Donnerstag, 1. Mai 2008
hochspannung

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Mittwoch, 30. April 2008
tagedieb emokrüppeltum II
eine schreibmaschine rattert die ganze nacht durch den kopf, die matratze klebt schweißnass an dir, obwohl du keine alpträume hast. der gedanke an den ganz normalen tag reicht allein, beklommenheit und klamme finger, die so kalt werden, dass du sie sogar in die nicht enden wollende brühe warmer scheiße (kostenlos) halten willst.
du hast den verstand verloren, gehst und gehst, zwei tauben in der wiese, die scheinen zusammen, die scheinen gleich. du landest im nächsten dorf, isst ein eis (geschenkt), verläufst dich, zielstrebig intuitiv zum bahnhof, die gleisziffer suchend, die richtung ratend. tuckerst im zug dahin mit der sonne, die zwischen unheimlich grünen bäumen klafft, zeigst dem schaffner dein ticket (gespendet) und dein gefletschtes grinsen (gefaked), gehst dann in einen laden und könntest dich schier totlachen angesichts der auslage, muttertag und vatertag, wo du doch nun vollwaisentum adoptiert hast (nicht kostenlos), was andere erwachsen werden nennen, aber du hast beschlossen, es nicht zu sein, nicht frau zu sein, sondern ein unlogisches zwischenwesen ohne ziel (nicht einkaufen gehen). fragst dich, wer braucht das denn, oder dich, verwirfst die frage wieder und wendest dich dem zu, was du in der schaufensterscheibe siehst, ein paar, küssend, ja küssen wäre nicht schlecht, die tauben füttern einander dort droben auf der straßenlaterne, eine alte frau, die ihr gesicht abwendet, sekunden weiter kinder, die unter ferner liefen. und es bleibt hell, so viel tag, so viel grelle zeit, dass niemand glauben würde, dass du nicht mehr als der große schatten bist, den du wirfst, ein flattriges schweißgetränktes nachthemd, das kleine gespenst, das sein schreckliches buh verkauft hat, die tote taube.
zum abschied eine umarmung (groß, gedacht), vom alter ego (kostbar).

[they didn´t challenge our resist.]

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Montag, 28. April 2008
konkurs der tage
die zeit geht unaufhaltsam dahin wie ameisen ihren ameisenstraßen folgen, während der müllberg wächst, auf dem meine habseligkeiten liegen, und wenn ich dann doch einmal eindöse, träume ich davon, aufzuwachen, aufzustehen, weiterzumachen. die neue heimatlosigkeit hat sich längst eingefressen wie das stigma, eine nummer am handgelenk unter vielen zu sein, denen, die unter ihrer diffusen wolke kaum bis zum nächsten hügel blicken. die finden mich noch einmal neu, todsicher.
und ich entwickle ein unstillbares verlangen nach umarmungen, groß, bärenhaft und herzlich. als ich klein war, gab es im geräteschuppen eine kleine haselmaus, die konnte sich zur kugel kringeln, den schwanz wie ein fedriges nest um den kleinen körper geschlungen. einmal so einrollen und fest, ganz fest die augen schließen dürfen, ein schlaf wie ein winter. stattdessen sitze ich am fenster, starre in den regen und finde im aprilbrackwasser mein ganz persönliches venedig, ohne dass ich jemals wie so viele unverdient dogenpaläste bewohnte. vielleicht sollte ich mich nach einem schlauchboot umsehen.

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Freitag, 25. April 2008
meta-mettwurst
eine mettwurst ist ein gemenge aus fett, farbstoff und salzen. ein fleischereifachverkäufer mag mir da widersprechen. wir nehmen es jedoch wahr als wurst, etwas fleischartigem, und fragen daher hin und wieder nach dem vermeintlich ehemaligen rind, schwein oder kalb darin.
mit ähnlicher subjektivität fallen menschen gedanklich über ihre gedanken her. machen sich also metagedanken. die einen finden genialität, die anderen ein stück neurose darin, die nächsten stellen eine depression als diagnose fest. seziert werden trauer, angst, wut, freude oder verliebtheit. und all das in einem riesigen proteinhaufen, der nach biochemischen und genetischen gesetzen funktioniert. denke ich also in aminosäureketten? fabuliere ich mir womöglich einen hirntumor zusammen, während ich eine emotion bis zum erbrechen mit meinen pseudoschlauen gedanken behellige? und was ist das ergebnis von alledem? was ich trauer, wut, freude oder wie auch immer nenne, bleibt bloß bestandteil des proteinklumpens. so, wie mettwurst immer fett, farbstoff und salz bleibt und niemals mehr zum schwein, rind oder whatever wird.
deshalb: wahrnehmung und gedanken trennen! wir suchen ab sofort natürliche ursachen und tatsachen!
ein beispielloses beispiel wäre:
"wasn das?!" fragt der kater entsetzt und streicht über meinen arm. ich sehe an meinem unterarm entlang und denke NICHT, oh mein gott, was hat er gesehen, ein eitriges geschwür, hautkrebs oder sonstiges?
"gänsehaut", sage ich lapidar.
"und warum?!" ist der kater weiterhin besorgt.
"weil mir kalt ist."
"ach so, ich dachte schon wegen meiner anwesenheit." der kater ist sichtlich enttäuscht.
aber anstatt eine beziehungskrise heraufzubeschwören, stellen wir einfach die heizung höher. denn so leicht kann alles sein, wenn man sich und seine kinkerlitzchen nicht ständig überbewertet. und wer schließlich ganz geheilt ist, merkt dies unter anderem daran, dass er nicht mehr bloggen muss.

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Dienstag, 22. April 2008
amt für irrsinn, teil III
frisches aprilgrünes gras fällt duftend in kleinen häufchen neben die sensen der mähmaschine, die autobahnabfahrt steht voller löwenzahn. die lufttemperatur ist auf pipiwarme 18 grad gestiegen und die menschen werden wieder hässlicher, weil sie weniger an haben.
trotz akuter regenwarnung fahre ich mit dem fahrrad herum, weil fahrkarten inzwischen zum luxus geworden sind. außerdem macht radfahren ein wenig glücklich, wegen der sportlichen endorphine und der mutti-hüfthöcker-verkleinernden funktion.
ich bremse bei der agentur für irrsinn in meinem heimatkaff. heute habe ich ein beratungsgespräch mit einer frau, die auf arbeitslose akademiker spezialisiert ist.
"guten tag!" forsch betrete ich auf die minute pünktlich das kleine kabuff. eine frau, sicherlich noch einmal fünf zentimeter größer als ich und mit dringend nachzufärbenden haaransatz, gibt mir die hand. dann setze ich mich und beginne, stumm die zimmerpflanzen zu mustern. die frau begreift, dass sie hier das gespräch beginnen muss.
"so, was haben sie denn so für fragen?"
ich sehe sie entgeistert an.
"in meinem schreiben steht, sie wollen sie mit mir über meine berufliche situation" - ich halte kurz inne, um zu kichern, weil es ja gar keine berufliche situation gibt - "weil sie sich mit mir unterhalten wollen. steht in diesem schreiben." ich halte ihr das anschreiben von der agentur für arbeit vor die nase.
"ja, so, dann sehen wir mal nach." sie hackt meine kundennummer in den pc und wartet. dann sind meine daten offenbar geladen und sie wendet sich wieder mir zu:
"sie haben also an der fh studiert."
"falsch."
"aber hier steht..."
"das ist falsch. ich habe an der uni studiert."
"achja. hier steht es ja: sie haben grundschullehramt studiert."
"auch falsch. ich habe gymnasiallehramt studiert."
"ach so."
"das steht aber alles in meinen unterlagen."
"ich habe keine unterlagen von ihnen erhalten."
"ich habe mein arbeitspaket aber letzte woche zum vorgegebenen termin eingereicht."
sie wühlt in ihrem schreibtisch.
"ach, da ist es ja."
"und wer lesen und abschreiben kann, erkennt darin auch ganz deutlich, was und wo ich studiert habe."
"okay..." sie schaut verwirrt drein und beginnt so hektisch wie halbherzig zu blättern.
"dann ändern wir das also."
"ich bitte darum." leicht verärgert lehne ich mich in meinem stuhl zurück. das klingt ja schon wieder alles fabelhaft.
"sie haben keinen abschluss?"
"wiebitte?" jetzt bin ich erschrocken.
"sie haben ihr studium nicht abgeschlossen, oder?"
"ich habe ihnen doch meine zeugnisse alle beigelegt. da sind ist ein bescheid dabei, in dem steht, dass ich das erste staatsexamen bestanden habe. sehen sie doch bitte nach!"
wieder wühlt sie, hält dann den falschen zettel in der hand, nickt aber.
"dann müssen wir das auch ändern, in ihrem kundenprofil steht nämlich: studium ohne abschluss."
"na, ganz prima!"
sie beginnt, die falschangaben auszubessern. fast jedes feld, vom adresseintrag abgesehen, trägt irgendwelche fehler. dann ist sie fertig.
"sie wollen also nicht grundschul-, äh, gymnasiallehrerin werden."
"richtig."
"warum nicht, wenn ich fragen darf?"
"ich mag keine kinder. es ist mir gleich, ob eines von ihnen abitur macht oder nicht. ich stehe vor der klasse und langweile mich tödlich, weil ich nichts von dem, was ich kann oder was mich interessiert, niveauvoll anbringen kann."
"aha. und was wollen sie stattdessen werden?"
"wie unschwer aus meinen angaben zu erkennen ist: ich will in die pr-branche beziehungsweise in die redaktion."
"äh, ja. und haben sie irgendwelche fragen?"
"ja. wie kommen sie darauf, dass praktika grundsätzlich nicht sozialversicherungspflichtig sind und damit bewerbungskosten nicht erstattet werden?"
"äh, ähm... warum?"
"weil das hier so steht. in der realität sieht das aber ganz anders aus. und ich möchte wissen, ob die klausel mit dem faktum der sozialversicherungspflicht hinfällig wird oder ob ich das praktikum anders deklarieren muss, um meine bewerbungskosten erstattet zu bekommen."
"äh, ähm..." große wühlaktion im schreibtisch. nach mehreren minuten taucht die beraterin wieder auf und rückt ihre brille zurecht.
"sicherheitshalber würde ich dann nicht von prakitkum sprechen. sie haben dann bessere chancen, überhaupt etwas erstattet zu bekommen."
"ja, wie, kriege ich denn jetzt doch was nicht erstattet?"
"das liegt beim gutachter und was der ihnen beimisst."
"und an welchen kriterien bemisst der gutachter genau was?"
"das kann ich ihnen jetzt auch nicht so genau sagen."
"sehen sie, das ist der satz, den ich bisher am häufigsten auf dem arbeitsamt gehört habe."
sie lacht nervös. dann wühlt sie wieder und taucht diesmal mit einem weißen blatt wieder auf.
"hier stehen internetadressen drauf, wo sich akademiker bewerben können."
ich lese biochemie, maschinenbau und vieles andere, aber nichts, was mir weiterhelfen würde.
"da ist nichts für mich dabei."
"achja. naja, aber ich kenne da eine seite im internet..." sie tippt und schaut und tippt und wartet.
"da, sehen sie, das ist ein portal für stellenanzeigen im medienbereich... also jetzt eher regional."
"sie wissen schon, dass ich ab juni in hamburg wohne?"
"äh, ja, dann... da kann unter umständen auch schon was dabei sein, wenn das unternehmen vielleicht auch in hamburg eine niederlassung hat."
"ich sehe hier kein einziges angebot aus hamburg."
"ähm, ja stimmt." sie kichert nervös.
langsam bekomme ich das gefühl, bei einem casting für grundschullehrerinnen zu sein. wir behandeln gerade das thema 'einfach erklären mit vielen wiederholungen für intellektuell schwache schüler'.
ich sage: "ich habe bisher die meisten stellenanzeigen auf brancheninternen websites gefunden." ich nennen zwei, drei meiner meistbesuchten jobbörsen.
"ähm, ja, dann brauche ich ihnen ja hier nichts zu erzählen, was sie ohnehin schon wissen."
"genau."
und bevor sie zum nächsten stoiberschen "ähm" ansetzen kann, stehe ich schon, habe meine tasche über meine schulter geworfen und sage ironisch-artig: "vielen dank, sie haben mir sehr weitergeholfen."
"ja, äh, dann auf wiedersehen."

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