Dienstag, 14. Dezember 2010
schneeblindes date
obwohl ich nicht viel davon halte, ist das internet ja doch eine recht interessante möglichkeit für begegnungen zwischen männlein und weiblein. so kam es, dass ich heute morgen, als ich eigentlich mal einen schönen homeoffice-tag einlegen wollte und gerade die umzugskacke regelte, eine nachricht erhielt von einem unbekannten menschen. er machte mir ein recht direktes angebot in einem einzigen satz.

obwohl ich in solchen angelegenheiten gerne mal die verbale faust aus der tasche hole, antwortete ich in diesem fall in spontaner laune mit einem frechem "wenn du dich traust."
wir erörterten dann noch das wann und das wo, was sich als etwas kompliziert entpuppte, da wir keinerlei gemeinsamkeiten oder ähnliche vorlieben haben, was lokationen betrifft. endlich hatten wir uns auf ein cafe geeinigt, in dem wir uns treffen wollten zweck eines ersten unverbindlichen eindrucks.
hoffentlich finden wir uns in dem wilden schneetreiben, schrieb der mann noch zum abschied.

am nachmittag machte ich mich dann frisch geschniegelt und gebügelt auf den weg. in der u-bahn klingelte mein handy. es war der typ, der ankündigte, er käme zehn minuten später wegen des schnees. ich, die ich ohnehin mal wieder zwei minuten kurz vor knapp war, war darüber recht froh. ich musste ohnehin noch vorher zur sparkasse, da ich nur noch 40 cent in der tasche hatte.

als ich von der sparkasse zum verabredeten cafe schlitterte, klingelte wieder mein handy. überraschenderweise war es das objekt, das zoff mit der kindsmutter hatte und ein wenig zuspruch brauchte. ich versprach, es zurückzurufen und erwähnte in einem nebensatz das unmittelbar bevorstehende date. "pass aber bitte auf, ob du das dann auch wirklich willst", warnte das objekt. "und mach es nicht, wenn das ein arschloch ist, das dich nicht verdient hat." manchmal muss man das objekt einfach nur lieben für seine unkomplizierte, fürsorgliche art und sein großartiges bewusstsein für meine wunden punkte.

dann wartete ich vor dem cafe. schwarzer mantel und graue mütze, hatte der typ gesagt, und 1,85m groß. nach etwa zwei minuten kam ein mann auf mich zu, der etwa die besagte größe hatte und einen schwarzen kurzmantel und eine graue mütze trug. er sah etwas jünger und attraktiver aus als ich erwartet hatte. er stellte sich direkt neben mich und schaute sich suchend um. dann begegneten sich unsere blicke und er lächelte unsicher, schaute jedoch gleich wieder weg. niedlich, er ist schüchtern, dachte ich verzückt. ich wartete noch zwei minuten, dann wurde ich ungeduldig. warum macht der nicht den mund auf? ich beschloss, die sache in die hand zu nehmen.
"hallo, ich glaube, wir sind verabredet", schnurrte ich in flirtlaune und schaute ihm tief in die himmelblauen augen.
der typ allerdings glotzte völlig verschreckt zurück.
auweiha. fettnäpfchen, ahnte ich.
"ähem, nö", sagte er etwas gepresst.
"entschuldigung", stotterte ich, "das tut mir jetzt leid. ehrlich. das war keine plumpe anmache oder so."
"das muss ihnen nicht leid tun", sagte der mann dann, "es hätte mich sehr gefreut, mit ihnen eine verabredung zu haben." er grinste, nicht mehr ganz so schüchtern, sondern sehr amüsiert.
"so, finden sie", sagte ich schon wieder etwas flirty.
"also wenn ihre verabredung nicht kommen sollte, ich stehe ihnen gern zur verfügung."
aber hallo!
"ich komme gegebenenfalls drauf zurück", sagte ich.

dann drehte ich mich um. hinter mir stand ein großer, nicht weniger attraktiver mann im schwarzen mantel mit grauer mütze und grauen schläfen.
"hallo", sagte er. "ich dachte, wir sind verabredet."
"definitiv", säuselte ich und mein vaterkomplex jubilierte.
"ich hatte schon angst, ich störe", sagte meine verabredung mit blick auf graue wollmütze nummer zwei.
"ach, sie sind der glückliche", sagte die daraufhin zu meinem date. "dann wünsche ich ihnen einen zauberhaften abend."

mein date hielt mir die tür auf (gute manieren I), half mir aus dem mantel (gute manieren II) und bestellte für mich einen kaffee (gute manieren III, signal zur bereitschaft zur rechnungsübernahme). dann unterhielten wir uns eine stunde lang über die schönste sache der welt, während die restlichen cafebesucher lauschten und entweder pikiert das weite suchten oder süffisant grinsten.
mein date entpuppte sich in live als ebenso offenherzig und direkt wie virtuell. die faszination beruhte dabei auf gegenseitigkeit.
"wir könnten noch schick was essen gehen, dann eine flasche schampus aufmachen und es uns gut gehen lassen", schlug es vor.
"wenn du die weiberbrause weglässt, bin ich dabei", sagte ich.
just, als mein date die rechnung zahlen wollte (und ich den haken hinter gute manieren III machte), klingelte sein handy. es war sein chef. wie sich herausstellte, hatte sich mein date einfach verfrüht aus dem büro weggestohlen, um mich zu treffen. jetzt gab es ärger.
"entschuldige, aber ich muss noch einmal in die arbeit zurück und das klären", sagte mein date. "sehen wir uns trotzdem wieder?"
"von mir aus gern", sagte ich.
ich bekam ein küsschen links und eines rechts und dann einen zungenkuss.
"das", sagte mein date, "wollte ich schon seit einer stunde tun."

mit etwas wackligen knien stapfte ich über den inzwischen spiegelglatt angefrorenen schnee zurück in die u-bahn. von dort aus rief ich das objekt an.
"und, wie war es", wollte mein mann nummer eins wissen.
"wir haben nur cafe getrunken und uns unterhalten. aber es war recht angenehm."
"was ist das für ein typ?"
"ich kann ihn ja mal mitbringen", witzelte ich, "dann kannst du dich überzeugen oder ihn gleich verführen."
das objekt musste lachen.
"übernimm dich nicht", sagte es, "drei männer sind mehr, als manch eine erträgt."
"nee", sagte ich, "ich setz mich dann vor das bett in deinen sessel und schau euch zu."
"du hast den teufel auf der schulter, madame. außerdem ist das mein sessel. wenn, dann sitz ich da drin."
"dazu fallen mir jetzt eine million spannende dinge ein", schnurrte ich anzüglich.
"hör auf. ich bin auf arbeit. ich muss da gleich wieder raus und das geht nicht, wenn mir das blut in den schritt schießt."
"okay. dann denk an das gebiss deiner oma oder sowas."
das objekt lachte schon wieder.
"wir sollten öfter mal solche gespräche führen", sagte es. "du tust mir definitiv gut."
"du mir auch. in jeder hinsicht."
dann legte ich auf und dachte, was für ein wahnsinnstag.

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Sonntag, 12. Dezember 2010
stranger than friday
wenn man samstagvormittag noch berufsbedingt in einer fremden stadt unterwegs ist, dann 600 km retour fährt und erst am späten abend zuhause ist, kriegt das wochenende irgendwie eine leichte emotionale schieflage. man macht freitagstätigkeiten wie beispielsweise den wohnungsputz plötzlich 24 stunden zu spät. ganz komisches feeling.
auch lust und elan zum ausgehen liegen auf freitagsniveau oder sogar leicht darunter, weil man schließlich schon um sechs uhr morgens aufgestanden ist. aber was soll´s, wenn man die nacht nicht mehr nutzt, hat man tagsdrauf tanzdefizit. also die arschbacken zusammengekniffen, nichts wie rein ins partyoutfit und die hohen schuhe, und dann ab in die u-bahn.

im club als erstes das gehunfähige, da rotzbesoffene objekt aufgesammelt, das einen mit der frage: "wer bin ich? wer bin ich eigentlich?" in tiefschürfende praktisch-philosophische gedanken stürzt, die darauf hinauslaufen, dass das objekt einfach nur dringend nach hause und ins bett sollte (sofern es sich noch daran erinnert, wo es wohnt).
"aber wenn ich mich jetzt hinlege, muss ich kotzen."
das ist ein argument für weitertanzen und dem objekt ein stilles wasser kaufen.

später sitzen wir dann da, der schwere kopf des objekts auf meiner schulter ruhend, seine nase an meinen hals gedrückt, ich weiß, ich rieche sehr gut, und er auch, was für eine scheiße, denn wäre der kerl nicht so verdammt hackedicht, würde man ja fragen. bei dem pegel regt sich nur leidergottes erfahrungsgemäß gar nichts mehr im schritt.

dann spricht mich ein typ an, bestimmt schon mitte 40, bierbauch, ebenfalls angetrunken.
"hast du lust, dich mit mir zu unterhalten?"
"nein", sage ich wahrheitsgemäß.
woraufhin der typ anfängt, mich vollzulabern. meine "neins" scheinen immer irgendwie ungehört zu verhallen. ich sollte mir ein t-shirt drucken lassen mit einem fetten "nein" über der brust.
"darf ich dich mal anlächeln?" fragt der typ irgendwann, um mich dazu zu bewegen, ihm mein gesicht zuzuwenden. darauf habe ich noch viel weniger lust als auf das abgekaute ohr.
glücklicherweise sehe ich von weitem das objekt auf mich zukommen, das die situation richtig eingeschätzt hat und mir zur hilfe eilt. es schiebt den typen mit einem beeindruckenden unterarmmuskel-spiel (*sabber)auf die seite und nimmt mich schützend in den arm.
der typ stutzt. er überlegt einen moment, dann tippt er dem objekt auf die schulter. das finde ich sehr dreist. das objekt offenbar ebenfalls. es dreht sich um und sagt unwirsch:
"muss ich dich jetzt um erlaubnis bitten? ich glaube, nein!"
das objekt baut seine durchtrainierten 1,90m vor dem typ auf und guckt sehr sauer. der typ schrumpft wie eine erektion nach einem vorzeitigen samenerguss und verkrümelt sich.
das objekt drückt mich, lächelt siegessicher und sagt: "ich geh dann mal nach hause. ich muss den babysitter ablösen."
"willst du alleine schlafen", frage ich dann doch, da mich der objektduft schon wieder ungeheuer angeturnt hat.
"ja", sagt das objekt, "ich muss sowie um acht wieder aufstehen, weil da der lütte wach wird."
obwohl vernunft immer ein gegenspieler der leidenschaft ist, kann ich das objekt gut verstehen. drei stunden schlaf sind besser als drei stunden besinnungslos vögeln, zumindest, wenn man als verantwortungsvoller vater einen quietschen kleinen irrwisch unter kontrolle halten muss.

während das objekt in seinen hauch von einer jacke schlüpft, schleicht sich der typ wieder an mich heran.
"das ist aber ein schöner", sagt er und deutet auf das objekt.
"ja", sage ich und stelle mal wieder fest, dass mein geschmack nicht ganz subjektiv ist und dass mindestens genau so viele männer wie frauen das objekt anschmachten/beneiden.
"ist das deiner?" fragt der typ dann.
"also er ist nicht mein eigentum", sage ich kichernd. "wir teilen uns, gewissermaßen, auch wenn wir irgendwo schon zusammengehören."
der typ wiegt bedächtig den kopf und mustert erst mich, dann wieder das objekt:
"zwei so schöne menschen... war ja eigentlich klar."
(warum finden mich eigentlich gerade alle so verdammt schön? wurde ich heimlich schönheitsoperiert und alle merken es außer mir?)
dann geht der typ, ein wenig geknickt. fünf minuten später sitzt er neben einer kleinen dicken, die eigentlich sehr hübsch wäre, würde sie sich nicht wie ein presssack in ihre corsage einschnüren.
vielleicht ist schönheit ja auch relativ.

als es halb sechs uhr morgens ist und die letzten klassiker gespielt werden, hole ich meinen mantel und begebe mich nach draußen, wo bizarrerweise die vögel zwitschern. ich entscheide mich, den heimweg zu fuß zu gehen, es ist ohnehin eine der letzten gelegenheiten, die zentrumsnahe wohnlage auszukosten.
ich höre alec empire und freue mich tierisch darüber, am leben zu sein.

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Samstag, 11. Dezember 2010
frau m. in m.
was ich an meinem job mag, ist der abwechslungsreichtum. am einen tag bis mitternacht texte friemeln, am anderen mit der redaktion von bild schnacken und ein bisschen über miese gehälter und zickige chefs lästern, und dann wieder hunderte von kilometer durch die weltgeschichte jetten und ein kamerateam befehligen: "ich will blut sehen, leute, blut und tränen!"

schöner nebeneffekt des außendienstes: man begegnet bloggern, die man längst virtuell und skypophonisch kennt, endlich mal in fleisch und blut. und stellt fest: die sind verdammt authentisch. ja, frau gedankendelta, es war mir eine freude, nur leider viel zu kurz, wie ich finde. das nächste mal will ich außerdem mit dir ins getto in irgendeine wilde kneipe, obwohl wir im grunde glück hatten, dank meines fabulösen gespürs für raucherfreundliche gastronomie. ich sag nur: tomaten sind immer gut!! und: ey, unsere kerze ist leer!

zudem trifft man weitere interessante menschen und männer. angela merkels zweitbester freund findet mich sehr smart und schön und will unbedingt, dass ich ihm sein kommendes buch lektoriere. kann passieren, sagte ich, extremst geschmeichelt wenn auch nicht errötend, und schraubte schnell meinen stundensatz ein wenig nach oben. mal sehen, was passiert. mittlerweile weiß ich ja, dass die meisten menschen sich nur wichtig machen, dabei jede menge blech reden und ihre versprechen nicht mehr wert sind als ein politikerpups.

mannheim selbst ist übrigens gar nicht mal so schlimm. alles ist recht putzig und überschaubar. nett zu wohnen, hätte ich gesagt. nur der weihnachtsmarkt ist genauso fürchterlich wie sonst überall.

dennoch habe ich weihnachtsfeeling. in ein paar tagen bin ich dann mal wieder in nürnberg. nachdem ich seit juli nicht einen einzigen tag frei hatte, bin ich mehr als urlaubsreif. eine woche lang werde ich mich einkuscheln, hamburg hamburg, die arbeit arbeit und das objekt bedeutungslos sein lassen (hoffe ich). danach werde ich alle kräfte brauchen für renovierung der neuen butze und den umzug in das vertraute umfeld nordhamburgs. leicht wird es nicht, billig auch nicht. aber ich verlasse mich mal ganz auf mich selbst und meine organisatorischen fähigkeiten. immerhin mein achter umzug in acht jahren. man gönnt sich ja sonst nix.

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Mittwoch, 8. Dezember 2010
miss mighty morphine marple
gestern nacht ein waches auges gehabt und fünf verbrecher auf frischer tat ertappt. da kommt von dat, wenn man so spät allein durch die kälte rennt.

in ein paar tagen oder wochen mehr, sobald die ermittlungen forschreiten und die täter hoffentlich hinter gitter sind oder sich wenigstens nicht mehr so genau erinnern, wie ihre zeugin ausgesehen hat. nett zu wissen, dass bis dahin auf der wache immer ein becher kaffee für mich bereit steht.



alec empire - inzwischen irgendwo zwischen joy division, combichrist und den sex pistols, wie ich finde. danke @ herr gibson für den impuls!

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Sonntag, 5. Dezember 2010
schneemänner
langsam kenne ich niemanden mehr, der nicht entweder kokst, früher mal gekokst hat oder gerade irgendwie am rennen ist, um neuen schnee zu ergeiern. alles um mich herum ist so schnell und überblendet und anstrengend und bis zum erbrechen kreativ. not my world, eigenlütsch.

gegengift I:
zum zweiten mal "berlin calling" geguckt.
manchmal sehne ich mich auch danach, mal in einer psychoklinik auszuspannen und neue erde zu finden, die trägt. so mit bewegungsherapie und strecken und nach den sternen greifen. wär ich voll dabei. aber klar, dass jungs das doof finden. versuche, mir das objekt dabei vorzustellen, da dieses ja bisweilen auch sehr feminine züge an den tag legen kann. könnte gehen. vielleicht. aber sexy fände ich vermutlich nicht. obwohl... es gibt ja eigentlich nichts am objekt, was mich nicht unwiderstehlich anzieht.

gegengift II:
das subjejkt II hat den kontakt reanimiert und zeigt mittelmäßiges engagement. ich klammere mich gerade ein wenig daran, weil das subjekt II ein so grundvernünftiger mensch ist. so ein typ, der dir sag, zieh deine jacke an, du erkältest dich. das mache ich dann auch, also die jacke anziehen, nicht mich erkälten. ich fühle mich wie ein übermüdeter lkw-fahrer, der sich gleich an den nächsten pfeiler setzt. so ein copilot kann da gut tun. auch, wenn er emotional eher etwas unterkühlt ist.

gegengift III (nicht verfügbar):
das objekt, das mir mit seiner ruhigen, einfühlsamen art und den warmen, festen umarmungen den nicht mehr vorhandenen wind aus den zerschlissenen segeln nimmt. allerdings ist der leckere mann seit einer woche mal wieder abgetaucht. vermulich hat er schon wieder depressionen und das spirituosenregal bei aldi leergekauft, oder aber der heim- und hausdealer hat geliefert. oooder die elfenartige exfreundin hat ihn entführt und hält ihn jetzt als liebessklaven. manchmal möchte ich die dinge auch nicht so genau wissen. zu viel wahrheit ist nicht gut für die geistige gesundheit. und für den weltfrieden auch nicht, siehe wikileaks.

gegengift IV:
sascha funke. entdeckt bei "berlin calling". ich fragte mich, wer ist eigentlich der hübsche blonde kerl, der da so nette musik auflegt? der abspann enthüllte dann das geheimnis.

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