Sonntag, 16. November 2008
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und schließlich kapituliert man doch. es scheint eine innere kraft zu geben, die einen in den entscheidenden momenten mobilisiert, eine art selbstschutz. man rennt und rennt und kommt dann dort an, eine merkwürdige entschlossenheit redet dir den mund, lässt deine hände dinge zusammentragen. nicht aufzuhalten. nicht durch tränen, die strömen, sobald du orte voller erinnerung passierst, nicht durch eine vertraute umarmung, die dich sonst hätte versöhnen können. etwas tief im körper weiß wohl, wann die seele detoniert.

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seemannsknoten
wie seemannsknoten schlingen sich die gedanken, halten vergangenheit, ist- und soll-zustand nur noch vage auseinander. ich wünschte, ich hätte den mut, alle magie und schicksal zu leugnen und glück ausschließlich auf das zu reduzieren, was man selbst mit beiden händen bewirkt. augen und ohren zu verschließen vor einem größeren sinn, vor der tiefe der dinge und einfach ackerbau betreiben an der kargen oberfläche, die man sich schön redet.
weiß ich´s doch längst besser und habe achtung und demut empfinden gelernt. fakt ist, ich kann wollen, was ich will und mich verausgaben, wenn der boden schlecht ist, wird es nur mickrige pflanzen geben oder gar keine. und kein zauber dieser welt, keine vielversprechenden samen werden die naturgesetze zerbrechen.
doch will ich nicht glauben, dass wieder alles nur ein testlauf war, ein höhnischer himmlischer mittelfinger. es hieße, alles aufgeben. mich dazu.

nirgends, geliebte, wird welt sein, als innen. unser leben geht hin mit verwandlung. und immer geringer
schwindet das außen.


aus: rilke - siebente elegie

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Freitag, 14. November 2008
ufer
da drunten am wasser tümmelt es sich, schwarz und weiß wirbeln durch die lüfte. gefächerte schwingen, flirrende federn und zärtliches krächzen grüßen den jungen winter.
raben und möven, vor grauen bäumen vermischen sich gegensätze. wenn es immer so einfach wäre, so anmutig und schwebend. ich bin dankbar für den moment, der mir leben nach allem abschied verheißt.

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Montag, 10. November 2008
männliches kreissaaltrauma
ich kann mir schon vorstellen, dass eine geburt nicht sehr ästhetisch ist. sexy erst recht nicht. meine mutter, frank und frei wie sie nunmal ist, hat mir auch nicht verschwiegen, dass frau beim pressen sogar käckern muss, wenn sie keinen einlauf mehr verpasst bekam.
"du hast mich beim gebären angekackt?! etwa auf den kopf??" empörte ich mich. "das konnte ich so nicht sehen." meine mutter ist manchmal unheimlich diplomatisch.

wie auch immer. ich kann mir nicht vorstellen, dass, falls es bei mir eines tages wider erwartens einmal zu einer schwangerschaft kommt, ich den vater bei der geburt dabeihaben möchte. einmal nicht aufgrund besagter mangelhafter sexyness der situation. mehrmonatiges elefantenleben muss schon demütigend genug sein. zum zweiten, weil ich nicht will, dass - während ich schweißgebadet kämpfe, keuche und schreie - mir jemand unbeteiligtes klugscheißerige ratschläge gibt: "und jetzt schöööön hecheln, schatzimaus, jaaaa, das machst du fein", dabei meine glibbrig-klebrige hand hält und heimlich das delfinquietschen lauter dreht.
dass ich mit der einschätzung der situation nicht völlig falsch liege, habe ich inzwischen schon mehrmals von männlicher seite bestätigt bekommen. heute im zug richtung heimat erst belauschte ich ein gespräch zwischen zwei jungen männern, von denen mindestens einer gerade vater geworden war. was ich hörte, klang eindeutig nach postnatalen potenzproblemen. "wenn du das so siehst, die ganzen körpersäfte, und wie das riecht... und wenn dann aus der muschi eine monstermöse wird, wo du beide arme reinschieben könntest... und dann haben sie ihr auch noch den damm durchtrennt! das heißt, wenn das da nicht wieder richtig zusammenwächst, habe ich immer auch gleichzeitig analverkehr."
blumige schilderung, die sich aber im endeffekt mit dem deckte, was ich vor ein paar monaten von einem freund meiner exchefin gehört hatte: "wenn man das live mitkriegt, kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass man da im leben nochmal rauf will auf die alte." der mensch ist übrigens glücklich geschieden, nach knapp zwei ehejahren.
für mich steht jedenfalls fest: das vaterglück sollte erst NACH der geburt beginnen. und nicht nur, weil männer in filmen immer in ohnmacht fallen.

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Sonntag, 9. November 2008
stilfragen für berlin und das leben
man kann etwas wegbomben. man kann etwas wiederaufbauen. man kann aber auch zwischen das übriggebliebene etwas neues stellen. neues neben antikem und dazwischen ein west-östlicher divan. auf den ersten blick sieht das aus wie kraut und rüben.
immer wenn ich nach berlin komme, ist mein erster gedanke: gottseidank, dass ich da nicht wohne. was für eine hässliche stadt. vor allem der westen. da raus richtung pankow ist es ja fast noch gemütlich. rückständig, aber wohnlich.
nach zwei bis drei tagen gewöhnt man sich aber auf geheimnisvolle art und weise an kraut und rüben. so ist das mit dem geschmack: eine frage der nase und wie schnell sie sich auf etwas einstellt. und nach zwei tagen merkt sie kaum mehr, wie sehr es auf dem alex stinkt (nach pisse und faulen eiern). stattdessen geht man andächtig über den potsdamer platz und bemerkt die kleinen raffinessen der architektur. versetzt hintereinander geschachtelte mauervorsprünge. auf spiegelung konstruierte glasfronten. und wie die fensterlamellen die linien der treppen kontrastieren. es lädt zum fotografieren ein, ausschnittweise. es ist surreal, aber okay. man muss sich darauf einlassen anstatt zu verdammen.
die frage anschließend ist, ob man mehr möchte als betrachten. bleiben zum beispiel. wie lautet die formel für großstadtglück?

im osten, schon etwas weiter draußen, wo es noch kleine verfallene häuser und viel leerstand gibt, weil der soli anscheinend nur partiell bis in die peripherie durchdringt, fragt mich der kater "meinst du, die sind glücklich da drin?" und deutet mit dem kinn auf ein fenster, in dem ein grüner papierdrachen hängt. "klar, warum nicht", sage ich. ein einfaches leben ist nicht gleichbedeutend mit unglücklich-sein.
luxus dagegen ist wie nikotin: irgendwann glaubt man, das leben ohne wäre irgendwie weniger schön. wer viel bekommt, wird immer mehr wollen. um dann irgendwann festzustellen, dass die quantität und noch nicht einmal qualität gleichbedeutend sind mit glück. weil die sache mit dem glück ein tiefseegraben ist, nicht die wellen, die man darauf sieht. denn man sieht nur gut mit dem herzen, schrieb einst saint-exupéry sinngemäß. das herz schafft mehrere kilometer, das auge nur ein paar zentimeter. es kommt also nicht darauf an, was man sieht, sondern wie man sieht.
so löst man wohl letztlich auch die frage mit berlin: ist es schön oder hässlich? nicht, indem man stilfragen diskutiert. sondern, indem man lebt, entdeckt und es lieben lernt, stück für stück.

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Dienstag, 4. November 2008
sleepless in uhlenhorst
tödlich erschöpft, hämmernde kopfschmerzen, aber hellwach. wie geht das eigentlich zusammen? schlaftablette schlägt auch nicht an. ich vermute, es ist diese chaotische baustelle von wohnung, die mich gerade ziemlich kirre macht. zwei schritte, und an den füßen kleben neben krümeln und fusseln richtiggehende bröckchen. das bad: es lebt vermutlich. und keine zwei zentimeter für meine zahnbürste.
ich glaube, ich bin für das wg-leben doch nicht geschaffen. sehnsucht nach einer hübschen kleinen und vor allem sauberen einraumwohnung. bald sind wir hier ja zu viert. auf drei zimmern. das wird ein spaß.

ich würde ja gerne noch ein wenig emobloggen, aber ich muss morgen wieder früh raus. das arbeitsleben hat mich wieder. meine erster tag war heute. gleich mit überstunden, zum dran gewöhnen. information overload. und gleich die ersten verantwortlichkeiten auf den schultern. die drücken jetzt und der eine brustwirbel fühlt sich komisch beim atmen an. vielleicht habe ich auch schon lungenkrebs, denn das hier ist ja nun eine raucherwohnung. praktisch, aber die klamotten stinken jeden tag wie nach einer in kneipen ohne rauchverbot durchzechten nacht.
ein monat hier und schon wieder auf gepackten koffern.
ein zuhause kann man sich wohl letztlich nur selber schaffen.

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