkeit. ein weg der kleinen schritte hatte begonnen, ein normales leben ohne rausch, ohne glücksgefühle, einfach nur arbeiten, kinderversorgung, schlafen.
"manchmal hab ich angst, das kommt nie wieder, dieses glücksgefühl."
es lag mir auf der zunge zu sagen, aber du hast doch deine freundin, entschied mich dann aber dagegen.
"vielleicht gibt es ja gar kein alltägliches glück. das sind vielleicht nur rare momente, alle paar jahre mal einer davon und dazwischen jede menge scheiße. ich hab mich auch irgendwie noch nicht daran gewöhnt, aber ich versuche, es irgendwann mal zu akzeptieren."
"da kannst du recht haben. so kommt es mir derzeit auch vor. eigentlich will ich dieses leben so nicht. aber irgendwie ist da etwas, was mich hindert, alles aufzugeben, ein kilo koks zu nehmen und den exitus zu machen."
"vielleicht gibt dir die option selbstmord ja auch kraft. zumindest bei mir war das immer so. vor einigen jahren, als mir hier alles wegbrach, habe ich auch überlegt, ob es noch argumente dafür gibt, am leben zu bleiben. aber das schöne am suizid ist ja die absolute selbstbestimmtheit und damit auch die freie wahl des zeitpunkts. ich hab ihn immer rausgeschoben und gedacht, hey, es gibt ja eine finale lösung, also kann ich mir den dreckigen rest jetzt auch noch antun und mal sehen, ob irgendwann auch mal wieder was gutes kommt. und ja, da kam immer mal wieder was, was mich randvoll zum platzen mit glück erfüllte."
"unglaublich. du bist wie ich. ich denke auch so, hab das nur niemandem je erzählt, weil ich dachte, es sei völlig krank, so zu ticken."

die alte vertrautheit kam wieder. schmerzvoll für mich. dann stand das objekt auf.
"ich geh noch ein bisschen tanzen."
während das objekt seinen sexy hintern auf die tanzfläche bewegte, kletterte ich nach oben zum dj und setzte dort meine unterhaltung fort. ich bekam einige musikwünsche erfüllt, die ich auch abzappelte. nach einer stunde etwa fiel mir auf, dass das objekt verschwunden war. ich suchte die gänge ab und fand es dann am tresen an einer der vier bars. vor ihm standen mehrere schnapsgläser und eine flasche bier. ich guckte entsetzt. das objekt strahlte mich an:
"ist doch fast wie in alten zeiten, hm?!"
ich wollte mich umdrehen, als das objekt meine schultern packte:
"hey, ich hab nur einen ganz kleinen pegel. drei kurze und ein bier. nicht ne flasche wodka wie sonst immer."
es blieb natürlich nicht dabei. nach dem dritten bier hörte ich auf zu zählen. es ist nicht mein leben, sagte ich mir.
dann spielte der dj unser lied, und das objekt wankte zu mir auf die tanzfläche. und für einen song schien es, als schlüge ein gemeinsamer puls in einem großen vereinten herzen.

als ich das nächste mal auf mein handy sah, war es sechs uhr morgens. das objekt, inzwischen wieder bei cola angekommen, saß zusammengesunken auf der couch.
"ich gehe", sagte ich knapp.
"wie lange musste du denn nun fahren?"
"so rund eine stunde, inklusive fußweg."
"hm."
das objekt überlegte. dann sagte es:
"ich würde dich gern einladen."
"wozu?"
"komm."
das objekt holte seine jacke und winkte draußen ein taxi heran.
"du spinnst ja, du hast doch kein geld", sagte ich.
"keine sorge, das soll dich nicht nach hause bringen. wir fahren jetzt ganz gemütlich zu mir, du kannst doch bei mir schlafen."
bis zum objekt war es nicht weit. für die acht euro fahrtkosten, die der fahrer am ende verlangte, kramte es in allen hosentaschen nach kleingeld und bekam auch sieben euro achtzig zusammen. meine zwei euro lehnte es theatralisch ab.
"ich will das bezahlen, du hast das verdient, weil du so ein toller charakter bist."
aha.
der taxifahrer fand sieben euro achtzig auch okay und ließ uns ziehen.

zwischen nähe und distanz schwankend trippelte ich dem objekt die stufen hinterher bis zu seiner wohnungstür. mein großzügiger gastgeber war mittlerweile wieder quietschfidel, redete die ganze zeit und machte fröhlich zukunftspläne.
"ich will auch noch mal umziehen, hab ich mir gedacht. dein umzug, das war so ein impuls für mich... ich hab da auch schon was im auge..."
das objekt schlüpfte aus den stiefeln und aus der jacke.
und dann aus hemd und hose.
ich guckte weg. ich bin ja schließlich auch nur eine frau. dann fragte ich mit blick zur küchenzeile:
"wo kann ich denn schlafen?" und meinte damit das oben oder unten des stockbettes im kinderzimmer.
stattdessen lüpfte das objekt die decken des bettes in seinem blutrot-schwarzen reich.
"schwing deinen arsch mal ruhig da rein, süße. warte, du kriegst auch die warme zudecke."

dann lag ich stumm und starr verpackt wie für den sibirischen winter unter den schwarz-roten laken. das objekt weilte unter seiner sommerdecke und guckte ebenfalls stur an die zimmerdecke. kein sex, dachte ich, bitte nicht. sonst fängt alles wieder von vorne an.
"ich kann schon wieder nicht schlafen", sagte das objekt nach einer weile.
"versuch es einfach", murmelte ich schläfrig.
"hey, es ist nach sieben, und um neun muss ich eh schon wieder aufstehen, den lütten holen und später dann zur arbeit."
"um so wichtiger, dass wir jetzt schlafen."
da verstummte das objekt und machte die augen zu.
ich lag hingegen wach. irgendwann spürte ich, wie sich das objekt im schlaf zu mir drehte und mich mit armen und beinen umschlang.
fast wie in alten zeiten, dachte ich.

als um neun uhr der wecker klingelte, erschrak ich mich fürchterlich. ich lag nase an hals mit dem objekt, die weichen lippen des objekts an meiner stirn. bittersüße situation. ich wollte mich wegdrehen, tat es aber dann doch nicht. ich sah dem objekt beim wachwerden zu. wie immer ging dies sehr langsam vonstatten. das objekt schläft nur schwer ein, hat dann aber einen schlaf so tief ein koma.
endlich begann es schneller zu atmen und zu blinzeln.
"hey..." das objekt murmelte etwas in seinen nicht vorhandenen bart.
"bitte?"
"ich sagte, mensch, hast du mich heute nacht rangenommen, mir tut ja alles weh."
das objekt grinste süffisant, ich guckte weg.
"du musst aufstehen."
mein unterkühlter ton brachte das objekt in bewegung. es stand auf und schlüpfte in jeans und pulli.

ich begab mich ins bad und putzte derweil die zähne. dann kam das objekt hinzu und steckte sich ebenfalls die zahnbürste in den mund. so standen wir beide zähne schrubbend vor dem winzigen spiegel. das objekt zog grimassen, ich musste schmunzeln.
dann wanderten die objekthände unter mein geliehenes schlaf-shirt.
"das", sagte das objekt mit rauher stimme, "wollte ich schon seit gestern abend tun."
noch während ich überlegte, wohin das nun führen sollte, klingelte es an der tür. das objekt öffnete und sprang dann wieder zurück ins bad.
"das ist meine cousine", flüsterte es aufgeregt. "die weiß nicht, dass es dich gibt, die denkt, ich bin mit meiner freundin fest zusammen."
ich verschanzte mich im bad, während das objekt seine cousine überredete, mit ihm zusammen den lütten zu holen. während die cousine ihre jacke holte, schlüpfte das objekt noch einmal zu mir ins bad.
"zieh einfach nachher die tür hinter dir zu", sagte es.
dann umarmte und küsste es mich. ich versuchte, derweil an etwas anderes zu denken. an meine berufliche misere. an meinen herzkranken vater. irgendwas.
dann ließ mich das objekt los.
"bis bald", wisperte es.
ich wusste nicht, ob ich darauf hoffen oder mich davor fürchten sollte.


... link